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Sara wachte neben Ian auf. Er lag ohne Decke ihr zugewendet, die Hand auf ihrer Hüfte. Sara zog liebevoll die Decke über ihn. Er schlief tief und fest. Seine Locken hingen ihm wirr ins Gesicht. Sara strich sie sanft zur Seite. Er belohnte sie mit einem Lächeln in seinem Schlaf. Sie konnte noch immer nicht fassen, was in der letzten Nacht passiert war. War es wirklich real gewesen? Oder nur ein Traum, die die Witchblade ihr beschert hatte. Sara fasste unwillkürlich an ihr Handgelenk. Die Witchblade war nicht da, sie hatte sie gestern abgelegt. Zum ersten Mal, seit Monaten. Sie hatte diesen Moment für sich haben wollen, unbeeinflusst von den Plänen der Witchblade. Das Armband lag stumm auf ihrem Nachttisch, dort wo Sara es abgelegt hatte. Sara drehte sich auf den Rücken und verschränkte die Arme im Nacken. Lächelnd blickte sie zu Ian. Er sah so glücklich aus, so entspannt. Endlich einmal war aus seinem Körper diese Anspannung, dieses Wittern nach Gefahr verschwunden. Das war kein Killer und Mörder, der da neben ihr lag. Jetzt konnte sie sehen, wie er wirklich war. Jung, stark und unglaublich empfindsam.

Sie hatten sich zweimal geliebt in der Nacht. Er war schüchtern gewesen, als sie ihn in ihr Zimmer geführt hatte. Erst als Sara sein Hände an ihren Körper gelegt und ihn geküsst hatte, war das Eis gebrochen gewesen. Was dann gefolgt war, hatte auch sie nicht erwartet. Ian hatte mit dem sicheren animalischen Instinkt eines wilden Tieres sie leidenschaftlich geliebt. Nie hatte sich Sara so von einem Mann begehrt gefühlt, nie eine solche Hingabe für möglich gehalten. Sara hatte diese Begierde und diese Lust unglaublich genossen.

Danach waren sie sich still und erschöpft in den Armen gelegen. Zu nicht mehr fähig als einem verlegenen Lächeln, dass sie sich gegenseitig zuwarfen.

Sara war immer wieder mit ihren Fingerspitzen über seine Oberarme gefahren, und hatte die straffen, harten Muskeln unter der Haut gespürt. Sie hatte seine Brust, seinen Rücken, seine schmalen Hüften, seine Schenkel erkundet. Er hatte es geschehen lassen und ihr tief in die Augen geschaut. Sara hatte ihn erfahren wollen, mit all ihren Sinnen. Als sie ihn auf den Rücken gedreht hatte und begann ihn mit dem Mund überall zu liebkosen, hatte er vor Überraschung kurz aufgestöhnt, als sie auch nicht vor seinen intimsten Teilen halt machte. Nun war sie an der Reihe gewesen, ihn sich zu nehmen und sie tat es mit Wonne. Es war leiser gewesen dieses zweite Mal, vielleicht sogar noch intimer, aber mit Sicherheit nicht weniger leidenschaftlich. Er hatte keine Sekunde den Blick von ihr abgewendet, still genossen, wie sie sich an seinem Körper erregte. Hatte sie aufgefangen nachdem sie ihre Lust bist auf den Höhepunkt gebracht hatte und über ihm zusammengesunken war. Ian hatte sie fest an sich gezogen, sie war in seinen Armen eingeschlafen.

Und nun lag sie da, neben dem wohl ungewöhnlichsten Mann, den sie je in ihrem Leben getroffen hatte. Es klingelte an der Tür. Wer zum Henker…! Sara raffte sich auf. Auch Ian wachte auf. Sara gab ihm einen Kuss auf den Mund „Schlaf weiter, Ian."

Sara zog sich eine herumliegende Jogginghose an und ein Top, dass sie aus ihrem Schrank fischte und steckte die Witchblade wieder an ihren Arm. Man konnte ja nie wissen.

Die Klingel an der Tür schrillte weiter. „Mein Gott, jaja. Und das um 10.00 Uhr morgens im Urlaub." schimpfte Sara vor sich hin. Sie entriegelte die Tür.

„Morgen, Pezz! Na du siehst ja noch verschlafen aus."

„Danny! Äh, guten Morgen." Ihr Partner stand breit grinsend vor der Tür. „Darf, ich auch reinkommen, Pezz?" Sara hielt die Tür auf und machte mit der Hand eine einladende Geste.

