7.Kapitel: "You remind me of home. A suburban town with nothing to do patiently waiting for something to happen."

"Ja, kommt doch erst mal rein."

Lisa wollte Rokkos Hand am liebsten nicht los lassen, musste es aber wohl, da er seine Mutter natürlich umarmen wollte. Seinem Vater gab er nur die Hand. Dann streckte Lisa ihre Hand zur Begrüßung Rokkos Mutter entgegen und sagte "Lisa". Renate Kowalski musterte Lisa von oben bis unten. Lisa biss sich nervös auf die Unterlippe und versuchte zu lächeln.

"Angenehm. Renate", ließ schließlich Rokkos Mutter vernehmen und nahm Lisas Hand.

Lisa drehte sich dann zu Rokkos Vater, der sie ebenfalls noch musterte. Dann verbeugte er sich aber leicht, nahm ihre Hand und deutete einen Handkuss an.

"Augustus, kurz, August Kowalski. Es freut mich, sie kennen zu lernen, Lisa."

Rokkos Augen wurden weit vor Erstaunen. Mit so einer fast überschwänglichen Reaktion auf Seiten seines Vaters hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Er legte seine rechte Hand auf Lisas Rücken und ging mit ihr hinein, nachdem sie ihre Schuhe ausgezogen hatten.

Auf dem runden Tisch im Wohnzimmer standen bereits vier Kaffeegedecke, sowie ein Rührkuchen. Rokko geleitete Lisa zu ihrem Stuhl und setze sich neben sie. Lisa rückte ihren Stuhl ein klein wenig näher an Rokko, damit sie möglichst nah bei ihm sitzen konnte, um jederzeit seine Hand ergreifen zu können. Sie sah zu Rokko und wurde mit einem aufmunternden Lächeln und Augenzwinkern begrüßt. Lisa lächelte dankbar zurück und fragte ihn flüsternd, ob er ihre Hand halten könne. Rokko nickte und umfasste Lisas kleine Hand mit seiner größeren und stärkeren.

Kowalskis betraten nun auch das Wohnzimmer und brachten Kaffee und den Blumenstrauß, den sie bereits in eine Vase gestellt hatten, aus der Küche mit. Augustus lächelte Lisa zu, Renates Mund war aber weiterhin eine schmale Linie. Lisa, die nicht wusste, was sie sagen sollte, nahm sich ein wenig Zeit, um zu gucken, wem seiner Eltern Rokko am ähnlichsten sah. Die dunklen Augen und Locken hatte Rokko von seinem Vater, seine Nase war aber eindeutig die seiner Mutter. Und die Lippen... hm, wohl auch eher von seiner Mutter, auch wenn Lisa das im Moment nicht wirklich beurteilen konnte, weil Renate immer noch sehr verkniffen drein blickte.

"Lisa?"

"Was?"

Man hatte sie wieder beim Träumen ertappt. Lisa wurde rot.

"Möchtest du Kaffee, mein Liebling?" fragte Rokko liebevoll.

"Ja, gern", lächelte Lisa Renate zu, die ihr den Kaffee einschenkte.

"Milch?"

"Oh nein, danke, ich trinke ihn heute schwarz."

"Ich trinke ihn auch immer schwarz", pflichtete ihr Augustus bei. "Da schmeckt er dann wenigstens ganz nach Kaffee."

"Ja."

"Möchten Sie ein Stück Kuchen, Lisa?"

"Dankeschön. Ich mag Rührkuchen sehr gern."

"Ja, also, guten Appetit."

"Danke gleichfalls," wünschten Rokko und Lisa gleichzeitig. Sie lächelten sich an und Rokko drückte ein letztes Mal Lisas Hand, bevor er sie losließ.

"Seid ihr gut durch den Verkehr gekommen?", fragte Augustus.

"Oh ja, sehr gut. Es gab keinen Stau und seit die neue Autobahn fertig ist, kommt man ja auch viel schneller hierher."

"Schön, schön. Gehört das Auto eigentlich euch?"

"Nein, in Berlin brauchen wir ja kein Auto. Das haben wir gemietet."

