Hier ist also der finale Tag. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen. Über eine Review würde ich mich sehr freuen.
Disclaimer: Numb3rs gehört mir nicht.
Tag 7, Dienstag
Als ich das erste Mal die Augen öffne, ist Charlie im Begriff, den Raum zu verlassen.
"Wo willst Du hin?" Meine Stimme klingt verschlafen. Doch selbst meine müden Augen sehen, als er sich zu mir umdreht, in seinem Blick das Glitzern, das ich bisher nur gesehen habe, wenn er von seiner Arbeit gesprochen hat.
"Ich muss mal für kleine Charlies. Schlaf weiter."
Während er das Zimmer verlässt, mache ich, was er gesagt hat, drehe mich um, schließe meine Augen wieder und versinke in einem leichten Schlaf. Im Traum blitzen einige Bilder der vergangenen Woche auf, doch keins bleibt dauerhaft oder ist eine lebendige Szene. Es sind nur Erinnerungsfetzen.
Der Platz neben mir ist noch immer leer, als ich das nächste Mal aufwache. Ich schaue auf den Wecker, es ist fast 9 Uhr. Dann schaue ich wieder auf die Stelle, an der er gestern Abend gelegen hat. Auf dem Kissen liegt eine handgeschriebene Nachricht.
Guten Morgen Dornröschen,
Du hast so friedlich geschlafen, dass ich es nicht über mich gebracht habe, Dich zu wecken. Ich muss kurz etwas erledigen, bin aber spätestens um 9:30 Uhr wieder zurück, damit wir dann gemeinsam zu Wendy und Jan fahren können.
Charlie
Ich reibe meine Augen und lese die Nachricht ein weiteres Mal, dann stecke ich sie zwischen den Deckel und die erste Seite meines Buches. So wird sie nicht knicken, denn es ist eine weitere Erinnerung an die letzte Woche, die ich bewahren möchte. Anschließend stehe ich auf und erledige meine morgendliche Routine. Die gestern im Bad ausgezogene Hose ziehe ich wieder an und hole aus dem Schrank ein sauberes T-Shirt. Dann beginne ich zu packen.
Sorgfältig lege ich alles in den Koffer. Nur ein paar Toilettenartikel für den Flug, ein T-Shirt zum Wechseln, mein Buch sowie meine Papiere lasse ich draußen und lege sie, nachdem mein Koffer verschlossen ist, in meine Umhängetasche. Als ich damit fertig bin, höre ich, wie die Tür zur Suite geöffnet wird. Charlie ist pünktlich, doch er kommt nicht zu mir. Deshalb nehme ich meine Sachen und verlasse das Zimmer. Das Gepäck lasse ich im Wohnraum stehen und gehe auf Charlies Tür zu, die geschlossen ist. Ich klopfe an.
"Moment."
Natürlich frage ich mich, was er vor mir zu verbergen hat, trotzdem warte ich geduldig vor der Tür, bis er mich hineinbittet. Sein Koffer ist verschlossen, ebenso sein Rucksack. Er sitzt auf dem Bett und schaut mich an, als ich den Raum betrete, dabei sagt sein Blick nichts.
"Hast Du gut geschlafen?" Seine Frage reißt mich aus meinen Gedanken, doch ich nicke wahrheitsgetreu. Wer könnte an seiner Seite schon schlecht schlafen? Ich auf jeden Fall nicht.
"Und Du?"
"Wie auf Wolken. Dein Bett ist viel bequemer als meins, das ist gemein. Du und Wendy, Ihr habt bestimmt vorher Probe gelegen, oder?!" Wieder einmal grinst er, daran habe ich mich schon gewöhnt, doch bald werde ich es nicht mehr ständig zu Gesicht bekommen. Der Moment ist nicht mehr fern.
"Du hast Recht! Wir sind hier her gefahren, haben erst mal eine Stunde Probe geschlafen, dann entschieden, welches Zimmer ich nehme, und uns dann auf den letzten Drücker auf Wendys großen Tag vorbereitet. Du hast mich durchschaut." Darauf erwidert er nichts, sondern schaut mich nur aus seinen unergründlich schönen Augen an. "Können wir jetzt gehen? Ich muss nachher noch einen Flug bekommen." Meine Stimme ist zu schnippisch, schließlich hat er mir nicht wirklich etwas getan, obwohl er für das Chaos in mir verantwortlich ist.