„Du bist gerade aufgestanden?" – „Japp." – „Ich hab Frühstück mitgebracht und Kaffee. Du siehst aus, als könntest Du ne Stärkung brauchen."

Sara wurde es etwas ungemütlich. Sie wollte nicht mit der Tür ins Haus platzen, sondern ihre Umgebung langsam damit vertraut machen, dass es nun vielleicht doch einen Mann in ihrem Leben gab. Das war schon Schock genug für die meisten, aber dass das dann auch noch Ian Nottingham sein sollte, war vielleicht schon hart an der Schmerzgrenze für manche.

„Danny, im Augenblick solltest Du vielleicht besser…" Danny unterbrach sie. „Ist Dein Killer noch da, Pezz?" – „Er schläft noch, Danny. Deswegen sei bitte leise und er ist kein…"

„Jake erzählte mir, er hätte Dich gesehen, wie Du Männerkleidung gekauft hast. Ich wollte mal sehen, ob bei Dir alles klar ist, oder Du Hilfe brauchst." Würde Danny sie mal ausreden lassen? Dass Jake, der Schwätzer, seinen Mund hatte nicht halten können, war irgendwie klar gewesen.

„Danke, Danny. Aber mir geht es gut." Danny packte unbeirrt weiter Brötchen aus seiner Tüte aus. Bis sein Blick auf die zwei leeren Whiskygläser fiel, die auf dem Tisch standen.

„Pezz?" – „Ja, Danny?" – „Pezz, das Sofa sieht nicht so aus, als hättest Du darauf geschlafen."

Er wollte also die harte Dosis. Bitte, wenn er unbedingt wollte, dann sollte er sie haben. Polizisten und ihr Gespür für Heimlichkeiten waren doch zum Kotzen.

„Ich hab da ja auch nicht geschlafen." Er sah sie mit hochgezogener Augenbraue an.

„Ich hab da geschlafen." Sie zeigte auf ihr Schlafzimmer.

„Pezz! Du lieber Himmel! Ich dachte, da hast Du Nottingham untergebracht."

Sara verdrehte die Augen. „Ja, Danny."

„Sara! Du hast doch nicht etwa…!" Die Stimme ihres Partners war voller Ungläubigkeit. Sara winkte ab. „Danny, erspar mir bitte jetzt Deinen Vortrag, ok? Ich weiß schon was ich tue."

„Aber Sara, du hast ihn verachtet! Er wollte Dich töten lassen!"

„Danny, Du kennst ihn nicht. Ich habe ihn bisher auch nicht wirklich gekannt. Er ist kein schlechter Mensch. Er ist…" Sara zögerte. Hatte sie ein Recht darauf, über sein Leben zu reden? Sie beschloss sich auf das offensichtlichste zu beschränken. „ Er ist einsam und vielleicht ein wenig unerfahren." Danny schüttelte den Kopf.

„Und deswegen springst Du gleich aus lauter Mitleid mit der armen Killerseele mit ihm ins Bett? Komm, Pezz, ein bisschen mehr Vernunft hätte ich Dir zugetraut. Du hast ein Weltrettungssyndrom und eine unerklärlich Vorliebe für Bösewichte. Du kannst doch nicht durch…" er suchte nach den richtigen Worten „…durch Sex, einen Killer zu einem guten Menschen bekehren."

Der Schmerz traf sie völlig unerwartet. Sie taumelte und keuchte. Ian! Das war Ians bodenlose Enttäuschung, die sie in ihrem Innersten spürte. Danny war auf sie zugesprungen und hielt sie am Arm. „Pezzini! Ist alles in Ordnung mit Dir!"

Danny setzte sie auf das Sofa.

„Danny, das hättest Du nicht sagen dürfen. Das hat er gehört…" Sie fing sich wieder, aber der Schmerz blieb. Sie riss sich los, rannte zum Schlafzimmer. „Ian!"

Das Zimmer war leer. Nur das Fenster stand offen. Seine Sachen, selbst das zerrissene T-Shirt, waren fort. Sie blickte aus dem Fenster. Ian war nirgends zu entdecken. „Verdammt!" Sara liefen Tränen die Wange hinunter. Warum war er einfach verschwunden? Sie wollte Danny doch gerade erklären, dass er alles falsch verstand. Danny legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Ich muss ihn suchen, Danny, sofort." Saras Stimme war ungeduldig, besorgt.

Danny sah sie entschuldigend an „Es tut mir leid, Pezz. Du magst ihn wohl wirklich, hmm?" – „Ja, Danny. Sehr sogar."