Als das MHN und Naomi in dem Quartier allein waren fragte die Halb-Ktarianerin: "Werden Sie Ihnen helfen, Doktor?"
Das Hologramm musterte sie und sagte dann: "Wenn es mir möglich ist, ja. Aber trotzdem ist es nicht richtig, was Captain Alik getan hat."
"Das weiß ich auch, aber seien Sie nachsichtig. Haben Sie sein Gesicht gesehen? Er war wirklich verzweifelt. Ich möchte ihnen gerne helfen, trotz der fragwürdigen Umstände, wie wir dort hineingeraten sind."
Naomi blickte ihn bittend an und dem MHN kam einmal mehr zu Bewußtsein, wie außerordentlich feinfühlig, großzügig und vor allem gutherzig Naomi war. Was konnte er diesen Augen schon abschlagen? Er seufzte leise, setzte sich dann neben sie und blickte sie ernst an.
"Deine Absichten mögen die besten sein, Naomi, aber trotzdem gibt das niemandem das Recht, einfach unschuldige Leute zu überfallen. Woher wissen wir zum Beispiel, ob es Commander Chakotay und Lieutenant Paris gut geht? Wer weiß, ob sie noch am Leben sind. Das hat Captain Alik sozusagen billigend in Kauf genommen, als er uns angriff."
"Aber Sie haben selber gesagt, daß Ihnen wahrscheinlich nichts passiert ist und sie ein wenig Kopfschmerzen haben werden, so wie ich", erinnerte ihn Naomi an seine eigenen Worte, als sie vor einigen Stunden in der Arrestzelle erwacht war.
"Du vertraust ihnen, habe ich Recht?", mutmaßte das MHN.
Das Mädchen nickte.
Der Doktor seufzte noch einmal und sagte dann: "Ich werde tun, was in meiner Macht steht. Und ich werde Ihnen helfen, auch wenn wir vorerst die Voyager nicht rufen dürfen, das wolltest Du doch hören, oder?" Er lächelte leicht.
"Danke, Doktor. Wissen Sie, er tut mir wirklich leid und Captain Janeway ist auch immer bereit zu helfen. Ich bin sicher, sie versteht es."
"Dann hoffen wir nur, daß Dich Dein Gefühl nicht trügt, Naomi."
Ein paar Stunden später betrat Captain Alik das Quartier der beiden und brachte für Naomi höchstpersönlich etwas zu Essen.
"Ich hoffe, es schmeckt auch", sagte er und stellte das Tablett vor ihr ab. "Darf ich mich einen Moment zu Ihnen setzten?", fragte er höflich.
"Bitte, nehmen Sie Platz", bot Naomi ihm sofort einen Sessel an und sagte dann noch, nachdem sie ein wenig probiert hatte: "Vielen Dank, es schmeckt wirklich gut."
"Wann werden wir Ihren Planeten erreichen?", fragte das MHN.
"In 6 Stunden, kann ich Ihnen den Aufenthalt bis dahin noch etwas angenehmer gestalten?"
Der Doktor verkniff sich jeglichen Sarkasmus, da er an Naomis Bitte dachte und sagte nur: "Erzählen Sie bitte etwas über ihr Volk und was genau passiert ist, es würde mir schon helfen, wenn ich einige Informationen hätte. Das erspart mir wertvolle Zeit."
Der Captain rutschte etwas unruhig hin und her, dann begann er: "Unser Planet heißt Valuka. Seit Generationen bewohnen wir nur den Nordkontinent, aber vor ein paar Monaten sind einige zum Südkontinent übergesiedelt, vorrangig, um dort brauchbare Erze, Nahrungsmittel oder andere Dinge zu suchen, die uns nutzen könnten. Es waren vielleicht 30 Leute und nach einigen Wochen, als sie zurückkamen weil das Überleben dort zu schwer wurde und sie auch nichts gefunden hatten, was für uns von Interesse wäre, da wurden die ersten Valuka krank. Unsere Ärzte kümmerten sich Tag um Nacht um die Kranken, aber sie konnten weder die Urasche der Krankheit finden, noch ein Heilmittel. Es ist anzunehmen, daß diese neue Krankheit vom Südkontinent stammt, denn diese 30 Auswanderer erkrankten zuerst daran und steckten viele andere an. Innerhalb von 2 Wochen starben sie unter schrecklichen Qualen und wir konnten absolut nichts tun. Jetzt ist fast ein Viertel der gesamten Bevölkerung infiziert und wenn wir nicht bald etwas dagegen unternehmen können und ein Heilmittel finden, dann wird unser Volk komplett ausgelöscht werden."
