Jasper schaute auf die Position meines Körpers und lächelte.

„Du kannst dich bewegen.", stellte er fest. Ich nickte und zog eine Grimasse.

„Ja."

„Geht es dir gut?" Er hob seine Hand um meine Stirn zu berühren. Seine Hand fühlte sich so kalt wie Eis an. „Du brennst ja richtig!"

„Irgendetwas ist falsch, Jasper. Ich glaube, sie haben etwas mit mir gemacht."

Ich würde den Widerstand aufgeben, wenn der Schmerz verschwinden würde. Jetzt wollte ich, mehr als zuvor, wieder zurück.

Gib mir einen Grund zu bleiben, Jasper!

„Alice, es ist nur der Entzug. Hailey hat mir erzählt, wie viel Medizin du bekommen hast. Es wird eine Weile dauern, bist du dich daran gewöhnt hast, es nicht mehr zu bekommen."

„Ich kann nicht. Ich habe es sieben Monate lang bekommen. Ich brauche es.", flehte ich.

„Sieben Monate? Ich dachte du hättest es zwei Jahre lang bekommen."

Ich seufzte. „Es war nicht das einzige Mittel, was sie ausprobiert haben. Vor sieben Monaten hatten sie noch einen anderen Plan."

Er schluckte hart. „Welchen?"

Es war schwer es wieder aufzuwärmen, doch wie die Erinnerung an meine erste Spritze hatte ich es nicht vergessen.

„Ich war in derselben Zelle, aber es war hell. Zu hell. Ich konnte nie schlafen. Ich musste auf die Injektion warten, bis ich ausgeschaltet war. Ich war auch nicht allein. Ein Assistent war die meiste Zeit mit mir in der Zelle. Und wenn er nicht dort war, kam jemand anderes. Ihre Aufgabe war mich zu beobachten, aber nie zu reden. Wenn meine Augen ihren Fokus verloren, hatten sie mich mit dem Teil, was sie hatten, geschockt. Ich kann mich immer noch an den Schlag erinnern, welcher durch meinen Körper bis tief in mein Inneres lief.

Sie ließen mich nur alleine, wenn Doktor Zelner in meine Zelle kam um nach mir zu sehen. Er redete mit mir und immer wenn ich seine Fragen mit einer Antwort beantwortete, die ihm nicht gefiel, hat er mich geschockt. Aber der Strom in seiner ‚Waffe' war viel stärker, als in denen der Assistenten."

„Ich dachte, du warst nicht immer im Endflügel. Hast du keinen anderen Doktor gehabt?"

Ich nickte und dachte an den freundlichen Doktor Jenks. „Ich hatte ihn für fünf Monate. Dann nahm mich Doktor Zelner in den Endflügel und ich begann meine Elektroschock-Therapie."

Ich hatte Jasper mit meinen Erzählungen geschockt. Er saß bewegungslos auf dem Bett, während er versuchte alles aufzunehmen. Mein Atem ging unregelmäßig, als ich wartete.

„Alice...Ich..."

Er brach ab, als Hailey ihren Kopf in das Zimmer steckte.

„Hi, Alice, Jasper.", sagte sie, als sie den Raum betrat. Sie trug eins von Jaspers Shirts und plötzlich flackerte Wut in mir auf. Ich trug immer noch das blöde, pinke Kleid und Hailey war in Jaspers Kleidung!

Jasper grüßte Hailey und sie lächelte, was das grün-äugige Monster in mir wachsen ließ. Momentan wurde das Leiden von einem viel schmerzhafterem Gefühl ersetzt.

Jasper nahm meine Hand, was mich etwas beruhigte. Aber nicht viel.

Jasper schlief im selben Raum wie du, er liebt dich.

Aber mein Herz wollte dieses Mal nicht auf meinen Verstand hören.

„Wie fühlst du dich, Alice?", fragte Hailey höflich und ich kniff die Augen zusammen. Mein Kopf drehte sich. Ich wollte die Drogen.

„Sehr gut. Danke." Jasper drückte meine Hand. Versuchte er mich zu beruhigen?

„Ich gehe ein wenig aus. Shoppen. Möchtest du mit mir kommen, Alice?"

