Nur widerstrebend packte Lucien seine Sachen. Er besaß ohnehin zusätzlich zu seiner Eingehüllten Rüstung nur ein Set ziviler Kleidung sowie seinen Dolch, nebst der Rüstung sein wertvollster Besitz. Darüber hinaus packte er ein wenig Werkzeug ein, um Waffe und Rüstung unterwegs zu pflegen, sowie Proviant. Doch egal, wie langsam er packte, es ging nicht langsam genug und das Ende ließ sich nicht auf ewig hinauszögern.

Anscheinend wussten die anderen Mitglieder der Zuflucht bereits von dem Urteil, das über ihn verhängt worden war. Zunächst sprach niemand ihn darauf an, doch alle warfen ihm vielsagende Blicke zu. Zwar schien sein Verstoß nicht vergessen zu sein, doch die meisten schienen ihn tatsächlich zu vermissen. Einzig Sares sprach ihn darauf an.

»Du weißt um deine Fehler«, sagte der Dunkelelf. »Deine Strafe war und ist angemessen, daran wird sich in meinen Augen nichts ändern. Wisse dennoch, dass ich dich vermissen werde, Stift.«

Lucien wurde der Hals eng. In der Vergangenheit hatte er seinen Spitznamen gehasst, doch nun ging ihm mit einem Male auf, dass er eher liebevoll und freundlich gemeint war.

»Danke«, brachte er mit halb erstickter Stimme hervor.

»Es wird dir gut tun, ganz sicher«, betonte Sares noch einmal. »Und dass du uns jetzt verlässt, heißt nicht, dass du nicht wiederkehren kannst. Früher oder später werden wir uns schon wiedersehen.«

Der Junge lächelte dankbar, und zumindest ein Teil des Gewichts, das auf ihm und seinen schmalen Schultern lastete, wurde von ihm genommen. Er bedeutete seiner Familie immer noch etwas und war nicht gänzlich aus ihren Reihen verstoßen.

Doch Vicente wartete auf ihn und wäre sicherlich nicht erfreut über eine weitere Verzögerung ihres Aufbruchs. Lucien sah zu, dass er den Vampir nicht allzu sehr verärgerte, schnappte sich sein kleines Bündel und begab sich in den Hauptraum. Wie gedacht, wartete der Vampir bereits auf ihn.

»Hast du alles? Gut«, sagte er. »Ich will heute noch einige Meilen zurücklegen, ehe die Sonne aufgeht. Sie brennt immer so unangenehm auf der Haut, egal ob ich gesättigt bin oder nicht.«

Lucien hatte mittlerweile erfahren, dass Vampire nicht zwangsläufig von der Sonne geschädigt wurden. Sie verminderte zwar ihre Kräfte, verbrannte sie jedoch erst dann, wenn sie lange keine Nahrung mehr zu sich genommen hatten. Dennoch schien Vicente nicht allzu erpicht darauf zu sein, übermäßig bei Tage zu reisen. Der Junge stellte sich auf durchwachte Nächte und Rasten bei Tage ein.

Sie machten sich unverzüglich auf den Weg. Sobald sie die Stadt verlassen hatten, begann Vicente, ein Lied vor sich hin zu pfeifen. Anscheinend empfand er es als nicht allzu schlimm, den Aufpasser für Lucien spielen zu müssen, sondern nahm die ganze Angelegenheit locker. Daher wagte es Lucien auch eine Frage zu stellen.

»Wer ist Babette?«, wollte er wissen.

»Oh, du wirst sie mögen, denke ich«, sagte Vicente. »Sie ist ein Vampir, ähnlich wie ich, wenn auch erst einige Jahrzehnte alt. Und sie hat es faustdick hinter den Ohren.« Vicente zwinkerte zwar, schien aber ansonsten nicht geneigt, weiter darauf einzugehen.

Lucien vertröstete sich damit, dass er Babette in wenigen Tagen kennen lernen würde. »Wer lebt noch alles in der Zuflucht?«, fragte er stattdessen.

»Auch die Zuflucht in Skyrim untersteht der Führung Arela Drewanis«, antwortete der Vampir. »Daher wurde sie als dein neues Zuhause auserkoren. Die Zuflucht wird von Hilda geleitet, eine Nord und Werwölfin, angeblich sehr fähig, aber auch sehr wild, ihrer wölfischen Natur entsprechend. Dann gibt es noch Malik, ein Rothwardone und Assassine, Valdimar Hammerhand, ebenfalls ein Nord und Eliminator, und Hjortkar, Nord und Schlächter. Ehrlich gesagt kenne ich selbst bis auf Babette und Hilda keines der anderen Mitglieder persönlich, daher kann ich dir nicht viel über sie sagen. Aber ich denke, dass du dennoch nicht allzu sehr mit Met abgefüllt und dich gut mit den vielen Nord verstehen wirst, wenn du dich auf ihre bärbeißige Art eingelassen hast.«

Irgendwie hatte Lucien genau drauf keine Lust. Das, was er von Nord kannte, hatte ihm nie wirklich zugesagt. Sie waren ihm trotz der interessanten Dinge, die er mittlerweile zu ihrem Land kannte, zu grob, zu streitlustig und zu laut. Er konnte sich nicht vorstellen, wie eine Zuflucht, bewohnt fast ausschließlich von Nord, funktionieren konnte. Seine Laune sank weiter, doch er hütete seine Zunge.

Vicente legte ein straffes Tempo vor. Er war in der Tat bestrebt, in dieser Nacht noch ein gutes Stück Weg hinter sich zu bringen, und nahm zunächst keine Rücksicht auf Lucien. Erst als dieser deutlich fußlahm wurde und hinterherzuhinken begann, drosselte er sein Tempo und legte schließlich auch, als die Morgendämmerung einsetzte, eine Pause ein. Sie suchten sich einen geschützten Ort und breiteten dort ihre Lager aus. Lucien schaffte es kaum noch, etwas zu essen, bevor er nahezu augenblicklich einschlief.

Anscheinend störte es den bretonischen Vampir nicht wirklich, denn er ließ den Jungen schlafen. Erst am Nachmittag weckte er ihn, um selbst ein wenig zu ruhen. Lucien, der nun deutlich ausgeruhter war, ging auf, dass er noch nie einen Vampir hatte schlafen sehen. Er hatte angenommen, dass sie auch wie normale Mer schlafen würden, doch stattdessen war es der Schlaf eines Toten. Vicente lag regungslos da, die schmalgliedrigen Hände über der Brust gefaltet und die leeren, offenen Augen gen Himmel gerichtet. Es war durchaus als verstörend zu bezeichnen.

