Disclaimer: Harry Potter und das dazugehörige Imperium gehört nicht mir. Wenn es so wäre, wäre dies keine Fanfiction. ;-)
Warnung: In dieser Geschichte wird Harrys Welt gehörig auf den Kopf gestellt. Freunde werden zu Feinden, Feinde zu Verbündeten. Dumbledore ist nicht der gute Direktor, sondern hat seine eigenen, perfiden Pläne. Außerdem wird es Harry eine ganze Weile lang ziemlich schlecht gehen. Wer solche Geschichten nicht mag, sollte daher lieber Abstand nehmen.
Anmerkungen: Es ist wieder Mittwoch, ihr Lieben! Einige haben mir in ihren Reviews geschrieben, was sie sich alles wegen des Cliffies im letzten Kapitel vorgestellt haben. Ihr lagt alle nicht ganz richtig, hihi. Die Frage wird jetzt aber sofort beantwortet, und ich hoffe, ihr alle habt euren Spaß dabei. :-)
Verblüfft kam Harry dem Befehl nach. Snapes trockene, warme Hand schloss sich wie ein Schraubstock um sein Handgelenk und hielt ihn fest. In der anderen Hand lag plötzlich Snapes Zauberstab. Es war die linke, obwohl er eigentlich Rechtshänder war.
„Hiermit schwöre ich, Severus Snape, Harry Potter vor allen Gefahren nach bestem Wissen und Gewissen zu schützen." Snapes düstere Stimme jagte Harry eine Gänsehaut über den Rücken. „Ich schwöre bei meiner Magie und meinem Leben, dass Harry Potter kein Schaden zugefügt werden soll, solange ich es verhindern kann."
Ein gleißender Magieblitz schoss aus Snapes Zauberstab hervor und wand sich um Harrys Hand, kroch dann aber wieder hoch und umschloss Snapes Unterarm. Die Magie des unbrechbaren Schwurs hinterließ eine ähnliche Rankenzeichnung auf Snapes rechtem Handgelenk, wie sie Harry und Lucius schon hatten.
„Wa-was haben Sie denn?" fragte Harry erschrocken, als der Spuk vorbei war. Es war alles so schnell gegangen! „Wieso haben Sie das gemacht?"
„Der Direktor war der Meinung, mir befehlen zu können, wie ich mit Ihnen zu verfahren habe", grollte Snape etwas atemlos. Er rieb über seine Schwurmale, die tintenschwarzen Augenbrauen waren düster zusammengezogen. „Er denkt ernsthaft darüber nach, wieder die Prügelstrafe einzuführen, um rebellische Schüler im Zaum zu halten."
Lucius zischte einen hässlichen Fluch, den Harry nicht verstand. „Das wird er bereuen. Was hat er speziell geplant?"
„Er wollte, dass ich Potter die ganzen Ferien über von seinen Freunden fernhalte und mit Strafarbeiten eindecke. Außerdem sollte er ein komplettes Ausgangsverbot bekommen."
„Was? Was hab ich denn getan?" fragte Harry empört.
„Glauben Sie mir, von den weniger schönen Sachen wollen Sie erst gar nichts wissen", knurrte Snape. „Aber er wird damit sowieso nicht durchkommen, da ich ansonsten die Strafen von Ihren Freunden genauso festsetzen müsste, und sogar die Idioten im Schulrat werden sagen, dass das unverhältnismäßig ist."
Lucius zog ein Stück Pergament und eine kleine Schreibfeder aus seiner Brusttasche und machte sich einige Notizen. „Keine Sorge, Mr. Potter, ich kümmere mich darum."
„Dumbledore ist endgültig zu weit gegangen", fuhr Snape fort. „Mr. Potter, falls Sie es über sich bringen können, mit Lucius und mir zusammenzuarbeiten, wären wir für Ihre Hilfe sehr dankbar. Es wird nicht bei diesem Versuch bleiben, der alte Gockel plant etwas."
„Einverstanden", sagte Harry. Er war zufrieden. Snape hatte zwar nicht direkt um Hilfe gebeten, aber das war nahe genug dran. „Werden wir trotzdem morgen nach London fahren, Sir?"
Snape sah ihn eindringlich an. „Worauf Sie Gift nehmen können. Lucius wird sein Möglichstes tun, aber es kann sein, dass erst einmal Dumbledore am längeren Hebel sitzen wird. Deshalb sollten wir alles so schnell wie möglich erledigen." Er sah Harry durchdringend an. „Sie haben wichtige Dinge zu erledigen, die nicht aufgeschoben werden dürfen, oder nicht?"
„Ja. Am Liebsten wäre ich heute gefahren", seufzte Harry, „aber die Geschäfte haben zu."
„Nicht alle. Gringotts ist dafür bekannt, Tag und Nacht geöffnet zu sein." Snape hörte endlich auf, die Schwurmale nachzufahren und zog seinen Ärmel wieder über die blasse Haut. Er sah Harry nicht an, als er das sagte.
„Aber der Hogwarts-Express fährt nachts nicht. Und ob es im Tropfenden Kessel noch freie Zimmer gibt, weiß ich auch nicht." Harry fuhr sich frustriert durch das Haar, so dass es hinterher noch verstrubbelter aussah, als vorher. „Warten wir einfach bis morgen, was kann Dumbledore bis dahin schon tun?"
„Eine Menge, Potter. Eine ganze Menge …"
„Wenn ich einen Vorschlag unterbreiten dürfte", mischte Lucius sich ein, „ich habe in London ein Stadthaus."
Snape wandte sich seinem Freund zu und hob eine Augenbraue. „Muss ich nun auch an deinem Verstand zweifeln, Lucius?"
„Es sind nur Teenager", entgegnete der mit einem leisen Lachen. Eine Haarsträhne um seinen Finger zwirbelnd sagte Lucius mit samtiger Stimme: „Mr. Potter, da ich weiß, wie wichtig es Ihnen ist, so schnell wie möglich nach London zu kommen, biete ich Ihnen und Ihren Freunden an, in meinem Stadthaus zu übernachten. Ich habe Portschlüssel dorthin, so dass Sie nicht viel Zeit verlieren würden."
