„Wenn ich das melde, könnte es sein, dass ich alles verliere, was ich bisher für mich erreicht habe. Wenn ich es nicht tue, dann begehe ich einen ebenso großen Fehler", murmelte Shirin. „Aber vielleicht ist ja doch noch alles zu retten."
Sie machte auf dem Absatz kehrt und eilte zum Kontrollpanel des Lagerraums. Ihr Körper hatte längst angefangen, sich gegen die Mikroben zu wehren, die durch die Schleimhäute von Mund und Nase in ihn eingedrungen waren. Beides brannte inzwischen höllisch. Wellen von heißen und kalten Schauern rasten durch ihren Körper, während das Herz schneller schlug, um frisches Blut zu den infizierten Stellen zu bringen.
Das irritierte sie, denn normalerweise brauchte es länger, um ihren Körper in einen solchen Alarmzustand zu versetzen. Deshalb musste sie sich Gewissheit über das verschaffen, was die Beschwerden ausgelöst hatte ... so lange sie noch konnte. Sich Hoffnungen darauf zu machen, dass sie irgendetwas vertuschen konnte, wagte sie jetzt nicht mehr.
Sie aktivierte, Licht, Scanner und Kameras den Raums, fokussierte einige der beiden letzteren auf den kontaminierten Sicherheitscontainer. Sie untersuchte jeden Quadratmillimeter von dessen Decke in dem Bereich, den sie bei ihrem Sprung überquert hatte und fand schließlich, was sie suchte.
Die Verunreinigung war noch winzig, nicht mit dem Auge, sondern erst bei zwanzigfacher Vergrößerung sichtbar und doch wuchs sie bereits mit vermutlich steigender Geschwindigkeit. Grob geschätzt teilten sich die Mikroben alle paar Minuten, wenn sie das richtig einschätzte. musste sich die Kultur aus einem mikrofeinen Haarriss heraus entwickelt haben, der sich darunter befand.
„Verdammte Scheiße! Das hätte nicht sein dürften." Vermutlich hätte jetzt jeder andere Crewman jetzt seinen Chief kontaktiert, um ihm den Fund zu melden und auf weitere Anweisungen zu warten, aber Shirin zog die Hand wieder von der Taste zurück, mit der sie die Verbindung aktivieren konnte und schüttelte den Kopf.
Auf einem kleinen Außenposten wie Enparos VII hatte sie mit diesem Verhalten die medizinische Untersuchung umgehen können, weil dort niemand die Notfallprotokolle sonderlich ernst genommen hatte, vor allem nicht Doktor Grissen.
Hier auf dem modernsten Schiff der Sternenflotte würde sie sich bestimmt nicht vor der medizinischen Untersuchung drücken können. Und außerdem konnte sie ihren Zustand nicht mehr verheimlichen. Eine erste Fieberwelle durchpulste ihren Körper.
Shirin stützte sich kurz an der Wand ab ließ einen Hustenanfall zu. Ihre Augen begannen zu tränen, während sie tief ein und wieder ausatmete, um neue Kraft zu sammeln.
„Das ist wirklich nicht normal", murmelte sie und presste die Lippen aufeinander, ließ ihre Finger über das Panel fliegen. ‚Wenn schon alles, was ich verheimlicht habe auffliegen sollte, dann will ich meine Arbeit auch richtig machen', dachte sie und verdrängte die Gedanken an das Danach einfach . ‚Und damit vielleicht schlimmeres verhindern ... Ich muss schon allein für mich herausfinden, wie es dazu kommen konnte...'
Was auch immer in ihr wühlte, die Mikroben oder sollte sie besser sagen – Viren - hatten eine genauso verheerende Wirkung auf ihre Abwehrkräfte, wie der Erreger auf Enparos VII, der sie damals ein paar Tage lahm gelegt hatte.
Viele der normalen Menschen waren dagegen gestorben, weil ihre Organe dem Fieber nicht mehr hatten standhalten können. Sie würde es vermutlich auch jetzt wieder überleben, fragte sich aber zu welchem Preis ...
Shirin unterdrückte einen Schub von Schüttelfrost und erweiterte die Messtiefe des Scanners. Sie verfolgte den Haarriss geduldig weiter bis zu seinem Ursprung und stieß zischend die Luft aus, als sie zusätzlich zu den biologischen auch noch andere, sehr verräterische Teilchen entdeckte.
Eine Nanobombe!
