The First One

o7. Feigling?!

In dem Moment als er mich küsste, vergaß ich alles um mich herum. Alles ... bis auf ihn. Aber ich hatte Recht behalten! Wenn man Männer zur Weißglut bringt, sagen sie einem doch immer den Grund oder andernfalls sie zeigen ihn.

Ich wusste nicht, wie lange wir so standen und uns küssten, aber als die Wohnzimmertür aufflog, wir etwas auf den Boden fallen hörten und jemand in die Hände klatschte lösten wir uns geschockt und wandten uns zu dem Lärmpunkt.

Mitten in der Tür standen drei Personen. Zwei Jungs und ein Mädchen. Das Mädchen sah uns Freude strahlend an, während die Jungs nur geschockt blickten. Als mir bewusst wurde, in welcher Situation ich mich befand, wurde ich rot und blickte gen Boden. Doch kurz darauf vernahm ich eine Stimme, die sich ärgerte.

"Wieso kriegt Dad 'n Mädchen ab und wir nie?" Ich blickte kurz auf und sah, dass Carlisle die Augen geschlossen hatte. Offenbar war ihm das genauso peinlich wie mir. "Hättet ihr vielleicht die Güte uns kurz alleine zu lassen, wo ihr schon diesen ... Moment ... ruiniert habt?" Die Drei nickten und verließen kurzer Hand den Raum.

Es herrschte einen Moment Stille bis er sich wieder sammelte und zum Reden anfing. "Puh ... Schön, dass wir das jetzt endlich geklärt haben." Ich sah ihn enttäuscht an. Er allerdings lächelte sichtlich erleichtert.

"Ach?! Ist ja wirklich schön für dich!" Er sah mich verwirrt an. "W-was meinst du?" "Was ich ...?" Ich drehte mein Gesicht kurz zur Seite und schnaubte kurz wie ein Stier. Danach blickte ich ihn wütend an.

"Du ... du bist echt ...! Ich will das jetzt gar nicht sagen! Was fällt dir eigentlich ein mich zu küssen? Hat dich irgendjemand darum gebeten? Ich glaube wohl nicht." Aus seinem Gesichtsausdruck konnte ich nicht lesen, was in ihm vorging, ich weiß nur, dass er nicht verstand, was ich meine.

"Was? Du ... du wolltest doch wissen, wieso ich dich gerettet habe und das ist eben die Begründung dafür. Was kann ich denn dafür, dass Gott es so schwer gemacht hat 'Ich liebe dich' zu sagen? Sonst hätte ich dir das liebend gerne gesagt, weil es auch stimmt. Ich liebe dich! Genau deswegen hab ich dich aus diesem ... was weiß ich gerettet."

Wir starrten uns schier endlose Minuten lang an bis ich es nicht mehr aushielt. Ich drehte mich um und wollte aus dem Haus rennen. Es gelang mir auch ... bis zur Haustür. Ich wollte sie aufmachen, doch Carlisle kam mir zuvor und schlug die Tür wieder zu, ehe ich verschwinden konnte.

"Lass mich raus!" "Nicht ehe du mir nicht gesagt hast, was das eben sollte! Ich hab dir meine Antwort gegeben und jetzt will ich deine hören! Vorher lasse ich dich nicht aus dem Haus!" "Das nennt man Freiheitsberaubung, Dr. Cullen!" Das Wort 'Freiheitsberaubung' und seinen Namen betonte ich extra.

"Das ist mir egal, wie man das nennt! Und selbst, wenn du vorhättest die Polizei zu rufen, wäre es mir egal! Du hast, glaub ich, schon vergessen, was wir sind." Ich schüttelte den Kopf. Nein, ich hatte nach dieser kurzen Zeit noch nicht vergessen, was sie waren, aber was sollte ich davon halten, wenn mir ein Vampir sagt, dass er mich liebt?

