Und das nächste Kapitel!

Viel Spaß!

Im Dunkeln ist alles möglich

Draußen war es schon eine Weile stockdunkel. Sie hatte Jeff gesagt, dass sie auf die Toilette müsse und bei der Gelegenheit auch gleich nach Decken fragen würde, denn keiner von ihnen beiden hatte vor, zu gehen. Nicht, solange Tabby hier nicht zur Türe herein kam und das lebendig. Doch sie musste nicht aufs Klo, sie brauchte eine Weile für sich, um zu verarbeiten, was geschehen war. Um sich ihre eigenen Gedanken zu machen, ohne dass das Nervenbündel Jeff neben ihr saß. Sie mochte ihn, er war ein netter, intelligenter Kerl, aber im Moment brauchte sie ein wenig Zeit für sich.

Sie verließ den Lift und stieg anschließend die Stufen des Treppenhauses hinauf. Wenn sie Glück hatte, war das Dach nicht abgesperrt. In vielen Krankenhäusern stahlen sich die Ärzte und Schwestern aufs Dach, um zu rauchen. Sie hoffte, dass es hier genauso war. In ihrem Magen hatte sich inzwischen ein harter Klumpen gebildet und die Sorge schnürte sich um ihr Herz, als wolle sie es am Schlagen hindern. Es tat körperlich weh, so sehr fürchtete sie um Tabby.

Vorsichtig testete sie die Klinke der Feuerschutztüre… und sie ging auf. Langsam trat sie ins Freie und atmete mit geschlossenen Augen tief durch. Sie fühlte sich zittrig, doch das konnte auch an den Unmengen Kaffee liegen, die sie seit ihrer Ankunft hier in sich hineingeschüttet hatte. Die Tür hinter ihr fiel mit einem dumpfen Schlag ins Schloss und zeitgleich keuchte neben ihr jemand erschrocken auf. Sie zuckte vor Schreck zusammen und machte einen Schritt zur Seite. Erst jetzt bemerkte sie, dass jemand nur wenige Meter neben ihr an der Mauer, die das Dach umspann, hockte. Dem Kittel nach ein Arzt.

„Entschuldigung, ich wusste nicht, dass jemand hier oben ist. Ich wollte sie nicht erschrecken."

„Schon gut." entgegnete ihr eine dünne Stimme.

Langsam kam sie näher. Der Arzt lehnte mit hängenden Schultern an der Wand, sein Kopf war an der Wand gesunken und sein leerer Blick war nach oben zu den Sternen gewandt. Er zitterte leicht und er war schrecklich blass. Wie er da saß, wirkte er völlig verzweifelt und hilflos.

Ein wenig besorgt legte sie den Kopf schief und musterte ihn aufmerksam. „Ist alles in Ordnung mit ihnen?" fragte sie freundlich.

Er seufzte leise. „Ja… nein… ich weiß nicht…" Er rieb sich den Nasenrücken, ehe er sie richtig anschaute und sich seine Stirn runzelte. „Sie gehören nicht zum Personal, sie dürften eigentlich gar nicht hier oben sein."

Sie zuckte entschuldigend die Schultern. „Ich musste kurz allein sein."

Er nickte lächelnd, doch es erreichte seine Augen nicht.

Aus einem Gefühl heraus ließ sich Kayla neben ihn sinken und schaute ebenfalls in die Sterne hinauf. Es war kalt hier oben und sie fragte sich, ob ihre Freundin jetzt gerade fror. „Ich bin Kayla Sallyfield."

„James Wilson."

Einen Moment herrschte Stille, ehe Kayla sprach, wenn auch mehr zu sich selbst: „Meine Freundin war in diesem Supermarkt. Wir hatten uns heute Abend treffen wollen, ein Spieleabend unter Freunden. Alles war perfekt. Und jetzt weiß ich nicht mal mehr, ob sie lebt. Ich hoffe es inständig, aber mein Verstand erinnert mich dauernd daran, wie selten Menschen lebend aus solchen Trümmern geborgen werden."

