Kapitel 6

"Timothy", antwortete Angela überrascht, "was machen Sie denn hier? Sind sie nicht beim Training?"

Sie hatte nun wahrlich nicht damit gerechnet, einen von Tonys Baseballspielern zu treffen, wusste sie doch, dass zeitgleich das Donnerstagnachmittagstraining angesetzt war, eine lange sportliche Einheit mit anschließender Taktikbesprechung. Tony kam selten vor halb sieben nach Hause an diesen Abenden. Wie kam es, dass Timothy, einer seiner besten Spieler, hier auf diesem Bauernmarkt zwischen all den Hausfrauen herumlief?

"Hat der Coach es Ihnen nicht erzählt? Ich bin aus dem Team geflogen. Mein letzter Literaturtest war eine glatte 6!" Timothy zuckte nur mit den Schultern. "Jane Austen, wer liest denn sowas?"

Da hatte Timothy sich natürlich die falsche Person ausgesucht; Angela liebte Jane Austen, hatte alle ihre Romane dutzende Male gelesen und sich jedesmal in der zauberhaft romantischen Welt verloren, die ihre Lieblingsautorin zu kreieren im Stande war.

"Jane Austen? Sie mögen Jane Austen nicht? Eine der außergewöhnlichsten Schriftstellerinnen, die England je hervorgebracht hat? Vielleicht muss Ihnen nur mal jemand richtig daraus vorlesen, damit Sie fühlen, wie wunderbar ihre Geschichten sind", schwärmte Angela. 'Von Ihnen würde ich mir sogar die Gebrauchsanweisung meines Fernsehers vorlesen lassen und sie wunderbar finden', schoss es Timothy durch den Kopf.

Natürlich sagte er das nicht laut, und natürlich erzählte er ihr auch nicht, dass er mit voller Absicht durch den Test gefallen war. Er wusste, dass der Coach ihn aus dem Team werfen würde. Zwar liebte er es, Baseball zu spielen, aber die Aussicht, Angela abpassen zu können, während ihr Verlobter Stunden auf dem Baseballplatz zubrachte, war einfach zu verlockend gewesen. Er wusste, dass sie donnerstags immer auf den Markt ging und hatte vor ihrem Apartment, versteckt in einer Seitengasse, auf sie gewartet. Als sie auf die Straße getreten war, hatte es ihm fast den Atem verschlagen, so gut sah sie aus. Sie hatte eine enge Jeans an, einen kurzen beigefarbenen Wollmantel und den dazu passenden Hut. Ende April konnte es noch recht frisch sein in Iowa, und auch an diesem Tag fegte ein leichter Wind durch die Straßen Branfords, der ihr blondes Haar, das ihr bis auf die Schultern hing, zerzauste. Sie trug einen Einkaufskorb über den rechten Arm und schien bester Stimmung zu sein.

Timothy hatte noch nie etwas mit gleichaltrigen Mädchen anfangen können. Sie waren einfach nur albern, giggelten ständig herum und waren so unsicher gegenüber dem männlichen Geschlecht, dass sie ihm mehr auf die Nerven gingen, als dass er bisher auch nur eine von ihnen ansatzweise attraktiv gefunden hätte. Anfangs hatte er schon befürchtet, er sei schwul, als alle seine Freunde anfingen mit ihren Eroberungen Händchen zu halten und schließlich damit prahlten, wie sie sie ins Bett gezogen hätten. Er wusste, dass vieles davon aufgebläht und übertrieben war. Ihn törnte die Vorstellung, mit einer kichernden Siebzzehnjährigen ins Bett zu gehen, überhaupt nicht an. Irgendwann bemerkte er aber, dass es unter den älteren Studentinnen durchaus welche gab, die sein Herz höher schlagen ließen. Sie hatten weder verpickelte Gesichter, noch Zahnspangen, sie wussten sich dezent zu schminken und kannten die Rituale des Dating. Sie wüssten sicher auch wie man einen Mann im Bett glücklich machte. Doch natürlich hatten sie immer nur auf ihn herabgeschaut, auf den Jüngling aus der unteren Jahrgangsstufe. Das hatte sich erst geändert, als er anfing intensiver Sport zu treiben. Er begann Gewichte zu heben und viel zu laufen. Sein Körperbau veränderte sich, er bekam breite Schultern und einen muskulösen Oberkörper. Er wurde selbstbewusster und draufgängerischer, und plötzlich konnte er sich vor Verehrerinnen kaum noch retten.

