Julius ist über seine eigene Nervosität selbst erstaunt. Das Gespräch mit Max war gestern, und gleich am nächsten Morgen fuhr er zum Gefängnis, um mit Tibor zu sprechen.
Allein. Er und Delilah waren sich einig, dass Tibor vermutlich wenn überhaupt nur mit Julius sprechen würde. Und nun sitzt Tibor mit verbundenen Händen im Besucherraum, der einzige Bereich, indem man frei sprechen kann. Julius wartet nur noch auf das OK der Wärter, dann kann er endlich selbst hinein. Ein letztes Mal durchatmen und diese verdammte Idee verfluchen, dann geht es los.
Völlig ruhig sitzt Tibor auf den harten Stuhl, seine Miene so undurchdringlich wie immer. »Ich hab schon gedacht, du hättest mich vergessen. Nett dass du auch mal auftauchst, Julius.« Hat er jetzt wirklich gesprochen? »Sei froh, dass ich überhaupt hier bin, verdient hast du es dir ja nicht gerade.« Tibor zieht seine rechte Augenbraue hoch, wie immer, wenn er Julius durchschaut. »Es ist also nicht deine Idee, deinen eigenen Bruder mal zu besuchen. Gut, du kannst auch gerne wieder gehen. Aber ich gehe mal davon aus, dass du irgendwas von mir willst.« »Oh ja, ich will jetzt endlich mal ein paar Antworten.« »Gut, und auf welche Fragen?« Das ist doch bestimmt eine Falle, oder? Seit wann beantwortet Tibor Fragen? »Was ist mit deiner Ich-beantworte-keine-Fragen-Regel?« Demonstrativ hebt Tibor seine Hände, die mit Handschellen verbunden wurden. »Ich habe hier wohl keine andere Wahl, oder? Außerdem stehen dir ein paar Antworten zu. Keine Angst, ich werde ehrlich sein, auch wenn es ziemlich unlogisch erscheint, dies noch extra zu betonen. Ich habe nur eine Voraussetzung: Stelle mir Fragen, die ich beantworten kann und auf deren Antwort du mit ein wenig logischem Denken nicht selbst hättest kommen können.« Das überrascht Julius. Er hat nicht damit gerechnet, dass sein älterer Bruder überhaupt reden würde geschweige denn Fragen beantworten möchte. Dementsprechend ist auch seine Vorbereitung. Was soll er jetzt bitte schön fragen? Und meint er das nur oder ist Tibor über die Ratlosigkeit seines Bruders ziemlich amüsiert?
»Ich habe eine simple Frage: Was sollte der ganze Mist?« »So was nennst du eine simple Frage? In meinen Augen ist es die Frage schlecht hin, oder? Stell sie bitte etwas genauer.« Obwohl Tibor die Handschellen trägt, fühlt sich Julius unterlegen. Wie schafft sein Bruder es nur, selbst jetzt gelassen zu bleiben? »Okay, dann versuch ich es hiermit: Wofür brauchtest du die Null-Liste und wieso hast du mich nicht einfach getötet, als du es konntest?« »Ich habe dir schon mal gesagt, dass ich dich nicht töten möchte.« »Du hast gesagt dass du mich jetzt noch nicht töten möchtest, und du wolltest mir das Leben so schwer wie möglich gestalten.« »Und das habe ich auch geschafft, oder? Sonst wäre ich ziemlich enttäuscht von meiner Arbeit. Ich will dich immer noch nicht töten, und bevor du fragst: Nein, Delilah auch nicht und auch keinen sonst aus eurer Akademie.« Es klingt wie eine Mischung aus Schnauben und Lachen, als Julius erwidert: »Das hab ich aber anders in Erinnerung. Ich sage ja nur Giftschlangen im Lastwagen. Außerdem hast du Delilah als Kind bedroht, sie zurück in die Vergangenheit gestoßen und dann die Null-Liste zerstört.« »Lieber, ich stoße sie zurück in die Vergangenheit als ins Jenseits, oder findest du etwa nicht? Zu den Punkt komme ich aber später. Um bei den Giftschlangen zu bleiben: Du hast ja wohl ein enormes Talent, dich in Computer zu hacken aber lesen scheint nicht deine Stärke zu sein. Beeindruckend, wie du meinen falschen Namen herausgefunden hast aber du hättest dir auch den offiziellen Auftragsnamen durchlesen sollen: Transport von Schlangen.« . Wieder schafft es Tibor, dass sich Julius sich wie ein Trottel fühlt. »Ich bin davon ausgegangen, dass das gelogen war.«