Wilson schloss die Augen und schluckte hart gegen den Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hatte. „Es ist ein schreckliches Gefühl. Die Ungewissheit. Nicht zu wissen, ob es den Menschen, die einem am Herzen liegen, gut geht oder nicht. Nicht zu wissen, ob er gerade eingeschlossen zwischen Schuttbergen friert, ob er verletzt ist oder ob er schon lange tot ist, vom niederstürzenden Beton zermalmt. Es nimmt einem die Luft zu atmend, es…" Seine Stimme brach.

Kayla sah ihn von der Seite an. Er sprach ihr aus der Seele und doch hatte sie genug Erfahrung im Zuhören, so dass ihr nicht entgangen war, dass er vom verallgemeinerten ‚Menschen' zum persönlichen ‚er' gewechselt war. Sie streckte ihre Hand aus und legte sie Trost spendend auf seine Schulter.

„Wer ist er?" fragte sie leise und so mitfühlend, wie es nur jemand nachempfinden konnte, der dasselbe durchmachte.

Er atmete tief durch, um sich wieder zu fassen. „Mein bester Freund. Ich wohne momentan bei ihm. Wir hatten heute Morgen Streit wegen dem Einkauf. Ich hab ihn quasi dazu gezwungen, einkaufen zu gehen. Es ist alles meine Schuld."

Dieser Gedanke fraß Wilson nahezu auf und es tat gut, es auszusprechen, mit jemandem zu reden, der ihn verstand, obwohl er ihn gar nicht kannte.

„So dürfen sie nicht denken. Sie trifft keine Schuld daran, dass das Gebäude explodiert ist. Das konnten sie ja nicht ahnen." sagte sie sanft. Die Kälte schlüpfte langsam unter ihren dünnen Trainingsanzug und ließ sie frösteln. „Vielleicht sollten wir wieder reingehen, es ist eiskalt hier draußen."

Er sah sie an und nickte langsam. Gleichzeitig standen sie auf und gingen zur Tür.

„Sind sie allein hier?" fragte Wilson, um sich auf andere Gedanken zu bringen.

Kayla schüttelte den Kopf. „Nein. Jeff, ein Freund, sitzt unten in der Wartehalle. Ich hab ihm gesagt, ich würde eine Schwester um Decken bitten. Es ist ziemlich kalt dort unten, aber ich musste zuerst nachdenken. Allein sein."

Wilson nickte verständnisvoll. „Kommen sie mit. Ich besorg ihnen zwei Decken, und dann sollte ich wohl wieder in die Notaufnahme zurück. Immerhin gibt es auch weiterhin Patienten, die meine Hilfe brauchen."

Sie lächelte. „Danke."

„Nein, ich hab zu danken. Ohne sie würd ich noch immer da oben auf dem Dach sitzen und in Trübsinn ertrinken."

Tabitha erwachte, weil sich etwas schmerzhaft in ihren Bauch presste. Benommen öffnete sie die Augen und sah nichts als Schwärze. Sie brauchte einen Augenblick, bis ihr wieder einfiel, wo sie war und bis sie erkannte, dass etwas nicht stimmte. Noch immer lag sie dicht an House gedrückt, was wohl der Grund war, wieso ihr nicht ganz so kalt war, wie die eiskalte Haut in ihrem Gesicht es erscheinen ließ.

Leises Stöhnen erklang hinter ihr, seine Finger bohrten sich völlig verkrampft in ihren Bauch und er wand sich ruhelos. Das alarmierte und beunruhigte sie über die Maßen.

„Hey?" Er reagierte nicht. „House!" rief sie etwas lauter, doch es erfolgte immer noch keine Änderung.

Sie packte seine Hand, die sie umschlungen hielt, und zog sie etwas mühsam von sich fort. Dann drehte sie sich vorsichtig auf die andere Seite, ohne jedoch weiter Abstand zu nehmen. Seine Hand fiel zurück und drückte sich jetzt in ihren Rücken. Seine Brust hob und senkte sich hastig und abrupt. Sie stützte sich auf ihren rechten Arm und tastete mit ihrer linken über seine Brust hinauf zu seinem Gesicht. Seine Stirn war schweißnass. Energisch packte sie ihn an der Schulter und rüttelte daran, während sie seinen Namen rief.

