Kapitel 7
Eines ‚alten' Mannes Schicksal
Dies würde eine sehr lange Nacht werden, wie Hermine bewusst wurde. Sie war besorgt um Professor Snape, denn noch nie zuvor war sie jemandem wie ihm begegnet.
Er war so vollkommen anders als Harry oder Ron, so unberechenbar. Und irgendwie fühlte sie sich verpflichtet, an seiner Seite zu bleiben.
War es der Vertrag, den sie gemeinsam eingegangen waren? Sie konnte es nicht sagen und je mehr sie versuchte, es herauszufinden, desto weiter schien sie sich von ihm zu entfernen. Doch das war nicht das, was sie wollte. Sie wollte zu ihm durchringen, ihn verstehen.
Snape für seinen Teil schien nicht davon angetan zu sein, im Mittelpunkt ihres Interesses zu stehen.
„Gehen Sie schlafen, Miss Granger", sagte er mit tiefer Stimme, als sie immer noch neben ihm am Bett ausharrte. „Sie haben hier nichts verloren."
Sie schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht tun. Ich werde kein Auge zu bekommen, ehe ich nicht weiß, was mit Ihnen passiert ist."
Er stieß ein tiefes Grollen aus. „Warum interessiert Sie das? Es geht Sie nichts an."
Sie zuckte mit den Schultern.
Ja, warum eigentlich?
„Es ist meine Pflicht. Oder etwa nicht?" Sie klang verunsichert.
„Ich entbinde Sie davon", sagte er matt.
Hermines Blick glitt über die Poren seiner blassen Haut, seine markante Hakennase, die aus der Nähe so verändert wirkte, obwohl sie es in Wahrheit nicht war.
Er ließ sie nicht aus den Augen, während sie ihn still betrachtete, nur vom Geräusch des Atems begleitet. Sie konnte fühlen, dass er seinen eigenen Kampf kämpfte. Einen Kampf gegen sein Schicksal.
„Gehen Sie endlich", murmelte er irgendwann. Und es klang keineswegs freundlich.
Aber Hermine konnte nicht. Irgendetwas hielt sie zurück. Die Bürde, die sie auf sich laden musste, hatte sie verändert.
„Es ist meine Pflicht, bei Ihnen zu bleiben", entgegnete sie spitz.
Er rollte mit den Augen. „Sie waren schon immer unausstehlich und neunmalklug."
Doch Hermine ging nicht darauf ein. „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?", platzte sie heraus.
Er kniff angestrengt die Brauen zusammen. „Keine weiteren Fragen, Granger."
„Tut mir Leid, Professor, aber Sie lassen mir keine andere Wahl. Ich denke, wir sollten darüber reden, was geschehen ist. Ginny meinte …" Sie verstummte plötzlich wieder und senkte den Blick.
Verdammt! Halt die Klappe!
Er knurrte, als würde er ahnen, was sie getan hatte. „Sie naives Ding! Sie haben mit Miss Weasley gesprochen."
Es war eine eiskalte Feststellung und Hermine wurde knallrot im Gesicht. Sofort verformten sich seine Lippen zu schmalen Strichen.
„Dachte ich es mir doch."
„Es ist bestimmt anders als Sie denken", sagte sie schnell.
„Tatsächlich?" Seine Stimme war voller Sarkasmus. „Und warum hat sie mich heute während des Unterrichts derart befremdlich angestarrt?"
Hermine biss sich auf die Zunge. „Nun ja", begann sie vorsichtig, „Es könnte sein, dass ich einige Dinge erwähnt habe, die ich besser nicht hätte erwähnen sollen ..."
„Miss Granger!", stieß er wütend aus.
Diesmal war deutlich die Kraft zu erkennen, die in seinem Inneren steckte, obwohl er immer noch unter den Folgen des Alkoholkonsums litt.
„Was hätte ich denn tun sollen, Professor? Nach allem, was an diesem Morgen passiert ist, war ich ziemlich durcheinander …"
Sie verstummte wieder und hielt den Atem an, als er Anstalten machte, aufzustehen.
Es sah seltsam aus, wie er seinen Oberkörper auf die Hände stützte, um sich zu stabilisieren, bis er mit beiden Beinen auf dem Boden stand und sich vor ihr zu seiner vollen Größe aufbaute. Von seiner Geschwindigkeit und Anmut, mit der er sich sonst immer fortbewegt hatte, war nichts mehr zu erkennen. Er wirkte einfach riesig, wie eine plumpe schwarze Mauer, als er in diesem Zustand vor ihr stand.
„Sagen Sie mir nicht, dass Sie mit ihr darüber geredet haben", bellte er wütend.