»Und ausgerechnet dann ist es die Wahrheit. Aber du hast Recht, die Schlangen waren nicht ohne Grund dort. Ich wollte mögliche Verfolger so lange wie möglich beschäftigen.« »Du hättest uns fast endgültig beschäftigt.« »Sag bloß, ihr könnt euch zu zweit nicht gegen ein paar einfache Schlangen wehren. Sogar ich hab euch das noch zugetraut. Außerdem wart ihr nicht die einzigen, die hinter mir her waren.« Julius spart sich die Frage, wer sonst noch Tibor hätte verfolgen wollen, das würde er noch früh genug erfahren. »Wieso wolltest du unbedingt zurück in die Vergangenheit? Wir wissen, dass du wusstest dass du nichts verändern kannst.« Kaum hat Julius den Satz ausgesprochen, bereut er ihn auch wieder. Tibors Blick könnte nun eine ganze Armee töten.
»Woher wisst ihr das? Ihr habt mit Max gesprochen, richtig?« »Richtig.« »Daran bin ich vermutlich selbst schuld. Trotzdem ist da ein kleiner Fehler: Es ist zwar richtig, dass man in der Vergangenheit nichts verändern kann, was nicht sowieso schon so war, aber beeinflussen kann man sie trotzdem.«
Julius ist sichtlich verwirrt. »Also jetzt versteh ich gar nicht mehr.«
»Das beste Beispiel ist deine kleine Freundin: In Anlage 9 hängen überall gemalte Bilder von ihr, die Kampfszenen zwischen uns darstellen.« »Und sie konnte es nur malen, weil wir in der Vergangenheit waren. So ist das doch auch mit ihrer Uhr!«
»Genau richtig. Aber eine Beeinflussung ist immer von Anfang an mit einberechnet, also wenn ich euch als Kind hätte töten wollen hätte es so oder so nicht funktioniert, weil ihr im Erwachsenenalter definitiv lebt. Selbst wenn es klappen würde: Hätte ich euch getötet hätte es den gesamten Verlauf der Zeit verändert. Ihr wärt niemals Agenten geworden und hättet niemals ein paar gewisse Trottel mit ihren tollen Eroberungsplänen gestoppt. Und für mich wäre das vermutlich auch nicht gut gewesen.«
»Schmetterlingseffekt. Aber was wolltest du dann mit der Null-Liste? Sie ist dann doch eigentlich nutzlos.«
»Nutzlos? Ganz sicher nicht. Hast du keine Fantasie, was man damit anstellen könnte? Denk daran, du kannst zwar die Vergangenheit nicht ändern, die Gegenwart und die Zukunft jedoch schon." „Ich hab immer noch keine Ahnung.«
»Jetzt enttäuschst du mich aber, kleiner Bruder. Um eins klar zu stellen: Etwas, was in der Zukunft existiert, muss auch in der Vergangenheit existieren. Aber wenn etwas in der Vergangenheit scheinbar zerstört wurde heißt das noch lange nicht, dass es auch wirklich zerstört wurde. Nehmen wir mal an, jemand aus der Vergangenheit hat wichtige Informationen und wird erschossen, bevor er was sagen kann. Dein jetziges Ich könnte diese Person zwar nicht retten, aber dennoch befragen. Diese Informationen hättest du nur in der Zukunft und es würde die Vergangenheit nicht ändern. Oder ein wichtiges Dokument mit allen Namen von Agenten und Ausbildern, die vom Projekt übergelaufen sind, wurde bei einem Brand rein zufällig zerstört. Dein zukünftiges Ich könnte keine Spuren hinterlassen, aber das Dokument an sich nehmen.«
