Am liebsten hätte er laut geschrien, etwas zerstört oder zumindest heftig um sich geschlagen.
Irgendetwas getan, womit er seine ganze aufgestaute Wut und seinen Frust abbauen konnte. Womöglich wäre die Idee mit dem Punchingball gar nicht so schlecht. Aber gerade jetzt wollte er niemandem begegnen, wollte nicht womöglich höflich Smalltalk machen müssen, jetzt, wo es so weit gekommen war, dass er und Beckett sich anschrien.
Natürlich hatte er sich damals mit Meredith und später auch mit Gina gestritten, bevor sie sich scheiden ließen, aber diesmal war es anders, schmerzhafter. Normalerweise verlor er nicht die Beherrschung. Wenn er verletzt wurde, überspielte er es nach Möglichkeit und wenn es nicht anders ging, zog er sich zurück. Doch bei Kate gelang ihm das einfach nicht.
Er verließ den Weg und ging durch den Wald. Obwohl es erst Nachmittag war und die Sonne hell schien, war es hier fast dunkel. Durch das dichte Blätterdach gelangte nur wenig Licht ins Unterholz. Dorniges Gestrüpp verhedderte sich an seiner Jeans. Beim Versuch sich zu befreien entdeckte er zu spät, dass er dabei mitten auf einer Ameisenstraße stand: die ersten Tiere waren bereits seine Beine hinaufgekrabbelt und bissen zu. Fluchend schüttelte er die Ameisen ab und flüchtete zurück auf den Weg.
Dort zog er das rechte Hosenbein hoch und betrachtete bekümmert sein Schienbein: ein beginnender blauer Fleck von seiner schmerzhaften Begegnung mit dem Baumstamm, umgeben von roten, unangenehm brennenden Ameisenbissen.
„Rick, wenn ich Sie wäre, würde ich nur noch im Schutzanzug aus dem Haus gehen." Max, wieder mit seinem Schachspiel unterwegs, grinste ihm zu. „Hoffentlich haben Sie wenigstens eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen."
Aber Castle war ausnahmsweise der Humor vergangen. „Wenn ich mir vorstelle, dass meine Frau das Geld bekäme, bleibe ich doch lieber am Leben", erwiderte er mürrisch und krempelte das Hosenbein wieder herunter.
Max' Lächeln verschwand. „Das klingt ja überhaupt nicht gut", meinte er besorgt. „Dann ist noch keine Besserung in Sicht?"
„Besserung?" Castle lachte höhnisch auf. „Eher im Gegenteil. Aber ich möchte nicht darüber reden. Wie ist es bei Ihnen?"
„Na ja, Lucinda telefoniert gerade mit ihrer besten Freundin, die wird vermutlich wieder gegen mich hetzen." Max erzählte noch ein wenig von seiner Ehe, aber Castle mochte einfach nicht länger zuhören. „Ich muss dann weiter, Max. Wir sehen uns."
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Er lief weiter den verschlungenen Weg entlang, grübelte, ob er zurück nach Manhattan fahren, die Ermittlung und den gesamten Kontakt zu Kate beenden sollte oder nicht.
Das Klingeln seines Smartphones unterbrach seine Gedanken. Alexis, wie er an dem Bild auf dem Display erkannte. „Hey, Süße, wie geht es dir?"
Offenbar auch nicht wirklich gut. Ihr Job als Verbindungsperson zur Verwaltung der Highschool war zur Zeit mehr als nervenaufreibend und frustrierend. „Wenn Chelsea mir diesen Job nur nie angedreht hätte", klagte sie ihrem Vater am Telefon ihr Leid. „Am liebsten würde ich alles hinwerfen. Soll sich doch jemand anderes um den Kram kümmern."
„Alexis, du bist erschöpft und du hast sicher recht, dass dir sowieso niemand für deine Arbeit dankt, das ist bei diesen Dingen leider häufig so", versuchte Castle sie zu trösten. „Aber du hast diese Aufgabe übernommen – und du hast sie freiwillig übernommen – da kannst du sie nicht einfach hinschmeißen, nur weil dir was nicht passt. Andere Menschen verlassen sich auf dich. Das heißt, du musst die Zähne zusammenbeißen und dich durchkämpfen, auch wenn du selbst mal zurückstecken musst."