Auf den Punkt genau, als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, regte sich Vicente erneut, als würde er von den Toten wiederauferstehen. Was, so überlegte Lucien, so verkehrt gar nicht sein mochte. War man vom Vampirismus befallen, so führte man, suchte man keine Heilung, fortan ein untotes Leben.

Sie aßen etwas, was eigentlich hieß, dass Vicente dasaß und Lucien dabei zusah. Dem Jungen fiel auf, dass der Vampir nicht mehr ganz so frisch wie am Abend zuvor aussah. Ob er als Blutspender herhalten musste oder hatte sein Begleiter seine eigenen Vorräte dabei? Er hoffte auf letzteres.

Nachdem Lucien sein kleines Mahl beendet hatte, packten sie ihre Sachen und machten sich wieder auf den Weg. Wie schon einige Zeit zuvor schlugen sie eine Strecke in Richtung Bruma ein. Von dort führte ein Bergweg über die Jerall-Berge nach Skyrim und damit auch nach Falkenring. Dies war die einzig halbwegs sichere und gangbare Strecke durch die Berge, solange man keine Bergziege war oder Flügel besaß.

Vicente pfiff entweder weiter fröhlich vor sich hin oder erzählte gelegentlich dieses oder jenes aus seinem Leben. Lucien war positiv überrascht, denn bis jetzt hatte er noch keines seiner Dunklen Geschwister so gesprächig erlebt.

»Ich habe ein Allergie gegen Knoblauch«, sagte der Vampir irgendwann im Laufe der Nacht. »Der Volksmund behauptet, dass das alle Vampire hätten, aber das stimmt nicht. Die Wahrheit ist, dass ich der einzige Vampir mit dieser Abneigung bin, von dem ich weiß. Ich hatte die Allergie schon immer, sie war aber wider Erwarten nicht mit meiner Transmutation verschwunden.«

Irgendwo schuhute eine Eule, gefolgt vom fernen Heulen eines Wolfes.

»Warum sagen dann die Leute, dass Knoblauch Vampire fernhält?«, fragte Lucien erstaunt. Es war auch ihm neu, dass Knoblauch nutzlos war.

Vicente zuckte mit den Schultern. »Weil er stinkt, vielleicht?«, schlug er vor. »Sie mögen den Geruch nicht, also denken sie vielleicht, dass auch Vampire mit ihren viel feineren Sinnen ihn erst recht nicht mögen. Manche behaupten auch, Weihwasser würde helfen.« Er lachte auf. »Das ist nur Wasser! Ihre sogenannten Neun Göttlichen sind eine Lüge, denn einzig und allein Sithis existiert in der Leere. Hast du jemals zu den Göttern gebetet? Oder den Daedra?«

Und wieder war Lucien erstaunt. Selten hatte einer seiner Lehrer ihn etwas gefragt, das über ihren Unterricht hinaus ging, und so gut wie nie hatten sie sich nach seiner Vergangenheit erkundigt.

Etwas verwirrt über das plötzlich aufgekeimte Interesse seines Begleiters schüttelte er daher den Kopf. »Nein, ich hatte andere Sorgen, bis mich Herrin Drewani fand«, sagte er. »Man sorgt sich auf der Straße nicht um irgendwelche Aedra und Daedra, wenn man nicht verenden will.«

Vicente nickte. »Ich verstehe«, sagte er. »Nach meiner Ansicht hast du damit auch nichts verpasst. Die Existenz höherer Mächte außer der Sithis' ist anzuzweifeln.«

Im Laufe ihres weiteren Weges mieden sie Bruma gänzlich und marschierten gleich weiter gen Norden. Wie sich herausstellte, hatte Vicente tatsächlich seine eigenen Blutkonserven dabei, die er in verkorkten Weinflaschen bei sich trug und von denen er an jedem zweiten Morgen einige Schlucke trank. Irgendetwas war dem Blut beigemischt, sodass es nicht gerann und halbwegs frisch blieb. Lucien wollte ehrlich gesagt nicht wissen, woher er all das Blut hatte.

Schon als Lucien das erste Mal in diesen Gefilden gewesen war, hatte er die Kälte empfindlich gespürt, auch wenn seine Rüstung einiges abgehalten hatte. Dieses Mal hatte Vicente für sie beide kältetauglichere Kleidung eingepackt, und eine der Garnituren würde er auch Lucien für seinen Aufenthalt in Skyrim überlassen. Und Lucien merkte bald, dass das auch bitternötig war.

Sie mussten schon wenige Meilen hinter Bruma die Felle um sich wickeln, um sich gegen den Wind und die beißende Kälte zu schützen. Winzige Eiskristalle, aufgewirbelt von den Schneewehen, schnitten schmerzhaft in ihre Haut, wenn sie nicht aufpassten und nicht möglichst alles bedeckten.

»Ich beneide Babette«, kommentierte Vicente. »Die Vampire Skyrims haben, egal, welchem Clan sie angehören, eine gewisse Resistenz gegen Kälte, sicher eine Anpassung an das raue Klima des Landes. Aber ich bin ein verwöhnter Südländer, der sich die Porphyrische Hämophilie in Cyrodiil einfing.« Er sagte letzteres nicht ohne einen gewissen Humor, weshalb Lucien daraus schloss, dass er es als nicht allzu schlimm empfand, keinem der Vampirclans Skyrims anzugehören.

»Um dich zu warnen«, sagte der Vampir unerwartet. »Ohnehin solltest du dich vor fremden Vampiren in Acht nehmen. Nur weil Babette und ich an die Gebote gebunden sind, sind wir vergleichsweise zahm gegenüber anderen Mitgliedern der Bruderschaft. Kein anderer Vampir würde ohne weiteres einen friedlichen Plausch ohne heimtückische Hintergedanken mit dir halten, wie ich es gerade tue. Und in Himmelsrand lebt ein ganz besonderer Vampirclan. Die Vampire von Burg Volkihar nehmen sich heraus, die ersten Vampire überhaupt zu sein, erschaffen von Molag Bal höchstselbst. Ihr Fürst, Harkon, ist ein tödlicher Meistervampir und seine Frau und Tochter sind Töchter Kalthafens. Niemand, nicht einmal ein noch so mächtiger Vampir, würde wagen, sich ihnen und ihren Lakaien in den Weg zu stellen. Meide jeglichen Kontakt mit irgendeinem anderen Vampir außer Babette und außer, man traut es dir zu, ihn unbeschadet zu töten. Und selbst dann solltest du kein Risiko eingehen.«

Skyrim mit all seinen Sagen und Legenden zeigte schon jetzt immer mehr seine grausamen und harten Seiten. Dieses Land war wild und rau und ungebändigt und voller Gefahren für jene, die sich ihm unwissend stellten.

