7. Kapitel
Zur gleichen Zeit, wie Hermine und Ron das Zaubereiministerium betraten, erreichten Ginny und Harry den „Tropfenden Kessel". Zum Glück waren um diese Zeit nur wenige Besucher in dem dunklen Pub, den alle Anwesenden schlugen Harry auf die Schulter oder versuchten ihm die Hand zu schütteln, um ihm für Lord Voldemorts entgültige Vernichtung zu gratulieren und zu danken.
Mühsam bahnte er Ginny einen Weg zur Hintertür. Durch diese gelangte man in den Hof, der den Eingang zur Winkelgasse verbarg.
„Ich wünschte dieses ewige „Danke hier", „Danke da" würde mal aufhören", schnaubte Harry. „Ich hatte schließlich gar keine andere Wahl. Entweder er oder ich!"
„Das beruhigt sich schon wieder", versuchte Ginny ihn zu beruhigen, während sie gleichzeitig die Backsteine abzählte, um schließlich den richtigen Anzutippen, der die Geheimtür freigab.
„Schließlich ist es erst fünf Tage her, seit du Lord Voldemort besiegt hast", sagte sie, während sie gemeinsam die Winkelgasse betraten.
Die Zaubererstraße hatte sich seit ihrem letzten Besuch schon deutlich verändert. Damals waren die meisten Schaufenster mit Brettern vernagelt gewesen und von Plakaten verunziert, auf denen die Fahnungsfotos von Muggeln prankten. Hexen und Zauberer waren mit geduckten Köpfen von Laden zu Laden gehuscht und überall waren Stände mit Zauberartikeln gegen schwarze Magie aus dem Boden geblüht. Noch waren einige Läden geschlossen, so z. B. Ollivanders Zauberstäbe. Aber der alte Zauberstabmeister war am Leben und würde, nach seiner Genesung von den Zeichen seiner langen Gefangenschaft bei Lord Voldemort, bald zurücksein. Vor allem, da er nach dem Tod von Gregorowitsch, seinem „größten Rivalen" in der Zauberstabkunde, noch mehr zu tun bekommen würde.
Fast liebevoll strich Harry über seinen Zauberstab, den er in der Gesäßtasche seiner Jeans verwahrte, und mit dem er seit seinem 11. Geburtstag zauberte. Schmerzlich dachte er an die Zeit, als er durch einen verunglückten Zauberspruch von Hermine, nicht damit hatte arbeiten können, weil er nahezu zerstört gewesen war. Nur der Zauber des mächtigsten Zauberstabs der Welt, des Elderstabs, dessen Besitzer er kurzzeitig gewesen und theoretisch noch immer war, hatte er ihn reparieren können.
„Hast du eine Ahnung, wo wir hier eine Zaubererbaufirma finden?" fragte Harry seine Freundin.
„Nein, aber wir können uns ja mal in den anderen Läden umhören", schlug Ginny vor.
Sie zog ihn zu „Florish and Botts", den Laden für Zauberbücher aller Art.
„Meinst du, die haben hier die „Gelben Seiten"", witzelte Harry, woraufhin ihn Ginny verwundert anschaute.
„In der Muggelwelt stehen da alle möglichen Geschäfte drin", erklärte Harry.
„Nein. Ich wollte eigentlich nach einem Zauberspruchbuch gucken, mit dem wir das Renovieren erledigen können", erklärte sie.
„Ich glaube du bist zu viel mit Hermine zusammen", gab Harry zu bedenken und erhielt dafür eine Kopfnuss.
Aber er folgte Ginny in den Laden, den er selten so leer erlebt hatte. Aber er rief sich ins Gedächtnis, das er meist zu Schuljahresbeginn hier gewesen war, wenn alle Hogwartsschüler ihre Bücher versorgt hatten.
„Schade, daß wir unsere Bücherlisten noch nicht haben. Ich könnte Hermine einen Riesenschreck einjagen, wenn ich die neuen Bücher schon vor ihr hätte", alberte Harry.
„Ich muß mir keine Bücher versorgen. Ich habe meine für 6. Jahr schon", antwortete Ginny, die sich bereits in ein Buch mit dem Titel „Renovierzauber für Dummies" vertieft hatte.
„Klingt eigentlich ganz simpel", meinte sie schließlich und reichte Harry das Werk, um ein anderes aus dem Regal zu ziehen. Harry schlug „Renovierzauber für Dummies" auf und begann das Vorwort zu lesen:
Wer kennt das nicht? Irgendwann wünscht man sich Veränderung in den eigenen vier Wänden. Aber mit Muggelhandwerkern im Haus ist das so eine Sache und nur wenige Zaubererfirmen spezialisieren sich auf Renovierungen, da diese oft selbstgemacht werden können. Und warum? Weil wir Zauberer etwas können, was die Muggel nicht können! Was das ist?
