Die Abenteuer des Watson
7.
Hilflos betrachtete Lisa die elektrische Nähmaschine. Das Pedal zu ihren Füßen diente definitiv nicht dem Zweck, den Lisa erwartet hatte. Hoffentlich sah Hugo das ruinierte Stück Stoff nicht… „Hannah?", flüsterte Lisa der Auszubildenden zu, als dieser durch das Atelier lief. „Was ist denn?" – „Pst, nicht so laut. Ich habe da ein Problem." – „Was denn für ein Problem?", fragte Hannah flüsternd zurück. „Diese Nähmaschine hat keine Kurbel und… das Ding da unten, das… das macht sie schnell, aber ich weiß nicht warum." Hannah lächelte wissend und deutete Lisa an, ein Stück beiseite zu rücken. „Komm, ich erkläre es dir schnell."
„Hallo Hugo", begrüßte Rokko den Designer. Dieser zuckte angesichts der unerwarteten Störung zusammen. „Was willst du?", knurrte er. „Siehst du denn nicht, dass ich arbeite?" – „Doch, das sehe ich. Eigentlich wollte ich ja auch zu Lisa." – „Zu wem?" – „Der klöppelnden Näherin." – „Ach so", erwiderte Hugo. „Sie müsste an ihrem Arbeitsplatz sein. Du willst auffallend oft zu ihr in letzter Zeit. Darf man mal fragen, warum es dich immer wieder zu ihr zieht?" – „Ich finde sie nett", lächelte Rokko. „Sie ist anders – genau wie ich." – „Sie ist überhaupt nicht wie du", schmunzelte Hugo. „Nein, aber sie ist anders und ich bin auch anders, das meinte ich, du alter Haarspalter. Kann ich jetzt zu ihr?" – „Lass dich nicht aufhalten. Allerdings… was willst du denn schon wieder bei ihr?" – „Ich möchte sie zu Lauras Kostümfest einladen", erwiderte Rokko grinsend. „Oy, es ist ernst", murmelte Hugo zu sich selbst, denn Rokko war schon weitergegangen.
„Schön, was Sie da nähen", versuchte Rokko ein Gespräch mit Lisa anzufangen. „Danke", erwiderte diese ohne aufzusehen. „Muss ich erst den Stecker ziehen oder könnte ich auch so Ihre ganze Aufmerksamkeit bekommen, Lisa?" Die Angesprochene sah alarmiert auf. „Was ist denn?", fragte sie ängstlich. „Nichts Schlimmes. Ich würde Sie gerne einladen. Laura Seidel, also meine Pflegemutter, gibt jedes Jahr einen Kostümball und… ich würde Sie gerne bitten, mich zu begleiten." Insgeheim wunderte Rokko sich über sich selbst – sonst war er irgendwie souveräner. „Ähm, das ist ja sehr nett, aber… aber ich glaube… ein Kostümball, das ist…" – „Lisa, kann ich dich mal sprechen?", forderte Hannah und ehe sich Lisa versah, hatte ihr Kollegin sie auch schon aus Rokkos Hörweite gezogen. „Lisa, der Kostümball bei den Seidels ist DAS Ereignis! Du musst einfach hingehen. Jeder Kerima-Mitarbeiter würde einen Arm dafür geben, dorthin zu dürfen." – „Aber Hannah, ich weiß doch gar nicht, was ich dafür anziehen soll." – „Also ist das Kostüm das Problem und nicht der Begleiter?", schlussfolgerte Hannah. „Ja… ich meine, ich habe doch eh schon so wenig Kleidung und… ich kann mir einfach nichts für so einen Anlass kaufen – auch keinen Stoff, um etwas zu nähen." Hannah setzte ihre Denkermiene auf. „Was ist mit deinem Sonntagskleid? Plus Schürze und Häubchen… darin siehst du aus wie Laura Ingalls." – „Wie wer?" – „Ach, das war ne Fernsehsendung über eine Familie in der Prärie. Vergiss es einfach und vertrau mir: Sag zu und zieh dein Sonntagskleid als Kostüm an." Unsicher sah Lisa über ihre Schulter zu Rokko, der mit seinen Fingern nervös auf ihrer Nähmaschine herumtrommelte. Entschlossen ging sie auf ihn zu. „Warum?", fragte Lisa den PR-Mann knapp. „Wie warum? Also, was warum?" – „Warum soll ich Sie begleiten? Wir kennen uns noch nicht lange und…" – „Sie sind jetzt seit sechs Wochen hier. Ich denke, dass ist lange genug, um sich zu kennen – so ein bisschen zumindest. Wenn Sie mich begleiten, dann könnte das auch ein bisschen mehr werden. Ich würde einfach gerne mit jemand Nettes und Normales auf diesen Ball gehen, wenn Sie verstehen." – „Nee… naja, ein bisschen. Also… also gut, ich begleite Sie. Wann ist denn der Ball?" – „Heute Abend." – „Heute Abend schon?", fragte Lisa entsetzt. „Ja… manchmal geht die Spontaneität einfach mit mir durch", entschuldigte Rokko sich. „Wenn Sie schon etwas vorhaben, dann…" – „Nein, nein… ich… ich muss nur sehen, wie ich das alles organisiert bekomme." – „Wenn Sie so kurzfristig kein Kostüm finden… ich hätte da eines für Sie… ich weiß ja, dass wenig Zeit ist." – „Das ist nett, aber ich denke, ich kriege das alleine hin."
