Das Erste, das sie wahrnahm war der seidene Stoff unter ihren Fingern. Ein Hauch von frischer Luft strich über die Härchen auf ihren bloßen Armen und brachte den Geruch von Regen und feuchter Erde mit. Ihr erster Gedanke war, dass ihre Mutter wohl ihr Schlafzimmerfenster geöffnet haben musste. Mit einem Seufzen kuschelte sie sich tiefer in die weiche Matratze und drehte sich mit dem Gesicht in die Richtung, aus der die Luft kam.
Nach einem kurzen Moment der Entspannung runzelte sich die Stirn des Mädchens. Zuhause im Fuchsbau war das Fenster ihres Schlafzimmers zur Rechten ihres Bettes, doch nun hatte sie sich nach Links gedreht. Langsam öffnete sie ihre braunen Augen und sah auf das geöffnete Fenster. Es stand nur einen kleinen Spalt weit offen um nicht zu viel von der Winterkälte in den Raum hinein zu lassen. Helle creme-farbene Vorhänge bauschten sich in der kalten Brise. Zögerlich drehte sich Ginny auf ihren Rücken und setzte sich auf. Sie ließ ihren Blick über jedes Detail in dem großen, hellen Raum streichen. Nichts sah hier nach zuhause aus. Gegenüber vom Bett, stand eine große, alt wirkende Kommode aus dunklem Holz, mit geschwungenen, geschnitzten Beinen und silbernen Verzierungen an den Ecken. das Möbelstück sah aus als sei sie hier schon seit Jahrhunderten, schwer und massiv, und als würde es so schnell nicht seinen Platz aufgeben.
Ginny fröstelte, als die kühle Luft ihr unter das Oberteil fuhr, nachdem die warme Decke von ihren Schultern gerutscht war. Sie sah an sich hinunter und abermals zogen sich ihre Brauen zusammen. Sie trug ein weißes Nachthemd, welches sich anfühlte als sei es ebenfalls aus reiner Seide gefertigt. Hektisch stieß das rothaarige Mädchen die Bettdecke von sich und sprang auf, wobei einer der dünnen Träger des Nachthemdes beinahe über ihrer Schulter glitt.
Immer deutlicher konnte Ginny ihren eigenen Puls in den Ohren rauschen hören, als die Panik begann sie zu überschwemmen, wie eine Flut, deren Wellen immer einvernehmender wurden. Nichts von dem was sie sah kam ihre bekannt vor.
Auf der Suche nach einem Anhaltspunkt, irgendetwas Vertrautem trete sie sich mehrmals um die eigene Achse, ihre Augen überflogen das Zimmer abermals. Sie musste einsehen, dass es vergebens war und trat stattdessen zögerlich an das geöffnete Fenster heran. Sie stellte sich vor den Vorhang und sah vorsichtig hinunter in einen prächtigen Garten. Obwohl er schneebedeckt war blühten die wunderbarsten Blumen und Sträucher. Orangen glühten wie kleine Sonnen im Schnee und Lavendel trug zarte, kleine Häubchen aus Weiß. Soweit Ginnys Augen reichten sah sie kein Ende des Grundstücks. Es kam ihr so unecht vor, dass sie sich unwillkürlich fragte, ob sie noch immer schlief. Da huschte unten einen Schatten vorbei und sie schreckte vom Fenster weg.
Langsam kamen die Erinnerungen an das Geschehen der letzten Tage zurück und Ginny spürte wie sich etwas Kaltes, Graues in ihr zusammenballte, dass ihr fast schlecht wurde. Schale Angst.
Ginny presste die Lippen zusammen bei dem Gedanken, dass sie nicht wusste wo sich Hermione befand. Sie könnte schon Tod sein und sie würde es nicht einmal bemerkt haben. Sie erinnerte sich an den verzweifelten Blick ihrer Freundin, Schrecken in ihren Augen und dann nur noch Schwärze. Sie hatte versagt, war es nicht so? Sie hatte Hermione im Stich gelassen.
Ein Gefühl der Hilflosigkeit kam in ihr auf als sie versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Sie musste hier raus! Wenn sie denn nur wüsste wo sie sich überhaupt befand!
Das Mädchen schluckte einmal bevor sie jeglichen Mut in ihrem Geist zusammenkratze und auf die dunkle, glänzende Holztür zuging. Sie warf einen Blick über ihre Schulter um zu überprüfen ob nicht vielleicht doch ihr Stab irgendwo lag, mehr aus Gewohnheit als aus Hoffnung, doch nichts. Wenn man das nicht gemachte Bett ignorierte, sah das Zimmer aus als sei sie in einem der Schicken Hotels, über welche die Zeitschriften ihrer Mutter manchmal schrieben. Nichts Persönliches lag herum und Ginny war sich sicher, dass sie auch in den Schubladen und Schränke nur Leere vorfinden würde. Als war akribisch sauber, sortiert, angerichtet. Unwirklich perfekt, wie der Garten vor dem Fenster. Wieder den Blick auf die Tür gerichtet machte sie den letzten Schritt und legte ihre zitternde Hand auf den verzierten Türknauf. Ihr Atem verfing sich in ihrer Kehle.
Mit einem Ruck zog sie die Tür auf und sah einen kleinen Vorraum zu dem Zimmer, in dem sie aufgewacht war. Kleiner und etwas düsterer, jedoch nicht weniger elegant. Ginny wollte gerade einen ihrer nackten Füße auf den Teppich in dem kleinen Raum setzen als sie ein Räuspern zu ihrer Linken hörte. Erschrocken fuhr sie herum und stolperte mehrere Schritte nach hinten. Ihr Blick fand ihren Gegenüber im Schatten und sie sah in das Gesicht von einem Mann, von dem sie gehofft hatte sie müsse ihn niemals in ihrem Leben sehen. Rabastan Lestrange saß fast schon lächerlich entspannt in einem taubenblauen Ohrensessel. Ein Bein hatte er über das andere geschlagen und drehte seinen Zauberstab zwischen seinen Fingern.
