Kapitel 7 – Einsamkeit

Mit großen, energischen Schritten ging Snape am nächsten Morgen auf die geschlossenen Flügeltüren der großen Halle zu.

Er hatte die Hand schon an der Klinke, als er innehielt, weil er ein seltsames Geräusch aus dem Inneren des Saales vernommen hatte.

Es handelte sich um ein vielfaches Zischen, ähnlich dem Geräusch, seiner Lichtkugeln von gestern, hin und wieder unterbrochen von dem vergnügten Kichern seiner Nachhilfeschülerin.

Eigentlich hatte er vorgehabt, noch in Ruhe eine Tasse Kaffee in der Halle zu trinken, bevor der Unterricht begann, und war deshalb dementsprechend früh dran. Aber scheinbar war Tamara ihm zuvorgekommen.

Leicht verärgert drückte er die Klinke herunter und öffnete die Tür.

Als er eintrat, war er sofort gezwungen, in Deckung zu gehen, da ein dunkles, eiförmiges Flugobjekt äußerst knapp an ihm vorbeizischte. Es war eines von mindestens zwanzig, die emsig in der Luft herumschwirrten.

Tamara stand in der Mitte des Raumes und zielte mit ihrem Zauberstab auf die fliegenden Eier.

Als sie Snape kommen sah, überzog eine leichte, verlegene Röte ihr Gesicht.

„Guten Morgen, Severus! Ich übe schon mal ein bisschen", erklärte sie.

„Das haben sie auch bitter nötig", sagte Snape trocken, setzte sich an den Lehrertisch und zauberte sich eine Tasse Kaffee herbei. „Aber warum jagen sie Eier?", fragte er mit mäßigem Interesse.

„Ähm..., nur so!", nuschelte Tamara.

Snape richtete seinen Zauberstab auf eines der Objekte, das daraufhin seinen Flug unterbrach, und langsam auf ihn zugeschwebt kam. Als es näher kam erkannte er, dass das Ei ein Gesicht hatte, das fast völlig von halblangen, schwarzen Haaren verdeckt wurde.

Mit schwarzfunkelnden Knopfaugen starrte das Ei ihn an, das nun einen knappen halben Meter vor ihm in der Luft schwebte.

„Sie sind viiiel zu langsam!", sagte es plötzlich in einem pampigen, leicht nasalen Ton.

Snape warf Tamara einen scharfen Blick zu.

Tamara blickte angestrengt auf ihre Schuhspitzen.

„Geht's nun endlich weiter?", nölte das Ei extrem gelangweilt.

Snape sah das sprechende Flugobjekt nachdenklich an.

Das Ei zog in einer Art, die ihm irgendwie bekannt vorkam die Augenbrauen hoch. Dieses Ding hatte tatsächlich Augenbrauen – es war kaum zu glauben.

Snape richtete abermals den Zauberstab auf das Ei aus.

„Konzentriiieren sie sich gefälligst!", blaffte das Ei ihn an.

Impedimenta!", sagte Snape.

„Arrrgh...!" Das Ei gab ein würgendes Röcheln von sich und stürzte zu Boden.

„Sie scheinen sehr begabt zu sein, in Verwandlung", sagte Snape ölig, und war ganz kurz in Versuchung, die Augenbrauen hochzuziehen, was er dann aber doch lieber bleiben ließ.

„Ich habe nur versucht, mich möglichst effektiv zu motivieren", sagte Tamara entschuldigend.

„Na dann lassen sie mal sehen, ob es wenigstens etwas gebracht hat", sagte Snape spitz und machte eine einladende Handbewegung in Richtung der fliegenden Eier.

Tamara machte sich wieder an die Arbeit und verfehlte prompt das erste angepeilte Ei.

„Versagerin!", rief das Ei boshaft, und zischte kichernd an ihr vorbei.

Tamara sah etwas irritiert drein und zielte auf ein anderes Ei.

Auch dieses verfehlte sie ganz knapp, weil es im allerletzten Moment einen Haken schlug.

„War das alles? Das ist ja erbärmlich!", grölte das Ei hämisch.

„Severus! Ich habe sie nicht gebeten, meine Übungsobjekte zu modifizieren", sagte Tamara, und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Ich wollte nur meinen Teil zu ihrer Motivation beitragen", sagte Snape unschuldig, und zuckte die Schultern.

Innerhalb der nächsten Viertelstunde erledigte Tamara alle Flugeier, wobei sie sich extrem anstrengen musste, da die Dinger immer schneller wurden, wobei mit Sicherheit auch Snape seine Finger im Spiel hatte. Sie war jedoch zu stolz, ihn auch darauf anzusprechen – wollte ihm vielmehr beweisen, dass sie damit fertig werden konnte, was ihr schließlich zu ihrer großen Genugtuung auch gelang.

Als das letzte Ei mit einem vorwurfsvollen Blick zu Boden sank, ging sie zu ihrem Lehrer hinüber, setzte sich zu ihm und zauberte sich eine Tasse Tee auf den Tisch.

„Was soll denn das werden? Es ist bereits neun Uhr!", sagte Snape ungehalten. „Wer sagt, dass sie jetzt Zeit haben, Tee zu trinken?"

„Ich!", sagte Tamara knapp.

„Ach – und sie meinen, dass SIE jetzt neuerdings das Sagen haben?", fragte Snape bissig.

Tamara warf ihm einen nachdenklichen Blick zu.

„Wissen sie was? Sie erinnern mich stark an ein Ei, das ich kürzlich traf", sagte sie treuherzig.

„Halten sie den Mund und trinken sie ihren Tee!", schnaubte Snape und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte.

