Kapitel VII

Boeing 747, Cockpit: Mitten im Flug

Lara lehnte sich entspannt zurück. Der Taxifahrer hatte sie ohne Umwege, Probleme oder Mordversuche zum Flieger gebracht. Lara gab ihm das Geld passend, für Trinkgeld blieb ihr nichts und ihre Kreditkarten lagen auf solchen Reisen meist zu Hause. Wann sollte sie auch normalerweise im Dschungel von Belize auf eine Bank treffen?

Sie waren ins Innere gegangen und hatten sich dort an einem der Checkin-Schalter, einem der etwas günstigeren Fluggesellschaften, zwei Tickets ohne Zwischenstopp nach London zum Airport besorgt. Jetzt saßen sie im Flieger, Lara musste ihre Tasche ins Gepäck packen, so dass sie hier auch nicht mit Allister und Zip kommunizieren konnte, geschweige denn sich wehren konnte.

Aber sollten sie hier überfallen werden, würden auch die Banditen keine Waffen bei sich haben. Jedenfalls hoffte sie das. Und da seit dem September vor einigen Jahren so viel schief gelaufen war, hatten sie die Sicherheitsvorkehrungen stark verstärkt. Doch Lara hoffte auf nichts, dass hatte lange Jahre Erfahrung gelehrt.

Dimi hatte die Augen geschlossen und schlief. Der Flug war zwar nicht sonderlich lang, aber einwenig Erholung würde ihnen beiden echt gut tun. Doch Lara durfte nicht schlafen, musste wachsam sein. Bis sie das Appartement ihres Exfreundes erreicht hatte. Da der Boardfilm nichts sinnvolles zu bieten hatte, ein Streifen über einen sprechenden Hund namens Beethoven, zog Lara ihr PDA, das sie sich extra in die Hosentasche gestopft hatte. Elektronik war nur während der Lande- und Startanflüge nicht erlaubt. Dazwischen konnte sie ohne weiteres damit rumspielen.

Also rief sie das Hauptmenü auf und loggte sich als L.Croft ein. Dann ging sie ihre Möglichkeiten in Gedanken durch und führte eine ordentliche Liste, ähnlich einer Exeltabelle. Ihr Kollege und Freund Zip hatte ihr einst gezeigt, wie sie das Ding bedienen konnte, ohne den Selbstzerstörungsmechanismus auszulösen. Daraufhin hatte sie gefragt, ob diese Behauptung sarkastisch gemeint war und ob es nicht wirklich so eine Funktion geben konnte. Daraufhin hatte Zip nur leise: „Verrückte!", gemurmelt.

Und Lara hatte ihm in diesem Monat den Gehalt gekürzt. Er hatte sich nie ernsthaft darum gekümmert, aber Lara hatte dies sonderlich amüsiert. Jetzt lehnte sie sich zurück, lauschte mit einem Ohr dem langweiligen Film und dachte weiter nach.

Die Minotauren waren, wie sie bewiesen hatten, kein lahmer Haufen. Sie waren eine ernste Bedrohung und was das schlimmste war: Sie waren überall. Lara wusste nicht mehr, wem sie trauen konnte oder durfte. Nicht mal ihre Freunde waren nun die nächsten Vertrauten. Obwohl sie dies eher bezweifelte. Sie seufzte. Ihre Bibliothek enthielt nicht viele Schriften über Sekten und ob die Minotauren auch dabei waren, dass wusste sie nicht. Aber Allister würde sich Mühe geben und Zip hatte das Internet.

Doch diese Quellen waren nicht zuverlässig genug. Ihr kam noch ein abwegiger Gedanke, aber dafür müsste sie weit weg telefonieren. Und sie hatte keine Ahnung von der dortigen Zeitverschiebung. Also würde sie entweder einen guten Zeitpunkt abpassen können, oder aber sie würde jemanden wecken müssen.

Das Telefonat würde nach Marokko gehen. Lara hatte dort eine alte Bekannte, die sich mit den Eigenheiten der Minotauren während ihrer Studienzeit beschäftigt. Dies hatte sie den Studienplatz gekostet und mittlerweile war Lara froh, dass es sie nicht auch das Leben gekostet hatte. Vielleicht war sie ihre letzte Hoffnung, sie würde ihr möglicherweise sagen können was hier vor sich ging und vor allem: Was und wer die Minotauren waren. Sie brauchte alles, was sie bekommen konnte. So einen Feind hatte Lara noch nie gehabt. Sie seufzte schwer und wartete, bis die Lichter mit dem Anschnall-Zeichen verloschen waren. Dann endlich löste sie den Gurt und stand auf.

