VII.
Die Stille war ohrenbetäubend.
Ein aufrichtiges Lächeln bahnte sich seinen Weg auf Narzissas Gesicht, während sie ihre Handflächen beschwichtigend gen Decke streckte. „Du hast es herausgefunden. Ich wusste, dass du es schaffen würdest."
„Wirklich?"
„Natürlich. Immerhin bist du mein Sohn."
„Ich habe länger gebraucht als mir lieb ist", gab Draco zu. „Am Anfang habe ich meinen eigenen Schlussfolgerungen nicht getraut."
„Natürlich", bestätigte sie ihn. „Miss Granger machte sich große Sorgen darüber, wie du die Wahrheit aufnehmen könntest. Sie sagte, sie war sich nicht sicher, ob du dazu bereit bist."
Draco zog eine Grimasse. „Sie lag nicht ganz falsch. Ich war nicht besonders nett zu ihr."
„Ich denke, du musst zugeben, dass sie recht geduldig ist."
Draco rieb sich mit seinen Fingerknöcheln die Augen bis er Sterne sah. Dies würde eine lange, merkwürdige Unterhaltung werden. „Ich werde mich erst noch daran gewöhnen müssen, mit dir so locker über sie zu reden, Mutter."
„Warum setzt du dich dann nicht?", fragte Narzissa, zeigte zu dem identischen Ohrensessel, der ihrem gegenüber stand. „Wir haben viel zu bereden. Möchtest du einen Tee?"
„Feuerwhiskey wäre passender, wenn es dir nichts ausmacht."
Sie zuckte mit den Achseln und ging zur Bar, öffnete die Kristallflasche und schenkte ihm großzügig ein.
„Dankeschön", sagte er, nahm den Drink und trank einen Schluck, der brennend seine Kehle hinab rann. Nach einer kurzen Pause nahm er einen weiteren. Er musste sich erst stärken, bevor er dieses Gespräch führen konnte. Seine eigene Mutter log ihn nun schon seit Monaten an... all diese Unterhaltungen, die sie hatten, waren völlige Erfindungen gewesen. Abgesehen davon war er genauso unehrlich, so wie andauernd seine Loyalität schwankte. Sie hatte keinen Grund zu denken, dass sie ihn in den Plan hätte einweihen können.
Trotzdem. Sie hatte so ein großes Geheimnis für sich behalten.
„Jetzt", sagte sie in die Hände klatschend und setzte sich. „Sag mir, was du weißt."
„Ich weiß, dass du irgendwoher erfahren hast, dass Vater nicht im Kampf bei Fronders gestorben ist. Ich vermute, dadurch begann dieses ganze Ding hier."
„Korrekt", antwortete sie. „Und ich habe es beinahe überhaupt nicht rausgefunden. Tatsächlich schnappte ich Gerüchte auf, die sich die Portraits erzählten. Aus ihnen war kein Ton herauszubringen, als ich sie danach fragte. Und leider kann man Portraits ja auch nicht richtig foltern. Deshalb habe ich unsere Hauselfen gefragt, ob sie unsere Hausgäste genauer überprüfen."
„Sie haben den dunklen Lord für dich ausspioniert? Das ist riskant."
„Ich bin die Herrin des Hauses", sagte sie. „Sie antworten mir eher als irgendjemandem."
Draco nickte. Das ergab natürlich Sinn. Hauselfen waren nicht einfach loyal, sie waren ihr Leben lang an ihre Herren gebunden, hin oder her, ob man der dunkle Lord war oder nicht. „Und was haben sie herausgefunden?"