Schwarze, ungepflegte Strähnen fielen ihm ins Gesicht und Hermine war froh darüber, da sie einen Teil seiner verzerrten Züge verdeckten.
„Aber mit irgendjemand musste ich darüber reden", verteidigte sie sich. „Sie hat so viele Brüder und ich dachte, sie könnte mir helfen, alles zu verstehen."
Er starrte sie ungläubig an. „Wie können Sie es wagen? Was gibt es da zu verstehen? Genügt es Ihnen denn nicht, dass Sie mit ihrer Neugierde meine Intimsphäre verletzt haben? Nein! Sie müssen auch noch alles herum erzählen wie ein kleines Kind."
„Das ist nicht wahr!"
„Nein? Erzählen Sie mir, Miss Granger, was wahr ist!"
„Ginny dachte, Sie wären vielleicht nicht an Frauen interessiert", plapperte sie weiter, ohne sich darüber bewusst zu sein, was diese Worte für ihn bedeuten würden. Sein Mund stand offen und Hermines Herz pochte, als sie ihn so sah. „Aber dann dachte ich mir, dass das nicht sein kann, sonst hätten Sie mich womöglich nicht geheiratet …"
„Das ist unglaublich!", brüllte er. „Sie haben mich vor diesem Weasley-Mädchen lächerlich gemacht und jetzt weiß es vermutlich bereits die ganze Schule!"
„Nein, das würde Ginny nicht wagen ... Sie müssen es verstehen", sagte sie beschwichtigend. „Man hat mich in diese Ehe gezwungen, ohne mich darauf vorzubereiten, was mich erwarten würde. Mit meinem Professor. Ich fühle mich hilflos und einsam damit. Und das ist nicht fair."
Seine schwarzen Augen glühten. „Fair? Denken Sie, mich hat jemand gefragt, ob es fair ist, das zu tun? Ein halbes Kind zu heiraten, das meine eigene Schülerin ist? Gehen Sie mir aus den Augen, oder ich schwöre, ich lasse einen Fluch auf Sie los!"
Sie schluckte. Ihre Pupillen wurden groß und starrten ihn weiterhin an, als wäre sie unfähig, sich von ihm fortzubewegen, als hielte die Macht des bindenden Vertrages sie davon ab.
Er stöhnte auf und fuhr sich mit zittrigen Händen durch die Haare. „Was soll ich mit Ihnen anfangen, Granger? Sie gehören nicht hierher. Sie gehören nicht zu mir. Dies ist kein Ort für ein naives Kind wie Sie es sind."
„Ich weiß", murmelte sie geknickt. „Aber man hat mir keine andere Wahl gelassen."
„Lassen Sie mich alleine!", spie er mit verzerrtem Gesicht aus. „Verschwinden Sie endlich!"
Sie schüttelte den Kopf. „Sie wissen, was in dem Vertrag steht, Professor."
Es war Tatsache. Es gab kein Entkommen für sie.
„Sie wissen genauso gut wie ich, dass ich nicht gehen kann. Denken Sie wirklich, ich wäre hier bei Ihnen, in diesem scheußlichen Raum, wenn ich es nicht sein müsste?"
Snape schloss die Augen. „Zur Hölle mit Ihnen, Granger!" Seine Hände waren zu Fäusten geballt. Er stand offenbar kurz davor, die Kontrolle über sich zu verlieren.
Sie spürte die Tränen, die in ihren Augen aufstiegen und fühlte, wie ihre Lippen zitterten.
„Nein, zur Hölle mit Ihnen! Sie haben mir keine Wahl gelassen! Sie hätten nein sagen können! Ein schlichtes, einfaches Nein. Warum haben Sie es nicht getan? Sagen Sie es mir endlich!"
Der Zorn seiner Augen traf sie so hart, dass sie zurückschreckte. „Warum mussten Sie geboren werden? Genauso wie Ihr Freund Potter! Sie haben mein Leben ruiniert!"
„Welches Leben?", fragte sie laut. „Das hier", sie blickte sich um, „nennen Sie ein Leben?"
Er bebte vor Wut. Seine Brust hob und senkte sich, die engen Knöpfe an seinem schwarzen Gewand wippten bei jeder Bewegung auf und ab. „Sie verstehen gar nichts, Granger. Hören Sie? Gar nichts!"
Seine Worte waren so kalt und gefühllos, dass Hermine zusammenfuhr.
„Das stimmt. Ich verstehe es nicht. Doch Sie könnten wenigstens versuchen, es mir zu erklären. Wir sitzen beide hier fest. Sie stehen unter meiner Verantwortung, genauso wie ich unter Ihrer stehe. Und nichts", sie holte tief Luft, „gar nichts, was Sie sagen oder tun, wird daran etwas ändern. Weil es so sein muss."