»Man kann nichts aus der Vergangenheit mit in die Zukunft nehmen, das gleiche Problem gab es schon mit Delilahs Uhr.«
»Aber es besteht ein winziger Unterschied: Delilahs Uhr existierte die ganze Zeit über, so ein Dokument jedoch spielt dann keine Rolle.«
»Hör auf, mein Kopf platzt gleich! Aber ich glaube, ich habe es so ziemlich verstanden. Aber sag jetzt nicht, du willst diese Informationen um das Projekt auffliegen zu lassen.« »Gut, dann sage ich es nicht, du würdest damit allerdings genau richtig liegen.« »Das gibt es nicht! Max hat zu uns gesagt, du wärest übergelaufen!« »Bis vor ein paar Monaten habe ich das Selbe auch von ihm gedacht. Ich habe den größten Fehler gemacht, den man als Agent nur machen kann: Ich habe den Falschen vertraut.« »Deinem Auftragsgeber?«
»Auftragsgeber trifft es zwar nicht ganz, aber im Grunde genommen kann man es schon so nennen. Man sagte mir, dass die Null-Liste nicht zerstört wurde und ich damit die Möglichkeit hätte, diese Verräter auffliegen zu lassen. Man sagte mir, sämtliche meiner ehemaligen Freunde seien übergelaufen. Als ich dann den Auftrag erhielt, dich zu töten wusste ich jedoch, was los war. Und nein, ich kenne nicht die Identität meines Auftragsgebers, das macht die Sache so gefährlich.« »Wieso hast du ihn vertraut, du bist doch sonst nicht so naiv.« Tibor lacht freudlos. »Du bist genau der Richtige, der mich das fragt, Julius. Man hat mit mir genau das gemacht, was ich bei dir gemacht hab: Er hat mir Informationen gegeben, die ich sonst nie bekommen hätte.« »Welche Infos können so gut sein, dass man seinen eigenen Freunden nicht mehr traut?« »Zum Beispiel die, dass mein kleiner Bruder noch lebt und wo er sich aufhält.« Das haut jetzt sogar Julius um. »Bitte was? Du wusstest nichts von mir?« »Oh doch, ich wusste dass ich einen kleinen Bruder hab, aber unsere tollen Eltern haben mir vor acht Jahren erzählt, du wurdest von den Idioten getötet, die ich während meines ersten Auftrages hätte fassen sollen.«
»Unsere Eltern sind seit über sechszehn Jahre tot, wenn du nicht rein zufällig mit Geistern reden kannst lügst du.« Tibors Lachen klingt kein bisschen amüsiert. »Oh nein, ich lüge nicht. Zumindest nicht jetzt. Die beiden gehörten zu den besten Agenten der Welt, den eigenen Tod vorzutäuschen war ein Kinderspiel. Leider waren sie nicht halb so gute Eltern.« »Das ist nicht dein Ernst, wieso sollten sie das machen?« »Aus den gleichen Grund, warum ich jetzt im Gefängnis sitze. Sie wollten das Projekt stoppen, und vermutlich wissen sie mehr als wir alle zusammen. Ich weiß nicht, ob sie immer noch am Leben sind, falls es dich interessiert. An dem Tag, als du erfahren hast dass wir Brüder sind, wusste ich nicht mal dass du nichts von ihrem Überleben wusstest .«
Was für einen grausamen Scherz erlaubt sich Tibor nun schon wieder? Es kostet Julius jede Selbstbeherrschung, Tibor nicht anzuschreien. Würde er es tuen, würde die Akademie nie die dringend benötigten Informationen bekommen. Es muss jetzt ruhig bleiben und Tibors Spiel mitspielen, auch wenn es hart ist. »Meintest du das mit sie haben mich durch dich ersetzt?« »Ja. Du hast dir nie wirklich Gedanken über den Spruch gemacht, oder?« Nein, das hat Julius nicht. Wenn er ehrlich ist, wollte er Tibor so gut es ging verdrängen. »Ich bin 25 Jahre alt, also gerade mal fünf Jahre älter als du. Du wusstest zwar mein genaues Alter nicht, aber viel älter hättest du mich nicht schätzen können. Vor sechszehn Jahren war ich neun Jahre alt, also ein Jahr im Projekt. Ziemlich früh um sein eigenes Kind zu verstoßen, oder?