"Ich höre?!" "Lass mich nach Hause!" "Nein! Zuerst will ich eine Antwort hören!" In mir kam die ganze Wut hoch, welche sich in den letzten Tagen in mir aufgestaut hatte. "Was soll ich davon halten, wenn mir ein Vampir sagt, dass er sich in mich verliebt hätte? Woher soll ich wissen, dass du nicht lügst? Steht auf meiner Stirn zufällig 'Leicht zu verarschen!' drauf?!"

Er war geschockt. Ich nahm seine Hand von der Tür und ging hinaus ins Freie. Als ich um die Ecke bog, hörte ich noch eine Stimme hinter mir rufen. "Du sagst mir, ich wäre ein Feigling?! Dabei bist du doch der Feigling, wenn du dir nicht eingestehst, dass du dich ebenfalls in mich verliebt hast und vor deinen Problemen davonrennst!" Türknallen!

Als ich eine halbe Stunde später zu Hause ankam, knallte ich die Eingangstür so fest zu, dass meine Eltern erschrocken aus dem Wohnzimmer sahen. "Tut mir Leid," murmelte ich kurz und verschwand in mein Zimmer. Dort angekommen knallte ich die Tür ebenfalls wieder zu.

Ich wusste nicht, warum ich so aggressiv war. Eigentlich hatte er keine Schuld daran. Nein! Nein, Esme! Du hörst jetzt sofort auf, das zu denken. Es ist doch alles alleine seine Schuld! Hätte er dich nicht geküsst, wäre es gar nicht erst soweit gekommen. Wieso musste sich dieser Hornochse auch in mich verlieben?

Ja, ich hatte mich ja schließlich auch in ihn verliebt, aber was brachte sich das, es zuzugeben? Denn schließlich war er ein Vampir und ich war einfach nur ein ... Mensch. Ich würde sterben und er würde ewig leben.

Ich setzte mich auf mein Bett und spürte wie meine Augen anfingen zu brennen. Bitte keine Tränen, dachte ich mir, doch leider war es schon zu spät. Wahrscheinlich hatte ich ihn jetzt durch diese bescheuerte Aktion ganz verloren. Vielleicht hatte Carlisle ja doch Recht und nicht er war ein Feigling, sondern ich! Ich ließ mich zurückfallen und zog mir die Kapuze über den Kopf, sodass ich nichts mehr sah.

Eine Weile blieb ich so liegen bis meine Augen immer schwerer wurden. Ich stand genervt auf um mich umzuziehen und um schnell ins Bad zu huschen. Danach schmiss ich mich wieder ins Bett und fing wieder an zu heulen. Allerdings schlief ich bald darauf auch ein.

Ich merkte gar nicht, dass mein Wecker läutete und da meine Mutter heute auch nicht zu Hause war, um mich zu wecken, verschlief ich natürlich. Ich hatte zwar trotzdem noch Zeit um zur Arbeit zu kommen, aber dennoch fühlte ich mich dazu zu aufgewühlt als ich aufwachte.

Ich rappelte mich auf, griff nach meinem Handy und wählte Cindys Nummer. Es piepte zweimal, danach meldete sich bereits eine muntere Stimme. "Blumenladen Molina, Cindy am Apparat." "Hallo, Cindy, hier ist Esme." "Och, gute Morgen, Kindchen! Was ist den los?" Sie klang ein wenig besorgt, was vielleicht an meiner Stimme lag, da sie sehr rau klang.

"Es tut mir Leid, aber ich muss mich für heute krank melden. Mir geht es nicht besonders gut und ich weiß auch nicht, ob ich morgen wieder kommen kann. Ich glaube, ich hab mir die Grippe eingefangen," erzählte ich ihr am Telefon. Das mit dem 'nicht gut fühlen' stimmte ja, aber das mit der Grippe stimmte nur halbwegs. Ich hatte seit einigen Tagen schon Hals- und Kopfschmerzen.

