7. Kapitel: Der Tag eines Slytherins
Harry wachte so plötzlich auf, als hätte ihm jemand ins Ohr geschrieen. Er fing an zu lachen. Das alles war nichts weiter als ein Streich seiner eigenen Fantasie gewesen, nur ein schlimmer Traum. Er war eben aufgewacht und befand sich zweifelsohne in seinem Schlafsaal der Gryffindors.
„Was ist so lustig, Praott?"
Harry erkannte diese schreckliche, emotionslose Stimme sofort wieder. – Es war die von Severus Snape. Harry ließ sich in sein Bett zurückfallen. Das alles war also doch kein schlechter Traum gewesen, es war die nackte Realität. Er, Harry Potter, war in Slytherin.
„Was für ein Idiot ich doch bin! Warum habe ich diesem verfluchten Hut nicht zugehört! Und warum bei Merlins Bart hat er mich hierher geschickt? Kann der Hut mich wirklich einfach so in ein anderes Haus schicken? Ich muss das unbedingt so schnell wie möglich in der Bibliothek nachschlagen. Welch Ironie des Schicksals, ich bin in dem Haus all derer, die ich am meisten auf der Welt hasse."
„Na gut, aber das nächste Mal kannst du vielleicht leiser lachen, anstatt mich aufzuwecken."
„Wenn du wüsstest, wie egal mir dein Schönheitsschlaf ist!" Harry hatte große Lust, Snape zu nerven.
„Ich kenne dich nicht, Praott, aber sobald du einen falschen Schritt machst, dann werde ich da sein, glaub mir!"
„Genial – ganz abgesehen davon, dass ich in Slytherin bin, habe ich die Rumtreiber und Malfoy im Rücken und zusätzlich auch noch Snape am Hals. Bravo Harry, es wird immer besser. Ich habe das Gefühl, dass dieser Tag die reinste Hölle wird! Nein, das stimmt nicht, ich glaube, dass dieses ganze Jahr die Hölle wird!"
Es war noch ziemlich früh, doch Harry konnte nicht mehr einschlafen, also beschloss er, sich anzuziehen und in die Große Halle zu gehen.
Er trat hinaus in den kalten Gemeinschaftsraum.
„Kommst du mit frühstücken?"
Harry drehte sich zu der Person um, welche die Treppen herunterkam. Es war niemand anderes als Narzissa Black. Harry wollte zuerst ablehnen, doch eigentlich kannte er Narzissa gar nicht und vielleicht wäre die Freundschaft mit ihr ratsamer, sich nicht jeden hier zum Feind zu machen. Außerdem wäre es ein gutes Mittel, Geheimnisse über die Slytherins herauszufinden und Malfoy zu ärgern.
„Okay, Narzissa – du heißt doch so, oder?"
„Ja." Narzissa lächelte ihn breit an.
„Also, erzähl mir doch mal was über diese Schule hier und über die anderen Schüler."
„Nun ja, Slytherin ist das beste Haus, deswegen bist du wohl auch hier hergeschickt worden."
„…Natürlich", sagte Harry, ohne auch nur einen Augenblick lang daran zu glauben.
„In den anderen Häusern leben nur Schwächlinge, Schlammblüter oder Zauberer, die es nicht würdig sind, ihre Namen zu tragen."
„Ja…" Harry versuchte, sich unter Kontrolle zu halten, was eine harte Probe darstellte. Er behielt sein ausdrucksloses Gesicht, was Narzissa ihm abkaufte.
„Aber die schlimmsten Zauberer sind die in Gryffindor: Potter und seine kleine Bande. Sie glauben, dass sie sich alles erlauben können. Sie denken, dass sie die Herrscher Hogwarts' sind. Hüte dich vor ihren Streichen, offensichtlich haben sie es auf dich abgesehen. Ich denke, dass du spätestens beim Essen verstehen wirst, was ich meine, oder, wenn du ein Glückskind bist, dann erst im Unterricht."
„Sie spielen im Unterricht Streiche?"
„Ja, und die Professoren haben nie irgendwelche Beweise, um sie bestrafen zu können."
„Kriegen sie nie Strafarbeit?"
„Oh, doch, ich würde sogar sagen, sie sprengen dabei alle Rekorde", meinte das Mädchen mit einer Miene, die all ihre Verachtung gegenüber den Gryffindors wiederspiegelte.
„Ich verstehe…"
„Erzähl mir ein wenig von dir und Russland."
„Es ist ein großes, kaltes Land, vollkommen uninteressant." Harry versuchte schnell vom Thema abzulenken.
„Hm, schön, du willst nicht darüber reden, du könntest mir aber sagen, warum du hier bist?"
„Nein, lieber nicht. Das hat private Gründe."
„Na schön." Narzissa verzog das Gesicht – offenbar hätte sie gerne mehr erfahren. Für den Augenblick jedoch ließ sie Harry in Ruhe.
Endlich erreichten sie die Große Halle, die noch ziemlich leer war, abgesehen von ein paar Schülern, wie Lily Evans und zwei Mädchen, die Harry nicht kannte, eine Handvoll Ravenclaws und Slytherins, und den Professoren.
„Ich werde deinen Stundenplan abholen. Als Vertrauensschülerin habe ich das Recht dazu."
Harry nickte leicht und warf einen Blick zum Gryffindor-Tisch. Er bemerkte zu seiner Verblüffung, dass Lily ihn mit einem seltsamen Ausdruck ansah. Er grinste sie an, worüber sie sehr erstaunt schien, ehe sie sich wieder ihren Freundinnen zuwandte.
„Okay, keine Panik, Lily. Dieser Slytherin hat dich gerade angelächelt. Ist es möglich, dass ein Slytherin sympathisch sein sollte? Nein, das ist nicht möglich, es war sicherlich nur irgendeine Wette unter ihnen."
„Hier, dein Stundenplan. Ich sag dir lieber gleich, dass wir alle Stunden zusammen mit den Gryffindors haben." Narzissa zog eine Grimasse, aber Harry war darüber sehr froh.
„Wir haben zuerst zwei Stunden Verwandlung. Wer ist der Lehrer?" fragte Harry, der die Antwort eigentlich schon wusste.
„McGonagall. Sie ist sehr streng und auch noch Hauslehrerin von Gryffindor, das heißt, sie gibt den Gryffindors viele Extrapunkte."
„Ach ja?" Harry glaubte ihr kein einziges Wort. McGonagall hatte sie noch nie bevorzugt!
„Ja, glücklicherweise gibt es da aber auch noch Professor Rigante, die Zaubertränkelehrerin. Sie ist auch sehr streng und sie hasst die Gryffindors. Sie ist unsere Hauslehrerin. Heute haben wir sie leider nicht, dafür haben wir Geschichte der Zauberei. Es gibt kein langweiligeres Fach, kann ich dir sagen. Professor Binns ist ein Geist und er lehrt dieses Fach immer in derselben einschläfernden Stimme."
„Wir haben auch Verteidigung gegen die dunklen Künste, wer unterrichtet das Fach?"
„Da haben wir einen neuen Lehrer, der absolut keine Autorität hat. Der gestrige Kurs war wirklich schwach. Außerdem beherrscht er die Gryffindors nicht und erst recht nicht die Rumtreiber."
„Drei Stunden Verteidigung gegen die dunklen Künste werden also ziemlich übel, hm?"
„Ja, ich denke schon."
In dem Moment betrat Malfoy zusammen mit seiner kleinen Gruppe von Bewunderern die Große Halle.
Harry wusste, dass Malfoy die Tatsache, dass er zusammen mit Narzissa aß, sehr schlecht aufnehmen wird.
„Narzissa, komm mal bitte her, ich muss mit dir reden."
„Ich komme schon", sagte sie, wobei sie mit den Augen rollte, was Harry zum Grinsen brachte.
Die zukünftigen Malfoys waren also nicht gerade die große Liebe!
„Wenn du meine Meinung hören willst, solltest du nicht so viel mit ihr abhängen, es sei denn, du willst, dass wir dich von Lucius umgebracht in irgendeinem Korridor finden", riet Snape ihm, der sich eben neben Harry setzte.
„Ich bin an Morddrohungen gewöhnt."
„Ah ja?" Snape versuchte nicht einmal, seine Überraschung zu verbergen.
„Du solltest deine Gefühle etwas besser verstecken, sie verraten dich."
„Was kümmert's mich?"
„Ich hab das nur für dich gesagt, aber du kannst machen, was du willst, dein Leben geht mich nichts an!"
Harry verstand nicht, warum er das zu Snape gesagt hatte, vielleicht um ihm endlich einmal selber etwas beizubringen. Die Rollen waren jetzt vertauscht und das gefiel ihm wirklich sehr gut!
Aber er hatte nicht die Zeit, länger darüber nachzudenken. Er spürte, wie er sich auf seltsame Weise veränderte. Zu spät verstand er, dass die Rumtreiber ihm ihren ersten Streich gespielt hatten.
Harry war nun in Mädchensachen gekleidet, mit einem Lederrock, einem engen Top, das seine Muskeln schön zur Schau stellte, und seine Haare, die magisch gewachsen waren, waren zu einem Pferdeschwanz gebunden.
Alle männlichen Schüler brachen sofort in Lachen aus, doch was die weiblichen anging, die besahen sich Harry etwas eingehender – er hatte wirklich einen muskulösen Körper.
Harry blickte zum Gryffindor-Tisch und sah, dass die Rumtreiber vor Lachen auf dem Tisch lagen. Er beschloss also, in Aktion zu treten.
„Rideo canis Sirius!" Harry hatte diesen Spruch sehr leicht gelernt. Remus hatte ihm gesagt, dass man manche Basissprüche kombinieren konnte, um tolle Streiche zu spielen.
Sirius' Lachen verwandelte sich in ein tiefes Gebell, was ihn sofort zum Schweigen brachte. Harry nutzte das, um seine normale Gestalt wieder anzunehmen. Die Rumtreiber hatten jetzt den Blick auf Harry gerichtet, der ihnen vollkommen unschuldig zugrinste.
Sobald Sirius sprechen wollte, kam nur ein Bellen heraus, was die Große Halle – diesmal auch die Mädchen – abermals zum Lachen reizte. Selbst die Gryffindors und die Lehrer lachten mit.