Aber diese Frau war etwas ganz anderes! Sie spielte in einer anderen Liga. Sie war eine Lady, hatte Klasse, war gebildet, erwachsen, umwerfend schön und wahnsinnig sexy. Wenn sie den Coach abholte nach dem Training und ihm einen sanften Kuss auf die Wange drückte, zog sich immer sein Magen zusammen. Angela war nach und nach zu einer heimlichen, unerreichbaren Sehnsucht für ihn geworden. Und dann hatte er sie plötzlich eines Nachts mutterseelenallein im Dunkeln auf der Bank auf dem Supermarktparkplatz angetroffen - welch eine Fügung des Schicksals! Was hatte sie nur so durcheinander gebracht? Hatte der Coach in seiner manchmal rauhbeinigen Art sie etwa vor den Kopf gestoßen? Zuzutrauen war es ihm. Er war sicher ein Typ, der bei Frauen gut ankam, mit seiner italienischen Macho-Art, außerdem sah er gut aus für sein Alter, war fit und durchtrainiert. All das war er auch, aber er war jung! Gerade einmal Anfang zwanzig, in seinem letzten Jahr am College. Und diese Frau hatte ihm den Kopf verdreht.

"Ich glaube, es wäre töricht, Ihr Angebot auszuschlagen. Ich habe mal wieder viel zu viel eingekauft, und nun weiß ich gar nicht, wie ich das alles nach Hause transpotieren soll. Lassen Sie mich gerade noch ein paar Blumen kaufen, dann gehen wir und trinken bei uns noch einen Kaffee. Dann erzähle ich Ihnen noch ein wenig von Jane Austen, okay?!" Angela lächte ihn einladend an.

Timothy nickte zustimmend. "Nichts lieber als das." Er nahm ihr den übervollen Einkaufskorb ab und streifte ihr dabei wie zufällig über die Hand. Wie warm und weich sie war! Angela bemerkte von alledem nichts. Sie war einfach nur dankbar, dass er ihr den schweren Korb abgenommen hatte, und die Aussicht, ein bisschen über Jane Austen plaudern zu können stimmte sie ebenfalls fröhlich.

Als sie ihn ihrem Apartment angekommen waren, dirigierte Angela Timothy in die Küche; die kannte er ja schon, dort hatte er mit Tony gesessen, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte.

"Stellen Sie den Korb auf den Tisch, Timothy. Vielen Dank! Ich weiß nicht, was ich ohne Sie gemacht hätte."

"Jeder Zeit gerne, Angela." Mittlerweile fiel es ihm gar nicht mehr schwer, sie bei ihrem Vornamen zu nennen, im Gegenteil, es schuf eine Nähe, die er nur zu gerne weiter vertiefen würde. Aber er musste behutsam vorgehen. Schließlich war sie mit einem anderen Mann zusammen, lange - sehr lange - zusammen, und sogar verlobt. Der Umstand, dass sie noch nicht verheiratet waren, ließ ihn allerdings Hoffnung schöpfen. Wenn sie sich so sehr liebten und schon so lange zusammen waren, musste es irgendetwas geben, das einer Hochzeit bis jetzt im Wege gestanden hatte. Er konnte sich zwar nicht erklären, was das sein mochte, aber das würde er schon noch herausfinden, konnte das doch seine Eintrittskarte in ihr Herz sein.

"Möchten Sie einen Kaffee oder lieber einen Tee?" fragte Angela den jungen Mann nun und riss ihn aus seinen Gedanken.

"Kaffee ist prima", antwortete er, Kaffee wirkte erwachsener als Tee.

Angela setzte einen Kaffee auf, im gleichen Moment klingelte das Telefon. Sie entschuldigte sich kurz, dann nahm sie den Hörer vom Telefon in der Küche ab und bedeutete Timothy, er solle am Küchentisch Platz nehmen.

"Hallo?" meldete sich Angela. "Jack, bist du es? Was gibt es denn? Irgendein Problem?"

Timothy tat zwar so, als würde er aus dem Fenster gucken, hörte aber dennoch genau zu, was sie mit dem Anrufer beredete. Es hörte sich sehr geschäftsmäßig an, und es schien auch so zu sein, als würde der Anrufer sie um Rat fragen und als wäre sie diejenige, die Dinge entschied.