„Sie hatten eine Unterhaltung zwischen dem dunklen Lord und Bella belauscht", sagte sie und sah auf einmal sehr erschöpft aus. „Es gab einen Streit. Der dunkle Lord war wütend auf Lucius, da er seine Methoden hinterfragte. Lucius spürte, dass sich der Krieg zu lange hinzog – er war der Meinung, wir könnten mehr dafür tun, die Oberhand zu gewinnen, um schließlich siegreich hervorzugehen. Der dunkle Lord verlor seine Geduld. Lucius überlebte nicht." Sie sah auf, in ihren Augen bildeten sich Tränen. „Bella wusste es. Sie war diejenige, die mir erzählte, er wäre vom Orden ermordet worden. Sie veränderte die Gedächtnisse der Leute, damit ihre Geschichte Sinn ergab. Ich stand vor Trauer völlig neben mir – ich hätte es viel eher hinterfragen sollen, aber es erschien so logisch."
„Tante Bella hat das getan?", fragte Draco, seine Brust schmerzte, als er an seinen Vater in seinen letzten Sekunden dachte, ermordet von der Person, von der erwartet wurde, dass sie uns zum Sieg führte, verraten von seiner eigenen Schwägerin. „Ich kann es nicht glauben... Mutter, sie gehört zur Familie. Warum würde sie das verbergen?"
„Macht", sagte Narzissa einfach. „Macht, die ich beabsichtige ihr zu nehmen."
„Hast du deshalb Hermine aufgesucht?"
„In der Tat. Es war schwierig sie dazu zu bringen, sich mit mir zu treffen – sie ist eine sehr vorsichtige junge Frau. Sie vertraut nicht so einfach."
Draco schluckte eine erneute Welle der Schuld, dass er seine Fassung regelmäßig in Hermines Gegenwart verloren hatte, hinunter. Kein Wunder, dass sie ihm nicht sofort alles erzählt hatte. Er hatte sich wie ein verdammter Idiot verhalten.
„Glücklicherweise sprach Miss Lovegood kurz danach die Prophezeiung und Miss Granger stimmte einem Treffen zu. Daraufhin erfuhr ich auch von ihrem... Dilemma."
„Du meinst Harry?"
„In der Tat. Das arme Mädchen war so zerstört. Sie verlor die Hoffnung immer schneller. Und dann entwickelten wir diesen Plan."
„Und das ist die Stelle, wo ich immer noch nicht alles verstehe", sagte Draco, beugte sich vor. „Der Plan scheint so zu sein, dass du dem dunklen Lord den Trank verabreichst, sodass er schwach genug ist um ihn zu töten, wenn die Zeit gekommen ist. Mutter, bei allem Respekt, ich glaube nicht, dass irgendein Trank erfolgreich sein wird – egal wie stark er ist. Die Horkruxe werden den dunklen Lord am Leben halten, egal wie schwach er ist."
„Ah, hierbei unterschätzt du deine ehemalige Klassenkameradin", sagte sie kopfschüttelnd. „Sie hat ganz schön was auf sich aufgenommen, um so weit zu kommen. Es war schrecklich, was sie tun musste – wirklich – aber sie bestand darauf, dass sie diejenige ist, die es wirklich tat..."
„Was tun musste? Über wie schreckliche Dinge reden wir, Mutter?" Draco ahnte Schlimmes, als er sich an die Bücher über dunkle Magie, die Zutaten, den süßlichen, roten Trank erinnerte.
Narzissa zuckte zusammen, sah unbehaglich aus. Draco war ihr gegenüber sofort misstrauisch, was sie wohl getan, was sie ermutigt hatte. Seine Mutter war brillant, aber sie war skrupellos. Sie würde nichts zwischen sich und den Erfolg dieser Mission kommen lassen.
„Sagen wir mal, als Beispiel, dass Miss Granger und ihre Freunde alle Horkruxe, außer einen, zerstört haben."
„Alle außer einen? Wie... Vergiss es, ich nehme an, dass mich das nicht überraschen sollte. Sie ist eine außergewöhnliche Hexe."
„Dem stimme ich zu."
„Also, wenn nur einer übrig ist, wo ist er versteckt?"
Narzissa musterte ihre Hände, dann blickt sie auf, traf Dracos Blick.
„Er befand sich in Harry Potter."