Lily Evans lachte auch! Sie drehte sich zu Harry um und zwinkerte ihm zu, was Remus Lupin nicht entging.
„Komm schon Sirius, du musst zugeben, dass dieser Slytherin einen gewissen Humor hat!" versuchte es James, der sich mit aller Gewalt davon abhalten musste, um nicht ebenfalls in Lachen auszubrechen.
„Du wuff, wuff, findest das lustig, wuff, wuff, oder was, wuff?"
„Ähm… na ja…" James konnte sich nicht länger zurückhalten und brach explosionsartig in Lachen aus.
„Unter uns: Immerhin warst du es, der ihn mit dem Zauber provoziert hat", mischte sich Remus sehr philosophisch ein.
„Eben, wuff, wuff. Wie konnte er – wuff – wissen, dass – wuff, wuff – ich es war, wuff?"
„Ich weiß nicht, jedenfalls scheint Lily ihn gut leiden zu können. Ich habe gesehen, wie sie ihn angegrinst hat."
„WAS?" James war außer sich. Er lachte nicht mehr. Wie konnte der Slytherin es wagen, sie anzusehen!
„Wuff, wuff. Gut gemacht, Junge. Wuff, wuff!" Sirius stieß kleine Schreie aus, die einem Lachen ähnelten.
„Komm mit, ich bring dich in den Krankenflügel. Beeil dich, sonst kommen wir zu spät zum Unterricht bei McGonagall", meinte James, der noch immer verärgert war.
„Dieser Slytherin scheint mir doch recht sympathisch zu sein. Endlich einmal hat jemand ihren Scherz gegen sie zurückgeschickt. Das war wirklich lustig", dachte Lily.
Harry sah, wie James und Sirius die Große Halle verließen und er konnte auch sehen, dass James nicht gerade glücklich schien. Er sah sogar ziemlich wütend aus.
„Ich sehe, du kannst dich verteidigen. Endlich einmal misst sich jemand mit ihnen", rief Snape mit einer fast erfreuten Stimme aus, die Harry von ihm gar nicht kannte.
„Sie haben mich herausgefordert. Er hat nur das bekommen, was er verdient hat."
„Warum hast du nur auf Black einen Spruch angewendet?"
„Er heißt Black?" Harry kannte die Antwort, aber diese Ablenkung ermöglichte es ihm, nicht auf Snapes Frage antworten zu müssen.
„Ja, Sirius Black."
„Er kommt aus Narzissas Familie?"
„Narzissa und Bellatrix sind seine Cousinen."
„Warum sind sie dann in Slytherin und er nicht?"
„Die Blacks sind eine sehr alte, reinblütige Familie. Alle ehren diese Reinblütigkeit, nur Sirius Black ist mit ihnen nicht einer Meinung. Er wurde diesen Sommer von seiner Familie verstoßen", berichtete Snape mit einem bösen Grinsen, das Harry ganz und gar nicht gefiel.
„Ich verstehe… Ich gehe in die Bibliothek."
„Du weißt, wo sie ist?"
„Ähm… nein." Harry konnte ihm nicht sagen, dass er es wusste. Snape wäre sonst zu überrascht gewesen und hätte Zweifel gegen ihn gehegt.
Also standen sie beide auf und wollten die Große Halle verlassen, als Lucius sich vor Harry aufbaute. „Bravo, Praott, du bist wirklich mächtig. Jetzt verstehe ich, warum du bei uns bist. Aber ich warne dich dennoch, Slytherin oder nicht, komm Narzissa niemals zu nahe. Hab ich mich klar ausgedrückt!"
„Ich werde mich ihr nicht nähern, aber wenn sie auf mich zukommen sollte, werde ich sie nicht zurückweisen."
„Wie kannst du es wagen zu behaupten, sie wäre von dir angezogen. Sie gehört MIR!"
„Das habe ich nicht gesagt. Also, wenn du mich jetzt in die Bibliothek gehen lassen würdest…" Harry ging an Malfoy vorbei, der ziemlich wütend zu sein schien.
„Ich habe den Eindruck, dass du Probleme magst, was?"
„Wie kommst du darauf, Snape?"
„Ich hätte es lieber, wenn du mich Severus nennen würdest, sonst habe ich den Eindruck, dass du mich wie einen Erwachsenen oder wie einen Feind behandelst."
„Wenn es dir lieber ist, Severus."
„Du hast mir immer noch nichts über dich erzählt."
„Weil ich einfach keine Lust dazu habe."
„Nicht gerade sehr gesprächig, hm? Schon in Ordnung, ich respektiere das. Hier, da sind wir, ich werde auch ein paar Sachen nachschlagen. Wir treffen uns am Ausgang, dann kann ich dir den Weg zu McGonagalls Klassenzimmer zeigen."
Harry nickte und betrat die Bibliothek. Er suchte vor allem die Geschichte vom Sprechenden Hut, doch er fand nichts heraus, nur das, was er bereits wusste: Dass er zur Zeit der vier Gründer der Schule erschaffen wurde.
Er sah in der Geschichte von Hogwarts nach, als er hörte, wie ihn jemand ansprach. Er sah auf und direkt in zwei verblüffend grüne Augen… seine, nein, eigentlich waren es eher Lilys.
„Hallo, ähm… Herry, nicht wahr?"
„Ja. Und mit wem habe ich die Ehre?" Harry war überglücklich, dass seine Mutter auf ihn zukam und mit ihm sprechen wollte.
„Lily Evans. Ich bin in Gryffindor."
„Ja, ich habe dich heute Morgen an dem Haustisch gesehen."
„Du liest die Geschichte von Hogwarts? Ich habe sie mindestens ein Dutzend Mal gelesen!"
„So oft! So spannend scheint sie nun auch wieder nicht zu sein."
„Ach, ich hatte nichts anderes zu lesen, also habe ich das Buch eben noch einmal gelesen und noch einmal…"
„Da könntest du ja auch ein Buch von Balzac lesen, das ist genauso langweilig!"
„Du kennst dich mit Muggellektüre aus?"
„Ich bin… von…… Muggeln… aufgezogen… worden." Harry hatte äußerste Schwierigkeiten, diese Worte auszusprechen, sein Kopf tat ihm schrecklich weh und seine Kehle brannte ihm. Er verstand nicht, warum.
„Geht es dir gut? Ich kann dich zum Krankenflügel bringen."
„Nein, es geht schon wieder. Ich weiß nicht, was los war."
„Gut, ich gehe dann mal in den Unterricht. Du solltest dich beeilen. McGonagall mag es nicht, wenn man zu spät kommt."
„Ich lese diesen Absatz noch zu Ende, dann komm ich."
„Wir sehen uns dann also im Unterricht. Bis dann, Herry."
Lily ging und Harry seufzte auf. Diese kurze Unterhaltung hatte ihn all seine Sorgen vergessen lassen, selbst die Tatsache, dass er nach Slytherin geschickt worden war. Er stellte sein Buch zurück, verließ die Bibliothek und stieß auf ein Schauspiel, das ihn in Rage brachte:
James amüsierte sich mit Snape. Er ließ ihn einige unangenehme Flüche ertragen und machte ihn vor einer kleinen Menge von Schülern lächerlich. Harry fühlte sich übel, wie oft war ihm das schon passiert? Dieses Mal würde es nicht so ablaufen.
„Lass ihn in Ruhe", rief Harry, ohne groß nachzudenken.
„Ah! Da ist ja der Neue!" meinte James. „Praott, oder?"
„Gut kombiniert. Ich nehme an, ich bin der einzige Neue, der direkt in die sechste Klasse kommt. Ich fühle mich geehrt, dass du dich an meinen Namen erinnerst", erwiderte Harry.
„Ich amüsiere mich nur ein wenig mit Schniefelus. Warte bis du an der Reihe bist, wie jeder andere auch." Mehrere Schüler glucksten. Harry bemerkte, dass Snape auf dem Boden lag und kein Wort hervorbringen konnte.
„Non ligo sonorus Severus." Harry hatte Severus befreit und fand sich vor seinem Vater wieder, der ziemlich zornig war.
„Nun gut, dann bin ich eben gezwungen, mich um dich zu kümmern, wenn du darauf bestehst."
„Expelliarmus." Ohne es zu wollen, hatte Harry einen mächtigen Zauber gesprochen, was zur Folge hatte, dass James und Sirius, ebenso wie manch anderer Schüler, nach hinten geworfen wurden und Harry eine Sammlung von nicht weniger als acht Zauberstäben vor seinen Füßen liegen hatte. Er war selbst ziemlich überrascht.
Er sah, wie sein Vater aufstand und warf ihm und Sirius ihre Zauberstäbe zurück. „Das nächste Mal wirst du es dir zweimal überlegen, bevor du andere Menschen ohne irgendeinen Grund demütigst."
Harry drehte ihm den Rücken zu. Er hatte Vertrauen in seinen Vater, dass dieser es nicht wagen würde, jemanden von hinten zu attackieren. Severus folgte Harry und sie kamen genau pünktlich im Unterricht an.
Harry setzte sich in die hintere Reihe und zu seiner größten Verwunderung setzte sich Snape neben ihn. Harry antwortete auf die Fragen, die dieser ihm stellte:
„Wie hast du das gemacht?"
„Das war nur ein einfacher Entwaffnungszauber, den man schon im zweiten Jahr lernt. Sag mir nicht, dass du ihn nicht kanntest."
„Doch, aber das war das erste Mal, dass er an Potter funktionierte. Er ist für seine guten Reflexe bekannt. Er ist in der Quidditch-Mannschaft als Sucher, musst du wissen", sagte Snape mit seiner üblichen angeekelten Stimme.
„Ich auch", war Harrys einzige Antwort, ehe der Unterricht begann.
James und Sirius kamen zu spät und bekamen deswegen zwei Stunden Strafarbeit von McGonagall.
„Ich hoffe, dass Sie gut geübt haben. Ich erwarte, dass Sie alle Ihre Verwandlung zu Stande bringen, abgesehen von Mr Praott, versteht sich, da Sie ja in der letzten Stunde nicht anwesend waren. Ich möchte, dass Sie versuchen, dieses Buch in eine Schmuckschatulle zu verwandeln."