Lucien nickte. »Ich werde es mir merken, danke.«

Die Überquerung der Berge dauerte mehrere Tage. Es war mühsam und kräftezehrend, denn ein Sturm kam auf, zwar nicht so stark und gefährlich, dass sie gezwungen waren, für seine Dauer einen sicheren Unterschlupf zu suchen, doch stark genug, um ihr Vorankommen erheblich zu erschweren. Laut den Aussagen des Vampirs waren Stürme keine Seltenheit im Gebirge und sie konnten von Glück reden, dass sie nur in einen vergleichsweise kleinen geraten waren.

Die Grenze zu Skyrim überschritten sie beinahe unmerklich. Dass sie es überhaupt getan hatten, bemerkte Lucien eigentlich nur dadurch, dass Vicente es ihm gesagt hatte. Nachdem es nun tagelang lediglich bergauf gegangen war, davon ein nicht unerheblicher Teil im Kampf gegen das Wetter, führte ihr Weg nun auch gelegentlich in Serpentinen abwärts. Nun fiel es Lucien auch auf, dass die Luft anders war. Erst hatte er es den hochgelegenen Gefilden zugeschrieben, doch die kühle, würzige und vor allem klare Luft blieb auch, nachdem sie wieder allmählich die höheren Regionen verließen. Die typische Luft Skyrims.

Lucien war mit sich im Zwiespalt, ob er sich auf Himmelsrand freuen sollte oder nicht. Drachen würde er keine sehen und legendäre Nord wie Olaf Einauge aller Voraussicht auch nicht. Viel blieb dann nicht mehr, was er aus dem, was er bereits wusste, an diesem Land mochte. Er beschloss, dass es besser war, alles einfach auf sich zukommen zu lassen und zu sehen, wie die Dinge wirklich standen, statt gleich so pessimistisch an die Sache heranzugehen, wie er es eigentlich fast die ganze Zeit über getan hatte. Er erinnerte sich der Worte Sares', dass es nicht ausgeschlossen war, dass er auch wieder zurück nach Cheydinhal kommen konnte, wenn die Zeit reif dazu war.

Nachdem sie nun bereits gut eine Woche unterwegs waren, tauchte vor ihnen die erste Siedlung im fremden Land auf. Helgen, ein kleines Dorf im Fürstentum Falkenring, obwohl nach Aussage Vicentes die gleichnamige Hauptstadt des Fürstentums, Falkenring, nur unwesentlich größer war.

»Manche der sieben Fürstentümer besitzen riesige Zentren der Macht, Markarth beispielsweise im Reach«, sagte er. »Die Dwemer erbauten die Stadt vor vielen, vielen Jahren, ehe sie spurlos verschwanden, und auch heute ist sie der Sitz einer mächtigen Silberindustrie. Andere Jarls in Himmelsrand regieren wie Jarl Sterngeir Bärenfaust nur unbedeutende Gebiete.«

Es führte kein Weg an Helgen vorbei. Sie befanden sich zwar nicht mehr in den allerhöchsten Gebirgslagen, doch noch immer weit genug im Gebirge, dass es oft keine anderen Wege gab als die bereits angelegten. Helgen war zwar klein, aber dennoch von einer wehrhaften Mauer umgeben, die klar machte, dass unerwünschte Besucher in Himmelsrand nichts zu suchen hatten. Sie wechselten vorsichtshalber ihre Kleidung und verbargen alles Verräterische möglichst unter ihren Fellen. So würden sie durchaus als Vater und Sohn durchgehen.

Die Bewohner Helgens waren es gewohnt, dass ihr Dorf eine Transitstation für Reisende von und nach Cyrodiil war. Für die Wirtschaft des Fürstentums Falkenring war das durchaus von Vorteil, da es Geld in die Kassen spülte. Skyrim war zwar ein Teil des Kaiserreiches und stand damit unter der Oberherrschaft Kaiser Uriel Septims VII., doch es war noch immer ein eigenes Reich mit einem Hochkönig in Einsamkeit und sechs weiteren Fürstentümern, regiert von ihren eigenen Jarls. Aufgrund dessen war Zoll zu entrichten, und Vicente äußerte die in seinen Augen eigentlich nahezu sichere These, dass nicht alle Zolleinnahmen in den Staatskassen von Hochkönig Fyrnir landeten.

Der Vampir murrte, während er die Septime aus seinem Geldbeuten kramte und sie dem Nord aushändigte. Ebenso murrend wurden sie nach ihren Namen gefragt, und Vicente log wie gedruckt Namen für sie herbei. Mit griesgrämiger Mine notierte der Nord alles Erfragte und winkte sie dann durch.

»Ihr kennt hoffentlich die Gesetze der Nord«, brummte der Mann mit dem riesigen Bart ihnen hinterher. »Unwissen schützt euch nicht vor den Gefängnissen der Jarls. Benehmt euch!«

Vicente lächelte möglichst freundlich und nickte zur Bestätigung. Ehe sie sich vollends abwandten, schickte er noch einen Gruß hinterher. Der bärbeißige Nord schien davon nichts wissen zu wollen.

»Meine Menschenkenntnisse rosten anscheinend langsam ein«, murmelte Vicente vor sich hin. »Ohne einen Zauber hätte ich ihn nicht freundlicher stimmen können.«

»Habt Ihr ihn etwa bezaubert?«, wunderte sich Lucien.

»Nein, aber ich hätte es tun können«, erwidere der Vampir. »Meinesgleichen kann auf magische Weise viele Leute dazu bringen das zu tun, was wir wollen. Aber man muss ja nicht immer gleich auf die eigenen besonderen Fähigkeiten zurückgreifen, finde ich.«

Sie hielten sich in Helgen nicht länger als nötig auf. Ihre Vorräte waren noch nicht aufgebraucht und bis Falkenring war es nicht mehr weit. Wahrscheinlich würden sie das Dorf noch vor Mitternacht erreichen.

Ein weiterer Weg führte wieder aus Helgen heraus und schlängelte sich weiter durch die Berge. Die Landschaft wurde mittlerweile wieder grüner und die kargen Felsen wichen. Gelegentlich sprang ein Schneehase vor ihnen davon, doch ansonsten waren sie allein mit sich und der Natur um sie herum.