Leises Seufzen auf der anderen Seite. „Du hast ja recht, Dad. Ich war nur so verärgert. Aber ich werde mich zusammenreißen, dann geht es schon. Wie geht es dir und Beckett eigentlich? Habt ihr euren Mörder schon gefunden?"
„Noch nicht, aber das werden wir sicher bald." Castle hatte seinen Entschluss gefasst. „Deshalb muss ich jetzt auch auflegen. Kopf hoch, Süße, wir Castles lassen uns nicht unterkriegen. Hab dich lieb!"
Er schob das Smartphone in die Hosentasche zurück und atmete tief durch. Er würde die Zähne zusammenbeißen und sich durchkämpfen.
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Beckett starrte aufs Wasser.
Sie hatte Carmens Versuch mit ihr zu reden stumm abgewehrt und wie Castle den Erfahrungsplatz verlassen, allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Als sie an dem See vorbeikam, beschloss sie, eines der am Steg liegenden Boote zu nehmen und hinauszurudern. In der Mitte des Sees angekommen zog sie die Ruder ins Boot und dachte über die vergangenen Tage mit Castle nach, vor allem über die letzten Stunden.
Sie hatte sich nicht unter Kontrolle gehabt – schon wieder. Denn es war allein ihr Verschulden gewesen, dass Castle gegen den Baumstumpf geprallt war und anstatt es zuzugeben und sich zu entschuldigen, hatte sie ihn auch noch angekeift. Okay, dass er sie im Gegenzug inkompetent genannt hatte, war auch nicht besonders nett von ihm gewesen, aber sie hatte seinen Ausbruch provoziert. Doch was war in letzter Zeit los mit ihm, was hatte ihn so verändert?
Brachte es überhaupt noch was, wenn sie weiterhin zusammen ermittelten und sich dabei nur stritten oder bestenfalls anschwiegen? Aber allein konnte sie nicht hierbleiben und ebenso wenig konnte sie nächste Woche mit Ryan oder Esposito als Ehemann herkommen.
Im Klartext bedeutete das, dass die Ermittlungen und damit ihr Fall am Ende wären. Mindestens drei Morde würden ungesühnt bleiben.
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Eine Stunde später ging Beckett die Stufen zur obersten Etage hinauf. Ihre Schritte wurden immer langsamer, je näher sie der Tür zu ihrer Suite kam, bis sie schließlich davor stehenblieb.
Sie wusste immer noch nicht, was sie jetzt tun würde. Aber letztendlich würde ohnehin Castle entscheiden, wie es weiterginge. Würde er seinen Aufenthalt hier abrechen, bliebe auch ihr nichts anderes übrig, als zurück nach Manhattan zu fahren. Würde er entgegen ihrer Erwartung doch bleiben wollen, dann… - tja, das wusste sie eigentlich auch nicht. Aber vermutlich würde sich diese Frage gar nicht stellen.
Sie suchte ihre Schlüsselkarte aus der Tasche und schob sie in den Schlitz. Das Schloss sprang mit einem Klicken auf. Beim Öffnen der Tür vernahm sie Castles Stimme. Aufgrund seiner Worte konnte sie davon ausgehen, dass es um den Fall ging, also telefonierte er entweder mit Ryan oder Esposito. Dabei fiel ihr brennend heiß ein, dass ihr Handy immer noch ausgeschaltet war; bei all dem Ärger hatte sie völlig vergessen es wieder einzuschalten.
Castle hatte mit dem Rücken zu ihr auf einem Sessel gesessen und sich Notizen gemacht, dreht sich jetzt aber um, als er die Tür ins Schloss fallen hörte.
„Moment, Beckett kommt gerade zur Tür herein", sagte Castle zu seinem Gesprächspartner und drückte Beckett sein Smartphone in die Hand. „Ryan konnte dich nicht erreichen und hat deshalb bei mir angerufen. Es gibt Neuigkeiten." Das alles sagte er mit völlig neutralem Gesichtsausdruck, so dass es Kate unmöglich war zu sagen, was er dachte. Außerdem wurde sie von Ryans Nachricht komplett abgelenkt.
„Hi Beckett, Jeffrey Curtis ist wieder aufgetaucht. Das mit dem Auslandsaufenthalt war bloß ein Gerücht, dass er selbst gestreut hatte, um ungestört Zeit mit seiner neuen Freundin verbringen zu können. Aber eine seiner Nachbarinnen, die wir befragt hatten, hat die beiden heute Vormittag beim Shopping gesehen und uns gleich informiert. Esposito ist noch mit ihm im Verhörraum, aber ich wollte Ihnen beiden schon mal das Wichtigste mitteilen."