Draco blinzelte seine Mutter an, schwenkte den Feuerwhiskey in seinem Glas, während er zu verstehen versuchte, was das bedeutete.
„Der Horkrux wäre durch Harrys Tod trotzdem nicht zerstört", sagte er langsam. „Sie sterben nicht durch etwas Einfaches wie den Todesfluch."
„Genau."
Draco fluchte in sich hinein, seine Hände begannen zu zittern. Er wusste, was das bedeutete. Endlich verstand er es.
„Bitte sag mir, dass ich falsch liege."
„Du hast mir deine Theorie noch nicht erzählt."
Dracos Hand zitterte stärker, verschüttete dadurch Feuerwhiskey über sein Handgelenk. Er stellte das Glas ab und dehnte seine Finger, fühlte sich krank. Die Flüssigkeit tropfte an seiner Haut herab.
„Bitte sag mir nicht, dass Hermine... dass sie nicht den Horkrux aus Harrys Körper herausziehen musste. Bitte sag mir, dass dieser Trank nicht aus seinem Blut gemacht wurde."
„Es war der einzige Weg", sagte Narzissa leise.
„Mutter!", schrie er und stand ganz plötzlich auf, rasend vor Wut. „Wie konntest du sie das tun lassen?"
„Ich habe sie zu nichts gezwungen!", protestierte sie. „Hast du überhaupt eine Ahnung, wie stur sie ist? Der Körper war perfekt konserviert. Ich schlug ihr verschiedene Möglichkeiten vor. Sie wählte die Möglichkeit, die am ehesten funktionieren würde."
„Trotzdem gab es sicher etwas anderes, das du ihr hättest vorschlagen können. Er war ihr bester Freund. Du wusstest, sie ist eigenwillig... musste sie das alles alleine machen?"
„Sie bestand darauf!"
„Verdammte Scheiße, Mutter, es zerstört sie!"
„Der Krieg zerstört uns alle."
„Na und?", knurrte er. „Sie muss das vergiften, was von jemandem, den sie liebte, übrig geblieben ist, während du den Ruhm abkriegst? Ist es das? Sie gibt dir den Trank, du verabreichst ihn, Avada Kedavra und das ist es? Was ist von ihr übrig, wenn das vorbei ist?"
„Woher weißt du, dass von ihr schon nicht mehr viel übrig war, als ich sie fand? Lucius...", Narzissa verstummte, war sichtbar verstört. „Lucius tötete den Mann, den sie liebte. Die meisten ihrer Freunde sind tot. Dieser Plan gab ihr Hoffnung."
„Scheiß auf den Plan!", brüllte er. „Woher willst du überhaupt wissen, dass der Trank funktioniert?"
„Weil er das bereits tut!", sagte sie kochend vor Wut. „Weshalb, glaubst du, treffe ich mich jeden einzelnen Tag mit dem dunklen Lord? Weshalb, glaubst du, zieht er sich seit den letzten sechs Monaten zurück? Ich saß nicht einfach nur ruhig da, Draco."
„Warte... Was sagst du gerade?"
„Ich sage", schnappte sie und erhob sich zu ihrer vollen Größe, „dass wir nicht einfach nur die Chance nutzen und ihm nur eine einzige Dosis verabreichen. Jeden Tag trinkt der dunkle Lord ein Glas Met. Da dieser Met aus Honig hergestellt wird, konnten wir einen süßlichen Trank jedem Glas beimischen, was besser funktionierte, als erwartet. Er hat langsam und ohne es zu wissen die vergifteten Überreste des letzten Horkruxes zu sich genommen. Ich bin mit meiner Mission fast am Ende."
Sie ging einen weiteren Schritt auf Draco zu, ihr Gesicht zuckte vor Wut. „Er tötete Lucius. Im Gegenzug werde ich ihn erledigen."
Draco starrte sie ehrfürchtig an. „Wie viele weitere Dosen braucht er noch?"