"Nun? Endlich aufgewacht, meine schlafende Schönheit?", lachte der Mann mit seiner rauen Stimme.
Im ersten Moment erstarrte Ginny vor purer Angst doch ein kleiner Funke von Mut, immerhin war sie nun mal eine Gryffindor, ließ sie aus ihrer Starre aufwachen. Innerhalb eines Herzschlages griff sie nach dem ersten Gegenstand, auf den ihre Blick fiel. Neben der Tür stand ein Beistelltisch mit einer schweren, geschliffenen Kristallschale. Ginny griff nach ihr und schleuderte sie dem Todesser mit Wucht entgegen.
Mit einer müden Handbewegung ließ er die Schale in Millionen von Scherben zerspringen, bevor sie auch nur in die Nähe seines Kopfes kam.
"Das war nun aber wirklich nicht nett. Bist wohl nicht für Smalltalk zu haben, was?", sagte Rabastan fast schon gelangweilt von Ginnys Versuch.
Der Mann stand von seinem bequemen Platz auf, als sich Ginny zur Tür stürzte, an dem schlangenförmigen Knauf zerrte und auf den Gang rannte.
Nur einen Wimpernschlag später stand Rabastan in der Tür und sah dem Mädchen hinterher, wie sie nur mit einem Nachthemd bekleidet über den lilanen Teppich huschte. Im fahlen Licht, der helle Stoff um ihre Knöchel flatternd, sah sie aus wie ein Gespenst. Neben der Tür stand einer der unwichtigen Todesser. Einer von denen, die gerade gut genug waren um Wache zu schieben, bedeutend in der Gegend herum zu stehen und Voldemorts Reihen wenigstens zahlenmäßig zu unterstützen.
"Sollten wir ihr nicht folgen?", ertönte auch schon die dümmliche Stimme des maskierten Mannes. Er wirkte deutlich überrascht und, man konnte es nicht leugnen, überfordert von der überraschenden Entwicklung der Ereignisse.
"Die Ausgänge sind streng bewacht, ganz im Gegensatz und dem was du hier tust." stichelte Rabastan gehässig. "Was denkst du wie weit sie kommt, du Idiot?! Wenn es nicht komplett unbedeutend wäre, hätte ich sie nicht mal aus dem Zimmer gelassen.", herrschte er und stierte sein Gegenüber an, dass dieser versuchte schnellstmöglich im Boden zu verschwinden. Diese Schwachköpfe konnten wirklich keinen einzigen Schritt voraus denken.
"Ist sie nicht abgehauen?", sprach der andere Mann erneut mit einer nervösen Lache, da er offenbar nicht Begriff, dass er auf dünnem Eis stand.
Der jüngere Lestrange Bruder, blickte noch kurz der Gryffindor nach, drehte sich dann jedoch gefährlich langsam zu seinem eigentlichen Verbündeten um und sah ihn mit geneigtem Kopf still an. Er bewegte sich nicht und sagte auch nichts. Nur ein einsamer Muskel seines Kiefers schien vor Wut immer wieder zu zucken.
"Hast du nicht etwas Besseres zu tun als hier nutzlos herum zu stehen? Fehlt es dir an Arbeit, du Nichtsnutz?", antwortete der. Seine Stimme wurde immer lauter bis er dem jüngeren Mann in das bedeckte Gesicht schrie.
Dieser stolperte einen Schritt zurück und stotterte: "Natürlich Mr Lestrange, Sir! Ich mache mich gleich auf den Weg! Ganz bestimmt sogar!" Er redete so schnell, so dass es sich anhörte als habe er einen Knoten auf der Zunge.
Rabastan gab ihm mit einer abwertenden Kopfbewegung zu verstehen, dass er sich sofort entfernen solle. Einige Schritte lief der junge Todesser rückwärts, als hätte er Angst es würde den ranghöheren Mann verärgern, wenn er ihm den Rücken zuwenden würde, bevor er sich ruckartig umdrehte und den schier endlosen Gang hinunter hastete.
Nach einigen Atemzügen des Wartens und sich Beruhigens setzte sich nun auch der jüngere Lestrange Bruder in Bewegung und lief langsam, mit bedächtigen Schritten den Flur hinunter. Vorbei an endlosen Portraits, Statuen, Wandbemalungen und Türen.
"Ich zähle auf drei, danach habe ich keine Lust mehr auf Versteckspielen!", rief der dunkelhaarige Mann in den ruhigen Raum hinein. Er wusste, dass das Weasley Mädchen hier irgendwo sein müsste. Sie konnte noch nicht weit gekommen sein. Ungefähr 20 Türen weiter in den Gang hinein stand Dolohov Wache und es wäre überaus dumm von ihr ihm direkt in die Arme zu laufen.
Ginny war nur wenige Meter entfernt als Rabastans Stimme durch den Flur hallte. Sie hatte sich hinter einem schweren Wandstoff versteckt, welcher hinter einer der vielen Marmorstatuen hing, als sie hörte, dass der Todesser bald um die Kurve kommen müsste. Sie hielt die Luft an um so still wie möglich zu sein, doch fürchtete sie ihr schneller, lauter Herzschlag würde sie verraten. Seine schweren Stiefel macht bei jedem Schritt ein dumpfes, bedrohlich lautes Geräusch. Erst als er sich hörbar weiter entfernte lugte die Weasley hinter ihrem Versteck hervor. Sie konnte gerade noch einen Blick auf eine in Lederstiefeln steckende Ferse erhaschen, als der Mann um die Kurve ging.
