Schachmatt

Ich liege an diesem Abend noch lange wach, bevor mich der Schlaf übermannt. So viel ist geschehen, was ich nie für möglich gehalten hätte - Severus hat mich tatsächlich fast wie einen normalen Menschen behandelt. Er hat mir ohne Aufforderung Kleidung überlassen, mich durchgefüttert, mir meine Geschichte abgenommen und am Ende sogar angeboten, mir den Wolfsbanntrank zu brauen. Und das, obwohl es bedeutet, dass ich noch länger unter seinem Dach verweile als dringend nötig. Diese ganze Freundlichkeit macht mich schon beinahe skeptisch - der stets abweisende, kaltherzige Snape ist irgendwie doch berechenbarer gewesen. Was, wenn er am Ende doch einer von den Bösen ist und mich nur einlullt, um an nützliche Informationen zu kommen?

Doch als ich mich umdrehe und einen neuen Hauch des sauber duftenden Hemdes einatme, wirkt der Gedanke sofort wieder abwegig auf mich. Außerdem, wieso bin ich denn hergekommen? Doch eben gerade, weil ich nicht wie anderen glaube, dass er ein Verräter ist! Er mag zwar ein guter Schauspieler sein, was er in seinem Job zweifellos muss, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er mir heute nichts vorgespielt hat. Denn da ist etwas in seinem Blick gewesen - nur ein schwacher Abklatsch dessen, was ich nun schon zu zwei Gelegenheiten darin erkannt habe, aber es ist da gewesen.

Und dieses Etwas, was auch immer es sein mag, lässt mich nun mit einem undefinierbaren, warmen Gefühl in meinem Bauch ins Reich der Träume gleiten.

Am nächsten Morgen wache ich recht früh vom Klappern einiger Küchenutensilien auf und stelle zu meinem Bedauern fest, dass ich diese Nacht traumlos geblieben bin. Noch bevor ich eruieren kann, woher dieses Bedauern eigentlich kommt, steckt Severus den Kopf zur Tür herein.

„Auch schon wach?", fragt er spöttisch, als wäre es abnormal, so lange zu schlafen, bis wenigstens die Sonne vollständig aufgegangen ist.

„Entschuldige, ich gebe zu, dass ich es mir manchmal gönne, bis nach sechs Uhr morgens zu schlafen", gebe ich murrend zurück und reibe mir die Augen.

„Reine Dekadenz. Während Sie Ihr halbes Leben verschlafen, bin ich seit fünf Uhr wach und arbeite an einem Trank, der für Sie alles noch bequemer macht. Aber dass Sie das nicht zu würdigen wissen, ist ja auch nichts Neues." Na endlich, da ist der alte Severus wieder - wenn auch vielleicht mit einem Tick weniger Verachtung in der Stimme. Wobei das auch Einbildung sein könnte.

„Ja, du hast Recht. Eigentlich bin ich auch gar nicht hier, weil ich an deine Unschuld glaube, sondern nur, weil ich den Trank haben will", kontere ich zwinkernd und schlendere an ihm vorbei ins Badezimmer. Warum habe ich eigentlich nie gemerkt, wie viel Spaß es machen kann, mit ihm zu streiten?

„Sie sind ein unverbesserlicher...", höre ich ihn noch fauchen, bevor die Tür hinter mir zufällt und ich leise lachen muss. Er könnte direkt witzig sein, wenn er nicht alles immer so ernst nehmen würde.

Nachdem ich geduscht und gefrühstückt habe, wandere ich zurück ins Wohnzimmer und lasse mich mit einem Buch aus dem großen Wandregal auf der Couch nieder. Gerade frage ich mich, wo Severus wohl sein Labor haben mag - doch sicher nicht direkt in seinem Schlafzimmer? - als dieser ebenfalls den Raum betritt und sich auf seinen Sessel fallen lässt.

„Was?", fragt er entnervt, als er meinen erwartungsvollen Blick nicht länger ertragen kann. Offenbar hält er Smalltalk genau wie früher für absolut überflüssig.

„Nichts... ähm... ich habe vorhin dein Schachbrett gesehen und dachte, du hättest vielleicht Lust auf eine Runde Zauberschach...?" Einen Versuch ist es allemal wert, und besser als schweigend herumsitzen sowieso.