„Eine. Heute. Und jetzt, da du alles weißt, gibt es keinen Grund mehr zu warten, den Rest des Plans in die Tat umzusetzen." Du wirst mich begleiten und wir werden ihm den Tod geben, den er verdient."
„Heute? Meinst du das ernst?" Sein Kopf drehte sich. Dies konnte gerade nicht passieren.
„Was denkst du, warum ich den Kampf in Balnsmore angeordnet habe? Ich wusste, du würdest es herausfinden, als du aufgebrochen bist um Miss Granger zu finden. Es schien die beste Option – wir können uns keinen Aufschub leisten."
„Jesus, Mutter", atmete er laut aus. „Du bist furchterregend."
„Schmeichelhaft", sagte sie, versuchte sich zu beruhigen. „Alles, was jetzt zählt, ist, diese Aufgabe zu erledigen. Da die Prophezeiung nichts darüber aussagt, wer von uns beiden den finalen Fluch sprechen muss..."
„Natürlich werde ich kommen", unterbrach Draco sie. „Merlin, nach dem, was du und Hermine erreicht habt... natürlich. Ich will meinen Teil dazu beitragen."
„Es könnte extrem gefährlich sein. Er ist immer noch der dunkle Lord und er wird verzweifelt sein, wenn er einmal bemerkt hat, was wir getan haben."
„Keine Sorge", sagte er kopfschüttelnd. „Ich schulde es Vater. Und dir. Und Hermine, wenn sie jemals zustimmt, mich wieder zu sehen."
„Warum würde sie das nicht tun?", fragte Narzissa stirnrunzelnd.
„Weil sie keinen Grund dazu hat, meine Gesellschaft zu suchen, nachdem das hier beendet ist", sagte er achselzuckend. Er versuchte unbekümmert zu erscheinen. „Ich bin nicht wirklich ein Gewinn für jemanden wie sie, Mutter. Meine einzige, tatsächliche Fähigkeit war das Töten von Kämpfern des Lichts, der hellen Seite. Du kannst dir sicher denken, dass man darüber nicht besonders viel erzählen kann."
Ein Ausdruck der Klarheit, des Verständnisses, erschien auf Narzissas Gesicht.
„Du hast angefangen sie zu mögen."
Draco entschied sich, nicht zu antworten, die Überreste seines Feuerwhiskeys zu vernichten und zum Fenster hinauszusehen. „Wann fangen wir an?"
„In einer halben Stunde", sagte sie und ließ damit gnädigerweise das Thema fallen, jedoch nicht ohne einen extrem neugierigen Blick. „Kannst du mich zu dieser Zeit wieder hier treffen?"
„Natürlich."
Draco saß auf seinem Bett, fühlte sich absolut taub. Nach allem, was er erfahren hatte, konnte er immer noch kaum glauben, dass dies alles wirklich passierte.
Seine Mutter führte ein Doppelleben.
Hermine Granger führte beklemmende dunkle Magie aus, um den Krieg zu gewinnen.
Der bevorstehende Untergang des dunklen Lords.
Zu hören, was Hermine aufgrund der Mission ertrug, durchflutete ihn mit unglaublichen Gefühlen. Mitgefühl, natürlich, obwohl dieses Wort kaum das beschrieb, was er tatsächlich fühlte. Trauer war vielleicht passender. Zu wissen, wie Hermine während ihrer ersten Jahre in Hogwarts war, war extrem erschütternd. Ihre Unschuld und ihre Jugend waren ihr gestohlen worden. Jetzt konzentrierte sie sich auf die Mission und das könnte wirklich alles sein, was sie hatte. Wenn er ehrlich war, vermutete Draco insgeheim, dass Hermine nicht an das dachte, was nach dem Ende des Krieges in ihrem Leben passieren würde. Sie erwartete einfach nicht, so lange zu leben.