Harry nickte.
„Wie viel wettest du, dass er es nicht aufs erste Mal schafft?" fragte Sirius ein wenig lauter als nötig, damit die ganze Klasse ihn hören konnte.
„Halt's Maul, Black!" meinte Lily. „Ich bin sicher, dass er es schafft."
James mochte ganz und gar nicht, wie Lily diesen Satz betonte.
Vor aller Augen verwandelte Harry sein Buch in ein wunderschönes rotes Schmuckkästchen, mit feinen goldenen Zeichnungen. Die Farben Gryffindors.
McGonagall konnte es nicht fassen.
„Ich… ich… erkenne Slytherin 20 Punkte zu für diese hinreißende Schatulle. Darf ich sie behalten?"
„Natürlich, Professor", meinte Harry.
Er drehte sich zu den Rumtreibern um und grinste sie breit an, was Sirius und James nur noch mehr verärgerte, aber Lily und die anderen Mädchen ganz und gar nicht.
Die Slytherins waren sehr stolz, sie hatten nun immerhin ein wenig Glück auf ihrer Seite: Herry schien für sie ein gutes Ass im Ärmel zu sein.
Bellatrix fixierte Herry sehr eingehend. Er könnte vielleicht auch ein Anhänger des Dunklen Lords werden, doch sie musste sich erst sicher sein.
Der Unterricht schritt fort und einige Schüler bekamen die Verwandlung immer noch nicht hin.
Nach einer Stunde schaffte es Severus dank den Ratschlägen, die Harry ihm gegeben hatte. In dem Moment beschloss McGonagall auch, die Übung zu ändern. Sie bat die Schüler, ihre Bücher zu öffnen und ein paar Basisverwandlungen der sechsten Klasse zu studieren.
Die schwierigste Verwandlung war, ein Kissen in einen schönen Vogel zu verwandeln. Selbstverständlich probierten James, Sirius, Remus und Lily diese Übung sofort aus, ebenso wie manche begabte Slytherins wie etwa Narzissa oder Bellatrix.
Doch niemand schaffte es.
Harry versuchte es nicht einmal. Er wusste sehr genau, dass er es schaffen würde, aber er wollte es nicht vor der Klasse zeigen.
„Was machst du? Oder sollte ich eher fragen: Warum machst du nichts?"
„Severus, ich hab keine Lust."
„Du hast keine Lust!" Snape glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können. Dieser Junge hatte keine Lust zu arbeiten. Was machte jemand in einer Schule, der keine Lust zu arbeiten hatte?
„Aber ich sehe, dass du immer noch ein paar Probleme hast."
In der Tat war Snape noch nie sehr gut in Verwandlung gewesen, aber er hasste es, das zugeben zu müssen.
„Und? Ist das ein Problem für dich?"
„Du hältst nur deinen Zauberstab falsch. Du musst dir das, was du verwandeln willst, vorstellen. Siehst du dieses Papier? Du musst dir genau vorstellen, in was es sich verwandeln soll, also in eine Feder. Das ist schwierig, weil eine Feder sehr leicht ist."
„Wenn du das sagst", meinte Snape in abweisendem Ton, doch eine Spur neugierig. Er wollte es lernen.
„Schau her."
Unter Snapes misstrauischem Blick verwandelte Harry das Blatt in eine grün-silberne Feder.
„Praott, das ist perfekt, zehn Punkte für Slytherin."
Harry sah McGonagall erstaunt an. Er hatte nicht einmal gefühlt, dass sie ihn beobachtet hatte.
„Jetzt bist du dran, Severus."
Bei den Gryffindors…
„Hast du das gesehen? Wie oft hat McGonagall uns zwanzig Punkte für eine Übung gegeben? Selbst gestern hat sie uns dreißig Punkte für drei Personen gegeben, das ist ungerecht. Wo kommen wir denn da hin, wenn jetzt auch noch McGonagall die Slytherins bevorzugt!"
„Na, Potter, lassen wir uns jetzt von einem Slytherin lächerlich machen?" lachte Lily.
„Aber nein, meine Hübsche, ich gebe ihm nur ein wenig Vorsprung…"
In genau dem Moment gab McGonagall den Slytherins noch einmal zehn Punkte.
„Ähm, James, du solltest ihm nicht zu viel Vorsprung geben. Jetzt hat er schon 30 Punkte für sich geholt!" meinte Sirius.
„Du wirst schon sehen, Padfoot, man macht einen Potter nicht lächerlich, außer von einem anderen Potter. Ist das klar?"
„Wenn du das sagst…"
James verwandelte sein Papier in eine perfekte weiße Feder, eine Eulenfeder.
„Gut Potter, zehn Punkte für Gryffindor…"
„Was hab ich dir gesagt, Bruder? Was hältst du davon, wenn wir Praott einen schönen Streich spielen! Immerhin hat er uns ja nicht nur in der Klasse bloßgestellt, wenn du dich erinnerst?"
„Das stimmt, der Korridor ist eine schmerzhafte Erinnerung. Ich bin aber trotzdem sehr überrascht, dass er die Situation nicht ausgenutzt hat. Ein anderer Slytherin hätte sich nicht geziert."
„Er will sicherlich nur mit uns spielen und wir werden ihm zeigen, dass er sich mit uns lieber nicht anlegen sollte."
„An eurer Stelle wäre ich etwas misstrauischer", mischte sich Remus mit ein.
„Du willst uns also nicht helfen, Moony?"
„Das habe ich nicht gesagt, Paddy, nur, dass wir vorsichtig sein sollten. Er scheint nicht so dumm zu sein wie die anderen Slytherins."
„Da hast du wahrscheinlich Recht", sagte James abwesend.
„James, hör auf, Lily so anzustarren. Such dir doch endlich mal ein anderes Mädchen aus!"
„Nein, Sirius, ich werde mir keine andere aussuchen, ich will nur sie!"
„Nun, wir sind aber noch nicht bereit, dich zu verheiraten, mein Alter!"
Remus und Sirius brachen in ein verrücktes, unkontrolliertes Lachen aus, während James immer noch Lily fixierte.
Das einzige Problem war, dass Lily nicht James ansah, sondern Herry…
Der Unterricht war ziemlich schnell vorbei und die Schüler gingen zum Kräuterkundeunterricht bei Professor Sprout.
Herry und Snape kamen etwas zu früh vor dem Gewächshaus an und warteten auf die anderen Schüler, als Harry plötzlich hinter sich eine Stimme hörte: „Nun, Praott, bravo für deine hinreißende Schatulle." Es war natürlich James, der in einem angreifenden Ton sprach.
„Jam… Potter, du brauchst nicht eifersüchtig zu sein!" Beinahe hätte er ihn James genannt…
„Ich eifersüchtig? Nein, das kann ich dir versichern: Ich wäre niemals eifersüchtig auf einen Slytherin!"
„Das werden wir noch sehen…"
„Du glaubst, ich wäre dir unterlegen? Wie wäre es wenn wir das… in der Luft klären würden!"
„Ich habe keinen Besen", meinte Herry.
„Die Schule hat genug, es sei denn, du hast Angst, auf einen Besen zu steigen…"
„Nein, das würde dich freuen, was? Ich schlage ein Sucherduell vor, wie sieht's aus?"
„Du wirst verlieren, Praott!"
„Das werden wir ja sehen. Heute Abend auf dem Quidditchfeld."
„Ich werde da sein und Sirius ist mein Zeuge."
„Ich bin Herrys Zeuge", rief Snape aus.
Professor Sprout kam ein paar Augenblicke später. Selbstverständlich hatte die Nachricht des Sucherduells bereits die Runde gemacht und alle versprachen, da zu sein.
„Guten Tag, für den Neuen: Ich bin Professor Sprout und lehre Kräuterkunde. Heute werden wir eine recht pflegeleichte Pflanze kennen lernen, doch im Laufe des Jahres wird das Niveau extrem ansteigen. Bevor wir anfangen möchte ich einen kleinen Test machen, um zu sehen, wo Sie mit Ihrem Wissen so stehen. Sie haben eine Stunde Zeit. Fangen Sie an!"
Plötzlich erschienen vor den Schülern Arbeitsblätter, auf denen schwierige Fragen standen. Harry war in Kräuterkunde nur mittelmäßig, doch er versuchte sein Bestes, um alle Fragen zu beantworten.
Nach einer Stunde hatte er gerade noch genug Zeit gehabt, die letzte Antwort zu schreiben, als die Blätter wieder verschwanden.
Harry sah sich um. Alle sprachen miteinander, doch das Seltsamste war, dass es nicht um den Test ging, sondern immer noch um das Duell, das abends stattfinden würde. Harry fühlte sich wirklich nervös. Was hatte ihn nur geritten, seinen Vater derart zu provozieren! Würde diese Reise darin enden, dass er nichts anderes tat, als gegen seinen Vater und die Rumtreiber anzukämpfen? Das verletzte Harry tief in seiner Seele. Er wollte nicht gegen seinen Vater kämpfen. Es war so schwierig und hart, was Dumbledore da von ihm verlangte! Harry war sich sicher, dass der Dumbledore seiner eigenen Zeit sehr genau gewusst hatte, dass es hart für ihn werden würde. Warum hatte der Schulleiter ihm vorgeschlagen zu gehen! Warum hatte er überhaupt angenommen? Warum hatte er unbedingt seinen Paten noch einmal sehen wollen? Und seine Eltern?
Ganz einfach: Weil Harry sich so leer gefühlt hatte, seit sie alle verschwunden waren. Leer aus Mangel an mütterlicher und väterlicher Liebe. Nur: Hier würde er diese Liebe niemals bekommen. Sie schien ihm für immer verwehrt. Warum war für ihn nur alles so schwierig? Warum war er der Junge, der lebt? Warum war er, was er war? Wäre es nicht besser gewesen, wenn er in dieser berühmten Nacht einfach gestorben wäre, bei seinem ersten Zusammentreffen mit Voldemort? Es wäre nicht alles so furchtbar kompliziert geworden!