»Die Nord reisen sehr wenig«, sagte Vicente. »Die Straßen Himmelsrands sind gefährlich und nur wenige wagen es, sich den Kreaturen dieses Landes zu stellen. Vor allem trifft man jedoch auf den Straßen auf Handelskarawanen der Khajiit. Sie sind oftmals gut genug ausgerüstet, um sich Wölfen, Bären, Banditen und anderen Gefahren dieses Landes zu stellen.«

»Aber die Nord sollen doch ein so kriegerisches Volk sein«, erinnerte sich Lucien. »Sie wissen sich doch sicher auch zu wehren.«

»Tritt jeder Kaiserliche in die Legion ein?«, hielt der Vampir dagegen. »Genauso wenig ist jeder Nord ständig vom Met betrunken oder führt stets eine monströse Streitaxt bei sich. Wenn die Dienste von Soldaten benötigt werden, wenden sich die Bewohner Himmelsrands oft an die Gefährten, eine Organisation ähnlich unserer Kämpfergilde. Sie haben ihren Sitz in Jorrvaskr in Weißlauf. Vielleicht siehst du ihre Methalle eines Tages.«

Die Dunkelheit war noch nicht lange über sie hereingebrochen, als sie vor sich zwischen dem dünnen Baumbestand erste Lichter auftauchen sahen. Falkenring.

Vicente hatte nicht vor, sich auch in diesem Dorf zu zeigen, sondern wollte es nördlich umrunden. Die Zuflucht befand sich, anders als in Cheydinhal, nicht direkt in der Siedlung, sondern lag etwas außerhalb unter einer Böschung nahe der Straße.

»Gut versteckt und doch in einer komfortablen Lage«, kommentierte er. »Angeblich weiß der Jarl nicht einmal davon, sodass diese Zuflucht nicht wie wir zu gewissen Mitten greifen muss, um sich vor unliebsamen Besuchern zu schützen.«

Auch wenn sie sich dafür die Füße nass machen mussten, als sie einen kleinen Bach querten, welcher ein Mühle betrieb, schwenkten sie noch vor dem kleinen Schutzwall von der Straße ab und suchten sich ihren Weg nördlich von Falkenring durch den Wald, welcher hier mittlerweile recht dicht stand. Als Lucien jedoch nahe bei sich einen Grabstein im Dunkeln auftauchen sah, beschienen vom Mondlicht, hielt er inne und sah sich etwas genauer im wenigen Licht der nächtlichen Gestirne um.

»Der Friedhof ist groß«, stellte er leise fest.

»In der Tat«, bestätigte Vicente. »Der Friedhof von Falkenring gelangte bereits zu einer gewissen Berühmtheit, da hier viele gefallene Helden der Nord begraben liegen. Die Geschichten kannst du dir jedoch auch später anhören. Wir haben es jetzt nicht mehr weit. Komm.«

Es waren nur noch wenige Minuten, bis sie ihr Ziel erreichten. Vorsichtig kletterte Vicente, gefolgt von Lucien, einen kleinen Abhang hinab. Sie befanden sich nun in einer recht tiefen Mulde im Waldboden, die teils von einem kleinen Tümpel ausgefüllt war. Unter einem Überhang aus Fels und Erde drang ein rötliches Licht hervor, das Lucien nur allzu gut kannte. Als er näher trat, erkannte er die Schwarze Tür.

»Was ist die Musik des Lebens?«, fragte ihn eine mysteriöse Stimme.

Lucien, da er wusste, was es mit diesen Türen auf sich hatte, wandte sich etwas ratlos an Vicente, welcher bereits an ihn herangetreten war.

»Stille, mein Bruder«, gab dieser die korrekte Antwort.

»Willkommen daheim«, begrüßte sie die Stimme und erlaubte ihnen damit den Eintritt.

»Immer hinein in die gute Stube!«, kommentierte der Vampir fröhlich und trat durch die Tür. Lucien, nun durchaus neugierig, was ihn erwartete, folgte hinterdrein.

Sie traten in einen Gang, wie ein Teil der Zuflucht zu einer alten Ruine der Nord gehörend, wie Vicente bereits auf ihrem Weg hierher erzählt hatte, welcher kurz darauf in einen ersten Raum führte. Ein Tisch mit einer großen Karte darauf stand hier nebst einem morsch wirkenden Regal, und an diesem Tisch stand eine Frau, gekleidet in die Eingehüllte Rüstung der Bruderschaft und mit einer Axt auf ihrem Rücken bewaffnet. Als sie die Neuankömmlinge bemerkte, hob sie den Blick von der Karte und kam ihnen entgehen.

»Willkommen, willkommen!«, begrüßte sie sie. »Wir haben uns wirklich lange nicht mehr gesehen, Valtieri. Und das da an Eurer Seite muss unser jüngster Zuwachs sein, den Drewani uns zuteilte.«

»Überschwänglich wie eh und je, Hilda«, erwiderte Vicente die Begrüßung.

Die Nord schob ihre Kapuze zurück und enthüllte dabei eine blonde Lockenpracht, die durch die Zöpfe und Bänder kaum zu bändigen war. Ihre dunkelblauen Augen funkelten und ließen etwas Wildes, Animalisches durchscheinen, das unter der scheinbar ruhigen Oberfläche zu lauern schien: der einzige Hinweis darauf, dass Lucien sich soeben das erste Mal in seinem Leben einem Werwolf gegenüber sah.

Die Zufluchtsleiterin trat auf ihn zu und beugte sich zu ihm herab, um ihn genauer zu mustern. »Oh, ich sehe schon, ich werde dich zum Fressen gern haben!« Dann lachte sie meckernd und aus vollem Halse über ihren eigenen Witz.

»Und ich sehe, dass Eure Witze ebenfalls keinen Deut besser wurden«, kommentierte Vicente trocken.

»Ach, was habt Ihr nur?«, hielt Hilda dagegen. »Ihr seid ein alter, vertrockneter, humorloser Vampir und versteht das nicht.«

Lucien stockte ob dieser Respektlosigkeit seinem Mentor gegenüber, doch dieser hob nur eine Augenbraue und sagte nichts dazu, obgleich sie beide als Henker vom gleichen Rang waren.

Hilda schien das ganze schon wieder vergessen zu haben, denn sie bedeutete den beiden, ihr zu folgen, und führte sie tiefer hinein in die Zuflucht. Sie gingen einen weiteren Gang entlang, der sie in eine natürlich entstandene Höhle führte. Ein Wasserfall von einem unterirdischen Gewässer stützte hier in ein Becken. Mehrere Durchgänge zweigten von der Höhle ab und schienen zu weiteren Bereichen der Zuflucht zu führen. Im hinteren Bereich der Höhle machte Lucien eine große Felsmauer aus, in welche seltsame Zeichen geritzt waren.