„Jürgen, wir brauchen eine unparteiische Meinung: Sieht Lisa mehr nach ‚Unsere kleine Farm' oder mehr nach Becky aus ‚Huckleberry Finn'?" Mit seinem unnachahmlichen Jürgen-Blick musterte der Kioskbesitzer Lisa. „Also ich finde, es sieht aus, als würdest du nach Göberitz zurückwollen." – „Lisa geht auf den Seidelschen Kostümball… mit Rokko Kowalski", klärte Hannah Jürgen auf. „So so, na wenn das nicht nett klingt." In diesem Moment erklang das Glockenspiel an der Tür. „Jürgen du glaubst ja gar nicht…", platzte Bruno herein, hielt aber inne, als er seine Schwester sah. „Um Himmels Willen, Lisa, was hast du denn vor?", fragte er entsetzt. „Ich gehe auf einen Kostümball – verkleidet und irgendwie doch nicht. Witzig, oder?" – „Puh, ich dachte schon, du würdest…" – „Denk nicht so viel. Sag mir lieber, was ich gar nicht glaube oder glauben soll", mischte Jürgen sich lachend in das Gespräch ein. „Meister Pönke geht in Rente." – „Rente?", fragte Lisa irritiert nach. „Ins Grossdaadi Haus", antwortete Bruno knapp. „Und was wird jetzt aus dir?", wollte Jürgen wissen. „Er hat mir angeboten, seine Werkstatt zu übernehmen. Ich wäre selbstständig. Ist das nicht großartig?", jubelte Bruno. Lachend kam Lisa hinter dem Tresen hervor und fiel ihrem Bruder um den Hals. „Ich freue mich so für dich." – „Ich gebe ja nur ungern die Spaßbremse, aber du solltest dir die Bücher erstmal genau ansehen, bevor du dich als Unternehmer siehst", ergriff Jürgen das Wort. „Ich habe alles Wichtige mitgebracht. Ich hatte gehofft, du würdest die Unterlagen mit mir zusammen ansehen und mir vielleicht den einen oder anderen Tipp geben." Kaum, dass Bruno seinen Satz beendet hatte, erklang das Glockenspiel erneut. „Herr Kowalski", grinste Hannah. „Sie kommen genau richtig: Lisa ist fertig verkleidet und Dank guter Nachrichten auch in Feierlaune." – „Lisa, Sie gehen als Amish-Frau? Das hatte ich nicht wirklich erwartet… Steht Ihnen gut." – „Und Sie gehen als Waldschrat, das ist auch irgendwie unerwartet." – „Hm, ich würde es vorziehen, Sie würden mein Kostüm ‚Zwerg Nase' nennen", schmunzelte Rokko, was wiederum Lisa erröten ließ. „Du gehst mit jemandem auf diesen Ball, Lisa?", wollte Bruno besorgt wissen. „Ja", strahlte Lisa. „Bruno, das ist Rokko Kowalski. Rokko, das ist mein Bruder Bruno." – „Freut mich", erwiderte Rokko Bruno die rechte Hand hinhaltend. Bruno aber umrundete den verkleideten jungen Mann. „Sie lassen Lisa keine Sekunde aus den Augen. Sie bringen Sie nach Hause – bis spätestens Mitternacht. Wenn Sie Lisa nicht heile nach Hause bringen, dann… dann…" Bruno überlegte, was er Rokko androhen könnte. „Ich habe schon verstanden… ähm… Bruno. Ich verspreche Ihnen, dass ich Lisa unversehrt nach Hause bringe und auch sonst dafür sorge, dass sie einen schönen Abend hat." – „Aber auch nicht zu schön", warf Jürgen dreckig grinsend ein. „Ähm, nein, zu schön dann auch wieder nicht. Was glauben Sie denn?" – „Och, Sie wissen schon...", begann Jürgen erneut, doch Hannah fiel ihm ins Wort: „Er glaubt in allererster Linie, dass Sie beide langsam losmüssen, sonst kommen Sie nicht ohne Stress in die Villa Seidel und das bremst den Spaß doch erheblich."