Harry fühlte sich verloren. Das einzig Positive war, dass er ein paar Worte mit seiner Mutter hatte sprechen können. Aber die Slytherins würden sich sicherlich an ihm rächen, wenn sie das herausfinden würden. Damit würde er natürlich umgehen können, aber würden sie sich nicht auch an Lily rächen wollen? Was sollte er also tun? So tun, als gehöre er zu ihnen? Als wäre er ein Todesser? Als würde er seine eigenen Eltern hassen? Nein, das konnte er nicht. Das kam überhaupt nicht in Frage. Aber wie sah sein Vater ihn? Wie einen Feind, schoss es Harry durch den Kopf. Sein eigener Vater sah in ihm einen Feind. Soweit nichts Erstaunliches, Harry war immerhin ein Slytherin. Noch dazu hatte er James doch zum Duell herausgefordert, nachdem er ihn im Korridor lächerlich gemacht hatte.
Was sollte er also tun? Er könnte sich an die Slytherins halten, um zu erfahren, was Voldemort vorbereitete und zugleich versuchen, eine Freundschaft mit den Rumtreibern aufzubauen. Allerdings war er sich bewusst, dass diese zerbrechlich wäre. Und wenn man sein doppeltes Spiel durchschauen würde, dann wäre er ganz alleine! Ohne irgendjemanden, der ihm zur Seite stand. Selbst wenn er daran schon gewöhnt war, wollte Harry nicht von den Rumtreibern abgewiesen werden. Er wollte von ihnen akzeptiert werden, wollte zu ihnen gehören und mit ihnen Streiche aushecken. Er wollte in Gryffindor sein! Aber das Glück war nicht auf seiner Seite. Er war im Zeichen der Unglücks geboren, wie sollte man es sonst erklären, dass immer ihm derartige Dinge widerfuhren! Warum hatte es das Schicksal so auf ihn abgesehen? Was hatte er nur getan!
Harry fühlte, wie eine unbeschreibliche Wut in ihm hochstieg. Er konnte sie nicht kontrollieren, sie war einfach zu stark. Dieser Tag hatte ihn bereits derart ausgelaugt, dass er nicht mehr gegen diese gewaltige Emotion ankämpfen konnte. Er ballte die Hände zu Fäusten, bis seine Knöchel weiß wurden, aber auch das beruhigte ihn nicht. Alle und alles waren gegen ihn. Er wollte vor Zorn schreien, wollte etwas zerstören, seine Frustration an irgendetwas auslassen.
Er sah einen Moment lang Professor Sprout an, die erbleichte, als sie Harrys Ausdruck sah. Sie wagte es nicht länger, ihn anzusehen. Sie war weiß im Gesicht und gab keinen Laut von sich.
Alle Schüler sahen sie an. Man hätte meinen können, sie würde dem Tod ins Gesicht sehen.
Plötzlich explodierten alle Fenster des Gewächshauses auf einmal. Die Schüler flüchteten vor den Glassplittern unter die Tische. Alle, außer einem… Harry hatte sich nicht bewegt. Seine Wut hielt ihn davon ab. Er schaffte es nicht, einen Fuß vor den anderen zu bringen, er konnte sich nicht mehr bewegen.
„Herry, komm unter den Tisch!" rief Snape.
Harry durchbohrte ihn mit seinem Blick. Snape hatte noch nie einen so hasserfüllten Blick gesehen. Er wagte es nicht, Harry einen weiteren Befehl zu geben.
„Herry, schütze dich!" versuchte es Lily.
Harry starrte auch sie mit demselben durchdringenden Blick an. Doch dann er beruhigte sich. Es stimmte ja gar nicht, dass er ganz alleine war. Er hatte Lily, die Einzige, die den ersten Schritt auf ihn zugetan hatte, die Einzige, die ihn nicht als Todesser abgestempelt hatte. Seine Wut ließ allmählich nach. Er sah sie immer noch an. Ihre grünen Augen hatten ihn beruhigt. Wie könnte man diese Person nicht lieben!
Vorsichtig ging Lily auf Harry zu und verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. „Du solltest in den Krankenflügel gehen, du hast ein paar tiefe Schnitte."
„Misch dich da nicht ein, Schlammblut. Ich werde ihn hinbringen", rief Bellatrix, was Harry beinahe erneut in Rage brachte.
„Ich ziehe Slytherin dreißig Punkte ab, dafür, dass mein Gewächshaus ruiniert ist und Mr Praott, Sie haben sich zwei Wochen Strafarbeit eingehandelt. Nun, Miss Black, wären Sie bitte so freundlich und würden Mr Praott in den Krankenflügel begleiten?"
„Natürlich, Professor."
Die Schüler würden die erste Kräuterkundestunde dieses Jahres sicherlich niemals vergessen. Wie konnte ein Schüler das Gewächshaus explodieren lassen! War das vielleicht schon wieder ein Scherz der Rumtreiber? Nein, allein ihre Gesichtsausdrücke zu sehen hatte jeden davon überzeugt, dass sie damit nichts zu tun gehabt hatten.
„Hast du das gesehen, James!" fragte Sirius überrascht.
„Ich glaube… nun ja, ich glaube, dass ich das nicht ganz verstanden habe."
„Wenn ihr meine Meinung wissen wollt, dann ist Praott ziemlich gefährlich. Er hat unheimlich viel Macht", meinte Remus.
„Er… ist… furchteinflößend… ich wusste es seit dem ersten Tag… er hat mich so angesehen… ", murmelte Peter.
„Stimmt, jetzt wo du es sagst, Peter, er hat dich wirklich seltsam angesehen."
„Bist du sicher, dass du dich mit ihm messen willst, James?" sagte Peter.
„Peter, jeder sagt es: Ich bin der beste, talentierteste Sucher, den Hogwarts je gesehen hat, wie will er mich denn schlagen! Darüber mach ich mir gar keine Sorgen, immerhin bin ich nicht umsonst der Quidditchkapitän!"
„Jedenfalls hatten wir ein Glück, dass Lily da war", murmelte Remus. „Professor Sprout hätte auch nichts tun können, sie war selbst wie versteinert."
„Was hat denn Lily damit zu tun!" wollte James wissen.
„Hast du es nicht gesehen? Als Snape Herry angesprochen hat, hätte er ihn beinahe mit seinem Blick umgebracht, aber bei Lily hat er sich beruhigt. Dieser Junge ist wirklich mysteriös!"
„Ja", gab James zu. „Sie zieht einen Slytherin mir vor, also ehrlich!" James runzelte die Stirn. Die Situation wurde wirklich kritisch. Herry war erst vierundzwanzig Stunden da und Lily hatte ihn schon angenommen.
Harry begann allmählich die Schnitte zu spüren. Er war mit Glassplittern übersät und er blutete, aber seltsamerweise machte ihm das nichts aus. Er war innerlich zu sehr gemartert.
„Welch schöne Vorstellung deiner Kraft, Praott", begann Bellatrix.
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst."
„Sag was du willst, aber ich weiß, dass du für diese Explosion verantwortlich warst. Ich weiß nicht, wie du das hingekriegt hast, wenn man bedenkt, dass du nicht einmal deinen Zauberstab hattest. Ich nehme also an, dass du die Zauberei ohne Zauberstab übst und aufgrund deiner enormen Macht kannst du kein Schlammblut sein."
„Das ist bestimmt ein sehr guter Grund." Bellatrix bemerkte den ironischen Unterton in Harrys Stimme nicht. „Es gibt nur einen kleinen Haken: Ich hatte meinen Zauberstab."
„Sicherlich, in deiner Tasche, aber du hast ihn nicht benutzt, um das Gewächshaus zu sprengen. Halte mich nicht für eine Idiotin, Praott, denn ich bin keine. Zu welcher Zaubererfamilie gehörst du?"
„Wenn du wirklich keine Idiotin bist, dann finde es doch selber raus!"
„Was hältst du von Schlammblütern?"
Nun waren sie beim brennenden Punkt angekommen. Bellatrix testete ihn. Sie versuchte herauszufinden, ob er gut genug war, um bei den Todessern aufgenommen zu werden. Was sollte er antworten? Sein ganzes Schuljahr hing davon ab. Wenn er antwortete, dass er sie nicht mochte, würde er sein Schuljahr sicherlich bei den Slytherins verbringen. Wenn er jedoch antwortete, dass er sie nicht hasste, dann würde er die Konsequenzen ertragen müssen.
Die Slytherins zu dieser Zeit waren gefährlicher als die in seiner eigentlichen Schulzeit, das wusste er. Bellatrix war ebenso gefährlich wie Lucius, er musste also aufpassen. Was sollte er antworten?
Bellatrix' Blick machte ihn nur noch nervöser, denn sie wartete ohne Zweifel auf eine Antwort.
Er nahm seinen undefinierbaren Gesichtsausdruck an, was bei ihr gut klappte. Allein Dumbledore konnte ihn durchschauen.
„Warum glaubst du, dass ich nach Slytherin geschickt worden bin, wenn ich nicht denken würde, dass die Welt von Reinblütern regiert werden soll!"
„Es gibt immer Ausnahmen, man kann nie wissen. Aber ich muss sagen, dass nach deinem Auftritt und nach der Vorstellung in Verwandlung… Wie dem auch sei, ich hoffe, dass du genauso gut in Verteidigung gegen die dunklen Künste und im Duellieren bist."
„Wir werden sehen."
„Hier sind wir, das ist der Krankenflügel. Ich lass dich dann hier alleine. Aber zuerst noch eine kleine Frage: Warum redest du überhaupt mit Evans?"
„Du kennst das doch: Pass auf deine Freunde auf, aber mehr noch auf deine Feinde."
Dieser Satz brachte Bellatrix zum Grinsen. Harry atmete tief durch. Er hatte sich also dazu entschieden, ein Doppelspiel zu spielen. War das nicht zu gefährlich? Harry konnte die Freundschaft zu seiner Mutter verlieren. Er würde es ihr erklären müssen, aber würde sie ihn verstehen?
Er beschloss also, erst einmal den Krankenflügel zu betreten und wurde von einem Schrei empfangen. „Mein armer Junge, was ist denn passiert? Warte, ich werde schnell etwas holen, ich bin gleich wieder da. Leg dich auf das Bett."
Harry setzte sich auf ein Bett. Es war gerade einmal der erste Tag und er befand sich schon im Krankenflügel. Man könnte glauben, dieser Ort würde ihn magisch anziehen.