Oh, das würde Spaß machen. Ich hatte Einkaufen vor meiner Einweisung nie gemocht, aber nun wollte ich diesen Teil des Lebens kontrollieren können. Wenn ich einmal die Erlaubnis hatte mir auszusuchen, was ich tragen wollte, realisierte ich wie viel ich wollte. Es war eines von den ‚Du weißt nie wie viel du hast, bis du es nicht mehr darfst'-Dingen.

Aber dann, wieder einmal, konnte ich nicht. Der lähmende Schmerz dämpfte meine Shopping-Lust.

„Ich würde so gerne. Besonders weil das Kleid schrecklich ist, aber ich kann nicht."

Ein Schmerzensstich traf meine Brust. Ich wollte die Drogen.

„Ist dir unwohl?", fragte Jasper und schaute mich besorgt an.

„Nur ein bisschen."

Er runzelte die Stirn.
„Ich werde dir das Geld für neue Sachen geben, aber du solltest auch etwas für Alice besorgen.", sagte er zu Hailey, welche nickte.

„Natürlich!"

Ich lächelte und der Schmerz traf meine Augen. Ich musste sie schließen.

Ich stöhnte leise und ließ mein Kopf zurück in das Kissen fallen- Jaspers Kissen.

Irgendwie hatte der Entzug einen zuverlässigen Wechsel. Er führte mich zu einem tiefen Punkt des Schmerzens und provozierte dann eine Rettung: Schlaf.

Das letzte was ich hörte, war, dass Jasper mir eine gute Nacht wünschte.

Sag mir, dass du mich liebst, Jasper. Bitte!

-

„Alice? Du musst aufwachen. Es ist Zeit zu Gehen.", sagte eine schöne Honigstimme. Ich seufzte und lehnte mich tiefer in das Kissen, welches fantastisch roch.

Ein dumpfer Schmerz legte sich über meinen Körper und mein Kopf pochte.

„Alice? Bitte wach auf.", sagte die Stimme wieder. Es war eine umwerfende, samtige Männerstimme. Ich öffnete die Augen und das erste, was ich sah war mein Jasper.

Was für eine wundervolle Art aufzuwachen.

„Hallo.", sagte ich idiotisch lächelnd. Er berührte leicht meine Stirn.

„Du siehst besser aus.", sagte er, während er mein Gesicht überprüfte.

„Mir geht es auch besser."

Ich versuchte mich aufzurichten und Jasper half mir, indem er eine seiner warmen, starken Hände an meinen Rücken platzierte und mich hochschob.

„Du hast etwas von aufbrechen gesagt?", fragte ich, als ich meinen Blick durch das Zimmer schweifen ließ. Ich konnte einen Stapel von Koffern und Taschen in einer Ecke erkennen. Sonst hatte sich in dem Raum nichts verändert.

„Wir müssen aufbrechen, bevor Doktor Zelner zurückkommt und anfängt uns zu jagen. Hailey hat uns schon verlassen um Brett zu finden. Für uns wird es auch Zeit aufzubrechen."

„Sie ist schon weg?" Ich vermisste sie jetzt schon.

„Sie konnte nicht warten, bis du aufwachst. Ich soll dir auf Wiedersehen sagen und dass sie dir Glück dabei wünscht, das zu bekommen was du willst.", sagte er und schüttelte seinen Kopf, weil er es nicht verstand.

Ich lächelte-Hailey hatte mir Glück mit Jasper gewünscht.

„Wohin werden wir gehen?"

„Vielleicht nach Nordwesten, nach Washington. Vielleicht sogar Kanada.", antwortete er, während er mir half aus dem Bett zu kommen. Meine Muskeln waren immer noch schwach, weil ich sie lange nicht mehr gebraucht habe und meine Nerven fingen wieder an sich über die fehlenden Drogen zu beschweren. Aber ich würde kämpfen. Ich brauchte Jasper und irgendwie wusste ich, dass er auch mich brauchte.

„Wo sind deine Eltern?", fragte ich und er blickte zur mir hinunter, als er mir half ins Badezimmer zugelange damit ich meine Kleidung wechseln konnte.

„In Texas, warum?"

„Würde Doktor Zelner sie verletzen um dich zu finden?"

Er blieb abrupt stehen und auch ich stoppte wacklig. Ich hatte ihm Sorgen gemacht.

„Ich weiß nicht. Würde er?"

Ich schüttelte hilflos meinen Kopf. „Das weiß ich noch nicht."

„Kannst du etwas tun um deine Visionen...herbeizurufen?", fragte er und schaute verzweifelt aus. Ich fühlte mit ihm mit.

„Die Drogen, die Zelner mir gegeben hat, haben sie beschleunigt.", sagte ich und versuchte helfend zu sein. Vielleicht würde er mich zurückbringen um seine Familie zu retten.

Es würde eine Gewinn-Gewinn-Situation sein.
Er könnte seine Eltern retten; Ich würde meine Familie sehen und Drogen kriegen. Wie perfekt!

Er schüttelte seinen Kopf. „Ich kann dich nicht zurückbringen."

„Ich will nicht, dass deine Familie verletzt wird.", leitete ich ein.

„Wir werden einen Stopp bei ihrem Haus einlegen und sie warnen."

„Aber dann werde wir Zeit verlieren und Zelner könnte uns fangen."

Er drehte sich um und explodierte: „Was denkst du soll ich dann tun, Alice?"

„Bring mich zurück. Es ist der einzige Weg!"

„Ich dachte, sie würden dich dort missbrauchen!"

„Aber ich würde meine Eltern sehen!"

Seine Augen weiteten sich, als mir ein anderer Teil meiner Vision herausrutschte. Verdammt, das sollte nicht geschehen.

„Deine Eltern?"

Ich seufzte und nickte. „Sie besuchen mich wenn Zelner zurückkommt."

„Und du willst sie sehen?", fragte er geschockt.

„Sie sind meine Familie.", wisperte ich und Tränen drohten zu fließen.

Er überraschte mich und sich wahrscheinlich auch, als er einen Arm um mich legte und mich näher zu sich zog. Ich freute mich über die Nähe und schmiegte meinen Kopf an seinen Oberkörper.

„Ich kann dich nicht zu diesen Monstern zurückbringen."

Schloss er meine Eltern auch in diese Kategorie ein? Sie gehörten wahrscheinlich dorthin, aber sie waren meine Monster.

„Ich vermisse sie nur. Sie waren nicht immer die scheußlichen Menschen, die mich einsperrten."

„...Wenn du gehen willst, bringe ich dich. Ich will dich nicht gegen deinen Willen hier halten...Aber ich will dich nicht verlieren."

Ich konnte spüren, wie seine Atmung stockte und ich drückte ihn fester.

Ich musste eine Wahl treffen; meine Familie und die Vergangenheit oder Jasper und die Zukunft. Konnte ich je wieder Mary sein, die in dem Vorort wohnte und eine liebevolle Familie hatte? Oder war ich für immer Alice, welche aus dem Gefängnis ausgebrochen war und bestimmt glücklich mit ihrem Prinz werden würde?

Jasper lehnte sich zurück um in meine Augen zu schauen- Braun zu blau. „Für was entscheidest du dich?"

Ich lächelte, drückte ihn noch einmal und lehnte mein Gesicht gegen sein Shirt.

„Ich glaube nicht, dass der Prinz mit der Prinzessin zurückkehren sollte, wenn er sie gerettet hat.", sagte ich und sein Oberkörper dämpfte meine Stimme.

Ich konnte sein Lachen fühlen, da seine Brust vibrierte.

„Ich würde nicht Prinz sagen. Armer, vielleicht."

Ich machte ein spöttisches Geräusch und er lachte noch einmal.

Ich dachte meine Brust würde vor lauter Liebe platzen, die ich für ihn empfand.

Er hatte es geschafft, dass ich für ihn alles hinter mich ließ. Er ließ mich nach vorne gehen und die Vergangenheit verlassen, in der ich die letzten zwei Jahre gesteckt hatte.

„Alice?", Ich lehnte meinen Kopf ein wenig zurück. Sein wundervoller Duft benebelte meine Sinne. Ich lächelte seinem schönen Gesicht zu.

„Ja, Mr. Arm?"

Sein Blick war intensiv, voll von etwas, was ich nicht deuten konnte. Doch mein Herz setzte für drei Schläge aus und begann dann schneller zu schlagen.

„Da gibt es etwas, was ich dir sagen möchte."

Ich schluckte hart. Halt deine Hoffnungen nicht zu hoch, dachte ich, als ich in seine dunklen Augen schaute.

„Ja, Jasper?", fragte ich und gegen meine Vorsätze war meine Antwort belegt und gefüllt mit erwartender Hoffnung.

Sag mir du liebst mich, Jasper.

„Ich...Ich denke ich liebe dich, Alice."

Endlich