Für einen Moment atmete sie tief durch bevor sie aus ihrem Versteck hervorgeklettert kam und sich langsam in die andere Richtung bewegte. Weg von dem Todesser, bloß weg. Doch sie hatte keine 2 Meter hinter sich gebracht als die Schritte wieder lauter wurden. Ginny sah angsterfüllt über ihre Schulter und erkannte wie Rabastan wieder in den Gang zurückkam.
"Wusste ich es doch. Auf mein Gehör kann ich mich nun eben doch verlassen.", lachte der Mann düster bevor er mit entschlossenem Stechschritt auf sie zugelaufen kam.
Das Mädchen drehte sich schlagartig um und rannte barfuß über den teuren Teppich.
Rabastan ließ Ginny einige Meter von ihm fortrennen.
"Wirst du diesem albernen Versteckspiel nicht langsam überdrüssig?", rief er ihr hinterher. Unzählige gerahmte Ölgemälde, Wandbehänge und schwere, bestickte Vorhänge huschten an ihr vorbei, während sie ein weiteres Mal vor ihrem Verfolger floh. Dieser Umstand schien sich in den letzten Tagen in erschreckendem Ausmaß zu häufen.
Das rothaarige Mädchen fühlte sich als wäre sie ewig gerannt. Zuerst vor Blaise davon, dann zu Hagrids Hütte, nun durch dieses riesige Anwesen. Es schien kein Ende zu nehmen. Ihre Muskeln brannten, der Herzschlag pochte in ihrer Wunde am Kinn und Übelkeit schwappte in ihrem Magen umher.
Erschöpft stützte sie die Hände auf die Knie und versuchte wieder zu Atem zu kommen. Keuchend warf sie einen Blick hinter sich, dann vor sich. Es war niemand zu sehen. Fahles Licht fiel durch die verhangenen Fenster und warf Streifen an die beigen Wände.
Ganz leise waren Schritte zu hören. Forsch und bestimmt. Lestrange! Sie musste im Kreis gerannt sein. Keiner der Gänge hatte ein Ende gehabt, stattdessen waren sie alle in einander gemündet und hatten sie ab irgendeinem Punkt wieder näher an ihren Verfolger geführt.
Wie sollte man sich in diesem Wirrwarr nur zurechtfinden? Sie würde ihm direkt in die Arme laufen. Panisch flog ihr Blick umher und mangels anderer Optionen riss sie die nächstbeste Tür auf und stürzte hinein.
Für einen kurzen Augenblick des Beruhigens lehnte sich das rothaarige Mädchen gegen das dunkle Holz.
Erst eine Minute später, als sie keine Schritte mehr wahrnehmen konnte, sah sie sich in dem Raum um in den sie hineingeplatzt war.
Es war ein hell eingerichtetes Durchgangszimmer, wie das vor dem Raum, in dem Sie erwacht war. Die Wände des sechseckigen Raumes waren mit einer pastellgelben Tapete bedeckt, die aussah, als sei echtes Gold verwendet worden um viele klitzekleine Blumenranken darauf zu malen. In der Mitte des Raumes hing ein riesiger Kronleuchter von der gewölbten, mit Stuck verzierten, Decke, welcher das Edelmetall an den Wänden zum Glitzern brachte. Unter ihm stand ein aufwändig gestaltetes Holztischchen, auf dem in einer Glas-Vase ein riesiger Blumenstrauß der schönsten weißen Lilien stand, die das Mädchen je gesehen hatte.
Gegenüber von Ginny befanden sich drei Türen an drei Seites des sechseckigen Raumes.
Sie wollte sich gerade erschöpft an der Wand hinabrutschen lassen, da hörte sie Stimmen. Im ersten Moment dachte sie, Lestrange wäre zurückgekommen, doch nach genauerem Hinhören klang es fast wie ein Frauenlachen.
Mit zögerlichen Schritten ging Ginny hinüber zu den Türen und drückte ihr rechtes Ohr gegen die Erste. Es war eine vertraute Geste. Als Kinder hatten ihre Brüder und sie so heimlich die Gespräche ihrer Eltern belauschten. Vor allem in der Vorweihnachtszeit, in der Hoffnung irgendetwas über ihre Geschenke zu erfahren. Heimweh nach ihrer Familie keimte in ihr auf, doch sie schob es entschieden zur Seite. Dafür waren weder die Zeit noch der Ort passend.
Langsam drückte sie die Türklinke nach unten und lugte in das Zimmer. Nach einem flüchtigen Blick schob sie die Tür nun komplett auf und stand in einem der beeindruckendsten Badezimmer, die sie je gesehen hat. Kleiner zwar, wie das Vertrauensschülerbadezimmer in Hogwarts, doch noch ein bisschen edler, mit golden schimmernden Armaturen, marmornen Wänden und kleinen Nischen und Erkern in denen zarte Kommoden und Schränkchen standen. Doch keine Menschenseele war zu sehen.
Erst als Ginny wieder aus dem Badezimmer hinaus trat hörte sie erneut Stimmen. Sie wandte sich also der nächsten Tür zu, der Mittleren. Ein wenig höher als die zur Rechten und zur Linken. Erneut lauschte sie.
"Ich dachte eure Schwester sei die Verrückte, aber bei dem was Sie mir erzählen bekomme ich das Gefühl es liegt in der Familie.", fauchte eine wohlbekannte Stimme.
Ginny musste sich zusammenreisen nicht einfach ins Zimmer zu platzen. Noch wusste sie nicht wer mit Hermione dort drin war. Es war jedenfalls kein Freund, soviel war jedenfalls sicher.
"Miss Granger, ich kann es nur widerholen: Ich spreche die Wahrheit. Erscheint ihnen meine Schilderung denn wirklich so unlogisch?"
"Regelrecht unrealistisch!" spuckte ihre Freundin aus. Dann war es für einen Moment still.