Madam Pomfrey flößte ihm einen Trank ein und entfernte ihm anschließend alle Splitter. Nach etwa 15 Minuten blieben nur noch feine Narben zurück.
Anschließend ging er Essen, doch zu seinem Unglück war die Große Halle total vollgestopft. Als er eintrat, richteten sich alle Blicke auf ihn, doch daran war er ja schon gewohnt. Er setzte sich an den Slytherin-Tisch, weit entfernt von den Sechst- und Siebtklässlern. Doch Harry Potter war ein Junge, der kein Glück hatte. Snape, Rosier und Malfoy erhoben sich und setzten sich zu ihm.
Damit war es offiziell: Harry Potter war ganz einfach verflucht!
„Also, Praott, es scheint, dass du doch ein Zauberer bist, der würdig ist und es auch würdigt reinblütig zu sein", begann Malfoy.
„Das kommt darauf an, was du darunter verstehst."
„Es scheint sogar, dass du diesen Idioten das Wasser reichen kannst." Er wies mit dem Kopf zu den Rumtreibern.
„Sie haben mich provoziert und ich habe geantwortet."
„Was dein kleines Duell anbelangt, da muss ich dich warnen. Potter – so ungern ich es auch zugebe – ist ein sehr guter Quidditchspieler und der beste Sucher. Du solltest also aufpassen. Ich hoffe, dass du gut spielst. Hast du schon einmal Quidditch gespielt?"
„Das ist, als würdest du mich fragen, ob ich schon einmal einen Zauberstab in der Hand hatte."
„Gut. Und in welcher Position spielst du?"
„Sucher, und es tut mir Leid, dir widersprechen zu müssen, aber ich bin der Beste."
Malfoy grinste breit.
Harry war von seinem eigenen Verhalten angeekelt. Nie zuvor war er dermaßen arrogant aufgetreten… Vielleicht färbte James auf ihn ab? Nein, er sah ihn ja kaum. Sicherlich waren es die Slytherins, die auf ihn abfärbten.
Er erinnerte sich daran, dass es genau das Verhalten war, das Lily über alle Maße hasste.
Er sollte vorsichtig sein, sonst würde er dieses Schuljahr nicht überleben. Er brauchte viel Mut und vor allem musste er zukünftig seine Emotionen unter Kontrolle halten. Die ganze Schule war mittlerweile auf dem Laufenden, was seine Explosion in Kräuterkunde betraf und Dumbledore sah ihn mit einem seltsamen Blick an.
Diesen Nachmittag hatte er eine Stunde Zaubereigeschichte und drei Stunden Verteidigung gegen die dunklen Künste. Er versuchte sich psychisch auf Binns' langweiligen Unterricht vorbereiten!
Nach dem Essen ging er abermals in die Bibliothek, um seine Recherchen über den Sprechenden Hut weiterzuführen. Wie üblich war auch Lily in der Bibliothek und sie grinste ihn an, als er eintrat.
„Geht es dir besser?"
„Ja, danke. Wie kommt es, dass du immer da bist?" fragte Harry.
„Oh, na ja, das ist ein schön ruhiger Ort und ich bin hier in meinem Element. Potter und Black niemals in die Bibliothek gehen, also habe ich hier meine Ruhe."
„Du hasst sie also so sehr?"
„Du nicht?"
„Nein."
Diese Antwort überraschte Lily. Sie versuchte, Praott zu testen, aber sie hätte diese Antwort nie erwartet, im Gegenteil.
„Ich finde sie nur ein wenig kindisch", meinte Harry.
„Das ist genau das, was ich denke. Sie und ihre albernen Streiche! Das Schlimmste ist, dass sie Remus da mit reinziehen. Der Arme, ich frage mich ehrlich, warum er bei ihnen bleibt."
„Sicherlich aus exzellenten Gründen."
„Du bist jetzt erst einen Tag lang hier und ich habe den Eindruck, dass du so viel mehr über sie weißt, als ich, obwohl ich sie schon sechs Jahre lang ertragen muss."
Harry musste loslachen. Er hatte nicht mehr so gelacht, seit er nach Slytherin geschickt worden war. Lily war wirklich ein Geschenk des Himmels!
„Man muss nur in ihren Augen lesen", meinte Harry mysteriös, was wiederum Lily zum Lachen brachte.
„Komm schon, ich zeig dir den Weg zu Zaubereigeschichte."
Harry folgte ihr und sie kamen als letzte im Klassenzimmer an, sodass ihre Ankunft nicht unbemerkt blieb. Lily setzte sich neben Aline und Anne, die sie mit Fragen überschütteten, während Harry sich ans andere Ende des Zimmers neben Snape setzte, der ihn seltsam ansah.
„Was machst du mit ihr?"
„Sie hat mir gezeigt, wo sich das Klassenzimmer befindet, ist das ein Problem für dich?"
„Nein, aber vergiss nicht, zu welchem Haus du gehörst."
„Keine Angst, das werde ich nicht vergessen", erwiderte Harry, wobei er an Gryffindor dachte.
In einer anderen Ecke des Klassenzimmers:
„James, wenn ich du wäre, würde ich anfangen mir Sorgen zu machen", meinte Sirius.
„Ich werde ihn heute Abend fertig machen! Ich werde ihn besiegen, dann wird er es bereuen, sich mit mir angelegt zu haben!"
„Denkt ihr nicht, dass Lily groß genug ist, um zu wissen, was sie tut?"
„Nein", entgegnete James. „ Sie vertraut diesem Slytherin, also weiß sie eben nicht, was sie tut."
Remus verdrehte die Augen und konzentrierte sich wieder auf den Unterricht. Ab und zu warf er diesem merkwürdigen Schüler einen heimlichen Blick zu.
Remus fühlte sich immer müder. Der Vollmond nahte, das spürte er. Der Wolf in ihm spürte das. Er sah Praott noch einmal an, der ihn plötzlich seinerseits fixierte. Remus war von dem eindringlichen Blick des Jungen überrascht und er hätte für nichts auf der Welt den Blick abwenden können.
Es war Praott, der schließlich diese Verbindung brach und erneut den Professor ansah.
Remus jedoch starrte Herry noch immer an. Wie konnte man nur so viel Leid und Trauer in einem Blick haben? Dieser Junge musste in seinem kurzen Leben schon sehr viele furchtbare Dinge erlebt haben. Viel mehr als man in seinem Alter ertragen kann!
Remus würde diesen Blick niemals vergessen. Er hatte sich für immer in sein Gehirn gebrannt.
Harry verfluchte sich unterdessen selbst. Er spürte immer noch diesen Blick auf sich. Er hatte seine Gefühle nicht verborgen und Remus hatte in ihm gelesen wie in einem Buch. Er könnte sich dafür selbst ohrfeigen. Was hatte der Werwolf gesehen? Was hatte er verspürt?
Harry wusste, dass der Vollmond nahte. Um das zu bemerken reichte es, Remus anzusehen. Dieser sah äußerst kränklich aus.
Er sah unauffällig in seinen Mondkalender. In zwei Tagen war Vollmond!
Warum sollte er Remus und die Rumtreiber nicht bei ihrem allmonatlichen, nächtlichen Ausflug begleiten? Vielleicht würden sie doch noch zusammen spielen können, wenn schon nicht als Harry, James, Sirius und Remus, dann wenigstens als Wirrmähn, Moony, Padfoot und Prongs…
Die Stunde endete schließlich und die Schüler verließen Binns' Klassenzimmer. Endlich Freiheit!
Snape hatte zum Glück nicht viele Fragen gestellt und Harry war darüber froh.
Der Professor für Verteidigung gegen die dunklen Künste war schlimmer, als Harry ihn sich vorgestellt hatte. Er redete pausenlos und übte fast nichts mit ihnen. Harry gab die Hoffnung auf. Wenn die Verteidigungsstunden immer so ablaufen würden, dann würde das sicherlich kein gutes Jahr werden.
Harry hatte die Nase voll. Nach dem fünften Streich gegen den Professor stand er unvermittelt auf und schaute dem Professor in die Augen, ohne ein einziges Mal zu blinzeln.
Der Professor war zunächst erstaunt und sah ihm seinerseits in die Augen, doch es war unmöglich, Harrys Blick Stand zu halten. Also fing Harry einfach an zu reden: „Wollen Sie uns eigentlich die ganze Zeit nur irgendein Zeug erzählen, ohne mit uns zu üben? Wissen Sie, dass es da draußen ganz und gar nicht zum Lachen ist!" Harry sah die Rumtreiber an und fuhr fort: „Da gibt es gefährliche Kreaturen und Sie wollen uns nicht dagegen wappnen! Alles was Sie tun ist, uns glauben zu machen, dass wir wissen wie wir uns verteidigen können. Dabei wissen wir gar nichts! Sie wollen uns also da raus lassen, ohne das nötige Wissen! Wenn Sie dafür Professor geworden sind, dann habe ich hier nichts mehr verloren!"
Alle Schüler waren schockiert. Wie konnte ein Schüler es wagen, derart mit einem Professor zu reden! Dies gab Professor Isandros zu denken. Er nickte kurz und begann dann: „Also gut! Wir werden heute magische Schutzzauber lernen. Wir werden Zweiergruppen bilden und Sie werden versuchen, einen Schild zu kreieren. Ich will sehen, wie weit Sie sind. Die Zweiergruppen werde ich persönlich einteilen und ich sage gleich, dass ich die Häuser mischen werde."
Harry hörte, wie Snape aufseufzte. „Alles, nur bitte nicht Potter, als ob ich ihn nicht schon oft genug zwischen den Stunden auf den Korridoren ertragen müsste…"
„Also, beginnen wir mit Ihnen Praott. Sie gehen zu Potter. Snape mit Argo Nicolas, Potedia Alec mit Avery, Potedia Gabrielle mit Bellatrix Black, Black Sirius mit Lestrange, Lupin Remus mit Darkson Sylvain, Anne Denia mit Ashley Darkson, Aline Ulbricht mit Narzissa Black und Jeanne Botirue mit Sophie Serpidar. Mr Pettigrew, Sie werden mit mir üben."