Sie war damit aber auch nicht alleine. Draco war nicht dumm – er wusste, er könnte diese Mission möglicherweise nicht überleben. Das könnte es sein. Er war weniger panisch, da er nun die gesamte Geschichte kannte. Hermine und seine Mutter hatten beide unheimlich große Risiken auf sich genommen, um an diesen Punkt zu gelangen. Sein Leben aufs Spiel zu setzen war das Mindeste, was er tun konnte. Obwohl er mehr denn je da sein wollte, wenn sich der Rauch lichtete. Nur um zu sehen, wie es sich anfühlte.
Es wäre definitiv besser, wenn Hermine an seiner Seite wäre.
Ihm lief ein Schauer über den Rücken, die Kühle seines Zimmers kroch ihm in die Knochen. Das Fenster war auf und gerade als er überlegte, ob er es schließen sollte, sah Draco einen Spatz auf dem Fensterbrett.
Etwas flatterte in seiner Brust. Er hatte von ihr nicht erwartet, dass sie zurückkommen würde. Vielleicht waren die Dinge doch nicht so hoffnungslos.
„Wie lange hast du dort gesessen, Granger?"
Der Vogel hüpfte ein bisschen näher zu ihm, neigte seinen Kopf.
„Es ist okay. Ich habe es herausgefunden. Ich bin nicht total dumm."
Nach einem kurzen Moment hüpfte der Spatz komplett ins Zimmer, schlug mit seinen Flügeln und verwandelte sich in eine zerzaust aussehende Hermine Granger. Sie wankte ein bisschen und strich schließlich die Falten aus ihrem Pullover. Draco schüttelte den Kopf und stand auf, war immer noch erstaunt darüber, wie viel er nicht mitbekommen hatte. Die Hinweise waren da gewesen, aber er hatte sie einfach nicht zusammengefügt. Natürlich war sie der Spatz, der in seiner liebsten U-Bahn-Station herumhüpfte. Es war der perfekte Weg, ein Auge auf ihn zu werfen, mal abgesehen davon, dass man sich unbemerkt in London bewegen konnte. Genial, wirklich.
Draco musterte sie, war erstaunt darüber, wie schnell sein Herz auf einmal schlug, da er nur ihre zerwühlte Erscheinung sah. Das Blut von jemandem schien auf ihrer Jeans zu sein. Ihr Haar war eine Katastrophe.
Sie sah verdammt hübsch aus.
„Hallo", sprach sie, sah sich angespannt in seinem Zimmer um. „Normalerweise zeige ich mich dir nicht, weißt du."
„Oh? Besuchst du mein Schlafzimmer oft?", sagte er schmunzelnd.
Sie lief dunkelrot an. „Du weißt, das ist nicht das, was ich meinte."
„Ich weiß, ich weiß", seufzte er. „Mach dir nicht ins Hemd. Du und meine Mutter, ihr seid zu clever für euer eigenes Wohl. Du bist der Spatz und sie ist der Rabe, ja? Plant ihr die Weltherrschaft eine Feder nach der anderen? An dem einen Tag habe ich euch beide auf dem Bahngleis gesehen."
„Also weißt du es wirklich", sagte sie, schien überrascht. „Hat sie dir diesen Teil erzählt?"
Er funkelte sie wütend an. „Ich habe es herausgefunden. Ich hab eine Weile gebraucht, aber es war ja auch nicht das offensichtlichste Puzzleteil. Das Allerletzte, was ich erwartet habe, ist, dass ihr zusammen arbeitet."
„Na ja, das war die Idee. Vögel denken logisch... können sich leicht unbemerkt bewegen und treffen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen."
„Es funktionierte. Alle sind reingefallen. Gut gemacht."
„Das kannst du deiner Mutter gutschreiben", sagte Hermine. „Am Anfang war ich über nichts davon besonders begeistert."
„Mach dir keinen Vorwurf", antwortere er, erneut schmunzelnd. „Sie ist eine angsteinflößende Frau."
Hermine lachte, so wie er es sich erhofft hatte. Die Spannung zwischen ihnen löste sich.