Er hob eine Augenbraue an, seine harte Stimme wurde blitzschnell zu flüssigem Öl. „Was erwarten Sie?" Eine kurze Pause gab ihr Zeit, die Wirkung seiner Worte und den Einfluss der Kraft, die in seinem Inneren steckte, zu verstärken. „Dass ich Sie in den Arm nehme? Dass ich Ihnen zuspreche und Ihnen sage, es wird alles gut werden? Erwarten Sie tatsächlich von mir, dass ich Ihnen eine Welt zu Füßen lege, die nicht existiert, Miss Granger?" Er holte Luft. „Ich bin zwanzig Jahre älter als Sie. Es gab Dinge in meinem Leben, die mehr Einfluss auf mich hatten, als Sie es je haben werden, die zu einer Zeit geschehen sind, zu der Sie noch nicht einmal geboren waren. Was erwarten Sie von einem alten Mann?"
Sie fühlte einen unbekannten, schmerzhaften Stich in ihrem Inneren, als sie sein Gesicht und die Worte dazu in Verbindung brachte.
Nein!
Sie wollte schreien und konnte es nicht. Ihr Leben schien an diesem Punkt ein Ende zu nehmen. Sie wollte ihn zum Schweigen bringen, für das, was er gesagt hatte und noch bereit war zu sagen.
„Ich bin nicht Ihr jugendlicher Liebhaber. Wenn Sie das wünschen, gehen Sie zu Potter oder Weasley."
Er sah sie an, mit diesem durchdringenden Blick, das Gesicht gekennzeichnet vom Schmerz der Vergangenheit, den Hermine nicht entziffern konnte.
„Das wird nie geschehen", fügte er an. Mit zittrigen Fingern zog er sich die schwarzen Schuhe aus und ließ sie auf den Boden fallen.
Es traf Hermine wie eine einschlagende Bombe. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie starrte ihn einfach nur an. Fassungslos. Sollte das ihr Leben sein? In den Kerkern von Hogwarts eingesperrt, mit einem Mann an ihrer Seite, dem sie gleichgültig war, der sie verabscheute für das, was sie war? Einem Mann, der sich selbst als alt bezeichnete, obwohl sie versucht hatte, es zu verdrängen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe sie ihre Sprache wieder gefunden hatte.
„Sie, Professor Snape, sind ein schrecklicher Mensch", sagte sie resigniert und verletzt.
Ein dämonisches Grinsen legte sich über sein Gesicht. „Erzählen Sie mir was Neues, Granger."
Sie fühlte sich, als hätte er ihr einen Dolch in das Herz gerammt. Blutend lag sie am Boden, doch dann nahm sie ihren letzten Funken Selbstachtung zusammen und richtete sich auf. Er ließ ihr keine andere Wahl, als ständig neue Fragen in ihr zu wecken.
„Sagen Sie mir, warum haben Sie mich geheiratet?"
„Keine Sorge, es hat nichts mit einer romantischen Vorstellung zu tun, die Sie vielleicht im Kopf haben."
Er drehte sich von ihr weg und ließ sich träge aufs Bett zurück fallen, die Decke unter seinem schwarz gekleideten Körper begrabend.
„Erzählen Sie mir nicht, Sie hätten gedacht, dieses Arrangement würde ein glückliches Ende nehmen."
Sie vernahm seine Stimme und konnte sein Gesicht nicht sehen, dafür aber seinen schweren Atem hören. Nur der schwarze Haarmob auf seinem Hinterkopf war zu erkennen, das Heben und Senken seines Körpers bei jedem Atemzug.
Alles wirkte zu surreal, um wahr zu sein. Ihr Professor und Mann, sie selbst und dieser Raum in den Kerkern. Sogar für jemanden wie Hermine, die schon so viel mit ihren Freunden durch gestanden hatte, war es zu viel. Instinktiv wusste sie, dass er einen Grund gehabt haben musste. Einen Grund, den sie nicht kannte, den sie nicht begreifen wollte.
Sie tat das einzig richtige, was ihr in den Sinn kam.
Sie stand auf und ging.
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„Er hasst mich!", schluchzte Hermine an ihre Freunde gewendet, als sie wie ein Häufchen Elend auf einem Sessel im Gemeinschaftsraum der Gryffindors saß. Sie waren die einzigen Menschen, die ihr Trost spenden konnten, die einzigen Menschen, die sie jetzt überhaupt sehen wollte.
Ron umklammerte seinen Zauberstab und sprang auf. „Ich mach ihn fertig!", rief er wütend.
Er war auch der Grund, warum sonst niemand hier war. Seine Rage hatte alle anderen aus dem Raum vertrieben.