Die ganze Klasse stöhnte auf. Duelle mit den Gryffindors, dachten sich die einen genervt. Duelle mit den Slytherins, seufzten die anderen innerlich. Allein Harry war zufrieden, aber das konnte er natürlich nicht zeigen. Er setzte also seinen üblichen, abweisenden Gesichtsausdruck auf.
„Dieser Typ ist ein echter Eisbrocken. Fühlt er eigentlich überhaupt irgendetwas? Ob er wohl einen guten Schild hat, oder nicht? Ich bin sicher, dass er keinen stärkeren hat als ich", dachte James.
Doch damit überschätzte sich James ein wenig. Harry baute seinen Schild um sich herum auf. Er kreierte aber nur einen ziemlich kleinen und schwachen, das seine Vorderseite schützen sollte. Es nahm eine violette Tönung an. James machte dasselbe, doch Harry bemerkte, dass dessen Schild zwar größer war, ihn aber nicht gänzlich schützte. James' Schild schien nur nach außen hin mächtiger zu sein und Harry wusste das.
Der Professor begann nun Pettigrew mit einem Zauberspruch zu attackieren, der dessen Schild mit Leichtigkeit durchdrang. Das war das Signal für die anderen, mit dem Duell anzufangen und diesmal war James schneller als Harry.
„Expelliarmus! Soso Praott, du bist wohl doch nicht so schnell, wie du immer tust."
Harry war der Zauberstab aus den Händen gerutscht, und nun stand er schutzlos einem amüsierten James gegenüber.
„Es stimmt: Du warst schneller als ich, aber deswegen werde ich nicht verlieren."
„Wie denn das?" James war verwirrt. Diese Antwort hatte er nicht erwartet.
„Accio Zauberstab!" Harrys Zauberstab flog ihm in seine Hände zurück. „Impedimenta."
James wurde zurückgeschleudert, doch er stemmte sich dagegen und so war er nur ein paar Meter zurückgerutscht.
„Ligo." Dieses Mal war Harry vorbereitet gewesen. Der Fluch wurde von seinem Schild abgehalten. „Nicht schlecht, Potter, aber ich glaube du hattest kein Glück. Mein Schild hat deinen Spruch abgewehrt."
„Expelliarmus." Auch dieser Fluch wurde abgeblockt, genau wie der vor ihm.
„Schon wieder nichts. Ich glaube, mein Schild ist nicht schlecht, was meinst du?" Harry grinste selbstsicher.
„Du glaubst, du wärst schlau, aber versuch doch mal, mich anzugreifen, wir werden sehen, welcher Schild besser ist!"
„Expelliarmus", rief Harry, doch der Spruch war um einiges mächtiger, sodass James ans andere Ende des Klassenzimmers geschleudert wurde, während sein Zauberstab direkt in Harrys Hand flog. Harry tat es Leid, er hatte das nicht gewollt.
„Praott, wir wollten nur die Schilder testen und keine Machtkämpfe austragen!"
„Es tut mir Leid, Professor."
„10 Punkte Abzug von Slytherin."
Harry ging auf James zu und bot ihm seine Hand an, um ihm aufzuhelfen, doch James durchbohrte Harry regelrecht mit seinen Blicken und Harry lächelte ihn zum ersten Mal an; ein Lächeln, das niemand anderes sah. Das erschütterte James, der ihn nun überrascht ansah.
„Willst du nicht, dass ich dir aufhelfe?"
„Nein, ich nehme nie die Hilfe eines Slytherins an."
„Du hast Unrecht, nicht alle sind Todesser, die auf Voldemorts Seite kämpfen."
James erstarrte und sah ihn mit großen Augen an.
„Weißt du, die Angst vor einem Namen steigert nur die Angst vor der Sache selbst."
„Ich habe keine Angst davor, dreckiger Todesser!"
James' letzten Satz hörten fast alle Schüler. Harry verdrehte die Augen und sah James erneut an. Vor dessen Augen nahm er sein ausdrucksloses Gesicht wieder an und drehte sich weg, um sich in aller Ruhe neben Snape auf seinen Platz zu setzen, der ihn diesmal angrinste, so wie die übrigen Slytherins auch.
Als der Unterricht beendet war, versammelten sich die meisten Gryffindors um James und bedauerten ihn, während die Slytherins sich um Herry scharten, um ihm zu gratulieren.
„Geht's, James?" begann Sirius.
„Mir geht's bestens, du glaubst doch wohl nicht, dass mir ein kleiner Entwaffnungszauber wehtun könnte, oder!"
„Nun ja, sagen wir mal, du hast einen schönen Flug hingelegt. Ich muss zugeben, dass ich noch nie einen derart mächtigen Entwaffnungszauber gesehen habe."
„Ich auch nicht", meinte Remus. „Dabei dachte ich, dein Schild wäre mächtiger gewesen als seiner. Aber er schien konzentrierter oder vielmehr er tat so."
„Er tat so? Was meinst du, Remus?" wollte James neugierig wissen.
„Er hat dich nur glauben lassen, dass sein Schutzschild schwächer ist als deiner, vielleicht kann er in Wirklichkeit einen ganzen erschaffen. Jedenfalls solltest du an deinem Schild noch etwas arbeiten."
„Vielleicht. Er ist mächtig, das ist sicher, aber das seltsamste ist, was er zu mir gesagt hat."
„Und was hat er gesagt?" hakte Sirius nach.
„Na ja, zuerst mal hat er mir angeboten, mir beim Aufstehen zu helfen. Dann hat er mich… angegrinst. Es war wirklich seltsam. Was ich sagen will: Ich habe ihn mit diesem feindseligen Ausdruck kennen gelernt, schon fast versteinert kühl, aber vorhin war das ganz und gar nicht der Fall. Er wirkte… nett."
„James, ich glaube, der Schlag gegen die Mauer hat dir wirklich nicht gut getan, du solltest besser in den Krankenflügel gehen. Ist dir bewusst, dass wir von einem Slytherin sprechen!"
„Deswegen hab ich seine Hilfe ja auch abgelehnt und dann hat er mir gesagt, dass nicht alle Slytherins Todesser sind, die Du-weißt-schon-wem dienen. Aber er hat seinen richtigen Namen ausgesprochen, ohne jegliche Angst, ohne die geringste Emotion, als würde er von einem Bonbon sprechen."
„James, bist du dir sicher, dass die Mauer…"
„Ich hab dir gesagt, Sirius, es geht mir gut. Ich habe nicht geträumt."
„Wenn du meinst. Aber du weißt, dass kaum jemand seinen Namen ausspricht. Immer weniger Leute tun das. Kürzlich hat er mitten auf der Straße etwa fünfzig Muggel angegriffen - alle sind tot, James!"
„Er hat mir auch gesagt, dass die Angst davor einen Namen auszusprechen nur die Angst vor der Sache selbst verstärkt."
„Aber das ist total falsch, wir haben keine Angst vor ihm."
„Ganz im Gegenteil, Jungs, ich glaube, Praott hat vollkommen Recht."
„Moony, du bist auf seiner Seite!"
„Das habe ich nicht gesagt, Padfoot, nur, dass er in dem Punkt Recht hat."
„Jedenfalls habe ich vor diesem Schwarzmagier keine Angst, er wird sicher ganz schnell von den Auroren gefangen."
„Das hoffe ich, James", meinte Remus sorgenvoll. „Das hoffe ich."
In dem Moment kamen Aline, Lily, Gabrielle, Anne und Jeanne auf die Jungen zu.
„James, ich kann dieses Sucherduell kaum noch abwarten", meinte Anne sehr aufgeregt.
„Ich und Quidditch, das passt nicht wirklich zusammen, aber ich komm trotzdem zuschauen, James. Gehst du auch hin, Remus?" fragte Gabrielle und freudige Erwartung blitzte in ihren Augen auf.
„Ja, ich werde James zusehen."
„Na Anne, immer aufgeregt wenn es um ein Duell geht", meinte Sirius, der sich Anne näherte.
„Wenn du wüsstest, wie sehr, Sirius…" Anne kam Sirius ebenfalls etwas entgegen und grinste ihn charmant an, ehe sie sich plötzlich in Richtung Quidditchfeld entfernte, Sirius auf ihren Fersen.
„Ich glaube, unser Sirius ist dem Charme von Anne erlegen", stellte Gabrielle lachend fest.
„Ich sehe den Sinn eines solchen Duells nicht, aber ich werde dennoch zusehen, wie Herry sich auf einem Besen macht." Einzig Lily konnte so etwas sagen und das brachte James in Rage.
„Beruhige dich, James", flüsterte Remus in sein Ohr. „Begnüge dich damit, ihn im Quidditch zu besiegen." James nickte.
„Willst du mich zum Feld begleiten, Lily?"
„Nein, ich gehe mit Jeanne und Aline, aber trotzdem vielen Dank."
Die drei Mädchen gingen ebenfalls Richtung Quidditchfeld davon. James schüttelte den Kopf. Würde er Lily eines Tages für sich gewinnen können? Im Moment ignorierte sie ihn vollkommen: Sie hatte ihn nicht auf die Streiche angesprochen, die sie in Verteidigung gegen die dunklen Künste gespielt hatten. Er ging also zusammen mit Remus zum Quidditchfeld, gefolgt von vielen Gryffindorfans.
Bei Harry lief inzwischen alles etwas anders ab.
„Bravo, Praott, ich muss zugeben, du mich beeindruckt hast. Du bist sehr stark im Duellieren", meinte Bellatrix.
„Ich komm zurecht."
„Du kommst zurecht? Niemand hat es vorher geschafft, Potters Schild zu durchbrechen und du hast ihn gegen die nächste Mauer geschmissen, das war hervorragend!"
„Bravo Praott! Wirklich super!" lobte auch Lestrange ihn und schüttelte ihm die Hand.
Harry entfernte sich von der Gruppe um ausgerechnet auf Severus zu stoßen.
„Ich gebe zu, am Anfang hatte ich ein paar Zweifel, vor allem, als ich dich mit Evans zusammen gesehen habe. Aber nach dem, was du mit Potter gemacht hast, bin ich mir sicher, dass du ein echter Slytherin bist. Einen Moment lang hatte ich doch tatsächlich geglaubt, dass du ein Freund der Gryffindors wärst."