Wieder kam das Gespräch, das sowieso bisher nur zwischen Rokko und seinem Vater statt gefunden hatte wieder zum Stehen. Und so kam Renates Frage für alle ein wenig überraschend, wenn auch nicht unerwartet.

"Warum habt ihr ohne jegliche Familienmitglieder leise, still und heimlich geheiratet."

"Ähm, tja..." es war nun an Rokko und Lisa von der Blitzhochzeit zu berichten.

"Ja, Rokko hatte den Vorschlag gemacht, dass wir ja eigentlich heiraten könnten. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass ich auf der Stelle zustimmen würde."

"Nein, das nun wirklich nicht."

"Ja und dann ist er ganz romantisch vor mir niedergekniet und hat mich um meine Hand gebeten. Sehr romantisch. Da wollten wir dann auch keine Zeit mehr verlieren."

Lisa nahm wieder Rokkos Hand unter dem Tisch, drückte sie und lächelte ihm zu.

"Wir haben noch am Abend in einer kleinen Kapelle nahe unserer Wohnung geheiratet."

"Ach, wie in Las Vegas?", fragte Renate nach.

"Ja, genau."

"Ich habe auch Fotos von der Hochzeit dabei", mischte sich nun wieder Lisa in die Unterhaltung ein. "Moment."

Sie kramte in ihrer Tasche und holte eine flache weiße Schachtel hervor. Sie war mit roten Herzen bemalt und Lisa hatte in ihrer schönen geschwungenen Schrift "Rokko & Lisa" darauf geschrieben. Rokko hatte die Schachtel noch nie gesehen, sagte das aber nicht. Er freute sich, dass Lisa an Fotos gedacht hatte.

Lisa öffnete die Schachtel und zeigte den Kowalskis zunächst die Bilder, die direkt nach der Trauung gemacht worden waren.

"Sie tragen kein weißes Kleid", bemerkte Renate Kowalski spitz.

"Ja, leider, aber es ging ja alles so schnell." Lisa bemühte sich um eine gute Antwort, doch Renate schien nicht zufrieden.

"Wenn ihr euch mehr Zeit genommen hättet, hätte Lisa bei einer kirchlichen Trauung auch ein weißes Kleid tragen können."

Renate sah ihren Sohn vorwurfsvoll an. Rokko wusste nicht, was er darauf antworten sollte, also sprang Lisa ein.

"Ähm, ja, vielleicht holten wir das ja bald nach. Meine Eltern wären auch gern dabei gewesen. Und die Belegschaft fordert geradezu eine große Feier."

"Ja, ein Modeunternehmen eben", lächelte Rokko. "Unsere Nachwuchsdesignerin Hannah Refrat arbeitet auch schon an einem Kleid für Lisa."

"Ach, na dann können wir morgen früh gleich nach dem Gottesdienst das Aufgebot bestellen."

Lisas Augen wurden größer. Damit hatte sie nun nicht gerechnet. Sie suchte nach einer Ausrede. "Da wäre unser Dorfpfarrer in Göberitz aber traurig. Er freut sich seit meiner Taufe darauf, mich irgendwann vermählen zu können."

"Katholisch?"

"Natürlich. Meine Großeltern väterlicherseits kamen aus dem Sudetenland. Daher bin ich katholisch erzogen wurden, obwohl es mehr protestantische Kirchen in der Gegend gibt."

Renate schien zunächst zufrieden mit der Antwort.

"Ich hab auch noch andere Fotos dabei - wenn sie die vielleicht auch sehen möchten?"

"Natürlich", antwortete Augustus freundlich neben ihr. "Zeigen Sie die uns mal, Lisa. Wir sehen ja sonst nicht so viel von Rokko."

Rokko war genau so gespannt, welche Fotos nun zum Vorschein kämen. Er war sich nicht bewusst, dass es viele von ihm und Lisa gab.

"Ja, die hier sind vor ein paar Tagen auf der Präsentation einer anderen Modefirma entstanden."

"Lisa, hier sehen sie aber sehr blass aus. Rokko, du musst besser acht auf deine Frau geben!"