Tamara verbiss sich einen weiteren Kommentar, da zu befürchten stand, dass sie alles, was sie zu ihm sagte, gleich anschließend, bei den Verteidigungsübungen würde büßen müssen.

Als sie schließlich ausgetrunken hatte – relativ hastig und mit Snapes fortwährendem, gereizten Fingergetrommel als Untermalung – knallte sie die Tasse auf den Tisch und sprang auf.

„Fertig!", meldete sie knapp.

„Schön!", knurrte Snape. „Können wir dann anfangen, oder haben SIE noch etwas anders zu tun?"

„Aber nein – die nächsten drei Stunden stehe ich ihnen voll und ganz zur Verfügung!", sagte Tamara freundlich.

„Wunderbar! Stellen sie sich auf! Selbe Übung wie gestern!", blaffte Snape.

Als sie sich gegenüberstanden sah er ihr einem kurzen Moment lang prüfend in die Augen.

„Sie haben Angst!", stellte er nüchtern fest. „Wovor?"

Tamara senkte den Kopf.

„Davor, dass sie mich wieder so schinden wie gestern Abend...", sagte sie leise, „...davor, wieder umgerissen zu werden – es gibt mittlerweile keine Stelle mehr an meinem Körper, die nicht schmerzt, ...und am meisten Angst habe ich davor, zu versagen."

Snape warf ihr einen langen unergründlichen Blick zu.

„Da gibt es zwei Möglichkeiten", sagte er schließlich. „Die eine wäre, dass ich sie weniger fordere – den Anspruch herunterschraube - damit sie weder Schmerzen erleiden, noch an der Schwierigkeit der gestellten Aufgabe scheitern. Das Problem ist, das sie dabei nicht wirklich etwas lernen. Die andere Variante wäre, ihre Angst noch etwas zu steigern – an die Grenze der Panik – damit sie sämtliche Reserven und Fähigkeiten mobilisieren, um sich zu schützen. Was halten sie davon?"

Tamara sah ihn fassungslos an.

„Das meinen sie doch nicht ernst!", sagte sie erschüttert.

„Doch!", sagte Snape.

„Ich will eine dritte Option!", krächzte Tamara mit einem leicht hysterischen Unterton.

„Nämlich?", fragte Snape.

„Sie haben gestern gesagt, ich müsste es machen wie bei der Sache mit dem Arm - dass ich einfach ein Gespür dafür entwickeln müsse, wann sie den Fluch loslassen", sagte Tamara hoffnungsvoll.

„Richtig! Aber genau das entwickeln sie nicht, so wie's aussieht", sagte Snape trocken.

„Aber..."

„Sie müssen sich entscheiden – Methode eins oder zwei!", unterbrach sie Snape.

„Was meinen sie?", flüsterte Tamara.

„Wenn sie sich ihrer Angst nicht stellen, wird das nichts!", sagte Snape ungerührt.

„Und was genau schlagen sie vor?", fragte Tamara tonlos.

„Ich werde einen anderen Fluch verwenden", sagte Snape.

„Welchen?", fragte Tamara.

„Den Cruciatus!", sagte Snape.

„WAS? Sind sie wahnsinnig?", keuchte Tamara. „Das ist ein Unverzeihlicher! Der ist verboten!"

„In Hogwarts darf er zu Übungszwecken verwendet werden", sagte Snape gelassen.

„Aber das können sie doch nicht tun!", sagte Tamara verzweifelt.

„Wollen sie lernen, sich zu verteidigen, oder nicht?", fragte Snape.

„Das St.-Mungo-Hospital ist voll von Patienten mit irreparablen Schäden, die zu lange dem Crutiatus ausgesetzt waren", sagte Tamara schrill. „Ich habe nicht die geringste Lust, den Rest meines Lebens als Pflegfall dahin zu vegetieren."

„Das sind Leute, die dem Fluch wirklich über längeren Zeitraum ausgesetzt waren", sagte Snape, „bei einem kurzen Kontakt besteht keine Gefahr, einen bleibenden Schaden zurückzubehalten."

„Woher wollen sie das so genau wissen?", fragte Tamara argwöhnisch.

„Ich hatte das zweifelhaft Vergnügen, es an mir selbst zu beobachten", sagte Snape.

„Oh..., war das als sie...", sagte Tamara betroffen. „Dumbledore hat es erwähnt..."

„Ja, ...der dunkle Lord hatte die Angewohnheit seine Anhänger durch extreme Methoden bei der Stange zu halten", sagte Snape emotionslos.

„Und..., wie fühlt er sich an, ...der Cruciatus?", fragte Tamara ängstlich.

„Unvorstellbar schmerzhaft!", sagte Snape knapp.

„Und sie wollen ihn mir trotzdem auf den Hals hetzen?", flüsterte Tamara.

„Wenn sie diesen Fluch ein einziges Mal abbekommen haben, kriegen sie beim nächsten Mal den Schildzauber garantiert rechtzeitig hoch", sagte Snape gelassen. „Aber es ist natürlich ihre Entscheidung. Ich hätte sogar Verständnis dafür, wenn sie sich nicht darauf einlassen."

„Verständnis!", schnaubte Tamara. „Das ist ja ganz was Neues!"

„Ich dachte mir schon, dass sie das freut!", sagte Snape ironisch.

„Ich mache es!", sagte Tamara.

„Gut!", sagte Snape. „Ich habe nichts Anderes von ihnen erwartet."

„Was muss ich tun?", fragte Tamara leise.

„Versuchen sie ihren Geist einzig und allein auf die Aufgabe auszurichten, meinen Fluch rechtzeitig zu blockieren", sagte Snape. „Sie müssen ihre Sinne fokussieren, und alles andere vorübergehend ausblenden."

„Okay!", sagte Tamara.

„Bereit?", fragte Snape und hob den Zauberstab.

„Sie werden doch nicht zulassen, dass mir etwas passiert?", fragte Tamara zittrig.

„Sollte sie der Fluch treffen, werde ich ihn sofort aufheben", versprach Snape. „Konzentrieren sie sich jetzt. Nicken sie kurz, wenn sie so weit sind."

Mehrere Minuten lang blieb Tamara völlig still stehen und starrte Snape in Augen. Dann hob sie den Zauberstab und nickte, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.

Als Snapes Fluch auf sie zuschoss, reagierte sie intuitiv und blitzschnell, ohne auch nur einen Sekundenbruchteil zu zögern. Ihr Schildzauber stoppte den gleißenden Strahl, der aus dem Zauberstab ihres Gegners geschossen war, kaum dass er die unsichtbare Mittellinie zwischen ihnen überschritten hatte.

Er prallte zurück auf Snape, der nun seinerseits einen Protego loslassen musste, um sich zu verteidigen. Das wiederum schickte den Fluch, wie einen Pingpong-Ball erneut zu Tamara zurück.

Von ihrer ersten, geglückten Verteidigungsaktion noch völlig überwältigt, versäumte Tamara es ganz knapp, nochmals einen Schild zu erschaffen, zumal die ganze Aktion kaum zwei Sekunde lang gedauert hatte. Sie hatte den Protego schon im Kopf und auf den Lippen als der Fluch sie traf.

Sie wurde umgerissen und mehrere Meter weit nach hinten geschleudert.

Mit vor Entsetzen angehaltenem Atem, und krampfhaft zugepressten Augen erwartete sie den Schmerz...

Er kam nicht!

Dafür kam Snape, und sah prüfend auf sie herunter.

„Das war kein Cruciatus!", sagte Tamara bebend.

„Nein!", sagte Snape.

„Sie elender Schweinehund!", flüsterte Tamara heiser.

„Es hat gereicht, dass sie dachten, es wäre einer", sagte Snape mit einem leisen Lächeln. „Würde ich tatsächlich einen unverzeihlichen Fluch aussprechen, säße ich eine halbe Stunde später bereits in Askaban", fügte er beiläufig hinzu.

„Sie haben gesagt, sie hätten eine Sondergenehmigung", hauchte Tamara.

„Ich sagte, der Fluch darf in Hogwarts zu Übungszwecken verwendet werden", berichtigte Snape, „das stimmt auch – von Dumbledore, oder von dem jeweiligen Lehrer für Verteidigung. Einem ehemaligen Todesser würde man so etwas nie zugestehen."

„Sie sind ein ganz gemeiner...", fauchte Tamara.

„Tamara...!", unterbrach sie Snape.

„WAS?", schrie Tamara.

„Sie haben es geschafft!", sagte Snape ruhig.

„Was...?", flüsterte sie ungläubig.

„Sie haben ihren Protego gut hingekriegt - und sehr schnell", sagte Snape anerkennend.

Tamara traten die Tränen in die Augen.

„Ganz ehrlich?", sagte sie mit brüchiger Stimme.

„Ja! Dass sie nicht mehr rechtzeitig reagiert haben, als der Fluch zum zweiten mal auf sie zukam, kann man getrost vernachlässigen", sagte Snape. „Sie haben beim ersten Mal bewiesen, dass sie es können."

„Ich habe keine Sekunde lang daran gezweifelt, dass sie einen Cruciatus auf mich legen würden", sagte Tamara kopfschüttelnd.

„Es steht ihnen als Schülerin auch nicht zu, an den Worten ihres Lehrers zu zweifeln", sagte Snape spöttisch. „Und jetzt probieren wir das noch mal, bevor sie wieder vergessen, wie es geht."

Sie nahmen erneut Aufstellung.

Anfangs hatte Tamara Schwierigkeiten sich nochmals genug zu konzentrieren um Snapes Angriffe optimal abwehren zu können, jetzt wo sie wusste, dass er keinen Unverzeihlichen auf sie loslassen würde.

Erst als er ihr eröffnete, dass er einige, weitgehend unbekannte Flüche kannte, die zwar nicht verboten, aber äußerst unangenehm für den Getroffenen waren, gelang es ihr wieder, vollkommen bei der Sache zu sein, und sich einigermaßen wirksam zu verteidigen.

Im weiteren Verlauf ihrer Übungen steigerte Snape nach und nach das Tempo und die Intensität der Angriffe.

Gegen Mittag war Tamara absolut am Ende ihrer Kräfte, und als er den Unterricht für beendet erklärte, entwich ihr ein dankbarer Seufzer.

Sie wollte ihn gerade fragen, ob er wieder mit ihr zu Abend essen würde – sie war fast sicher, dass er zustimmen würde, nachdem dieser Vormittag so gut verlaufen war – als er sie mit den Worten: „Montag, neun Uhr!" stehen ließ, und mit wehendem Umhang aus der Halle schritt.

Mit Fassungslosigkeit und langsam aufkeimender Wut sah Tamara zu, wie die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

Sie kam sich plötzlich sehr allein vor, in der großen, leeren Halle, und die Stille wirkte irgendwie erdrückend.

Warum war er nur so unnahbar und abweisend. Immer, wenn sie dachte, eine seiner Mauern eingerissen zu haben, und einen kleinen Blick auf den Menschen geworfen zu haben, der sich dahinter verbarg, baute er eine neue auf.

Aber eigentlich konnte ihr das egal sein – in wenigen Wochen würde sie Hogwarts verlassen, und Snape vermutlich nie mehr wiedersehen.

Und damit war sie schon bei der nächsten, wesentlich unangenehmeren Frage: Warum, zum Teufel, war es ihr nicht egal?

Sie ging zum Lehrertisch, ließ sich frustriert auf einen Stuhl plumpsen, und besorgte sich eine weitere Tasse Tee.

Warum ging ihr dieser finstere, unfreundliche Mann nicht aus dem Kopf.

Warum war sie so enttäuscht, dass er ihre Gesellschaft mied.

Eigentlich müsste sie doch froh sein, dass sie jetzt den Rest des Wochenendes ihre Ruhe hatte, und sich entspannen konnte.

Verdammt! Verdammt! Verdammt!

Wütend über sich selbst schlug Tamara mit der Hand auf den Tisch.

Was sollte sie nun tun?

Nachdem das Wetter zwar nicht durchgehend sonnig, aber immerhin trocken war, beschloss sie, sich draußen ein gemütliches Fleckchen zu suchen, und dort ihre Hausaufgaben zu erledigen, denn nach der gestrigen Tortur war sie dazu am Abend nicht mehr fähig gewesen.

Bewaffnet mit einigen belegten Broten, einer Flasche Wasser, einer Decke, Pergament und Schreibzeug, und natürlich sämtlichen Büchern, die sie benötigte, schlenderte sie kurze Zeit später über das Schlossgelände, auf der Suche nach einem geeigneten Platz.

Sie ließ sich schließlich unter einem großen Baum nieder, der an einer Stelle stand, von der man einen guten Überblick über weite Teile des Geländes hatte.

Während sie ihre Hausaufgaben erledigte ertappte sich Tamara immer wieder selbst dabei, wie sie ihren Blick suchend in Richtung Schloss wandern ließ.

Am späten Nachmittag hatte sie endlich ihre Arbeit beendet, und ging gleich anschließend noch zum See hinunter um eine Runde zu schwimmen.

Zuerst protestierten ihre überbeanspruchten Muskeln gegen diese erneute Anstrengung, aber nach einer Weile hatte sie einen Rhythmus gefunden, der angenehm war.

Als allerdings bei dem Gedanken an die abweisende Art, in der Snape sie behandelte, ihre Wut wiederkehrte, wurden die Schwimmzüge kräftiger und schneller, und als sie schließlich nach einer ganzen Weile wieder ans Ufer zurückkehrte war sie zum zweiten Mal an diesem Tag völlig ausgepowert.

Nach einem einsamen Abendessen in der Halle – sie hatte wider besseren Wissens gehofft, dass Snape vielleicht doch auftauchen würde - entschloss sie sich, ein schönes, langes, entspannendes Bad zu nehmen, und zwar im Badezimmer der Vertrauensschüler, das den Ruf hatte, besonders schön zu sein.

Sie ging in ihre Wohnung zurück, zog sich aus, hüllte sich in einen langen, flauschigen Bademantel und machte sich auf den Weg.

Das Badezimmer der Vertrauensschüler aufzusuchen, war wirklich eine gute Idee gewesen.

Begeistert von dem anheimelnden Ambiente des Raumes, ließ sich Tamara in das Becken gleiten, das sie vorher mit heißem, mit einem exotisch duftenden Zusatz versetzen Wasser hatte vollaufen lassen.

Das wohlig warme Gefühl und das sanfte Plätschern, hatten eine sehr beruhigende Wirkung auf ihre gereizten Nerven – bevor sie ihre Gedanken unwillkürlich zurückbrachten, zu dem Tag, an dem sie zu der kleinen Insel geschwommen war, und einem ähnlichen Wohlgefühl, das vom warmen Sand und Sonne auf der Haut rührte, und nicht zuletzt von dem Auftauchen eines unerwarteten Besuchers...

Am nächsten Morgen wurde Tamara vom Geräusch der Regentropfen geweckt, die an ihr Fenster trommelten.

Missmutig blinzelte sie hinaus in das graue, trübe Licht des Morgens, drehte sich dann angewidert um und versuchte, wieder in den Schlaf zurückzufinden, was ihr aber partout nicht mehr gelingen wollte.

Ärgerlich setzte sie sich auf.

Nicht genug, dass sie einen langen, einsamen Tag im Inneren des Schlosses würde verbringen müssen – nein – sie musste ihn auch noch zu einer unmöglich frühen Stunde beginnen.

Seufzend stieg sie aus dem Bett.

Wenig später war sie auf dem Weg in die Halle, denn dort bestand zumindest eine minimale Möglichkeit, auf einen anderen Schlossbewohner zu treffen, und sei es auch nur ein Geist.

Doch selbst die Geister schienen an diesem trübseligen, verregneten Morgen noch zu schlafen. Konnte man eigentlich noch schlafen, wenn man tot war? Sie würde sich bei Gelegenheit einmal erkundigen müssen.

Sie blieb zu einem ausgiebigen Frühstück am Lehrertisch sitzen, bei dem sie sich durch einige der möglichen Varianten dieser Mahlzeit durcharbeitete.

Ab dem Gang, der den von ihr sehr geschätzten russischen Beluga-Kaviar beinhaltete, stieg sie von Tee auf Champagner um.

Nach dem dritten Glas stellte sich ein leichtes, beschwingtes Gefühl ein, und die Tatsache, dass sie mutterseelenallein hier saß, erschien ihr nicht mehr ganz so schlimm.

Als sie absolut keine Lust mehr hatte, noch irgend etwas Essbares zu sich zu nehmen, machte sie sich auf den Weg in die Bibliothek.

Sie stöberte den restlichen Vormittag dort herum, was ihr wider erwarten sehr viel Spaß machte, und die Zeit wie im Flug vergehen ließ.

Es war bereits Nachmittag, als ihr Magen knurrend Nachschub forderte.

Um sich zwischendurch etwas Bewegung zu verschaffen, begab sie sich wieder in die große Halle, um ein spätes Mittagessen zu sich zu nehmen.

Da die Wirkung des Champagners längst verflogen war, versuchte sie diesmal mit Rotwein das wieder aufkeimende Gefühl des Verlassenseins zu bekämpfen.

Allerdings klappte das nicht ganz so, wie sie sich das vorgestellt hatte.

Der Wein schien ihren Stolz und ihre Selbstbeherrschung Schluck für Schluck wegzuspülen, und sie begann, sich schrecklich leid zu tun.

Nach dem Essen lief sie eine Weile ziellos durch die weit verzweigten Gänge des Schlosses, wobei sie auch an dem Badezimmer der Vertrauensschüler vorbei kam.

Kurz entschlossen trat sie ein und ließ sich ein Bad einlaufen.

Aus den duftenden Badezusätzen wählte sie hauptsächlich, Sandelholz, Moschus und Vanille - eine Mischung, die an sich schon relativ betäubend war, und in Verbindung mit dem heißen Wasser, sicher eine ausgleichende Wirkung auf ihr Gemüt gehabt hätte – wäre da nicht die Flasche Wodka gewesen, die sie sich auf die breite Umrandung des Beckens gezaubert hatte.

Eine Stunde später war die Flasche dreiviertel leer und Tamara eingeschlafen.

Sie wachte auf, als ihre Arme vom Beckenrand abrutschten und sie tiefer in das Wasser glitt, das ihr daraufhin in den leicht geöffneten Mund lief.

Prustend und ziemlich benommen tauchte sie wieder auf. Im ersten Moment war sie desorientiert und verwirrt, bis ihr wieder einfiel, wie sie hierher gekommen war.

Sie fröstelte leicht, denn das Wasser war mittlerweile ziemlich abgekühlt, konnte sich aber trotzdem nicht dazu entscheiden, das Becken zu verlassen.

Unmotiviert sah sie sich in dem wunderschönen Raum um. Dabei streifte ihr Blick die Wodkaflasche. Schlagartig überrollte sie eine Welle von Melancholie, die ungehindert über ihre alkoholgeschwächten Selbstschutzwälle schwappte, und ihr die Tränen in die Augen trieb.

Sie kam sich so armselig vor - wie sie hier im kalten Badewasser saß, und sich besaufen musste, um die Tatsache zu ertragen, dass ein gewisser Zaubertränkemeister absolut nichts mit ihr zu tun haben wollte.

Sie war jung, schön und begehrenswert – also wie kam dieser unmögliche, kaltschnäuzige, fiese Bastard dazu, ihre Gunst einfach abzuweisen.

In ihrem bisherigen Leben als erwachsene Frau waren die Männer für ihren Geschmack eigentlich eher zu viel hinter ihr hergewesen, so dass es, wenn im Prinzip auch schmeichelhaft, doch manchmal schon lästig geworden war. Und immer war sie diejenige gewesen, die Annäherungsversuche zurückgewiesen hatte, die ihr nicht gelegen kamen.

Sie selbst war noch nie von einem Mann, dem sie Avancen gemacht hatte, abgelehnt worden.

Warum nur ausgerechnet von diesem.

Und warum wollte sie ihn deshalb um so mehr – so sehr, dass es fast schon Formen einer Obsession annahm.

Wütend trank sie den Rest Wodka in einem Zug aus, schüttelte sich, und stieg aus dem Wasser.

Mit zornigen, groben Bewegungen rubbelte sie ihre aufgeweichte Haut trocken, ohne auf den stummen, aber schmerzhaften Protest ihrer Muskeln zu achten.

Als sie sich angezogen hatte, ging sie nicht in ihre Wohnung zurück, sondern machte einen Abstecher in die Eingangshalle, öffnete das schwere Eichenportal und trat hinaus ins Freie.

Es hatte aufgehört zu regnen, und die Luft roch frisch und sauber.

Sie stieg die Stufen hinunter und ging ein paar Schritte.

Nach wenigen Metern blieb sie stehen, verwandelt ihre leichten Schuhe in ein paar feste, knöchelhohe Stiefel, marschierte weiter und begann schließlich zu laufen.

Sie rannte immer schneller und schneller, und blieb erst stehen, als sie das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen. Der Genuss von Champagner, Wein und Wodka schien sich nicht unbedingt mit körperlichen Anstrengungen zu vertragen.

Nachdem ihr revoltierender Magen sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, ging sie langsam weiter.

Obschon sie sich jetzt körperlich ein wenig besser fühlte, musste sie sich eingestehen, dass weder die Wirkung des Alkohols, noch ihre Deprimiertheit wesentlich nachgelassen hatte.

Als sie aufgehört hatte, aufgrund des schnellen, anstrengenden Laufs zu schwitzen, begann sie zu frösteln, und zog ihre Strickjacke enger um ihren Körper.

Sie beschloss Kehrt zu machen und schlug den Weg zurück zum Schloss ein.

Der Rückweg kam ihr unverhältnismäßig lang vor. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, dass sie so weit gelaufen war.

Als Hogwarts in Sichtweite kam, wirkte es auf sie erstmals bedrohlich – so, wie es dunkel und verlassen inmitten der düsteren, verregneten Landschaft thronte.

Tamara blieb kurz stehen, und ließ das Bild auf sich wirken. Sie verspürte eigentlich keine große Lust, ins Schloss zurückzukehren, denn drinnen fühlte sie sich seltsamerweise noch einsamer als hier draußen.

Aber ihr war kalt, also ging sie weiter.

Nach ein paar Metern nahm sie einen schwachen Lichtschein am Rande des riesigen Gebäudes wahr, der knapp über dem Boden durch eine Gruppe von Bäumen durchschimmerte.

Das musste der Kerker sein - denn der einzige Teil Hogwarts, der ansonsten noch beleuchtet sein mochte, war die Küche, und die lag auf der anderen Seite, nach Hinten hinaus.

Er war also da – da, und doch so weit entfernt, durch die Distanz, die er ihr auferlegt hatte.

...schwören sie, mich nie wieder außerhalb des Unterrichts zu belästigen, solange sie hier sind..." - seine harschen Worte klangen ihr noch in den Ohren.

Aber noch hatte sie fünf Tage Zeit um diese Wette zu gewinnen, und es lag überhaupt kein Grund vor, seinen Wunsch vorher schon zu respektieren. Warum war sie nicht schon längst darauf gekommen. Nur weil er „...Montag, neun Uhr..."gesagt hatte, war sie doch nicht gezwungen, sich von ihm fernzuhalten.

Mit wütenden, weitausgreifenden Schritten stapfte Tamara auf das Schloss zu.

Sie riss die Eingangstüre auf und rannte die Treppen zum Kerker hinunter.

Noch nie, seit ihrer Ankunft in Hogwarts, war sie weiter in diesen Teil des Schlosses vorgedrungen, als bis zum Zaubertränkeklassenzimmer, beziehungsweise Snapes direkt daneben liegenden Büro.

Seine Wohnräume mussten, dem Lichtschein nach, den sie von draußen gesehen hatte, am Ende des Flurs liegen.

Sie ging den durch einige Fackeln mäßig erleuchteten Korridor entlang, bis sie an eine schwere Tür aus massiver Eiche kam, hinter der sie Snapes Privatgemächer vermutete.

Lauschend legte sie ein Ohr an die Tür und wartete darauf, irgend ein Geräusch zu vernehmen, das auf seine Anwesenheit schließen ließ.

Nach einer Weile meinte sie das Scharren eines Stuhlbeines, oder etwas in der Art, über den Boden zu hören.

Sie klopfte drei mal kräftig gegen die Tür und wartete gespannt.

Was sie zu ihm sagen würde hatte sie sich eigentlich gar nicht richtig überlegt – sie würde einfach improvisieren, je nachdem, wie er auf ihren Überfall reagierte.

Wenn er nicht allzu unfreundlich war, würde sie ihm nur mitteilen, dass sie sehr gerne mit ihm zu Abend essen würde.

Nichts rührte sich.

Nachdem sie eine Weile gewartet hatte, klopfte Tamara noch mal - diesmal mit viel Wucht und fünf mal hintereinander.

Wenn er da drinnen war, konnte er das Klopfen gar nicht überhört haben.

Die Tür wurde nicht geöffnet.

Dieser verdammte, arrogante Scheißkerl. Sie würde ihm mindestens eine Beleidigung an den Kopf werfen, wenn er nur endlich aufmachen würde.

Wütend trat sie mit ihren derben Stiefeln gegen die Tür, immer und immer wieder, bis ihr der Fuß weh tat.

Nichts!

„ICH WEIß, DASS SIE DA SIND, SEVERUS!", schrie Tamara, während sie mit dem anderen Fuß auf die Tür eintrat. „MACHEN SIE ENDLICH AUF!"

Es passierte rein gar nichts!

„DAS IST EIN NOTFALL!", brüllte Tamara und trommelte mit den Fäusten gegen das Holz.

Als sie erschöpft aufgab, einen Schritt zurücktrat und überlegte, ob der Versuch Snapes Wohnung mit ein paar Flüchen aufzubrechen wohl gefährlich wäre, öffnete sich die Türe.

Da stand nun der Mann, den sie unbedingt hatte sehen wollen, und war kaum wiederzuerkennen in seiner Jeans und dem grauen Sweatshirt.

Sie starrte ihn genauso verwundert an, wie er sie böse.

„Welcher Art ist ihr Notfall?", sagte er eisig.

„Ich bin einsam...", flüsterte Tamara, bevor sie sich selber bewusst wurde, was sie da von sich gab.

„Haben sie den Verstand verloren?", sagte Snape in einem Ton, in dem man das Eis förmlich klirren hörte.

„Nein...", sagte Tamara leise.

„Sie schlagen und treten hier auf meine Tür ein, brüllen herum wie eine Wahnsinnige – und das alles, weil sie sich einsam fühlen?", sagte Snape schneidend. „Meines Wissens ist das kein Zustand, der den sofortigen Tod zur Folge hat."

„Bitte, Severus! Ich werde verrückt, wenn ich dauernd allein in diesem alten Kasten herumsitze", sagte Tamara flehend. Der Drang, ihm Beleidigungen an den Kopf werfen zu müssen, hatte sich in Luft aufgelöst.

„Sie tun das seit – lassen sie mich überlegen ...ziemlich genau neunundzwanzig Stunden, und man kann wohl davon ausgehen, dass sie einige davon verschlafen haben", sagte Snape schneidend, „und nach dieser kurzen Zeitspanne fällt ihnen bereit dermaßen die Decke auf den Kopf, dass sie völlig durchgedreht hier auftauchen, und mich bitten, ...ja – um was eigentlich? Das ich für sie den Pausenclown mache?"

Tamara senkte beschämt den Kopf. Sie fand die Idee, hierher zu kommen mittlerweile gar nicht mehr so gut.

„Ist es der Mangel an Beschäftigung, der ihnen so zusetzt?", bohrte Snape weiter. „Gebe ich ihnen vielleicht zu wenig Hausaufgaben auf?"

„Nein, nein!", sagte Tamara schnell. „Ich habe Gestern den ganzen Nachmittag gebraucht, um ihre Aufgaben zu erledigen – das war wirklich genug."

„Und dass sie heute nichts zu tun hatten, hat sie nun völlig aus der Bahn geworfen?", fragte Snape ungehalten.

„Ich hatte nur das dringende Bedürfnis, nach etwas menschlicher Gesellschaft", sagte Tamara leise.

„Warum, zum Teufel, gehen sie dann nicht vors Schloss und apparieren dorthin, wo sie vermutlich auch vor ihrem Hogwartsaufenthalt ihre Wochenenden verbracht haben", knurrte Snape, „sondern belästigen mich, der ich dieses Bedürfnis nach Gesellschaft absolut nicht teile?"

„Das kann ich nicht!", sagte Tamara kläglich.

„Warum nicht?", fragte Snape.

„Weil besondere Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden sind, damit ich das Schloss nicht verlassen kann – zu meinem eigenen Schutz, selbstverständlich", seufzte Tamara resigniert. „Das war die Bedingung meines Vaters, nur unter dieser Voraussetzung hat er meinem Aufenthalt hier zugestimmt."

Snape lehnte sich mit verschränkten Armen in den Türrahmen und sah sie zweifelnd an.

„Und wie kommt es, dass eine so erschreckend selbstbewusste, erwachsene Frau nach Papas Pfeife tanzt?", fragte er ungläubig.

„Weil ich ihn liebe!", sagte Tamara schlicht. „Seit das mit meiner Mutter passiert ist, lebt mein Vater in der ständigen Angst, dass Sascha oder mir etwas zustoßen könnte. Er hat sich zu einem absoluten Sicherheitsfanatiker entwickelt – aber wenn er dadurch ruhiger schlafen kann, nehme ich das gerne in Kauf. Zudem ist es ja auch gerechtfertigt, denn wir werden tatsächlich immer noch bedroht, von dieser Organisation, die ich erwähnte."

„Wusste Dumbledore, dass sie hier nicht weg können?", fragte Snape finster.

„Soll das ein Witz sein?", sagte Tamara mit einem zaghaften Lächeln. „Er hat die Sicherheitszauber selbst gelegt... wahrscheinlich hat er nur vergessen, es ihnen mitzuteilen", fügte sie zaghaft hinzu, als sie seine verbitterte Mine bemerkte.

„Dumbledore hat die Angewohnheit, immer nur so viel an Informationen weiterzugeben, wie er für notwendig hält", sagte Snape kalt. „Er war sicher der Meinung, es würde reichen, wenn ich weiß, dass ich das Kindermädchen für sie spielen muss."

„Ich brauche kein Kindermädchen!", sagte Tamara trotzig.

„Dass sie nicht einmal einen Tag allein sein können, ohne Dummheiten zu machen, bekräftigt diese Aussage nicht gerade", sagte Snape.

„Ich mache keine Dummheiten!", sagte Tamara.

„Solche Mengen Alkohol zu sich zu nehmen, würde ich aber eher schon dem Bereich der Dummheiten zuordnen", meinte Snape.

„Woher wissen sie...ich habe gar nicht so viel getrunken!", murmelte Tamara betroffen.

„Mein Zauberstab behauptet, sie haben 1,7 Promille", sagte Snape ruhig.

„WAS?" Sie sah entrüstet auf seine Hände. Tatsächlich hielt er in der rechten den Stab.

„Ein recht einfacher Test", sagte Snape mit boshaftem Grinsen. „Unsere Krankenschwester, Madame Pomfrey, war so nett, ihn mir zu zeigen. Sehr praktisch – vor allem für einen Hauslehrer!"

„Es ist unfair, das einfach ohne mein Wissen zu machen!", fauchte Tamara. „Das..., das... gehört sich einfach nicht!"

„Sie scheren sich doch sonst auch nicht um irgendwelche spießigen Regel", sagte Snape boshaft. „Und Außerdem sind sie schließlich meine Schülerin, und ich bin dafür verantwortlich, dass ihnen nichts zustößt, in Hogwarts."

„Schön, Herr Lehrer!", sagte Tamara und breitete einladend die Arme aus. „Dann kümmern sie sich jetzt gefälligst um mich, bevor ich und meine Promille noch aus Versehen gegen eine Wand laufen."

„Tja – was macht man am Besten mit Betrunkenen?", sagte Snape nachdenklich. „Starker Kaffee? Eine kalte Dusche?"

„Die haben sie mir doch neulich schon gegönnt. Hat ihnen das Ergebnis so gut gefallen?", sagte Tamara anzüglich.

„Folgen sie mir in mein Büro!", sagte Snape kühl, und ließ die Tür zu seiner Wohnung schwungvoll ins Schloss fallen.

Tamara tappte ihm leicht schwankend hinterher.

Sie betraten den düsteren, mit allen möglichen Zaubertrankutensilien vollgestopften Raum, und Snape ging zielstrebig zu einem Schrank, dem er eine Flasche mit einem grünen, giftig aussehenden Inhalt entnahm. Er füllte einen kleinen Becher mit der ekligen Flüssigkeit, die zäh und ölig aus der Flasche lief. Diesen Becher hielt er Tamara vor die Nase.

„Austrinken!", sagte er barsch.

„Was ist das?", sagte Tamara misstrauisch.

„Ich wünschte, es wäre ein Trank, der sie die nächsten sechs Wochen in Tiefschlaf versetzt", sagte Snape ungeduldig, „aber in Wirklichkeit wird er nur ihren Alkoholexzess ein wenig relativieren."

„Sind sie sicher, dass sie mich nicht vergiften?", fragte Tamara mit einem angewiderten Blick auf das grüne Gebräu.

„Na ja, es kommt schon mal vor, dass man sich im Zutatenschrank vergreift – aber das wissen sie ja selbst", sagte Snape beiläufig.

Tamara sah ihn ungläubig an.

„Ich bin sicher!", bellte Snape. „Trinken sie endlich!"

Mit deutlicher Verachtung nahm Tamara einen kleinen Schluck.

„UUUHHHÄÄÄ! Das ist ja abscheulich!", sagte Tamara und würgte.

„Ich sagte nicht probieren und rummaulen – ich sagte AUSTRINKEN!", blaffte Snape sie an.

Tapfer setzte Tamara den Becher erneut an, und kippte das ganze Zeug auf einmal hinunter. Sie knallte den leeren Becher auf Snapes Schreibtisch und schüttelte sich am ganzen Körper.

„Das fällt schon fast unter Folter", keuchte sie.

Snape hielt ihr ein Glas Wasser hin, das sie entgegennahm, aber misstrauisch von allen Seiten begutachtete.

„Das ist nur Wasser!", sagte Snape vorwurfsvoll.

Tamara trank das Glas gierig aus.

„So – dann werde ich sie mal besser nach Hause bringen, solange sie noch laufen können", sagte Snape und machte eine einladende Handbewegung Richtung Tür.

„Was soll denn das heißen? Ich kann noch hervorragend laufen", sagte Tamara entrüstet. „Außerdem will ich nicht nach Hause. Ich will mit ihnen zusammen Abendessen."

„Ich fürchte daraus wird nichts", sagte Snape. „Sie werden in Kürze ...etwas unpässlich sein."

„Wie meinen sie...oh...!" Tamara begann mit einem Mal beträchtlich zu schwanken, und Snape musste sie die letzten Stufen der Kerkertreppe hinaufführen.

„Was passiert mit mir, Severus?", fragte sie verunsichert.

„Sie machen die Folgen ihres Alkoholkonsums nun konzentriert, praktisch im Zeitraffer durch", sagte Snape. „Danach werden sie sehr müde werden und viele Stunden schlafen. Wenn sie morgen früh aufwachen, werden sie sich fühlen, wie neu geboren."

„Dann bin ich wieder fit wie ein Turnschuh, und werde sie bei Verteidigung schlagen – sie werden schon sehen", nuschelte Tamara undeutlich und stützte sich schwer auf ihren Begleiter.

Ein paar Meter weiter schaffte sie es nicht mehr die Beine so voreinander zu setzen, dass sie sich wirklich vorwärts bewegte.

Snape zog seinen Zauberstab, um sie durch einen Mobilicorpus-Zauber weiter zu transportieren, aber als sie merkte, was er vorhatte fing sie lautstark an zu jammern.

„Neiiin, bitte nicht, das ist sooo entwürdigend – tun sie mir dass nicht an!", jaulte sie und klammerte sich an ihm fest.

„Ich muss unbedingt daran arbeiten, dem Trank noch etwas hinzuzufügen, das diese Wehleidigkeit unterbindet", stöhnte Snape gereizt.

„Tragen sie mich!", bettelte Tamara weinerlich. „Ich wiege fast gar nichts, und sie sind so ein starker Mann."

„Womit habe ich das verdient?", murmelte Snape. „Hören sie auf, sich in meinen Arm zu krallen, sonst kann ich sie nicht hochheben."

Sie kam seiner Aufforderung nach, um ihre Arme gleich darauf um seinen Hals zu winden.

Seufzend hob er sie hoch.

Als er mit seiner Last bei ihrer Wohnungstür ankam, war sie schon fast eingeschlafen.

Er lehnte sie vorsichtig gegen die Wand, und hielt sie mit einer Hand fest, während er mit der anderen Hand den Zauberstab hervorholte um die Tür zu öffnen, die sich jedoch dem Versuch wiedersetzte.

„Tamara! Haben sie ein Passwort für die Tür?", fragte er.

Tamara öffnete kurzfristig ein Auge, um es gleich wieder zu schließen, blieb aber stumm.

Snape schüttelte sie leicht.

Diesmal öffnete sie beide Augen.

„Das Passwort!", sagte Snape fordernd.

„Severus...", hauchte Tamara.

„Ich brauche ihr Passwort!", knurrte Snape, und schüttelte sie wieder.

„Se-ve-rus!", sagte Tamara wehleidig.

„Das ist ihr Passwort?", fragte Snape anklagend.

„Na und?", maulte Tamara.

„Sie sind verrückter, als ich dachte", schnaubte Snape.

Er öffnete die Tür und trug sie hinein bis in ihr Schlafzimmer, wo er sie vorsichtig auf dem Bett ablegte. Danach zog er ihr die schmutzigen Schuhe von den Füßen und deckte sie zu.

Als er sich von dem Bett entfernen wollte, krallte sie sich wieder an seinem Arm fest.

„... dableiben ... Hand halten ... eingeschlafen bin", murmelte sie undeutlich, und öffnete ganz kurz die Augen, um ihm einen flehenden Blick zuzuwerfen. „Bitte!"

Kopfschüttelnd setzte er sich auf den Bettrand.

Mit einem zufriedenen Seufzer zog Tamara seine Hand an sich und legte ihre Wange darauf.

Eine Minute später war sie bereits eingeschlafen.