Alik schaute auf den Boden und sowohl das MHN als auch Naomi spürten, wie erschüttert er war.
"In der Geschichte der Menschen der Erde ist es belegt, daß von fremden Ländern unbekannte Krankheiten eingeschleppt wurden. Natürlich war das weit vor unserer Zeit. Allerdings wundert es mich doch, daß ein modernes Volk wie Ihres, das die Raumfahrt betreibt und mit verschiedenen fremdartigen Rasse zusammenstieß, eine Krankheit des eigenen Planeten nicht zu heilen vermag?"
Der letzte Satz klang wie eine Frage, sollte aber nicht wie ein Vorwurf klingen. Captain Alik konnte dem MHN nur zustimmen, als er antwortete: "Was glauben Sie, wie unsere Wissenschaftler sich fühlen. Eine äußerst fortgeschrittene Technik, Heilmittel für weit schwerwiegendere Krankheiten und jetzt... scheitern wir an an einer scheinbar simplen Erkältung."
Er rieb sich mit einer Hand über die Augen und das MHN und Naomi sahen sich bedrückt an.
"Wir werden versuchen Ihnen zu helfen", fühlte sich der Doktor bemüßigt Captain Alik Mut zu machen. Dieser blickte beide dankbar an und sagte: "Ich danke Ihnen wirklich. Und es tut mir leid wegen der Umstände."
Bevor das MHN etwas sagen konnte trat Naomi einen Schritt vor und meinte mit einem Lächeln: "Ein vermutlich sehr guter Wesenszug an Menschen ist, daß sie gerne vergeben. Ich für meinen Teil habe das getan."
Captain Alik sah das Mädchen etwas überrascht an, lächelte dann aber zurück.
"Vielen Dank. Wir werden versuchen ihr Schiff zu kontaktieren, aber ich würde Sie bitten ihnen zu sagen, daß sie nur im Orbit bleiben. Erst muß ich der Regierung Bescheid geben und dann ist da noch die Ansteckungsgefahr. Oh, keine Sorge", fügte er hastig hinzu, als er sah, wie das MHN Naomi etwas besorgt anblickte, "wir sind noch nicht infiziert und für den Planeten haben wir vorgesorgt. Wir haben Schutzanzüge und sterile Laboratorien, wobei Sie vermutlich keine Angst haben müssen krank zu werden", sagte er mit einem Blick auf den Doktor.
"Da haben Sie Recht. Wie wäre es, wenn ich jetzt mein Schiff rufen darf?"
Nach einem kleinen Moment nickte der Captain. "Kommen Sie, ich bringe Sie zur Kommunikationsanlange."
"Danke", sagte das Hologramm und folgte ihm. In der Tür drehte er sich noch einmal um und meinte zu Naomi: "Ich bin gleich wieder da, nutz die Zeit ruhig und iß in Ruhe auf."
"Okay", antwortete sie und setzte sich wieder an den Tisch.
Die beiden Männer brauchten nicht weit zu laufen, in einem Nebenraum stand ein Computerterminal.
"Bitte denken Sie dran, daß ihr Schiff erst warten sollte", erinnerte ihn der Captain noch einmal und das MHN nickte. Dann öffnete er einen Kanal.
"Voyager, können Sie mich hören? Hier ist der Doktor." Er wartete eine Weile, doch bekam keine Antwort.
"Versuchen Sie eine Breitband Subraum Frequenz", schlug Captain Alik vor und das MHN tippte auf einige Buttons.
"Doktor an Captain Janeway, können Sie mich hören?" Er hörte ein rauschen und dann die leicht undeutliche Stimme seines Captains.
"Doktor? Wo sind Sie? Geht es Naomi und Ihnen gut?", fragte sie.
"Ja, alles in Ordnung Captain. Haben Sie Lieutenant Paris und Commander Chakotay schon an Bord? Geht es den beiden gut?"
"Wir sind auf dem Weg um beide abzuholen. Es geht ihnen gut. Wo sind Sie, Doktor?"
"Ein Volk names Valuka hat uns...", er überlegte einen Moment was er sagten sollte und blickte den Captain an. Dieser blickte etwas unbehaglich drein, sagte aber nichts.
"... mit Nachdruck gebeten Ihnen zu helfen", formulierte es das MHN. Er konnte sich das Sitrnrunzeln von Captain Janeway schon genau vorstellen und eine Pause trat ein.
