Sie hatte leider, leider nicht übertrieben.
Es stapelte sich wirklich ein immenser Berg an unkorrigierten Aufsätzen verschiedener Klassenstufen und Häuser auf ihrem Schreibtisch.
Mit einem gemurmelten „Locomotor" trabsportierte er sie in sein Büro und verbrachte die nächsten drei Stunden mit den Ergüssen der Hogwartsschüler.
Als er die Feder beiseite legte, war er zwar wieder einmal erstaunt über die Phantasie und die logischen bzw. unlogischen Schlüsse der Schülerinnen und Schüler, aber sehr zufrieden mit sich selbst, denn der Stapel hatte nur noch die Hälfte seiner ursprünglichen Höhe.
Er streckte sich, ein Blick auf die Uhr zeigte Mittagessenszeit an. (Um genau zu sein, stand da „Iss was, sonst verrat ich Dich an Madam Pomfrey!") Keine Lust dies in der großen Halle einzunehmen, wo er sich an die meisten der Schüler nicht mal erinnern konnte, bestellte er wieder Essen in der Küche und nachdem er den letzten Löffel seiner sehr leckeren Nachspeise genossen hatte, mahnte die große Uhr ihn auch schon, dass es Zeit wäre seine Tochter bei den Grangers abzuholen.
Ihm fiel ein, dass er leider vergessen hatte zu fragen, ob die Grangers ans Flohnetzwerk angeschlossen waren, wollte aber ohnehin nicht einfach so in deren Wohnzimmer auftauchen, denn zwar kannten sie ihn, aber er sie ja leider nicht. Daher besorgte er sich die Adresse aus den Akten und machte sich zum Apparierpunkt vor den Toren von Hogwarts auf.
Auf dem Weg dorthin verwunderte ihn doch etwas, dass ihn die vom Mittagessen entgegenkommenden Schüler alle respektvoll aber durchaus freundlich grüßten. Zu diesem ungewöhnlichen Phänomen musste er heute Abend Hermine befragen.
Wenig später stand er vor einem weiß getünchtem Haus im klassisch edwardianischen Stil der Jahrhundertwende mit geschmackvoll blauer Tür.
Da er zwar ein Messingtürschild mit den Namen ‚Jane und Henry Granger' an der Hauswand fand, aber kein Hinweis auf eine Zahnarztpraxis, nahm er an, dass sich diese in anderen Räumlichkeiten befand.
Tief durchatmend klingelte er.
Kurz darauf hörte man einen Juchzer, und als ein grauhaariger Mann zwischen 50 und 60 die Türe öffnete, flog ihm seine Tochter bereits entgegen, er konnte sich gerade noch bücken um sie etwas ungeschickt aber wenigsten ohne Blessuren aufzufangen.
„Dad!", kam es selig von seiner Schulter.
„Hallo Severus, schön dass Du da bist, ich bin Henry, Hermines Vater und der Großvater dieser stürmischen jungen Dame", Mister Granger streichelte seiner Enkeltochter den Rücken und winkte in Richtung Flur. „Komm bitte herein, wir haben schon auf Dich gewartet!"
Das Haus war freundlich und hell eingerichtet, man erkannte sofort die Liebe zur Literatur, denn fast alle Wände des Wohnzimmers, in den Dr. Granger Severus führte, waren von Bücherregalen bedeckt. In einer Ecke des Raumes hatte Eileen ihr Reich, hier war eine weiche Decke auf den Boden ausgebreitet und auf ihm lagen viele große, bunte Bausteine, zudem Tiere aus Holz und Plastik und einige Puppen.
„Eileen, willst du nicht noch den Turm zu Ende bauen?" fragte ihr Großvater.
Sie blickte auf die Bausteine und nickte heftig.
„Dad da?" fragte sie dann aber bang und schaute ihrem Vater an.
„Ähm, ja, ich bleibe noch hier.", schlussfolgerte Severus aus der Frage seiner Tochter.
„Runter!" verlangte darauf hin Eileen bestimmt und machte sich aus Severus Armen los, rutschte an ihm herab und verschwand in ihre Ecke.
Severus stand etwas verloren in dem großen hellen Raum und sah sich unschlüssig um.
„Steh hier nicht so rum, sondern lass uns da weitermachen, wo wir vor zwei Wochen stehen geblieben sind!" verlangte Dr. Granger und wies hinter sich auf ein schönes Schachbrett, auf dem noch die Figuren vom letzten Spiel standen.
Also spielte er immer mit seinem Schwiegervater Schach, es hätte schlimmer kommen können!
Er setzte sich aufs Geradewohl auf die Seite mit den schwarzen Figuren, was Dr. Granger auflachen ließ. „Sehr gut! Ich hole nur noch etwas zu trinken."
Wenig später kam er mit zwei Gläsern Scotch zurück.
Severus hatte mit Tee gerechnet. Aber das hier war eindeutig besser.
Die nächste Stunde verging wie im Flug. Die beiden Männer sprachen nicht viel, dafür füllte Dr. Granger noch zweimal die Gläser auf und sie spielten insgesamt 3 Spiele, von denen Severus zwei gewann.
