Gefangene der Angst
Rekonvaleszenz
In den folgenden Tagen veränderte sich Pierres Status bei den Bewohnern des Chateau gravierend. Der Vicomte und die Vicomtesse hatten endgültig entschieden, Pierre wie einen lieben Onkel zu behandeln, aber auch beim übrigen Dienstpersonal war er auf einmal nicht mehr der verrückte Alte, dem man besser aus dem Weg ging, sondern ein Held, der für seinen Mut bewundert wurde.
Pierre saß mit dem Vicomte und der Vicomtesse sowie dem Ehepaar Martin beim Frühstück. Er benutzte - sehr zum Mißfallen des Arztes - bereits wieder seine rechte Hand. "Das ist ein Croissat", brummte er, "und sicher nicht zu schwer. Ansonsten schone ich mich eh." In dem Moment kam die Köchin an den Tisch und fragte, was sie zu Mittag kochen sollte, insbesondere damit der liebe Monsieur Bertrand wieder zu Kräften kommen würde. "Seit wann bin ich der liebe Monsieur Bertrand und nicht der verrückte Hund, dem Sie die Bratpfanne über den Schädel ziehen wollen?" fragte Pierre amüsiert.
"Aber Monsier Bertrand, das war doch nur ein Scherz, ein schneidiger Offizier wie Sie wird doch ein Späßchen verstehen?" verteidigte sich die Köchin. "Wer hat denn behauptet, dass ich Offizier wäre?" fragte Pierre weiterhin mit dem amüsierten Ton in der Stimme. "Mein lieber Monsieur Bertand, das ist doch offensichtlich, Sie sind viel zu intelligent und verfügen über so viel natürliche Autorität, das passt nicht zu einfachen Soldaten." "Natürliche Autorität? Vor ein paar Tagen hieß es noch verdammte Arroganz?" gab Pierre zurück.
Christine schickte die Köchin mit dem Auftrag ein kräftiges Menü mit viel Fleisch zu kochen in die Küche. Kaum war die Köchin weg, wandte sich Christine an die kleine Runde: "Mir scheint, unsere gute Babette hat sich in Monsieur Bertrand verliebt." Madame Martin lächelte wissend und Pierre sah verlegen auf den Tisch und tat so, als hätte er gar nichts gehört.
"Ich habe auch den Eindruck, dass Sie mehr als ein gewöhnlicher Soldat waren", warf Raoul ein. Pierre schwieg. "Das ist doch nichts, wofür man sich schämen müsste", sagte Madame Martin. Pierre schwieg weiterhin. "Erzählen Sie uns doch von Ihren Abenteuern", bat sie.
Pierre seufzte: "Ich will Ihnen doch nicht den Appetit verderben." Als sie ihn weiter bedrängte, warf Pierre Dr. Martin einen Blick zu und schüttelte ganz leicht den Kopf. Dr. Martin nickte und sagte zu seiner Frau: "Liebling, das interessiert uns nicht." "Mich schon..." "Nein, tut es nicht", beharrte Dr. Martin und nickte Pierre zu, der mit einem Lächeln reagierte. Irgendeine stille Kommunikation lief da zwischen Bertrand und dem Arzt ab, als teilten die beiden ein Geheimnis.
"Ach, Männer!" beklagte sich Madame Martin bei der Vicomtesse, "Glauben immer, uns Frauen erziehen zu müssen, als wären wir Kinder." "Das kann ich nicht bestätigen", sagte Christine mit einem verliebten Blick in Raouls Richtung.
Am Vormittag saß Pierre auf Anweisung des Arztes in einem bequemen Sessel auf der Terrasse und sah zu, wie seine Hunde im Garten spielten. "Darf ich mich zu Ihnen setzen?" fragte Raoul und zog einen Schemel heran.
"Ich versteh nicht, warum Sie so ein Geheimnis draus machen - Offizier zu sein ist doch eine Ehre", begann Raoul das Gespräch. "Ich will nicht darüber sprechen", winkte Pierre ab, "Genügt Ihnen als Antwort, dass ich für so viel Tod und Leid verantwortlich bin, dass ich auch heute noch hin und wieder Albträume habe. Ich schäme mich für das, was ich getan habe und die Strategien die ich entworfen habe." „Sie haben sogar Strategien entworfen?" "Leider ja. Ich wünschte, ich wäre damals weniger ehrgeizig gewesen. Bevor Sie fragen - ich will nicht darüber reden."