"Captain", sprach der Doktor weiter, "ich muß diesen Leuten helfen. Sie haben aus purer Verzweiflung gehandelt und sie brauchen uns. Naomi und mir geht es gut und wir sind keine Gefangenen."
Das MHN blickte Captain Alik an und dieser nickte.
"Wenn Sie uns abholen, dann bleiben Sie bitte vorerst im Orbit, die Ansteckungsgefahr ist zu groß und wie es scheint, gibt es auch gerade einige politische Kontroversen. Es wäre gut, wenn die Voyager möglichst unsichtbar bleiben würde bis auf weiteres."
"Wir werden in voraussichtlich 4 Tagen bei Ihnen eintreffen. Ich vertraue Ihrem Urteil, aber diese Angelegenheit ist noch nicht beendet. Aber es ist gut zu hören, daß Sie beide wohlauf sind. Janeway Ende."
"Danke, Captain", sagte das MHN noch und schloß dann den Kanal.
"Ich werde ihrem Captain Rede und Antwort stehen, Doktor", sagte Captain Alik und fügte noch ein "Danke" hinzu.
Dann gingen beide wieder in das Quartier zurück, wo Naomi bereits fertig gegessen hatte.
Nach ein paar Stunden erreichte das Schiff dann Valuka und Captain Alik brachte für Naomi einen Schutzanzug mit.
"Wäre es nicht besser, wenn sie hier auf dem Schiff bleiben würde?", fragte das MHN.
"Das geht leider nicht, wir müssen wieder los um Rohstoffe zu suchen. Deshalb entdeckten wir Sie überhaupt nur in dem Asteroidenfeld. Keine Sorge, ihr wird nichts passieren."
Naomi zog sich den Schutzanzug über und dann folgten beide dem Captain, der ebenfalls seinen Schutzanzug trug.
Sie materialisierten direkt im Krankenhaus und sowohl Naomi als das MHN waren schockiert. Selbst auf dem Boden lagen mitleiderregende Gestalten, die sich hin und her wanden und von überall hörten sie ein Stöhnen und einen trockenen Husten.
"Grundgütiger", brachte das MHN nur hervor, kniete sich neben den nächsten Kranken hin und scannte ihn.
Naomi schaute sich entsetzt um. Ein kleines Mädchen, das eine kleine Puppe im Arm hatte und teilnahmslos und blaß auf einer Liege lag, erweckte ihre Aufmerksamkeit. Die Kleine hatte den Kopf in ihre Richtung gewandt und schaute sie mehr oder weniger interessiert an. Vorsichtig, um nicht aus Versehen auf einen Kranken zu treten, bahnte sich die Halb-Ktarianerin einen Weg zu ihr durch.
Als sie neben dem Bett stand nahm sie vorsichtig die Hand des Kindes und lächelte sie herzlich an.
"Hallo Kleine, ich bin Naomi."
Das Mädchen schaute sie an und brachte dann so etwas wie ein kleines Lächeln zustande, bevor sie von einem Hustenreiz unterbrochen wurde. Naomi griff schnell nach dem Glas Wasser, das neben ihrem Bett auf einer Ablage stand, hob ihren Kopf ein wenig an und setzte ihr vorsichtig das Glas an die Lippen. Dem Kind gelang es ein paar Schlucke zu trinken und der Hustenreiz ließ nach.
Naomi stellte das Glas wieder weg und zog vorsichtig ihren Arm wieder unter dem Kopf des Mädchens hervor.
"Ich bin Lia, bist Du hier um uns zu helfen?", fragte die Kleine sie.
Naomi nickte. "Das hoffen wir. Siehst Du den Mann dort drüben?" Sie trat einen Schritt beiseite und zeigte auf das MHN, das inzwischen bei anderen Patienten war. Lia nickte.
"Das ist unser Doktor, er hat bisher alle Krankheiten geheilt und ich bin sicher, er kann auch euch helfen."
Lia sah ihm noch einen Moment zu und meinte dann: "Er sieht nett aus." Doch dann weiteten sich ihre Augen und sie wurde etwas aufgeregt als sie meinte: "Aber, er trägt keinen Schutzanzug. Ist er auch krank?"
Naomi lächelte. "Nein, es geht ihm gut. Er braucht keinen, weil er nur ein Hologramm ist."
"Holo-gramm?" versuchte Lia das für sie neue Wort nachzusagen. "Was ist ein Holo-gramm?"
"Nun, ein Hologramm..." Naomi wußte nicht so recht, wie sie das einem Kind erklären sollte, und sie wußte auch nicht mal, wie alt Lia überhaupt war. Daher unterbrach sie ihre Antwort und fragte erst einmal: "Sag mal, wie alt bist Du, Lia?"
"Sieben", kam die prompte Antwort.
"Oh, so alt bist Du schon", meinte Naomi lächelnd. Lia sah sie immer noch erwartungsvoll an.
"Nun, ein Hologramm besteht aus Licht, um es ganz einfach zu sagen. Stell Dir unseren Doktor als große Figur vor, die aus buntem Licht besteht. Und Krankheiten können dem Licht nichts tun, stimmt's?"
Lia überlegte einen Moment und nickte dann.
"Aber wie kann er jemanden anfassen?", fragte sie weiter, als sie sah, wie das MHN gerade einen Patienten hoch half.
"Das hat etwas mit der Matrix zu tun", meinte Naomi und überlegte gerade, wie sie das in einfachen Worten erklären konnte, doch Lia nahm ihr das ab. "Weißt Du was? Das ist eigentlich nicht so wichtig, hauptsache, er versucht uns zu helfen."
Naomi lächelte und drückte Lias Hand. "Da hast Du Recht. Soll ich Dir eine Geschichte erzählen?", bot sie an.
Lia nickte begeistert, wurde aber auch prompt wieder von einem Hustenanfall geschüttelt. Naomi hielt ihr noch einmal das Wassserglas an die Lippen und als es Lia wieder etwas besser ging, setzte sie sich auf die Bettkante zu ihr und fing an.
Das MHN war derweil vollauf mit den Kranken beschäftigt, zwischendurch schaute er jedoch nach Naomi. Als er sah, daß sie bei einem Kind am Bett saß war er beruhigt und konnte sich leichter auf seine Aufgaben hier konzentrieren.
Zunächst einmal mußte er so viele Daten wie möglich sammeln und dann brauchte er Zeit und vor allem Ruhe, um sie zu analysieren.
"Gibt es irgendwo ein Labor in dem ich arbeiten kann?" fragte er den Captain, der immer noch hinter ihm war und ebenfalls den Kranken half. Jetzt drehte er sich zum Doktor um und zeigte auf eine Tür.
"Dort ist ein Labor mit allen Geräten, die Sie brauchen könnten. Kommen Sie mit."
Das MHN folgte ihm und wenig später waren sie in dem hermetisch abgeschirmten Labor und Captain Alik hatte seinen Schutzhelm abgelegt.
"Brauchen Sie noch irgendetwas, Doktor?", fragte der Captain höflich.
Das MHN hatte den Tricorder an einen Laptop gelegt und rief nun die gesammelten Daten ab. Er drehte sich noch einmal zum Captain um und fragte: "Wer ist hier der leitende Mediziner?"
"Sie... haben ihn bereits gesehen", sagte Alik leise. "Es war der zweite Patient auf der Liege. Der, der vermutlich den nächsten Tag nicht mehr erleben wird."
Das MHN blickte ihn mitfühlend an und nickte dann. "Wer ist dann mein Ansprechpartner?", formulierte er es anders.
In dem Moment betrat eine Ärztin den Raum und nahm ebenfalls ihren Helm ab.
"Ich bin Doktor Rallek", stellte sie sich dem MHN vor. "Ich werde Ihnen assistieren und wenn Sie etwas brauchen werde ich versuchen es herbeizuschaffen."
"Da Sie mir gerade den Teil der Vorstellung erspart haben", sagte Alik an Dr. Rallek gewandt, "werde ich mich jetzt verabschieden. Wir müssen wieder los. Doktor", wandte er sich jetzt dem MHN zu und streckte seine Hand aus. Das MHN schüttelte sie.
"Danke, Doktor", sagte Captain Alik noch einmal, setzte sich den Helm wieder auf und ließ die beiden dann allein.
"Wie kann ich Ihnen helfen, Doktor?", fragte Dr. Rallek und sah ihn aufmerksam an.
Das MHN schaute sich um und meinte dann: "Ich muß erst die Daten analysieren, das kann etwas dauern. Kümmern Sie sich bitte derweil lieber um die Patienten, die brauchen mehr Hilfe als ich."
"In Ordnung, Doktor." Dr. Rallek setzte ihren Helm auf und wollte gerade das Labor verlassen, da sagte das MHN noch: "Und bitte sehen Sie einmal nach, was Naomi macht. Sagen Sie ihr bitte, wo sie mich finden kann."
"Mach ich. Ich komme später wieder." Dann war sie verschwunden.