Dann machte Henry wirklich Tee und sie setzen sich auf die Couch vor den Kamin. Severus fühlte sich rundherum wohl, zwar etwas angesäuselt, aber der Scotch war vortrefflich gewesen und Dr. Granger spielte sehr gut Schach, er hatte sich sehr anstrengen müssen.
„Also, wie geht es Dir?" frage Henry Granger seinen Schwiegersohn, ihn dabei eindringlich musternd.
Severus fiel auf, dass er die gleiche Augenfarbe wie seine Tochter hatte, vielleicht etwas dunkler, aber sonst…
„Es geht mir soweit gut, außer dass irgendetwas in meinem Kopf die Erinnerungen an die letzten vier Jahre blockiert."
„Das ist sehr schade", meinte Henry Granger bedauernd, „denn ich glaube, es waren vier sehr gute Jahre!"
Dann schwiegen sie wieder eine Zeit und tranken ihren Tee.
Eileen spielte derweil zufrieden mit ihren Bausteinen. Zwischendurch kam sie und wollte von ihrem Großvater einen Keks, der ihr natürlich gerne gewährt wurde, aber ansonsten war sie in ihr Spiel vertieft.
„Wir machen das jeden Freitag?", wollte Severus nach einer Weile wissen.
„Ja, das hat sich so eingebürgert", schmunzelte Dr. Granger, „ich mache Freitags immer schon früher Schluss und nehme dafür Eileen mit nach Hause. Jane sitzt noch über den Büchern."
Wieder breitete sich Stille aus.
Dann räusperte sich Severus „Darf ich Sie…ähhm, darf ich Dich etwas fragen?"
„Aber natürlich, mein Lieber!" Dr. Granger richtete sich interessiert auf.
„Was habt ihr eigentlich damals gedacht, als Hermine mit einem alten, miesepetrigen und zwielichtigen Exspion daher kam, der bereits ihr Lehrer gewesen war, der sie nie leiden konnte und stets schikaniert hat?"
„Ach, damals?" Henry lachte, „als unsere einzige Tochter Gefallen am besten Zaubertrankmeister Englands, an einem Kriegshelden, Literaturfreund und ausgezeichneten Schachspieler fand?"
Severus zog so zweifelnd die Augenbrauen hoch, dass Dr. Granger noch etwas mehr lachen musste. Dann fing er sich aber wieder und schmunzelte:
„Damals, ja damals, da haben wir uns diesen Typen sehr genau angesehen und für sehr gut befunden!"
Und als Severus ihn jetzt noch ungläubig anstarrte, ergänzte er:" Du musst wissen, ich bin auch der Lehrer meiner Frau gewesen."
„Wirklich?" Severus war erstaunt, so alt hatte er seinen Schwiegervater nicht eingeschätzt, aber vielleicht war seine Schwiegermutter ja auch eher eine Schwiegerschwester?
„Ja, ich hatte als junger Mann einen Lehrauftrag an der Zahntechnischen Hochschule, da ist sie mir aufgefallen", sein Blick wurde träumerisch. „Sie war die schönste und die begabteste Studentin im gesamten Kurs, ich habe mich sofort und augenblicklich in sie verliebt."
Dr. Granger lächelte Severus warm an und zwinkerte ihm zu, „wir haben sehr schnell geheiratet und bekamen kaum sieben Monate später eine wundervolle, sehr erstaunliche Tochter."
Die große Standuhr schlug viermal an.
Dr. Granger schaute überrascht. „Was, schon so spät? Severus Du musst zurück, Hermine kommt bald und Eileen sollte ins Bett, bevor sie unleidlich wird." Er stand auf und brachte Eileens Sachen.
Severus sah in lange an, dann sagte er unvermittelt: „Henry, ich glaube, ich habe mich in Deine Tochter verliebt!" Das musste wohl eindeutig der Alkohol sein, wie kam er denn auf so etwas?
Dr. Granger strahlte ihn jedoch an, „Das wird sie sehr glücklich machen, denn ich weiß, dass sie das gleiche schon seit einigen Jahren für Dich fühlt, Professor!"
Severus nickt ihm verwirrt zu, schrumpfte abwesend die dicke Tasche mit all den wichtigen Dingen, die man braucht, wenn man mit kleinen Kindern unterwegs ist und steckte sie etwas fahrig in seine Jackentasche. Dann nahm er seine Tochter auf den Arm und wollte zur Tür hinaus gehen. Aber Henry hielt ihn zurück.
„Du kannst den Kamin nehmen Severus, Hermine hat ihn schon seit ihrer Ausbildungszeit ans Flohnetz anschließen lassen."
Ach, das war besser!
Bevor Severus mit seiner Tochter auf dem Arm in die grünlich schimmernden Flammen stieg, drehte er sich noch mal zu Henry um.
„Ich danke Dir für den sehr angenehmen Nachmittag Dr. Granger, wir werden ihn nächste Woche fortführen. Und ich freue mich darauf, die Bekanntschaft Deiner Frau machen zu dürfen!"
Dann trat er in die auflodernden Flammen des Kamins und verschwand.
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