Inaktiv, eingefasst in und geschützt durch das Metall war sie bei den letzten Scans natürlich nicht aufgefallen und natürlich auch der letzten gründlichen Reinigung des Lagerraums entgangen. Irgendwann in den letzten Wochen musste sie dann hoch gegangen sein, um ihr zerstörerisches Werk zu beginnen, unbemerkt von den Schiffssensoren, die eine – vermutlich auch noch kalte - Detonation in diesem Bereich im Normalbetrieb überhaupt nicht erfasst konnten.
Und wer sagte, dass sie die einzige dieses Typus war? Sie war keine Waffenspezialistin, derer es bedurft hätte, um den Typus der Bombe zu erkennen, wusste aber genug über Medizin, um die Gefährlichkeit der Viren schon anhand ihres der Wirkung auf ihren Metabolismus einzuschätzen.
Auch die grobe Form des Erregers, die sie in der größtmöglichen Auflösung gerade so erkennen konnte, gab ihr zu denken ... und da reichte Sicherheitsstufe 3, die normalerweise für solche Kontaminationen ausgerufen wurde, absolut nicht aus.
Nun endlich aktivierte sie die Sprechtaste und wartete geduldig, bis sich die Verbindung zu Chief Robert O'Hara, ihrem Teamleiter aufbaute. Das Gesicht des rothaarigen und sommersprossigen Iren erschien schon nach ein paar Sekunden auf dem Bildschirm neben dem Panel. Er blickte erstaunt drein. „Ja, Yeoman Kazan?"
„Bitte leiten Sie das Sicherheitsprotokoll der Stufe 5 für den Lagerraum D2-A-17.54011 ein. Einer der Sicherheitscontainer ist kontaminiert", redete Shirin nicht erst lange um den heißen Brei herum, sondern sandte ihm ohne weitere Erklärung die Daten.
Die runden grünen Augen des Chiefs wurden einen Moment größer. „Meinen Sie, dass das nicht ein wenig übertrieben ist?", fragte er dann erstaunt. „Es handelt sich hierbei immerhin um die höchste Sicherheitsstufe! Denken Mädchen, denken Sie daran, das bedeutet auf jeden Fall gelben Alarm. Wir kriegen ziemlichen Ärger, wenn das übertrieben ist."
„Ich weiß, Sir. Aber ... ich habe ... meine Gründe, wie sie sehen ... können." Shirin stützte sich auf dem Kontrollpult ab, als sie ein weiterer Fieberschub erfasste. Diesmal kam auch noch ein Übelkeitsschub dazu, der sie würgen ließ. „Aber es ist ernst, denn hier wurde eine Bombe gezündet und ich bin mir nicht sicher, ob sie die einzige ist!"
„Wie bitte?" Der Mann schnappte hörbar nach Luft, kniff aber dann die Augen zusammen, als er die Daten studierte, die ihm Shirin mit kurz zuvor übermittelt hatte. „Ja, das sieht wirklich übel aus, Yeoman. Ich leite alles Notwendige in die Wege."
„Danke Sir. Haben Sie noch Anweisungen an mich?"
„Nur eine Mädchen. Sie haben jetzt verdammt noch mal nur noch eines zu tun, und das ist durchzuhalten. Ich will meine beste Frau nicht verlieren!"
„Ich werde mein Bestes versuchen, Sir", lächelte Shirin müde und wandte sich dann von dem erlöschenden Bildschirm ab.
Sie setzte sich dann auf den Boden und zog die Knie an das Kinn, überließ ihren Körper den eigenen Heilkräften. Die Viren waren dabei noch ihr geringstes Problem. Damit würde ihr Blut über kurz oder lang schon fertig werden, so wie mit so vielen anderen Infektionen zuvor, auch wenn es schmerzhaft werden und sie bis an den Rand des Todes bringen konnte ...
Doch in diesem Moment wusste sie nicht, was sie denken und fühlen sollte, ob sie Verzweiflung und Angst vor dem empfinden sollte, was nun auf sie zukam oder aber vielleicht sogar Erleichterung, dass das Versteckspiel, die Vorsicht vor den normalen Menschen ein Ende hatte?
Und vor allem, wie würde nun ihre Zukunft aussehen? Sie konnte logisch gesehen alles einmal durchspielen, angefangen damit, dass sie das Schiff verlassen und sich einer Anhörung würde stellen müssen.