Ginny stellte sich vor ihn und schüttelte den Kopf. „Nein! Du solltest dich da besser nicht einmischen. Das ist etwas, was die beiden alleine klären müssen. Sie sind verheiratet, Ron, schon vergessen?"
Hermine schluckte. Ginny hatte Recht. Und auch wieder nicht. Neue Tränen formten sich in ihren Augen. Was sollte sie tun?
Harry stand fassungslos daneben und wusste nicht weiter. „So geht das nicht, Hermine", sagte er schließlich. „Ich habe mir das jetzt lang genug mit angesehen. Es wird Zeit, dass wir etwas unternehmen."
Ginny sah besorgt aus. „Aber was willst du machen, Harry? Sie sind aneinander gebunden."
„Es muss einen Weg geben."
„Natürlich gibt es den", rief Ron. „Ich bringe ihn um!" Er machte einen Satz nach vorne.
„Nein!", mischte Ginny sich erneut ein und richtete ihren Zauberstab auf ihn. „Das wirst du schön bleiben lassen! Er ist dein Professor. Und kannst du dir überhaupt vorstellen, was zuhause los sein wird, wenn du auch nur in Erwägung ziehst, so etwas zu tun?"
Ron schimpfte weiter vor sich hin. Doch Hermine hörte ihn gar nicht. Sie konnte die grausamen Worte nicht vergessen, die Professor Snape zu ihr gesagt hatte, den verbitterten und hasserfüllten Blick seiner Augen, die sich in ihr Inneres gebohrt hatten.
Ihr Leben hatte sich schlagartig gewandelt und sie sehnte sich nach einem Ausweg aus dieser Situation.
Der Kamin flammte plötzlich auf und heraus trat eine energische Professor McGonagall mit erhobenem Zauberstab.
Hermine wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht. Vergebens.
Auch das noch!
„Hier sind Sie also, Miss Granger", sagte die Hauslehrerin mit besorgtem Blick in die Runde. „Mr. Potter, Mr. Weasley und Miss Weasley, würden Sie uns bitte entschuldigen", setzte sie nach.
Die drei Freunde machten sich widerwillig davon und Hermine blieb mit ihrer Lehrerin zurück.
„Miss Granger", sagte McGonagall sanft, „ich bin in großer Sorge um Sie." Auf ihrem Gesicht lagen tiefe Falten, die ihre Worte deutlich untermauerten. „Was ist geschehen?"
Sie fasste sich ein Herz und setzte sich zu ihr, den Zauberstab unruhig in den Händen drehend.
Hermine schluckte und wagte es kaum, sie anzusehen. Sie schämte sich sehr dafür, in dieser Lage zu stecken.
„Ich muss mich für Professor Snape entschuldigen", sagte die Frau weiter. „Er ist zuweilen etwas … unkonventionell."
Hermine nickte schwach und schniefte.
„Was auch immer geschehen ist, ich bin mir sicher, dass es nicht Ihre Schuld ist."
Sie überlegte. Was sollte sie tun? Ihren Ärger heraus brüllen? Snape beschuldigen? Sie wusste es nicht.
„Wollen Sie darüber reden?", fragte McGonagall vorsichtig, als sie Hermines Zögern bemerkte.
„Nein", antwortete sie schlicht. Erst jetzt traute sie sich, den Blick zu heben. „Es gibt nichts zu bereden."
McGonagall sah sie durchdringend an. „Sind Sie sicher? Wenn Severus etwas getan hat … wenn er gegen Ihren Willen versucht hat … müssen Sie mir das sagen. Ich werde sofort ..."
Hermine biss sich auf die Lippe, als ihr bewusst wurde, worauf sie hinaus wollte. „Nein", sagte sie entschieden. „Es ist nichts passiert. Es handelt sich nur um ein Missverständnis. Das ist alles."
Die faltigen Lippen der Frau kräuselten sich. „Miss Granger, Sie müssen ihn nicht in Schutz nehmen. Die Situation, in der Sie stecken, ist schrecklich. Sie haben mein vollstes Verständnis."
„Danke."
Die Lehrerin überlegte. „Wie dem auch sei, sollten Sie darüber reden wollen, werde ich Sie jederzeit empfangen."
Hermine war gerührt und beschämt zugleich. Mit einem Mal fühlte sie, wie die Kraft in sie zurückkehrte. „Danke Professor", sagte sie gestärkt. „Es geht mir gut."
McGonagall sah sie verwundert an. „Wie Sie meinen, Miss Granger." Sie stand auf und ging zum Kamin, nahm sich etwas Flohpulver und nannte ihren Zielort. „Die Kerker, Severus Snapes Privaträume."
Hermine riss den Mund auf, um zu protestieren, doch es war zu spät. McGonagall war verschwunden.
Oh nein!