Die unbekannte Gesprächspartnerin seufzte beinahe erschöpft auf und wusste anscheinend nicht recht was sie noch sagen wollte.
Ginny drückte weiterhin ihr Ohr gegen die Tür und stützte sich mit den Händen auf ihr ab als sie plötzlich ein Husten hörte. Nichtsahnend rührte sie sich keinen Millimeter. Es musste ja aus dem anderen Zimmer kommen.
Erst als jemand ihren Oberarm umfasste schrak das rothaarige Mädchen zurück. Sie ahnte es schon, als sie sich umdrehte und vor sich Rabastan Lestrange mit einem arroganten, selbstgefälligen Lächeln sah.
"Da bist du ja.", lachte er heraus, "Ich habe doch gesagt, dass du dich nicht vor mir verstecken kannst."
"Hat aber gang schon lange gedauert.", verhöhnte Ginny ihn mit einem verächtlichen Ton. Mit aller Kraft versuchte sie ihre Angst zu überspielen und die Müdigkeit und Frustration der letzten Tage ebnete ihr dazu den Weg. Sollte sie untergehen, würde sie ihren Peinigern nicht auch noch das Vergnügen bereiten weinend zusammenbrechen.
"Ha, das ist doch nicht Ihr Ernst! Sie sind ja völlig übergeschnappt!", lachte Hermione im anderen Raum ungläubig auf.
Rabastan und Ginny drehten beide den Kopf zurück zur Tür, hinter der das andere Mädchen zu hören war.
"Aha, deshalb hast du gelauscht. Du hast deine kleine Freundin gefunden.", sprach der Todesser mit überlegender Stimme. Gab es einen Moment, in der das Leben für diesen Mann kein Spiel war? Dann wurde er stumm und Ginny konnte nicht einschätzen was seine nächste Reaktion sein würde. Noch immer hielt er ihren Arm so fest als würde er nicht beabsichtigen sie je wieder gehen zu lassen.
"Wie kannst du sie so mit dir sprechen lassen, Cissy!", kreischte die Stimme einer anderen Frau. Ginny musste nicht sie nicht sehen um zu wissen wer es war. Bellatrix Lestrange war auch in dem Raum, in dem sich ihre Freundin aufhielt. Nahmen die bösen Überraschungen denn nie ein Ende?! Sie musste irgendetwas tun.
Verzweifelt versuchte sich die Gryffindor von ihrem Entführer loszureißen, doch vergebens. Es gab nun wirklich kein Entkommen. Sie war leider gar nicht überrascht von diesem Umstand. Die Rothaarige hatte schon geahnt, dass ihre Flucht über die Brücke und zu Hagrids Hütte ihre letzte realistische Chance zur Flucht gewesen war.
Nachdem Rabastan sie auch mit seiner zweiten Hand gesichert hatte, musterte er ihr angestrengtes Gesicht.
"Mir kommt es so vor, als wolltest du unbedingt meine reizende Schwägerin kennenlernen. Na da will ich dich nicht von abhalten.", sagte er mit gefährlich ruhiger Stimme.
Ohne weiteres Zögern riss der Mann mit großer Geste die Tür auf und zog Ginny hinter sich in das lichtdurchflutete Zimmer hinein.
"Was soll das Rabastan, wir sind noch nicht... Warum hast du das Weasley-Mädchen hierhergebracht. Du kanntest doch den Plan.", quickste Bellatrix, ihre Augen groß und schwarz wie Tinte.
"Ginny?!", atmete Hermione aus. Sie wirkte so, als würde sie am liebsten aus ihrem Sessel springen und zu ihrer Freundin rennen. Das rothaarige Mädchen musterte ihre Freundin und suchte nach auffälligen Verletzungen, aber bis auf einige blaue Flecken schien es ihr gut zu gehen.
"Sie ist aus ihrem Zimmer geflohen und hier habe ich sie wiedergefunden, wie sie versucht hat euer Gespräch zu belauschen. Man muss schon sagen, dass es außergewöhnlich ist, dass sie unter all den Türen genau die gewählt hat, die zu Miss Granger führt. Außerdem macht es keinen Unterschied ob sie jetzt schon aufeinandertreffen. Wie wir bemerkt haben, sagt Miss Granger rein gar nichts bis wir ihr Beweise liefern, und ich bin ziemlich sicher, dass es bei Miss Weasley nicht anders sein wird.", erklärte Rabastan, den beiden Frauen im Zimmer. Mit einem beinahe vergnügten Blick sah er seine Gefangene an: "Sie ist ein Wildfang, richtig rebellisch..."
Bellatrix, die genauso verrückt aussah, wie sie im Tagespropheten dargestellt wurde, schlich immer wieder von einer Seite des großen Raumes auf die andere, wie eine ausgehungerte Raubkatze bereit zur Fütterung. Nur als ihr Schwager und Ginny hereinplatzten blieb sie für einen Moment lang stehen, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte. Ein Teil ihrer dunkelbraunen Locken waren zu einem wirren, buschigen Dutt hochgebunden, während ihr der Rest ins blasse Gesicht hing. Scharfkantige Knochen hatte sie und eingefallene Wangen. Wahrscheinlich von ihrem Askaban-Aufenthalt, dachte Ginny. Ihr schwarzes Kleid sah aus, als ob es einmal sehr teuer gewesen war, doch nun hing der Saum in Fetzen. Ein schwarzes Lederkorsett ließ sie ungesund dünn aussehen. Sie war eine durch und durch furchterregende Gestalt.
