5. Und zerbrechen

Come, heavy sleep

Sein Gewicht drohte ihn zu erdrücken und schien doch im Moment das Einzige zu sein, was ihn davon abhielt, sich völlig aufzulösen. Er war noch nicht wieder in dem James Potter angekommen, als der er normalerweise lebte. Er konnte nicht denken, auch nichts fühlen außer einer wortlosen, animalischen Nähe. Für eine Weile konnte er nicht einmal unterscheiden, ob er es war, der zitterte, oder Sirius oder sie beide – wusste nicht, wessen jagenden Herzschlag er wie ein Zucken an seiner Brust spürte. Und zu wem das keuchende Atmen gehörte.

Da war der Unterarm mit der der schwärzlichen Verfärbung, direkt neben seinem Gesicht. Jetzt ganz still. Er konnte die Sehnen darauf sehen, den dunklen Haarflaum, und dass der über die ganze Länge der Verfärbung weggesengt war. Fühlte feuchte Haarsträhnen, die jetzt an seinem eigenen, schweißnassen Hals klebten. Und er hielt ihn immer noch fest.

„Sirius –", flüsterte James, und sogar das war irgendwie anstrengend. Aber Sirius schien zu verstehen. Er rutschte neben ihn und blieb dort dicht bei ihm liegen. James drehte sich auf die Seite. Danach erst schien sein Körper allmählich wieder feste Formen anzunehmen. Kam die Welt langsam zurück zu James Potter.

Die Besenstriche im Hof hatten aufgehört. James hatte auf einmal eine lebhafte Vision von Ernestine Bellerton, wie sie da unten im Hof neben ihrem Holunderbaum stand und fassungslos zu Sirius' Fenstern hinaufstarrte.

„Ich werde da nie wieder rausgehen können", murmelte er schließlich, ohne die Augen zu öffnen.

„Hm? Was?", nuschelte Sirius an seiner Schulter.

„Die Bellerton. Fegt nicht mehr. Liegt wahrscheinlich ohnmächtig unten im Hof."

„Wieso? Meinst du – die hat was gehört?"

James lachte auf und fing dann unhaltbar an zu kichern. Das war Sirius! „Ja", kicherte er. „Allerdings meine ich das! Mann, die Fenster sind auf!" Er konnte nicht mehr aufhören zu kichern, bis das ganz plötzlich in den heftigen Drang umschlug, einfach loszuheulen.

„Shh, James", murmelte Sirius. „Sie wird's schon überleben."

Ja, sie vielleicht, dachte James und unterdrückte den Impuls, Sirius das laut ins Gesicht zu brüllen. Aber was ist mit mir? Was ist mit Lily? Was hast du mit mir gemacht?!

Er schloss die Augen. Es hatte ja gar keinen Sinn. Er fühlte sich so ausgelaugt. Konnte nicht einmal von Sirius abrücken, um wieder zu sich selbst zu finden. So blieb er, wo er war, fühlte, wie der Schweiß auf seinem Körper trocknete und wie kalt es war in diesem Zimmer. Er tastete nach der Decke und zog sie über sie beide. Sirius lag ganz still, mit seinem Arm auf James' rechter Seite; die Hand, die auf James' Schulter gelegen hatte, glitt nun langsam davon herunter.

Und dann – dann war James auf einmal dabei, seine Gefühle zu sortieren. Es war lächerlich, aber vor allem hatte er – Hunger. Ganz toll, dachte er. Die Welt geht unter, und alles, was ich will, ist etwas zu essen –

Ja, essen. Den Druck auf der Blase loswerden. Sich waschen. Vielleicht etwas gegen die Schmerzen unternehmen, die unvermeidlich zurückgeblieben waren. Und niemals, niemals wieder mit irgendwem reden, irgendwen ansehen oder auch nur irgendwas denken müssen. Das waren seine augenblicklichen Bedürfnisse, in der Reihenfolge ihrer Dringlichkeit.

Und müde war er. Eine betäubende Müdigkeit, die ihn überkroch und schleichend zu lähmen begann. Aber er durfte hier nicht einschlafen. Auf keinen Fall. Er musste weg hier. Wenn er jetzt in Sirius' Bett – verdammt, in seinen Armen einschlief, dann war er wirklich verloren.

Das hier war keine Erfahrung, die sie bewusst miteinander teilen durften. Es konnte keinen Austausch darüber geben, nicht mal einen wortlosen. Darin lag eine schreckliche Traurigkeit, und die erwies sich dann schließlich als die stärkste seiner Empfindungen.

Unheil angerichtet, ging es James ungewohnt sarkastisch durch den Kopf. Vorsichtig drehte er sich um, und Sirius' Arm rutschte endgültig von ihm herunter. James sah seine Lider flattern und wie sie sich dann widerwillig öffneten. Er musste kurz weggedämmert sein, aber jetzt war er wieder wach und sah ihn an. Seine Augen spiegelten das winterliche Grau vor den Fenstern, wo der Schnee seit einer Weile zu einem steten, stillen Rieseln geworden war.

„Ich muss jetzt gehen", sagte James leise und wusste, dass es jetzt geschah, dass er es jetzt tat, in diesem Augenblick: ihm das Herz brechen.

„James", murmelte Sirius. „Musst –"

Aber James legte die Hand über seinen Mund und schüttelte den Kopf. Sirius war zurückgezuckt. Ganz langsam wagte er wieder zu atmen, gegen die Hand, die immer noch sanft, aber bestimmt über seinem Mund lag. Dann drehte er seinen Kopf, bis statt seines Mundes seine Wange in James' Hand ruhte.

Ich muss was sagen, dachte James. Irgendwas. Ich kann doch nicht so –

„Es hat nichts geändert", sagte er schließlich hastig und verlegen. „Nicht an dem, was zählt, klar? Jetzt, jetzt muss ich weg. Aber du bist immer – du bleibst –"

Was? Ja, was?

Sirius hob endlich den Kopf aus seiner Hand und nickte. James berührte zögernd seine Stirn, strich ihm eine Haarsträhne hinters Ohr. Dann stand er auf.

oooOooo

Es dauerte bis weit in den Februar, ehe James es über sich brachte, wieder nach Sirius zu sehen. Da machte er sich noch einmal auf den Weg zu dem Haus am Stadtrand hinaus, so voller widerstreitender Gefühle, dass er auf halber Strecke beinahe wieder umgekehrt wäre.

Mrs Bellerton stand genau wie damals im Hof und fütterte ihre Hühner – er hatte so fest mit diesem Anblick gerechnet, dass er fast wie ein Déjà-vu war. Als sie ihn entdeckte, wandte sie sich abrupt von ihm ab. Seinen Gruß erwiderte sie nicht, sondern warf mit ruppigen Bewegungen weiter das Hühnerfutter aus. Als er mit sinkendem Mut nach Sirius fragte, war er fast sicher, dass er keine Antwort bekommen würde. Aber nach einem unfreundlichen Schweigen warf sie ihm widerwillig und ohne ihn anzusehen die Information hin, dass Sirius schon kurz vor Weihnachten weggezogen war. Wohin wisse sie nicht.

Es wurde Oktober, und James war inzwischen Vater geworden und fing an zu glauben, dass er Sirius für immer verloren hatte – aber dann stand er eines Tages vor ihrer Haustür in Godric's Hollow und lächelte sie alle drei an, ihn und Lily und das Baby auf ihrem Arm.

Sein lächelnder Mund eine sacht geschwungene Linie –

Wie sie zerstört wurde, erlebte James Potter nicht mehr. Sie zu zerstören, gelang ihm erst durch seinen Tod.