Disclaimer: Harry Potters Welt und alle Charaktere gehören J.K. Rowling. Ich verdiene kein Geld hiermit.

Kapitel 6 - Da unten ist nichts mehr, was dich hier oben noch hält

Über den Dächern,
ist es so kalt, und so still.
Ich schweig Deinen Namen,
weil Du ihn jetzt nicht hören willst.
Der Abgrund der Stadt,
verschlingt jede Träne die fällt.
Da unten ist nichts mehr,
was dich hier oben noch hält.

(Tokio Hotel, Spring Nicht)

"Potter, ich flehe dich an. Mach, dass er lebt! Mach einfach nur, dass er lebt!", krächzte Draco aufgewühlt. Er hing an Harrys Pullover und starrte ihn an. Aus seinen Augen leuchtete die pure Panik.

Harry legte ihm behutsam die Hand um das Gelenk. "Wir tun alles was wir können, das versprech ich dir.", sprach er sehr ruhig, wenn auch nicht unbedingt zuversichtlich. Der erwachsene Mann vor ihm brach mit einem Mal in sich zusammen und stieß einen herzzerreißenden Schrei aus. Alle Leute sahen zu den beiden ehemaligen Rivalen. Nur Albus stand in einer größeren Nähe zu ihnen. Auch sein Gesicht war leichenblass. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und biss sich so stark auf seine Unterlippe, dass sie blutete.

...

Panisch schoss Scorpius aus seinem Schlaf hoch. Orientierungslos sah er sich um. Da brannte Licht... Ja, genau, er war in der Bibliothek. Verschlafen guckte er auf die Uhr. Lange hatte er nicht geschlafen, aber es hatte gereicht, um ihm den Schreck seines Lebens zu versetzten. Was war das gewesen? Und was hatte seinen Vater so fertig gemacht, dass er vor Potter auf die Knie gegangen war? Ein ungutes Gefühl sagte Scorpius, dass er das womöglich besser gar nicht wissen wollte. Müde packte er seine Sachen zusammen, um zurück zum Gemeinschaftsraum zu gehen. Plötzlich rannte er gegen eine andere Person.

"Kannst du nicht aufpassen, du Vollidiot!", zischte die ihm vertraute Stimme wütend. Erst als Dursley erkannte, wen sie da vor sich hatte, verstummte sie plötzlich. Seit der Nacht, in der er sie zurückgetragen hatte, sprachen die Beiden kein Wort mehr miteinander, was ihm nur Recht war, da er so endlich seine Ruhe vor dem nervigen Weibsbild hatte.

Augenblicklich wandte sie sich von ihm ab, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Verwundert ging er ihr nach.

"Verfolgst du mich, Malfoy?", zischte sie ihn nach einer Weile giftig an.

Er grinste belustig. "Wir haben denselben Weg. Nach drei Jahren, solltest auch du das endlich mal verstanden haben, Dursley."

Sie seufzte angespannt. "Mach doch was du willst, Malfoy.", keifte sie kaum hörbar.

"Von mir aus.", bot er großzügig an, wobei er das auch so ohnehin schon allzu oft tat.

Sie verdrehte die Augen.

Mit einem Mal bemerkte er, dass sie hinkte. Normalerweise besaß sie einen ziemlich eleganten Gang, aber das hier sah nicht sehr gesund aus. "Du solltest vielleicht in den Krankenflügel gehen.", bemerkte er trocken. Sie ignorierte ihn. "Wenn du was am Bein hast, kann man das behandeln lassen, weißt du? Magie hat so einige nützliche Eigenschaften-"

"Glaubst du, ich weiß nicht, wie Magie funktioniert?", schrei sie ihn plötzlich zornentbrannt an, sodass es ihm erst einmal regelrecht die Sprache verschlug.

"Dass ich... Was?", stammelte er perplex. Seit wann reagierte Dursley zu unbeherrscht?

"Nur weil meine Eltern keine Zauberer sind, heißt das nicht, dass ich nicht weiß, wie Magie funktioniert, kapierst du, Malfoy? Ich bin eine Hexe! Und zwar eine Gute."

Noch immer verwirrt starrte er sie an. "Ich hab doch nie was Anderes behauptet.", verteidigte er sich gereizt. "Wenn du unbedingt leiden möchtest, dann bitte! Ist sicher das letzte Mal gewesen, dass ich versuche, dir irgendwobei zu helfen, Dursley.", fauchte er mit steigender Wut, wobei er eilig an ihr vorbeiging. Einmal drehte er sich noch um und zischte mit eisiger Kälte: "Nur, weil mein Vater ein Malfoy ist, heißt das nicht, dass ich auch ein Todesser bin. Fass dir an die eigene Nase, bevor du andere beschuldigst, Dursley." Dann verschwand er endgültig.