"Er konnte gar nichts dafür. Ich bin mitgegangen, obwohl es mir an diesem Tag nicht gut ging. Rokko wollte eigentlich, dass ich im Bett bleibe. Aber ich wollte mich nicht mal für zwei Stunden von ihm trennen."

"Ach, junge Liebe ist so was schönes!"

"Papa? Geht's dir nicht gut?"

Rokko war mittlerweile ernsthaft besorgt um seinen Vater. So hatte er ihn noch nie erlebt. Und auch Renate sah ihn erstaunt an.

"Rokko, auch ich war mal jung und verliebt und frisch verheiratet."

"Ach, und jetzt bist du nicht mehr verliebt?", wollte Renate empört wissen.

"Doch, doch, mein Schatz." Augustus legte beruhigend seine Hand auf Renates. "Aber eben nicht mehr jung."

Lisa lächelte Rokko an, der von den plötzlichen Liebesbekundungen seines Vaters überrascht war.

"Ja, und hier hab ich noch Fotos von Rokkos und meinem ersten Date. Wir sind damals zum Minigolf gegangen."

Lisa reichte auch diese Fotos wieder an Augustus weiter. Rokko lehnte sich neugierig nach vorn, um die Fotos besser betrachten zu können. Darauf war er noch mit Bart zu sehen. Auf einem Foto war er kurz vor dem Abschlag, auf einem anderen umarmten er und Lisa sich gerade. Das musste gewesen sein, nachdem er ihr von ihrem Erfolg berichtet hatte. Und auf dem letzten Bild sagte er ihr wohl gerade, dass er sie liebte.

"Ich wusste gar nicht, dass du davon Fotos hast..."

"Ja, mein Liebling, bisher waren die auch in meinem Tagebuch. Aber ich dachte, dass deine Eltern die vielleicht auch gern sehen wollten."

Rokko lächelte sie an und küsste sie kurz und sanft.

Nach dem Kaffee gingen sie mit ihren Reisetaschen die Treppen hinauf in Rokkos altes Kinderzimmer, das als Gästezimmer fungierte. Rokko schloss schnell die Tür hinter sich und ließ sich auf das Bett fallen, auf dem Lisa auch schon saß.

"Lisa, es tut mir leid, meine Eltern sind nicht so herzlich wie deine... vielleicht war es eine dumme Idee herzukommen."

Lisa rückte näher an ihn ran, drehte sich auf ihre Seite und legte einen Arm um Rokko.

"Ach, dein Papa war doch sehr charmant."

"DAS kommt ja noch hinzu. Vollkommen irrationales Handeln bin ich von meinen Eltern nicht gewohnt. Mein Vater hat vor mir noch nie von Liebe gesprochen. Sein Handeln war für mich bisher immer vorhersagbar gewesen. Er hat mich noch nicht mal richtig kritisiert. Irgendwas ist da faul..."

"Was soll denn faul sein?" grinste ihn Lisa an.

Rokko strich vorsichtig über Lisas Haare. "Vielleicht bist das auch du. Nein, ich bin mir sicher, dass es an dir liegt. Dein Charme hat ihn verzaubert."

"Vielleicht hat er auch einfach akzeptiert, dass du großartig bist und der beste Sohn, den sie sich wünschen könnten."

"Wohl kaum."

"Rokko... sieh mich an." Lisa sah den Schmerz in seinen Augen. "Alles wird gut. Gemeinsam sind wir stark."

Sie sahen sich eine Weile an und hielten sich fest. Dann bildeten sich leichte Sorgenfalten auf Lisas Stirn.

"Was ist, Kleines?"

"Nur deine Mama scheint mich nicht zu mögen..."

"Ach, das bildest du dir ein."

"Sie hat nicht ein mal gelächelt."

"Das kommt sicher noch. Ich glaube, sie mag dich. Ich weiß, dass sie gar nicht anders können wird, als dich zu mögen."

"Danke. Du bist lieb."

Sie lagen noch eine Weile so auf Rokkos Bett. Lisas Augen streiften durch das Zimmer.

"Sag mal, ist hier noch irgendwas aus deiner Kindheit?"