„Ein Gryffindor und ein Slytherin? Glaubst du nicht, dass das unmöglich ist!"
„Sag das jemand anderem!"
Dieser letzte Satz erstaunte Harry. Was hatte er damit sagen wollen?
„Okay, gehen wir zum Quidditchfeld, ich will sehen, was du auf einem Besen so draufhast!", meinte Snape nun.
Sie gingen zum Quidditchfeld. Auf ihrem Weg schlossen sich ihnen viele Slytherins an, welche die Gelegenheit nutzten, Herry zu gratulieren und ihm viel Glück zu wünschen.
„Schmeiß ihn vom Besen, das wäre kein großer Verlust für uns", rief Malfoy ihm zu. Harry grinste ihm zu, innerlich jedoch wäre er ihm am liebsten an die Gurgel gesprungen.
Beim Quidditchfeld angekommen stellte Harry fest, dass James und Sirius schon da waren. Die Sitzreihen waren mit Gryffindors besetzt. Aber nicht nur! Auch Ravenclaws und Hufflepuffs waren anwesend. Selbstverständlich waren diese beiden Häuser auf der Seite von Gryffindor. Das war das erste Mal, dass Harry die drei Häuser gegen sich hatte; und das machte ihm nicht gerade Mut.
„Ah Praott, ich dachte schon, du würdest kneifen. Das sähe einem Slytherin ähnlich."
„Hör auf, ihn vollzuquatschen, Potter, du bist nur verängstigt, nach dem, was er mit dir im Klassenzimmer angestellt hat."
„Schniefelus, wenn ich dich was frage, kannst du mir antworten, aber gerade habe ich mit Praott geredet! – Also, hier ist ein Besen. Ich habe auch einen richtigen Schnatz, keinen Trainingsschnatz, sondern einen, den man für ein richtiges Match verwendet."
„Wo hast du den her? Ich dachte, auf die passt man besonders gut auf?"
„Das sind meine Angelegenheiten, aber ich nehme an, du bist damit einverstanden?"
„Natürlich, mit einem echten Schnatz wird es viel amüsanter."
„Gut, also, ich werde die Regeln klarstellen…"
„Warum solltest du die Regeln machen!"
„Schniefelus, ich hab dir doch gesagt, dass du dein Maul halten sollst, wenn ich nicht mit dir rede!"
„Gut, du nennst die Regeln und ich wähle den Schiedsrichter", mischte sich Harry wieder mit ein.
„Ähm…" James schien nicht mehr so selbstsicher zu sein. Die Slytherins waren für ihre Parteinahme bekannt. „Einverstanden, aber wir tauschen: Du nennst die Regeln und ich wähle den Schiedsrichter."
„Die Regeln sind einfach. Man darf in der Luft keine Magie verwenden, das ist die einzige Regel."
„Gut, das scheint mir gerecht. Ich wähle als Schiedsrichter: Sirius."
„Nein, das geht nicht, er ist bereits dein Zeuge", entgegnete Harry, immer noch in ruhigem Ton.
„Also gut, dann Remus Lupin."
„Einverstanden."
Harry grinste innerlich. James hätte keinen besseren Schiedsrichter wählen können. Er hatte gewusst, dass James wechseln wollen würde, als er sagte, dass er den Schiedsrichter wählen wollte.
„Gut, Jungs, auf die Besen. Achtung. Der Schnatz ist befreit. 5…4…3…2…1…Los."
Harry und James stießen sich zur gleichen Zeit ab. Harry fühlte das Leben in ihn zurückkehren. Der Wind in seinen Haaren ließ ihn wieder aufleben. Er begann zu lachen. Endlich wieder wahre Freiheit. Er ließ den Besen los und streckte die Arme weit von sich, um die Luft um sich herum besser spüren zu können. Der Himmel war wirklich sein Element. James sah ihn erstaunt an, er hatte noch nie einen solchen Gefühlsausbruch bei Herry gesehen, er schien in seinem Element zu sein. Alle Sorgen schienen wie weggewischt, er war einfach nur glücklich. Diese Entdeckung ließ ihn denken, dass er genau dasselbe empfand, nur dass Herry es offen zeigte, als ob es eine Ewigkeit her gewesen wäre, dass er auf einen Besen gestiegen war.
James suchte das Terrain aufmerksam ab, während Herry ein wenig herumflog. James kam plötzlich der Gedanke, diesen Slytherin ein wenig auf die Probe zu stellen und schon stürzte er auf den Boden zu.
Harry sah, wie James Richtung Boden raste und wusste, dass dieser nur versuchte zu bluffen. Er fiel jedoch nicht darauf herein. Die Slytherins schrieen ihm zu, er solle sich in Bewegung setzen, bis auch sie verstanden.
„Sehr schön, dieser Slytherin scheint ein Gehirn zu haben. Er hat sofort verstanden, dass es nur ein Bluff ist. Vielleicht habe ich ihn etwas unterschätzt", dachte James.
„Sehr gut, Papa, du willst also ausprobieren, wer den besten Bluff hinbringt? Nun gut, dann spielen wir eben mit deinen Mitteln."
Herry sah den goldenen Schnatz, aber er wollte das Spiel noch nicht aufhören. Endlich war er auf einem Besen, er würde dieses Spiel nicht gleich wieder beenden!
Er stürzte auf den Schnatz zu. James sah ihn auch und steuerte ebenfalls darauf zu. Vater und Sohn waren auf gleicher Höhe. Harry drängte James leicht nach rechts ab, damit er den Schnatz auf seiner Linken hatte und ihn somit entfliehen lassen konnte. Diese Taktik lief sehr gut, brachte ihm aber einen verständnislosen Blick von James ein.
Harry führte sein kleines Spielchen fort. Er fühlte sich in der Luft so gut, ohne jegliche Sorge!
Als er jedoch sah, dass die Sonne unterging und die Kälte ihm langsam in die Knochen stieg, obwohl es gerade erst Anfang September war, stürzte er abermals auf den Schnatz zu, doch diesmal würde James sich sicherlich nicht noch einmal abdrängen lassen.
Mit einem enormen Tempo stürzten sie dem Boden entgegen. Viel zu schnell! In den Rängen der Zuschauer wurde die Spannung langsam unerträglich. Harry sah den Schnatz genau vor sich, aber dennoch zu weit entfernt, als dass er ihn hätte greifen können. James neben ihm streckte seinerseits die Hand aus, doch auch er schaffte es nicht, den Schnatz zu erreichen.
Plötzlich stieg der Schnatz wieder an. Harry folgte ihm schneller als James. In der Luft hatte er absolut keine Angst, der Himmel schien ihm zu gehorchen. Er jagte dem Schnatz nach, James dicht hinter ihm.
Harry machte einen unvermittelten Schlenker nach rechts, nahm dann die Verfolgung des Schnatzes wieder auf. Nur der Schnatz hatte Bedeutung, sonst nichts.
Der Schnatz näherte sich nun wieder in atemberaubender Geschwindigkeit dem Boden. James und Harry lenkten ihre Besen zugleich in einen Sturzflug, doch dieses Mal beschleunigte Harry sein Tempo noch einmal und ließ James weit hinter sich. Der Boden war bald nur noch 10 Meter entfernt. Bei Harrys Riesengeschwindigkeit würde er höchstwahrscheinlich sterben. Er fing den Schnatz und riss seinen Besen Zentimeter vor dem Boden nach oben. Er war stolz auf sich und sah zu James hinüber, der weiß im Gesicht war.
Harry wandte den Blick zu den anderen Schülern, auch sie waren kreidebleich, sogar die Slytherins…
Harry stieg vom Besen und gab Remus den Schnatz, der ebenfalls leichenblass war.
„Was ist denn? Warum schauen alle so?"
„Ähm… hast du gesehen… was du getan hast!" antwortete Remus schockiert.
„Nun ja, ich habe den Schnatz gefangen, oder nicht?"
„Ja, aber du wärst dabei auch beinahe auf den Boden gekracht."
„Das ist nebensächlich." Harry zwinkerte Remus zu, der total verwirrt schien.
„Herry Praott, ich erkläre dich zum Sieger des Duells."
Remus ging zu James, während Herry von einer Bande Slytherins umringt wurde.
„Ich nehme dich in die Quidditch-Mannschaft von Slytherin auf", rief Malfoy mit einem breiten, überheblichen Grinsen.
„Und wenn ich nicht will?"
„Warum solltest du ein Angebot von einem Malfoy ablehnen? Die Chance hast du nur ein Mal."
„Schon gut, ich mag die Idee viel zu sehr, alle anderen in einem Quidditchspiel zu besiegen. Wie könnte ich da ablehnen?"
„Gut, wir trainieren montags um diese Uhrzeit, verstanden?"
Harry nickte. Er hatte eben seinen Vater besiegt! Er war mehr als zufrieden! Aber sein Vater war der härteste Gegner gewesen, den er je besiegt hatte. Das war ein wahres Vergnügen gewesen.
Für James war die ganze Angelegenheit schon sehr viel schwieriger.
„Wow, James! Man könnte meinen, dass du eine ernste Konkurrenz bekommen hast!"
„Du kannst dir nicht vorstellen, was für eine, Remus! Praott ist wirklich verrückt. Er hat einfach keinen Sinn für Gefahren. Ich habe so etwas noch nie gesehen und wenn du ihn in der Luft gesehen hättest… Es war einfach sein Element, er war so glücklich! Als hätte er all seine Sorgen auf dem Boden zurückgelassen."
„Ich hab's gesehen James, glaub mir, ich hab's gesehen. Als ich ihm gesagt habe, dass er hätte sterben können, meinte er nur, dass das nebensächlich wäre. Dieser Junge ist wirklich ein Rätsel. Das müssen wir sofort klären."
„Und wie?"
„Nun, wir könnten versuchen, Informationen über seine Familie aufzutreiben. Er ist in Slytherin, das heißt, dass er aus einer Zaubererfamilie kommen muss. Und außerdem ist er ein mächtiger Zauberer, also müssen seine Eltern auch mächtig sein."