Ob sie ihm folgte, wusste er nicht. Mit ihrem Beim konnte es sicherlich noch etwas dauern, darum verzog er sich so schnell wie möglich in sein Zimmer, um ihr auch ja nicht noch einmal zu begegnen. Wütend ließ er sich auf sein Bett fallen, wofür er von Albus ein verschlafenes Grunzen erntete.

...

Ungefähr zur selben Zeit lag James noch hellwach in seinem Bett. Er durchblätterte das Buch, das er bei seinem Vater gefunden hatte. Irgendwo darin musste es einen Fluch geben, der dafür sorgte, dass Scorpius gezwungen wurde, die Wahrheit zu sagen. Angestrengt leuchtete er mit seinem Zauberstab über die zerknitterten Seiten. Neben ihm schnarchte Fred nur laut vor sich her. Der war wirklich keine große Hilfe.

...

"Deine Verwandtschaft ist anstrengend", brummte Scorpius, als Albus am nächsten Morgen verschlafen aus seinem Bett krabbelte.

"Weiß ich", stimmte Albus weniger enthusiastisch zu. "Was bringt dich mal wieder zu der glorreichen Einsicht?"

Scorpius verdreht die Augen. "Deine Cousine kann nicht zwischen mir und Dad unterscheiden.", maulte er immer noch gereizt zurück.

Verwundert sah Albus zu ihm rüber. "Rose ist auch deine Cousine, und seit wann streitet ihr so heftig, dass du davon sogar schlechte Laune bekommst?"

"Die mein ich nicht", wehrte Scorpius ab. Gemeinsam gingen sie nach unten um zum Frühstücken zu kommen. "Die Andere. Die von deinem Dad.", erklärte Scorpius auf dem Weg.

"Ich würde sie nur schwerlich als meine Cousine bezeichnen", erwiderte Albus angewidert von der Vorstellung.

Daraufhin musste der Blonde grinsen. Sie marschierten direkt zur Großen Halle, doch noch bevor sie ankamen, spürte Scorpius seinen Kopf wieder schmerzen. Albus, der diese Aussetzer von Scorpius schon gewohnt war, blieb geduldig stehen. Anschließend fragte er vorsichtig, was passiert sei. Doch der Blonde schüttelte nur verwirrt den Kopf und meinte mehr zu sich selbst, als zu seinem Freund, dass er noch mal wo hin müsse; sie würden sich dann in Verteidigung sehen.

...

Damit ließ er Albus verdutzt stehen und rannte los in die entgegengesetzte Richtung. Seine Beine trugen ihn so schnell wie noch nie. Sein Herz raste so sehr, dass es weh tat. Zum Glück war er durch das regelmäßige Quidditchtraining geschult genug, um die Treppen hochsprinten zu können, ohne dabei die Puste zu verlieren. Als er oben angekommen war, fragte er sich, ob er nicht vielleicht doch etwas übertrieb. Aber jetzt war er schon da...

Ruhig öffnete er die Tür und trat hinaus, an die freie Luft. Es wehte ihm eine frische Brise entgegen. Im Schnee sah er ein paar Spuren, von der Tür wegführen. "Dursley?", fragte er unsicher in die Leere.

Mit einem Mal tauchte das schwarzhaarige Mädchen von weiter hinten auf. Sie musterte ihn neugierig. "Malfoy?", fragte sie perplex. "Was machst du denn hier? Spionierst du mir nach?" Sie sah ihn entwaffnend an.

Na toll! Was sollte er nun sagen? Außer Albus und Rose wusste niemand, dass er diese Gabe hatte und eigentlich war es ganz gut, wenn das so bleiben würde. Besonders nachts, wenn sie ihre Feten feierten, eignete sie sich perfekt dafür, immer rechtzeitig den Raum zu verlassen...

"Ich... Was machst du hier?", setzte er etwas unbeholfen zu Gegenfrage an. Sie starrte ihn an. Erst jetzt bemerkte er, dass sie nur ihre normale Uniform trug, ohne einen Umhang. "Sag, mal haben dir deine Eltern nicht erklärt, wie man sich anzieht, wenn es draußen kalt ist? Und behaupte nicht wieder, dass ich gegen Muggle herziehe! Die können sich nämlich anziehen, das weiß ich zufällig."

