„Eine Träne zu trocknen ist ehrenvoller, als Ströme von Blut zu vergießen."
George Gordon Byron
Perrem Ohnehand
Dol Lorn / Dunland, 2791 D.Z
Im Kuldjargh herrschte reges Treiben. Der Geruch von Bier, Wein und Pfeifenkraut stieg Nereley in die Nase, als sie die Tür aufstieß und Frerin in die Schenke zog. Es hatte aufgehört zu schneien, der Wind war abgeflaut und der Himmel hatte aufgeklart. Eiseskälte hatte sich auf die Straßen Dol Lorn gelegt und jede Seele, gleich ob Zwerg oder Mensch, war in den Schutz der Häuser getrieben worden. Die halbe Stadt schien sich bei Simugosh eingefunden zu haben.
Das Feuer hinter der Theke prasselte. Die Wärme kroch unter ihren Mantel und ließ sie aufatmen. Ihre Wangen brannten vor Kälte und sie spürte kaum noch ihre Finger, als sie Frerin drängte sich an einen kleinen freien Tisch nahe der Theke zu setzen und ihren Mantel auszog.
Sie setzte sich neben ihn und zwang ihn, seine Hand zu öffnen. Sein Blick war abwesend, er schwieg und ließ sie nur wiederstrebend seine Finger auseinanderbiegen. Der Schnitt, den die Klinge von Dwalins Schwert hinterlassen hatte, war nicht tief, doch er musste versorgt werden. Sie hob die Augen und sah ihn an. „Warte hier", sagte Nereley, „ich werde Verbandszeug holen und etwas Weingeist." Er rührte sich nicht. Erst, als sie zurückkam und ein alkoholdurchtränktes Tuch auf seine verletzte Hand presste, zuckte er zusammen und entriss ihr seine Finger. Er ballte die Faust und umklammerte das Handgelenk mit der anderen Hand.
„Ich muss es reinigen Frerin, es wird sich sonst entzünden", Nereley setzte sich wieder und nahm sanft seine Hand. Vorsichtig goss sie etwas Weingeist auf den Schnitt und tupfte das Blut fort. Sie lächelte zu ihm auf, als sie die Wunde verbannt. „Es ist halb so schlimm. Wenn du die Wunde sauber hältst, wird der Schnitt schnell heilen." Sie verschloss die Flasche Weingeist mit einem Korken und wischte sich die Hände an einem Tuch ab. Er starrte an ihr vorüber ins Leere und blieb stumm.
Sie legte die Hand an seine Wange und zwang ihn, sie anzusehen. „Was ist los Frerin? Was habe ich getan, dass du mich mit diesem Schweigen bestrafst?" Mit der gesunden Hand griff er nach ihren Fingern. Sie hörte, wie die Tür zur Schenke in ihrem Rücken geöffnet wurde. In Frerins Züge kam Bewegung und sie wandte sich um.
Thorin war eingetreten. Er zog seine Handschuhe aus und durchmaß mit seinem Blick den Raum. Kurz hielt er inne, als seine Augen Frerin fanden. Nereley fragte sich, ob es Schuld war, die sie in seinem Gesichtsausdruck las, doch dann strich sein Blick kurz zu ihr herüber und ein Schatten fiel auf seine Züge. Beschämt sah sie weg und wandte sich wieder zu Frerin um, als sich seine Finger immer fester um ihre Hand schlossen. „Frerin", sagte sie, „du tust mir weh!"
Er sah sie an. Das Feuer spiegelte sich flackerte in seinen dunklen Augen. Nereley versuchte ihm ihre Hand zu entziehen, doch er hielt sie unerbittlich fest. „Du glaubst auch, er sei der stärkere von uns beiden, nicht wahr?" Sein Gesicht war gerötet und er kniff die Augen zusammen. „Du glaubst, er ist im Recht!"
„Nein", antwortet sie, „und nun lass mich los!" Es erschien ihr eine kleine Ewigkeit zu vergehen, in der er noch immer ihre Hand umklammerte und sie mit wütendem Blick anstarrte. Schließlich aber ließ er von ihr ab.
Sie rieb ihre schmerzenden Finger. „Ich glaube weder das eine noch das andere. Dennoch-", die Worte blieben ihr im Halse stecken. Sie wandte das Gesicht ab und schluckte schwer.