"Ja, Moment."

Rokko löste sich aus der Umarmung und richtete sich im Bett auf. Er beugte sich nach unten und zog eine Kiste unter dem Bett hervor. Er setzte sich davor auf den Boden und Lisa folgte ihm.

"Hierin ist alles, was mir wirklich was bedeutet hat."

"Mach auf!"

Lisas Augen leuchteten ungeduldig.

Rokko grinste sie noch mal an und machte sich dann daran die Kiste zu öffnen. Er holte ein paar Comichefte hervor (Spiderman - Lisa musste grinsen), ein Fernrohr ("Damit war ich als Pirat auf allen sieben Weltmeeren unterwegs!"), einen Gedichtband von Erich Fried (worüber sich Lisa sehr freute), eine alte Lomo-Kamera und einen Teddy.

Lisa nahm den Teddy in den Arm.

"Na, du Kleiner? Hat Rokko dich hier einfach zurückgelassen?"

Lisa pustete den Staub vom Teddy und gab ihm einen Kuss auf die Teddystirn.

"Hm, irgendwer meinte mal, ich wäre zu alt für Teddybären. Manchmal hätte ich ihn aber schon gern dabei gehabt."

"Herr Kowalski, als Ihre Chefin kann ich ihnen anvertrauen, dass man bei Kerima nie zu alt für Teddybären ist."

Lisa grinste ihn an und fuhr fort: "Wie heißt er denn?"

"Der hat keinen Namen. Teddy einfach."

"Keinen Namen!"

"Nein. Möchtest du ihm einen geben?"

"Aber nur, wenn er dann auch mit uns nach Berlin kommt. Ich würde mich sonst ganz schlecht fühlen."

"Okay", lächelte Rokko.

Lisa beugte sich zum Teddyohr hinunter und flüsterte dem Teddy einen Namen ins Ohr.

"Erfahre ich auch, wie er heißt?"

"Vielleicht. Willst du es wirklich wissen?"

Rokko überlegte. Ob Lisa den Teddy David nennen würde? Dann wollte er das natürlich nicht wissen. Trotzdem nickte er.

"Ich habe den Teddy so eben auf den Namen "Rokkolito" getauft. Er findet den Namen toll."

Rokko lachte.

"Okay. Damit kann ich gut leben."

"Sag mal, die alte Lomo hier... funktioniert die noch? Und hast du vielleicht einen Film da?"

"Hm, keine Ahnung, ich geh mal unten gucken."

Schon war er aufgesprungen, hüpfte die Treppe hinunter und kam kurze Zeit später mit einem Film zurück. Rokko nahm Lisa die Kamera ab und legte den Film ein.

"So, wenn sie funktioniert kannst du heute sieben Mal abdrücken. Ist ein 28er Film. Aber was willst du eigentlich fotografieren?"

"Uns natürlich! Ich hab vorhin mit Schrecken fest gestellt, wie wenig Schnappschüsse es von uns beiden gibt. Fast alle Fotos sind von professionellen Fotografen gemacht. Und so schön sie sind, so langweilig sind sie meistens leider auch. Nur wenn du willst..."

"Gern. Gib mal her, dann mach ich gleich welche von dir und dem Teddy."

Lisa gab ihm die Kamera und drückte den Teddy an ihr Gesicht. Als Rokko den Auslöser drückte, gab Lisa dem Teddy einen Kuss und grinste dann in die Kamera.

"Sehr schön! Und nun noch..."

"Nein, nicht mehr! Ich will nur noch Fotos mit dir machen. Komm mal her. Wenn wir ganz eng zusammenrücken und du die Kamera weit weg hältst, müsste es klappen."

Rokko stand auf, reichte Lisa seine Hand und zog sie hoch. Dann pressten sie ihre Wangen aneinander und lachten beide, als Rokko den Auslöser drückte. Lisa wandte sich schnell zu ihm und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Sie lachten immer noch, als das letzte Foto gemacht wurde. Als sie sich beruhigt hatten, packte Lisa die Kamera in ihre Umhängetasche.

"Zeigst du mir ein bisschen was von Pinneberg? Ich will sehen, wo du aufgewachsen bist. Du kennst Göberitz mittlerweile schließlich auch ganz gut."

Rokko nickte. Zusammen gingen sie hinunter, sagten Renate bescheid, verabredeten sich für später in einem Restaurant und verließen dann das Haus.

Rokko zeigte ihr seinen Lieblingskletterbaum, den Jugendclub, in dem er und ein paar Freunde eine Band gegründet hatten und schließlich das Gymnasium, auf dem Rokko sein Abitur gemacht hatte. Der Schulhof war nicht abgeschlossen, so dass sie darauf konnten. Rokko nahm Lisas Hand und führte sie in eine Ecke, in der einige Bänke rund um einen Baum standen.

"Hier war ich oft in den Pausen. Das war so die Ecke für Außenseiter wie mich und meine Freunde. Wir waren die, die nie so richtig zu den Beliebtesten zählten, die aber trotzdem nicht gemobbt wurden."

Lisa setzte sich auf die Bank und sah sich um.

"Genau da, wo du jetzt sitzt, hab ich auch immer gesessen", grinste Rokko.

"Ja, das kann ich sehen."

"Wie?"

"Guck mal: Das eingeritzte Herz muss von dir sein: Rokko und Nelly. Wer war denn Nelly?"

"Oh, achso,..." Rokko lachte leicht nervös. "Nelly war meine erste große Liebe. Die Beziehung dauerte nicht lange. Gerade mal eine Woche - danach hat sie mich für einen rosa Armreif verlassen. Wir waren 12."

"Ja, und diese Dummheit hab ich später auch immer bedauert..."

"Nelly!"

Eine junge Frau mit lockigen braunen Haaren und einem sympathischen Lächeln war unbemerkt an sie heran getreten. Rokko umarmte sie schon, während Lisa von der Bank aufstand und ihren Rock glatt strich.

"Rokko Kowalski - mit die hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Was treibt dich her?"

"Die Liebe." Er lachte und nahm dann Lisas Hand. "Das ist meine wunderschöne Frau Lisa. Lisa das ist Nelly - die Herzensbrecherin."

Die beiden Frauen begrüßten sich mit einem Lächeln.

"Ja, wir sind hier, weil meine Eltern endlich Lisa kennenlernen wollten. Wir haben Anfang des Monats spontan geheiratet. Na ja, und weil keine Familie dabei war, müssen wir das eben jetzt nachholen."

"Wow! Herzlichen Glückwunsch! Ich wünsch euch alles Gute."

Wieder umarmte Nelly Rokko, und dann auch Lisa.

"Danke. Und du? Wie geht's Niels?"

"Wir sind immer noch verlobt, wollen dann aber auch endlich nächstes Jahr heiraten."

Nelly strahlte und hielt ihren Hand mit dem Verlobungsring hoch.

"Nach 10 Jahren Verlobung kann man dann wirklich irgendwann heiraten."

"Haha. Du warst ja schon immer der Spontanste und Verrückteste von uns allen. A propos... wir proben gerade für das Klassentreffen im April. Habt ihr vielleicht Lust kurz mitzukommen? Die anderen Bandmitglieder würden sich sicher auch freuen, unseren Bandleader wiederzusehen."

"Wirklich? Ihr probt. Lisa, meinst du, wir könnten kurz mit? Vielleicht eine halbe Stunde?"

Rokko sah sie bittend an.

"Klar! Ich hab dich noch nie als Rocker erlebt", lachte Lisa.

"Oh, Nelly, könntest du vielleicht vorher noch kurz ein Fotos von mir und Lisa mit der Lomo machen?"

"Gern. Am besten setzt ihr euch auf die Bank. Ja, genau so. Okay 1 - 2 - 3. Lächeln!"

Aber anstatt zu lächeln küsste Rokko seine Lisa sanft, was sie wiederum zum Strahlen brachte.

"Awwww, ihr seid so süß", schwärmte Nelly, als sie Rokko die Kamera zurückgab.

Lisa drückte Rokkos Hand. Dann gingen sie gemeinsam zum Clubhaus, während Rokko Nelly von seinen zwei Jahren in Berlin erzählte - über Kerima, darüber, wie er Lisa kennengelernt hatte und darüber, dass er nun wohl doch endlich sein Vagabundenleben aufgegeben hätte.

Im Club wurde er von den anderen ebenfalls stürmisch begrüßt und umarmt. Natürlich stellte er auch hier wieder stolz Lisa als seine Frau vor. Man überredete ihn dazu, einen alten Song zu spielen und Lisa setzte sich grinsend auf eine Couch am Bühnenrand. Rokko borgte sich eine Gitarre von Niels, Nellys Verlobtem und Rokkos besten Schulfreund Nelly selbst stand am Keyboard, Tom, ein junger Mann mit einer wilden blonden Lockenmähne, saß am Schlagzeug und Stefanie, eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren spielte den Bass. Sie einigten sich auf einen Song - Lisa konnte nicht verstehen, was sie besprachen. Sie stimmten kurz ihre Instrumente auf einander ab, dann kam Rokko zum Mikro.

"Das ist für die Liebe meines Lebens - Lisa Kowalski", grinste er und sah sie aber mit sehr ernsten Augen an.

Schon mit den ersten Takten erkannte Lisa das Lied. "The First Time" von U2. Und als Rokko so ruhig zu singen begann, rollten Lisa die ersten Tränen über die Wangen.

"I have a lover - a lover like no other.

She feels soul, soul, soul, sweet soul - and she teaches me how to sing.

Shows me colours when there's none to see.

Gives me hope when I can't believe

That for the first time I feel loved."

Ihr Herz begann schneller zu schlagen und sie strahlte. Rokko legte viel Gefühl in den Song - er hoffte noch immer, dass Lisa David irgendwann vollkommen vergessen würde. Der ganze Nachmittag hatte sich bereits wundervoll angefühlt. Davids Schatten hing nicht wie sonst über ihnen. Aber so weit war er schon mal mit Lisa gewesen, dass er geglaubt hatte, sie könne nur noch ihn, nur noch Rokko lieben. Wenige Tage später hatte er ihr den Heiratsantrag gemacht, den sie abgelehnt hatte. "Ich kann nicht Rokko. Ich liebe David zu sehr", hatte sie ihm gesagt und ihn verlassen. Heute, ein Jahr danach, schöpfte Rokko erneut Hoffnung.

Als er fertig war, nahm er die Gitarre ab und ging zu Lisa. Die umarmte ihn fest und flüsterte ihm ins Ohr: "Danke. Das war wunderschön." Sie küssten sich innig und verabschiedeten sich schnell, weil sie zu der Verabredung mit Rokkos Eltern eilen mussten. Hand in Hand liefen sie durch den Regen, der gerade eingesetzt hatte und kamen schließlich an dem Tisch an, an dem Rokkos Eltern bereits saßen. Und während Renate Kowalski wieder Lisa von oben bis untern mit gerunzelter Stirn musterte, lächelte ihr Augustus fröhlich zu und stand sogar auf, als sie den Tisch erreich hatten, um Lisas Stuhl für sie hervorzuziehen.

Von den anderen anwesenden Pinnebergern wurden sie neugierig beguckt und manch einer erkannte die Mehrheitseignerin Kerimas und den PR-Chef, der ein echter Pinneberger war. Die Fotos von der Präsentation hatten es auch bis hierher geschafft. Und so holte sich ein Mädchen sogar ein Autogramm von den beiden, was ihnen merklich peinlich war.

Sie verbrachten einen angenehmen Abend mit seinen Eltern und sogar Renate lachte ab und zu, als Rokko und Lisa von den Angestellten bei Kerima erzählten. Lisa hoffte sehr, dass Renate sie irgendwann auch leiden könnte. Augustus hatte ihr im Laufe des Abends sogar das Du angeboten, dass sie dankbar annahm. Nach dem Essen nahm Rokko Lisas Hand und ließ sie den ganzen Abend nicht mehr los.

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aus: "You remind me of Home" (Ben Gibbard)