Dolina verdrehte die Augen. Dennoch ging sie auf ihn zu, zurück in das Treppenhaus, wo es zwar nicht gerade warm, aber auch nicht eiskalt war. Er schloss die Tür hinter sich, während sie Beide hinuntergingen, ohne miteinander zu sprechen. Erst als sie ungefähr die Hälfte des Weges hinter sich hatten, fragte Dursley auf einmal sehr leise: "Woher wusstest du, dass ich da oben bin?"

Er reagierte nicht, als hätte er die Frage überhört. Sie fragte nicht weiter. Stattdessen murmelte sie etwas, dass er von ihr nicht erwartet hätte: "Tut mir Leid, was ich gestern gesagt habe. Ich weiß selber, dass du kein Todesser bist."

Scorpius konnte seinen Ohren nicht trauen. Er fixierte sie ungläubig, während sie die schmale Treppe weiter hinunterstiegen. Da sie vor ihm herging, konnte er ihr Gesicht nicht sehen, was er in diesem Moment zu gerne getan hatte. Als sie endlich unten angekommen waren flüsterte er fast ebenso leise: "Kein Thema." Dann gingen sie, ohne sich noch einmal anzusehen, in verschiedene Richtungen auseinander.

...

Zahlreiche Fragen gingen ihm durch den Kopf, als er dabei war, seinen Weg zum Klassenzimmer zu suchen. Er hoffte innständig, dass Albus ihm wenigstens ein bisschen was vom Frühstück mitgenommen hatte. Warum war sie oben gewesen? In seiner Vision hatte er sie zwar auf dem Turm gesehen, aber in einem anderen Zustand. Es hatte geschneit, und Dolina hatte ihren Umhang getragen. Dann war sie auf die Mauer gestiegen und...

Er schüttelte den Gedanken aus seinem Kopf. So war es nicht gewesen, als er oben angekommen war. Vielleicht würde es erst noch kommen?

Plötzlich spürte er einen groben Stoß im Rücken. "Aua", schrie er überrascht auf. Irritiert drehte er sich um, wo aber niemand zu sehen war. Zur Vorsicht zog er seinen Zauberstab. In diesem Schloss konnte man nie wissen...

"Wer ist da?", fragte er eisern. "Zeig dich, wenn du kein Feigling bist."

Keine Reaktion... Scorpius versuchte sich auf seine Ohren zu verlassen. Doch auch die ließen ihm in Stich. Schließlich kam ihm eine Idee: "Aparecium!" sprach er mit einem geschickten Wink seines Zauberstabs, so wie sie es in Verteidigung gegen die Dunklen Künste gelernt hatten, wenn man Unsichtbares sichtbar machen möchte. Wieder veränderte sich nichts. Er feuerte den Spruch noch einige Male in mehrere Richtungen ab, für den Fall, dass sich sein Angreifer inzwischen bewegt haben könnte. Irgendwann gab er verzweifelt auf und spurtete mehr als eilig in das Klassenzimmer. Dieser Morgen gefiel ihm ganz und gar nicht. Irgendetwas stimmte hier überhaupt nicht und seine Gabe versuchte ihn vor etwas zu warnen, aber vor was?

...

Zum Glück war Albus sehr diskret, als Scorpius ihm seine Erlebnisse vom Morgen berichtete, nachdem er sich bei Professor Longbottom mehr als ausführlich für sein Zuspätkommen entschuldigt hatte. Der Blonde hatte den ganzen Tag schon ein unwohles Gefühl. Er hoffte nur inständig, dass er möglichst bald vorüber gehen würde.

Schon erleichtert, als er am späten Nachmittag mit den meisten Hausaufgaben fertig war, machte sich Scorpius zu dem Büro von Professor Longbottom auf, wo er noch ein bisschen Nachsitzen musste. Dort konnte ihm wenigstens nicht allzu viel passieren. Scorpius, der normaler Weise nur in den Verliesen bei Professor Slughorn nachsitzen musste, war überrascht, Professor Longbottom in normaler Mugglekleidung vorzufinden. Er setzte sich hin und holte seine Schreibsachen raus, doch der Lehrer winkte ab.

"Bloß keine Schreibarbeit, davon hatte ich als Schüler schon die Nase voll.", erklärte Professor Longbottom freundlich.