Beckett hielt den Atem an. War das endlich der Durchbruch, auf den sie gewartet hatten? Nur ganz nebenbei bemerkte sie, dass Castle weitere Zettel für ihr Ersatzmordfallbrett schrieb und auf den Tisch legte.
„Espo hat ihn mit einem Bluff dazu bekommen, zuzugeben, den Mord an seiner Frau in Auftrag gegeben zu haben." An Ryans Stimme konnte sie hören, dass es einen Haken an der Sache geben musste. Und richtig: „Das Problem ist nur, er weiß nicht, wem er diesen Auftrag erteilt hat. Er wurde aus heiterem Himmel telefonisch kontaktiert, von einem Wegwerf-Handy, absolut nicht zurückverfolgbar, und die Zahlungen hat er an ein Auslandskonto richten müssen, ebenfalls eine Sackgasse."
Beckett ließ sich enttäuscht auf die Couch fallen und rieb sich die Stirn. »Das wäre ja zu schön gewesen!« „Hat er wenigstens bestätigt, dass das Everlasting Love-Institut da mit drinhängt?", wollte sie wissen und sah geistesabwesend Rick zu, der immer noch diverse Zettel auf dem Tisch hin und her schob.
„Wie gesagt, er weiß nicht sicher, wer dahinter steckt. Aber er vermutet schon, dass es jemand vom Institut ist, auch weil der Anruf nur eine Woche, nachdem sie von dort zurückkehrten, erfolgte." Ryan machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. „Wir wissen nicht, ob Ihnen das weiterhilft, aber wir haben Curtis aufgefordert, uns sämtliche Personen zu nennen, mit denen er dort im Institut zu tun hatte. Allerdings hat der Typ absolut kein Namensgedächtnis. Er konnte uns die meisten nur ungefähr beschreiben. Ich habe Castle vorhin schon die Beschreibungen durchgegeben, vielleicht können Sie beide was damit anfangen."
Beckett richtete sich auf und griff nach dem Zettel, auf dem Castle sich vorhin bei ihrem Eintreffen Notizen gemacht hatte. Spielplatz-Therapeutin, schwarze Haare, span. Name hatte er dort unter anderem notiert und dahinter mit einem Pfeil Dr. Carmen Gonzales?
„Ja, Castle hat schon angefangen Namen zuzuordnen, wie ich sehe", bestätigte sie. „Falls Sie doch noch was rausbekommen, melden Sie sich bitte sofort." Sie beendete das Gespräch und gab Castle sein Smartphone zurück. Der studierte indessen bereits wieder seine Notizen, die Beckett auf den Tisch gelegt hatte. „Bei der Kellnerin im Speisesaal wird es schwierig", grübelte er halblaut. „Jung und blonde halblange Haare", las er vor. „Das passt auf mindestens vier der Serviererinnen, die ich bisher gesehen habe."
„Davon abgesehen kann sich Haarlänge und auch die Farbe mittlerweile geändert haben", ergänzte Beckett. Sie war unsicher. Sollte sie Castle jetzt noch auf ihre Auseinandersetzung ansprechen oder einfach stillschweigend darüber hinweggehen, so wie er es offenbar vorhatte? Aber insgeheim befürchtete sie, dass sie sich erneut streiten würden, wenn sie ihn darauf ansprach. Nein, dann lieber so tun, als ob nichts gewesen wäre und einfach zur Tagesordnung übergehen.
„Gesprächstherapeutin: Asiatin, schon älter, mit Brille", entzifferte sie Castles Handschrift. „Ich glaube nicht, dass ich hier eine Frau gesehen hätte, auf die die Beschreibung zutrifft." Auch Castle schüttelte den Kopf, doch ihm kam ein Gedanke. „Sag mal, liegt nicht unten im Foyer eine Mappe aus, in der alle Mitarbeiter, sofern sie direkten Gästekontakt haben, mit Foto abgebildet sind?"
„Du hast recht, die hatte ich ganz vergessen", sagte Beckett und stand auf. „Wir sollten die Seiten abfotografieren, damit wir sie hier ungestört ansehen können."
Castle öffnete bereits die Tür und hielt sein Smartphone in die Höhe. „Alles dabei. Lass uns gehen."