Es herrschte eine angenehme Stille zwischen den beiden und Draco wippte auf seinen Füßen hin und her. Ihm waren die Dinge, die ungesagt blieben, sehr wohl bekannt. Er wusste, wo er stand, so komisch es auch war, aber er war ordentlich verwirrt über ihre Gefühle ihm gegenüber.
Es war diese verdammte Berührung. Man kann jemanden nicht so sanft berühren und ihn verabscheuen. Es würde keinen Sinn ergeben, oder?!
Gleichzeitig würde es keinen Sinn ergeben, dass sie ihn tatsächlich mochte. Die meiste Zeit ihrer gemeinsamen Unterhaltungen war er bissig zu ihr gewesen, die Jahre in Hogwarts eingeschlossen. Er musste also tatsächlich etwas Nettes getan haben.
Draco verfluchte sich selbst, da er sich ungewöhnlich unsicher fühlte. Das war verrückt. Man würde denken, er hätte niemals zuvor jemanden gemocht.
„Alles ok mit dir?", fragte Hermine und Draco blinzelte sie an, bemerkte, dass er zu lange still gewesen war.
„Also, was würde ich sein?", platzte es aus ihm heraus.
„Entschuldige?"
„Wenn ich eurem kleinen Audubon-Club beitreten würde. Welche Vogelart wäre ich?"
Ein zaghaftes Lächeln spielte mit ihren Lippen. „Du weißt, wer Audubon war?"
„Er war ein Zauberer", antwortete Draco spöttisch. „Natürlich weiß ich, wer er war."
Hermine lächelte ihn nun breit an. „Würdest du mir ernsthaft glauben, dass ich das nicht wusste?"
„Ich bin mir nicht sicher, ob das möglich ist, Granger. Vermeidest du meine Frage?"
„Ich würde nicht mal daran denken. Was für ein Vogel wärest du denn gerne?"
„Natürlich ein Adler", sagte er. „Kraftvoll, gute Jäger...", er hielt inne, bemerkte Hermines merkwürdigen Blick. Er erkannte schnell, dass sie versuchte nicht zu lachen.
„Ein Adler?", fragte sie, sichtlich bemüht, nicht laut loszulachen.
„Gibt es ein Problem?". Er machte ein finsteres Gesicht. „Was glaubst du denn, was ich wäre, wenn du so schlau bist?"
„Selbstverständlich wärest du ein Pfau." Sie grinste.
„Das nehme ich dir übel", schmollte er. „Furchtbare Vögel sind das."
„Oh, sie sind nicht so schlecht", sagte sie. „Zum Einen besitzen sie ein entzückendes Federkleid. Sie sind überraschenderweise mutig. Sie waren im alten Griechenland ein Symbol für die Unvergänglichkeit und oft werden sie als Hüter des Königtums dargestellt."
„Schönes Federkleid? Mensch, Granger, war das ein Kompliment?" Er hatte eigentlich nur vorgehabt, sie ein bisschen zu necken, um sie eventuell wieder zum Erröten zu bringen, doch stattdessen sah sie ihn immer noch mit diesem kleinen Lächeln an.
Heilige Scheiße, dachte Draco. Es war tatsächlich ein Kompliment.
Das konnte er unmöglich alleine stehen lassen.
„Haben sie nicht außerdem aufwendige Rituale für das Werben ihrer Weibchen?", murmelte er.
Das Erröten ihrer Wangen, auf das er gewartet hatte, begann sich langsam zu zeigen.
„Kann ich mich nicht dran erinnern", sagte sie mit einer piepsigen Stimme.
Draco lächelte sie an. Oh, das war zu gut. Er war gerade dabei, zu einer der gefährlichsten Missionen seines Lebens aufzubrechen und Hermine Granger hatte Gefühle für ihn. Es war ein verdammtes Wunder. Er sollte besser etwas Sinnvolles tun, bevor sie ihre Meinung änderte.
Es war letztendlich an der Zeit, dass er lernte mutig zu sein.
„Scheint überflüssig zu sein", sagte er.
„Was meinst du?"
