Kapitel 7

Lisa stürzte mit einem Blick in Jürgens Kiosk, dass diesem ganz Angst und Bange wurde.

„Ähh…Hallo Lisa! Ist das Gespräch nicht gut gelaufen?"

„Nicht gut gelaufen?!!! Nicht gut gelaufen, … es ist überhaupt nicht gelaufen, dieser … dieser …" Die Wut funkelte aus ihren Augen heraus. „Ich hab ihm vertraut Jürgen, wie ich noch nie jemanden zuvor vertraut habe! Und was macht er? Ihr Männer seid doch alle gleich! Kaum kommt so ´ne Traumfigur daher gewackelt rutscht euer Verstand in die Hose. Von wegen die einzig wahre Liebe! Wie konnte ich nur so doof sein?"

„Ho, ho, ho Lisa." Jürgen machte eine beschwichtigende Geste mit den Händen. „Jetzt beruhige dich doch erstmal. Was ist denn überhaupt passiert?"

„Ich soll mich Beruhigen?!!!", schrie Lisa jetzt und Jürgen drehte sich abrupt zu dem Kunden, der in den Zeitschriften blätterte um.

„Das sind die Hormone, sie macht gerade eine Hormonbehandlung, wissen sie?", versuchte Jürgen das Ganze ironisch aufzufangen. Der junge Mann nickte wissend und verlies dann den Laden.

„Siehste was du da angerichtet hast? Wenn du so weiter schreist, dann bleiben bald alle Kunden aus und dann kann ich meinen schönen Kiosk endgültig in ein sozialtherapeutisches Zentrum für psychisch Kranke umwandeln. Aber mach dir keine Sorgen, alle Angestellten von Kerima bekommen 20 Rabatt."

„So, du denkst also ich bin psychisch krank und hab einen Hormonstau! Super Jürgen! Am besten du gehst gleich zu deinem Freund Kowalski, wegen dem ich Idiotin mir gestern noch die Augen aus dem Kopf geheult habe. Dann könnt ihr von mir aus gemeinsam über die Tussi herfallen, die jetzt bei Rokko wohnt. Vielleicht sagst du ja auch noch David Bescheid, dann könnt ihr ja gemeinsam über die dumme, naive Lisa lachen! Viel Spaß dabei!" Lisa standen jetzt die Tränen in den Augen und sie wollte gerade in Richtung Tür marschieren, als Jürgen sie an der Tür abfing.

„Mensch Lieselotte, nun warte halt. Seit wann regst du dich denn über meine dämlichen Sprüche so auf? Du weißt doch, wie ich so was meine. Komm schon, bleib hier und erzähle mir, was passiert ist. Ich sperr auch zu und koch dir ne heiße Schokolade." Jürgen sah sie so verzweifelt und zerknirscht an, dass Lisa trotz ihrer unglaublichen Wut nicht anders konnte, als dem Vorschlag zuzustimmen.

„Na gut Jürgen Decker. Aber einen Hotdog will ich auch haben", sagte sie und ließ sich seufzend auf die Bank plumpsen. Sie war viel zu aufgewühlt, als dass sie die Situation ohne Jürgens Zuspruch überstanden hätte. Nachdem er ihr den Kakao und den Hotdog gereicht hatte, begann sie zu erzählen und beendete ihre Ausführungen schließlich:

„…Ich sag dir, das war so ein Monster von Knutschfleck, das hätte ich Rokko niemals zugetraut Jürgen, warum tut er mir nur so etwas an?" Mittlerweile verflog der Zorn, den diese unerträgliche Eifersucht mit sich brachte und die Traurigkeit und Angst übernahmen wieder die Führung in dem wilden Gefühlswirrwarr, welches Lisa mittlerweile beinahe nicht mehr zu ertragen glaubte.

„Lisa du hast doch gar nicht mit Rokko gesprochen, woher willst du denn dann wissen, wer diese Frau war und ob der Knutschfleck überhaupt von Rokko ist. Willst du ihn nicht erst mal fragen, bevor du dir da was zusammenfantasierst?"

„Die Frau stand in Unterwäsche vor mir Jürgen und hat mich dreist angegrinst, was soll ich denn da sonst glauben?"

„Vielleicht das gleich, was David geglaubt hat, nachdem ich dir einen Knutschfleck verpasst habe? Wenn du nicht mit Rokko sprichst, dann kannst du ihm ja auch gleich ne Doppelhochzeit von uns beiden und ihm mit dieser Frau vorschlagen, vielleicht ist er dann genauso begeister wie du damals von Davids Vorschlag!"

„Boa Jürgen, das kannst du doch gar nicht miteinander vergleichen. Selbst wenn der Knutschfleck nicht von ihm wäre, was ich aber nicht glaube, dann müsste ihm doch klar sein, was ich dabei empfind, wenn er so kurz nach dem er abgehauen ist eine Frau bei sich wohnen lässt, ohne mir was davon zu sagen. Nein, jetzt ist er dran. Er hat gesagt er kommt auf mich zu und braucht Abstand. Bitte dem gebe ich ihm jetzt. