A
7. Bis zum letzten Schlag
Angespannt stand er vor der Liege und ließ seinen Arm von der Schwester versorgen, er wollte wissen, was mit Jaliyah war, alles andere war ihm völlig gleich. Sie zählte. Sein Arm war okay, er wusste so schnell fing er sich nichts ein, warum also so einen Zirkus machen, der Pfeil war glatt durchgegangen. Er würde ihn schonen müssen, mal wieder. Ein paar Schmerzmittel, wenn es sein musste Antibiotikum, und gut...
Nein, jetzt stand er hier und die Schwester machte erst mal die ganze Wunde gründlichst sauber, ehe sie sich um die eigentliche Verletzung kümmerte. Wobei Ogawa mal wieder wunderbar demonstrierte wie herzlich egal ihr Ungeduld und Namen ihrer Patienten waren.
Als er endlich gehen durfte bezog er Position vorm Operationsbereich. Mit Verschränkten Armen und grimmigen Blick blieb er dort stehen. Nach fast zwei Stunden kam Camdon gefolgt von seinen Leuten und einem der Klinikbetten heraus. Ehe sie an ihm vorbei geschoben wurde, sah er die Blutkonserve und zwei weitere Infusionen, die alle drei liefen. Er schaute den Arzt ernst an. „Doc?"
„Sie wird wieder, aber... es wird eine Zeit dauern. Aber... sie hat unheimliches Glück gehabt."
„Kann ich... zu ihr?"
„Ja, aber sie muss ausschlafen."
xXx
Er war am Morgen nur kurz fort gewesen, um sich zu waschen und Wash einen kurzen Bericht zu geben, den eigentlichen, den hatte er in der Nacht geschrieben und ihr schon geschickt. Seit dem, war er wieder hier in der Klinik. Ein Blick auf sein Handgelenk verriet ihm es war inzwischen Nachmittag. Später Nachmittag, 1700.
Er stand auf, um sich etwas zum Essen zu organisieren, er war schon an der Tür, als sie sich bewegte. Er ging zurück an ihre Seite und wartete. Nichts. Hab ich es mir eingebildet?
Nein, der Puls ging höher und einen Moment später öffnete sie die Augen. „Hey...na? Willkommen zu Hause," flüsterte er.
Sie schaute ihm müde entgegen, wollte sich herumdrehen und zuckte sofort schmerzerfüllt zusammen, holte keuchend Luft. „Ruhig, ist gleich vorbei," beruhigte er und drückte den Knopf, fürs Schmerzmittel durch. Sie hatte die Augen wieder geschlossen und atmete bemüht ruhig aus und wieder ein. Nach einigen Minuten sah sie ihn wieder an. „Dein...Versprechen... du hast es gehalten." Er nickte und gab ihr die Klingel. „Schlaf noch ein wenig, du brauchst Ruhe."
x
Als sie zum zweiten mal erwachte fiel heller Sonnenschein ins Zimmer und die Schmerzen waren viel weniger. Sie öffnete die Augen und drehte den Kopf in Richtung der warmen Sonne. Ihr Blick fiel auf ihn. „Was...was machst du hier?"
„Sitzen," sagte er ruhig, ohne irgendeine Miene zu verziehen. Sie musterte ihn nachdenklich. Okay, er war geradlinig, kurz und präzise auch mal gerne. Aber so und das er hier saß, etwa noch immer? „Bist du... etwa die ganze Zeit...was ist mit der Kolonie? Deinen Aufgaben?" Fragte sie verwundert. Er schüttelte den Kopf. „Unwichtig, Wash und Guz bekommen das ganz gut hin."
„Unwichtig?" Fragte sie und wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Sie wusste zu genau, wie wichtig ihm seine Kolonie war. Er nickte jedoch und sah sie ernst an. „Unwichtig, du bist jetzt wichtig."
„Ich?" Sie starrte ihn perplex an. „Was ist mit der Kolonie? Deiner Arbeit? Deinen Leuten? Dem Angreifer?"
„Unwichtig, ohne dich... wäre alles unwichtig, die Arbeit, die Kolonie hier." Er seufzte, nein er wusste genau das es sein Ding war, nicht das ihre, es waren allein seine Gefühle. Er schaute an ihr vorbei. Als er sie wieder ansah, waren ihre Augen geschlossen, Ist sie eingeschlafen? Sie regte sich nicht, er stand auf und ging zur Tür, er streckte die Hand aus, um sie zu öffnen. In dem Moment atmete sie tief aus und er sah zurück, sie sah ihn wieder an. „Warte...ich...ich erinnere mich wieder... was... du gesagt hast, ich... warum soll ich dich nicht verlassen? Warum... bist du hier?"