Die andere Frau hingegen, war das genaue Gegenteil. Sie saß gegenüber von Hermione auf einem beigen Sofa, mit geschwungener Lehne und geschnitzten Füßen. Elegant hatte die großgewachsene Frau die Knie überkreuzt und klopfte Staub von ihrem dunkelblauen, weichen Hosenanzug, wo gar keiner war. Um ihr Handgelenk trug sie ein Armband, in Form einer zarten, kleinen Schlange, welches rundherum mit Diamanten besetzt war, die zu den tropfenförmigen Ohrringen passten, die unter ihrem seidig-glänzendem Haar hervorlugten. Ihr Haar war in eine kompliziert wirkende Hochsteckfrisur gedreht. Unter den Strähnen, welche ihr kunstvoll in die Stirn fielen blitzen strahlendblauen Augen hervor. Sie sah von Kopf bis Fuß aus wie eine Lady. Sie war eine klassische Schönheit.
Es musste sich um Narcissa Malfoy handeln. Dracos Mutter.
Ginny hatte sie nur ein einziges Mal gesehen. Das war damals bei der Quidditch Weltmeisterschaft und dort sah Mrs Malfoy so aus, als würde ihr nur bei dem Anblick der Weasleys schlecht werden. Nun wirkte sie reserviert, mit einem leichten Lächeln und Argusaugen, die Ginny interessiert beobachteten.
Narcissa atmete beinahe erschöpft auf bevor sie sich langsam von ihrer Sitzmöglichkeit erhob und ihre Bügelfalte glättete, bevor sie mit ruhiger Stimme verlauten ließ: "Du hast wohl recht Rabastan, auch wenn ich es nicht gerne zugebe. Wir kommen hier nicht weiter. Ich denke, Bella, dass wir zu anderen Mitteln greifen müssen. Wir sollten sie holen, denkst du nicht auch?" Für einen Moment sahen sich die beiden Schwestern stumm an, als könnten sie auch ohne Worte kommunizieren.
"Wahrscheinlich wird das das Beste sein.", stimmte ihre Schwester leise zu und legte den Kopf schief. Ihre Stimme hatte etwas Kratziges, rauchiges solange sie leise sprach.
"Nun gut. Ich werde sie aufsuchen und bitten sich zu uns zu gesellen. Wie wäre es, wenn ihr Beiden draußen im Aufenthaltsraum wartet? Dann können sich die beiden Mädchen etwas austauschen. Ich bin sicher, dass Miss Weasley noch etwas durcheinander ist.", sagte Dracos Mutter bestimmt, als würde sie keine Widerworte akzeptieren.
Ohne eine Sekunde zu verlieren, verließen die drei Erwachsenen den Raum, bevor Rabastan die Tür mit einem letzten Blick über die Schulter zuzog.
Sofort sprang Hermione auf und durchquerte mit wenigen Schritten den Raum. Die Rothaarige kam ihr auf der Mitte entgegen und umarmte sie fest.
"Oh Gott, Ginny!", flüsterte Hermione in die Haare ihrer Freundin.
"Ist alles in Ordnung?" flüsterte Ginny, so erleichtert wieder mit Hermione vereint zu sein. Für einen kurzen Moment hielten sie einander so fest, dass sie kaum atmen konnten, dann lösten sie sich unwillig um eine Armeslänge um sich in Augenschein zu nehmen. "Bist du verletzt?"
"Außer ein paar Schrammen und Schürfwunden ist mir nichts passiert." Hermione stricht ihrer Freundin eine Haarsträhne aus den Augen. "Du warst ohnmächtig von irgendeinem Zauberspruch... Ist dir etwas passiert?"
Ginny schüttelte den Kopf und lächelte um die Ältere zu beruhigen: "Nein, alles noch dran. Bis auf die Schramme am Kinn wurde ich verschont."
"Bin ich erleichtert dich zu sehen.", Hermione drückte Ginny noch einmal fest an sich, "Sie haben dich weggetragen und mich in diesen Raum gebracht. Dort hat Narcissa Malfoy-"
"Sind wir in Malfoy Manor?"
Die Braunhaarige nickte: "Ich gehe mal davon aus. Rodolphus Lestrange ist auch hier, genauso wie eine Handvoll anderer Todesser."
"Ich weiß, ich habe sie gesehen. Sie patrouillieren die Gänge.", kurz verstummte das rothaarige Mädchen und überlegt bevor sie langsam weitersprach, "Das hier... Es passt irgendwie nicht ganz zusammen: Wir wurden nicht verletzte, haben wunderschöne Zimmer bekommen, ich glaube sogar, dass sie mich geheilt haben. Ich hatte alles erwartet nur nicht das."
"Ja, seit wir gestern Nacht ankamen, war Mrs Malfoy erpicht darauf, mir den Aufenthalt so angenehm wie nur irgendwie möglich zu gestalten. Aber dann kam der Schwachsinn, den sie mir einreden wollen... Wenn es nicht so abwegig klingen würde, könnte man glatt meinen sie haben es auf eine Gehirnwäsche abgesehen.", überlegte Hermione mit gerunzelter Stirn.
Ginny sah verwirrt zu ihrer Freundin: "Was meinst du? Ich versteh nicht ganz..."
Hermione fuhr sich durch das lockige Haar. "Ich fange am besten ganz von Anfang an..."
Hermione zog das andere Mädchen mit sich und setzte sich auf die kleine beige Couch bevor sie zu erzählen begann:
Rodolphus hatte die bewegungslose Ginny über seine Schulter geworfen und umklammerte Hermiones Handgelenk.
"Was wollen sie von uns? Wir haben Ihnen doch gar nichts getan!", schluchzte das braunhaarige Mädchen. Sie konnte noch immer nicht fassen, dass drei ihrer Schulkameraden sie so ausliefern würden. Selbst den Slytherins hätte sie nicht so etwas Furchtbares zugetraut. Und doch...
"Sei still, Mädchen, ich muss mich konzentrieren, oder ich zersplittere uns noch.", fuhr Rodolphus sie mit angestrengtem Ton an.