Aber machte das wirklich Sinn? Denn noch waren sie im Förderationsraum, noch gab es die Vanguard-Station auf ihrem Weg und damit jede Möglichkeit, sie nach Hause zurückzuschicken. Dem würde ein Rattenschwanz von Möglichkeiten folgen, eine unangenehmer als die andere und nur wenige – die unwahrscheinlichsten - von Hoffnung geprägt.
‚Hätte ich doch nur nicht ...' Shirin seufzte leise und legte die Stirn auf die Knie. Es brachte nichts, wenn sie sich jetzt Vorwürfe machte und ihre Angst schürte. Was geschehen war, war nun einmal geschehen und sie würde mit den Konsequenzen leben müssen, wie auch immer die aussehen mochten.
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„Die Tholianer verhalten sich ruhig, aber das ist natürlich kein Garant dafür, dass wir nicht mit Schwierigkeiten rechnen müssen, da sie sich aufgrund früherer Erfahrungen von Förderationsschiffen als extrem fremdenfeindlich erwiesen haben.
Deshalb werden wir ein paar Tage Zwischenhalt auf der Sternenbasis 47 machen, meine Herren und Dame, um die derzeitige Situation an dieser Grenze zu klären und ausführlich mit dem Stationsleiter, seinem Stab und den Personen unterhalten, die in der letzten Zeit in der Region operiert haben und die bereit sind, mit uns zu reden.
Sie können Ihren Untergebenen in dieser Zeit gerne Landurlaub erteilen, allerdings sollte dies nur in geordneten und überschaubaren Gruppen geschehen. Der normale Betrieb auf dem Schiff muss aufrecht erhalten", beendete James T. Kirk seinen Monolog und blickte in die Runde.
Neben Spock und McCoy waren nun auch noch Chefingenieur Scott und zwei weitere Führungsoffiziere des Schiffes anwesend, die er über das letzte Gespräch mit Admiral Thompson vom des Sternenflottenkommando und über die weiteren Pläne und Wünsche für die Mission informiert hatte.
„Und da wir Ärger wie magisch anziehen, werden wir uns garantiert mit diesen Typen herumschlagen müssen", folgte ein sarkastischer Einwurf von der Seite. „Irgend ein kleiner Funke bringt das Fass mit Sicherheit zum Überlaufen."
Der Captain blickte zu seinem Chefarzt hin. „Doktor McCoy, müssen Sie gleich alles so negativ sehen?", fragte er dann genervt. „Wir werden den tholianischen Raum nicht durchqueren, sondern nur ein paar Tage am Rand ihres Machtbereichs entlang fliegen. Vermutlich begegnen wir nicht einmal deren Schiffen."
„Captain, ich denke da realistisch. Bisher haben wir es immer geschafft, Ärger anzuziehen. Fragen Sie einfach einmal Mr. Spock, welche Prozentchance er uns einräumt, einmal ohne Konflikte davon zu kommen!"
Der Vulkanier, der bisher nur schweigend zugehört hatte, fühlte sich angesprochen und öffnete den Mund , doch in diesem Moment durchdrang ein scharfer Signalton den Raum. Sie wurden von der Brücke gerufen.
Erleichtert über die Störung aktivierte Jim die Verbindung. „Captain", meldete sich Lieutenant Uhura für alle hörbar zu Wort. „Die Sicherheit meldet einen Vorfall der Sicherheitsstufe 5 in einem der äußeren Lagerräume. Laut Chief O'Hara hat Yeoman Kazan bei einer Routineüberprüfung einen mit Mikroben kontaminierten Sicherheitscontainer eine Bombe entdeckt."
„Verhängen Sie wie vorgeschrieben gelben Alarm über das Schiff!", befahl Jim ohne lange nachzudenken, während er sich innerlich anspannte. „Sind bereits weitere Informationen über den Vorfall verfügbar? Und wo befindet sich der Yeoman jetzt?"
„Die Daten können Sie bereits abrufen Sir. Miss Kazan befindet sich leider noch im betroffenen Lagerraum. Sie ist bereits infiziert."
„Danke. Veranlassen sie alles Notwendige." Jim presste einen Moment die Lippen aufeinander und fluchte innerlich.
Seine Gedanken rasten. Verdammt noch mal, musste er Pille diesmal recht geben? Standen die Enterprise und ihre Crew wirklich unter einem dunklen Stern und zogen Ärger wie magisch an?