"Hm, kann ich gut verstehen. In letzter Zeit haben sich ziemlich viele mit der Grippe angesteckt. Natürlich ist das kein Problem, Esme. Bleib zu Hause und kurier dich aus." "Dankeschön, Cindy. Ich werde versuchen, so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen." "Lass die Zeit, Esme und überanstreng dich damit nicht zu sehr. Gute Besserung!" Ich legte auf und ließ mich zurück in mein Kissen sinken.

Einige Stunden später erwachte ich schweißgebadet. Der Traum war schlimmer als dieser damals, der wahr geworden ist. Ich setzte mich auf und mir fiel erneut dieser Streit ein. Wieso musste ich auch so reagiert haben? Konnte ich nicht einfach einmal meine Klappe halten und alles so nehmen, wie es kam? Anscheinend nicht.

Ich stand auf und ging in die Küche. Ich hatte keine Lust mich von meinem Pyjama zu trenne, deswegen ließ ich ihn an. Konnte ja jeder sehen, dass ich nur in Boxershorts, Socken und Tanktop schlief.

Ich sah nach ob mein Vater die Zeitung bereits hereingeholt hatte, was allerdings nicht der Fall war. Also sperrte ich die Tür auf, öffnete sie und mir kam kalter Herbstwind entgegen.

Ich schlurfte zum Briefkasten und wollte nach der Zeitung greifen als sie runter fiel. Ich bückte mich und spürte eine Hand auf meiner. Ich sah hoch und traute meinen Augen nicht. Schnell richtete ich mich wieder auf und sah ihn überrascht an.

"Wieso bist du nicht im Blumenladen?" "I-ich ... hab mich krankgemeldet." "Hm ... siehst ja auch wirklich nicht gut aus." "Wieso ... bist du nicht im Krankenhaus?" "Ich hab meine freien Tage." Ich nickte schuldbewusst und sah auf meine Socken.

"Wenn du krank bist, wieso gehst du dann so raus?" Er war offenbar meinen Blick gefolgt, denn er betrachtete mich jetzt von oben bis unten. "Ich wollte nur ... " "Weiß schon." "W-was machst du hier?"

"Ehrlich gesagt, ich war bei Cindy im Blumenladen und hab dich gesucht, aber sie hat mir erzählt, dass du krank und zu Hause wärst. Also bin ich hier her!" Ich sah hoch in sein Gesicht, das voller Sorgenfalten war. "Oh ... und wieso hast du mich gesucht?" "Ich muss mit dir reden! Es ist wichtig!" Ich nickte und ging wieder zurück ins Haus. Dicht gefolgt von Carlisle.

Im Haus angekommen legte ich die Zeitung auf den Tisch und deutete Carlisle, dass er sich setzen sollte, aber er lehnte kopfschüttelnd ab. Ich sah immer noch auf meine Socken. Irgendwie hatten sie eine schöne Farbe, was mir bis jetzt noch nie aufgefallen war. So schön tiefblau. Ich hasste blau, aber komischerweise wurde mir die Farbe immer sympathischer.

"Was ist an deinen Socken so interessant, abgesehen von der Farbe?" "Weiß ich nicht." "Magst du blau?" "Ehrlich gesagt, ich hasse blau, aber in letzter Zeit wird mir diese Farbe immer sympathischer." "Ich liebe blau. Blau vermittelt Zufriedenheit, Harmonie und Ruhe, aber auch häufig Hoffnung, Sauberkeit und Unendlichkeit." Ich sah ihn an. Er starrte auf meine Socken und lächelte sanft. Danach sah er auf und blickte mir direkt in die Augen.

"Du ... wolltest mit mir reden!" "Achja, genau. Weswegen ich eigentlich hier bin, ist, weil ich mir dir reden muss. Nämlich über- ... " "Warte!" Er sah mich gespannt an. "Bevor du etwas sagst, muss ich dir was sagen!" Er nickte. "Gut, ich höre!" Ich atmete tief ein. "Du ... hattest Recht!" "Meistens schon, aber womit den genau?" "Ich ... " "Ja?" Konzentrieren und atmen. "Ich bin ein Feigling!"