Seit sie in den Flieger gestiegen war, drückte ihre Blase kräftig und sie musste dringend mal das stille Örtchen aufsuchen. Ihr PDA verstaute sie zwischen Dimis Hintern und dem Sitz, so dass ein Fremder nicht ohne weiteres drankommen würde. Es sei denn er hatte eine gute Erklärung, warum er einem Minderjährigen an den Hintern fasste. Am Flughafen hatte Lara Dimi als Neffen eingetragen. Gut das dort niemand ernsthafte Verwandtschaftstests durchführte. Die enge Toilette war, wie sollte es auch anders sein, belegt und da es sich bei dem Flug um einen Billigflieger handelte, war eine weitere Toilette nicht untergebracht worden. Entnervt hämmerte sie an die Tür: „Machen sie schon auf."

Eine Männerstimme brummte etwas unverständliches und Lara lehnte sich zurück, verdrehte die Augen. Vorsichtig betrachtete sie den Raum genauer. Eine Stewardess lehnte an der hinteren Wand und lächelte zu ihr herüber. Eine Kanne Tee oder Kaffee stand neben ihr auf dem kleinen Beistelltisch, ein kleiner Kühlschrank zwischen ihren Beinen. Dort wurde wohl der Proviant für die Fluggäste gelagert.

So viel zu dem Thema: Frische Ware.

Der Rest des Raumes war nicht sonderlich interessant. Links von Lara war die Einstiegsluke, fest verschlossen - verstand sich ja wohl von selbst, oder? Endlich hörte sie das Geräusch eines sich öffnenden Schlosses. Und zu ihrem Erstaunen –eigentlich war es gar nicht so erstaunlich- kam ein älterer Mann mit einer Frau so um die zwanzig aus der Toilette. Er nickte Lara freundlich zu und verbeugte sich einwenig, sein Kopf war glühend rot, weil ihm die gesamte Situation einwenig peinlich war.

Es gab wohl keinen Flug, auf dem nicht irgend ein Hollywood-Filmproduktions-Opfer versuchte seine schnuckelige „Sekretärin" zu vernaschen, während die wartende Frau treu zu Hause saß. Manchmal aber traf man an solchen Orten auch nette Männer mit ebenso netten Frauen, deren Liebe auf dem Weg in die Flitterwochen nicht hatte bis zum Hotel warten können. Schließlich betrat Lara die Toilette und vergewisserte sich zuerst, dass sie nicht in irgendwas unappetitliches trat.

Als sie fertig war und der Hosenstall gerade schloss hörte sie die vertraute Stimme einer Stewardess leise durch die Tür dringen. „Wir hätten für sie Wein, Sekte...", Lara schaltete ab. Solche Texte rezitierten die Frauen ihr Leben lang, da gab es keinen Grund länger zuzuhören, es sei denn man wollte sich eine 0,3 Liter Dose Cola für günstige fünf Euro holen. Und sie sollte Recht behalten. Die Frau von eben schob einen Plastikwagen durch den engen Gang des Fliegers, darauf standen Gläser, Flaschen, Tüten und eine Auflaufform mit Tiramisu als Inhalt. Ein vollkommen normaler Betrieb in einem Flugzeug, wenn da nicht das Tiramisu wäre.

Im selben Moment, als Lara sich zur Seite warf, griff die Stewardess in das Dessert herein und riss etwas silbrig glänzendes hervor. Das Messer, denn bei dem silbrig glänzenden Ding handelte es sich um nichts anderes, sauste durch den Flieger und bohrte sich in die Toilettentür, nur knapp von Laras Kopf entfernt. „Verdammt.", presste Lara hervor und spannte ihre Muskeln an, sprang auf und ging in gehockte Angriffsposition. Platz gab es hier kaum und wenn die Messerwerferin zufällig noch mehr in dem Tiramisu hatte, sah es schlecht für Lara aus. Aber weitere Attacken blieben aus.

Die Passagiere blickte verwirrt zwischen den beiden Frauen hin und her. „Ist mal erfrischend. Sonst waren es nur Männer, die hinter mir her waren.", meinte Lara schmunzelnd und schritt einwenig näher. In dem Moment stieß die Stewardess mit einem finsteren Ausdruck auf den Augen das Wägelchen vor und es knallte mit voller Wucht gegen Lara. Gläser und Flaschen ergossen sich über der Archäologin, während sie zu Boden segelte.

