Kapitel 6: Won-Won, Boy Wonder

„Wo warst du so lange? Die Stunde ist schon zur Hälfte um… oder so", flüsterte Ron Hermine zu, als sich diese auf ihren Platz setzte.

„Ach, McGonagall hat so lange geredet…na ja… hab ich irgendwas verpasst?"
Ron schüttelte den Kopf, doch irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er ihr, wenn sie etwas gemacht hätten, eh nicht sagen könnte, wie es funktionierte.

„Was wollte McGonagall denn überhaupt?", mischte sich nun auch Harry von der anderen Seite ein.

„Ähm…nun ja…", das freundliche Lächeln auf Hermines Gesicht erstarb, „Ich… soll Nachhilfe bei Snape nehmen…" Es war ein elendes Gefühl ‚Nachhilfe' sagen zu müssen – sie hätte nie geglaubt, so etwas Mal nötig zu haben…

„WAAAS?! Duu?!"

„Pssscht, nicht so laut… wir sind doch noch im Unterricht…"

Tatsächlich blickte Flitwick mit mahnendem Blick von seinem Bücherstapel auf die drei hinab, sodass Harry und Ron gezwungen waren, Hermine in leiserem Ton zu durchlöchern:

„Wieso denn ausgerechnet du?"

„Genau – wir sind doch alle absolut ‚troll' wenn's nach Snape geht."
„Weil ich – angeblich – noch miserabler bin als sonst… und weil das sich negativ auf meine gesamte Leistung auswirkt, hat McGonagall ihn dazu gezwungen mir Nachhilfe zu geben…"

„Mein Beileid?"

„Und wann wirst du zum ersten Mal gefoltert?"

Hermine verkniff sich, dass das sehr zweideutig klang, und antwortete mit nur einem Wort: „Montag."
„War schön, dich gekannt zu haben – ich werde die letzten …Moment… vier Tage mit dir genießen."

„Weißt du denn schon wann genau?"

„Hmm…wie?"

„Na, wie spät."

„Öhm…nein…keine Ahnung." Das war eine Tatsache die Hermine nun erst bewusst wurde – und das bedeutete leider auch, dass sie entweder völlig unangemeldet bei ihm reinplatzen musste oder sich noch mal einem Gespräch mit ihm aussetzen musste… verdammt – warum hatte sie nicht daran gedacht, ihn zu fragen?!

„Du kannst einem nur Leid tun", sagte Ron kopfschüttelnd, bevor alle drei sich wieder Flitwick zuwandten, der mit derselben quietschenden Stimme wie immer ersuchte, Wissen in sie hineinzubringen.

Am Abend saßen die drei in einer Ecke im Gryffindorgemeinschaftsraum immer noch dicht über die Hausaufgaben der einzelnen Fächer gebeugt, als die meisten Gryffindors schon auf den Weg zu ihren Betten waren. Das Feuer im Kamin prasselte munter vor sich hin und erfüllte den Raum mit Wärme und Licht.

„Hermine…", säuselte Ron, sodass man schon am Tonfall erkennen konnte, dass er irgendeinen kleinen Gefallen von ihr wünschte, „magst du dir nicht eventuell meinen Zaubertränkeaufsatz ansehen und korrigieren? …oh, entschuldige, ich hab ganz vergessen, dass du ja Nachhilfe kriegst." Hermine strafte sein Lachen mit einem scharfen Blick, nicht unähnlich dem, mit dem Snape die Schüler ruhig hielt.

„Ich glaube es ist noch zu früh, sich darüber lustig zu machen, Ron", sagte Harry, was Hermine mit einem deutlichen Nicken bestätigte.

„Aber apropos früh…", gähnte Harry, „Ich muss morgen früh raus… Quidditch-Spiel, wisst ihr ja… also… ich sollte jetzt besser ab ins Bett…" Er räumte schnell seine Sachen zusammen, stopfte sie in seine Schultasche, streckte sich kurz und verließ den Gemeinschaftsraum mit einem letzten „Gute Nacht" in Richtung Jungenschlafsäle.

„Dann…sind wir jetzt wohl alleine, was?", lächelte Ron, „Oder willst du auch ins Bett?" Hermine schüttelte nur den Kopf.

„Du bist doch nicht sauer, weil ich mich über deine Nachhilfestunden lustig gemacht habe, oder?", fragte er besorgt.
„Ach, Unsinn… ich kenn dich ja…", antwortete sie abwesend, als sie ihre Überlegungen in Kräuterkunde niederschrieb.

„Hmm… jaah, ich… kann schon ein richtiger Idiot sein, oder?" Er grinste und kratzte sich verlegen am Kopf.

„Ja", erwiderte Hermine, immer noch ohne aufzublicken.

„Hey!"
„Was? Du hast doch gefragt."

„Jedenfalls…was ich eigentlich sagen wollte…", er blickte zur Seite weg und ein Hauch Rosa legte sich über seine Wangen, „Ich…ich find es immer…richtig mies wenn wir uns streiten… und… dann fühle ich mich richtig elend…"

Hermine presste die Lippen zusammen - was sollte das? Warum fing er jetzt damit an? Doch nicht nur, weil er sich eben über sie lustig gemacht hatte?