Und letztendlich – was hieß eigentlich ‚eine Bombe'? Wie war die trotz aller Sicherheitsvorkehrungen an Bord gekommen? Und warum war das nicht schon früher irgendjemandem aufgefallen? Warum gerade zu diesem Zeitpunkt, der ungünstiger nicht hätte sein können? Wer wollte verhindern, dass sie in den tiefen Raum vorstießen?
Dann atmete der Captain tief aus und wieder ein. Er wusste, dass die Maßnahmen, die das Protokoll der Stufe 5 verlangte, bereits angelaufen waren und alles wie die Rädchen in einem Uhrwerk ineinander greifen würden.
Mehrere Teams waren bereits in Schutzanzügen auf dem Weg zu dem Lagerraum. Sie würden eine Quarantänezone aufbauen, sich um die Frau kümmern, die Lage sondieren und schließlich die notwendigen weiteren Vorkehrungen treffen, um eine Kontamination weiterer Crewmitglieder und des Schiffes zu verhindern.
Dann wandte er seinen Blick zu Spock, dessen Verhalten ihn jetzt ebenfalls irritierte. Zwar gehörte es zu seiner Natur Überraschung nicht offen zu zeigen, aber diesmal legte der erste Offizier eine Kaltblütigkeit an den Tag, die seinesgleichen suchte.
Schon bei der Nennung des Namens von Yeoman Shirin Kazan – war das nicht eine der Tänzerinnen vom vergangenen Abend? – hatte er eine Augenbraue hochgezogen und mit der nächsten Bewegung den Bildschirm vor seinem Platz ausfahren lassen. Aufmerksam studierte er den Datenwust. Hin und wieder neigte er aufmerksam den Kopf und murmelte schließlich: „Faszinierend."
Jim runzelte die Stirn. „Was ist faszinierend daran, dass wir gelben Alarm haben, uns mit einer ungeklärten Bedrohung herumschlagen müssen und nun auch noch das Leben eines Besatzungsmitglieds auf Messers Schneide steht?", fragte er dann scharf.
Spock sah ihn ruhig an. „Captain, Miss Kazan wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 95,8 Prozent überleben. Sie hat das Problem außerdem erstaunlich genau eingegrenzt und analysiert. Bemerkenswert ist jedoch vor allem, wo sie die Kontamination gefunden hat."
Er spielte für alle sichtbar einen Umriss des betroffenen Containers ein. Die infizierte Stelle war rot leuchtend markiert. Jim schnappte nach Luft, aber es war der Freund an seiner Seite, der seine Gedanken laut aussprach. „Mitten auf der Decke? Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass die Dame bei ihrer Überprüfung auf dem Container herumgekraxelt ist?", murmelte der Arzt. „Oder vielleicht drübergehüpft wie ein Gummiball?"
„Das sollten Sie Yeoman Kazan wohl selbst fragen... Ich schlage vor, Doktor McCoy, Sie persönlich übernehmen die Untersuchung der Frau", entgegnete der Vulkanier viel zu ruhig und abgeklärt, so als würde er schon eine Antwort auf das Rätsel kennen. „Allerdings möchte ich mich noch nicht weiter dazu äußern, da mir noch nicht alle zur Verifizierung vorliegenden Informationen vorliegen."
Jim spürte, wie sich ein mulmiges Gefühl in ihm ausbreitete, das er nur nicht so recht zuordnen konnte und sich in seinem Magen zentrierte. Da war eine unbestimmte Ahnung, die unangenehme Erinnerungen in eine Richtung wecken wollte, die er jetzt aber ganz und gar nicht brauchen konnte. Deshalb drängte er diese Gedanken erst einmal schnell beiseite und wandte sich dem Arzt zu: „Pille?"
Der grinste nur schief und erwiderte: „Kein Problem. Das werde ich mit Vergnügen tun, denn die Dame stand ohnehin auf meiner schwarzen Liste!"
„Liste?" Der Captain war leicht irritiert, im nächsten Moment musste er aber trotz der ernsten Lage gleich doppelt grinsen, denn er erinnerte sich wieder, worum es sich dabei handelte.
McCoy ließ seinen Blick zudem in der Runde schweifen und fügte dann noch genüsslich hinzu: „Einer Liste, auf der Sie übrigens auch stehen, Chefingenieur Scott. Wenn der Zwischenfall geklärt und wieder Ruhe eingekehrt ist, würde ich Sie nämlich auch gerne einmal richtig auf ihren Gesundheitszustand überprüfen. Ah ja, dass trifft auch auf ihren Kollegen Keenser zu."