Es folgte ein erschrockenes Keuchen und dicht darauf ein gequältes Stöhnen.

„Gregory?" fragte sie besorgt, sich an seinen Vornamen erinnernd, der ihr einfach passender erschien im Moment.

„Gott!" stöhnte er wieder. Sie hörte, wie er seine Pillendose hervorzog und vermutete, dass er eine davon einnahm, jedenfalls hörte sie ein krampfhaftes Schlucken und das Klappern verschwand wieder. Dafür rutschte sein Körper zurück in die Waagerechte, wo er schwer atmend liegen blieb.

Es war ihm unverständlich, wie er von diesem Schmerz nicht hatte aufwachen können. Obwohl sich seine Beine kalt und ein bisschen taub anfühlten, reichte es noch, um grausame Schmerzsignale an sein Gehirn zu schicken. Er wusste nicht, wie lange seine letzte Vicodin zurücklag, aber sie wirkte ganz eindeutig nicht mehr. Zu dem üblichen, heftigen Brennen hatte sich auch das dumpfe Pochen aus dem Unterschenkel hinzugesellt. Völlig vom Schmerz vereinnahmt lag er da, unfähig, sich zu bewegen, einfach nur darauf wartend, dass es etwas besser wurde.

Erst nach einer Weile wurde ihm bewusst, dass die Wärme, die er neben sich fühlte, Tabitha's Körper war. Sie lag auf der Seite und hatte sich eng an ihn gedrückt. Ihre Hand lag sanft auf seiner Brust.

„Wird es besser?" fragte sie leise.

Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, jetzt zu lügen, außerdem fühlte er sich dazu auch gar nicht in der Lage, nicht jetzt. Kraftlos schüttelte er leicht den Kopf, ehe ihm bewusst wurde, dass sie es gar nicht sehen konnte.

„Noch… nicht…" presste er abgehakt hervor. Seine Atmung kam immer noch hastig und stoßweise, um dem Schmerz zu trotzen.

Tabitha wusste nicht, was sie tun sollte, also machte sie das einzige, das ihr einfiel: sie streichelte mit ihrer Hand in langsamen, großen Kreisen über seine Brust. Sie wusste nicht wieso sie das machte, aber es fühlte sich besser an, als untätig daneben zu liegen und gar nichts zu tun.

Zuerst wollte er ihre Hand wegstoßen, aber er hatte jetzt einfach nicht die Kraft dazu, doch dann musste er sich widerwillig eingestehen, dass ihn diese gleichmäßigen, sanften Berührungen irgendwie beruhigten. Seine Atemfrequenz nahm langsam ab und auch sein Herz kehrte zu einem normaleren Rhythmus zurück. Erschöpft ließ er seinen Kopf zur Seite sinken, wobei er gegen ihren Arm stieß, auf den sie sich stützte. Es war ihm egal, er lehnte sich einfach dagegen und schloss kraftlos die Augen.

Solche Schmerzen hatte er nicht mehr gefühlt seit dem Infarkt selbst. Die Kälte, die Verletzung und dazu hatte er sich garantiert im Schlaf bewegt.

Alles wirkte mit einem Mal so unwirklich in der Dunkelheit. Nichts zu sehen, nur fühlen, es war eine qualvolle Erfahrung, und doch hatte es auch positive Seiten. Der weiche Pulli an seiner Wange, die beruhigenden Berührungen auf seiner Brust, ein warmer Körper so nah an seinem. Er seufzte leise, als der Schmerz endlich nachließ.

Sie spürte, dass er sich langsam entspannte. Er atmete wieder normal und sein Gesicht ruhte auf ihrem Unterarm. Schon lange war sie keinem Mann mehr so nahe gewesen. Sie konnte unter all dem Staub noch Spuren seines Geruchs erkennen, eine Mischung aus Deo und Moschus. Sein Körper fühlte sich gut an ihrem an. Und in dieser undurchdringlichen Dunkelheit schien alles unwirklich und nichts verwerflich. Ohne nachzudenken wanderte ihre Hand an ihm hinauf, strich über seine Bartstoppeln, bis sie auf seiner Wange lag, ihr Daumen dicht neben seinem Mundwinkel. Er gab ein leises Brummen von sich, mehr nicht.

