"Heute will ich euch mal dezent auf unser neues Profilbild hinweisen *sehr dezent*hust* - es ist das Ergebnis einer kleinen Challenge, die wir im Forum veranstaltet haben. Und das Ergebnis seht ihr ja - gewonnen hat übrigens unsere liebe Lapis (hier zu finden unter Lapislazuli-L)
Oh. Und übrigens: Solche Challenges veranstalten wir immer wieder mal... Also falls ihr Lust bekommen habt... Schaut doch mal vorbei, Link steht artig im Profil!"

Also... Ähm... Heute ist unser jüngstes Rudelviech an der Reihe. Zumindest glaube ich, dass sie die Jüngste ist. Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Nicht hundertprozentig... Aber... ziemlich. Naja, egal. Sie überrascht uns heute mit einer sehr außergewöhnlichen... Geschichte in der Geschichte. Lasst euch überraschen. Und sie macht mir Konkurrenz, das gefällt mir gar nicht.
Unser jüngstes Viech ist übrigens Fantasygirl98, auch bekannt als Sandy oder Brownie oder Igelhorn oder Fantasy oder Fanta oder Fantatier oder Fantavieh oder...
Ich sollte es lassen. Mir schwirrt schon der Kopf. Das bin ich mir hundertprozentig sicher: Brownie ist das Rudelviech mit den meisten Spitznamen...
Hier noch der Link zu ihrem Profil:

www. fanfiktion. de/u/Fantasygirl98

(Nehmt bitte die Leerzeichen nach www. und nach fanfiction. raus)

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Gebetat von Eponine, entstanden durch zu viel Reckless und Alice im Wunderland gemischt. Viel Spaß!

Ein Himmel aus Glas von Fantasygirl98

Kalt.
So beißend kalt.

Weiß.
So blendend weiß.

Hart.
So hart wie Stein.

Es musste Winter sein. Wo zum Teufel war sie hier gelandet? Unter ihren tauben Fingern fühlte sie brennende Kälte von etwas Verformbarem. Schnee? Sie fürchtete, zu erblinden, wenn sie jetzt die Augen aufschlug. Aber sie konnte auch nicht ewig hier liegen bleiben, ohne zu erfrieren, oder wenigstens ordentlich krank zu werden. Langsam, ganz langsam, öffnete sie die Augen. Stark blinzelnd, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen, erkannte sie erstmal gar nichts außer ungewöhnlich klarem Himmelblau. Keine Wolken, keine Sonne, nichts. Einfach blau. Das war ungewöhnlich. Als nächstes realisierte sie, dass sie nicht die Hogwartsuniform trug, sondern die Kleider eines einfachen Bauernmädchens. Braune, schlichte Leinen. Das erklärte, warum ihr so unsagbar kalt war. Und ihr Zauberstab war auch weg.

Sie richtete sich auf, bewegte ihre blau angelaufenen Finger und hoffte, keine Erfrierungen zu bekommen. Bäume. Schwarze, dunkle Nadelbäume. Dazwischen Schnee und nasse, abgestorbene Zweige. Also musste das hier der Waldrand sein. Wie lange hatte sie hier gelegen? Und wie bei Merlin war sie hierher, wo auch immer das war, gekommen?
Hinter ihr ragte ein schneebedeckter Hügel in die Höhe. Kalter, beißender Wind strich ihr durch die Kleider und krampfte ihr das Herz zusammen. Sie musste hier weg. Wohin? Egal. Weg.

Wie war ihr Name? Mondenkind hatte ihre Mutter früher sie genannt. Mond... Luna. Ja. Das war ihr Name. Ihre Mutter; wo war sie? In dem diesem Wald? Nein, wahrscheinlich saß sie jetzt zuhause am Küchentisch vor dem Kaminfeuer und wickelte Geschenke in Geschenkpapier ein. Vielleicht halfen ihr ja die Weihnachtswichtel dabei. Es war schließlich fast Weihnachten. Die kleinen Wesen waren so viel putziger als ihre blauen Verwandten, die nur Schabernack im Kopf hatten.

Luna... Steh auf! Kind, lauf! Lauf um dein junges Leben!
Diese Stimme... Sie kam ihr bekannt vor. Flüsterte ihr zu, sie solle aufstehen und laufen. Aber wohin? In den Wald? Dennoch schien ihr Aufstehen eine gute Idee. Also gehorchte sie dem Rat. Sobald sie einen vorsichtigen Schritt tat, ohne Schuhe an den blanken Füßen zu haben, fing es an zu schneien. Dichte Flocken versperrten ihr die Sicht und wirbelten vor ihren Augen herum, setzten sich in ihre blonden Engelshaare und ließen sie frieren. Die Kälte ging durch und durch, aber sie lief einfach stur geradeaus in den Wald hinein. Angst hatte sie keine; sie wusste, dass die Tiere sie beschützen würden. Noch nie hatte ihr ein Tier etwas Böses gewollt.