"Zersplittern?! Wohin wollen sie mit uns?", presste sie hervor, und versuchte ihre Tränen unter Kontrolle zu bekommen. Energisch wischte sie sie weg und schlucke zweimal. Sie würde sich von dem Moment nur doch auf eine Sache konzentrieren, und das war, wie sie Ginny und sich selbst retten könnte. Ihre Gefühle waren nun erst einmal zweitrangig.
Ohne ein weiteres Wort der Erklärung schloss der Todesser die Augen und nach nur einem Wimpernschlag standen die Drei vor einem alten, kupfernen Tor, dass mehrere Mannslängen über ihnen aufragte. In der Mitte des Gitters war ein geschwungenes M eingearbeitet um welches sich eine Schlange wandte. Was dahinter lag war kaum zu erahnen. Mächtige Zauber lagen über den Ländereien und ließen alles hinter der Grundstückgrenze verschwimmen.
Hermione drehte sich kurz einmal um sich selbst und sah, dass sie auf einem langen Kiesweg standen, der auf beiden Seiten durch eine hohe Hecke abgegrenzt wurde und über einer leichten Kuppe im schneeverhangenen Wald verschwand.
Sie wandte ihren Blick wieder nach vorne und stolperte Rodolphus hinterher, der sie ungehalten weiterzog. Ginny lag noch immer über seiner Schulter. Alle paar Schritte rückte der Todesser das rothaarige Mädchen zurecht, sodass sie nicht runterrutschte.
Ein überraschtes Keuchen entschlüpfte Hermiones Kehle, als der Mann mit ihr im Schlepptau schnurstracks durch das Kupfergitter hindurch ging.
Als Hermione nach dem kurzen Schreck die Augen öffnete, musste sie staunen. Vor ihnen verlief der Kiesweg weiter und führte direkt auf einen riesigen Wohnsitz zu. Wie ein altes Herrenhaus nahm es die ganze Umgebung in Anspruch. Drei Etagen wurden von unzähligen alten Fenstern und französischen Balkonen verziert. Die Eingangstür war aus dunklem Holz gefertigt und ein silberner Türklopfer schimmerte im Mondlicht. Eine breite Treppe führte hinauf zu dem Eingang, der von einem kleinen Dach in Szene gesetzt wurde. Auf beiden Seites der Treppe waren prächtige Blumenbeete, die selbst im Winter mit vielen bunter Blüten übersäht waren.
Als Rodolphus sie erst den Weg entlang und schließlich die zehn Treppenstufen hinaufgezogen hatte, nahm er den silbernen Türklopfer in die Hand, und stieß ihn drei Mal gegen das Holz. Als er seine Hand weg nahm sah Hermione, dass das Silber zu einer Schlange geformt war, deren Augen aus echten Smaragden gefertigt waren.
Das Mädchen versuchte ihre Atmung unter Kontrolle zu bekommen als sie langsam Schritte hörte, die immer näher zu ihnen kamen. Sie sah zu ihrer Freundin, die noch immer regungslos dahin, als die Tür aufgezogen wurde.
"Da seid ihr ja. Wir haben schon gewartet. Die anderen haben sich schon Sorgen gemacht, dass etwas schief gegangen ist.", sagte eine arrogante Stimme. Hermione wusste genau wer das sprach, bevor sie auch nur hinsah. Nun machte das große M im Eingangstor auch Sinn.
Sie war nach Malfoy Manor gebracht worden, und der Hausherr, Lucius Malfoy, höchstpersönlich stand vor ihnen. Sein langes schneeweißes Haar war präzise nach hinten gebürstet und fiel ihm elegant über die rechte Schulter.
"Dein Sohn und seine Freunde hatten so ihre Schwierigkeiten mit den Beiden fertig zu werden. An mir liegt es ganz sicher nicht, dass du dir deinen hübschen Kopf zerbrechen musstest.", erklärte Rodolphus höhnisch als er eintrat und Hermione mit einem Ruck durch den Eingang beförderte.
Die Gryffindor schaute sich mit großen Augen in der hohen Eingangshalle um. Die schwarzen Fliesen auf dem Boden waren so sauber, dass sie das Licht reflektierten und die Wände und Möbel schemenhaft widerspiegelten. Aus dem gleichen Stein waren zwei große, geschwungene Treppen gemacht, die sich gegenüber des Eingangs in den zweiten Stock schlängelten. Dieser Ort schrie förmlich nach altem Geld, reinem Blut und dunkler Magie.
Ihr Entführer nahm seinen Stab aus seiner Mantelasche und ließ Ginny mit einem Zauber von seiner Schulter schweben. Es sah so aus, als würde sie auf einer unsichtbaren Trage liegen, nur ihr Haar fiel lose herab und wirkte dabei wie Glut.
"Du solltest einen Heiler holen. Die Weasley wurde ausgeknockt. Hat wohl einen Schlag auf den Kopf bekommen.", sagte Rodolphus zu dem Schwager seiner Ehefrau bevor er sich Hermione zuwandte, "Du! Setz dich da auf das Sofa, und bewege dich keinen Millimeter fort. Ich kann dich getrost der Illusion berauben, dass du unbemerkt hier rauskommst." Mit einem Kopfnicken deutete er auf eine samtene Couch links unterhalb der Treppe.
Langsam und zögerlich setzte sich Hermione in Bewegung. Sie wusste nicht wie sie diese Situation einschätzen sollte. Ihr Herz war voller Furcht doch noch wurde sie nicht gefoltert, nicht Voldemort vorgeführt, und auch nicht auf direktem Weg in den Kerker verfrachtet. Was war der Grund für alle das hier? Die Unwissenheit machte sie schier wahnsinnig und doch war sie sich nicht sicher ob sie die Antwort auf ihre Frage überhaupt wissen wollte.