„Das aufreizende Balzverhalten", sagte er, begann wieder, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, vor und zurück zu wippen. „Es scheint überflüssig zu sein. All dieses Gepose, dieses Imponiergehabe. Das braucht man nicht wirklich, wenn man das richtige Gegenstück gefunden hat."
Sie blinzelte ihn an. „Nun. Es ist evolutionär. Tatsächlich habe ich einmal in einem Buch gelesen..."
Draco brachte sie zum Schweigen, indem er seine Lippen auf ihre legte. Er war begeistert, dass nur ein kurzer Moment des Zögerns verstrich, bis sie ihre Lippen öffnete und ihn näher zu sich zog. Dabei entwich ihr vor Überraschung der vorzüglichste Laut. Sein Griff verfestigte sich an ihrer Hüfte und er ließ seine Hände zu ihrem Haar hinauf gleiten, dann wieder zu ihrem Rücken, als ob sie sich nicht entscheiden konnten, wo sie liegen bleiben sollten. Er vertiefte den Kuss und sie klammerte sich ebenfalls heftiger an ihn. Seine Zunge glitt über ihre Unterlippe und seine Knie gaben beinahe nach, als sie darauf reagierte, ihre Zunge gegen seine schnellen ließ und sich ihre Finger in sein Haar schoben. Der Kuss wurde hitziger und als Hermine verzweifelt an seinen Haaren zog, konnte Draco ein Stöhnen nicht mehr zurückhalten. Er zog sie enger an sich, ließ ihre Körper aneinander krachen, fühlte sich regelrecht elektrisiert.
Sie fuhren keuchend auseinander. Draco spürte, wie sein Herz in seine Hosen rutschte, als er bemerkte, dass ihre Augen feucht waren.
„War das... nicht das, was du wolltest?"
„Heute Nacht ist es soweit, stimmt's?", fragte sie mit einer Tonlage, die sie normalerweise hatte, wenn sie besorgt oder ängstlich war. „Ich habe es mir zusammengereimt. Jetzt, da du es weißt, gibt es keinen Grund länger zu warten."
Er nickte, suchte verzweifelt nach einem Weg, ihren panischen Ausdruck von ihrem Gesicht zu wischen. „Ich werde meine Mutter gleich unten treffen."
„Verdammt", flüsterte sie. „Verdammt, ich hätte nicht... hör mal, können wir das einfach vergessen..."
„Nein! Nein, Hermine, bitte mich nicht darum, das zu vergessen."
„Du musst. Du brauchst heute Nacht keine Ablenkung. Es war dumm von mir..."
„Na ja, ich bin derjenige, der es angefangen hat..."
„Ja, aber ich habe darauf reagiert und ich hätte... Ich hätte keinesfalls hierher kommen sollen."
„Warum?", fragte er, legte seine Hände auf ihre Schultern, während sie versuchte zurückzuweichen. „Sag es mir. Das erste Mal, seitdem dieser Krieg begonnen hat, fühle ich mich, als ob ich endlich einen richtigen Grund habe zu kämpfen. Hermine, bitte mich nicht darum das aufzugeben."
„Ich bitte aber darum!"
„Warum?", wollte er wissen. „Sag mir warum."
„Weil niemals jemand zurück kommt!", schrie sie, entriss sich seinem Griff. „Jeder stirbt. Jeder verlässt mich. Bitte mich nicht darum, mir um dich Gedanken zu machen, wenn ich später in dieser Nacht um dich trauern muss. Ich kann das nicht. Ich kann das nicht noch mal durchmachen."
Draco starrte sie an, war für den Moment sprachlos.
„Ich verspreche dir, ich komme zurück zu dir", sagte er flehend. Sah sie es nicht? Er war über etwas gestolpert, von dem er gedacht hatte, dass er es niemals haben würde. Es gab keinen Weg, dass er sterben würde, bevor er es durchschaute. Gott, er konnte tatsächlich mit ihr zusammen sein. Sie wollte ihn. Draco Malfoy, ein absoluter Misserfolg eines Mannes, hatte irgendwie Hermines Grangers Zuneigung erlangt. Wie konnte er zu so etwas nicht zurückkehren?