Snape schnaubte. „Wie du willst. Ich rede mit Heiler Grant."
„Mo-moment! Was soll das? Hallo!" Harry versuchte, Snape am Saum seiner Robe zu erwischen, aber der Mann glitt wie ein Schatten davon und aktivierte den Kamin im angrenzenden Zimmer. „Mr. Malfoy, wieso tun Sie das? Was wird aus den Heilern?"
„Es gibt Wichtigeres, Mr. Potter." Lucius erhob sich. „Die Kobolde in Gringotts warten schon auf Sie, und Dumbledore wird alles versuchen, um Sie hier zu behalten, bis sie den Jahreswechsel verpasst haben."
„Warum sollte er das tun? Wieso haben Sie es plötzlich so eilig?" Frustriert packte Harry Lucius' Ärmel. Der Mann zog seine Hand nicht zurück. „Worum geht es eigentlich überhaupt?"
„Das klären wir, wenn wir in London angekommen sind. Wir warten jetzt auf Ihre Freunde. Rufen Sie Ihren Hauselfen und befehlen Sie ihm, ein paar Sachen einzupacken."
„Wir wollten doch nur tagsüber dort bleiben", stammelte Harry verwirrt.
Lucius duldete jedoch keine Widerrede. „Tun Sie es. Wir wissen nicht, was passieren wird, nachdem Dumbledore Sie so aufs Korn genommen hat."
„Sie machen mir Angst", murmelte Harry. Doch er diskutierte auch nicht weiter. Stattdessen rief er Dobby, der prompt vor ihm erschien. „Dobby, bitte pack ein paar Kleider von Hermine, Neville, Luna und mir und bringe sie hierher."
„Dobby wird sich beeilen!" quiekte der Elf und verschwand so plötzlich, wie er gekommen war.
„Was für ein seltsamer kleiner Kerl", sagte Lucius mit einem spöttischen Lächeln. „Ihnen gehorcht er aufs Wort, Mr. Potter."
„Fangen Sie jetzt bloß keinen Streit an", erwiderte Harry grantig. Seine Wangen glühten vor Verlegenheit und er hoffte, dass sein Gegenüber das im goldenen Lampenlicht nicht sehen konnte.
„Oh, das hatte ich gar nicht vor." Lucius' Hand glitt in Harrys, die immer noch seinen Ärmel festgehalten hatte, und verweilte dort. „Sie haben ihn fair gewonnen und sich dabei beinahe wie ein echter Slytherin benommen." Er lächelte leicht, so dass wieder einmal das aufregende Grübchen auf seiner Wange zum Vorschein kam. „Er sei Ihnen gegönnt. Ich habe sowieso genug Hauselfen, der Verlust hat nicht sonderlich geschmerzt."
„Sind Sie sicher? Ich habe keine Lust, ständig über meine Schulter schauen zu müssen, nur weil Sie mich anlügen." Harry wusste, dass er die fremde Hand loslassen sollte, aber so ganz konnte er sich nicht dazu durchringen. Es war beinahe, als würden die Schwurmale zueinanderfinden; es war ein seltsam angenehmes Gefühl.
Das Lächeln vertiefte sich.
Wie hypnotisiert starrte Harry in das schöne, männliche Gesicht. Wieso war ihm in all den Jahren davor nicht aufgefallen, wie gut Draco Malfoys Vater aussah? Und wieso hatte der Mann nie gezeigt, dass er einen durchaus angenehmen Charakter hatte? Sicher, er war gefährlich, aber gerade das machte ihn so interessant. Langweilige, nichtssagende Menschen hatte Harry zuhauf kennen gelernt, und oft führte diese Charakterschwäche zu Missgunst und Hass anderen gegenüber. Die Dursleys waren das beste Beispiel.
Auch Lucius wandte nicht den Blick ab. Als wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass Harry ihn so offen anstarrte, erwiderte er den Blick mit der gleichen Neugier.
Wohlige Wärme breitete sich in Harrys ganzem Körper aus. Lucius anzusehen war gut, es war richtig. Der Mann war ihm eigentlich fremd, aber doch vertraut. Er war wie ein warmes, exotisches Haus, das Harry sein Heim nannte. Anders konnte er das Gefühl sich selbst gegenüber nicht einordnen. Er fühlte sich so wohl, dass alles in ihm danach verlangte, dem anderen näher zu sein, ihn zu berühren und seinen Duft zu riechen. Ohne es zu merken wurde sein Griff um Lucius' Hand fester.
Nach einer Weile gesellte sich ein kribbelndes Gefühl dazu. Harry brauchte eine Weile, bis er begriff, dass Lucius Malfoy, Todesser und durchtriebener Slytherin par excellence, gerade sanft mit einer Hand durch sein Haar strich und es wahrscheinlich noch mehr durcheinander brachte, als es ohnehin schon war.
Nicht, dass er vorhatte, etwas dagegen zu unternehmen. Es fühlte sich einfach so gut an. Außer Hermine hatte ihn noch nie irgendjemand so gestreichelt. Seufzend senkte er die Augenlider, ohne jedoch den Blickkontakt zu unterbrechen, und genoss das schöne Gefühl. Ein winziger Teil seines Verstandes fragte sich mehr oder weniger hysterisch, wieso er sich das gefallen ließ, doch er ignorierte ihn.
„Keine Sorge, ich werde dich nie anlügen", raunte Lucius mit seidiger Stimme. Wieder und wieder kraulten seine langen, eleganten Finger durch Harrys Haar. „Ich will dir helfen."
„Aber warum?" Die wohlige Vertrautheit wich einer ängstlichen Besorgnis. Harry musste es einfach wissen; zu viel stand auf dem Spiel, um noch weiter im Dunkeln zu tappen.
Lucius' Blick wurde etwas sanfter, als er antwortete: „Weil ich endlich frei sein will."
Sein Gesicht wirkte so sorgenvoll, dass Harry gar nicht anders konnte, als ihm zu glauben. Er spürte keine Täuschung, Lucius' Aura war so silberweiß wie immer. Harry hatte schnell erkannt, dass sich die Auren seiner Mitmenschen (die er nun ständig sah, sie waren wie zarte, durchsichtige Schleier) verdunkelten oder sogar kränklich verfärbten, wenn sie logen oder etwas Schlechtes planten.