Nachdem die beiden Todesser ein hitziges Gespräch geführt hatten, ohne, dass Hermione auch nur ein Wort vernehmen konnte, lief Lucius zielstrebig durch eine der vielen Türen. Ginnys Körper schwebte hinter ihm her und das Manor verschluckte seinen Herren und die Ohnmächtige ganz und gar. Hermione blieb der Atem weg. Was würden sie mit ihrer Freundin nur machen? Sie konnte es selbst nicht glauben, wie sie einfach zugelassen hatte, dass diese bösen Menschen Ginny, die wie eine Schwester für sie war, sie von ihr fortbringen konnten.
Hermione ließ ihren Kopf in ihre Hände sinken. Die Panik machte etwas anderem Platz. Düster und schwerer: Sie würden sterben, und Harry würde erneut wichtige Menschen aus seinem Leben verlieren. Sie wusste genau, dass er sich selbst die Schuld geben würde, sollte ihnen etwas passieren. Das braunhaarige Mädchen ertrug schier diesen Gedanken nicht. Nach und nach stürzten mehr Bilder auf sie ein. Mrs Weasley, die wehklagend ihre Tochter betrauerte, ihre eigenen Eltern, die so unbefangen in der Zauberwelt wahren und sicher nicht begreifen konnte, was geschehen war... Sie versuchte verzweifelt nicht weiter darüber nachzudenken, sich nicht hinein zu steigern, noch waren sie ja am Leben... Doch die Müdigkeit lastete schwer auf ihr wie Blei.
Nach weiteren Minuten des Wartens, erschien eine neue Person in der kühlen Eingangshalle. Erst jetzt als ihr kalt wurde, bemerkt Hermione wieder, dass sie keine Schuhe anhatten. Ihre Füße waren schmutzig und die Zehen fühlten sich wie Eiszapfen an. Erst als sie merkte, dass ihre Zähne klapperten, zog sie den Hogwartsumhang von Pansy Parkinson enger um sich.
Im gleichen Moment ertönte das Klacken von Absätzen in der großen Halle in Zusammenspiel mit energischem Geflüster.
Hermione hob den Kopf nach oben, neigte ihn leicht zur Seite und linste dezent um das steinerne Geländer der Treppe, um erkennen zu können wer in den Raum getreten war. Eine große, schlanke Frau, die von Lucius zu Rodolphus geführt wurde, war dazu gekommen. Sie trug ein dunkles, knielanges Kleid und schlichte schwarze Pumps. Nur wenige Sekunden redete sie mit dem Todesser bevor sie mit selbstbewusstem Gang auf Hermione zugelaufen kam. Das Mädchen ergriff ein beklemmendes Gefühl und ihre Hände krallten sich unbemerkt in die Polsterung des Sofas.
Die Frau hatte einen entschlossenen, ernsten Blick auf dem Gesicht. Erst als sie vor dem eingeschüchterten Mädchen zum Stehen kam setzte sie ein fast schon mütterliches Lächeln auf.
"Sie müssen Miss Granger sein. Ich habe schon viele beeindruckende Erzählungen von Ihnen gehört.", sprach die Frau mit sanfter Stimme, "Ich bin Dracos Mutter, Narcissa Malfoy. Ich bringe Sie jetzt in Ihr Zimmer, was halten Sie davon?" Hermione starrte sie nur stumm und verwirrt an. Ihr Verstand war leergefegt.
Mrs Malfoy schien sich davon nicht entmutigen zu lassen. "Sie können ein warmes Bad nehmen, ich habe Ihnen frische Kleider bereitlegen lassen und vielleicht wollen Sie ein wenig schlafen?"
Hermione musste einige Mal blinzeln. Wo war sie denn hier gelandet? Irgendetwas stimmte ganz gewaltig nicht!
"Ich... Warum sind Sie so freundlich zu mir?", fragte das Mädchen leise. Sie wusste gar nicht wie ihr geschah.
Die ältere Frau lächelte und antwortet ruhig: "Gastfreundschaft war immer eine Eigenschaft, auf die meine Eltern besonders Wert gelegt haben.", für einen Moment musterte sie die Schülerin bevor sie weitersprach: "Aber nun kommen Sie. Sie sollten wirklich unter eine warme Decke."
Mit sanfter Hand zog Narcissa das Mädchen auf ihre nackten Füße und legte ihr die Hand sanft auf den Rücken. Sie wollte Hermione gerade eine der beiden Treppen hoch geleiten als die Gryffindor sie unterbrach: "Wo ist Ginny? Was passiert mit ihr?"
Ihre Füße waren wie angewurzelt und die Müdigkeit zog sich für einen kurzen Moment zurück. Für einen kleinen Augenblick hatte sie fast geglaubt, dass diese Menschen ihr nichts Böses wollen, bis ihre Freundin ihr wieder in den Sinn kam.
Mrs Malfoy tätschelte Hermione beruhigend die Schulter: "Machen Sie sich keine Sorgen. Ihre Freundin wird in diesem Moment von ausgebildeten Heilern untersucht und ich bin zuversichtlich, dass es ihr morgen schon wieder gut gehen wird."
Hermione sah Ginny einen Moment lang stumm an bevor sie sprach: "Ich weiß noch immer nicht was hier vor sich geht. Aber ich muss sagen, dass es mir fast noch mehr Angst macht, als einfach in ihren Kerker geworfen zu werden. Das ist doch ein einziges, großes Theater, eine Farce. Und ich würde lieber wissen mit was ich es zu tun habe, als von den Malfoys eingelullt zu werden!"
Das rothaarige Mädchen musste erst einmal verarbeiten und alles aufsaugen, was ihre Freundin ihr berichtet hatte. Als sie an diesem Morgen aufgewacht war, war sie sich sicher, dass sie Hermione nie wiedersehen würde. Doch nun war plötzlich alles anders.