„James! Hast du gesehen, was er gemacht hat! Er ist wohl total durchgeknallt! Er hat wirklich keine Angst, dieser Praott", meinte Sirius, der eben auf die beiden zukam, gefolgt von den Gryffindors.
„Ja, ich hab's gesehen und vor allem hab ich verloren. Ich glaube, die nehmen ihn in ihrer Quidditch-Mannschaft auf."
„Nein wirklich? James, dieser Praott hat dich geschlagen und du sollst angeblich der beste Sucher sein, den Hogwarts je gesehen hat!"
„Na und? Das wird dann mal ein interessanterer Kampf. Aber was mich am meisten verwirrt ist, dass er den Schnatz schon viel früher hätte fangen können. Bestimmt zwei oder drei Mal hat er ihn absichtlich entkommen lassen. Er hat mich von ihm ferngehalten und hat ihn dann extra wegfliegen lassen."
„Vielleicht wollte er lieber noch ein bisschen länger in der Luft bleiben, als wieder runterkommen zu müssen", meinte Sirius leichthin.
„Weißt du was Sirius, ich bin mir sicher, dass du Recht hast."
„Was erwartest du, ich habe immer Recht!"
James, Sirius und Remus gingen lachend davon.
Doch hinter dem fröhlichen Schein fühlte James sich verletzt. Dieser Slytherin hatte ihn jetzt zu oft lächerlich gemacht und das an nur einem Tag! Er musste dem ein Ende setzen, er musste dem unbedingt Einhalt gebieten und als das beste Mittel blieben immer noch die Streiche. Er würde nicht Herry welche spielen, sondern sich an Snape rächen, wenn Herry nicht in der Nähe war.
Das war ein kindischer Gedanke, doch James hatte genug Misserfolge für einen Tag eingesteckt, er ertrug einfach keine weiteren.
Die Gryffindors waren alle am Boden zerstört. Ihr Idol, der beste Spieler, war eben in einem Duell besiegt worden. Die ganze Schule war innerhalb kürzester Zeit darüber auf dem Laufenden, selbst die Professoren wussten Bescheid. Einzig der Direktor war nicht überrascht darüber. Wer sonst könnte James wohl besiegen außer seinem eigenen Sohn? Aber das konnte natürlich niemand wissen.
Während des Abendessens interessierten sich viele Schüler für Herry. Die Mädchen sahen ihn als neue Jagdbeute, die Jungen mit Respekt und ein wenig Furcht an.
Am Slytherin-Tisch gab es ein Fest. Für sie war eine neue Hoffnung geboren. Sie waren bereits allseits gefürchtet, aber jetzt kam eine Art bewundernder Respekt hinzu, selbst wenn dieser nur Herry gewidmet war.
Harry hasste diese Atmosphäre. Er verließ die Große Halle und ging direkt in seinen Schlafsaal. Alle bemerkten natürlich, wie er aufstand und es wurde auch klar, dass Herry kein Junge war, der sich viel auf seinen eigenen Erfolg einbildete. Im Gegenteil, er schien diese Anerkennung nicht ausstehen zu können, was ganz und gar kein Verhalten eines Slytherins war.
Das alles gefiel natürlich Lily, die zu angeberische Leute hasste, und auch Dumbledore freute sich darüber. Er sah dies als eine gute Eigenschaft an.
Als Harry in seinem Schlafsaal ankam, nahm er das Buch über die Auroren zur Hand, das Hermine ihm geschenkt hatte, und zog sich damit in einen dunklen Winkel des Schlosses zurück. Seinen Tarnumhang und die Karte nahm er mit.
Er verkroch sich in einer Sackgasse des Schlosses, an der sehr selten jemand vorbeikam und öffnete zum ersten Mal das Buch. Hermines Zeilen hatten ihn neugierig gemacht. Sie hatte ihm geschrieben, dass dieses Buch sehr interessant wäre, aber er hatte noch nicht die Zeit dazu gehabt, es näher anzuschauen, da er so viel hatte trainieren müssen.
Neugierig begann er mit der Lektüre. Zunächst war er äußerst überrascht festzustellen, dass in dem Buch viele Potters verzeichnet waren. Es war beinahe ein Beruf, der vom Vater an den Sohn vererbt wurde. Nur selten waren eine oder zwei Generationen dabei, die nicht Auroren geworden waren.
Man sollte also glauben, dass das Blut der Potters ein sehr mächtiges Blut war. Vielleicht war das ein weiterer Grund dafür, dass Voldemort die Potters angegriffen hatte. Prophezeiung hin oder her, Voldemort hätte wahrscheinlich ohnehin seine Familie attackiert.
Harry konnte fast seinen gesamten Familienstammbaum zurückverfolgen. Er entdeckte viele seiner Vorfahren in dem Buch. Das erstaunlichste für ihn war jedoch, dass selbst seine Großeltern und Eltern darin verzeichnet waren.
Es gab sogar Fotos von ihnen. Er betrachtete das Foto seiner Eltern, das aufgenommen worden war, als diese beiden auf der Spitze ihrer Karriere waren. Sie waren große, bekannte Auroren gewesen, so wie die meisten der Familie Potter.
Von einem Moment zum nächsten begann Harry zu frösteln. Es wurde ihm unerklärlich kalt und das sagte ihm, dass es bestimmt bereits die Zeit fürs Bett war und er so schnell wie möglich in seinen Schlafsaal zurückkehren sollte.
–
Zur selben Zeit im Gryffindor-Gemeinschaftsraum, kurz nach dem Abendessen…
„Ist dir aufgefallen James, dass Praott es ziemlich eilig hatte, vom Abendessen wegzukommen?"
„Sirius, ehrlich mal, es ist mir so was von egal, was Praott macht! Mir reicht es, andauernd von diesem Jungen reden zu müssen."
„Oh… höre ich da etwa Eifersucht raus, James!"
„Ich eifersüchtig! Oh, bitte, Sirius, du kennst mich doch!"
„Deswegen ja…"
„Nein, ich bin nicht eifersüchtig auf einen Slytherin… ich werde nie auf einen Slytherin eifersüchtig sein! Sie sind alle so widerlich, alles Todesser… sogar Praott! Nein… vor allem Praott…"
„Was weißt du denn darüber!"
„Oh, Evans, du hast doch seinen Auftritt an seinem ersten Abend hier mitbekommen! Der Umhang, den er trug, war ein Todesserumhang. Ich bin sicher, dass wir, wenn wir uns seinen Unterarm ansehen würden, ein kleines –"
In dem Moment knallte eine Hand auf James' Wange.
„Wie kannst du es wagen? Du kennst ihn ja noch nicht einmal!"
„Aber du kennst ihn wohl, was Evans!"
„Ich weiß wenigstens, dass er von Muggeln aufgezogen wurde, also kann er kein Todesser sein."
„Evans, weißt du, was eine Lüge ist? Es ist sehr einfach zu lügen!"
„Du musst es ja wissen! Du lügst ja die ganze Zeit, Potter."
„Was soll das heißen, ich lüge die ganze Zeit! Ach, was soll's, du bist doch verrückt, Evans, wirklich verrückt!"
James flüchtete in seinen Schlafsaal, steckte seinen Tarnumhang unter seinen Umhang und verließ den Gryffindor-Gemeinschaftsraum.
„Wo gehst du hin, Potter? In fünf Minuten ist Bettruhe."
„Was geht dich das an? Geh doch Praott fragen, was er davon hält."
„Wenn ich erfahre, dass –"
„Das ist mir egal, Evans", antwortete James ernst, was Lily etwas unsicher machte.
James war außer sich. Er war zornig auf sich selbst, dass er in diesem Ton mit Lily geredet hatte, auf Praott, weil dieser ihm Lily weggenommen hatte und auch auf Lily selbst, weil sie ihn geohrfeigt hatte.
Er wusste nicht genau, wo er hingehen sollte, also strich er einfach ziellos im Schloss umher. Er fand schließlich ein leeres Klassenzimmer und begann, hart gegen die rauen Mauern zu schlagen. Das brachte rein gar nichts, aber immerhin fühlte er sich ein wenig besser.
Innerhalb weniger Sekunden hatte er geschwollene Hände und ein paar Schrammen, doch er wurde wieder etwas ruhiger. Er spürte den Schmerz, der seine Hände durchfuhr, doch er achtete gar nicht darauf. Kurz darauf schlief er in diesem Klassenzimmer ein.
Harry ging gerade leise zu seinem Gemeinschaftsraum zurück, als er Lärm aus einem Klassenzimmer dringen hörte. Er hüllte sich in seinen Tarnumhang und betrat unbemerkt den Raum.
Das Spektakel, das sich ihm da bot, betrübte ihn aufs Tiefste. Er sah James, der zu sehr damit beschäftigt war, auf die Mauer einzuschlagen, um ihn hören zu können. Was hatte James derart in Rage versetzen können!
Harry spürte, dass er etwas damit zu tun hatte…
Im nächsten Moment sah Harry, dass James begann schwächer zu werden. Er hatte es nicht gewagt, den anderen Jungen aufzuhalten, weil er den Hass in dessen Augen gesehen hatte. Jetzt verstand Harry warum James ein so mächtiger Auror geworden ist.
Als James einschlief, versteckte Harrys sein Buch unter dem Tarnumhang, den er in einer Ecke des Klassenzimmers verstaute. Anschließend nahm James mit sich.
Er überprüfte, ob die Luft rein war und trug James bis vor die Tür zum Krankenflügel. Er klopfte an und als er sicher war, dass Madam Pomfrey öffnen würde, ließ er James vor der Tür alleine. Niemand sollte wissen, dass er es gewesen war, der ihn hier hergebracht hatte.
Anschließend ging Harry in den Gemeinschaftsraum der Slytherins zurück und setzte sich vor den Kamin. Als er in die Flammen starrte, dachte er darüber nach, dass sein erster Tag sehr anstrengend gewesen war. Er hatte das Gefühl, sich den ganzen Tag über nur mit anderen Leuten geschlagen zu haben. Doch das Sucherduell, das er gegen seinen Vater gewonnen hatte, würde ihm für immer im Gedächtnis bleiben. Als das Feuer ausging, stieg er in seinen Schlafsaal hoch und legte sich schlafen. Er schlief viel unbeschwerter ein als am Vorabend.
tbc...