Vermutlich hatte das Verschwinden der ersten Magiebarrieren etwas damit zu tun. Harry wusste, dass er das demnächst näher erforschen musste, aber heute fühlte er sich einfach nicht danach.
„Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um dir zu helfen", fuhr Lucius fort. Er klang irgendwie feierlich. „Ich werde dein Ritter und dein Vasall sein, damit du gegen Dumbledore und den dunklen Lord bestehen kannst." Seine silbern leuchtenden Augen fesselten Harrys mit ihrer Leidenschaft. „Lass mich an deiner Seite stehen, damit wir alle heil aus diesem Krieg herauskommen."
Schockiert von den Worten seines Gegenübers konnte Harry für einige Momente nichts sagen. Dann aber griff er die warme Hand noch fester und neigte sich etwas vor. Die Schwurmale kribbelten auf seiner Haut, doch es war nicht unangenehm.
„Einverstanden. Wenn Sie das für mich tun, verspreche ich, Ihnen ebenfalls so gut zu helfen, wie ich kann. Aber Sie müssen mir versprechen, Voldemort aufzugeben, ein für alle Mal." Harry musterte mit scharfem Blick die Aura des Mannes, aber sie veränderte sich nicht zum Schlechten. Im Gegenteil, sie wurde noch etwas heller, als sei eine Last von ihm abgefallen. „Sie sind nicht mehr sein Diener, oder unsere Abmachung ist hinfällig."
„Sehr wohl", flüsterte Lucius. Er beugte sich elegant vor und küsste sachte Harrys Hand.
Ein kleiner elektrischer Schlag schoss durch Harrys ganzen Körper. Es tat nicht wirklich weh, aber der Kuss hinterließ dennoch eine deutliche Spur auf dem Handrücken. Ein silberner Lippenabdruck zeichnete sich ab und schimmerte leicht im gedämpften Lampenlicht.
Erschrocken sah Harry auf seine Hand, doch sein Blick kehrte schnell zu Lucius' Gesicht zurück. Der lächelte ihn entspannt an, als habe er eben eine Entscheidung getroffen, mit der er ganz und gar glücklich und zufrieden war.
„Wieso haben Sie-" In diesem Moment klopfte es an der Tür, so dass Harry innehielt und einen kleinen Fluch ausstieß.
Lucius ließ seine Hand los und setzte sich bequem in seinen Sessel zurück. Harry war gar nicht aufgefallen, dass er sich erhoben hatte, so sehr war er von ihrem Blickkontakt gefesselt gewesen. Dann kam auch schon Snape ins Zimmer und öffnete die Tür mit dem Winken einer Hand.
„Perfektes Timing", sagte er. „Kommen Sie alle herein und machen Sie die Tür hinter sich zu."
Gehorsam betraten Hermine, Neville und Luna das Zimmer. Lunas Blick fiel augenblicklich auf Harrys rechte Hand und ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Den anderen schien jedoch nichts aufzufallen, wofür Harry dankbar war. Er hatte keine Lust, sich jetzt Hermines bohrenden Fragen zu stellen.
„Unsere Pläne haben sich geändert", teilte Snape den drei Neuankömmlingen ohne Höflichkeiten mit. „Die Heiler und Auroren werden wir erst später wieder treffen, das habe ich eben schon geregelt. Lucius hat Sie alle in sein Stadthaus nach London eingeladen, um Mr. Potters Angelegenheiten so schnell wie möglich zu regeln."
„Dumbledore will uns Ausgehverbot erteilen, was?" fragte Hermine mit bemerkenswert ruhiger Stimme. „Na, umso besser, dann können wir das schnell hinter uns bringen."
„Keine Einwände?" hakte Snape nach. Die Jugendlichen schüttelten einvernehmlich ihre Köpfe. „Dann warten wir nur noch auf Mr. Potters Hauselfen."
Lucius erhob sich. „Severus, falls es dir nichts ausmacht, würde ich gern auch Draco und seine Freunde mitnehmen." Er wirkte besorgt. „Wer weiß, ob wir wieder so schnell die Gelegenheit haben, aus Hogwarts rauszukommen. Ich hätte meinen Sohn gerne in meiner Nähe, nur für alle Fälle."
„Es ist dein Haus", war Snapes gleichmütige Antwort. „Aber beschwere dich nicht, wenn sie dir auf die Nerven gehen. Ich werde ganz sicher nicht den Kindergärtner spielen."
Lucius' spöttisches Lächeln war zum Dahinschmelzen; Harry musste sich zusammennehmen, um nicht zu glotzen. Er hatte es geahnt … hatte man sich einmal die Attraktivität eingestanden, dann gab es kein Zurück mehr. Es war unpassend, das wusste er selbst, aber was konnte er schon dagegen tun? Dem Mann fernbleiben war kaum möglich, jetzt, wo sie sich mehr oder weniger versprochen hatten, zusammen zu arbeiten.
Nur wenige Augenblicke später kehrte auch schon Dobby zurück und legte die vier gepackten Taschen vor Harry ab. Ehrerbietig wartete er auf weitere Anweisungen, die auch prompt folgten.
„Dobby, bitte sage Draco, Blaise und Pansy, dass sie so unauffällig wie möglich zu Professor Snapes Quartier kommen sollen", sagte Harry. Er ignorierte Lucius, der ihn durchdringend ansah. „Und bitte pack auch von ihnen ein paar Sachen ein. Nur für ein paar Tage, nichts Besonderes."
„Jawohl, Harry Potter Sir" quiekte Dobby und verschwand wieder.
„Erstaunlich", brummte Snape.
„Was ist erstaunlich?" fragte Hermine verwundert.
„Dieser Hauself war in Lucius' Haushalt eine einzige Katastrophe", erklärte Snape mit einem spöttischen kleinen Lächeln, „aber seit er auf Hogwarts ist, scheint er sich sehr nützlich zu machen."