Doch ehe er sich danach erkundigen konnte, stürmte ein kleines Mädchen auf ihn zu.

»Helft mir! Helft mir!«, schrie es. »Ich wurde von den Meuchelmördern gefangen genommen und entführt!« In Panik klammerte sie sich an Lucien, welcher davon völlig überrumpelt war. Etwas stimmte hier nicht …

»Babette, Ihr ward auf jeden Fall schon kreativer, was das Begrüßen neuer Mitglieder anbelangt«, rügte Hilda.

Erst da ging Lucien ein Licht auf. Das Mädchen, das sich zwar immer noch an ihn klammerte, nun aber vor sich hin kicherte, war also Babette, der Vampir, den wiederzusehen Vicente sich so sehr gefreut hatte. Er hätte nicht damit gerechnet, dass Babette noch so jung war. Nun, jung war wohl nicht das richtige Wort, sein Lehrer hatte erwähnt, dass sie bereits einige Jahrzehnte alt war. Doch sie musste gebissen worden sein, als sie ungefähr zehn Jahre alt gewesen war, schätzte der Junge.

Babette löste sich nun doch von ihm und trat vor die Neuankömmlinge. »Du musst Lucien sein«, stellte sie fest. »Schön, dich kennen zu lernen! Ich bin Babette. Aber lass dich nicht von meiner Erscheinung täuschen. Ich bin sehr bissig, siehst du?« Sie bleckte ihr Vampirgebiss und schnappte spielerisch nach dem Jungen.

»Den Spieltrieb habt Ihr aber dennoch nicht abgelegt«, kommentierte Vicente mit einem Grinsen auf dem Gesicht.

»Und Ihr seid wirklich ein vertrockneter alter Vampir!«, konterte Babette. »Das gehört alles zu meiner Rolle, wisst Ihr? ›Oh, guter Mann, bitte helft mir, ich habe meine Puppe dort hinten in der Gasse verloren!‹ Versteht ihr? Und dann überfalle ich sie!« Sie kicherte boshaft in sich hinein.

Lucien nahm sich felsenfest vor, sich nicht von Babettes kindlichem Äußeren täuschen zu lassen. Sie schien ein verschlagenes Biest zu sein, das es faustdick hinter den Ohren hatte.

»Vicente, Ihr kennt Euch hier ein wenig aus«, sagte Hilda und überging Babettes Auftritt damit weitestgehend. »Fühlt Euch hier wie zu Hause. Ich werde derweil den Jungen herumführen und den anderen Familienmitgliedern vorstellen. Babette hat sich ja bereits von ihrer besten Seite gezeigt.«

»Was hat es mit dieser seltsamen Wand dort hinten auf sich?«, fragte Lucien rasch, ehe sich vielleicht keine Gelegenheit mehr dazu bot.

»Die Nord nennen das eine Wortmauer«, sagte Babette. »Die Drachenpriester aus den Legenden sollen sie errichtet haben. Der Text darauf ist in der Schrift und Sprache der Drachen verfasst, aber keiner kann sie heute mehr lesen. Angeblich birgt der Text große Macht. Aufregend, oder?«

Das Vampirmädchen verstand es wirklich meisterlich, das unschuldige, unbedarfte Mädchen zu geben.

»Komm, Junge«, erinnerte Hilda ihn. »Babette kann dir später noch Ammenmärchen erzählen. Davon kennt sie eine Menge.«

Sie ging voran und Lucien sah zu, dass er sich beeilte ihr zu folgen. Sie gingen in einen weiteren Raum, wahrscheinlich ein Aufenthalts- und Essensraum, da sich hier eine Kochstelle sowie ein langer Tisch mit mehreren Stühlen daran befand. Ein Rothwardone stand gerade vor der Feuerstelle und schien einem jungen Khajiit etwas über das Kochen zu erzählen. Als die Zufluchtsleiterin mit dem jungen Mörder eintrat, hoben sie jedoch die Köpfe und wandten sich ihnen zu.

»Das sind Malik, unser selbsternannter Koch, und sein Kochgehilfe M'raaj-Dar«, sagte sie. »Malik, M'raaj-Dar, das ist Lucien, unser neuer Mörder in Ausbildung.«

Der Khajiit schien nicht besonders glücklich über seine Bezeichnung. Malik hingegen begrüßte Lucien mit einem strahlenden Lächeln. Seine Zähne blitzten in dem dunklen Gesicht besonders deutlich auf.

»Eigentlich ist M'raaj-Dar ein Mörder wie du, wenn auch schon etwas erfahrener, wie man hört«, sagte der Rothwardone zu Lucien. »Er ist noch nicht so lange bei uns, ich glaube, Vicente wusste auch noch nicht über unseren Zuwachs Bescheid.«

»Die Gebote verbieten mir, dich zu töten«, stellte der Khajiit sogleich dar. »Aber sie zwingen mich nicht, dich zu mögen.«

»Sehr freundlich«, kommentierte Lucien ungehalten. »Bist du zu allen so?«

»Sehe ich so aus, als wollte ich Freundschaft mit dir schließen und Ringelreigen mit dir tanzen?«, knurrte die Katze.

»Es ist gut, M'raaj-Dar«, erinnerte Hilda ihn. »Wir wissen alle, dass du niemanden leiden kannst. Und wenn ich böse bin, könnte ich dir dein provokatives Verhalten irgendwann einmal als Verstoß gegen die Gebote auslegen. Sei nett zu Lucien, das ist ein Befehl.«

M'raaj-Dar knurrte und bauschte den Schwanz auf, fügte sich aber.

»Lass uns kochen«, lenkte Malik ihn ab. »Wir wollen schließlich unser Apfelmus nicht anbrennen lassen. Erwähnte ich, dass ich Kartoffelpuffer mit Apfelmus liebe?«

»Ja!«, knurrte M'raaj-Dar ungehalten, doch da entfernten sich Hilda und Lucien bereits wieder. Der Junge beschloss, den anderen Mörder weitestgehend zu meiden. Er wollte nicht schon wieder Streit anfangen.

Die beiden letzten Mitglieder der Zuflucht in Falkenring fanden sie in den Wohnquartieren, an einem Tisch sitzend und Schach spielend.

»So ein Schwachsinn!«, brauste soeben ein wahrer Bär von Mann auf. Er trug nicht einmal mehr die sonst übliche Eingehüllte Rüstung sondern mehrere zu einer Rüstung aufgebesserte Felle. Eine wahrlich gigantische Streitaxt ragte über seiner Schulter auf.