"Jack, lass mich mit Mr. Goldstein reden, ich habe seine Nummer und rufe ihn nachher gleich an. Vertrag ist Vertrag. Wir fine-tunen seine Kampagne gerne ein bisschen, aber wenn er von uns ein komplett neues Konzept haben will, dann muss er dafür auch bezahlen. Das werde ich ihm schon klar machen, lass das mal meine Sorge sein. Ich rufe dich später wieder an. Bye."

Damit legte sie auf, ging zur Kaffeemaschine und schenkte zwei Tassen ein, dann setzte sie sich Timothy gegenüber. "Milch? Zucker?"

"Nein Danke, ich trinke meinen Kaffee immer stark und schwarz." Männlich. Erwachsen.

"Dann hoffe ich, er ist Ihnen stark genug", entgegnete Angela, während sie an ihrem Becher nippte.

"Wunderbar", versicherte Timothy und sprach sie dann auf ihr Telefonat an. "Ich wollte Ihnen nicht zuhören, aber das klang sehr ernst eben."

"Das? Ach nein, die üblichen Querelen, die man mit seinen Kunden so hat. Sie versuchen immer mehr zu bekommen, als wofür sie eigentlich bezahlt haben", wiegelte Angela ab. Sie würde Mr. Goldstein schon in die Schranken weisen. Sie hatte genug Erfahrung, um zu wissen, wie sie mit ihren Kunden zu reden hatte, dass sie ihr einerseits nicht auf der Nase herumtanzten und andererseits nicht die Agentur wechselten. Sie hatte Jack, der mittlerweile einer ihrer Vizepräsidenten war, gesagt, sie könnten sie im Notfall immer anrufen, und Mr. Goldstein war ein Notfall. Er hatte einen millionenschweren Account, und sie hatten schon mehrere Kampagnen für seine kleine Motelkette entwickelt. Die Agentur durfte ihn nicht verlieren, und das würde sie auch nicht. Dafür würde sie schon sorgen, schließlich war sie immer noch die Präsidentin.

"Was haben Sie denn für Kunden?" Timothy war neugierig geworden. Sie arbeitete also und kümmerte sich nicht nur um den Haushalt, das hatte er bisher noch nicht gewusst. Das macht sie sogar noch attraktiver.

"Werbekunden."

"Sie arbeiten in einer Werbeagentur?"

"Uhm, ... mir gehört die Agentur, ich habe sie vor einigen Jahren gegründet", erklärte Angela.

"Oh wow!" Timothy war beeindruckt. Daher kam also ihre selbstsichere Art, diese Ausstrahlung von Stärke und Unverletzbarkeit. Obwohl, an dem Abend, als er mit ihr in dem Diner gesessen hatte, war sie ihm sehr verletzlich vorgekommen, oder eher verletzt. "Sie haben eine Werbeagentur? In New York etwa?"

"Ja, in der Tat, in New York." Angela nickte. "Klein aber fein", fügte sie stolz hinzu.

"Und die leiten Sie von hier?" fragte Timothy überrascht.

"Nein, ich habe die Leitung an meine Mutter und meine beiden Vizepräsidenten übertragen und greife nur im Notfall ein, so wie bei diesem Mr. Goldstein, der meint wir würden ihm eine neue Kampagne entwerfen ohne Mehrkosten."

Sie schüttelte den Kopf. So nutzlos und überflüssig wie sie sich hier manchmal fühlte, wo sich nichts weiter war als die Frau des Professors, fühlte sie sich nie, wenn es um ihre Agentur ging. In ihrer Arbeit war sie stark und gewieft, immer Herrin der Situation, konnte jedes Eisen aus dem Feuer holen und fühlte sich nie unsicher.

"Geht das denn?"

Timothy konnte kaum glauben, was er gehört hatte. Da hatte sie solch eine exponierte Position und solch einen interessanten Job und kam hier in dieses Provinznest, um den Coach das Frühstück zu machen und Blumen auf dem Markt zu kaufen? Sie musste sich hier ja zu Tode langweilen. Vielleicht kam ihre immanente Traurigkeit ja daher. Sie wusste zwar sie gut zu verbergen, aber an dem Abend, ihrem Abend, da hatte er sie gesehen. Sie hatte sie ihm gezeigt als sie sagte, sie wüsste nicht, ob Branford der richtige Platzfür sie sei. Und dann hatte sie ihr Gespräch abrupt beendet.

"Na ja, ganz gut. Ab und zu schaue ich auch im Büro vorbei und bespreche die wichtigsten Dinge mit meinen Mitarbeitern. Das sind alles gute Leute, die kommen auch mal eine Weile ohne mich klar."

Obwohl das stimmte, fiel es ihr jedes Mal wieder schwer, nach solchen Meetings die Agentur auf unbestimmte Zeit zu verlassen. All die Jahre war ihr Büro auch so etwas wie ihr Zuhause gewesen, und das vermisste sie jetzt fast jeden Tag ein bisschen mehr. Sie vermisste es, dass ihre Mitarbeiter sie um Rat fragten oder ihre Kreativität gebraucht wurde. Sie vermisste es, neue Marketingstrategien zu entwicklen oder sich mit Kollegen bei einem Businesslunch über Klatsch und Tratsch in der Werbebranche auszutauschen. Sie fühlte sich abgeschnitten von ihrem alten Leben und wie ein Auswanderer, der sich in seinem neuen Land einfach nicht heimisch fühlen will und deshalb die Staatsbürgerschaft seines Heimatlandes behielt, klammerte sie sich an ihrer Agentur fest.

"Mensch, dann können Sie mir mit meiner Hausarbeit in Marketing ja vielleicht auch helfen, nicht nur in Literatur", fiel Timothy plötzlich ein. Das war ja zu schön, um wahr zu sein! "Marketing ist nämlich eines meiner beiden Hauptfächer und um ehrlich zu sein, ... da bin ich auch nicht besonders gut drin. Wenn ich da auch noch durchfalle, verliere ich vielleicht mein Stipendium."

"Sehr gerne, Timothy, gar kein Problem. Welches Thema hat denn die Hausarbeit?" fragte Angela interessiert.

"Wir müssen eine Werbekampagne auf ihre Stärken und Schwächen beurteilen, dann sollen wir sie neu gestalten und verbessern." Timothy hatte sich damit schon reichlich abgeplagt. Was ihm an der Kampagne nicht so gut gefiel konnte er sagen, aber es fehlte ihm an der nötigen Kreativität und Vorstellungskraft sie zu verbessern. Wenn er da professionelle Hilfe bekäme, und dann noch von dieser Frau, das wäre wie ein Sechser im Lotto. Er hätte einen Grund sie regelmäßig zu treffen und würde obendrein noch eine tolle Hausarbeit zustande bekommen. Dass Angela sehr gut war, wenn nicht sogar überragend in dem was sie tat, stand für ihn außer Frage.

"Na, das sollte kein Problem sein", versicherte sie ihm und fragte, "Um was für ein Produkt geht es denn?" Angela hatte direkt in den Businessmode umgeschaltet.

"Seife." Timothy verzog den Mund und verdrehte die Augen. "Langweilig."

"Ach herrjeh, ich weiß nicht, wieviele Kampagnen ich schon für Seife gemacht habe. Und die waren überhaupt nicht langweilig. Da wird uns ... also Ihnen ... sicher was Überzeugendes einfallen." 'Solange es keine Frauen beim Schlammcatchen sind', dachte Angela bei sich und konnte nur mit Mühe das Grinsen unterdrücken, das drohte sich auf ihrem Gesicht abzuzeichnen, als sie an Tonys Idee für einen Werbespot für Seife in einem ihrer Abendkurse dachte. "Durch Marketing werden Sie nicht fallen, Timothy, das garantiere ich Ihnen."

"Na prima! Wann fangen wir an?" Am liebsten sofort.

"Hmm, lassen Sie mich überlegen ... Am Wochenende fahren Tony und ich in die Berge, aber wir können am Montag starten, wenn Sie mögen. Wie wäre es um halb vier? Bringen Sie Ihre Unterlagen einfach mit, dann schauen wir mal, was Sie schon haben und wie wir es verbessern können", schlug Angela vor.

"Das ist super, Angela! Ich bin Ihnen total dankbar." Timothy beugte sich über den Tisch umd drückte Angelas Hand, diese Möglichkeit ließ er sich nicht entgehen. Sie lächelten sich an, und genau in dem Moment schwang die Tür zur Küche auf und Tony stand plötzlich vor ihnen. "Liebes, ich bin früher-", mehr brachte er nicht über die Lippen aus lauter Überraschung, Timothy an seinem Küchentisch sitzen zu sehen. Was machte der denn hier? "Äh, ... früher nach Hause gekommen, wollte ich sagen", vervollständigte er seinen Satz.

Angela und Timothy drehten sich zu ihm um, Timothy zog ruckartig seine Hände zurück. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, und er bekam einen Schweißausbruch. Hatte der Coach etwas bemerkt? Er musste vorsichtig sein, mit dem Mann war bestimmt nicht zu spaßen, wenn es um seine Verlobte ging. Angela hingegen war sich keiner Schuld bewusst. Warum auch? Sie freute sich, Tony so früh zu sehen. Zum zweiten Mal an diesem Tag hatte er sie mit seiner Anwesenheit überrascht, wenn das kein gutes Zeichen für ihre Beziehung war!

"Tony! Das ist ja toll, dass du schon Zuhause bist!" Sie sprang auf und fiel ihn um den Hals.

"Wir spielen am Wochenende gegen die Wesleyan Tigers. Gegen die haben wir schon hundert Mal gespielt, die kennen wir in- und auswendig, da war heute keine lange Taktikbesprechnung nötig. Das letzte Mal haben wir sie besiegt, wenn auch knapp, deshalb spielen wir am Wochenende wie beim letzten Mal. Leider fehlt uns unser bester Mann!" Er schaute zu Timothy hinüber und seuftze. "Hi Timothy. Wie sieht's aus? Hast du mit dem Referat über Jane Austen schon angefangen? Du könntest damit deinen schlechten Test ausgleichen und wieder zum Team zurückkehren. Wir brauchen dich!" An Angela gewandt sagte er, "Ich musste Timothy vom Team suspendieren, weil er einen grottenschlechten Literaturtest geschrieben hat. Sowas habe ich bisher überhaupt noch nicht gesehen. Ich hatte dich gewarnt, mein Sohn!" rechtfertigte er den Rauswurf in vorwurfsvollem Ton.

"Noch nicht Coach, aber ich weiß jetzt, wer mir dabei helfen kann." Er schaute hinüber zu Angela, weil er nicht wusste, ob es ihr Geheimnis bleiben sollte, dass sie nun zusammen arbeiteten. Das wäre ihm natürlich am liebsten gewesen. Sich mit ihr heimlich zu treffen, ohne dass der Coach eingeweiht war, hätte die ganze Sache noch aufregender gemacht. Aber natürlich gab es für Angela überhaupt keinen Grund ihr Angebot an Timothy, ihm bei seinen schulischen Aufgaben zu helfen, vor Tony zu verbergen.

"Warum hast du mir nicht gesagt, dass du in Literatur Jane Austen zum Thema hast? Du weißt doch wie sehr ich ihre Romane liebe. Timothy hat mir erzählt, dass er aus dem Team geflogen ist. Wir haben uns zufällig auf dem Markt getroffen. Glücklicherweise für mich, denn ich habe mal wieder viel zu viel eingekauft, und er hat mir den tonnenschweren Einkaufskorb bis nach Hause getragen", erzählte sie gut gelaunt.

"Aha, wieder mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort, Timothy?" Irgendetwas störte Tony an dem Gedanken, dass Timothy Angela nun schon zum zweiten Mal in kürzester Zeit Angela aus der Patsche geholfen hatte. Er konnte aber noch nicht genau sagen was. Und die Art wie er ihn angesehen hatte, als er in die Küche gekommen war. Da war mehr in Augen des jungen Mannes gewesen als Überraschung. Aber was?

"Ja Coach, die Welt ist klein. Besonders hier in Branford." Besser wusste Timothy sich nicht besser zu helfen. Er fühlte sich unwohl in Tonys Gegenwart; es war wohl das Schuldgefühl, dass ihn plagte, letztendlich wollte er seinem Coach die Frau ausspannen. Er mochte ihn eigentlich. Er war ein toller Coach und auch ein toller Lehrer. Ein Lehrer, dem seine Studenten am Herzen lagen, der ihnen wirklich etwas beibringen wollte wovon sie ihr ganzes Leben profitieren würden. Von solchen Lehrertypen gab es nicht so viele. Timothy spürte auch, dass er sich für ihn besonders ins Zeug legte, dass er in ihm ein hoffnungsvolles Baseballtalent sah, ihm aber auch zutraute, seinen Collegeabschluss zu machen. Das war deutlich mehr als sein eigener Vater je in ihm gesehen hatte.

"Ich werde Timothy mit Jane Austen helfen, Tony. Ehe du dich versiehst, ist er wieder bei dir im Team!" Angela strahlte ihn an. Sie war so glücklich eine sinnvolle Aufgabe zu haben. Sie hatte genug Decken gestrickt und genug Sonnenuntergänge gemalt, sie wollte ihren Kopf wieder einmal anstrengen. Und studentische Arbeiten waren dafür genau das Richtige. Als sie selbst noch am College war, hatte sie es immer geliebt, sich in das Thema ihrer Hausarbeiten zu vertiefen, durch die Bibliotheken zu stöbern, sich in einen Sachverhalt einzulesen und ihre Ideen und Gedanken dann schriftlich abzufassen. Das hatte sie zwar zu einer Einzelgängerin gemacht, da ihre Kommilitonen lieber tanzen gingen oder in eine Bar, während sie über ihren Arbeiten saß, aber sie hatte ihre Erfüllung darin gefunden. Und dass ihr Ehrgeiz und ihr Fleiß sich nicht zu ihrem Nachteil ausgewirkt hatten, hatte sie mit ihrem erfolgreichen Berufsweg bewiesen.

"Oh, da hast du aber Glück, Timothy. Angela ist brilliant in solchen Dingen." 'Das können Sie laut sagen, Coach', hätte Timothy ihm am liebsten beigepflichtet, 'ich habe Riesenglück!'

"Und bei Marketing kann ich ihm auch helfen. Er muss eine Werbekampagne für Seife entwerfen. Klingelt es da bei dir, mein Schatz?" Sie zwickte Tony liebevoll in den Oberarm und grinste spöttisch.

Tony lachte laut. "Ach ja, die Mädels im Schlamm! Nicht gerade einer meiner Glanzleistungen." Tony und Angela sahen sich an, beide wissend worauf sie anspielten.

Timothy beobachtete sie. Er hatte natürlich keine Ahnung worüber sie sprachen, und das ärgerte ihn. Er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf die Geschichte die die beiden miteinander verband. Eifersüchtig auf ihre lange Beziehung. Eifersüchtig auf ihre körperliche Nähe; sie standen ganz eng beieinander, Angela hatte Tony die Hand auf die Schulter gelegt und er seinen Arm um ihre Taille. Nur geküsst hatten sie sich noch nicht - wenigstens das war ihm erspart geblieben! Na, das würden sie wahrscheinlich tun, sobald er aus der Tür verschwunden war. Verdammt!

"Ich werde wohl mal gehen," warf Timothy jetzt ein, "ich will nicht weiter stören. Ich komme am Montag um halb vier vorbei wie besprochen, Angela. Schönes Wochenende in den Bergen", brachte er gerade noch so über die Lippen. "Wiedersehen, Coach."

"Sie stören doch nicht, Timothy. Warten Sie, ich bringe Sie noch zur Tür." Angela verschwand mit Timothy aus der Küche.

Tony blieb allein zurück. Er setzte sich an den Küchentisch und lies die letzten Minuten noch einmal Revue passieren. An Angelas Vorhaben, Timothy bei seinen schulischen Verpflichtungen zu helfen, war überhaupt nichts auszusetzen. Im Gegenteil, je früher Timothy den Weg zurück ins Team fand, umso besser. Er war eine wertvolle und fast unersetzliche Verstärkung. Ohne ihn konnten sie den Aufstieg wahrscheinlich vergessen. Und mit Angelas Hilfe würde er das Beste aus sich herausholen, das wusste Tony. Er selbst hatte mehr als einmal von ihrer tatkräftigen Unterstützung und enthusiastischen Motivation profitiert. Sie hatte ihn durch's College gepusht, sie würde auch Timothy durchpushen. Aber irgendetwas hatte in der Luft gelegen in dieser Küche. Er hatte eine Spannung zwischen sich und Timothy gespürt, die er vorher so noch nie bemerkt hatte.

Was war da los?