Ooh...nein, nein nicht ansehen, du warst nie gut darinnen, Ionie machte immer den ersten Schritt, nicht du! Er schwieg, schüttelte den Kopf. „Ich dachte nicht, dass du mich hörst. Es... ist nicht wichtig," rasch sah er wieder hinüber zur Tür.
„Warum brauchst du mich? Nathaniel..."
Er seufzte und drehte sich ihr wieder zu, langsam ging er zurück bis zu ihrem Bett. Er sah, wie sie die Morphiumpumpe betätigte und warf einen Blick auf die Klingel neben ihr, sollte er einfach jemanden...
„Warum brauchst du mich?" Wiederholte sie leise und sah ihn abwartend an, bittend.
„Weil... weil ich nicht ein zweites mal... jene verlieren kann, die... mir alles bedeutet," er drehte sich wieder herum und wollte gehen, doch jetzt hielt sie seine Hand. Sie hielt sie fest umklammert. „Geh, bitte nicht."
„Ich... ich muss, ich weiß, dass es alleine mein Sache ist, zwischen uns... liegen Welten, aber... du hast ein Recht zu wissen, warum ich so was... sagte." Er beendete er zögernd und entzog ihr seine Hand, ging zurück zur Tür. „Nathaniel! Bitte!"
Sie sah wie er die Tür öffnete und quälte sich auf die Bettkante, sie stand schon fast, als ihre Seite furchtbar schmerzte und sie so aufschreien ließ. Ihre Seite brannte wie Feuer. Sie fluchte und klammerte sich verzweifelt um Halt bemüht an den Griff, der Kommode. Scheiße!
Er hörte noch wie sie sich hinter ihm bewegte, doch er sah sich nicht mehr um, trat durch die Tür, welche sich lautlos und leise hinter ihm zu schließen begann. Ich muss ihr aus dem Weg gehen, ich...
„Aaaah-uuhh!"
Er stieß die Tür mit einem Tritt nach hinten wieder auf und wirbelte herum. Sie rutschte wie in Zeitlupe von der Bettkante, das Gesicht schmerzerfüllt und klammerte sich an die Kommode. „Jali!" Erschrocken lief er los, er packte ihren gesunden Arm, hielt sie und legte ihr vorsichtig den zweiten Arm um den Körper, legte die Hand dort auf ihre Hüfte und zog sie langsam wieder auf das Bett.
Keuchend und mit geschlossenen Augen kämpfte sie um jeden ruhigen Atemzug. Er sah Tränen und Anstrengung in ihrem Blick, sie hielt sich die schmerzende Brust. „Das... war... verdammt dumm."
Sie öffnete den Mund, er legte ihr einen Finger auf die Lippen. „Nein, atme. Ganz ruhig, langsam." Bat er, als sie widersprechen wollte. Sie nickte stumm. Erst nach fast zehn Minuten entspannten sich ihre Gesichtszüge wieder ein wenig. Sie blickte nach langen Minuten wieder zu ihm auf, ihr Atem war wieder ruhiger, fast normal. „Du... wolltest gehen, ich ….. musste..." Sie schloss die Augen, aber ihre Züge waren jetzt ruhig, sie atmete einige male, dann sprach sie weiter. „Erinnerst... du dich... an... die Nacht im... Baum?"
Er sah sie an und nickte. Und wie ich mich erinnere, du hast ja keine Ahnung. Er zwang sich dazu sie wieder anzusehen, statt einfach zu gehen. Er wollte nicht, dass sie noch mal eine solche Dummheit beging und sich dieses mal womöglich ernsthaft schadete.
„Ich habe bis dahin nie darüber nachgedacht, was sich... geändert hat, zwischen uns... danach... schon, ich war froh, das du mir aus dem Weg gegangen bist. Bitte, sieh mich an," bat sie leise, das sprechen fiel ihr nun sichtlich leichter, wo das Schmerzmittel wirkte und sie ausreichend Luft bekam.
Ihre Blicke trafen sich. Sie spürte diese abertausend Schmetterlinge in ihrem inneren, und wie ihr heiß wurde. Sie war sicher, das sie mindestens rosa wurde. „Ist es wirklich so? Du...würdest...alles aufgeben? Alles, für mich?"