„Was?" Seine Stimme war hart und schroff.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich denke, sein Wille ist trotz allem-" Wieder brach sie im Satz ab und starrte verlegen und um Worte ringend auf ihre Finger. „Wer etwas erreichen will, muss zuerst einmal sich selbst besiegen. Das Schicksal wird dir den Beginn nicht vergelten, nur das Durchhalten." Sie nahm seine Hand und legte sie kurz auf ihre Wange, ehe sie seine Handfläche küsste. „Ich weiß, dass du denkst und fühlst und das allein macht dich zu einem starken Mann. Gib nicht auf Frerin. Die Kunst ist es, immer einmal mehr aufzustehen, als einen das Schicksal in die Knie gezwungen hat."
Frerin legte die Hand in ihren Nacken und zog sie näher. Seine Stirn berührte ihre und er schloss die Augen. „Wie soll ich noch kämpfen, wenn ich längst geschlagen bin?" Sie verspannte sich in seinem Griff und wollte sich ihm entziehen. „Nein", sagte er und schlug die Augen auf. Nereleys spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Dann küsste er sie.
„Gestattet ihr?", fragte Thorin und zeigte auf einen der leeren Stühle um den Tisch, an dem Perrem Ohnehand Platz genommen hatte und seinen Gram in Wein und Feuerwasser zu ertränken versuchte.
„Kann ich euch aufhalten?" Perrem sprach mit schwerer Zunge und seine Wangen glühten im Schein des Öllichts auf dem Tisch. „Setzt euch", lallte er, „aber schweigt. Ein alter Mann wie ich hat nach solch einem Abend ein wenig Frieden verdient, findet ihr nicht? Die Reise war mehr als beschwerlich. Es ist Winter! Bei Durin, wisst ihr, welch Abenteuer es ist, zu dieser Jahreszeit den Glanduin zu überqueren und das Dunland zu durchreisen? Ein abscheuliches, sage ich euch. Und wofür das Ganze? Damit mir ein paar Grünschnäbel sagen, was ich zu tun habe."
Er nahm seinen Becher und leerte ihn in einem Zug. „Abscheuliches Zeug", seufzte er und starrte auf den Boden des Tongefäßes, ehe er sich aus dem Krug auf dem Tisch nachgoss. Er hob die Hand und winkte Nereleys Mutter, die an einem Nachbartisch Gästen das Bier brachte. „Einen neuen Krug Wein und einen Becher für meinen – Freund." Seine Stimme war laut und rau vom Alkohol.
Thorin musterte ihn eindringlich und warf seine Handschuhe auf den Tisch. „Wie kommt es, dass ich euch nicht kenne Meister Perrem? Mir schien, ihr und unser König wäret alte Bekannte. Und doch kann ich mich nicht entsinnen euch einmal begegnet zu sein, als unser Volk noch im Erebor lebte."
Perrem bedachte Thorin mir einem nachdenklichen Blick. Nereleys Mutter brachte einen großen Krug Weins und einen Becher für den Zwergenprinzen. Sie stellte beides auf den Tisch und nahm den leeren Krug an sich. „Ihr solltet euch den trüben Abend nicht zu sehr mit dem Rebensaft vergolden", sagte sie zu Perrem. „Ich habe schon gestandener Männer als ihr es seid unter der Macht der gischtgetränkten Trauben des Eryn Vorn wanken und fallen sehen. Es mag eurer Zunge munden, doch eurem Geist ist es nicht wohlgesonnen." Sie griff nach dem vollen Krug und schenkte beiden ein. „Achtet mir auf unseren Gast, Herr Thorin", sagte sie. „Mir steht nicht recht der Sinn danach ihn morgen in der Früh noch hier vorzufinden."
Thorin nickte. „Ich will es versuchen, Nantalya", erwiderte er mit Erheiterung in der Stimme. Sie wandte sich ab und überließ die beiden Zwerge sich selbst.
„Pah", gab Perrem mit einem verächtlichen Schnalzen der Zunge von sich. „Was weiß dieses Menschenweib vom Magen eines Zwerges, der mehr verträgt, als ein paar Becher sauren Weins. Trinkt Wein, sage ich und lasst das Wasser für die Mühlen." Er griff nach seinem Becher und nahm einen großen Schluck. „Noch immer widerlich", beklagte er sich, „doch es wärm Geist und Körper!" Er schlug sich mit der Faust auf die Brust und stieß laut auf.
