Sodale, hier noch mal die etwas überarbeitete Version des sechsten Kapitels. Danke an Morti für den Hinweis auf meinen kleinen Logikfehler :) Das kommt davon, wenn man schnell ein Kapitel postet ohne es vorher noch mal durchgelesen zu haben. Ich hoffe ihr habt Lust und lest die überarbeitete Version noch mal.

Viel Spaß und reviewt fleißig weiter: wie ihr seht, Eure konstruktive Kritik ist mir stets willkommen!


Kapitel 6

Es war eine wirklich harte Nacht gewesen. Hermine lehnte seufzend ihren Kopf an das mächtige Mauerwerk und starrte in das Morgengrauen hinaus.

Nebel lag über den Wiesen von Hogwarts und einzelne Baumspitzen des verbotenen Waldes schienen wie Geister über einem nebligen See zu schweben. Unwillkürlich musste Hermine an die Dementoren denken, die einst im Schulgelände ihr Unwesen getrieben hatten. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und sie zog ihre Arme näher an sich.

Hagrid hatte nach Hermines Wutausbruch gestern kleinlaut zugegeben, dass er Amanda gar nicht hatte davon abhalten wollen, in die Schlacht zu ziehen. Er habe fest daran geglaubt, dass die Nachhut mit den jungen Zauberern und Hexen sowieso nie zum Einsatz käme. Er habe gehofft, dass es ihrem Selbstbewusstsein ein bisschen auf den Sprung helfen würde, behaupten zu können, sie wäre einmal dabei gewesen.

Hermine hatte darauf hin Amandas Geschichte erzählt und ihnen allen zum Beweis Malfoys Zauberstab unter die Nase gehalten. Hagrid war, während sie berichtete, ganz blass geworden und hatte versucht Rons zornigen Blicken und Harrys mahnenden Augen auszuweichen.

Hermine wusste, dass Hagrid es nur gut gemeint hatte. Aber wieder einmal hatte sich gezeigt, dass Hagrid manchmal einfach das Gefühl für Gefahr und Risiko verlor. So war Hagrid eben.

Sie lächelte, als sie an den Hippogreif Seidenschnabel dachte, den Hagrid einst zum Unterricht über die Pflege von magischen Geschöpfen mitgebracht hatte. Für einen Hippogreif war Seidenschnabel tatsächlich ein gutmütiges Tier gewesen und er hatte noch nach Sirius Tod lange bei Hagrid gelebt. Trotzdem hätte Hagrid es nicht riskieren dürfen das Wildtier mitten unter eine Horde unerfahrener Schüler zu bringen. Malfoys damalige Verletzung, die er zwar selber provoziert hatte, hatte es bewiesen.

Malfoy.

Die Auseinandersetzungen und Feindschaft mit Draco Malfoy schienen sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zu ziehen. Wie oft hatte sie als junges Mädchen unter seinen Beleidigungen und gemeinen Scherzen gelitten. Unzählige Male hatte sie alleine in der Bibliothek gesessen und geweint, weil er sie mal wieder ein Schlammblut genannt hatte, unrein, der Zaubererwelt nicht würdig.

Nach ihrem sechsten Jahr in Hogwarts hatte sich Malfoy den Todessern angeschlossen. Lucius Malfoy, sein Vater, wurde aus dem Gefängnis von Azkaban befreit und die Todesser erblühten zu neuer Stärke.

Draco Malfoy, der einst mit dem Trio im gleichen Unterricht gesessen hatte, war ihr erklärter Feind geworden.

Und nun lag er hinter ihr auf einem Bett und schien mit Haaresbreite und ihrer Hilfe dem Tod entronnen zu sein. Auch wenn sie Malfoy verabscheute, sie wusste sie hatte richtig gehandelt.

Allerdings war ihr Versprechen gegenüber Amanda, dass Draco überleben würde, schwieriger einzuhalten gewesen als Hermine gehofft hatte.

Sie war zur Geisterstunde in Schlafsaal zurückgekehrt und hatte Malfoy in einem desolaten Zustand vorgefunden. Überall standen Schweißperlen auf seiner Haut und er schien sich trotz seiner Bewusstlosigkeit in Schmerzen zu winden. Hermine hatte ihm die Hand auf die Stirn gelegt und festgestellt, dass Draco vor Fieber glühte.

Neville war wie versprochen gekommen, hatte ihr aber nicht helfen können. Es sei eine vorübergehende Abstoßreaktion des Körpers gegen das neue Blut, das sich in Malfoys Adern bildete, hatte er ihr erklärt.