Ihm gegenüber saß ein weiterer Nord, immer noch kräftig, doch im Vergleich zu seinem Gegenüber wirkte er zierlich und klein. Er trug zwei Schwerter an der Seite.

»So schwer ist das nicht, Valdimar, glaub mir«, sagte er.

Der Bär schnaubte. »Du tänzelst mit deinen Schwertern umher und faselst immer etwas von Taktik und klugem Vorgehen«, brummte er. »Ich gehe hin, schlag mit meiner Axt ein paar Schädel ein und verschwinde wieder. So einfach ist das. Das ist ein Spiel für imperiale Weicheier, nicht für Nord!«

Hilda seufzte, als sie zu der Szene hinzustießen. »Streitet ihr euch immer noch wegen diesem dummen Spiel?«, fragte sie.

»Valdimar will nicht verstehen, welch klugsinniger Geist hinter diesem Spiel steht«, sagte der Nord, von dem Lucien annahm, dass es sich um Hjortkar handelte, das letzte Mitglied der Zuflucht, das er noch nicht beim Namen kannte.

»Dann lasst es doch einfach, Hjortkar«, erinnerte Hilda ihn und bestätigte damit Luciens Vermutung. »Valdimar ist ein Holzkopf, der für die grobe Arbeit zuständig ist. Er wird das Spiel nie verstehen.«

»Und das gegenüber einem ehemaligen Offizier der Kaiserlichen Legion!«

Das wiederum erstaunte Lucien. »Ihr wart bei der Legion?«, platzte er heraus.

Der dunkelhaarige Nord nickte stolz. »Siehst du? Das Schwert habe ich noch.« Er präsentierte eine seiner beiden Waffen. »Brachte es weit, aber das Töten machte viel zu viel Spaß. Eines Tages besuchte mit die Sprecherin Drewani und offenbarte mir eine Möglichkeit, die mir deutlich mehr zusagte. Und so bin ich hier gelandet, ist erst wenige Jahre her, daher bin ich noch nicht so weit gekommen im Rang.«

»Was ist das denn für ein Hänfling?«, brummte Valdimar geradeheraus. »An dem ist doch nichts dran, den breche ich wie ein Streichholz in der Mitte durch.«

»Es muss ja auch nicht jeder so ein Grobian wie Ihr sein, Valdimar.« Hilda stemmte die Hände in die Hüften und baute sich vor dem riesigen Nord auf. Es sah grotesk aus, da sie neben ihm wie eine Puppe wirkte. »Das ist Lucien Lachance, unser Neuzugang. Drewani will, dass wir ihn weiter ausbilden, bis sie andere Pläne mit ihm hat. So lange gehört er zu uns und ist Teil unserer Familie. Verstanden? Weitermachen!«

»Ich werde das Gefühl nicht los, dass auch Ihr etwas gegen Schach habt, verehrteste Hilda«, kommentierte Hjortkar.

Hilda warf einen skeptischen Blick auf das Brett. »Kommt nicht auf die Idee, es mir auch beibringen zu wollen«, sagte sie. »Wir sind Assassinen der Dunklen Bruderschaft, keine Soldaten.«

»Aber es schadet nicht, wie ein Soldat denken zu können«, erinnerte der einstige Offizier sie.

»Ich werde darauf zurückkommen.« Der Ton der Zufluchtsleiterin machte deutlich, dass sie nichts dergleichen vorhatte. Stattdessen wandte sie sich wieder an Lucien. »Los, komm, du halbe Portion. Ich will sehen, was an dir dran ist, jetzt, wo du deine neue Familie kennst.«

Halbe Portion, Hänfling, Stift. Innerlich seufzend fragte sich Lucien, ob er jemals die Spitznamen loswerden würde.

Hinter ihnen lachte Valdimar wiehernd los. »Halbe Portion, der war gut!«

Hilda winkte seufzend ab. »Idiot«, brummte sie.

Als sie außer Hörweite waren, fragte Lucien: »Ist Valdimar wirklich so dumm oder tut er nur so?« Er wusste, dass dies ihm als große Respektlosigkeit ausgelegt werden konnte, aber irgendwie spürte er, dass er es sich dem Bär gegenüber leisten konnte.

»Nein, er ist wirklich so dumm«, sagte Hilda, während sie ihn wieder zurück in die Haupthöhle führte. »Hat als Kind zu viel Met gesoffen und wahrscheinlich auch ein, zweimal die Axt seines Vaters auf den Schädel bekommen. Ist grobe Arbeit zu leisten, ist er jedoch der Mann dafür. Du kannst dir denken, warum. Er ist dumm, aber nett. Jedenfalls seiner Familie gegenüber. Zwar tut er immer so grob, aber er würde es niemals, nicht einmal im Traum, wagen, jemanden von uns zu grob anzufassen.«

Mittlerweile waren sie im Hauptraum angekommen. Hilda nahm Stellung ein, als wollte sie sich auf einen Kampf vorbereiten und wahrscheinlich hatte sie genau das vor.

»Drewani gab mir zwar einen Bericht über dich, aber Taten sagen mehr als Worte«, meinte sie. »Ich will sehen, was du bereits kannst. Dann sehen wir weiter. Zieh deinen Dolch.«

Etwas überrumpelt, aber dennoch mehr oder weniger bereit kam Lucien dem nach. Die Nord ließ ihm keine Zeit mehr, sich auf einen Angriff vorzubereiten. Mehr schlecht als recht wehrte er den Schlag mit ihrer Axt ab; immerhin griff sie mit einer kleineren Handaxt an ihrem Gürtel an und nicht mit der großen Streitaxt. Gegen diese würde er nicht bestehen können, das wusste Lucien.

Dennoch traf ihn der Schlag hart. Sein Arm erzitterte, und er befürchtete, dass sein Dolch brechen würde. Rasch wechselte er seine Taktik und lenkte den Schlag ab, statt ihn bis zum Ende zu blocken. Hilda ließ sogleich von ihm ab, um zum nächsten Schlag anzusetzen. Doch dieses Mal wich der Junge gänzlich aus, statt sich des Angriffes zu erwehren. Sich duckend gelangte er hinter die Nord und griff nun seinerseits an.

Irgendwie schaffte sie es jedoch, mit einer geschickten Drehung ihres Handgelenks (wie hatte sie das nur gemacht?!) seinen Schlag abzuwehren. Noch in der Bewegung nahm sie Kraft daraus und setzte sie gegen seinen Dolch ein. Nicht mit dieser eigenwilligen Taktik rechnend, verlor er die Kontrolle über den Dolch, und er flog ihm aus der Hand. Nahe des Wasserbeckens blieb er liegen, und Lucien spürte die kalte Klinge der Axt an seinem Hals.