Ihre Zehen spürte sie nicht mehr und ihre Beine fingen an zu schmerzen.
Lauf, Kind, lauf!
Luna stolperte, geriet ins Straucheln, fiel und rappelte sich wieder auf. Sie wusste nicht, warum sie davonrannte und vor was, aber die Stimme in ihrem Kopf befahl ihr es, also rannte sie. Die Bäume flogen an ihr vorbei und griffen mit ihren dürren, schwarzen Ästen nach ihr. Die Bauernkleidung bekam Risse und kleine Löcher, ihre hüftlangen Haare flogen und sie hatte das Gefühl, nicht voran zu kommen.
Immer weiter, immer weiter, sie würde schon entkommen. Aber wem? Der Stimme? Ihrer eigenen Fantasie? Wenigstens schlug ihr hier der Schneesturm nicht ins Gesicht.

Ganz plötzlich lichteten sich die Bäume, eine kreisrunde Lichtung, wie man sie auch im Verbotenen Wald fand, tat sich vor ihr auf. Dort stand ein Haus ganz aus Lebkuchen, die blinden Fenster waren aus Zuckerguss und das Dach mit Brot gedeckt. Ihr Magen knurrte. Aber der Schreck befand sich vor diesem Wunderhäuschen: ein Mädchen mit asiatischen Gesichtszügen, pechschwarzem Haar, blutroten Lippen und Haut so bleich wie der Schnee lag blutend in der Kälte. Sie hatte ein verblutetes, ehemals wohl schönes Kleid an und ihre Augen waren schreckgeweitet aufgerissen. Ihr Mund stand offen und ein kleines Blutrinnsal lief von ihrem Mundwinkel über die Wangen in den Schnee. So schwarz wie Ebenholz, so rot wie Blut und so weiß wie Schnee... Woher kam ihr das bekannt vor? Und dieses Mädchen war ihr ebenfalls vertraut, aber ihr Name wollte ihr nicht einfallen. Eine Freundin, Mitschülerin. Eine Hexe wie sie. Ihr Name... Xio? Cho? Chan? Das Unterbewusstsein ließ die Lösung des Rätsels nicht zu. Dafür ließ der Instinkt sie zurückstolpern. Schräg hinter dem Häuschen duckte sich ein Stall mit Gitterstäben in die Bäume. Soweit sie das erkennen konnte, lehnte dort ein erfrorener, kleiner Junge an der Stallwand. Seine Haut war ebenso blass wie die des toten Mädchens und seine Kleidung war genauso aufgerissen und erbärmlich wie Lunas eigene.
Und aus der Tür der Lebkuchenhütte trat eine blonde, alte Hexe, die die Gesichtszüge ihrer Mutter hatte. Ihr Mund bewegte sich nicht, aber ihre Stimme drang ihr durch Mark und Bein.
Komm herein, mein Kind, du bist endlich zuhause! Sie hier war die Falsche, die Zwerge wollte sie suchen und der Prinz war zu spät. Der Jäger hat sie vor meiner Tür eingeholt. Du glaubst doch nicht etwa, dass ich sie umgebracht habe, oder? Komm', Luna, nimm meine Hand..."

Luna schrie. Sie schüttelte wie wild den Kopf und wollte rennen, aber ihre Beine waren wie festgefroren. Ihre Mutter war doch tot! Das hier, die Stimme, das war nicht die ihrer lieben Mama. Diese Frau, die ihr so ähnlich sah, war eine Kinderfresserin - und sie streckte eine Hand nach ihr aus. Luna wollte nicht zu ihr laufen. Sie wollte nicht über die schöne Leiche steigen. Aber was sie wollte, hatte noch nie jemanden interessiert. Nicht mal ihre eigenen, schmerzenden Beine.