« Julius kann die Lügen nicht mehr länger ertragen. Was ist, wenn es die Wahrheit ist? »Also haben sie dich nach deinem Auftrag verstoßen. Aber wenn sie zu dir sagten, dass du für meinen Tod verantwortlich bist und ganz genau wussten, dass ich lebe, kann es eigentlich nur bedeuten, dass sie dich und mich schützen wollten.« »Sie wollten dich vor mir schützen. Hat dir Max erzählt, was damals passiert ist?« Von Tibors anfänglicher Gelassenheit und Gleichgültigkeit ist nicht mehr viel geblieben. Jetzt wird es ernst. »Er sagte uns nur, dass es zu einem Unfall kam und du seitdem nicht mehr der Selbe wärst. Al hätte dich damals ziemlich fertig gemacht.« Tibor überlegt sich genau, was er sagt. »Nicht nur Al. Ich sollte damals eine Tochter von Agenten schützen. Ihre Eltern kamen anscheinend bei einem wichtigen Auftrag ums Leben, und man wollte sie auch töten. Als wir endlich die Idioten hatten, die sie umbringen sollten, kam es zu einer Schießerei. Ich wollte damals niemanden erschießen, also schoss ich einen von den beiden ins Schienenbein. In diesem Moment zog er das Mädchen nach vorne. Die Kugel ging direkt durch ihre Schulter.«
Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Ich habe ein junges Mädchen getötet, Julius." Selbst Julius geht diese neue Information nahe. Zum ersten Mal in seinem Leben sieht er wahres Bedauern in Tibors Augen. Er hätte nie gedacht, dass sein Bruder überhaupt fähig ist, um einen anderen Menschen zu trauern. Vorausgesetzt, es ist nicht wieder ein Bestandteil von Tibors Show. Kann es wahr sein, dass er tatsächlich einen Fehler bereut? Julius schwirren tausend Fragen im Kopf, versucht sich aber so wenig wie möglich anmerken zu lassen.
»Hatten ihre Eltern Informationen über das Projekt?« Was auch immer falsch an Julius Frage war, es macht Tibor regelrecht wütend.
»Ist dir eigentlich bewusst, dass ich dir einen Mord gestanden habe? Ja, verdammt, es waren Informationen über das Projekt aber ich hab erst später erfahren, dass einige Ausbilder übergelaufen sind. Ich hätte spätestens dann Verdacht schöpfen müssen, als man mich praktisch für mein Versagen belohnt hat.« »Bis vor ein paar Stunden war ich der festen Überzeugung, dass du mich töten wolltest, der Tod des Mädchens war ein Unfall, der dadurch entstand, dass du nicht zum Mörder werden wolltest. Ich kann nur nicht verstehen, dass Al dich deswegen fertig gemacht hat. Konntest du ihn deswegen nicht vertrauen?« »Al und Scarlett sind beides keine Verräter, aber sie hätten mir nie wieder vertraut. Um Vertrauen ging es übrigens auch, als ich Delilah zurück gestoßen habe. Mein Informant wusste anscheinend nicht, dass ich wusste dass man niemanden in der Vergangenheit töten kann. Hätte ich Delilah nicht als Kind gedroht oder eben zurück in die Vergangenheit gestoßen, wäre ich aufgeflogen und höchstwahrscheinlich tot. Und ihr ebenfalls. Ich wusste auch nicht, ob Robinson nun zu den Verrätern gehört oder nicht, deswegen musste ich so lange wie möglich den Schein waren, euch wirklich umbringen zu wollen. Ich wollte die Informationen über das Projekt. Und ich will diese beiden Männer, die das Mädchen töten wollten, koste es was es wolle.« »Aber dein Auftragsgeber hatte nie vor, dass du die Informationen bekommst. Du solltest die Drecksarbeit verrichten.« »Ja. Wie ich auf den Zettel geschrieben habe: The cake is a lie.«