„Und, was glaubst du, Jürgen?", fragte Hannah den Kioskbesitzer einige Zeit später. „Ich glaube, dass Bruno gut haushalten können muss, damit die Werkstatt einigermaßen weiterläuft." – „Eigentlich meinte ich eher den Kostümball. Was glaubst du, warum Kowalski Lisa eingeladen hat?" – „Nun, ich hoffe für ihn, dass er es getan hat, weil er Lisa mag, sonst gibt's Beule", erwiderte Jürgen und deutete mit Faust und Handfläche an, wie er Rokko bestrafen würde, wenn dessen Absichten andere wären. „Ich finde die Vorstellung irgendwie witzig – Rokko und Lisa. Das ist doch absurd, oder?" – „Hm, genauso absurd wie du und ich", stimmte Jürgen in Hannahs Lachen ein. Doch diese verstummte augenblicklich. „Was hast du gesagt?" – „Na du und ich… als Paar, das wäre doch absurd, oder?" – „Das finde ich ehrlich gesagt gar nicht." – „Nicht?", hakte Jürgen nach und rutsche auf der Kioskbank näher zu Hannah. „Nein", hauchte diese und leckte sich kurz über die Lippen. „Ich meine, es ist nicht völlig ausgeschlossen. Ich mag dich, du bringst mich zum Lachen." – „Naja, wenn du immer noch lachst, wenn du mich nackt siehst, dann haben wir ein ernstes Problem", witzelte Jürgen, sah Hannah aber wie gebannt in die Augen. „Vielleicht sollten wir die richtige Reihenfolge einhalten", schlug sie vor. „Und die wäre?", fragte Jürgen und näherte sich mit seinen Lippen Hannahs Gesicht. „Du bist ganz dicht dran", flüsterte sie und beugte sich vor.
„Mariella, meine Liebe, endlich auch eine Seidel", begrüßte Tante Trudi das neue Familienmitglied. „Wie waren den die Flitterwochen." – „Ach, viel zu kurz", antwortete Mariella die alte Dame umarmend. „Aber Korsika ist um diese Zeit sehr schön." – „Das freut mich. Wo sind denn dein Angetrauter und dein Bruder? Ich hätte da etwas mit Kerimas Spitze zu besprechen." – „Tante Trudi, willst du das wirklich jetzt besprechen? Es ist doch Lauras Fest." – „Aber ich muss morgen wieder nach Hamburg zurück und möchte das bis dahin geklärt haben", erwiderte Friedrichs sture Schwester.
„David, du bist ja jetzt verheiratet. Richard ist verlobt und wird Vater. Es ist fast alles perfekt. Ich werde mich aus dem Geschäft zurückziehen und meine Anteile wie folgt verteilen: Jeder meiner Neffen, der verheiratet oder verlobt oder anderweitig in einer Beziehung ist, kriegt ein Drittel meiner Anteile, den Rest gebe ich für den Markt frei", verkündete Tante Trudi ihrer Familie. Die Situation war seltsam: David war als Prinz verkleidet, Richard als Mephisto und Tante Trudi als Mary Poppins. In ihrer typisch resoluten Art stellte sie alle Anwesenden vor vollendete Tatsachen und erwartete keinen Widerspruch. „Wieso Drittel, Tante Trudi?", fragte David. „Ein Drittel für dich, ein Drittel für Richard und ein Drittel für Rokko, so er endlich eine nette Frau für's Leben findet", seufzte Friedrichs Schwester. „Und wenn er keine Frau findet, dann verkaufst du diesen Aktienanteil auf dem Markt?", fragte Richard entsetzt. „Das kannst du doch nicht machen!" – „Und ob ich kann, mein Lieber und ob ich kann…" – „Du kannst doch von uns nichts verlangen, was du selbst nie erreicht hast", platzte es aus Richard heraus. „Ich hatte die große Liebe", erwiderte Hiltrud Seidel leise. „Aber ich war wie du – ich war unausstehlich, nur auf mein Fortkommen bedacht und wohin hat mich das gebracht? Ich werde alt – alleine. Ich will meine geliebten Neffen nur vor so einem Ende bewahren." Hilflos zuckte David mit den Schultern. „Wenn du meinst, dass das eine gute Idee ist. Aber Tante Trudi, Rokko gehört ja formal nicht zur Familie…", gab er zu bedenken. „Für mich schon. Meine Entscheidung steht. In acht Wochen ziehe ich mich bei Kerima zurück und dann verfahre ich mit meinen Aktion so, wie ich euch das gerade erklärt habe." Hoch erhobenen Hauptes verließ die betagte Dame den Wintergarten. „Na wunderbar. Sag mal, waren deine Großeltern Bruder und Schwester oder woher kommen diese Anflüge von Idiotie?", fauchte Richard seinen Halbbruder an. „Ich weiß genauso gut wie du, dass wir jetzt jede Aktie brauchen, um die Mehrheit zu behalten, aber du kennst doch Tante Trudi – sie ist starrsinnig…" – „… und nicht beeinflussbar. Ich kenne einen guten Escort-Service. Wir könnten jemanden für Rokko buchen", dachte Richard laut nach. „Oder wir warten einfach ab, wie sich das da entwickelt", meinte David und deutete mit dem Kinn auf Rokko, der mit Lisa gerade das Wohnzimmer der Seidels betreten hatte.
