Kapitel 7: Kopiergeräte und Mensaessen

Es verging fast eine Woche ehe Draco wieder auf James traf. Am Freitag hätten sie zwar zusammen Vorlesung gehabt, aber James war nicht erschienen. Später hatte Draco erfahren, dass James eine Sitzung mit etwas, das er Fachgruppe nannte, gehabt hatte und deshalb nicht hatte kommen können. Allerdings fragte er noch vor Ende der nächsten Vorlesung mit einer Selbstverständlichkeit, die Draco an Potter erinnerte, ob er dessen Vorlesungsnotizen kopieren konnte. Nur mit Mühe gelang es Draco nicht sein Gesicht zu verziehen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit hatte Potter immer in Hogwarts Hermine um ihre Notizen gebeten.

„Komm schon Draco. Es ist doch nichts dabei, wenn du mir kurz deine Notizen leihst, damit ich sie mir kopieren kann." James und Draco gingen nebeneinander durch die langen Gänge der Uni. Die Sonne schien zu den grossen Fenstern herein und liess den roten Fliesenboden seltsam glänzen. Überall standen Stellwände mit Texten und Bildern. Bilder von irgendwelchen Journalisten, daneben Folteropfer, aber auch Frauen beim Wasser holen und Bilder aus Kriegsgebieten.

„Was ist das?" fragte Draco und trat an eine der Wände heran um den Text, der unter den Bildern stand, durchzulesen. James war neben ihn getreten und betrachtete die Fotos. Die Texte hatte er gleich nach dem die Wände vor einigen Tagen aufgestellt worden waren, gelesen. „Das ist eine Aktion der Medienwissenschaften", erklärte er, nachdem Draco den Text über die mangelnde Pressefreiheit in Angola zu Ende gelesen hatte. „Die hier vorgestellte Organisation nennt sich ‚Reporter ohne Grenzen' und beschäftigt sich hauptsächlich mit der Pressefreiheit und allem, was damit zusammenhängt."

James überlegte kurz und suchte in seiner Tasche nach einem Zettel und einem Stift. Alles was er fand, war die alte Quittung eines Einkaufs in der Migros. Das musste reichen. Während ihn Draco misstrauisch beobachtete, hielt James den Zettel gegen die Stellwand und schrieb in Druckbuchstaben ‚' darauf und gab Draco anschliessend den Zettel. „Hier. Das ist die Homepage der Organisation. Wenn du magst, kannst du dich dort genauer darüber informieren", erklärte er und grinste schief.

Draco grummelte etwas Unverständliches und faltete den Zettel sorgfältig zusammen, bevor er ihn in seine Hosentasche steckte. Manchmal konnte James unglaublich nervend und penetrant sein und doch war er irgendwie nett. Nett, auf eine ganz eigene, besondere Art. Draco beobachtete von der Seite, wie sich James die Haare aus der Stirn strich. „Die Kopien können wir auch später noch machen. Ich muss jetzt erst etwas zu essen haben. Du kommst doch mit in die Mensa."

Erst als James ihn am Arm packte und einfach mit sich zog, wurde Draco klar, dass die Frage, ob er in die Mensa mitkommen würde, eigentlich keine Frage, sondern eine Aufforderung, ein Beschluss, gewesen war. Er hatte nicht wirklich die Wahl, ob er in die Mensa mitwollte oder nicht. Er musste mit, weil James das so beschlossen hatte und Draco war sich nicht sicher, ob er sich darüber freuen sollte, weil ihn James ganz selbstverständlich mitnahm oder ob er sich ärgern sollte, weil der Andere so offensichtlich über seinen Kopf hinweg entschieden hatte. Am Schluss siegte aber die Neugier. Wenn er schon hier leben musste, dann konnte er genauso gut auch das tun, was Studenten normalerweise taten und anscheinend gehörte es dazu in der Mensa zu Mittag zu essen.

Nebeneinander gingen sie die breite Treppe hinab, die sich in einem halben Bogen nach unten wand. Direkt an ihrem Fuss hing ein schwarzer Kasten an der Wand, der in roten Ziffern anzeigte, welche Nummer gerade einen Termin im Studiensekretariat hatte. Gleich gegenüber, links neben dem Ausgang, stand eine Reihe Bildschirme mit Tastaturen, an denen man auf das Netz der Uni zugreifen konnte und an der rechten Wand flimmerten in einer riesigen Projektion die gerade laufenden und noch geplanten Veranstaltungen und Vorlesungen zusammen mit den Raumnummern und den Dozenten.

Auf den niedrigen Tischen vor der Fensterfront lagen Broschüren und Zeitungen, während draussen ein flacher Brunnen zu sehen war. James liess Draco keine Zeit sich in dem Teil des Kollegienhauses genauer umzusehen, sondern steuerte direkt die Tür an.

Kurze Zeit später standen sie auf dem Platz mit den Bäumen, der Draco schon am ersten Tag aufgefallen war, wenn da auch eher negativ. Inzwischen war er ihm aber fast ein wenig vertraut. Sie überquerten ihn diagonal, vorbei an Bänken auf denen Studenten mit Plastikschalen sassen, in denen sich ihr Mittagessen befand und vorbei an ein paar ballspielenden Kindern. Am Ende des Platzes, dort, wo sich der Botanische Garten und der Anfang des Bibliothekgebäudes befanden, stand ein grosser Lastwagen direkt an einer Absperrung und schien irgendwelche Sachen abzuladen. Direkt daneben teilte ein grosses, weisses Schild mit, dass hier eine Wohnung zu vermieten sei.

Draco konnte sich nicht daran erinnern, dass die Absperrung und das Schild schon in der vorherigen Woche dort gestanden hatten. Andererseits hatte er damals nicht so richtig auf seine Umgebung geachtet und die Vorlesung zur Aussenwirtschaftstheorie war die einzige, die er im Kollegiengebäude hatte.

Der Rest fand in den über die ganze Stadt verteilten Instituten der Uni statt. Ein Umstand, der Draco sehr mühsam vorkam, vor allem, da er weder apparieren noch flohen konnte. Währenddessen erzählte James von der Fachgruppensitzung, die er hatte besuchen müssen und von dem Plan ein Theaterstück aufzuführen.

Den ganzen Weg über musterte Draco James immer wieder heimlich von der Seite. Wenn man verdrängte, dass er Potter zum Verwechseln ähnlich sah und einen etwas aufdringlichen Charakter besass, dann hätte man ihn fast als attraktiv bezeichnen können. James war schlank, aber nicht dünn und schien regelmässig Sport zu treiben. Die Jeans und das etwas zerschlissene T-shirt wirkten auf eine nachlässige Art ausgesprochen sexy. Am Auffallendsten waren aber die grünen Augen, die vor Schalk und Lebensfreude nur so zu blitzen schienen.

Draco wusste zwar schon seit seinem siebten Jahr in Hogwarts, dass er schwul war und er hatte lange an dieser Tatsache zu knabbern gehabt. Schliesslich hatte er sich aber damit abgefunden, genauso, wie er sich damit abgefunden hatte, dass er nach dem Studium eine reinblütige Hexe heiraten und mit ihr einen Erben würde zeugen müssen. Das gehörte eben zu seinen Pflichten als Angehöriger der Familie Malfoy. Es war seine Pflicht den Familiennamen weiterzugeben, genauso wie er nach dem Studium in die Geschäfte seines Vaters einsteigen würde um sie später, zu einem geeigneten Zeitpunkt, vollständig zu übernehmen und weiterführen.

Aber hier war er in der Muggelwelt. Er hatte keinerlei Verpflichtungen und gerade sein Name war hier vollkommen unbekannt. Es gab nichts und niemand, der ihn darin hindern könnte, James etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und dieser war es durchaus wert ihm einen zweiten und auch einen dritten Blick zu widmen.

Draco war so in seine Überlegungen vertieft gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, dass sie die Mensa bereits erreicht hatten. Ein schmaler Weg, der links und rechts in der Mitte von zwei Nischen gesäumt war, in denen Steinbänke standen, führte zum Eingang. Davor und auch in den Nischen standen einige Studenten beisammen, unterhielten sich und rauchten nebenbei. Als Draco der Qualm einer Zigarette in die Nase stieg, begann er zu husten. Was fanden die Muggel nur daran?

Ein junge Frau mit kurzen, krausen Haaren hielt ihm ein Heft hin, auf dem ‚Studiversum' zu lesen war. Draco lehnte bestimmt ab und ignorierte sie, während James nach dem Heft griff und sich freundlich lächelnd bedankte. Wenig später hatten sie sich auch schon durch die Tür gedrängt, was sich als gar nicht so einfach herausgestellt hatte. Von den beiden Türhälften liess sich nur eine öffnen und ständig strömten ihnen Studenten, aber auch Leute, von denen sich Draco ernsthaft fragte, was sie in der Mensa der Uni zu suchen hatten, entgegen.

Einen Augenblick lang war er versucht umzukehren und schleunigst nach Hause zu gehen und dort dieses nette flache Ding, das die Muggel Tiefkühlpizza nannten, in den Ofen zu schieben, aber James stand bereits vor den Schaukästen mit den verschiedenen Gerichten und winkte ihn ungeduldig zu sich.

In drei Glaskästen, die vor einer riesigen, mit Zetteln und Plakaten übersäten Wand standen, waren auf zwei Etagen verschiedene Gerichte angeordnet. Mit Staunen nahm Draco zur Kenntnis, dass der obere Rand der Kästen blau, gelb oder grün war und, dass diese Farben anscheinend eine besondere Bedeutung hatten.

Da gab es Fisch in irgendeiner asiatisch klingenden Sauce, Geschnetzeltes mit Bratkartoffeln, Salat, Spaghetti mit zwei verschiedenen Saucen, einen vegetarischen Gemüsehaufen und etwas, das wie Kartoffelstock mit Würstchen und ein wenig Gemüse aussah. Im blauen Kasten stand zusätzlich noch ein kleines Schälchen mit Schokoladencreme.

„Ich sehe mich im Untergeschoss", erklang neben ihm James Stimme. Fragend sah ihn Draco an und nun kostete es ihn doch ein wenig Überwindung zu fragen, was die Farben zu bedeuten hatten und warum sich James im Untergeschoss sah. Irgendwie war es einfacher gewesen Hermine zu fragen.

„Also, die beiden Gerichte im blauen Kasten gibt es im Untergeschoss. Der Fisch ist die Heute-Aktion, während das Pferdegeschnetzelte das Tagesmenu ist. Dazu gibt es entweder Salat oder Gemüse und eine Suppe oder 1 dl Orangensaft. In der Cafeteria im Erdgeschoss bekommst du die Sachen im gelben Kasten. Also entweder Spaghetti mit einer der beiden Saucen zur Auswahl oder ein Teller Salat selber am Buffet zusammen gestellt. Der grüne Kasten gehört zum Obergeschoss. Dort gibt es entweder Kreativ-vegetarisches Essen. Hier gehören wieder Suppe und Salat dazu, oder aber das Biomenu, das nach Gewicht abgerechnet wird." James verstummte und sah Draco erwartungsvoll an. Er hatte Hunger und wollte so schnell wie möglich sein Essen holen gehen.

Biomenu. Draco hatte keine Ahnung, was damit gemeint sein könnte, aber irgendetwas hielt ihn davon ab James jetzt zu fragen. Vielleicht die winzige Furcht, dass das in eine sehr lange und komplizierte Erklärung ausarten würde. Hermine würde die Frage sicher ebenso gut und wahrscheinlich sogar noch ausführlicher beantworten können. „Ich schliesse mich dir an", meinte Draco schliesslich und hoffte einfach, dass James den Fisch und nicht das Pferdefleisch nehmen würde.

Gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter und schon auf halbem Weg begann die Tiefkühlpizza wieder sehr attraktiv zu werden. Die Schlange vor dem Eingang stand bis zur Hälfte der Treppe und das Treppenhaus hallte nur so von verschiedenen Stimmen. Ab und zu hörte man den Klingelton eines Handys.

„Sieht es hier immer so aus?" brachte Draco nur noch fassungslos hervor. Er hatte angenommen, dass das Mittagessen in der Mensa zum Studentenalltag dazugehörte, aber irgendwie war er nicht auf die Idee gekommen, dass er würde Schlange stehen müssen, dass er würde warten müssen, bis er etwas zu essen bekam.

„Warst du etwa noch nie in einer Mensa?" fragte ihn James erstaunt, nachdem er Dracos entgleiste Gesichtszüge gesehen hatte. Draco fluchte innerlich. Bevor er hierher gekommen und sein ganzes Leben aus den Fugen geraten war, hatte er sich immer unter Kontrolle gehabt. Niemand hatte ihm jemals angesehen, wenn er erstaunt oder wütend gewesen war oder sich über etwas gefreut hatte und hier gelang es James anscheinend mühelos in seiner Miene zu lesen.

Stumm schüttelte er den Kopf und starrte stur auf die Stufen vor seinen Füssen. „Je nach dem für welches Essen du dich entschieden hast, gehst du zum Eingang links oder rechts. Rechts, da wo die Schlange steht, ist das Tagesmenu. Direkt am Eingang nimmst du dir ein Tablett, Besteck und Servietten und folgst dann einfach den Anderen. Was wolltest du eigentlich essen?" „Fisch", gelang es Draco gerade noch so zu krächzen.

Er sollte sich ein Tablett nehmen und sich selber bedienen? Er konnte sich nicht einfach an einen Tisch setzen und wurde von einem Kellner bedient? In der Mensa herrschte Selbstbedienung? Irgendwie wollte das nicht so wirklich in seinen Kopf hinein. „Dann komm einfach mit mir. Ich wollte ja eigentlich das Geschnetzelte essen, aber die Schlange ist mir zu lang. Beim Fisch steht fast niemand." Mit diesen Worten ging James weiter die Treppe hinunter, schlängelte sich immer wieder eine Entschuldigung murmelnd zwischen den anstehenden Studenten hindurch und hatte schon bald den Eingang erreicht.

Draco blieb nichts andere übrig als ihm zu folgen und sich ebenfalls ein Tablett und Besteck zu nehmen. Hinter der Essensausgabe standen zwei Frauen mit weissen Handschuhen und Mützen, die nichts anderes zu tun schienen, als Essen aus grossen Behältern auf Teller zu schöpfen.

James stellte ein kleines Schälchen mit einer roten Suppe auf sein Tablett und als ihm die Frage ‚Mit Gemüse?' gestellt wurde, nickte er. Draco tat es ihm gleich. Als er allerdings noch gefragt wurde, wie viel Sauce er wolle, konnte er nur hilflos mit den Schultern zucken. Ein kleiner Kleks auf dem Tellerrand wurde mit einem kleinen, mehrfach gefalteten Stück Papier weggewischt und er folgte James zur Kasse.

Mit Mühe fand er schliesslich einen gelben Schein in seinem Portemonnaie und reichte ihn der Kassiererin, die ihm eine grosse und eine kleine Münze zurückgab. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis er sich an das Muggelgeld gewöhnt hatte.

Als sich Draco in dem grossen Raum, der etwas von einer Höhle hatte, umsah, schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. Wenn sein Vater ihn jetzt sehen könnte. So, wie er hier stand, in Muggelkleidung, das Tablett mit seinem Essen in der Hand in einem Saal, der mit langen weissen Tischen und orangen Plastikstühlen eingerichtet war und dessen Wände eine seltsam grüne Färbung hatten, er würde ihn wahrscheinlich nicht mehr kennen wollen oder direkt aus der Familie verstossen, wenn er nicht schon vorher wegen eines Herzinfarkts im St. Mungos landen würde. Und anschliessend, nachdem er ihn verstossen haben würde, würde er, immer noch fassungslos, darüber nachdenken, wo er jetzt einen Erben herbekäme. Jemanden, der später seine Geschäfte würde übernehmen und den Namen Malfoy würde weiterführen können.

Unwillkürlich musste Draco grinsen, als er das Tablett auf einem der Tische abstellte. Die Vorstellung, wie sein Vater auf das alles hier reagieren würde, hatte plötzlich etwas sehr komisches.

„Darf ich erfahren, was so lustig ist?" fragte James, während er sich setzte und die Suppe zu sich heranzog. Draco griff ebenfalls zum Löffel, tauchte ihn langsam in die rote Masse und kostete von der Suppe. Sie war heiss und schmeckte erstaunlich gut. Wenigstens gab ihm das einen kurzen Moment um nachzudenken. Was sollte er James sagen? Die Wahrheit? Wenn ja, wie viel konnte er erzählen ohne zu viel zu verraten? Immerhin war James ein Muggel und wusste nichts von der magischen Welt. Schliesslich gab sich Draco einen Ruck. Es würde schon nichts schaden, wenn er James ein wenig von seiner Familie erzählte.

„Ich habe mir nur vorgestellt, wie mein Vater reagieren würde, wenn er mich jetzt so hier sehen würde." Draco nahm noch einen Löffel von seiner Suppe. „Was ist daran denn so aussergewöhnlich? Millionen Studenten essen täglich in einer Mensa."

Natürlich hatte James irgendwo Recht. Millionen Muggel assen täglich in einer Mensa, aber ein Malfoy eben nicht. Ein Malfoy ass für gewöhnlich eben nicht in der Mensa. Draco ass einen weiteren Löffel Suppe. „Ein Malfoy isst normalerweise nicht in der Mensa. Ein Malfoy isst gewöhnlich zu Hause an einer langen Tafel mit weissem Damasttischtuch und edlem Porzellan und wird von einem Butler und einem Sommelier bedient." Draco stellte die leere Suppenschüssel zur Seite.

„Deine Familie ist so reich?" fragte James fast ein wenig zu ruhig, während er vorsichtig ein Stück Fisch von dem Holzspiess löste, auf dem es steckte. „Alter schottischer Adel", antwortete Draco in einem Ton, der deutlich machte, dass er nicht über seine Familie reden wollte. Ungerührt schob James das Stück in den Mund, kaute, schluckte und bemerkte dann: „Der Fisch war auch schon besser. Und warum studierst du dann hier und nicht an einer bekannteren Uni?"

In der Zwischenzeit hatte Draco ebenfalls von dem Fisch gekostet und verzog kurz das Gesicht, bevor er zu seinem Wasserglas griff. Der Fisch schmeckte doch sehr stark nach Fisch und die Sauce war nicht so ganz sein Fall. Irgendwie sehr scharf und seltsam süss. Er spürte genau, wie ihn James beobachtete, während er sein Wasser trank. Wie er ihn beobachtete und immer noch auf die Antwort auf seine Frage wartete. Ganz kurz schoss es Draco durch den Kopf ihn anzufahren, dass es ihn jawohl nicht anginge, warum er hier studierte und nicht an einer anderen Uni, doch so schnell wie der Gedanke gekommen war, so schnell verschwand er auch wieder.

„Hier kann ich wenigstens in Ruhe studieren, ohne dass mich jemand kennt, ohne dass mich jemand nach meinem Namen beurteilt." James nickte. Auch wenn er es Draco nicht sagte, so war das doch auch der Grund, warum er hierher gekommen war, warum er sich hier vor allen Leuten, die ihn kannten, versteckte, warum er England verlassen hatte und irgendwie konnte er den Anderen verstehen. Er hätte nur nie gedacht, dass es ausgerechnet Draco in der Beziehung so ähnlich wie ihm gehen könnte.