Dieses Fieber war durch keine Magie zu beseitigen gewesen, denn die Gefahr wäre zu groß gewesen, dass es zu ungeahnten Wechselwirkungen mit dem Blutbildertrank hätte kommen können. Und das hätte für den geschwächten Patienten das Aus bedeutet.

Es war Hermine also nichts anderes übrig geblieben, als den überhitzten Körper Malfoys mit Hilfe von Muggel-Hausmittelchen herunterzukühlen. So war sie die ganze Nacht neben dem Mann gesessen, der ihr das Leben stets zur Hölle gemacht hatte, und hatte versucht mit kalten Wadenwickeln, die sie halbstündlich erneuerte, sein Fieber zu senken.

Von Dobby hatte sie sich eine große Kanne mit schweißtreibendem Weidenrindentee bringen lassen, den sie Malfoy regelmäßig hatte einflößen wollen.

Als Dobby den Sohn seines ehemaligen Herren im Gryffindor-Turm entdeckt hatte, hatte er vor Schreck die erste Kanne Tee auf den Boden fallen lassen und das kochend heiße Gebräu hatte seine Füße verbrüht.

Hermine hatte die Schmerzen des Hauselfs mit einem Wedeln des Zauberstabs in sekundenschnelle geheilt, aber nur ihr eindringliches Bitten hatte Dobby davon überzeugen können, noch eine zweite Kanne des Tees zu bringen.

Hermine hatte ihn allerdings kurz darauf dabei erwischt, wie er diese Kanne wieder drohte vorzeitig zu entleeren. Diesmal allerdings mit voller Absicht.

Sie hatte die Kanne gerade noch am Henkel festhalten können bevor sie dem unschuldig und lammfromm dreinblickenden Dobby aus der Hand geglitten und der gesamte kochende Inhalt auf Dracos Oberkörper geklatscht wäre.

Malfoy hatte sich noch stundenlang in dem lebensbedrohlichen Fieber umhergewälzt und einmal sogar seine Augen weit aufgerissen, sie sekundenlang angestarrt und war mit einem Aufbäumen seines Körpers wieder in die Ohnmacht zurückgefallen.

Nach Stunden endlich hatte sich seine Temperatur gesenkt und Hermine hatte sich mit einem erleichterten Seufzer auf das nächstbeste Bett fallen lassen.

Als sie den ersten Vogel zwitschern gehört hatte, war ihr klar gewesen: Draco Malfoy hatte die Nacht überlebt.

Es war Zeit gewesen, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, dass ihr Patient nach seinem Aufwachen nicht direkt versuchen würde zu entkommen oder sie gar zu töten. Mit einem Zauberspruch hatte sie ihn mit magischen Seilen an das Bett gefesselt. Das war vor wenigen Minuten gewesen.

Und nun lehnte sie am Fenster, beobachtete erschöpft den Sonnenaufgang und wartete darauf, dass ihr Patient aufwachte.

Die Schönheit des Sonnenaufgangs, dessen goldenes Licht sich langsam seinen Weg durch die Nebelschwaden bahnte, entschädigte sie für die schlaflose Nacht. Ein Muggellied kam ihr in den Sinn, das sie einmal bei ihren Eltern gehört hatte und leise begann sie zu summen.

Hermine meinte ein Rascheln hinter sich zu hören und drehte sich um. Zwei silberne Augen mit leicht bläulichem Stich starrten sie an.

Es schien einen Moment zu dauern bis Draco Malfoy sie erkannte, aber dann sah sie, wie sich seine Augen vor Entsetzen weiteten, als ihm bewusst wurde, wer ihm gegenüber stand.

Hermine lächelte. Alleine diesen Blick auf Draco Malfoys Gesicht zu sehen, war es wert gewesen, ihn zu retten.

Er zahlte Hermine alles zurück, was sie je unter ihm erlitten hatte. Er schien etwas sagen zu wollen, öffnete seinen Mund, schloss ihn aber wieder ohne einen Laut hervorzubringen.

Sein Blick wanderte zwischen Hermine und seinen Fesseln an den Händen und Füßen hin und her und versuchte sich zu befreien. Seine Brust hob und senkte sich schnell unter der Anstrengung, die er seinem geschwächten Körper zumutete. Hermine trat näher. Ihr Lächeln wurde breiter, als sie meinte seine Augen noch ein wenig angsterfüllter zu sehen.

„Willkommen zurück unter den Lebenden, Malfoy."

Hermine ging bis an das Bett heran. Mit einer kleinen Bewegung ihres Zauberstabs strafften sich die Fesseln um Malfoys Gelenke, sodass er nicht mehr fähig war, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Sie wusste, dass es Zeit war Harry und Ron zu holen, aber sie wollte den Augenblick dieses Triumphs noch ein kleines bisschen auskosten.

Einmal sollte Draco Malfoy wissen, wie es sich anfühlte der Schwächere zu sein. Ein sarkastisches Lächeln kräuselte ihre Lippen als sie ihren Blick über ihren Gefangen gleiten ließ. Sein Atem war schnell und flach, seine schwarzen geweiteten Pupillen verdrängten fast das Silber-blaue aus seiner Iris. Ein Blick auf seinen Oberkörper, der noch immer hemdlos auf dem Bett lag, verriet ihr, dass seine Muskeln zum Zerreißen angespannt waren. Er war durch und durch ein Raubtier, das sich gerade in der Falle befand und Hermine konnte das Adrenalin geradezu durch seine Adern rauschen hören. Es würde ihm nichts helfen.

„Ich muss Dich enttäuschen, Malfoy." Hermine wedelte mit ihrem Zauberstab zwischen ihren Fingern.

„Es wird Dir nicht gelingen zu fliehen. Diese Fesseln…" sie deutete auf die bläulich schimmernden Seile. „…können nur von einem bestimmten Gegenfluch wieder aufgehoben werden. Und da ich diesen Spruch entwickelt habe, fürchte ich, wirst Du Dir nicht helfen können."

Draco starrte Hermine nur unverwandt in die Augen, aber sagte keinen Ton. Als sie die Hand ausstreckte und die Haut an seinem Hals berührte, zuckte er erschrocken zusammen. Hermine grinste:

„Keine Angst, Malfoy. Ich will nur deinen Puls messen."

Dann ging sie zum Portrait, öffnete es und rief so laut sie konnte: „Harry! Ron! Unser Gast hat ausgeschlafen!"

Sie hörte ein schlagartiges Rumoren aus zwei Ecken vom Gryffindorturm. Sie vernahm ein lautes Fluchen und wusste, dass Ron wie so oft beim Aufstehen über seine eigenen Beine gestolpert war. Harry dagegen hatte scheinbar im Gemeinschaftsraum die Nacht durch gelesen und war dabei eingeschlafen. Das schwere Buch neben ihm fiel mit einem lauten Knall von der Sessellehne auf den Boden, als er aufstand.

Hermine lächelte dankbar. Sie wusste Harry hatte wegen ihr sich die Nacht um die Ohren geschlagen, um ihr zu helfen, falls sie in Not geriet.

Harry gähnte, setzte seine Brille zurecht, strubbelte sich durch sein schwarzes Haar und wartete auf Ron, der mit einem grimmigen Gesichtsausdruck auf den Mädchenschlafsaal zustürmte.

Als Ron durch das Portrait stieg, legte Hermine ihm eine Hand auf die Brust, um ihn daran zu hindern, dass er gleich auf Malfoy zustürmte und ihre Arbeit der letzten Nacht direkt zunichte machte. Rons Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als er auf Draco Malfoy starrte, aber er lehnte sich mit verschränkten Armen an die Wand und sagte nichts.

Dann betrat Harry den Raum. Hermine musste zugeben, dass er trotz seines übermüdeten und zerzausten Äußeren einen durchaus imposanten, Respekt einflößenden Eindruck machte. Harry war zwar längst nicht so groß wie Ron, aber er hatte eine athletische Figur, einen forschen Schritt und die Ruhe eines kampferprobten Mannes. Außerdem hatte er im Moment einen ziemlich kurzen unrasierten Dreitages-Bart, der sich mit seinen schwarzen Stoppeln gegen seine Haut stark abhob. Insgesamt war Harry Potter mit seinen 27 Jahren zu einem Mann herangewachsen, dem man den Abenteurer und Kämpfer durch und durch ansah.

Seine Stimme war entsprechend gelassen, als er auf Malfoy zuging, der ihn mit seinem Blick fixierte, und kurz vor seinem Bett stehen blieb.

„Guten Morgen, Draco. Wie fühlst Du Dich heute?"

Aber Harry bekam von Draco Malfoy keine Antwort. Malfoy starrte einfach nur zurück.


Fortsetzung folgt