„Verzeiht einem alten Zwerg seinen Mangel an Manieren", sagte er an Thorin gewandt. „Doch es ist spät und meine alten Knochen sind müde." Er stellte seinen Becher auf den Tisch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Ihr wisst also tatsächlich nicht, wer ich bin?" Perrem verkniff die Augen zu schmalen Schlitzen. Misstrauisch beäugte er den jungen Zwergenprinzen. „Also gut, dann will ich euch sagen, wer der betagte Zwerg ist, mit dem ihr es zu tun habt. Ich wuchs im Erebor auf, soviel ist gewiss. Doch geboren wurde ich in den Grauen Bergen, nur wenige Monde, bevor euer Ahn Dáin und sein Sohn Frór auf den Stufen ihres Palastes von einem Kaltdrachen erschlagen wurden. Mein Vater war ein einfacher Wachsoldat in diesen Tagen und starb an der Seite seines Königs. Meine Mutter, die eurem Großvater, König Thrór zum Einsamen Berg folgte, erkrankte auf der Reise an der Schwindsucht und Mahal führte sie in Durins ewige Hallen, ehe ich meinen ersten Winter sah."
Perrem rieb sich mit dem Handrücken über die müden Augen. Seine Haut wirkte im fahlen Licht der Öllampen grau und die Narben schienen Thorin noch tiefer, das Gesicht noch zerfurchter und vom Leben gezeichnet. Das ergraute Auge stach in dem dunklen Zwielicht der Schenke deutlich hervor und Thorin musste sich zwingen nicht unentwegt auf die erkrankte Pupille zu starren.
„Thrór nahm mich als Mündel an und ich wuchs unter der Obhut eines seiner Gardisten und dessen Frau auf", fuhr der alte Zwerg fort. „Ich blickte bereits auf mehr als fünfzig Sommer zurück, als euer Vater geboren wurde und doch wurden wir Freunde. Ich war es, der Thráin beibrachte mit einer Klinge umzugehen. Ihr selbst wart gerade erst geboren, als ich den Erebor verließ. Ich habe den Berg, seinen Reichtum und die Quelle des Eilend seither nicht wieder gesehen." Perrem griff nach seinem Becher und trank mit hastigen Zügen. Der dunkelrote Wein rann seinen grauen Bart hinab und versiegte im Stoff seiner Tunika.
„Und wenngleich euch euer Weg fort vom Erebor führte, wart ihr meinem Vater doch bis heute Freund genug, damit er euch in den Kreis der Sieben berief?", frage Thorin. Perrems Antwort war ein stummes Nicken. Der Zwergenprinz versuchte im schwarzen Blick des anderen zu lesen, doch er wurde aus dem Alten nicht schlau. „Warum seid ihr nie zurückgekehrt?", wollte Thorin wissen und nippte an seinem Becher. Der Wein war tatsächlich sauer und hinterließ einen faden Nachgeschmack auf seiner Zunge.
„Ich hatte keinen Grund", antwortet Perrem knapp. Er strich mit dem Stumpf seines rechten Arms das feine Rinnsal des Weins aus dem Bart, ohne den Blick von Thorin abzuwenden.
„Und eure Hand?", setzte Thorin nach. „Wie habt ihr sie verloren?" Doch er erhielt keine Antwort, nicht einmal ein Brummen oder Schulterzucken, das bekundet hätte, wie sehr dem Alten die Frage missfiel. Perrem sah ihn nur schweigend an. Sein Blick war unergründlich und es schien Thorin, als wolle ihn der andere prüfen. Um Worte ringend wandte er sich ab und sah zu dem Tisch hinüber, an dem er beim Eintreten seinen Bruder entdeckt hatte. „Verzeiht, wenn ich zu forsch war! Ich wollte nicht neugierig erscheinen." Er sah, wie Frerin Nereley an sich zog und küsste. Für einen kurzen Moment schloss er die Augen und rang den Ärger und die Wut über die Unvernunft seines Bruders nieder und wandte sein Gesicht schließlich wieder Perrem zu. Ruß und Qualm der schlechtbrennenden Öllampe auf dem Tisch ließ seine Augen tränen, als er die Lider hob.
Perrem warf einen kurzen Blick auf Frerin und Nereley. „Sie ist kein Zwerg", stellte er trocken fest und zuckte mit den Schultern. „Es gefällt euch nicht, was euer Bruder tut?"
Thorin sah ihn durchdringend an. Es behagte ihm nicht, mit dem Alten über seinen Zorn auf Frerin zu sprechen. Perrem aber zuckte erneut mit den Schultern und goss sich einen weiteren Becher Wein ein. „Glaubt mir Freund, das Geheimnis der Liebe ist größer noch als das Geheimnis des Todes. Ersteres blieb mir stets verschlossen und ich wünschte, ich wüsste über das zweite nur halb so viel, wie ich es tatsächlich tue." Abwesend rieb er mit seiner linken Hand über den Stumpf seines anderen Arms.
Thorin dachte an das vergangene Treffen des Kreises der Sieben und den Grund, warum er dem Fremden in den Kuldjargh gefolgt war. Er fragte sich, ob das Begehren und die Ablehnung, die Perrem im Rat an den Tag gelegt hatte, etwas mit seiner Verletzung zu tun hatte, doch er wagte nicht weiter danach zu fragen. Stattdessen sagte er: „Ihr haltet mich für einen Tor und einen unbesonnen Narren dazu. Sagt mir, Meister Perrem, warum ihr der erste und einzige seid, der mir seit dem Tod meines Großvaters begegnete, dem nicht der Sinn nach Rache steht. Warum wollt ihr nicht in den Krieg gegen die Orks ziehen?"
„Ich halte euch weder für das eine noch für das andere. Wer wäre ich, mir anzumaßen, euch zu kennen, wenngleich ich euch heute das erste Mal begegnete? Doch ich weiß und sehe, wie jung ihr seid, Herr Thorin. Wenn man jung ist, so ist das Leben ein ewig währendes Abenteuer, das vor einem liegt. Es ist eine glorreiche, lange Zukunft, doch von deinem Standpunkt aus betrachtet, ist das Leben eine recht kurze Vergangenheit. Ihr mögt es als ehrenvoll betrachten, den Tod Thrórs zu rächen, doch ich habe das Leid und die Tränen gesehen, die der Krieg mit sich bringt und ich glaube, dass nur ein vermiedener Kampf ein wahrhaft gewonnener ist."
Thorin starrte Perrem ungerührt an. „Und wenn wir den Tod unseres Königs ungesühnt ließen? Glaubt ihr nicht, dass die Orks alsbald an den Schwellen aller noch existierenden Zwergenreiche stünden und unseres Gleichen niedermetzeln würden, um unsere Hallen für sich zu beanspruchen und alle Zwerge zur Heimatlosigkeit zu verdammen, wie es Smaug mit uns getan hat?"
„Es ist einerlei, was ich glaube, oder nicht!", erwiderte Perrem. „Wenn die Orks kommen, so wird es an uns sein, unser Volk zu verteidigen. Ich sehe, worin ihr euer Heil sucht, Thorin, wenn ihr die Heere unserer Sippe, die verstreut in Mittelerde lebt, zu einem zusammenziehen wollt. Unsere Streitkräfte zu sammeln, mag uns mehr Kraft und Stärke im Kampf gegen die Orks verleihen und doch denke ich, dies ist nichts anderes, als der Kauf von ein wenig Lebenszeit, vor dem sicheren Untergang. Die Niederlage kann auch ein noch so großes Zwergenheer nicht von uns abwenden. Es ist ein weiter Weg vom Dunland in die Ered Luin und die Eisenberge und was werdet ihr tun, wenn euch die Zwerge Belegosts und Thráins Vetter Náin uns nicht beistehen wollen? Werdet ihr deswegen auf den Krieg verzichten und eure Rache nicht einfordern?"
Thorins Finger umschlossen eisern den halb getrunkenen Becher Wein. Perrems Worte hallten in seinem Inneren wider und ließen ihn einmal mehr an seiner Entscheidung zweifeln. Doch der Kreis der Sieben hatte entschieden, das Volk der Langbärte aus dem Dunland würde in den Krieg ziehen, gleich, ob ihnen die Zwergenheere aus den Blauen Bergen oder den Eisenbergen beistehen würden.
„Und doch habt ihr dem Krieg und der Musterung der Heere zugestimmt!", stellte Thorin fest und blickte in die Schwärze seines Weins hinab.
„Ihr solltet einen alten Zwerg, wie ich es bin, nicht unterschätzen, Herr Thorin. Ich habe mehr Sommer gesehen, als die meisten anderen Krieger - ich fürchte mich nicht vor der Zukunft." Er trank seinen Becher aus und wischte sich mit dem Handrücken über die roten Lippen. „Und ich kenne meinen Platz in dieser Welt. Wenn mein König zum Krieg ruft, folge ich ihm. Mit Mahals Hilfe und Durins Beistand werden wir diesen Krieg vielleicht sogar gewinnen, doch erwartet nicht, dass uns am Ende aller Schlachten der Frieden erwartet, Thorin, Sohn des Thráin."
Kaum merklich nickte Thorin mit dem Kopf und wandte seinen Blick wieder Perrem zu. „Begleitet mich", sagte er. „Kommt mit mir und sorgt dafür, dass die Söhne Durins nicht untergehen, wie die Sonne am Abend."
Müde blickte Perrem über den Tisch. Ein schweres Seufzen entrang seiner Kehle, ehe er den gesunden Arm hob und nach mehr Wein verlangte.