»Tot. Aber nicht übel«, sagte Hilda. »Du bist natürlich kein Gegner für mich, aber für einen Mörder in Ausbildung bist du wirklich nicht schlecht. Ich nehme an, dass du auch den Bogen beherrschst, sowie grundlegende Magie und Alchemie.«

Lucien nickte. »Aber ich mag Alchemie und Klingenwaffen am meisten«, fügte er noch an.

»Ganz der Assassine.« Hilda nickte. »Ich denke, dass aus dir etwas werden könnte, das Potenzial hast du. Aber erst einmal will ich, dass du mit mir kommst und einen kleinen Privatplausch mit mir hältst. Dein Aufenthalt hier ist zu regeln.«

Lucien tat, wie ihm befohlen worden war, und folgte der Nord in deren privates Zimmer. Ein erstaunlich großes und luxuriöses Bett stand hier, und auch sonst hatte sie sich recht komfortabel eingerichtet. Der Junge bemühte sich, nicht allzu sehr zu starren und rief sich ins Gedächtnis, dass die Bruderschaft einflussreich und wohlhabend war und sich Luxus daher sehr wohl leisten konnte.

Hilda setzte sich an einen Tisch und hieß Lucien, dasselbe zu tun. Er kam dem rasch nach und wartete aufmerksam, was sie von ihm wollen mochte.

»Mir ist egal, was du angerichtet hast, dass dich Drewani hierher strafversetzte«, sagte sie. »Und sind wir ehrlich: Es ist eine Strafversetzung. Wir sind ein ziemlich bunter Haufen nicht unbedingt fähiger Mörder; denken wir nur an Valdimar, und M'raaj-Dar macht auch nicht sonderlich viel her. Skyrim selbst ist auch nicht gerade das gastlichste Land. Du hast bis auf die Jerall-Berge wahrscheinlich noch nicht viel vom Land gesehen, jedoch sicher schon einiges gehört. Dann weißt du, dass Himmelsrand nicht sonderlich freundlich zu allen ist, die keine Nord sind. Und das bist du nun wirklich nicht. Du bist in der Gosse der Kaiserstadt groß geworden. Sicher hart, doch nichts im Vergleich zur Wildheit dieses Landes. Auch wenn gerade in dieser Wildheit seine Schönheit liegt.« Das letzte sagte sie in einem leicht verträumten Ton.

Dann fing sie sich rasch wieder. »Lassen wir das«, fuhr sie fort. »Du wirst hier wie gewohnt deine Ausbildung fortsetzen. Wir haben nicht so gute Möglichkeiten wie in Cheydinhal, aber Malik gibt sein bestes. Er wird dich weiter mit dem Bogen und Klingenwaffen unterrichten (sowie wahrscheinlich dem Kochen), Babette in Alchemie. Mit Magie können wir leider nicht dienen, aber da auch der Khajiit eine Affinität dazu zeigt, bin ich momentan bemüht, eine Lösung dafür zu finden; ich sorge immerhin für meine Familienmitglieder. Bis ich damit weiter gekommen bin, solltest du besser auf eigene Faust üben. Wenn du irgendwelche Daedra beschwören willst oder dich in jeglicher Form der Zerstörungsmagie erprobst, geh bitte vor die Tür und übe draußen.

Ansonsten verlasse die Zuflucht am besten nur dann, wenn es sicher ist, sprich nachts oder in Verkleidung, aber das wirst du sicher auch von Cheydinhal kennen. Es sei dir auch angeraten, dich allein nicht allzu weit zu entfernen, Wölfe und Bären sind noch eines der geringeren Übel. Spriggans sind hier auch eine ziemliche Plage, von Frostbisspinnen gar nicht zu reden, zumal man selten das Glück hat, an eine kleine zu geraten. Jedenfalls geht es mir so, vielleicht hast du ja mehr Glück. Ich an deiner Stelle würde es aber nicht austesten.«

»Ändert sich ansonsten irgendetwas für mich außer, dass ich nun andere Lehrer habe?«, fragte Lucien.

»Malik wird morgen schauen, wie gut du wirklich bist, und ich denke, dass auch Babette mit dir reden will«, sagte Hilda. »Anhand dessen beurteilen wir, wozu du taugst und was wir mit dir anfangen können. Erst dann kann ich dir sagen, ob du weiterhin unsere Familienmitglieder auf Aufträge begleiten darfst oder nicht.

Und wenn ich dir einige Ratschläge geben darf: Reize den Khajiit nicht und unterschätze erst recht nicht Babette! Aber auf beides wirst du sicher bereits selbst gekommen sein. Babette ist fast so lang bei uns, wie sie ein Vampir ist. Sie ist verteufelt schlau, wenn es darum geht, ihre Rolle auszuspielen und zu verfeinern. Und M'raaj-Dar … Nun, du hast ihn erlebt. Ignoriere sein Verhalten am besten, dann nimmst du ihm den Wind aus den Segeln. Er hat einen Hang zu Beleidigungen, aber ich denke nicht, dass er sie wirklich oft auch so meint, wie er sie sagt.

Nun, mir ist es jedenfalls so lange gleich, wie kein Streit angefangen wird. Ich mag eine Frau sein, aber ich kann hart durchgreifen, wenn es sein muss!«

»Ihr seid die Leiterin der Zuflucht«, stellte er klar. »Damit seid Ihr hier die beste.«

Das schien ihr zu gefallen, denn sie plusterte sich ein wenig auf. »Exakt so, mein Junge!« Dann kam sie jedoch rasch wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. »Wie wahrscheinlich auch in Cheydinhal wirst du dein eigenes Bett und eine Truhe für deine persönlichen Gegenstände erhalten. Was nicht viele sind, wie ich sehe. Aber sei's drum. Wir haben ansonsten auch noch einige Garnituren in verschiedenen Größen und für die verschiedenen Witterungslagen des Landes. So lange du sie immer nach Gebrauch zurücklegst, kannst du dir jederzeit davon nehmen. Und wenn du sie gewaschen hast, versteht sich. Ich putze ganz bestimmt nicht euch allen hinterher! Schlimm genug, dass Valdimar nicht versteht, wozu ein Besen gut ist …«

Anscheinend war dies alles für's Erste. Hilda entließ ihn, sodass er sich nun auf eigene Faust in der Zuflucht umsehen konnte. Grob war ihm zwar bereits alles gezeigt worden, aber er wollte sich nun die Zeit nehmen, um sich etwas in Ruhe umzusehen und sich mit seinem neuen Heim vertraut zu machen. So wirklich warm war er damit noch nicht geworden, zumal ihn die Anwesenheit der Nord irgendwie nervös machte. Und erst Hilda! Sie gab sich wie ein Mensch und doch war etwas in ihrem Gebaren, das stets an den Wolf in ihr erinnerte. Sie hatte Recht, wenn sie andeutete, dass sie nicht umsonst Leiterin dieser Zuflucht geworden war, und das konnte nur bedeuten, dass sie eine besonders gefährliche Assassine war. Axt und Wolf, das war wahrlich eine kampfstarke Mischung, der man sich nicht in den Weg stellen wollte. Sie verstand die Dinge anzupacken und durchzusetzen, auch gegen eine Gruppe sturer Nordmänner. Und dabei schwang sie ganz gewiss nicht das Nudelholz.

Eine Weile wanderte Lucien durch die Zuflucht und blieb schließlich im Gemeinschafstraum hängen. Dieser befand sich etwas oberhalb des Wasserbeckens. Ein großes rundes Glasfenster war hier eingebracht und zeigte nach draußen in die Haupthöhle. Das Fenster selbst war mit Buntglas angefüllt und zeigte das Gesicht ihres Fürchterlichen Vaters Sithis. Ob ihm hier gelegentlich gehuldigt wurde? Mehrere Bänke und ein Rednerpult standen hier, welche diese Vermutung zuließen. Das wäre Lucien jedoch neu, da er solch eine Art der Verehrung Sithis' nicht aus Cheydinhal kannte. Dort hatte es immer nur geheißen, dass sie zu Ehren Sithis' mordeten.

Er bemerkte Vicente erst, als dieser neben ihn getreten war. Lautlos hatte sich der Vampir genähert.

»Diese Zuflucht ist alt, eine der ältesten, heißt es«, sagte er.

Lucien zuckte erschrocken zusammen, doch Vicente schien sich daran nicht zu stören.

»Angeblich waren hier früher Blutopfer dargebracht worden, aber diese Praxis ist nicht mehr gängig«, fuhr er fort. »Wobei ich mir schon manchmal einen Folterkeller wünsche. Manche Zufluchten haben das. Was für ein Spaß das wäre!«

»Einfach so irgendwelche Leute foltern?«, fragte Lucien nach.

»Natürlich«, versicherte sein Mentor ihm. »Es macht sogar sehr viel Spaß, einfach so, aus reinem Vergnügen heraus Leuten Schmerzen zuzufügen. Ohnehin sollte man gelegentlich, wenn gerade die Aufträge etwas knapp sind, einfach so auf die Straßen Tamriels gehen und den erstbesten Wanderer töten. Übung macht den Meister. Merk dir diese Worte, Stift.«

Der Junge nickte. Er war unter Mördern, natürlich mordeten sie auch rein zum Vergnügen und nicht nur, um Sithis zu huldigen. Warum hatte er also erst bei Vicentes Worten gestutzt? Dieser war zudem ein Vampir, und Vampire waren dazu geschaffen zu töten, sie waren die geborenen Jäger, ausgestattet mit übermenschlicher Intelligenz Stärke und Geschicklichkeit.

»Auch die kleinen Dinge im Leben helfen«, betonte Vicente noch einmal. »Wenn du dich in Skyrim eingelebt hast, solltest du wirklich öfters auf die Straßen gehen und den erstbesten Wanderer abstechen, der dir begegnet.«

Das brachte den angehenden Mördern jedoch auf einen anderen Gedanken. »Ihr geht bald wieder, oder?«

»Ja, morgen Abend«, sagte Valtieri. Weil er anscheinend spürte, wie geknickt der Junge war, fügte er noch an: »Und soll ich dir ein kleines Geheimnis anvertrauen, Stift? Ich werde dich vermissen. Stell keine Dummheiten an und mache der Bruderschaft Ehre. Wir sehen uns bestimmt in ein paar Jahren wieder, und du wirst feststellen, dass das keine allzu lange Zeit ist. Für dich nicht, und für einen Vampir erst recht nicht. Du wirst hier neue Freunde finden und ein komplett neues Land kennenlernen! Findest du das nicht aufregend? Überhaupt finde ich, dass du noch viel zu wenig in der Welt herumgekommen bist. Es gibt so viel zu entdecken dort draußen, so viele Abenteuer, die auf dich warten, und unheimlich viele Schätze, die gefunden werden wollen. Sei auch einmal ein ganz normaler, kleiner Junge und nicht immer nur ein Mörder der Dunklen Bruderschaft.«

Die letzten Worte erstaunten Lucien in der Tat sehr. Bis jetzt hatte noch nie jemand ihn mit so etwas konfrontiert. Immer waren alle darauf bedacht, seine Ausbildung bestmöglich voranzutreiben. Dennoch lächelte er dankbar. Mit einem Male fühlte er sich sehr mit Vicente verbunden.

»Das mache ich. Versprochen«, sagte er.

»Dann bin ich beruhigt.« Valtieri lächelte und fuhr mit der Hand durch das dunkle Haar des Jungen, um es ein wenig in Unordnung zu bringen. »Und wenn wir uns wieder sehen, bist du groß und stark geworden.«

»Ihr nennt mich dann bestimmt immer noch Stift!«, brauste der Junge auf, wenn auch nur gespielt.

»Natürlich! Daran wird sich auch nie mehr etwas ändern, weil du einfach ein Stift bist«, stellte sein Gegenüber klar. »So etwas bleibt haften.

Aber nun genug Geschwätz. Es ist spät und dir steht morgen viel bevor. Ab ins Bett!«

»Ich bin groß, ich muss nicht wie ein Baby ins Bett geschickt werden!«, protestierte Lucien. Klischeehafterweise musste er jedoch ein Gähnen unterdrücken.

Dennoch hatte Vicente Recht. Er sollte schlafen gehen und seine Kräfte für die kommenden Tage sammeln.

Eines der Betten in den Wohnbereichen war frisch aufgezogen. Wahrscheinlich war dies für ihn bestimmt. Sicherheitshalber fragte er zwar noch einmal Hjortkar (und stellte für sich im Stillen fest, dass der Mann mit der feuerroten Mähne einen furchtbaren Namen hatte), doch dieser bestätigte ihn. Lucien entkleidete sich, schlüpfte unter das Baumwolllaken und war trotz des ereignisreichen Tages recht bald eingeschlafen.

Nun hatte er erneut ein neues Zuhause.