Er nickte und seufzte, ehe er den Kopf schüttelte. „Alles. Aber das du zufrieden bist, ist alles was wichtig ist, das es...dir gut geht."
„Nathaniel," begann sie und wieder griff sie nach seinem Arm. „Zwischen uns liegen keine Welten, nicht seit der Nacht im Baum. Ich will dich. Geh nicht weg." Sein Blick verwundert, hoffend, dann wieder ernst und abweisend, musterte sie. Sie seufzte. Er strich ihr über die Wange. „Nein, es geht nicht, du bist... mein Soldat, du bist gut und...du bist seine Schwester."
„Was sollte Chris gegen dich haben? Uns? Er hat dir vertraut."
„Das... ist einfach nicht richtig, du... könntest ebenso gut meine Tochter sein, es...fehlen nur ein paar Jahre."
„Ein paar Jahre? Da fehlen mindestens zehn. Nein, meine Eltern hätten deine sein können." Sie saß noch immer in ihrem Bett und streckte jetzt die Hand aus, legte sie ihm auf die Brust. „Sag mir...sag mir, das du mich nicht liebst."
Er starrte sie an und schloss die Augen. Allein der Gedanke an sie, ließ ihn lang vergessene Wärme spüren und allein ihre Berührung ließ sein Herz rasen. Er konnte sie nicht anlügen, sie würde es sofort merken. Er schüttelte den Kopf. „Nathaniel." Er zuckte zusammen, sah sie wieder direkt an.
Sie blickte in seine erstaunten Augen und lächelte ihm zu. „Ich mag deine weißen Haare," sie strich ihm über den Bart. „Bei den letzten Verabredungen, hatte ich immer das Gefühl... das es...falsch ist, bis...ich begriff, ich...war längst vergeben und... an dich."
Sie sah ihm entgegen, bittend, stumm. Verdammt sag doch etwas!
„Bist du... dir sicher? Es...wird nicht leichter."
Sie nickte und lächelte ihm entgegen. Er setzte sich auf das Bett und sie sahen sich einen langen Moment lang an. Wie so oft dachte sie daran, dass er gut aussah und er ihr keineswegs so viel älter erschien. Sie wollte ihn umarmen sich anlehnen, doch sie ließ es und lehnte sich stattdessen müde zurück gegen das halbaufgerichtete Bett. Sie seufzte, schloss kurz die Augen. Als sie wieder aufsah, da war er ihr näher als zuvor. Seine Hände stützten sich jeweils neben ihr auf dem Bett ab, er hatte sich etwas nach vorne und zu ihr gelehnt. Ganz langsam kam er nun näher, sie hielt die Luft an. Dann berührten sich ihre Lippen. Er zog sich fast sofort wieder zurück, rasch griff sie nach seinem weißen Shirt und zog ihn wieder zu sich. Er grinste kurz, ehe sich ihre Lippen erneut trafen und sie sich dieses mal in einen langen Kuss verloren.
xXx
Zwei Tage später und nach einer dritten Behandlung mit dem Innovo-surgery durfte sie die Klinik verlassen und war dankbar wie nie zuvor, dass sie das Haus ihres Bruders damals nicht verkauft hatte. Die Ruhe und das fern sein von den Blicken aller anderen war nun definitiv etwas das sie favorisierte. Sie fühlte sich noch immer unendlich schlapp und beim Atmen tat es nach wie vor schmerzen. Dabei hatte sie wohl tatsächlich Glück gehabt und dass in viel mehr als nur in einem Sinn.
Zum einen, war der Pfeil von ihrem Sternum und einer Rippe abgelenkt worden und hatte somit ihre Lunge, statt das Herz getroffen, zum anderen war nur der unterste Teil der Lunge verletzt worden und kollabiert, ansonsten wäre sie wohl lange vor der Ankunft in Terra Nova erstickt.
Zum anderen, war da Nathaniel gewesen, dadurch das er ihr gleich die doppelte Dosis Antibiotika verabreicht hatte, ihre und seine Notfalldosis, hatte sie keine Sepsis, oder Entzündungen bekommen. Ein Wunder nannte es Doc Camdon dennoch, da die Pfeile wohl scheinbar mit Absicht infiziert worden waren.
Sie griff nach ihrer Tasche und wandte sich dem Ausgang zu. „Nathaniel," sie blickte ihm überrascht entgegen. „Was..."
„Ich habe gehört, hier will jemand nach Hause?" Fragte er, sie nickte und er kam, nahm ihr den Rucksack ab. „Komm, ich bring dich heim, mein Rover steht draußen."