Scorpius grinste erleichtert. Als er erfuhr, dass sie stattdessen Blumen umtopfen würden, freute sich Scorpius nur noch mehr. Mit magischen Pflanzen kannte er sich aus, da Draco es nicht verpasst hatte, ihm alles Wichtige darüber beizubringen, was er wissen musste. Wenn er einen anderen Lehrer gehabt hätte, wäre Scorpius womöglich auch nicht halb so schlecht in Zaubertränke gewesen, da er nicht nur Dinge zusammenmischen konnte wie es im Buche stand, sondern auch begriff, warum man bestimmte Dinge so oder so machen musste.

Nach zwei Stunden entließ ihn Professor Longbottom wieder, nicht ohne schmunzelnd anzumerken: "Wenn man das hier überhaupt als Nachsitzen bezeichnen kann, so breit wie du gegrinst hast!"

Doch Scorpius wusste, dass es nur als Scherz gemeint war und verabschiedete sich höflich. Draußen war es inzwischen vollkommen dunkel geworden. 'Jetzt nur schnell nach unten, dann ist dieser Tag auch vorbei', dachte er entspannt, gerade in dem Moment, als er wieder etwas gegen seinen Rücken prallen spürte.

"Verflucht, wer ist da?", schrie er wütend, wobei er sich abrupt umdrehte, nicht ohne seinen Zauberstab zu ziehen.

"Stupor!", hörte er plötzlich eine nur zu bekannte Stimme rechts neben ihm.

Geistesgegenwärtig schoss er mit "Ennervate!" zurück. Danach hechtete er auf den unsichtbaren Potter los, von dem er jedoch hören konnte, dass dieser sich selber auch zur Seite bewegte. Angespannt hielt Scorpius den Zauberstab ausgestreckt. Was waren das für Zauber gewesen, mit denen Potter ihn schon zweimal getroffen hatte? Was würden sie anstellen? Ihm schwante schreckliches, doch er besann sich gerade noch rechtzeitig, um einen weiteren Stuporfluch von Potter abzuwehren.

"Scheiße! Potter", fluchte er rasend. "Komm raus, und spiel fair!"

"Musst du gerade sagen", zischte Potter abfällig von hinten. "Du als Slytherin müsstest hiermit doch nur allzu vertraut sein."

Scorpius verdrehte gereizt die Augen. "Spinn nicht rum, Potter. Was ist dein Problem?"

Als Antwort erhielt er nur einen weiteren Fluch.

Langsam hatte Scoprius genug. Wenn Potter unbedingt wollte, konnte er sich genauso gut duellieren. "Impedimenta!", fluchte er in die Richtung, aus der er Potter das letzte Mal gehört hatte.

"Finite!", brüllte Potter gerade noch rechtzeitig zurück, wobei jedoch sein Umhang von einer Schulter rutschte, sodass Scoprius endlich seinen Gegner lokalisieren konnte. Blitzschnell schoss er einen Stuporfluch los, den Potter nur mit großer Mühe abwendete. Von da an lieferten sie sich ein richtiges Duell, ohne lange zu fackeln. Scorpius hatte überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei, schließlich hatte er nicht angefangen, und es Potter endlich einmal heimzahlen zu können, war schon lange sein Traum.

So hitzig hatten Beide noch gegen niemanden gekämpft. Gerade als Scorpius zu "Serpensortia" ansetzte, schoss Potter wutentbrannt einen Fluch zurück, von dem er nur wusste, dass er ihn noch nie gehört hatte.

"Sectumsempra!", brüllte Potter lauthals. Im nächsten Moment merkte Scorpius nur noch, wie alles um ihn herum schwarz wurde. Er hörte sich selber schreien, so rasend, dass er Angst bekam. Dann spürte er einen brennenden Schmerz am ganzen Körper, als würde jemand einen Cruciofluch durch ihn hindurch jagen. Alles brannte. Seine Stimme versagte ihm zum schreien, er konnte nur noch sperlich atmen. Aus sehr weiter Ferne hörte er Potter etwas rufen, konnte es aber auch nicht verstehen. Er hoffte nur, dass es aufhören würde. Egal wie! Der Schmerz sollte aufhören - und wenn er dafür sterben musste!


Ich hoffe nur, dass ich niemanden mit Tokio Hotel verschreckt habe ;) Mir ist schon klar, dass es da sehr geteilte Meinungen zu gibt, was ich auch gut nachvollziehen kann. Aber für mich erschien das Lied passend zu dem Kapitel.