"Natürlich." Langsam erhebt er sich von seinem Bett. "Ist irgendwas?"
"Nein. Ich bin nur gerne pünktlich."
Seinen Rucksack nimmt er auf den Rücken und seinen Koffer in die Hand. Gefolgt von ihm trete ich in den Wohnraum, in dem sich mein Gepäck befindet. Meine Umhängetasche lege ich über den Kopf auf die Schulter, so dass der Riemen quer über meinen Oberkörper verläuft. Dann möchte ich meinen Koffer hochheben, doch Charlie ist ein Gentleman und nimmt ihn mir ab. So verlassen wir den Raum.
Zum letzten Mal schließe ich die Tür zur Suite hinter mir. Das Hotelzimmer und die damit verbundenen Gedanken liegen hinter mir, auch wenn ich die Erinnerungen in meinem Gehirn detailliert gespeichert habe. Vom Fahrstuhl verabschiede ich mich, während der kurzen Fahrt ins Erdgeschoss. Dort checken wir aus und bezahlen die Minibarrechnung. Der Herr am Empfang bestellt uns ein Taxi.
Während wir warten, sagt keiner von uns ein Wort. Die Stille ist bedrückend, weshalb sie meine Gemütslage perfekt wiedergibt. Die Leere, die beginnt, von mir Besitz zu ergreifen, kann ich nicht in Worte fassen. Selbst die Tatsache, dass ich ihn erst kurz kenne und wenig über ihn weiß, vertreibt die Angst vor dem nahenden Abschied nicht. Ich möchte nicht in mein altes Leben zurückkehren, doch mir bleibt nichts anderes übrig. Damit ich weiterhin funktionieren kann, muss ich so tun, als ob die vergangene Woche nicht stattgefunden hat, dafür ist gedankliche Leere wie gemacht.
Als Charlie mich darauf aufmerksam macht, dass das Taxi da ist, reißt er mich wieder einmal aus meinen Gedanken. Das Gepäck legt er in den Kofferraum, während ich mich auf den Rücksitz setze. Augenblicke später folgt er und setzt sich an meine Seite. Daraufhin sage ich dem Fahrer, wohin es geht. Er fädelt das Taxi in den Verkehr ein, dabei dreht er das Radio lauter. Die komische, deutsche Musik, die daraus plärrt, ist das einzige Geräusch im Taxi. Aber auch die Musik kann nicht aufhalten, dass die Stille zwischen uns Meter für Meter der Fahrt zunimmt und spürbarer wird. Im Moment wünsche ich mir nur noch, endlich vor dem Haus zu halten, in dem sich Wendys und Jans Wohnung befindet. Als das geschieht, hat die Stille und die Leere gänzlich von meinen Gedanken Besitz ergriffen.
Ich denke nicht mehr nach, zumindest nicht über DAS Thema. Ein schwarzes Loch hat diese verschlungen. Das freut mich, denn so bin ich bereit, meine Fassade aufrecht zu erhalten und das Frühstück mit den Freunden zu genießen. Nachdem das Taxi bezahlt ist, dessen Kosten wir uns teilen, klingle ich. Ohne einen Laut aus der Gegensprechanlage zu vernehmen, ertönt der Summer. Während Charlie das Gepäck trägt, öffne ich die Tür und halte sie für ihn auf. Drinnen drücke ich auf den Knopf, um den Fahrstuhl heranzuholen, dessen Türen sich kurze Zeit später vor uns öffnen. Diese gleiten wieder zu, als wir ihn betreten haben. Dann fahren wir hoch.
Die Tür zur Wohnung ist nur angelehnt, als wir sie erreichen. Deshalb treten wir ein, ohne weiter auf uns aufmerksam zu machen. Erst als wir im Flur stehen, rufe ich eine Begrüßung in die Wohnung. Daraufhin bittet Wendy uns, in die Küche zu kommen. Unser Gepäck lassen wir im Flur stehen und folgen dann ihrer Bitte. Mein erster Blick, als wir die Küche betreten, fällt auf die Anrichte, die mit Tellern bedeckt ist, auf denen Wurst, Käse, Obst und süße Brotaufstriche verteilt sind. Grob geschätzt würde ich behaupten, dass das für uns Vier zu viel ist.
Im Moment ist Wendy dabei, eine Gurke in Scheiben zu schneiden, die sie auf einen weiteren Teller drapiert. Nachdem wir uns begrüßt haben, schickt sie uns mit ein paar Tellern auf die Dachterrasse. Dort richtet Jan alles für uns her und schließt gerade die Tischdekoration ab, indem er das Besteck feinsäuberlich hinlegt. Auch ihn begrüßen wir, nachdem wir die Teller abgestellt haben. In diesem Augenblick fällt mir zum ersten Mal an diesem Tag auf, dass die Sonne heute strahlend hell scheint. Doch selbst die schafft es nicht, das Dunkel zu vertreiben, das in mir herrscht. Weil es mir zu hell ist, kehre ich unter dem Vorwand, Wendy helfen zu wollen, in die Küche zurück. Fragend schaut sie mich an, als ich zu ihr trete.
"Was kann ich machen?" Sie legt das Messer weg, mit dem sie zuvor die Gurke geschnitten hat.
"Was hast Du, Amita?"
"Nichts. Wir sollten das hier jetzt fertig machen." Ihrem Blick weiche ich aus, denn mir ist klar, dass sie schon ahnt, worum es geht. Zur Ablenkung nehme ich die Radieschen und will damit zum Waschbecken gehen, doch sie ergreift meinen Arm und hält mich fest. Widerwillig schaue ich sie an.
"Komm mit." In ihrer Stimme schwingt Nachdruck mit, dem ich mich nicht widersetzen kann.
Nachdem ich die Radieschen abgelegt habe, zieht sie mich am Arm fort von der Arbeitsplatte auf den Flur hinaus. Von dort gehen wir ins Gästezimmer, mein ehemaliges Zimmer und setzen uns auf das gemachte Bett.
"Wir sind Freunde, mehr nicht. Das hat er mir gestern gesagt, das ist los. Wieso habe ich auch gedacht, dass ich glücklich werden kann?" Obwohl ich nichts sagen wollte, sprudelt es jetzt aus mir heraus, dabei schaue ich Wendy an. "Möchtest Du mehr wissen oder reicht Dir das?" Unlängst habe ich resigniert, was dieses Thema betrifft.
"Amita, das tut ..."
"Lass gut sein. Ich habe geträumt, doch mein Traum wurde von der Realität eingeholt. Mehr gibt es nicht zu sagen." Ich stehe auf und gehe zur Tür.
"Du gibst auf?" Weil sie es ist, drehe ich mich um und schaue sie an. "Du hast niemals aufgegeben."
"Alleinsein ist besser für mich." So ehrlich unehrlich war ich noch nie zu ihr, obwohl sie meine wahren Gefühle und Gedanken kennt, ist es besser so. Während ich darüber nachdenke, erhebt sie sich und kommt zu mir. Sie legt ihren Arm um meine Schulter und führt mich zurück zum Bett, auf das wir uns wieder setzen.
"Du bist für mich wie eine Schwester, darum sage ich Dir eines und das sage ich nur einmal: Erzähl ihm von Deinen Gefühlen!" Nach dieser Aussage hält sie inne, vermutlich will sie so das Gesagte unterstreichen. "Nicht nur ich denke, dass Ihr für einander geschaffen seid. Auch Jan, der Charlie sehr viel besser kennt als ich, sieht das so. Denk doch einfach an die Reaktionen der männlichen Hochzeitsgäste. Die wollten Dich und waren eifersüchtig auf Charlie. Du siehst gut aus, bist intelligent, verstehst Charlies Welt und sein Leben. Was willst Du mehr?"
"Sicherheit." Manchmal ist die Wahrheit am einfachsten.
"Eine Garantie, dass es funktioniert, kann Dir niemand geben, daran musst Du selbst arbeiten." Mit ihren Worten hat Wendy mich ermutigt, zumindest empfinde ich im Moment Mut.
"Lass uns zurückgehen."
Gemeinsam stehen wir auf und kehren zurück in die Küche. Während wir weg gewesen sind, sind alle fertig vorbereiteten Teller auf die Terrasse gebracht worden. Durch die Glasfassade sehe ich die Männer draußen Kaffee trinken, dabei unterhalten sie sich, doch wegen der geschlossenen Tür verstehe ich nichts. Endlich wasche ich die Radieschen, während Wendy die Gurke zu Ende schneidet. Als wir das Gemüse auf den letzten freien Teller gelegt haben, verlassen wir damit die Küche und gehen auch auf die Terrasse.
Jan schenkt uns Kaffee ein, als wir uns setzen. Unsere Sitzplätze sind wie immer festgelegt, denn Wendy sitzt, wie nicht anders zu erwarten ist, neben ihrem Mann und ich neben Charlie. Gegenseitig wünschen wir uns einen guten Appetit, ehe wir uns an dem reichhaltigen Angebot bedienen.
"Freut Ihr Euch schon darauf, endlich wieder Eure Ruhe zu haben?" Offenbar kann Charlie Ruhe nicht ertragen, denn er hat ein Gespräch angefangen.
"Es geht so. Ruhe bedeutet, dass der Alltag einkehrt. Ich muss wieder arbeiten, habe Dich und die Person, die in der letzten Woche kennen gelernt, nicht mehr in unmittelbarer Nähe. Das ist schade, aber die Tage mit Euch beiden werden dadurch zu etwas Besonderem." Jans Aussage stimme ich innerlich zu.
"Und ich habe keine Gelegenheit mehr, mich in meiner Muttersprache zu unterhalten. Mein Deutsch ist mittlerweile zwar verhältnismäßig gut, aber Englisch ist und bleibt für mich einfacher. Da muss ich nicht lange überlegen, welches Wort richtig ist, ich weiß es einfach." Durch Wendys Kommentar weicht das Gespräch langsam vom Thema ab. "Allein die deutsche Grammatik... Die ist ganz schön kompliziert."
"Die englische Grammatik ist einfacher, da gebe ich Dir Recht, aber sie ist manchmal auch langweilig, da der Satzbau immer gleich ist." Jans Argument ist logisch, wobei einfach nicht immer schlecht ist, denn Deutsch ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.
"Das nenne ich mal einen Themenwechsel." Wendy lacht. "Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich Euch vermissen werde. Ihr seid jederzeit herzlich willkommen, denn die letzten Tage waren sehr schön."
Erst jetzt fällt mir auf, dass ich, obwohl ich mich nicht beteiligt habe, innerlich doch auf das Thema konzentriert war, denn ich habe nicht einmal an Charlie gedacht oder ihn nur angeschaut. So wird es hoffentlich bleiben, dann wird alles gut. Ich muss meinen Kopf nur mit einem charliefreien Thema beschäftigen. Im Moment eignet sich das Frühstück dafür sehr gut, dem sich die anderen schon widmen. Ich mache es ihnen nach und belege eine Scheibe Brot kunstvoll mit Käse. Während wir Essen wird abgesehen von nichts sagenden Einwürfen nicht viel gesprochen, trotzdem dauert das Frühstück eine gute Stunde.
Nachdem wir fertig sind, beginnt Wendy, die Reste in die Küche zu bringen. Mein Angebot, ihr dabei zu helfen, lehnt sie strikt mit der Begründung ab, dass ich ihr Gast bin. Stattdessen bittet sie Jan um Hilfe, der nun zusammen mit ihr in die Küche geht. Zurück bleiben Charlie und ich, gemeinsam sitzen wir am Tisch und schweigen. In mir keimt ein Verdacht auf, warum das in diesem Moment auf genau dieser Dachterrasse der Fall ist, doch ich sage trotzdem nichts. Stattdessen stehe ich auf und gehe zur Balkonbrüstung, um ein letztes Mal die Aussicht zu genießen und ihm zu entkommen.
Im Moment ist er auf dem besten Weg, wieder meine Gedanken zu besetzen. Dagegen muss ich etwas tun, deshalb konzentriere ich mich auf die Leere, die ich heute schon in meinem Kopf gehabt habe, doch sie kehrt nicht mehr zurück. Vielleicht muss ich in die Offensive gehen und mein Problem mit einer Schocktherapie bekämpfen, deshalb drehe ich mich um und betrachte ihn eingehend, während er einen Schluck Kaffee trinkt. Nachdem er die Tasse abgesetzt hat, dreht er sich zu mir um und schaut mich an.
Ich möchte etwas sagen, doch ich weiß nicht was. Wenn ich jetzt den Mund aufmache, kommt wahrscheinlich nur ein kehliger Laut hervor, der auch jedem anderen Wesen dieser Erde entstammen könnte, einschließlich der Tiere. Reden ist manchmal so schwierig, auch wenn es einfach aussieht, denn es gibt die bedeutungsschweren Worte und die inhaltslosen, letztere sind für das, was ich sagen möchte, nicht geeignet. Deshalb sage ich einfach nichts.
"Du stehst da wie eine Salzsäule. Dein Traumberuf ist demnach Dekoration." Schon bei diesen Worten umspielt ein Grinsen seine Lippen.
"Ich gebe mein bestes, um diese schon wunderschöne Dachterrasse noch zu veredeln."
"Damit hast Du sichtlich Erfolg. Ich würde diese Wohnung ungesehen kaufen, wenn ich nur wüsste, dass Du dazu gehörst." Wieder macht er mir Komplimente, auf die mir keine Erwiderung einfällt.
"Jetzt musst Du nur noch Wendy und Jan davon überzeugen, ihr Domizil aufzugeben und schon hast Du mich." Lächle, Amita, lächle. Wieso mir das jetzt herausgerutscht ist, frage ich mich, während ich auf seine Reaktion achte. Offenbar sieht er es als Scherz an, denn er grinst.
"So einfach bist Du zu haben? Keine Preisvorstellungen?" Das Grinsen wird zum Lachen und ich frage mich, warum er nicht damit aufhört. Gleichzeitig suche ich fieberhaft nach einer passenden Antwort.
"Dass ich unbezahlbar bin, ist ja wohl eine Selbstverständlichkeit." In der Hoffnung, dass nichts auffällt, setze ich die Blödelei fort.
"Hm... Wenn das so ist, muss ich über das Geschäft noch mal nachdenken." Sein süßes, jungenhaftes Grinsen ist zurück.
"Das ist wahrscheinlich besser so, denn mit mir kommt viel Verantwortung. Du musst mich hegen und pflegen, sonst gehe ich ein." Am liebsten würde ich mir im Moment selbst vor den Kopf hauen, damit ich aufhöre, solche Dinge zu sagen.
"Ich nehme Dich beim Wort."
"Darauf bin ich gespannt." Während ich das sage, setze ich mich langsam in Bewegung und gehe auf ihn zu. Am Tisch angekommen greife ich nach meiner Tasse und trinke den letzten Schluck Kaffee, der noch darin ist. "Ich bringe meine Tasse rein. Kann ich Deine mitnehmen?"
"Ja." Meine Suche nach einem Ausweg ist von Erfolg gekrönt.
Nach seiner Antwort nehme ich diese vom Tisch und gehe in die Küche. Die Chance, mit ihm zu reden, habe ich dadurch zwar vertan, aber wie hätte ich nach so einem sinnfreien Gespräch eine vernünftige Überleitung finden sollen? Er selbst scheint meine ganzen versteckten Anspielungen nicht gesehen zu haben, denn er grinst einfach nur und folgt mir in die Küche. Dort stehen Wendy und Jan an die Arbeitsplatte gelehnt und unterhalten sich. Als sie uns bemerken, wenden sich beide zu uns. Mit einem neugierigen Blick schaut Wendy mich an, woraufhin ich leicht den Kopf schüttele. Währenddessen setze ich meinen Weg unbeirrt fort und räume die Tassen in die Spülmaschine, die Wendy anschließend anstellt.
Dann drängt Jan zum Aufbruch. Es ist zwar nicht weit bis zum Flughafen, doch wir müssen noch einchecken, unser Gepäck aufgeben und vielleicht noch eine Zeitschrift für den Flug kaufen. Das sind seine Argumente, denen ich nichts entgegen zu setzen habe. Rasch gehe ich auf das WC, während die anderen sich schon die Jacken anziehen. Als ich fertig bin, ziehe auch ich meine über und nehme mein Gepäck in die Hand. Das schaut Charlie sich nur einen Moment an, dann nimmt er mir den Koffer ab. Meine Schultertasche, die nicht wirklich schwer ist, darf ich aber selbst tragen.
Wir verlassen die Wohnung und gehen, nachdem wir mit dem Fahrstuhl hinuntergefahren sind und das Haus verlassen haben, zum Auto der beiden, das relativ weit weg steht. Sie haben gestern keinen besseren Parkplatz gefunden, aber das ist am Abend, wenn alle schon daheim sind, auch ein schwieriges Unterfangen in dieser Gegend, erklärt Wendy währenddessen. Als wir es erreichen, wird erst das Gepäck verstaut, dann die Personen. Wieder sitze ich neben Charlie, doch ich schaue ihn nicht an, stattdessen lasse ich meinen Blick ein letztes Mal über Hamburg gleiten. Schon jetzt weiß ich, dass ich bald wiederkommen werde, denn die Stadt hat mich in ihren Bann gezogen. Das liegt aber nicht nur an der Stadt, da bin ich mir sicher.
Schließlich erreichen wir den Flughafen, an dem alles angefangen hat. Der Zusammenstoß mit seinem Koffer war Schuld, dass Charlie mich im Starbucks angesprochen hat. Diese Ereignisse haben eine Kette von Erlebnissen in Gang gesetzt, die hier wieder ihr Ende findet. Nachdem wir ausgestiegen sind und das Gepäck aus dem Kofferraum geholt haben, gehen wir gemeinsam zum Terminal. Charlie stellt sich beim Schalter der British Airways an, ich ebenso. Als er dran ist, lässt er mir allerdings den Vortritt, weshalb mein Koffer als erster auf die Reise durch die Katakomben des Flughafens geht und ich vor ihm zu den Freunden zurückkehre. Es dauert jedoch nicht lange und er ist auch wieder bei uns.
Zu viert gehen wir, wie von Jan vorgeschlagen, in einen Zeitschriftenladen. Dort kaufe ich mir eine amerikanische Frauenzeitschrift mit Schminkanweisungen, die ich nicht beherzigen werde, und Beziehungstipps, die ich wegen dem Fehlen eines Mannes nicht anwenden kann. Das ist aber egal, denn deshalb habe ich sie nicht gekauft. Sie soll nur meinen Kopf ablenken, wenn ich im Flugzeug zur Ruhe komme und wieder Zeit zum Nachdenken habe. Dagegen ist Charlie nicht mit dem Angebot zufrieden, denn die mathematische Fachzeitschrift, die er gerne hätte, gibt es nicht, daher verlässt er einkaufslos den Laden.
Anschließend führt der Weg uns zur Sicherheitskontrolle, wo der erste Abschied stattfinden wird. Schon jetzt bin ich traurig. Ausnahmsweise hat es nichts mit Charlie zu tun, sondern mit Jan und Wendy, die ich vorerst nicht mehr sehen werde. Wir bleiben wenige Meter davor stehen und schauen uns alle an. Während Charlie einen Schritt auf Jan zumacht, gehe ich zu Wendy, bei der ich mich herzlich bedanke, dass sie mich zu ihrer Hochzeit eingeladen hat.
Lange haben wir uns nicht mehr gesehen und trotzdem hat sie an mich gedacht. Das betrachte ich nicht als selbstverständlich, auch wenn sie für mich die beste Freundin ist. Die zwischen uns liegenden Kilometer haben einiges verändert, sie hat ihr Leben hier aufgebaut und neue Bekanntschaften geschlossen, während ich meinen Traum in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent lebe. Doch ist es wirklich noch mein Traum? Schließlich habe ich hier Charlie kennen gelernt, was ich durchaus zu Wendys Verdiensten zähle. Als ich mit ihr ein paar letzte Worte wechsle, verabschiedet er sich von Jan.
Nicht ganz sieben Tage habe ich auf deutschem Boden verbracht, doch es kommt mir vor, als ob es Jahre sind. Ich habe den Menschen getroffen, der mich glücklich macht und mir das Gefühl gibt zu leben. Klug, witzig, charmant und zudem auch noch gut aussehend - er ist perfekt. Nie zuvor habe ich das gefühlt, was ich in seiner Gegenwart fühle. Es zerreißt mir beinahe das Herz, neben ihm zu stehen und zu wissen, dass diese sieben Tage, die ich zu den schönsten, merkwürdigsten und erfahrungsreichsten meines Lebens zähle, gleich ein abruptes Ende finden werden.
Obwohl ich weiß, dass es falsch ist, kann ich nur noch an ihn denken. Aber es ist noch genug von meinem Gehirn übrig, um mich auch von Jan herzlich zu verabschieden, den ich in den letzten Tagen lieb gewonnen habe. Währenddessen umarmt Charlie Wendy und nimmt, als er sich von ihr gelöst hat, seinen Rucksack vom Rücken. Daraus holt er einen Reiseführer für die Ostküste der USA hervor.
"Eine kleine Aufmerksamkeit von uns. So habt Ihr schon ein paar Anregungen für die Flitterwochen." Es ist sehr nett von ihm, dass er mich mit einbezogen hat, denn ich habe kein Geschenk für die beiden.
Jetzt liegt die Verabschiedung hinter uns, hier trennen sich die Wege. Mit einem letzten Blick zurück, einem Lächeln auf den Lippen und einem Winken zu Wendy und Jan schreite ich durch die Sicherheitssperre. Ich gehe voraus und setze dabei ganz selbstverständlich voraus, dass er mir folgt, schließlich startet mein Flug eher. Trotzdem ist mein Verhalten falsch, denn unsere Wege werden sich heute unweigerlich trennen, ob jetzt und hier oder später macht da keinen Unterschied. Er muss mir nicht folgen, es ist egal. Ich weiß nicht, wo er wohnt, habe keine Telefonnummer oder E-Mail-Adresse. Den Kontakt, den er mir bei der Hochzeit versprochen hat, wird es also nie geben. Habe ich denn wirklich gehofft, dass er es ernst meint, dass sich irgendwas zwischen uns entwickelt?
Trotz meiner Bedenken und meiner Gedanken ist Charlie mir gefolgt. Wir stehen mittlerweile an meinem Gate, denn mein Flug wird in Kürze starten, seiner bald darauf. Das ist auch der Grund, warum er nicht mit mir warten kann und mich gleich verlassen muss. Wir stehen uns gegenüber und schauen uns an.
Flug BA5401 nach Boston ist bereit zum Borden.
Die Ansage erschreckt mich, denn ich war überzeugt, noch etwas Zeit mit ihm zu haben. Die zeitgleich aufstehenden, sich an den Schalter begebenden Personen belehren mich eines besseren. Ich muss mich beeilen, um ihm das zu sagen, was ich sagen möchte. Meinen Blick richte ich wieder auf Charlie, der wie immer lächelt. Ihn scheint das alles nicht traurig zu stimmen, also hatte ich wohl doch Recht mit meiner Vermutung. Das Ganze war also doch meine Erfindung, wir sind nichts weiter als Freunde; Freunde, die sich nie wieder sehen werden. Deshalb werde ich nicht sagen, was ich fühle, sondern die Verabschiedung möglichst schnell hinter mich bringen. Ich setze zum Reden an, doch er legt mir seinen Zeigefinger auf die Lippen.
"Vielen Dank für die schöne Zeit, Amita." Er greift in seinen Rucksack und holt daraus ein Päckchen hervor, das er mir reicht. "Eine kleine Erinnerung an Hamburg." Neugierig beginne ich, einen Klebestreifen zu lösen, doch er legt seine Hand auf meine geschäftigen Finger. "Bitte öffne es erst, wenn das Flugzeug in der Luft ist." Ich nicke und stecke es dann vorsichtig in meine Umhängetasche.
"Ich ..."
Letzter Aufruf für Flug BA5401 nach Boston.
Die Zeit ist gegen mich und verrinnt viel zu schnell. Ich bin nicht bereit, Abschied zu nehmen, bin nicht bereit, dieses Flugzeug zu besteigen. Doch ich weiß, dass ich es muss, denn mein wahres Leben wartet nicht darauf, dass ich den Mut finde, den Mund aufzumachen.
"Ich habe leider nichts für Dich."
"Das ist auch nicht nötig, denn Du hast mir in den letzten Tagen so viel geschenkt. Durch Dich habe ich erkannt, was es heißt zu leben. Dafür danke ich Dir."
Ein Kloß im Hals hindert mich daran, etwas zu sagen, deshalb nehme ich ihn in den Arm und halte ihn einen Moment lang fest. Nachdem ich mich wieder von ihm gelöst habe, berühren meine Lippen seine ein letztes Mal. Beides erwidert er, aber nur leicht, wie es für Freunde üblich ist. Dann verlasse ich ihn.
Als ich mich abwende, laufen erste Tränen meine Wangen hinunter. Ich trete auf den Schalter zu, von dem aus mich ein Angestellter der Fluggesellschaft besorgt anschaut. Ohne ein Wort zu sagen, lege ich mein Ticket vor ihm hin. Während er es kontrolliert, drehe ich mich um und werfe einen letzten Blick zurück, doch Charlie ist verschwunden. Die Bordkarte nehme ich entgegen und gehe die Gangway entlang ins Flugzeug hinein. Ein Flugbegleiter deutet auf meinen Platz, dabei finden die Tränen unaufhörlich ihren Weg, ich versuche nicht einmal, sie zu verstecken.
Als ich mein Handgepäck verstaue, versiegen die Tränen, denn ich denke an das Geschenk, doch ich habe versprochen, es erst in der Luft zu öffnen. Deshalb schaue ich instinktiv auf die Plätze hinter mir, denn dort hat er gesessen, als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Jetzt sitzt da nur ein älteres Paar, dahinter eine junge Frau und ein kleiner Junge. Auch in den darauf folgenden Reihen entdecke ich ihn nicht. Charlie ist weg, ich bin alleine. In einer Endlosschleife laufen diese Wörter durch meinen Kopf, der Ton ist anklagend, schließlich habe ich nicht einmal versucht, ihn aufzuhalten. Wie in Trance setze ich mich schließlich auf meinen Platz und schnalle mich an.
Das Schließen der Türen geht an mir vorbei, ebenso die anschließende Fahrt zur Startbahn. Erst als das Flugzeug schneller wird und schließlich abhebt, kehre ich zurück ins Hier und Jetzt, denn ich denke an die eine Sache, die ich noch von ihm habe. Das Päckchen. Es dauert noch einige Minuten, ehe das Abschnallsignal ertönt. Danach stehe ich sofort auf, hole aus dem Gepäckfach über mir meine Tasche, die ich auf den freien Platz links von mir stelle, und hole es daraus hervor. Mit zitternden Fingern löse ich die drei Klebebandstreifen, woraufhin zwei Dinge zum Vorschein kommen. Ein Buch und eine Tasche. An letzterer baumelt eine kleine Karte, die ich lese, bevor ich die Tasche genauer betrachte.
Ich konnte Dich nicht ohne eine neue Tasche gehen lassen, das würde gegen Deinen Grundsatz verstoßen. Charlie
An die Tasche habe ich gar nicht mehr gedacht, aber er - eine schöne Geste. Lächelnd betrachte ich die schwarze Tasche, auf deren Klappe in weißen Lettern Hamburgerin steht. Obwohl ich noch immer traurig bin, erinnere ich mich an den gemeinsamen Einkaufsbummel mit Wendy und den Männern. Ein schöner Tag. Doch meine Neugierde siegt und ich widme meine Aufmerksamkeit dem Buch. Mit den Fingern fahre ich über die geprägten Buchstaben auf dem Deckel.
Es ist P.S. Ich liebe Dich, wobei ich mir wünsche, dass dies nicht nur eine Buchwahl ist, die meinen Geschmack trifft. Eigentlich bin ich mir sicher, dass es eine Aussage ist, woraufhin die Tränen wieder meine Wangen hinunterlaufen. Ich frage mich, wieso er mir das nicht selbst sagen konnte, warum er es mir so sagen musste. Jetzt ist er auf den Weg in ein anderes Land, weit weg von mir. Um mich herum versinkt die Welt in einem Schleier aus Tränen; die Tränen sind gemischt mit Wut über meine und offenbar auch seine Unfähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen. In diesem Augenblick legen sich auf meine Wangen zwei Hände, die mit den Daumenkuppen die Tränen wegwischen.
"Weine nicht wegen mir, dafür gibt es keinen Grund." Seine Lippen berühren meine liebevoll und lösen sich wieder. "Ich möchte und ich kann Dich nicht verlieren. England ist mir egal, das Leben ist mir egal, wenn Du nicht bei mir bist, Amita."
- ENDE -