Sie wusste nicht genau, was über sie kam, ihr Gehirn schien das Denken einfach abgestellt zu haben. Jedenfalls beugte sie sich über ihn, folgte der Richtung, die ihr Daumen ihr zeigte und berührte schließlich seine Lippen mit den ihren. Die Stoppeln kratzten leicht auf ihrer Haut, aber seine kalten Lippen waren so unglaublich weich und süß. Er reagierte nicht, selbst dann nicht, als ihre Zungenspitze vorwitzig über diese zarte Haut strich. Sie wollte gerade von ihm ablassen, als sich sein Mund einen Spalt breit öffnete und sie quasi hereinbat.

Immer noch etwas unbeteiligt ließ er zu, dass sie seine Mundhöhle erkundete, ehe er ganz langsam ihr Spiel erwiderte. Er wusste nicht, wieso er das tat, wieso er das überhaupt zuließ, er schrieb es der Verwirrung und Erschöpfung durch die Schmerzattacke zu, doch er konnte nicht abstreiten, dass es sich im Moment einfach richtig und gut anfühlte. Und an mehr wollte er jetzt nicht denken, nur ans Jetzt.

Ganz langsam schob sich sein linker Arm unter ihrem Körper hindurch und zog sie enger an sich, während er ganz zart an ihren Lippen saugte.

Ihre Hand wanderte in seinen Nacken und hielt ihn fest. Sie wollte nicht, dass das hier, was auch immer es war, endete. Noch nie hatte ein Mann sie so sanft und zärtlich geküsst und es fiel ihr schwer zu glauben, dass dieser Mann derselbe war, mit dem sie den gestrigen Tag hier eingesperrt verbracht hatte. Unglaublich sanft spielten ihre Zungen miteinander, bis sie sich voneinander lösten, um wieder zu Atem zu kommen.

Sie rutschte ein wenig tiefer und schmiegte sich eng an seine Brust, den Kopf auf seine Schulter und ihre Hand auf seine Brust gelegt. Er zog vorsichtig den Cardigan wieder über sie beide und ohne es richtig zu merken, streichelte seine Hand über ihren Rücken, während er mit der anderen ihre kalten Finger auf seiner Brust umschloss. Bald darauf war der Schmerz vergessen und sie schliefen beide wieder friedlich und ruhig ein.

Scheinwerfer beleuchteten das Trümmerfeld, über das an manchen Ecken, die als gesichert galten, vorsichtig Feuerwehrmänner staksten, um nach Hinweisen auf die Explosionsursache zu fahnden. Victor war einer von ihnen. Noch immer geisterte Kaylas Anruf durch seine Gedanken. Tabby lag noch irgendwo hier drunter. Irgendwo.

Die Rettungsteams versuchten weiter alles Menschenmögliche, um weitere Überlebende zu finden und zu bergen, doch das, was von dem Gebäude übrig war, war wirklich schrecklich instabil. Bereits zweimal waren Teile davon weiter in sich zusammengefallen. Bisher hatten sie zwei Leute aus den Trümmern ziehen können. Ein schwer verletzter junger Mann im Supermarktkittel und eine junge Frau, die offenbar beim Friseur gewesen war, als es passierte, beide hatten noch gelebt zum Zeitpunkt ihrer Rettung, aber um den Jungen hatte es schlecht ausgesehen.

Die Polizei versuchte zu ermitteln, wie viele Personen sich in etwa in dem Gebäude aufgehalten hatten, damit sie einen Anhaltspunkt hatten. Doch das gestaltete sich als schwierige Angelegenheit.

„Ich glaub, ich hab hier was gefunden." hörte er einen Kollegen rufen.

So schnell es der Untergrund zuließ, eilte er zu ihm und ließ sich dessen Fund zeigen. Es war der Griff eines Metallkoffers, ein Eck des Koffers hing noch dran. Und in diesem Eck klebte etwas, das wie angesengter Knetgummi aussah. Möglicherweise hatte er hier die Ursache der Explosion vor Augen: eine Bombe.

„Sagen sie der Spurensicherung Bescheid, die soll sich das sofort ansehen!"

TBC