Hallo,

obwohl ich schon seid Jahren FFs verschiedener Genres lese, ist dies meine erste eigene Geschichte.

Über Rückmeldung jeder Art würde ich mich sehr freuen.

DISCLAIMER: Außer meiner alternativen Storyline und meinem OC gehört Alles dem bewundernswerten J. R. R. Tolkien. Ich schreibe nur zu meinem Privatvergnügen und verdiene kein Geld damit.

Und jetzt, viel Spaß beim Lesen!

KAPITEL 6

Morgen würde ein aufregender Tag werden.

Aufregend.

Genau.

Im Nachhinein nicht ganz das Wort, dass Anar gewählt hätte.

Der Ritt auf einem Pony war nicht wirklich das angenehmste, was sie sich vorstellen konnte. Zwar hatte sie sich für unter ihr Kleid eine Art gefütterte Reithose genäht, doch das Lammfell dämmte die Stöße und das Reiben des Ponys nur bedingt.

Wenigstens hatte sie ein Reittier für sich. Von einer anderen Person gehalten zu werden, wäre in ihrer Verfassung nicht möglich gewesen.

Um die Stimmen der Zwerge ertragen zu können, hatte sie sich wie am vorherigen Abend Stofffetzen in die Ohren gesteckt. Dennoch verzog sie das Gesicht, wenn zu viele auf einmal durcheinander sprachen.

Bisher hatte sie es außerdem vermieden, bei vollem Tageslicht die Hobbithöhle zu verlassen. Es war unglaublich hell. Das Licht schmerzte in ihren Augen.

Aber sie versuchte krampfhaft die positiven Seite zu sehen.

Das Auenland war wunderschön. Sie sah jeden Grashalm gestochen scharf, selbst die weiter entfernten auf der Wiese, über die sie ritten. Sie sah jede einzelne der unzähligen Blumen.

Leise fing sie an, vor sich hinzusummen. Ja, sie würde sich auf die positiven Aspekte ihrer Reise konzentrieren. Weniger schöne Zeiten würden schon früh genug anbrechen.

~~oo°O°oo~~

Als die Zwerge an diesem Abend das Nachtlager aufschlugen und Bombur sich daran machte, das Abendessen zuzubereiten, suchte Anar Gandalf auf.

„Werter Herr Gandalf, würdet Ihr mir Gesellschaft leisten? Ich würde gerne etwas versuchen."

Gandalf schien diese Bitte zu überraschen, ging aber mit ihr auf einen nahegelegenen Hügel, der weit genug von den lärmenden Zwergen entfernt für ihr Experiment war, aber noch in Sichtweite der Zwerge lag.

Dort angekommen nahm Anar ihr Kopftuch ab.

Sie blinzelte, um sich an das ungefilterte Dämmerlicht zu gewöhnen und sah sich dann um. Dann entfernte sie die Stofffetzen aus ihren Ohren und drehte sich zu Gandalf um, der erschrocken einatmete.

„Was habt Ihr, Meister Gandalf?" fragte Anar beunruhigt.

„Eure Augen… sie… glänzen," brachte er hervor.

Anar stutzte. Es war eine Ewigkeit her, dass sie zuletzt ihre eigenen Augen gesehen hatte.

„Beschreibt Ihr sie mir?" bat sie.

„Sie glänzen silbern. Nicht, als wären sie tatsächlich silbern. Mehr als würde ein silberner Film über ihnen liegen. Das ist in der Tat ungewöhnlich für eine Blinde."

Anar schnaubte.

„Ihr dachtet, ich sei blind? Nein, DAS ist nicht das Dilemma. Es ist eher das Gegenteil. Seht ihr dort hinten den kleinen Bach? Dort bringt gerade eine Entenmutter ihre fünf Küken ins Nest. Oder dort den Falken? Er wird sich vermutlich gleich auf die Maus stürzen, die sich dort zum Trinken ans Ufer des Baches gewagt hat."

Gandalf blickte angestrengt in die Richtung, in die sie deutete.

„Ich sehe nicht einmal den Bach. Wie außergewöhnlich," musste er zugeben. „Und was wolltet ihr nun ausprobieren?"

„Wir werden verfolgt. Azog hat ein Kopfgeld auf Thorin ausgesetzt. Es wird noch eine Weile dauern, bis sie uns einholen werden. Aber ich wollte testen, ob ich sie schon wahrnehmen kann."

Damit blickte sie angestrengt in die Richtung, in der sie die Orks vermutete und verpasste dabei Gandalfs besorgten Gesichtsausdruck.

„Nein, da ist nichts. Wir sollten erst einmal sicher sein," sagte sie bestimmt und drehte sich wieder zu Gandalf um.

„Wenn das so ist, würde ich vorschlagen, dass wir dies nun jeden Abend machen sollten," meinte Gandalf nachdenklich.

~~oo°O°oo~~

Als sie zum Lager zurückkehrten, hatte Anar ihr Kopftuch und ihre Ohrstöpsel wieder an Ort und Stelle befestigt und nahm nun mit einem dankbaren Nicken die Schüssel mit dem Abendessen von Bilbo entgegen.

„Was habt ihr dort hinten gemacht?" fragte Bilbo neugierig.

„Ein Experiment," entgegnete Anar, was Bilbo mit einem Nicken akzeptierte, weil er solch wage Aussagen von ihr bereits gewöhnt war.

Dies schien Thorin jedoch nicht auszureichen.