„Immer, wenn wir mal nicht miteinander reden und sauer aufeinander sind… dann merke ich erst, wie wichtig du mir eigentlich bist…"

Das ging jetzt doch etwas zu weit – denn Rons Worte formten sich immer mehr zu einem Geständnis. Und das letzte was Hermine momentan brauchte, war ein Freund, der nicht mehr ihr Freund sein konnte, weil er Gefühle – Gefühle weit über Freundschaft hinaus – für sie entwickelte.
Sowieso hatte Hermine in letzter Zeit das Gefühl gehabt, dass Ron sie etwas anders ansah. Nicht freundschaftlich, sondern… anders. Als würde er sie beobachten. Mit verliebten, gierigen Blicken verschlingen… es war ein unheimlicher Gedanke, und deshalb hatte sie ihn mehr oder weniger verdrängt und sich eingeredet, es wäre nur Einbildung gewesen, doch nun…

„Ron?", fragte sie an, „Ist wirklich alles okay mit dir?"

„Ja – ja, wieso?"

„Ähm…weil…es nur so ungewohnt ist, solche Sachen von dir zu hören..."

„Oh…a-ach so…", erneut kratzte er sich verlegen am Kopf und seine Ohren nahmen den tiefroten Farbton seiner Haare an.

Um weitere Geständnisse abzuwenden, sagte Hermine mit einem Lächeln: „Ron, du bist eine der wichtigsten Personen in meinem Leben. Du und Harry, ihr seid beide wie Brüder für mich."

Brüder, Geschwister, das war gut, das war sehr gut… denn das bedeutete keine Liebe, keine romantischen Gefühle.

Ron sah sie kurz verdutzt an, bevor er sich wieder fing: „Ja…ja, du bist auch wie eine Schwester, Hermi."

Hermine streckte sich ausgiebig und gähnte herzhaft. Mit einem flüchtigen Blick auf die Uhr sagte sie: „Mein Gott, wie spät es schon ist… ich sollte wohl auch gleich ins Bett gehen… müde…" Ron nickte nur stumm.

Sie war grade dabei, ihre Pergamente und Federkiele in die Tasche zu räumen, als Ron ihre Hände in einem freien Moment ergriff.

Er sah tief in ihre braunen Augen, als versinke er gerade darin. „Hermine, ich… ich möchte, dass du weißt, dass ich alles für dich tun würde… wenn jemand dir Leid zufügen würde… oder dich irgendwie verletzt…"

Hermine sah ihn gespannt an. Das war ja irgendwie rührend, aber…

„Oder wenn Snape dich irgendwie…"
„Snape? Wieso Snape?!", unterbrach sie ihn.

„Nun ja…seitdem du allein mit ihm gesprochen hast, warst du so… depressiv…da dachte ich… dass…"

Hermine riss ihre Hände weg und fauchte zornig: „Wieso denkt hier nur jeder, dass es seine Schuld ist? Wenn jemand Schuld ist, dann ich selbst! Er hat überhaupt nichts damit zu tun!" Wütend stopfte sie ihren restlichen Kram in ihre Schultasche. „Schön, dass du dir Sorgen machst, aber ich kann auf mich selbst aufpassen. Gute Nacht." Dann rauschte sie eiligst davon, hoch in den Mädchenschlafsaal.

Ron wurde mit hängendem Kopf zurückgelassen.

Lange noch lag Hermine wach auf ihrem Bett – sie dache über Rons Gefühle nach und ihren Wutausbruch und über die kommende Nachhilfestunde… als sie schließlich doch einschlief, hatte sie wieder einen dieser Snape-Träume, diesmal jedoch mit einer kleinen Abänderung.

Snape umklammerte ihre Handgelenke und drückte sie an die Wand, während er mit der Zunge in ihren Mund eindrang – was Hermine äußerst angenehm fand. Sie waren scheinbar in einem der Kerker, denn von der Decke tropfte es und sowohl Boden als auch Wände bestanden aus dickem, grauem, kaltem Gestein. Snape und Hermine befanden sich mitten im Rausch, als plötzlich die Kerkertür aufging und ein Rotschopf den Raum betrat.
„Entschuldigung, ich habe mein Bu---"

Dann stoppte Ron, er hatte den Blick starr und geschockt auf Snape und Hermine gerichtet. Er sah hilflos und verlassen aus, richtig verstört. Dann begann er laut zu schreien – wie sie es nur wagen könnte, warum ausgerechnet mit Snape und wie zur Hölle sie nur so mit seinen Gefühlen spielen konnte. Seine Worte taten weh und sein Anblick war nicht weniger schmerzhaft.

Doch noch schmerzhafter war, wie Hermine Ron in ihrem Traum behandelte;

Sie sah ihn abwertend an und zertrat sein Herz mit ihrer Gleichgültigkeit. „Kannst du nicht einfach wieder gehen? Wie du siehst, sind wir beschäftigt", hörte sie sich selbst sagen. Snape hauchte ihr etwas ins Ohr, woraufhin sie sich von Ron abwendeten und…

Hermine wachte schweißgebadet auf. „Oh Gott… oh Gott…", murmelte sie, „Das… oh Gott, was für ein schrecklicher Traum…" Sie sah auf den Wecker neben ihrem Bett. Sie konnte noch mindestens vier, fünf Stunden schlafen… sie drehte sich auf die andere Seite, schloss die Augen und versuchte wieder ins Land der Träume zu segeln -in der Hoffnung, dass diesmal ein weniger schrecklicher und widerwärtiger Traum ihren Schlaf füllte.