„Klingt gut, nach dem Marsch vom Labor hier hin, bin ich ehrlich schon wieder müde. Könnte aber auch am Dolantin liegen."
„Darauf würde ich wetten." Sagte er und bot ihr seinen Arm an, sie schüttelte den Kopf, woraufhin er sie skeptisch musterte. „Hast...hast du es dir anders überlegt?" Fragte er leise. Sie wusste sofort was er meinte und schüttelte den Kopf. „Mir gefällt nur nicht, was daraus gemacht werden könnte, reicht schon, dass du mich heimbringst. Für... den Moment, meine ich."
„Damit kann ich leben."
x
Er ging um den Rover herum, während sie langsam ausstieg und auf das Haus zuging. Doch schon nach wenigen Schritten schwankte sie und griff nach dem Stamm, der kleinen Palme.
„Uhh...ooh."
Er beschleunigte seine Schritte, kam hinter ihr zum stehen und umfasste vorsichtig ihre Seite. Sofort lehnte sie sich mit der gesunden rechten Seite, gegen seinen Arm und schloss die Augen.
„Shit," murmelte sie. „Ich... fürchte ich..."
Sie knickte ein und er fing sie auf, ließ ihre Tasche fallen und trug sie ins Haus. Es war ihm gleich, wer das nun gesehen haben konnte. Nicht zuletzt auch, weil er gestern Abend bei Boylan mitbekommen hatte, dass seine Soldaten glaubten er mache sich Vorwürfe, wegen ihrer Verletzung, dass er sie, statt einen der älteren Jungs mitgenommen die Tatsache, dass eben jene Jungs erklärten, es sei eben dummer Zufall gewesen, mit einem verrückten könne man ja nicht rechnen und Sinclair sei gut genug um auf sich aufzupassen, brachte wenig.
Im Haus brachte er sie auf ihr Bett und deckte sie bis zur Hälfte mit ihrer Tagesdecke zu. Dann blieb er besorgt neben ihr sitzen und wartete. Er war fest entschlossen Camdon zu rufen, sollte sie nicht innerhalb einer halben Stunde wieder zu sich kommen. Tatsächlich aber öffnete sie schon nach wenigen Minuten die Augen und sah sich irritiert um. „Was zum... ohje... ich sollte wohl andere Tabletten..."
„Nein, Dolantin ist gut. Wenn Camdon sagt du brauchst sie noch, dann nehme sie, deine Op war nicht ohne. Dieser Pfeil hat dich durchbohrt und sie haben einen Teil der Lunge entfernt. So schnell kommst du ohnehin nicht zurück an die Arbeit."
Sie schnaubte und warf ihm einen wissenden Blick zu. „Meinst du? Ich nicht. Ich kann doch nicht weiter unter dir..."
„Guz und Wash sind auch noch da. Komm, zieh dich um, ruhe dich aus."
„Nur... wenn du bleibst?"
Er nickte. „Okay, ich bleibe."
Als sie Minuten später seitlich in ihrem Bett lag und dabei war einzuschlafen, lag er hinter ihr, einen Arm locker um sie gelegt. Es war ein schönes Gefühl und sie fühlte sich unheimlich sicher, als sie so einschlief.
Nathaniel schloss die Augen, während ihr Atem gleichmäßiger wurde. Sie wieder so nah zu spüren, sie zu riechen und zu hören, das war unbeschreiblich. Mehr als er sich zu hoffen gewagt hatte. Sie gab ihm schon jetzt so viel mehr, als er je wieder geglaubt hatte zu besitzen. Alles und wirklich alles, würde ich geben, bis zum letzten Herzschlag. Ich könnte nicht mehr leben, ohne sie. Kein zweites mal.
Es war so ungleich dem, was er damals für Ionie empfunden hatte. Sie hatten sich damals gesehen und waren fortan immer irgendwie umeinander gewesen. Das hier aber war ganz und gar anders. Er kannte Jaliyah schon ihr halbes Leben lang und dieses tiefe Gefühl der Zuneigung, die Gewissheit, dass sie die Richtige war, das war langsam gekommen, hatte sich so langsam aus dem Gefühl der Freundschaft und dem Drang sie zu beschützen heraus entwickelt, dass er es selbst erst richtig begriffen hatte, als er geglaubt hatte, sie an jemand anderen verloren zu haben. Ich liebe dich Jaliyah, so sehr. Niemals mehr lasse ich dich alleine, von jetzt an, bis zum letzten Herzschlag.