„Vermutlich geben Sie sowieso keine Ruhe, bevor ich nicht mitmache, richtig?", entgegnet er so sauertöpfisch, als wäre es das schlimmste Schicksal auf der Welt, sich mit mir beschäftigen zu müssen.

„Vollkommen korrekt", strahle ich. Irgendwann wird er mich doch noch umbringen. Aber bis dahin ist es mir das größte Vergnügen, ihn mit ungebrochener Fröhlichkeit auf die Palme zu bringen.

Augenrollend erhebt er sich, holt die Schachutensilien und baut sie auf dem Tischchen zwischen uns auf.

„Lass mich raten - du willst schwarz?", frage ich unschuldig grinsend und ernte einen grantigen Blick.

„Treiben Sie's nicht zu weit", knurrt er und stellt tatsächlich die dunklen Figuren auf seiner Seite des Brettes auf.

Währenddessen nutze ich die Gelegenheit, seine Hände einmal aus nächster Nähe betrachten zu können und studiere sie eingehend. In gewisser Weise sehen sie tatsächlich aus wie die aus meinem Traum - die Form stimmt, die Größe, die feingliedrigen, langen Finger, die helle Haut. Und doch ist etwas anders. Die Hände hier vor mir tragen feine Linien, sehen zu Recht aus, als hätten sie jahrelange harte Zaubertrankbrauarbeit hinter sich. Anders als die Hände des Traum-Severus, die unglaublich glatt und jung gewirkt haben. Enttäuscht wende ich den Blick meinen eigenen Figuren zu und fange ebenfalls an, sie aufzustellen. Es ist wohl doch einfach nur meine rege Phantasie gewesen. Was auch sonst? Irgendein Zeichen der besonderen Art? Ja, genau. Sibyll wäre stolz auf mich.

Trotzdem lässt mich die Sache während des gesamten Spiels nicht los und so verliere ich haushoch, obwohl ich gewöhnlich kein allzu schlechter Schachspieler bin. Nicht dass ich mir gegen Severus irgendwelche Chancen ausrechnen würde, aber ganz so demütigend einfach hätte er mich nun auch nicht besiegen müssen.

„Revanche?", knurre ich fragend, weil mich mein Ehrgefühl packt, als ich ihn triumphierend die Arme verschränken sehe.

„Auch wenn ich Sie zu gerne ein weiteres Mal vernichtend schlagen würde - ich muss zurück zu Ihrem Trank", erwidert er süffisant grinsend. „Später. In etwa einer Stunde bin ich fertig."

Missmutig starre ich ihm hinterher, wie er wieder hinter seiner Tür verschwindet. Es sollte mir doch eigentlich vollkommen egal sein, was er von meinen Schachspielkünsten hält - schließlich betont er auch anderweitig ständig meine Unfähigkeit in sämtlichen Belangen. Und trotzdem wurmt es mich, dass ich es einfach nie schaffe, ihn zu beeindrucken.

Jetzt sitze ich also wieder herum und weiß nicht, was ich anstellen soll; ich habe einfach nicht die innere Ruhe, um mich auf ein Buch konzentrieren zu können. Also schweift mein Blick durch den Raum und bleibt an der Nische hängen, in der sich die drei Türen befinden. Das Denkarium... nun ist eindeutig die letzte Gelegenheit, einen Blick hineinzuwerfen... nachdem ich den Trank eingenommen habe, wird Severus mich garantiert hinauswerfen, denn einen Werwolf, mag er noch so zahm sein, will er mit Sicherheit nicht beherbergen. Und jetzt ist er für eine Stunde in seinem Labor... ein kurzer Blick, nur fünf Minuten, und er wird nie davon erfahren...

Diesmal kann ich der Versuchung einfach nicht widerstehen. Mit einem Satz springe ich vom Sofa auf und nähere mich leise der besagten Tür. Mit einem geflüsterten „Alohomora!" springt sie auch diesmal anstandslos auf und ich betrete die Kammer. Da steht es vor mir, eine unscheinbare Schale aus grauem Stein, nur auffällig durch die schimmernden Schleier, die auf seiner Oberfläche herumwirbeln.

Noch einmal tief durchatmen, dann trete ich noch näher heran und spüre den typischen Sog, der mich scheinbar in das Gefäß hineinzieht. Nun gibt es kein Zurück mehr.