"Doch das Verrückteste habe ich noch gar nicht erzählt. Narcissa meinte, sie könne mir noch nicht alles sagen, da man auf dein Erwachen warten wolle, doch sie hat versucht mich über Harry auszufragen. Was er macht, wie oft er Dumbledore sieht, ob er Aufträge von ihm erhalten hat. Lauter merkwürdige Fragen. Das gefällt mir ganz und gar nicht!", fuhr Hermione fort. Sie hatte ihre Hände ineinander geknotet als versuchte sie sich selbst zu besänftigen.
Ginny erhob sich energisch und machte einige Schritte in den Raum hinein. Mit dem Blick an die Decke gerichtet fragte sie: "Du hast ihnen doch nichts erzählt?"
Mit gerunzelter Stirn sah das braunhaarige Mädchen zu ihrer Freundin auf bevor sie entrüstet antwortete: "Nein, natürlich nicht. Was denkst du denn von mir? Ich habe kein Wort über Harry oder sonst irgendwen verloren!"
Ginny atmete erleichtert aus und lies die Arme fallen, die sie bis dahin verschränkt gehabt hatte.
"Das war aber noch nicht alles.", sagte Hermione nach kurzem Zögern. Sie wusste nicht wie sie ihrer Freundin erklären sollte, was ihr mitgeteilt worden war.
Der Rotschopf sah sie auffordernd an.
Hermione schluckte hörbar bevor sie anfing zu erklären: "Dracos Mutter hat mir gesagt, dass Dumbledore der Böse sein soll. Sie hat allerhand von angeblichen Beweisen vorgetragen, bei denen Einer unrealistischer war als der Nächste. Sie meinst, dass wir alle unter seiner Manipulation stehen und sie uns nur helfen wollten. Ich weiß nicht was ich denken soll, Ginny. Das kann nie im Leben stimmen, also warum versucht sie uns so einen Bären aufzubinden. Sie muss doch wissen, dass wir niemals in so eine stupide Falle gehen würden."
Ginny sah ihre Freundin verwirrt an. Auch sie konnte sich in dem Moment keinen Reim darauf machen: "Vielleicht denken sie, wir wären das schwache Glied in der Kette. Harrys kleine, liebe Freundinnen, denen man nur gute Miene zu bösem Spiel mache muss, damit sie ihre Freunde verraten."
Das braunhaarige Mädchen wollte gerade etwas erwidern als die Tür des Zimmers aufgestoßen wurde. Vornehinweg lief Mrs Malfoy die elegant neben der Tür stehen blieb und auf den Rest wartete. Hinter ihr erschien ihre große Schwester, die sogleich das Zimmer durchquerte und neben dem Fenster ihren Posten bezog. Sie murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, als ihr ihr Schwager folgte.
Dann passierte einen kleinen Augenblick gar nichts. Narcissa vergewisserte sich mit einem Blick Richtung Sofa, dass die Mädchen zu ihr sahen, dann hob sie die Hand und winkte augenscheinlich jemandem, der bis jetzt noch im Vorzimmer gewartet hatte.
"Sirius!", flüsterte Hermione ohne es zu bemerken. Den Mund verwundert einen Spaltbreit offen, saß sie auf der Kante des Sofas und starrte den Neuankömmling an.
Ginny befand sich noch immer mitten im Raum, ihr Gesicht war aschfahl geworden ihre Beine zitterten: "Ich habe dich sterben sehen."
Aber Sirius Black, groß gewachsen, kaum in die Jahre gekommen und quicklebendig stand dort im Türrahmen. Die obersten Knöpfe seines Hemdes waren geöffnet, doch dort wo Bellatrix' Fluch ihn getroffen hatte, war nichts als tätowierte Haut.
"Wie kann das sein... Sirius, du wurdest ermordet." Ihr Blick flog zu Bellatrix, die an die Wand gelehnt dastand und das Spektakel mit irrem Glitzern in den Augen verfolgte. "Sie hat dich umgebracht!"
Während sich ein Wirrwarr an Gefühlen auf Sirius Gesicht abwechselte und seine Lippen nicht vermochten ein Wort der Erklärung, der Zuneigung oder schlicht der Begrüßung zu formen, ertönte hinter ihm ein sanftes Lachen. "Ist das lustig?" brummte er schwach und wandte sich mit verschränkten Armen und gesenkten Kopf zu einer weiteren Person um, die bis jetzt noch von Sirius Gestalt verborgen gewesen war. "Ich habe viel über die Identität deines sogenannten Mörders spekuliert und auch wenn ich nie darauf gekommen bin, so ist es auch keine Überraschung. Deine Cousine war schon immer eine liebreizende Persönlichkeit, Tatze."
"Sei still, Krone, jetzt ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt dafür.", antwortete Sirius ungewohnt ernst und wandte sich wieder zu den Mädchen um. Sein Blick war weich, irgendwie entschuldigend und traurig. Bedauernd.
Ginny konnte ihren Augen nicht glauben. Es konnte nicht wahr sein. Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf, das Blut pochte in Ohren und ihr wurde ganz flau im Magen. Sie ließ sich auf die Knie sinken. "Das ist nicht wahr..."
"Ist das...", stammelte Hermione und konnte ihre braunen Augen nicht von dem schwarzhaarigen Mann abwenden. Der Schwung des Kiefers, die Statur, natürlich das Haar. Die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Bis auf die Augen.
"Mein alter Freund hat recht. Das alles muss sehr verstörend für euch sein.", sagte der Mann mit einem entschuldigenden Lächeln auf dem Gesicht, dass seine Augen erreichte und kleine Lachfalten entstehen ließ.
James Potter ging auf Ginny und dann auf Hermione zu, schüttelte den Beiden die Hände und meinte: "Danke, dass ihr meinem Sohn Freunde und Familie seid."