„Mach keine Versprechen, die du nicht halten kannst." Jetzt war sie wütend und er konnte nicht sagen, ob sie wütender über sich selbst oder ihn war.
„Ich schwöre es dir."
„Gut, dann ab mit dir", sagte sie kalt und abweisend, zeigte zur Tür. „Mach dich nicht selbst zum Lügner."
„Hermine, tu das nicht."
„Geh." Sie warf ihm eine Phiole mit einer dunkelroten Flüssigkeit zu und er fing sie auf.
Stirnrunzelnd wollte Draco protestieren. Er wollte alles, nur nicht betteln. Was er wollte, war, sie für mehrere Stunden zu küssen, bis keine Zweifel mehr in ihrem Kopf hausten. Zum Teufel mit dieser Mission, aber etwas ließ ihn innehalten.
Die Wahrheit war, dass er verstehen konnte, weshalb sie das beschützte, was von ihrem kaputten Herzen übrig war. Es war unmöglich sich vorzustellen, wodurch sie gegangen war und dass sie trotzdem immer noch in einem Stück vor ihm stand.
Wenn das allerdings erst einmal alles vorüber wäre, würde er sie so küssen, dass sie ihren eigenen Namen vergaß.
„Alles klar, ich werde gehen", sagte er, versuchte so ruhig zu wirken wie möglich. „Wenn du im Manor bleibst, dann verlasse nicht dieses Zimmer. Wenn irgendetwas Schlimmes passiert, bring dich in Sicherheit."
„Natürlich."
„Ich meine es, Granger. Keine Heldentaten."
„Versprochen", sagte sie, atmete ein paar Mal tief durch und versuchte sich an einem Lächeln. Eine verräterische Träne lief ihre Wange hinab und obwohl Hermine sie hastig wegwischte, spürte Draco, wie sein Herz unter dem Gewicht der ganzen Situation zerbrach. Er verließ das Zimmer und sah zurück zu ihrer gekrümmten Gestalt. Sie sah so geschlagen, so besiegt aus.
„Bis bald", wiederholte er sich und dann zwang er sich, die Tür zu schließen, versperrte die Sicht auf ihre gebrochene Form, wie sie hin und her schwankte.
Er hätte schwören konnen, dass er gedämpfte Schluchzer den ganzen Weg hinunter hörte.
Ein Knurren entwich seiner Kehle.
Er würde zurückkommen. Er würde erfolgreich sein. Verflucht sei dieser Parasit, der sechs Jahre zu lang in seinem zu Hause lebte. Nach allem, was der dunkle Lord seiner Famile angetan hatte, was er Hermine angetan hatte, würde Draco ihn um Gnade winseln lassen.
Während er lief, richtete er sich auf, zog seine Schultern zurück, hob sein Kinn und Draco konnte spüren, wie er sich langsam in den Mann, der er normalerweise war, verwandelte.
Dies war nicht der Draco Malfoy, der unter dem Druck des Krieges zusammengebrochen war. Dies war der Draco Malfoy, der die höchste Zahl an Morden aufweisen konnte, der der Erbe dieses Manors war und der Letzte in der stolzen Linie der Malfoys.
Nicht mal der dunkle Lord würde ihn von dem zurückhalten, was er wollte.
...
Meine lieben Leser,
auch hier gibt es endlich das neue Kapitel!
Nun ist es auch endlich soweit: Der finale Kampf, der letzte Schritt zum hoffentlichen Sieg über Voldemort und damit ein Ende des Krieges. ABER, werden die beiden Malfoys das schaffen? Wird es einen Sieg oder eine Niederlage geben, passend zur Gesamtstimmung dieser Story? Was glaubt und hofft ihr?
Mit den besten Grüßen,
Eure Ivy