"Wir müssen noch etwas besprechen"' wechselte der Vicomte das Thema, "Jetzt, wo Sie verletzt sind, müssen wir uns etwas überlegen zur Sicherheit des Chateau." Pierre nickte und bemühte sich sichtlich, professionell zu bleiben. "Ich denke, dass ich spätestens nächste Woche die Nachtwache wieder aufnehmen kann. Bis dahin sind die Hunde im Garten. Auch wenn ich nicht kämpfen kann, ich kann zumindest Alarm schlagen. Andererseits frage ich mich, ob Sie überhaupt noch in Gefahr sind."
"Wie kommen Sie darauf?" fragte Raoul. "Weil einfach nichts passiert. Vielleicht hat Erik aufgegeben", gab Pierre zu bedenken, "Ansonsten müsste doch irgendetwas auf seine Anwesenheit hindeuten." "Das glaube ich nicht", widersprach der Vicomte, "Meine Frau ist absolut sicher, dass Erik niemals aufgeben würde und uns nach dem Leben trachtet." "Aber vielleicht hat er etwas gefunden, was für ihn viel befriedigender ist als Ihr Tod?" warf Pierre ein.
"Wie kommen Sie jetzt auf so etwas?" wollte der Vicomte wissen. Pierre seufzte, dann antwortete er leise und mit abgewandtem Gesicht: "Ich habe Ihnen nie gesagt, was ich getan habe, als mein Mädchen einen anderen geheiratet hat. Zuerst wollte ich den Kerl erwürgen, aber dann habe ich ihn kennen gelernt. Er... er ist ein guter Mann, ein besserer als ich es je war und je sein könnte. Ich persönlich halte es durchaus für möglich, dass Erik sich inzwischen mit ganz anderen Sachen beschäftigt."
Raoul überlegte eine Weile, dann entschied er, mit Christine darüber zu reden.
Christine hielt es für ausgeschlossen, dass Erik aufgeben oder es sich anders überlegen würde. "Du kennst ihn nicht", widersprach sie, "Du hast seine fürchterlichen Drohungen und Racheschwüre nicht gehört, seine Stimme wie Donner, seine Funken sprühenden Augen, er hat gesagt, wenn ich ihn verlasse, würde er mir ein Schicksal bereiten, das so grauenvoll wäre, dass ich um meinen Tod nur so betteln würde. Wenn ich ihn zerstören würde, würde er das selbe mit mir machen." Sanft sagte Raoul: "Aber dein Leben ist doch schön?"
"O ja, ich bin glücklich", antwortete Christine fest, "Wir sind zusammen, wir haben eine wunderbare Tochter, es ist hier so schön ruhig und friedlich, ich liebe es." "Vermisst du Paris nicht?" fragte Raoul besorgt. "Nein, gar nicht. Weder Paris noch die Gesellschaft noch die Oper. Die gesellschaftlichen Verpflichtungen mochte ich nie, dass ich Opernsängerin werde, war der Wunsch meines Vaters und später Eriks, aber nicht meiner. Ich liebe Musik und singe gern, aber ich bin nie mit dem Lampenfieber fertig geworden. Ich singe wirklich gern, aber nicht vor Publikum und Kritikern. Ach Raoul, das Leben, das wir jetzt führen, kommt meinem Traum viel näher als alles andere!" Liebevoll küsste sie ihren Mann.
Kurz darauf kam das Kindermädchen und rief aufgeregt, Marie würde sprechen. Sofort liefen Raoul und Christine ins Kinderzimmer, Pierre stand neben dem Bettchen und lächelte glücklich. Marie saß aufrecht und sagte: "Mamamamamamamamama" "Sie hat Mama gesagt!" jubelte Christine. "Sagst du auch Papa? Papa, sag Papa!"
"Bababababababa" brabbelte Marie. "Papa kann sie auch schon", freute sich Raoul. Marie lachte und griff nach Pierre "Lalalalalalalamamamamamapamapama" brabbelte sie und gluckste zufrieden. Pierre spielte wieder mit ihr, ließ sie seine Hand fangen, was von Marie mit einem glücklichen "lalalalalala" kommentiert wurde. "Entweder heißt lala spielen oder sie meint damit mich", sagte Pierre ohne einen Augenblick wegzusehen, "Sie können stolz sein, Marie ist ja so ein kluges Kind."
Einige Tage später wandte sich Christine beim Abendessen an Pierre: "Haben Sie unserer guten Köchin irgendwann gesagt, dass Sie gern Huhn essen?" Pierre sah überrascht auf: "Ja, woher wissen Sie das?" "Weil wir seit Wochen nichts anderes als Huhn bekommen!" lachte Christine und Madame Martin ergänzte: "Sind Sie der einzige, der nicht weiß, dass Babette ein Auge auf Sie geworfen hat?" Pierre sah verlegen beiseite und brummte irgendetwas Unverständliches. "Reden Sie doch mal mit ihr", schlug Christine freundlich vor. "Zu was soll das gut sein? Ich bin nicht an ihr interessiert", erwiderte Pierre, "und daher wäre es unfair, ihr falsche Hoffnungen zu machen." "Aber sie ist wirklich eine nette, lebenslustige Frau und eine gute Köchin", warf Madame Martin ein. Christine fuhr fort: "Sie ist fast immer gut gelaunt, nur jetzt nicht, weil Sie sie ignorieren. Reden Sie doch einmal mit ihr, vielleicht..."
"Einen Moment", unterbrach Pierre, "Versuchen Sie gerade, mich zu verkuppeln?" Er blinzelte verwirrt. "Reden Sie einfach mit ihr..." seufzte Raoul und Dr. Martin ergänzte mit einem Seitenblick auf seine Frau: "Dann muss ich mir wenigstens nicht ständig anhören, wie arm die Köchin ist, weil sie Liebeskummer hat." Pierre starrte auf seinen Teller als sei ihm plötzlich jeglicher Appetit vergangen.
Pierre entschuldigte sich und marschierte direkt in Richtung Küche. Christine und Madame Martin sprangen auf und schlichen ihm nach, beide wie zwei Schulmädchen aufgeregt, sie wollten unbedingt wissen, wie das ausging. Auch wenn Christine es nicht zugeben würde, sie und Madame Martin fanden es aufregend und hatten untereinander bereits besprochen, der armen Babette zu helfen.
Pierre verhielt sich alles andere als höflich. Er riss die Küchentüre auf und ging direkt auf die Köchin zu, die damit beschäftigt war, einen Kuchenteig zu kneten. "Sie wollten mich sprechen, Madame?" sagte er grob. "Monsieur Bertrand, wie nett, dass Sie mich besuchen kommen", antwortete Babette und lächelte ihn an. Christine und Madame Martin standen hinter der Küchentür und lauschten. Sie konnten Pierre nur von hinten sehen und Babette gar nicht, aber das war egal. "Man redet über Sie", bemerkte Pierre, "Angeblich sollen Sie an meiner Person interessiert sein?" "Geht das auch weniger förmlich?" fragte Babette, "Oder soll ich einen schriftlichen Antrag in dreifacher Ausfertigung einreichen?" Pierre war offensichtlich zu verwirrt, um zu antworten. Er stand da, als hätte er einen Besenstiel statt eines Rückgrades und seine Schultern verkrampften sich sichtlich.
Schließlich sagte er: "Madame, bitte verstehen Sie mich nicht falsch... ich will Sie jetzt wirklich nicht kränken oder beleidigen, nur... Sie sollten wissen, dass ich..." Er brach ab und suchte nach Worten. "Ich bin kein Mann zum heiraten", sagte er schließlich. Babette sah ihn verdutzt an, dann lachte sie: "Aber mein lieber Monsieur Bertrand, wer redet denn von Heirat? Ich bin Mutter von fünf Kindern, die alle verschiedene Väter haben, habe drei wunderbare Enkelkinder und war nie verheiratet. Ich heirate doch nicht und lass mir von einem Mann vorschreiben, wie ich zu leben habe! Da beichte ich lieber regelmäßig, wieder eine Affäre gehabt zu haben! Sie brauchen überhaupt keine Angst zu haben, ich werde Sie nicht festnageln und wenn wir nicht zusammenpassen, werden Sie von mir auch keine Vorwürfe hören. Ich bin nicht nachtragend, das Leben ist zu kurz für Ärger und Zorn." In dem Moment musste Madame Martin kichern, was Pierre hörte und sich umdrehte. "Madame de Chagny, Madame Martin", sagte er in einem tadelnden Tonfall, "Ich glaube, Sie erlauben sich einen bösen Streich auf meine Kosten." Dann schlug er die Tür zu. "Wie schade", kicherte Madame Martin, "Jetzt können wir nicht hören, wie es weitergeht." Die beiden Frauen genossen es so sehr, albern wie Schulmädchen zu sein. Die kleinen Freuden des Lebens eben, die einen die Sorgen vergessen lassen.
"Das war wirklich albern", sagte Raoul, als die beiden Damen zu Tisch zurückkehrten. Auch Dr. Martin schüttelte missbilligend den Kopf. "Ach, lass uns doch", verteidigte sich Christine, "Wie oft habe ich hier schon etwas zu lachen?" "Vielleicht", schmunzelte Dr. Martin, "schafft es ja die gute Babette, Monsieur Bertrand ein wenig aufzuheitern."
Es dauerte nicht lang, und alle Mitarbeiter des Chateau sprachen über kaum etwas anderes als das ungleiche Paar. Hatten sie nun eine Affäre oder nicht? Pierre war groß und schlank, Babette klein und dick, Pierre war stets kühl und abweisend, oft gereizt, zynisch und verletzend, Babette war meist gut gelaunt und eine resolute Frau, die sich auch gegen Männer durchsetzen konnte. Pierre hielt nicht viel vom Essen, Babette wusste die gute Küche zu schätzen und das sah man ihr auch an. Dennoch kamen die beiden recht gut miteinander aus. Gegensätze ziehen sich eben doch an, oder nicht? Was auch immer es war, Pierre wurde mit der Zeit ruhiger und geduldiger.
So verging der Herbst.
Eines Abends sah Christine aus dem Fenster, es war eine nebelige Novembernacht und der Vollmond schien durch den Nebelschleier. Eine wahrlich düstere und unheimliche Stimmung. Sie sah wie üblich graue Gestalten im Garten, die sie aber nicht beunruhigten, denn es hieß nur, dass Pierre wieder auf Wache war. Plötzlich sah die Gestalt auf dem Pferd zu ihr hoch, mit zwei leuchtenden Augen. Christine schrie entsetzt auf und prallte zurück. Pierre hatte nur ein Auge und das war ein normales Auge mit einer Farbe wie dunkler Waldhonig. Aber die Gestalt auf dem Pferd hatte zwei Augen, die grünlich leuchteten. Sofort war Raoul bei ihr und fragte, was los sei. "Auf dem Pferd... da... zwei Augen..." stotterte Christine entgeistert. Raoul sah aus dem Fenster und sah, wie die Gestalt auf dem Pferd sich etwas bewegte. Im Mondlicht war deutlich ein Wolfskopf erkennbar. Ein riesiger Wolf saß auf dem Pferd und ritt im Garten hin und her. Raoul rieb sich die Augen. "Das... das ist ein Wolf..." flüsterte er, "Aber Werwölfe sind doch nur ein Mythos." "Das Phantom der Oper ist auch nur eine Gespenstergeschichte", gab Christine zitternd zurück, "Und wir wissen ja, wie viel Wahrheit dahinter steckt."
In dem Moment klopfte es an der Tür. "Ist alles in Ordnung?" rief Pierre. Als er keine Antwort bekam, stieß er die Tür auf. Er sah Raoul und Christine im Schlafrock, die entgeistert aus dem Fenster starrten. "Was ist denn los?" fragte er nochmals. Nun reagierte Christine: "Sie... Sie sind hier? Aber... aber... wer oder was ist dann das?" Pierre sah kurz aus dem Fenster, dann lachte er: "Das ist Cerberus. Ich habe ihn vorhin auf Othello gesetzt, damit er mich vertritt, während ich eine kleine Pause einlege. Den Trick habe ich lang geübt, heute klappt es das erste Mal."
Raoul, der immer noch recht blass war, atmete auf: "Im ersten Moment sah es aus, als hätten Sie sich in einen Wolf verwandelt." "Ja, das ist ja die Idee dahinter", bestätigte Pierre amüsiert, "Das kann einen Angreifer ziemlich erschrecken und wenn nicht, dann rechnet zumindest niemand mit einem Hund, der reiten kann." "In Zukunft teilen Sie uns mit, was Sie da treiben", ärgerte sich Raoul, "Sie erschrecken uns ja noch zu Tode." "In Ordnung, morgen Nachmittag zeige ich Ihnen das Ganze bei Tageslicht."
Am nächsten Tag standen der Vicomte und seine Frau auf der Terrasse, um sich anzusehen, was Pierre seinen Tieren beigebracht hatte. Pierre holte eine Strohpuppe und stellte sie im Garten auf. Dann ritt er scheinbar zufällig an der Puppe vorbei und in dem Moment, als er in Reichweite war, keilte das Pferd nach hinten aus und traf die Puppe mit dem Huf am Kopf, sodass die Puppe den Strohkopf verlor. Die Hunde saßen wedelnd da und warteten darauf, mitspielen zu dürfen. Pierre musste erst den Strohkopf wieder befestigen, dann nahm er Cerberus auf den Arm und setzte ihn auf das Pferd. Beide Tiere waren ganz ruhig, als wären sie das schon lange gewohnt. Das Pferd ging wieder zu der Strohpuppe, Cerberus stand auf dem Pferderücken und sprang von oben auf die Puppe, die er am Hals erwischte. "Brav, ganz brav", lobte Pierre und gab den Tieren kleine Leckereien aus seiner Umhängetasche. Wieder stellte er die Puppe auf. Die drei Hunde saßen da und rutschten hin und her, warteten ungeduldig auf das Startsignal. "Angriff" sagte Pierre und die Hunde stürzten sich auf die Puppe. Scylla verbiss sich in das linke Bein, Carybdis in den rechten Arm und Cerberus ging der Puppe direkt an die Kehle. Dann zerrten die drei Hunde mit viel Knurren an der Puppe.
Die Zuschauer beobachteten entsetzt das makabere Schauspiel. Pierre nahm die Stufen zur Terrasse und sah die beiden an. "Sie haben den Tieren beigebracht, Menschen zu töten?" fragte Christine entsetzt. Pierre nickte: "Sicher. Eine Verteidigungswaffe ist umso wirksamer, wenn sie sich automatisch in Gang setzt und nicht erst von einem Menschen bedient werden muss. Ich kann den Angriff jederzeit abbrechen, deshalb greifen die Hunde immer in der gleichen Reihenfolge an - erst Scylla am Bein, dann Carybdis am Arm und zum Schluss, wenn ich nicht inzwischen "Aus" sage, Cerberus am Hals. So ist sichergestellt, dass die Hunde einen Angreifer gerade dann überwältigen, wenn der Angreifer mich schon außer Gefecht gesetzt hat. Und natürlich kann Othello auch einen Menschen ausschalten, obwohl ich ihn eher in Richtung Streitross ausbilde. Er greift ausschließlich an, wenn ich auf seinem Rücken bin."
"Und wie stellen Sie sicher, dass die Hunde nicht den Falschen angreifen?" fragte Raoul, dem die ganze Sache mehr als unheimlich war. "Ganz einfach: Nachts ist außer mir und den Tieren niemand draußen. Das sind sie so gewöhnt. Sie würden auch nachts jeden rauslassen, aber keinen hinein. Tagsüber lassen sie jeden hinein, weil sie das so gewöhnt sind. Außerdem greifen sie niemand an, den sie mögen. Sie sind völlig sicher, sogar wenn ich den Hunden den Angriff befehlen würde, sie würden Ihnen nichts tun. Ihnen nicht und Marie auch nicht. Gut, Babette, die sie ständig mit Resten aus der Küche versorgt, ist auch in Sicherheit. Allerdings habe ich das Gott sei Dank nie im Ernstfall ausprobieren müssen, weil bisher ja gar kein Angriff stattgefunden hat", erklärte Pierre ruhig. Die Hunde hatten die Strohpuppe erfolgreich zerlegt und kamen wedelnd zu ihrem Herrn, um sich streicheln zu lassen. Auch zu Raoul und Christine liefen sie hin und wollten spielen. Christine hatte sich schneller gefasst und streichelte vorsichtig die Hunde, die sich vor ihr auf den Rücken legten und den Bauch zeigten, um sich am Bauch kraulen zu lassen. "Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass Tiere in Maries Nähe sind, die so gefährlich sind", sagte sie zu Pierre. "Ich würde sie nie mit Marie allein lassen", antwortete dieser, "Das ist doch völlig klar. Aber ich habe sie schon mit Marie bekannt gemacht. Sie würden sich wundern, was die drei für eine Geduld haben."
"Sie haben WAS?" stöhnte Raoul erschrocken. "Ich lasse Marie mit ihnen spielen. Sie klettert auf ihnen herum, zieht sie an den Ohren, am Schwanz und manchmal sogar an der Zunge. Die Hunde lieben sie", antwortete Pierre, als wäre das das selbstverständlichste auf der Welt. "Das ist unverantwortlich!" schimpfte Christine, "Sie können doch Marie nicht in Gefahr bringen!" "Sie ist doch nicht in Gefahr - in Gefahr wäre sie, wenn meine Hunde sie nicht kennen würden!" "Sie sind unmöglich, wissen Sie das?" seufzte Raoul, "Versprechen Sie mir wenigstens, Marie nie mit den Hunden allein zu lassen?" "Das ist doch selbstverständlich!" antwortete Pierre, "Ich würde nie und nimmer Marie in Gefahr bringen. Ich würde jederzeit alles einsetzen, um sie zu beschützen." Raoul sah unwillkürlich auf Pierres verletzte Schulter, die Pierre geistesabwesend massierte, auch wenn er den Arm inzwischen wieder recht normal benutzte. "Das glaube ich Ihnen sogar", murmelte der Vicomte.