Ja, so ist es gut. Komm' zu mir, Kind, ich habe Kleidung und etwas zu essen. Die Suppe im Kessel über dem Feuer ist gleich fertig und es wäre doch schade, wenn ich sie alleine essen müsste, oder nicht? Luna..." Die Stimme hatte noch nicht mal wirklich Klang. Es war mehr ein verführerisches Flüstern, das sie immer weiter in ihre Lügen wob wie in wertvolle Spinnenseide. Ja, eine Spinne. Das war wohl das Tier, das dieser Frau inne wohnte. Und Luna hasste Spinnen.
Plötzlich war da ein Weg zum geduckten Häuschen, das Innen wahrscheinlich sehr viel größer war, als es von außen schien. Ausdehnungszauber waren stark in Mode und nützlich noch nebenbei. Und wenn diese Hexe allein mit ihrer Stimme die Kraft hatte, ihren Willen zu untergraben, wie groß mussten dann erst ihre magischen Fähigkeiten sein? Sie kam sich klein und dumm vor ohne ihren Zauberstab. Erstaunlich, wie aufgeschmissen magische Menschen ohne dieses Stück Holz waren.

Je näher sie der Frau kam, umso jünger und damit ihrer geliebten Mutter ähnlicher wurde diese.
„Mutter?", sprach sie mit zittriger Stimme, als hätte sie das Sprechen verlernt. Das Lächeln der Hexe war falsch, das wusste sie. Es gehörte nicht auf das schöne Gesicht ihrer Mutter. So falsch...
"Ja, komm' zu mir, ich habe dich vermisst! Du bist ja ganz durchgefroren, hast du wieder zu lange im Schnee gespielt?"
Luna stieg über das Schneewittchen im Schnee und übertrat die Schwelle zum Lebkuchenhaus. Als sie sich mit aller Willenskraft umdrehte, um zu flüchten, sah sie ein Männchen aus Lebkuchen mit Knopfaugen und Rosinenknöpfen zwischen den Bäumen winken. Es wurde von oben herab aufgegessen, Bissen für Bissen.

Die dürre Hand der Hexe auf ihrer Schulter war erst leicht wie eine Spinne, dann drückte sie zu und hinterließ kleine, halbrunde Male auf Lunas blasser Haut. Sie schloss die Augen. Vielleicht würde dieser Alptraum ja verschwinden, wenn sie sich einfach fest kniff und die Augen dann wieder öffnete.
Natürlich funktionierte es nicht. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn doch.
In der Mitte des Raumes stand ein Podest mit einem Samtkissen und einer Schneekugel darauf. Sie war so schön, so perfekt und mit Sicherheit so teuer, dass sie einfach Handarbeit sein musste. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass das hier eine billige Massenprodukion war. Luna wurde von ihr angezogen wie ein Magnet die Nägel anzog. Fasziniert machte sie einige Schritte auf die Kugel zu. Den Kamin mit dem Kessel Suppe darin nahm sie gar nicht wahr, obwohl es so verführerisch duftete und das Feuer beruhigend knisterte. Als sie genauer hinsah, erschrak sie gleichermaßen, wie sie den Blick nicht abwenden konnte. Sie sah sich selbst vor einer Kristallkugel stehen, immer noch in die komischen Bauernklamotten gehüllt. Allerdings hatte sie in der Kristallkugel noch einen Winterumhang an, der ihr sehr bekannt vorkam. Das Mädchen in der Schneekugel wurde mit Kunstschnee berieselt und war in der Bewegung eingefroren. Keine magische Kugel also. Seltsam...

„...ädchen? Mädchen, ich rede mit dir! Willst du die Kugel nun oder nicht? Ich habe auch noch andere, sehr prächtige Exemplare im Lagerraum. Soll ich sie dir zeigen?"
Luna erschrak. Wer redete da mit ihr? Und warum zum Henker stand sie auf einmal in einem Laden, der vor Weihnachtsdekoration nur so strotzte? Ach ja, Weihnachten stand ja vor der Tür... Die Schneekugel, die sie eben noch in der Stube der Hexe gesehen hatte, stand nun in einem Regal mit einem Dutzend anderen Exemplaren. Das Einzige, was sich nicht verändert hatte, war das blonde Mädchen in der Kugel. Folglich war also die gekrümmte Decke über ihr aus Glas, durch das sie das Regalbrett über der Schneekugel sehen musste. Aber wenn sie unter freiem Himmel stünde, würde sie nur reines blau sehen. Und dann wäre das ein Himmel aus Glas... Natürlich! Deshalb hatte sie nur blau gesehen, als sie erwacht war! Sie war in einer Schneekugel gefangen!