Zaubern, Sie Dummie!
Und das dabei nichts schiefgeht, dabei helfen ihnen unsere leicht verständlichen Anleitungen.
Harry blätterte zum ersten Kapitel weiter:
Was Sie fürs Renovierzaubern brauchen
einen gut funktionierenden Zauberstab
Grundkenntnisse im Umgang mit Zaubersprüchen
Materialien fürs Renovieren, wie Farben, Tapeten etc.
unseren praktischen Helfer „Renovierzauber für Dummies"
Und schon kanns losgehen!
„Klingt doch ganz gut, findest du nicht?" fragte Harry, das Buch zuschlagend.
„Mmh", murmelte Ginny, ganz vertieft in ein anderes Werk aus dem Riesensortiment von „Florish und Botts".
„Hast du noch ein Buch zum Thema gefunden?" wollte er wissen. „Scheint ja sehr interessant zu sein!"
„Nein. Hier geht's um Umwandlungsgesetze. Habe gedacht, das könnte auch nützlich sein."
„Und?"
„Kein Wort übers Renovieren!"
„Na, ich glaube mit „Renovierzauber für Dummies" haben wir auch alles, was wir brauchen", erklärte Harry und ging zum Bezahlen.
„Mr. Potter, was für eine Freude sie wieder einmal zu sehen", begrüßte der Ladeninhaber seinen wohl berühmtesten Kunden.
„Was kann ich den heute für sie tun?" erkundigte er sich.
Harry reichte ihm das Renovierbuch und fragte: „Wäre es wohl möglich mir die Schulbücher fürs neue Jahr nach Erscheinen der Bücherliste zukommen zu lassen?"
„Aber selbstverständlich Mr. Potter. Es ist mir ein Vergnügen? Wohin soll ich sie schicken?"
„Grimmauldplatz 12, bitte. Und bitte auch die Bücher für Miss Granger und Mr. Weasley."
„Wird erledigt. Ich werde mir die entsprechenden Bücherlisten organisieren. 5 Galleonen wären das heute. Bitte, hier ist ihr Buch", sagte der Ladenbesitzer und reichte Harry die Tüte, der ihm im Gegenzug die passenden Münzen reichte.
„Auf Wiedersehen, Mr. Potter!"
„Auf Wiedersehen", antwortete Harry und Ginny rief es von der Tür.
Wieder auf der Straße fragte Harry: „Und wohin jetzt?"
„Zum Zaubererrenovierbedarf am Ende der Winkelgasse. Da müßten wir alles finden, was wir brauchen."
„Wußte gar nicht, daß es hier so einen Laden gibt", erklärte Harry.
„Das liegt wohl daran, daß du dich dafür nicht interessiert hast", meinte Ginny, sich bei ihm einhakend.
Sie gingen die Straße entlang und wurden dabei immer wieder von Leuten angehalten, die Harry erkannten.
„Ich glaube, ich kauf mir eine Maske", knurrte Harry, als sie auf der Höhe von „Madame Malkins Umhänge für jeden Anlaß" waren.
Ginny lächelte nur und verzichtete auf einen Kommentar. Statt dessen gab sie Harry einen Kuß auf die Wange, der eben einen Blick ins Schaufenster des Bekleidungsgeschäftes blickte. Madame Malkins hatte einen smaragdfarbenen Festumhang, der irrisierend leuchtete, um die Schaufensterpuppe drapiert.
„Der würde dir hervorragend stehen", meinte Harry und zog seine verdutzte Freundin in das Geschäft. Madame Malkins eilte, alamiert vom Türglöckchen, sofort herbei.Überschwänglich begrüßte sie den berühmten Kunden und erkundigte sich nach seinen Wünschen.
„Ich hätte gern so einen Umhang, wie er im Schaufenster ist, für meine Freundin", bestellte Harry.
„Aber sehr gern!" strahlte die Verkäuferin und zog ein Exemplar aus dem Regal.
Während Ginny verlegen sagte: „Das muß doch nicht sein, Harry", legte Madame Malkins ihn ihr um die Schultern.
„Einfach perfekt! Hat genau die richtige Länge. Und er paßt zu den bezaubernden Augen der junden Dame", schmeichelte sie.
„Ich nehme ihn", verkündete Harry und schwuppdiwupp hatte ihn Madame Malkins in eine Schachtel gepackt und ein paar Galleonen dafür in der Kasse klingeln.
Schon stand Ginny, die noch immer völlig überrumpelt war, mit dem neuen Umhang in einer Tüte, auf der Straße. Als sie nochmals protestieren wollte, verschloß Harry ihren Mund mit einem Kuß, ergriff ihre Hand und zog sie weiter. Da Ginny einsah, daß ihr Protest nichts brachte, bedankte sie sich, aber Harry winkte nur ab.