Harry errötete, als auch Lucius' Lächeln breiter wurde. „Können wir das Thema bitte lassen?"
Neville und Luna kicherten über seine Verlegenheit, aber Hermine fand das Ganze nicht so witzig. Sie war immer noch eine Verfechterin für die Rechte der Hauselfen und konnte nicht wirklich einsehen, dass sie es mochten, so bedingungslos zu dienen.
Es dauerte nur zwei Minuten, als Dobby in Begleitung von Winky zurück kam. Er legte die Taschen der Slytherins ebenfalls vor Harry ab, dann verneigte er sich tief.
„Dobby möchte Harry Potter Sir um einen Gefallen bitten", quiekte er ehrerbietig. „Dobby möchte Harry Potter Sir begleiten und ihm helfen, so gut er kann."
Harrys Blick wanderte unwillkürlich zu Lucius, der ihn herausfordernd ansah. „Ähm, nun ja, wir bleiben in Mr. Malfoys Haus in London … ich weiß nicht, ob er dich mitnehmen möchte. Sir?"
„Dobby kann gern mitkommen", meinte Lucius in seinem üblichen herablassenden Tonfall. „Er kennt sich ja noch gut aus. Ich erwarte, dass er den anderen Elfen hilft, solange er bleibt."
Dobby sah Lucius nicht minder herablassend an. „Wenn das Harry Potter Sirs Wunsch ist, wird Dobby ehemaligem Master Lucius helfen. Dobby ist frei, Dobby gehorcht nur Harry Potter Sir."
„Würdest du das wirklich tun, Dobby?" fragte Harry erstaunt und auch irgendwie erleichtert. „Ich hätte dich gern dabei, aber wenn du dich unwohl fühlst, kannst du jederzeit gehen. Versprichst du, dass du das tust?"
„Dobby ist guter Hauself, Dobby arbeitet gerne für Harry Potter Sir." Stolz reckte Dobby die Brust. „Und Winky möchte auch mitkommen. Dobby spricht für Winky, Harry Potter Sir."
Das verstoßene Hauselfenmädchen blinzelte scheu hinter Dobby hervor.
Harry fand es süß, wie Winky sich an den mutigen Dobby klammerte. Er kniete sich hin und streckte seine Hand aus. „Komm mal her, Winky." Er wartete, bis sie ihre kleine, von Arbeit gezeichnete Hand in seine gelegt hatte. Mit den Fingern der anderen Hand spielte sie nervös am Saum ihres Kissenbezuges herum. „Möchtest du das wirklich? Verstößt du nicht gegen eine Hogwartsregel, wenn du das Schloss verlässt?"
„Winky dient nicht Direktor Dumbledore Sir, sondern Dobby", quiekte Winky mit einer erstaunlich angenehmen Stimme. „Dobby ist Winkys Freund. Winky hat sonst keine Freunde." Sie warf einen bewundernden Blick auf den Hauselfen. Der stand stolz gleich noch ein bisschen größer. Harry verbiss sich ein amüsiertes Lächeln, als er das sah. „Winky will da hingehen, wo Dobby hingeht, Harry Potter Sir."
Unsicher blickte Harry noch einmal zu Lucius.
„Bei Merlin, soll sie mitkommen", seufzte der. „Ich kann es doch sowieso nicht verhindern, oder?"
„Danke, Sir." Harry streichelte Winkys Hand. „Du hast es gehört, du darfst auch mitkommen. Bitte hilf mit, so gut du kannst."
„Winky wird hart arbeiten", versprach die Elfe mit fester Stimme.
Es klopfte wieder an der Tür. Snape öffnete sie mit dem Wink seiner Hand. Die verwirrten Gesichter der hereinstolpernden Slytherins wären unbezahlbar gewesen, wäre die Situation nicht so ernst.
„Vater, was ist los?" fragte Draco, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten. „Und was machen unsere Taschen hier?"
„Gut, dass du fragst", entgegnete der ältere Malfoy. Er reichte kleine Siegel mit dem Malfoy-Familienzeichen an seinen Sohn, Harry und Luna. „Nehmt eure Taschen und dann haltet euch an den Händen. Draco, du mit Pansy und Blaise, Mr. Potter mit Miss Granger und Miss Lovegood mit Mr. Longbottom. Severus und ich gehen zusammen."
Harry schrumpfte alle Taschen und reichte sie an die Besitzer weiter. Seine Freunde und er trugen alle ihre wirklich wichtigen Besitztümer ohnehin immer bei sich, deshalb waren ihre Taschen sehr leicht gepackt. Eilig nahmen sie sich an den Händen.
„Moment mal", protestierte Draco, während er tat, was sein Vater verlangte, „soll das heißen wir reisen-"
„Ganz genau. Wir reisen jetzt."
Harry sah nur noch, dass die Siegel plötzlich schwach erglühten, dann verschwamm auch schon alles in einem irren Strudel aus Farben und magenumdrehender Geschwindigkeit.
Lucius hatte ihnen einen Portschlüssel gegeben!
Mit einem lauten „Uff!" in verschiedenen Tonlagen landeten sie Sekunden später auf einem harten, glatten Steinboden. Stöhnend rappelte Harry sich auf. Hermine half Luna auf die Füße, die wenigstens halbwegs weich auf ihrem Freund gelandet war. Die Slytherins hatten es gerade so geschafft, sich auf den Beinen zu halten, aber dafür sahen sie noch viel schlechter aus, als Harry sich gerade fühlte.
„Merlin, ich hasse Portschlüssel", würgte Pansy.
„Meckert nicht, schließlich haben sie uns unbemerkt aus Hogwarts gebracht", sagte Snape trocken. Er war perfekt gelandet, und auch Lucius sah so gepflegt wie immer aus. Nicht ein Haar schien an ihnen durcheinander gewirbelt worden zu sein. „Es wird eine Weile dauern, bis Dumbledore uns vermisst. Er ist ziemlich von sich überzeugt und glaubt immer noch nicht daran, dass sich ihm jemand in die Quere stellen könnte. Bis er es tut, sollten Sie, Mr. Potter, alle wichtigen Erledigungen getätigt haben."
„Bringt alle eure Sachen weg, wir machen uns sofort auf den Weg", fügte Lucius hinzu. „Dobby!"
Der Elf erschien zusammen mit Winky. Offenbar hatte er nur darauf gewartet, gerufen zu werden. Erwartungsvoll sah er Harry an, was dem sehr unangenehm war, schließlich war er nicht der Herr des Hauses. Und was für ein Haus es war! Es war weder klein noch bescheiden eingerichtet, aber etwas anderes hatte Harry auch nicht erwartet.
„Ähm, bringst du bitte unsere Sachen auf die Zimmer?" Hilfesuchend wand er sich an Lucius. „Welche Zimmer, Sir?"
„Wo mein Sohn schläft, weißt du, Dobby. Pansy und Blaise bekommen die Gästezimmer daneben. Ihr anderen", er warf den Gryffindors und Luna einen Blick zu, „werdet den anderen gegenüber wohnen."
„Jawohl", quiekte Dobby. Er und Winky packten die Taschen und waren gleich darauf damit verschwunden.
„Ziehen Sie sich warm an. Draußen ist es kalt", ordnete Snape an.
„Aber unsere Mäntel-"
Eine unbekannte Hauselfe erschien und reichte jedem der Schüler einen gut gefütterten Winterumhang. Es waren nicht ihre, das erkannte Harry auf den ersten Blick. Sie waren von viel zu guter Qualität und sahen so teuer aus, dass keiner von ihnen je einen Gedanken daran verschwendet hätte, so einen zu kaufen.
„Ziehen Sie solange die an", befahl Lucius. „Mein Haushalt ist auf alle Bedürfnisse eingestellt."
Luna, Neville und die Slytherins zögerten keinen Augenblick, im Gegensatz zu Harry und Hermine. Doch nur Minuten später waren sie alle zu Lucius' und Snapes Zufriedenheit gekleidet und verließen das Haus durch die eindrucksvolle Eingangstür. Vor dem Haus stand schon eine teuer aussehende Kutsche, deren Tür ein perfekt livrierter Bediensteter aufhielt.
„Erlauben Sie, Miss Granger?" fragte Blaise galant, als der Diener Hermine in die Kutsche helfen wollte. Erst zögerte sie, aber da sie nicht vor allen eine Szene machen wollte, nahm Hermine widerwillig seine Hand und ließ sich helfen.
Als Harry als letzter der Jugendlichen an der Reihe war, half ihm überraschend Snape. Doch der Mann kletterte gleich danach herein, so dass er sich keine Gedanken darüber machte. Draußen gab Lucius dem Fahrer einige Anweisungen, dann stieg auch er in die Kutsche, deren Inneres viel größer war, als das Äußere vermuten ließ. Die Sitzpolster und Verzierungen waren beinahe unerträglich elegant und teuer, so dass Harry lieber gar nicht erst darüber nachdachte, welche Kosten seine schmutzigen Schuhe gerade verursachten.
Mit einem Ruck setzte sich die Kutsche in Bewegung. Harry hatte naiv geglaubt, dass sie damit in normalem Tempo zur Winkelgasse fahren würden, aber natürlich war dem nicht so. Es gab einen weiteren, kleinen Ruck und sie befanden sich in der Luft. Mit stockendem Atem sah Harry aus dem Fenster und beobachtete, wie die Häuser immer kleiner wurden.
„Merlin, Potter, mach den Mund zu", stichelte Draco. „Man könnte meinen du wärst noch nie-"
„Draco." Allein dieses milde ausgesprochene Wort brachte den jungen Malfoy augenblicklich zum Schweigen.
Snape, der Lucius gegenüber saß, sah düster und angespannt aus. Seine schlechte Laune war Anreiz genug für die anderen, sich zu benehmen, bis sie direkt vor Gringotts landeten und die Kutsche gesammelt verließen.
„Severus und ich werden Mr. Potter begleiten", verkündete Lucius. „Ich habe Doyle beauftragt, euch zu folgen, damit euch nichts passiert. Geht bitte in ein Café in der Winkelgasse." Er sah seinen Sohn streng an. „Wandert nicht in irgendwelche Seitengassen ab, haben wir uns verstanden? Wir holen euch, wenn wir fertig sind."
„Falls ihr Probleme bekommt, aktiviert sofort die Siegelschlüssel", sagte Snape.
„Wirst du zurechtkommen, Harry?" fragte Hermine besorgt. „Sollen wir vielleicht mitgehen?"
„Nein, das ist schon in Ordnung." Harry drückte kurz ihre Hand. „Geht was trinken. Vielleicht könnt ihr ja danach nachsehen, ob Fred und George da sind."
„Machen wir", sagte Neville. „Viel Glück, Harry."
Damit trennten sie sich. Draco zog die anderen mit sich, während Snape und Lucius Harry in die große Haupthalle der Bank führten.
Der Kobold, der am nächstgelegenen Schalter saß, merkte deutlich auf, als er die drei Besucher kommen sah.
„Mr. Malfoy", knarrte er, „wie schön, dass Sie es so schnell einrichten konnten." Sein Blick fiel auf Harry. „Und Mr. Potter, Sie haben wir auch schon lange erwartet. Folgen Sie mir."
Beklommen folgte Harry dem Kobold, der sich schnaufend und ächzend von seinem Platz am Tresen kämpfte und in einen Seitengang watschelte. Sie mussten eine ganze Weile gehen. Es ging tief ins Innere der Bank, und nur noch magische Lichter erhellten den Zauberern den Weg.
„Chefkobold Gork erwartet Sie", grunzte der Angestellte, der sie geführt hatte, etliche Minuten später. Er stieß eine große Tür aus schwerem Holz auf und watschelte ohne ein Wort des Abschieds wieder von dannen.
„Sie sind immer noch die Freundlichkeit in Person, was?" fragte Harry sarkastisch.
„In der Tat. Die Angestellten von Gringotts haben jedoch andere Qualitäten, die Sie sicher zu schätzen lernen werden", erwiderte Snape düster. „Und nun kommen Sie, wir haben keine Zeit zu verlieren."
Schulterzuckend klopfte Harry an der offenen Tür an. Eine grobe, tiefe Stimme rief sie herein. Sie folgten der Aufforderung und betraten das Büro des Chefkobolds.
Harry hatte sich ein solches Büro irgendwie anders vorgestellt. Düster vielleicht, mit Millionen von Akten in unzähligen Regalen. Stattdessen saß Gork in einem großen, hellen Büro, das zwar respekteinflößend, aber keineswegs abweisend wirkte. Ein magisches Rohrsystem spuckte alle paar Sekunden Memos aus.
Gork selbst sah sogar für einen Kobold alt aus. Sein von Falten zerfurchtes Gesicht runzelte sich in alle Richtungen, als er die Besucher sah.
„Mr Malfoy, Mr Snape und Mr Potter, nehmen Sie Platz." Die drei Zauberer taten, worum sie gebeten wurden und belegten die drei Sessel, die vor Gorks enormem Schreibtisch standen. Die Tür schloss sich automatisch hinter ihnen. „Gringotts hat Sie schon sehnlich erwartet, Mr Potter. Es gibt diverse Dinge zu klären. Fangen wir am Besten gleich an. Haben Sie Ihren Schlüssel dabei?"
Harry nickte. Als Gork auffordernd eine gichtige Klaue ausstreckte, kramte er den goldenen Schlüssel aus seinem Allesträger und übergab ihn.
„Hmm, hmmmm", brummte Gork. „Dieser Schlüssel ist nur eine Kopie. Wer hat das Original?"
„Ich weiß nicht", sagte Harry. Ein Gefühl der Beklemmung beschlich ihn. „Das ist der Schlüssel, den Hagrid mir an meinem elften Geburtstag gegeben hat. Ich hatte nie einen anderen."
Gork sah ihn durchdringend aus seinen kleinen, fiesen Augen an. Dann schmatzte er kurz mit den Lippen und bleckte die Zähne in einem bösartigen Grinsen. „Gut, gut. Das finden wir schnell heraus." Er drückte einen Knopf und schnatterte etwas in Koboldsprache. Nur Sekunden später rauschte eine dicke Akte aus dem Aktenrohr und klatschte vor ihm auf den Tisch.
„Das ist schlecht, oder?" murmelte Harry besorgt. Seine Augen konnten kaum den schnellen Fingern des Kobolds folgen, als er in rasanter Geschwindigkeit durch die Akte blätterte.
Snape zu seiner linken und Lucius zu seiner rechten sahen ebenfalls nicht besonders erfreut aus.
„Ah ja, hier steht es ja." Gork bleckte wieder die Zähne. „Anscheinend hat Albus Dumbledore erwirkt, Mr. Potters Finanzen zu regeln, solange er unmündig ist. Der Minister hat diesen Anspruch bestätigt."
„Dumbledore hat meinen echten Schlüssel?" fragte Harry verwirrt. „Wieso hat er ihn mir nicht gleich gegeben? Wozu die Kopie?"
„Diese Kopie ist mit einer Begrenzung versehen, Mr. Potter", sagte Gork. Er drehte den Schlüssel in seinen klauenhaften Fingern. „Sie können damit maximal einhundert Galleonen pro Jahr in bar aus Ihrem Verlies holen."
„So viel hab ich ja nie gebraucht", sagte Harry schulterzuckend. „Ich wollte was für später aufheben."
„Nur hundert Galleonen?" hakte Lucius stirnrunzelnd nach. „Das reicht ja kaum für alle Schulbesorgungen."
„Wurde Mr. Potters Schulgeld automatisch an Hogwarts weitergeleitet?" fragte Snape.
„Ja, Mr. Snape, so ist es. Fünftausend Galleonen pro Jahr gingen an Hogwarts."
„Das ist nicht der normale Satz für Schüler", schnarrte Snape. „Und ich kann Ihnen eidesstattlich versichern, dass Mr. Potter nicht in einem Sondergemach gewohnt und auch keinen vollen Hauselfenservice genossen hat."
Sprachlos sah Harry seinen Lehrer an. „Was soll das heißen? Es gibt verschiedene Schulgebühren? Wozu?"
„Extrem reiche Eltern neigen manchmal dazu, ihre Sprösslinge zu sehr zu verwöhnen", erklärte Lucius. Seine Miene war hart, doch seine Stimme klang relativ entspannt. „Um diese Kundschaft nicht an andere Schulen in der Welt zu verlieren, hat Hogwarts besondere Räumlichkeiten und Services bereitgestellt. Nur hat die schon seit hundert Jahren niemand mehr in Anspruch genommen."
„Außer mir, wie es scheint", grollte Harry sarkastisch. „Was soll das? Ich habe seit dem ersten Jahr mit meinem Haus zusammen gewohnt und ganz sicher keine eigene Hauselfe gehabt."
Gork grinste breit. „Ist das so, Mr. Potter?" Er wühlte in einer Schublade herum und zog ein Formular hervor. „In diesem Fall füllen Sie bitte diesen Antrag auf Überprüfung aus. Mr. Snape hat sich ja freundlicherweise schon als Zeuge zur Verfügung gestellt. Das zu viel gezahlte Schulgeld können wir ganz problemlos zurückbuchen. Hogwarts muss beweisen, dass Sie die Premium-Unterbringung tatsächlich in Anspruch genommen haben."
Harry funkelte Gork an, während er den Antrag entgegennahm und unterschrieb. „Tun Sie das."
„Mit Vergnügen." Gork schien ernsthaft zu meinen, was er sagte. „Aber leider ist das nicht der eigentliche Grund, aus dem wir Sie hergebeten haben."
„Wieso hergebeten? Ich komme, weil mich eine Freundin drauf gebracht hat", entgegnete Harry argwöhnisch. „Ich wollte fragen, ob Sie mir mit meinem Stammbaum helfen können."
Gork lehnte sich vor und musterte ihn genauso argwöhnisch, wie Harry klang. „Mr. Potter, Gringotts hat im Laufe der letzten achtzehn Monate genauso viele offizielle Briefe an Sie geschickt, in denen Sie aufgefordert wurden, uns zu besuchen und Ihre Angelegenheiten zu klären."
„Ich hab keinen Brief bekommen", erwiderte Harry. „Weder in den Ferien, noch in der Schule."
Gork setzte sich wieder aufrecht hin und faltete die Hände. „Tatsächlich? Nun, sei es wie es sei, Sie sind nun hier. Lassen Sie uns beginnen."
Er klatschte in die Hände, und sofort wurde es dunkel. Ein hell leuchtender Wandteppich entrollte sich. Auf ihm stand: Harry Potter, Zauberer, Verliese 812, 513, 109, 658.
„Ich hab mehrere Verliese?" Harry war verblüfft. „Wieso hat mir das keiner gesagt?"
„Ich kann mir denken warum", grollte Snape. „Wie ist der Stand der Dinge, Chefkobold Gork?"
Der Kobold knurrte. „Die Verliese 109 und 513 sind mit Blutbannen geschützt, so dass nur jemand aus der Familie sie betreten kann. Aber die Verliese 812 und 658 waren nicht spezifisch geschützt, nur mit dem Schlüssel und dem Erbschein, beziehungsweise mit der Ministerialbestimmung. Das Verlies 812 ist jenes, aus dem Mr. Potter jedes Jahr Geld abgehoben hat und aus dem das Schulgeld bezahlt wurde. Aus dem Verlies 658 sind jedoch andere Summen abgeflossen, die wir als nicht vollständig autorisiert verbucht haben."
„Was für Summen?" Lucius' Stimme klang sehr autoritär, beinahe wütend.
Harry war froh, seinen Begleitern die Befragung zu überlassen. Er kannte sich mit Geldangelegenheiten ja überhaupt nicht aus, und bei beiden vertraute er darauf, dass sie ihm nicht schaden wollten. Immerhin hatten sie es geschworen. Außerdem hatte gerade Lucius so viel Geld, dass er es auf Harrys paar armselige Galleonen sicher nicht abgesehen hatte.
„Es handelt sich um monatliche Beträge verschiedener Größenordnungen, die an unterschiedliche Empfänger gegangen sind." Gork wedelte ungeduldig mit seiner Hand. Der Wandteppich wurde erst weiß, dann füllte er sich mit scheinbar endlosen Kolonnen an Zahlen und Namen.
„Sieh an, die Weasleys", sagte Lucius sanft. „Schau ruhig hin, Harry, dahin ist dein Geld gegangen. Wusstest du davon?"
Harry konnte sich nicht einmal mehr darüber wundern, dass Lucius ihn mit einem Mal duzte, so schockiert war er. „Nein", gab er mit schwacher Stimme zu.
„Ich bin ziemlich sicher, dass auch niemand davon erfahren sollte", sagte Snape düster. „Chefkobold Gork, bitte fertigen Sie eine komplette beglaubigte Abschrift der Kontobewegungen an."
„Aber natürlich, Mr. Snape." Gork wandte sich Harry zu. „Ihrer Reaktion entnehme ich, dass Sie nicht einverstanden mit den Abbuchungen sind?"
Zittrig schüttelte Harry den Kopf. Merlin, bis heute hatte er nicht einmal gewusst, dass er noch mehr Gold besaß als das in seinem alten Verlies, und das war schon viel gewesen. Jetzt stellte sich auch noch heraus, dass man ihn dreist bestohlen hatte! Was hatten denn die Weasleys mit seinem Geld zu tun?
„Wie lange geht das schon?" fragte er traurig. „Dass die Weasleys Geld von mir bekommen, meine ich."
Gork blätterte kurz in seinen Unterlagen. „Seit dem Tag, an dem Sie den dunklen Lord das erste Mal besiegt haben, Mr. Potter."
Snape schnaubte ungeduldig. „Kann etwas getan werden, um das Geld zurückzubekommen? Immerhin wurde es unrechtmäßig entwendet." Er bedachte Harry mit einem undefinierbaren Blick aus seinen dunklen Augen. „Ich zweifle nicht daran, dass Sie den Weasleys von sich aus gern geholfen hätten …"
„Sie haben immer abgelehnt, wenn ich damit angefangen habe", murmelte Harry. Er stand völlig neben sich und wusste nicht mehr, wo links oder rechts war, geschweige denn richtig und falsch.
„Wollen Sie, dass Gringotts alles zurückholt?" Snape wartete geduldig, während Harry mit sich haderte.
„Ja, ich glaube schon", sagte Harry schließlich. „Wenn das überhaupt geht."
„Oh, es geht wunderbar, Mr. Potter", grinste Gork böse. „Wir Kobolde lassen unseren Kunden viele Freiheiten, aber unbescholten kommt niemand davon." Er lachte düster. „Aaah, ich liebe es, gemein zu sein." Er holte einen weiteren Antrag hervor, füllte alle relevanten Stellen aus und schob ihn dann Harry hin, der ihn müde durchlas. „Sie müssen lediglich unterschreiben, Mr. Potter, den Rest erledigt Gringotts mit Freuden."
„Ja, tun Sie es", meinte Snape hämisch. „Das Gesicht vom Alten möchte ich sehen, wenn er merkt, dass sein Geldhahn zugedreht wurde."
„Möchtest du auch Anzeige wegen Diebstahl und Vertrauensmissbrauch erstatten?" fragte Lucius. „Einen Schutzbefohlenen zu betrügen und bestehlen ist ein übles Verbrechen, das mit Ächtung bestraft werden kann. Dumbledore war für dich verantwortlich, aber er hat dich nicht nur zu diesen unmöglichen Muggeln gegeben, sondern dich auch noch bestohlen und schlecht behandelt."
„Das ist alles gerade etwas viel", stöhnte Harry, als er seine Unterschrift unter das Dokument setzte. „Können wir damit bis morgen warten?"
„Ich fürchte, wir sind immer noch nicht fertig", unterbrach Gork ihr Gespräch. „Da ist noch die Angelegenheit Sirius Black, die wir schleunigst klären müssen. Die Frist verfällt am Jahreswechsel."
„Was ist mit Sirius?" Harry war nicht sicher, ob er noch mehr ertragen konnte. „Er ist tot, Dumbledore hat ihm doch hoffentlich nicht auch noch alles weggenommen?"
„Im Gegenteil, Mr. Potter." Gork legte einen dicken Umschlag auf den Schreibtisch. „Sie sind sein alleiniger Erbe."
„Ich bin was, bitte?" krächzte Harry.
„Sirius Blacks Erbe." Gork schlitzte den Umschlag mit einer Kralle auf. „Sicherlich haben Sie nicht geglaubt, dass Ihr Pate Ihnen nichts hinterlassen hätte?"
„Er hat dem Orden des Phönix den Grimmauldplatz hinterlassen, aber das war auch alles."
„Ah, ich verstehe. Ja, das war alles, von dem der Orden wissen sollte. Mr. Black hat sehr spezifische Anweisungen für den Fall hinterlassen, dass er vor seiner Zeit sterben sollte. Das hier ist sein amtliches Testament."
Ein Kloß bildete sich in Harrys Hals und er hatte Mühe, die frustrierten Tränen zu unterdrücken, die er plötzlich in den Augen hatte. Lucius' Hand fand ihren Weg in sein Haar und streichelte ihn leicht.
Gork begann, das Testament vorzulesen. Es fiel Harry schwer, ihm zuzuhören. Das, was er am sehnlichsten wollte, konnte ihm das Testament sowieso nicht geben: seinen Paten, lebendig und gut gelaunt.
Gork ließ sich von seinem Gefühlsausbruch nicht stören. „Ich, Sirius Orion Black, hinterlasse meinem Patenkind Harry James Potter alle meine Besitztümer auf dieser Welt, falls ich auf unnatürliche Weise sterben sollte. Dazu gehören alle Verliese meiner Familie, meine Grundstücke und Anwesen, jegliches Mobiliar und alle Schätze in diesen Anwesen, alle Geschäfte, die meine Familie betrieben hat, sowie die Rechte an den unten einzeln aufgelisteten Teilhaberschaften."
Lucius stieß einen anerkennenden Laut aus.
„Mein Ahnenhaus, Grimmauldplatz 12 in London, geht automatisch mit der rechtmäßigen Verlesung dieses Testaments an mein Patenkind. Jegliche vorherige Versprechen anderen Personen gegenüber sind ab sofort und für alle Zeit hinfällig. Meinem Patenkind übergebe ich außerdem die Verantwortung für die Unterbringung und Versorgung von Remus John Lupin, sollte er nach meinem Tod noch am Leben sein." Gork räusperte sich. „Das wäre mehr oder weniger alles. Die weniger offiziellen Teile des Testaments können Sie später in Ruhe nachlesen, Mr. Potter. Gringotts interessiert Ihre persönlichen Belange nicht, die können Sie nach Belieben selbst regeln."
„Da war der Köter ja mal gar nicht so dumm", sagte Snape in die angespannte Stille, die darauf folgte.
Harry wollte sich darüber aufregen, aber Snapes Stimme hatte nicht abwertend oder giftig geklungen, daher beließ er es bei einem rügenden Seufzen. Lucius' Finger in seinem Haar beruhigten ihn, auch, wenn dieses Testament eine bittere Pille war. Er hatte Sirius sehr geliebt; sein Erbe interessierte ihn eigentlich nicht. Allein wegen der Erinnerungen an seinen Paten war er bereit, es anzunehmen.
„Sagen Sie, Chefkobold Gork", sagte Harry leise, „kann ich jetzt sofort das Haus am Grimmauldplatz wieder in Besitz nehmen?"
Gork grinste sein breites, scharfzähniges Koboldlächeln. „Selbstverständlich, Mr. Potter. Um das Erbe anzunehmen, brauche ich nur etwas Blut von Ihnen, sowie diverse Unterschriften auf dem Erbschein. Das bewirkt, dass die Schutzzauber und Banne auf Sie übergehen."
„Das geht schnell", sagte Lucius ruhig. „Danach kannst du ganz in Ruhe überlegen, wie du weiter vorgehen möchtest."
Gork kam um den Tisch gewatschelt und baute sich vor Harry auf. In einer Hand hielt er das Testament, in der anderen eine große Schreibfeder.
„Ich steche Ihnen jetzt mit dem Federkiel in den Finger. Haben Sie keine Angst, das tut nur eine Sekunde lang weh."
Harry nickte. Er hatte mit bösartigen Federn ja schon Erfahrung. Dieses Mal tat er es wenigstens für sich selbst und musste es nicht als Strafe ertragen.
Gork war wirklich sehr schnell und professionell. Die Feder hatte kaum Harrys Fingerkuppe berührt, da hatte sich der gläsern aussehende Kiel auch schon mit ein paar Tropfen Blut gefüllt. Die Stellen, die Harry unterzeichnen musste, wurden ihm anschließend gezeigt, so dass das nur wenige Augenblicke in Anspruch nahm.
„Sie werden sich gleich ein wenig merkwürdig fühlen", grollte Gork, als sie damit fertig waren. „Machen Sie sich keine Sorgen. Alle Schutzbanne und Zauber gehen nun auf Sie über. Das beansprucht Ihre Magie, aber Sie sollten sich bald davon erholen."
„Er hat eine magiedämmende Barriere auf sich liegen", sagte Snape, als Harry wirklich etwas schwindelig wurde und er sich am Stuhl festhielt, um nicht umzukippen.
Gork knurrte etwas in seiner Sprache, dann fing er sich wieder. „Schaffen Sie ihn zu einem Heiler. Sirius Black und seine Familie haben starke Banne errichtet, die schwache Zauberer ohne weiteres töten können. Hier haben Sie einen Notfallportschlüssel, der bringt Sie ins Krankenhaus."
Lucius erhob sich elegant aus seinem Sessel. „Das werden wir tun. St. Mungos ist ja gleich nebenan."
„Ich bringe ihn hin", verkündete Snape. „Kümmere du dich bitte hier um den Rest, Lucius. Vielleicht brauchen die Tölpel drüben meine Hilfe." Damit packte er Harry am Arm und nahm den Portschlüssel an sich. Nur Sekunden später waren er und Harry verschwunden.
Ende Teil 7