„Hm? Was? Nein, ich nehme diese hier. Sie ist perfekt. Dankeschön", murmelte sie zerstreut und wandte sich der Verkäuferin zu, die Ähnlichkeit mit einer Gottesanbeterin hatte. Sie war dünn, alt, hatte eine Haut wir Pergament und war und über und über mit Ketten und Tüchern behängt. Eine typische Wahrsagerin also. Ob sie tatsächlich die Gabe besaß, in die Zukunft zu sehen, oder ob sie nur eine Quacksalberin war, war eine andere Frage. Sie kam Luna seltsam bekannt vor wie eigentlich alle Leute, denen sie bisher begegnet war.
Die Verkäuferin nickte zufrieden, nahm die Schneekugel aus dem Regal und packte sie hinter der Theke in Geschenkpapier ein. Luna gab ihr das Geld, wunderte sich noch nicht mal darüber, dass sie überhaupt welches bei sich trug und das erst jetzt bemerkte, und verließ den Laden. Glöckchen bimmelten ihr zum Abschied hinterher.

Die Straße erinnerte sie an die Winkelgasse, fernab in England. Die Erinnerung schien ihr wie aus einem anderen Leben, als sei es nicht ihr eigenes. Geschäfte reihten sich aneinander, Weihnachtsdekoration schmückte die Türen und Fenster bis zum Erbrechen und überall duftete es nach Weihnachtsgewürzen, frisch gebackenen Plätzchen und Lebkuchen. Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht und auf einmal war ihr nicht mehr so kalt. Die Leute mieden sie, wahrscheinlich wegen der einfachen, aber wenigstens heilen Bauernkleider. Auch eifersüchtige Blicke sah sie, meist von bepuderten Adelsdamen, die allesamt hässlich waren und sich kiloweise weißes Puder und Schminke in die hochmütigen Gesichter geschmiert hatten, die Augen übertrieben hervorgehoben und die Münder knallrot. Es sah aus, als wollten sie alle das Schneewittchen nachmachen und an ihre Perfektion heran kommen. Sie scheiterten alle kläglich.
„Sieh nur, was ein schönes Mädchen! Erbärmlich, dass sie nur eine Bauerstochter ist..." Die Stimme kam irgendwo von links. Man redete über sie; das war sie gewohnt. Aber Komplimente? Nein, das hatte sie noch nie bekommen.
„Ist das die Tochter des Bauern, der behauptet, sein Mädchen könne Stroh zu Gold spinnen? Sieh nur, ihr Haar! Es muss wahr sein; das ist mit Sicherheit Goldstaub auf ihren Locken! Solch eine Schönheit kann nicht von Natur sein. Zu schade, dass sie nur einen Bauern zum Vater hat, man könnte doch so viel aus ihr machen!", kam es von einer anderen Seite. Langsam wurde ihr unwohl.
„Eure Schminke benötige ich nicht!", rief Luna in die Menge hinein und fing an, zu laufen. Schon wieder. Allerdings waren es jetzt nicht Bäume, die ihr den Weg versperrten, sondern Menschen. So viele Menschen, Leute verschiedenster Gesellschaftsschichten und alle sehr altmodisch gekleidet. Luna bahnte sich mit ihren spitzen Ellenbogen einen Weg durch die Masse und kam schließlich in einer Nebengasse zum Stehen, die Schneekugel keuchend an sich gedrückt, als sei es ihr wertvollster Schatz. Aber sie war nicht alleine. Ihr gegenüber saß ein kleines Mädchen mit ebenso blonden, aber schmutzigen Haaren wie sie selbst, ebenfalls barfuß und noch dürftiger gekleidet. Nur ein Schürzchen hatte sie an, aus der Tasche vorn am Bauch schauten ganze Bunde von Streichhölzern heraus. Mit großen, blauen Augen sah das Mädchen sie an und fragte: „Willst du ein Streichholz kaufen? Bitte, wenn ich wieder keinen Penny verdiene, schlägt mich mein Vater wieder! Zuhause ist es kalt und zugig und wir haben doch nichts zu essen; wir brauchen das Geld! Bitte, nimm ein Streichholz!" Luna kam in Bedrängnis. Ausgerechnet jetzt, wo sie es brauchte, hatte sie kein Geld dabei. Sie musste alles für die Schneekugel ausgegeben haben. Ihr war bewusst, dass das kleine Mädchen diese Nacht wohl erfrieren würde, wenn sie nicht ganz schnell richtige Kleider und Schuhe bekam.
„Es tut mir leid, aber ich habe kein Geld dabei. Aber du wirst erfrieren, wenn du weiter hier sitzt. Komm' mit mir, wir finden sicher etwas für dich. An Weihnachten sind die Leute großzügig, Madame Malkins wird mit Sicherheit für dich einen Mantel schneidern." Auf einmal wurde ihr bewusst, dass sie wie die alte Hexe im Lebkuchenhaus klang.
Komm mit mir, ich habe etwas Gutes für dich! Das klang so falsch... Dabei war es doch die Wahrheit! Mit großen, angstvollen Augen sah die Kleine sie an und schüttelte den Kopf. Nun waren die Rollen also vertauscht. Das Mädchen wurde ihr immer ähnlicher. Hatte sie selbst nicht auch so ein Stupsnäschen gehabt als junge, kleine Hexe?
„N-nein, ich soll nicht mit Fremden gehen! Bitte, kauf' mir doch einfach ein Streichholz ab, damit ich uns etwas zu essen kaufen kann! Bitte..." Die blauen Augen füllten sich mit Tränen, die sich beim nächsten Blinzeln ihren Weg über die kalten, weichen Wangen suchten. Aber als sie in den Schnee tropften, wurden sie rot wie Blut. Wahrscheinlich bereitete die Kälte diesem Kind Schmerzen, als würde sie bluten. Luna wich einen Schritt zurück und stieß an die Hauswand. Sie wusste instinktiv, dass dieses Kind bald sterben würde. Und es war ihre Schuld, weil sie kein Geld dabei hatte.
„Es tut mir leid, wirklich, aber ich kann nicht. Ich habe kein Geld dabei, das sagte ich doch bereits! Geh irgendwo rein, ich bitte dich, du wirst sonst erfrieren!" Ihre Stimme hatte etwas Flehendes, was sie eigentlich nicht beabsichtigt hatte. Das Mädchen schüttelte den Kopf, dass die blonden Locken flogen. Wieder fing es zu schneien an und Luna musste an die Schneekugel denken, die in ihren Händen warm wurde.
„Dann sterbe ich." Die Augen wurden blind und brachen, die Kraft wich aus dem kleinen Körper und sie sackte gegen die Hausmauer. Die Streichhölzer fielen klappernd zu Boden, fast schon anklagend zeigten die roten Zündköpfe in ihre Richtung.