Kurz darauf erreichten sie den Laden für Zauberrenovierbedarf und traten ein. In den Regalen türmten sich Farbeimer und Tapetenrollen in großer Auswahl. Ein schmalgesichtiger, junger Bursche kam aus dem abgeteilten hinteren Ladenteil und fragte barsch: „Kann ich helfen?"
Dann erkannte er Harry und seine Miene wurde freundlich. Bevor eine eine speichelleckerische Ansage machen konnte, sagte Harry: „Ich brauche so einiges für die Renovierung meines Hauses."
„Dann hole ich mal ein Bestellformular", erwiderte der Verkäufer und ging eilends davon, während Harry und Ginny schon mal an die Auswahl von Farben und Tapeten gingen. Für die Küche und die Badezimmer entschieden sie sich für Fliesen. Da Kreacher die Küche garantiert ungern in hellen Tönen gesehen hätte, wählten sie dafür graumarmorierte schwarze Fliesen mit einer Goldbordüre. Die Badezimmer wurden in blau und beige gehalten. Für den Salon und das Gästezimmer, daß sie sich mit Hermine teilte, wählte Ginny Blümchenta-peten. Die restlichen Gästezimmer würden in verschiedenen freundlichen Tönen gestrichen werden. Die Zimmer von Regulus und Sirius würden dagegen bleiben wie sie sind.
„Jetzt noch der Flur", murmelte Harry. „Wir brauchen Materialien, um eine Wand einzuziehen", erklärte er dem Angestellten.
„Nichts einfacher als das", entgegnete dieser und führte seine Kunden zu einem Modell aus Metallleisten und Gipskartonplatten.
„Die Wände sollten aber schon ein bisschen Lärm abhalten", sagte Ginny mit gerunzelter Stirn, angesichts der nur einen Zentimeter dicken Platte. „Kein Problem", erklärte der Angestellte. „Nehmen sie zwei Platten und sprühen sie dazwischen diesen Zauberschaum und schon könnte dahinter ein Drache brüllen ohne das sie es hören. Wir groß soll die Wand sein?"
Harry gab die Maße an und der junge Mann errechnete den Bedarf.
„Darf es sonst noch was sein?" erkundigte er sich angesichts des bereits riesigen Auftrags besonders zuvorkommend.
„Ich glaube das war es", meinte Harry und schaute Ginny an. Diese nickte zustimmend.
„Möchten sie ihre Bestellung gleich mitnehmen oder sollen wir ihnen diese nach Hause liefern?" wollte der Angestellte wissen.
Noch vor ein paar Jahren hätte sich Harry über so eine Frage gewundert, aber inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, daß in der Zaubererwelt nichts unmöglich war.
„Liefern sie es morgen vormittag zum Grimmauldplatz 12", ordnete er an und bezahlte die Rechnung von 500 Galleonen, 23 Sickel und 15 Knuts.
„Ich glaube jetzt muß ich doch noch zu Gringotts", sagte Harry, als er mit Ginny das Geschäft verlassen hatte. Sie schlugen den Weg zur weitaufragenden Zaubererbank ein und Harry wurde es ein wenig flau im Magen, als er an seinen letzten Besuch in dem strahlend weißen Gebäude dachte. Damals war er mit einem Kobold auf den Schultern unter seinem Tarnumhang, mit Hermine in Gestalt von Beatrix Lestrange und einem verwandelten Ron hier eingedrungen, um das Verlies der Todesserin zu knacken. Entgegen aller Warnungen, die die Pforte von Gringotts zierte, war es ihnen gelungen, den Horkrux aus dem Verlies zu holen und auf dem Rücken eines Drachen zu entkommen.
Ein wenig unbehaglich fühlte sich Harry schon, als er den Kobold an einem der Schalter um Zugang zu seinem Verlies bat. Aber dieser tat so, als wüßte er gar nicht, wer der Klient sei, erkundigte sich nur, ob der Schlüssel vorhanden wäre und beorderte einen Kollegen herbei, der ihn nach unten brächte.
„Ich warte hier oben", sagte Ginny. „Mir wird immer schlecht von der Fahrerei mit diesen komischen Wagen", behauptete sie.
Harry glaubte ihr und verschwand allein, um seinen Bargeldbestand aufzufüllen. Er wußte nicht, daß Ginny noch nie in den Verliesen unten gewesen war, da ihre Familie nie genug Geld besessen hatte, um eines davon ihr eigen zu nennen. Sie wollte Harry die Beschämung ersparen, die ihn jedesmal überkam, wenn er vor seinen Freunden in sein volles Verlies trat.
