Disclaimer: Siehe erstes Kapitel
Kapitel 7: Tiny
Es
war kurz vor Zapfenstreich und einmal mehr eilte ich durch die Gänge
von Hogwarts in dem verzweifelten Versuch rechtzeitig zu kommen.
Dieses Mal ging es darum, den Hufflepuff-Keller zu erreichen, bevor
der Hausmeister Filch auf die Idee kam, mir eine Strafarbeit wegen
Herumstreunens nach Zapfenstreich zu verpassen. Denn seit sowohl der
Verteidigungslehrer als auch der Tränkemeister gesteigertes
Interesse an mir gezeigt hatten, war ich vor Strafarbeiten für
offenkundige Regelverletzungen in Form von Nachsitzen bei einem der
beiden Professoren nicht mehr sicher. Meinen aufrichtigsten Dank an
das übermächtige Schicksal hierfür…
Plötzlich nahm ich
durch eines der Fenster, die in Richtung des Verbotenen Waldes lagen,
einen vertrauten Schatten wahr. Konnte es sein…? Sofort waren
Hufflepuff-Keller und Zapfenstreich vergessen. Ich hastete zum großen
Hauptportal und ich glaube, in dem Moment hätte mich auch niemand
aufhalten können. Und selbst wenn es jemand versucht hätte, in dem
Augenblick, wo ich ins Freie getreten war, stieß der Schatten auf
mich herab, packte mich und trug mich mit sich fort.
Sicher von
Krallen gehalten, wandte ich den Kopf nach oben. „Tiny!",
wisperte ich mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen zu der
dunklen Gestalt über mir.
Wenig später landeten wir auf einer
Lichtung im Verbotenen Wald und ich konnte meinen Freund endlich
umarmen. „Oh Tiny, ich hab dich so vermisst!"
Das sanfte
Schnauben, das mir den Rücken wärmte, zeigte mir deutlicher als
alle Worte, dass es ihm genauso gegangen war. Minutenlang standen wir
einfach so da, genossen die Gegenwart des anderen.
„Ein
Schattendrachen. Ich glaub, ich werd' nich' mehr…" Der
ehrfürchtige Ausruf vom Rand der Lichtung ließ uns auseinander
fahren. Ich erkannte Professor Hagrid sofort, auch wenn die Laterne,
die er auf Kopfhöhe hielt, mich für den Augenblick blendete. Aber
andererseits gab es in Hogwarts nur eine Person, die eine Laterne so
hoch halten würde und es noch Kopfhöhe wäre.
„Professor
Hagrid… Bitte… Sie dürfen Tiny nichts tun!", bat ich ihn
inständig, fiel mir doch in diesem Moment ein, wieso mein Freund
mich nicht hatte begleiten dürfen… dass Schattendrachen auf der
Erde ausgestorben waren und alle übrigen Drachen in Reservate
gesperrt wurden. Oder schlimmer, von irgendwelchen
Zaubertrankzutatenjägern getötet und dann stückweise verkauft…
„So 'nem edlen Tier wie diesem da was tun? Miss Sue,
niemals!" Es war offenkundig, dass Professor Hagrid das Fach Pflege
Magischer Geschöpfe nicht nur deswegen lehrte, weil er viel über
die Wesen wusste, sondern weil er sie auch ehrte und achtete, und
Drachen im Besonderen. „Wissen se, Miss Sue, ich wollt auch schon
immer mal so ein Prachtexemplar haben… Einmal hatt' ich auch eins
gehabt, Norbert, 'n norwegischer Stachelbuckel. Hab ihn dann aber
weggeben müssen. Jetzt is er bei Rons Bruder Charlie in Rumänien.
Is vielleicht besser für ihn… da hat er wenigstens andere Drachen
zum spielen. Aber ihrer Miss Sue…" Fragend sah er mich an und so
erzählte ich ihm, wie es gekommen war, dass der riesige
Schattendrache, der friedlich auf der Lichtung lag, mein bester
Freund geworden war.
Ich hatte ja eingangs mal erwähnt, dass
jede Mary Sue in ihrer Kindheit ein Trauma durchleben muss. Nun, Tiny
war meines. Oder besser gesagt war seine Mutter meine verpatzte
Chance eines Traumas.
Alles hatte ganz harmlos begonnen, mit einem
Familienpicknick auf einer Bergwiese. Ich war damals vier oder fünf
Jahre alt. Irgendwann im Laufe des Nachmittags hatte ich dann die
Idee, Blumen zu pflücken, damit meine Mutter Blütenkränze für uns
binden konnte. Natürlich lief ich auf der Suche nach den schönsten
Blumen immer weiter vom ursprünglichen Picknickplatz weg, bis ich
schließlich meine Familie nicht mehr sehen oder hören konnte. Und
natürlich wurde es dann ziemlich bald Nacht, so dass mir der Heimweg
zusätzlich erschwert wurde. Aber weil bei einem Picknick verloren
gehen und von der Nacht überrascht werden selbstverständlich als
Trauma für eine Mary Sue nicht ausreichte, sollte es noch dicker
kommen. Ich sollte nämlich zu nahe an das Nest eines
Schattendrachens und dessen Neugeborenem kommen. Weil es dunkel war,
konnte ich die Tiere natürlich nicht sehen, wohl aber konnte der
Drache mich riechen. Und so bemerkte ich die Gefahr, in der ich mich
befand, erst, als Tinys Mutter mir einen heißen Schwall purpurner
Flammen entgegenschickte. Ich machte sofort auf dem Absatz kehrt und
hastete durch die mir fremde, nächtlich dunkle Landschaft davon,
übersah eine Spalte im Felsen und fiel der Länge nach hin.
Instinktiv wusste ich, dass es sinnvoller war, liegen zu bleiben und
mich nicht aufzurappeln, denn es war unwahrscheinlich, dass der
Schattendrache den ganzen Boden auf der Suche nach mir in Brand
stecken würde. Zumindest die Überlebensinstinkte einer Mary Sue
schien ich in vollem Ausmaß bekommen zu haben. Allerdings hatte ich
keine Ahnung, wie lange ich so liegen bleiben musste. Und so war es
Tiny, der als Babydrache sogar kleiner war als ich, der mich,
neugierig geworden, was der Tumult sollte, auf dem Boden fand und
mich mit seiner warmen Schnauze anstupste. Auch Drachen haben ein
Kindchenschema, weshalb Babydrachen generell süß sind, und
Drachenmütter sprechen auf das Kindchenschema an. Weshalb Tinys
Mutter dann, als sie uns beide da so zusammen sah, es nicht über
sich brachte, mich erneut als Grillgut zu betrachten. Dabei hätte
sie mich rösten müssen, oder es zumindest versuchen, damit ich die
vom Schicksal geplante purpurne, blumenförmige Brandnarbe auf meinem
Rücken davontragen konnte. Stattdessen aber behütete sie mich
genauso wie ihr eigenes Kind die ganze Nacht über, bis meine Eltern
mich am nächsten Morgen aufspürten. Seit dieser Nacht waren Tiny
und ich unzertrennliche Freunde. Auch wenn er inzwischen als
ausgewachsener Jungdrache alles andere als tiny, winzig mehr war.