Eine knappe halbe Stunde später stellten sie die Tabletts auf das Laufband und warfen ihre Servietten in den bereitstehenden Abfalleimer. Draco hatte den halben Fisch zurückgelassen, während auf James Teller noch ein paar einsame, halbzerdrückte Erbsen lagen.

„Normalerweise ist das Essen hier besser", murmelte James, während sie die Treppe wieder hinaufgingen und wenig später das Gebäude verliessen. Die Gruppen vor dem Eingang waren verschwunden, ebenso wie die junge Frau, welche die Zeitschriften verteilt hatte.

„Lass uns zum Kopieren in die Bibliothek gehen. Das ist das Kürzeste von hier und du wirst sowieso eine Kopierkarte dort brauchen. Hast du eigentlich schon einen Bibliotheksausweis?" fragte James, während sie diagonal über die Strasse schlenderten. Draco schüttelte verneinend den Kopf. Einen Bibliotheksausweis brauchte er also auch noch.

Wenig später standen sie im Vorraum der Bibliothek. James ging kurz zum Schalter und kam anschliessend mit einem Antragsformular zurück, das er gemeinsam mit Draco ausfüllte und anschliessend am Schalter abgab. „In einer halben Stunde ist dein Ausweis fertig und während wir warten, erkläre ich dir wie das hier mit den Kopierkarten funktioniert."

James wandte sich einem weissen Kasten zu, der auf der Seite an der Wand hing. Auf seine Aufforderung hin reichte ihm Draco einen rosaroten Schein, den James in einen schmalen Schlitz schob. Anschliessend drückte er ein paar Knöpfe und übergab Draco wenig später eine kleine, weisse Plastikkarte. „Diese Kopierkarte hier ist wiederaufladbar. Im Moment sind 15 Kopien drauf und wenn du mehr möchtest oder die Karte leer ist, kannst du sie einfach in den Automaten hier schieben und sie wiederaufladen. Diese Karte kannst du hier in der Bibliothek, in der Wirtschaftsbibliothek und im Kollegiengebäude nutzen. Am besten kennzeichnest du sie irgendwie."

Draco starrte die kleine Karte in seiner Hand an und versuchte zu begreifen, was James gerade gesagt hatte. Was das Wiederaufladen betraf, würde er wohl später noch einmal Hermine fragen müssen. Was ihn im Moment mehr interessierte, war die Frage, wie er in den anderen Bibliotheken kopieren konnte. Zumindest bei den Unterlagen für den Kurs am Montagnachmittag würde das wichtig werden und so wie er es verstanden hatte, war es nicht erlaubt, die Kopiervorlagen aus dem Gebäude mitzunehmen.

„Du fragst dich gerade, wie du in den anderen Bibliotheken kopieren kannst", grinste ihn James an. „Das System hier ist ein wenig kompliziert. Jedes Seminar und jedes Institut hat seine eigenen Kopierkarten. Das heisst, wenn du zum Beispiel im Soziologischen Institut kopieren willst, brauchst du dafür eine Kopierkarte des Soziologischen Instituts. Das gleiche gilt auch für alle anderen. Ich schleppe im Moment fünf verschiedene Kopierkarten mit mir herum und habe das Gefühl, dass es immer mehr werden."

Die Kopiergeräte selber waren zum Glück deutlich einfacher zu bedienen, als Draco gedacht hatte und so langsam gewann er den Eindruck, dass er sich irgendwann doch würde anpassen können und nicht bei jedem zweiten Wort den Eindruck haben würde von einem anderen Planeten zu kommen.

In dem Moment kam James von der Ausgabestelle zurück und schwenkte eine weitere kleine Karte. Ein breites Lächeln zog sich über sein ganzes Gesicht und für einen kurzen Augenblick meinte Draco Harry Potter dort stehen zu sehen. Genauso hatte sein alter Schulfeind immer gelächelt, wenn er in Hogwarts eine besonders gute Note bekommen hatte. Aber das hier war James Evans und nicht Harry Potter, oder etwa nicht?