„Welche Art von Experiment? Ich verlange eine Erklärung!" sagte er deshalb.

Anar blickte kurz zu Gandalf herüber und als dieser nickte, entgegnete sie schnippisch: „Ich wüsste zwar nicht, was Euch meine privaten Angelegenheiten angehen, Meister Thorin, aber ich habe Gandalf darum gebeten, meine Sehfähigkeit zu überprüfen."

Das reichte aus, um Thorin beschämt den Kopf senken und die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Da sie kein offizielles Mitglied seiner Gemeinschaft war, ging ihn das nämlich wirklich nichts an. Und dass sie im Geheimen mit ihren Kenntnissen versuchte, sein Leben zu retten, wusste er ja nicht.

Auch an diesem Abend wurde wieder gesungen.

Nachdem erst Kili eine lustige Weise und anschließend Nori eine tragende Ballade vorgetragen hatte, sah Bilbo fragend in Anars Richtung.

„Möchtest Du nicht auch einmal ein Stück zum Besten geben?" fragte er sie.

Sie sah erstaunt auf und blickte dann in die Runde, um abzuschätzen, ob dies von der Gemeinschaft wohl gewünscht wäre.

Bis auf Thorin, der sich abgewandt hatte, schauten die meistens Zwerge entweder skeptisch oder freudig abwartend in ihre Richtung, was sie dazu brachte sich zu räuspern und dann leise zu singen:

„Von Testara nach Jandberg der Wandrer kehrt ein
in ein Gasthaus, das heißt: "Das Mädchen aus Stein".
Und wenn auch in Namen oft Wahrheit liegt,
mancher meint, dass die Geschichte hier lügt.
Doch die, die es wissen, lächeln nur still
und erzählen, was war, dem der zuhören will.

In einem Dorf nah der Stadt lebt' vor 100 Jahr'
ein Mädchen voll Anmut und Schönheit, das war
dem Tempel der Jungfrau im Waldhain geweiht
dort tanzt sie die Göttin im Wechsel der Zeit.
So wisst, dass die Tänzerin verschworen ist
der Göttin der Reinheit auf Lebensfrist.

Nicht an Mann noch an Frau darf sie sich verlier'n
und andre liebe als die des Geistes verspür'n,
doch lebt in dem Dorf auch ein junger Mann
dem sie nicht ganz ihr Herz verschließen kann.
So wählt sich das Schicksal seinen dunkelsten Lauf
und legt beiden den Zauber der Liebe auf.

Und so trifft sich die Tänz'rin im Abendrot,
getrieben von Sehnsucht, gehalten von Not,
mit ihm an der Straße im finstersten Wald
zu langen Gesprächen und zärtlichstem Halt.
So vergehen die Nächte mit verbotenem Glück
und am Morgen kehrt sie in den Tempel zurück.

Die Geschichte sagt nun, dass der Tänzerin
ein zorniger Bote der Göttin erschien:
"Mein bist du, Mädchen, und wirst es auch sein
solang der Himmel aus Luft und die Erde aus Stein.
Wende dich ab und Kehr' zu mir zurück,
denn siehst du ihn wieder, dann endet dein Glück!"

Doch wenn ein Herz brennt und sich selber verzehrt
nicht mal göttliche Drohung den Weg ihm verwehrt;
eh ein Mondkreis verging, schlich die Tänzerin
zum Treffpunkt im Wald an der Straße hin.
Den Mondglanz verdüstert die röteste Glut
als Echo und Zeichen der göttlichen Wut.

Sie tritt aus dem Wald und sie sieht sein Gesicht,
vertraut und geliebt selbst im düsteren Licht,
die hebt ihre Hand, um ihn zu sich zu zieh'n,
während über den Mond schwarze Wolken flieh'n.
Als sie sich berühren, in Schatten gehüllt,
sich das Wort und der Fluch der Göttin erfüllt.

Was geschah, wollt ihr wissen? Nun, dann kommt mit
hinaus hinter's Haus und dann noch ein paar Schritt,
und dort steht am Waldesrand im Sonnenschein
wunderschön, wie lebendig, ein Mädchen aus Stein.
Und es heißt, dass wenn nachts hoch hell die Sterne steh'n,
kann man sie in dem Licht hier tanzen seh'n."

(„Das Mädchen aus Stein" – von der bezaubernden Bardin Shei)

Anar hatte sich nie für eine besonders gute Sängerin gehalten. Sie hatte immer nur für sich selbst im Auto oder unter der Dusche gesungen. Den Zwergen jedoch schien es gefallen zu haben, denn sie nickten ihr anerkennend zu und als sie sich umblickte sah sie, dass sogar Thorin sich in die Runde zu ihnen gesetzt hatte, um ihr besser lauschen zu können.

‚Das kann man ja schon fast als Kompliment werten,' dachte Anar bei sich, als sie sich anschließend zur Ruhe legte.

AN: Den Liedertext von „Das Mädchen aus Stein" habe ich mit freundlicher Genehmigung der Bardin Shei verwendet. Wer neugierig geworden ist, dem kann ich wärmstens ihr „Inter-Pergament" unter .de ans Herz legen. Hier findet sich zwar leider keine Version dieses Liedes zum Download, aber man kann sich unter der Kategorie Lieder – gefangene Lieder einen Eindruck davon verschaffen, wie sich ihre Lieder anhören. Und anschließend eine CD bei ihr bestellen. Ich persönlich bin ein Fan ihrer Musik ;-)