Deine Schuld, Luna, alles deine Schuld! Siehst du sie? Genauso tot wie das Schneewittchen, Hänsel und du bald auch! Dir wird es ergehen wie ihr, merkst du das nicht? Deine Schneekugel ist dein Gefängnis, nicht dein Schatz! Du wirst erfrieren, verhungern, krank werden - und das Geld, das du bei dir hattest, hast du für deinen eigenen Kerkerschlüssel ausgegeben! Siehst du jetzt, was du angerichtet hast? Alles deine Schuld! Fröhliche Weihnachten, du Verrückte! Na, wie gefällt dir das? Alle um dich herum feiern und du hast an Weihnachten gemordet! Siehst du das Blut im Schnee? Siehst du es?!
Da war die Stimme wieder, die ihr einredete, dass der Tod des Mädchens ihre Schuld war. Sie kreischte zum Ende hin fast und bereitete ihr Kopfschmerzen. Und diesmal klang sie wirklich nach ihrer Mutter, wenn sie wütend war. Was hatte sie nur getan...? Luna presste die Hände auf die Ohren, „Sei still!", schrie sie, die Kugel fiel in den Schnee neben die kleine Leiche und zersprang...

Und Luna erwachte schreiend und schwer atmend in ihrem Bett, zuhause im windschiefen Haus ihres Vaters. Cho lebte, die Stimme war weg - aber diesmal war es ihre Mutter, die tot war. Und das war mit Sicherheit kein Traum. Zumindest einen wahren Kern hatte das Ganze: heute war Weihnachten. Etwas Ungewöhnlicheres hatte sie noch nie geträumt, geschweige denn am Heilig Abend bzw. am Morgen des 25. Dezember. Die Sonne schien durch ihr Fenster und kitzelte sie an der Nase. Draußen lag Schnee und die Krähen hockten auf den Bäumen, die glücklicherweise nicht halb so unheimlich waren wie in dem Wald aus dem Traum.

„Luna-Schätzchen, es gibt Frühstück, wach' auf!", rief ihr Vater Xenophilius von unten herauf. Sie musste lächeln. Nie hatte sie die langweilige Normalität so sehr willkommen geheißen wie jetzt.
„Ich komme!", rief sie zurück, sprang aus dem warmen Bett und schlüpfte schnell in ihren flauschigen Bademantel. An ihre zuvor nackte Füße zauberte sie sich kuschelige Pantoffeln, bevor sie die Wendeltreppe hinunter eilte.
„Fröhliche Weihnachten, Schatz!", wünschte Xenophilius ihr und schloss sie in die Arme. Und Luna hoffte das erste Mal in ihrem Leben, die Stimme ihrer verstorbenen Mutter nie wieder hören zu müssen...