Kapitel 7, in dem sich Ginny innerlich kalt wie ein Stein fühlt
Ich schlug die Augen auf und war sofort wach. Kein bisschen verschlafen –ich war wach. Ich wusste alles von gestern noch. Es ließ mich seltsam kalt und gleichzeitig liebte und hasste ich es. Danach dachte ich sofort wieder an meinen Vater.
Dad, der einen Autounfall gehabt hatte, der jetzt in einem Muggelkrankenhaus lag, Dad, Dad, Dad.
Ich wusste nicht genau, was ich fühlte, aber es war mit Sicherheit nichts Gutes. Ich hatte schlechte Laune, das war nicht zu leugnen. Und irgendwie war mir alles egal: Was gestern mit Colin passiert war. Wir hatten nicht nur getanzt, sondern auch miteinander geschlafen. Wir hatten nicht verhütet. Es war mir egal. Wie viele Frauen wurden denn nun wirklich schwanger, als sie ohne Verhütung mit einem Mann Sex hatten? Die Wenigsten vermutlich, warum sollte so etwas ausgerechnet mir passieren?
Rechts neben mir lag Colin. Er schlief noch und lächelte im Schlaf selig wie ein kleines Kind.
Ich stand auf und ging in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Das Getränk war viel zu heiß und ich verbrühte mich daran, doch es machte mir nichts aus. Ich kippte den Kaffee in den Ausguss und warf den Plastikbecher in das Waschbecken hinterher.
Colin erschien im Türrahmen. Er hatte sich schnell seine Unterwäsche übergezogen und betrachtete mich nun verwundert, wie ich da stand: Nackt, in der Küche, mit Bechern um mich werfend, schlecht gelaunt.
„Ist alles in Ordnung, Ginny?", fragte Colin vorsichtig.
„Nein", antwortete ich nur einsilbig. Dann ging ich ins Schlafzimmer und zog mich an.
„Tschüß. Wir sehen uns!", rief ich noch, als ich schon auf der Treppe stand, die in den Laden führte.
„Warte!", bat mich Creevey. Er zog sich schnell eine Hose an, bevor er mich noch bis auf die Winkelgasse begleitete.
„Danke fürs Aufschließen", sagte ich. Auf einmal bekam ich ein schlechtes Gewissen Colin gegenüber, weil ich mich so schroff verhielt, obwohl er doch nichts dafür konnte und mir am Tag zuvor auch noch den süßesten Abend seit Langem beschert hatte.
„Tut mir Leid", murmelte ich. „Ich mache mir nur solche Sorgen um meinen Dad."
„Was ist mit ihm?", fragte mein ehemaliger Mitschüler.
„Er hatte einen Autounfall", sagte ich knapp, er fragte nicht weiter nach, als spürte er, dass ich nicht darüber reden wollte.
„Ich schicke dir eine Eule. Wir sehen uns doch, oder?"
„Klar", sagte ich und lächelte. Dann drehte ich mich um und mein Grinsen verschwand schlagartig. Ich fühlte mich so kaputt. Aus der Winkelgasse heraus apparierte ich in den Fuchsbau.
Zuhause saß Mum am Küchentisch und starrte in ihren Tee. Als ich den Raum betrat und mich ebenfalls am Tisch niederließ, hob sie nur kurz den Kopf und ein kleines Lächeln flog über ihr Gesicht. „Hey, Ginny, wo warst du? Ich habe mir schon Sorgen gemacht", sagte sie leise.
„Tut mir Leid, Mum", schluchzte ich auf einmal und war selbst völlig überrascht von meinem Gefühlsausbruch. Ich schlug die Hände vor mein Gesicht und weinte weiter, wie unter Zwang zuckten meine Schultern und ich konnte einfach nicht aufhören weiter zu weinen. Mum stand auf und ging zu mir und nahm mich sachte in den Arm, doch ihre Nähe sorgte nicht dafür, dass ich mich wohl und behaglich fühlte, es war, als wäre Mum von innen gefroren –schockgefrostet, sozusagen.
„Wie geht es denn Dad?", fragte ich, nachdem ich mich wieder beruhigt hatte.
„Es geht ihm wieder schlechter", murmelte Mum und am liebsten hätte ich sofort wieder losgeheult. Doch ich riss mich zusammen.
Nach dem Mittagessen, was still und schweigsam verlief, besuchte ich erneut die Kirche. Aber dieses Mal war ich nicht die einzige dort. Eine andere Frau, ich schätzte sie auf dreißig, betete vor dem Altar. Ich setzte mich in einer der hinteren Bänke und hoffte, dass Gott mein Gebet trotzdem annehmen würde, selbst, wenn ich nicht vorne stand, obwohl ich ja eigentlich sowieso nicht an Gott glaubte.
Als ich wieder in den hellen Sonnenschein trat, war mir schlecht.
Abends bat Mum mich und Ron, nicht auszuziehen, weil sie sich sonst so alleine fühlte und wir uns doch nun bräuchten. Natürlich versprachen wir ihr zu bleiben.