Eine Bierflasche landete kurz vor ihr auf dem Boden, so dass sie mit ihrem gesamten Gewicht darauf landete. Mit einem Aufschrei vollendete sie den Sturz und rang um Atem, ergriff die Flasche mit dem rechten Arm und zog sie unter ihrem Rücken hervor. „Au.", war alles, was sie hervorbrachte. Die Stewardess, die vorhin noch so nett gelächelt hatte, ging nun auf Lara los und zerrte sie am Kragen ihrer Jacke in den etwas breiteren Vorraum hinein. Der erste Schlag traf Lara ins Gesicht und schleuderte ihren Hinterkopf gegen den Teppichboden. Benommen versuchte sie sich zu wehren, aber der Schmerz saß noch sehr tief. Trotzdem schaffte sie es irgendwie den nächsten Hieb abzuwehren und selbst einen Schlag anzubringen, der die Stewardess einige Zentimeter fliegen ließ.

Sie besaß keine Superkräfte, aber ein Schlag von unten gegen eine hockende Person ließ jeden einige Zentimeter segeln. Und wenn dem nicht der Fall sein sollte, dann hatte sie wohl eine starke Rechte. Erschöpft richtete sie sich auf, nicht ohne vorher dabei einige Male umzuknicken. Sie hatte genug von den ewigen Angriffen, ihre Kraft reichte nicht mehr aus. Sie brauchte einwenig Ruhe. Und die Minotauren sollten aufhören sie mit Kanonenfutter abzuspeisen. Sie wollte endlich mal eines der höheren Tiere dort treffen.

„Der werde ich aber ordentlich mal den Marsch blasen.", meinte sie einwenig benommen. Noch immer war keinem der restlichen Passagiere irgendeine Regung außer erstaunen anzusehen. Lag wohl daran, dass keiner der beiden Frauen Schusswaffen besaß. Die Stewardess kam wieder auf die Beine und riss ihr linkes Bein hoch. Der Absatzschuh traf Lara am Knie und sie brach zusammen, ging in die Knie. Doch den Faustschlag konnte sie noch abwehren und selbst ihre rechte Hand in den Nacken der Fremden bekommen. Dann riss sie den Kopf der Frau nach vorne und hämmerte ihn gegen einen kleinen Tisch.

„Das ist echt gefährlich, weißt du. Deshalb sollte man auch immer angeschnallt sein.", zischte Lara sie giftig an und stieß sie von sich.

Doch die blonde Stewardess war zäh wie Leder, denn sie war direkt wieder auf den Beinen und wischte sich das Blut von der Lippe. Lara selbst spürte ebenfalls ein kleines Rinnsal ihre Augenbraue hinab laufen. „Nimm es nicht persönlich.", die Stewardess sprang vor und hämmerte ihre Faust in Laras Gesicht, die sich nicht schnell genug wegdrehen konnte. Lara ging erneut zu Boden und die Stewardess schlug wieder und wieder zu. Sie hörte erst auf, als jemand rief: „Sie bringt die Frau noch um.", denn im nächsten Moment sauste etwas hartes aus Glas herbei und schaltete die Gegnerin aus.

Als Lara sich unter der Bewusstlosen hervor gerungen hatte sah sie in Dimis grinsendes Gesicht. „Baseballteam?!", wollte Lara wissen und er nickte freundlich. Er hatte die Kontrahentin mit einem herumliegenden Glas ausgeschaltet. Das gab dann wohl für ihn die volle Punktzahl.

„Beruhigen sie sich bitte wieder.", sagte Lara. Aber sie ahnte, wie merkwürdig diese Aufforderung aus dem Mund einer Frau kam, die sich eben noch ausgiebig geprügelt hatte: „Die Gefahr ist gebannt." Doch woher sollten die Menschen wissen, dass die Stewardess wirklich dem Feind angehört hatte? Vielleicht war ja auch Lara ebenso der Fiesling, der Terrorist, der das Flugzeug kidnappen wollte. Flugzeuge und Höhe erzeugten im Menschen schon seit Ewigkeiten ein Bild des Schreckens. Nicht umsonst litten so viele Menschen unter der Flugangst.

Und nicht umsonst nutzten Filmproduzenten diese Angst schamlos aus. Und da war es natürlich klar, dass eingepfercht in dieser Höhe in einem kleinen Kasten aus Metall kein wirklich beruhigendes Bild darstellte und auch seine Wirkung demnach nicht ausblieb.

Lara seufzte. Nach der Landung würde sie sich wohl einigen Fragen stellen müssen.

Fortsetzung folgt: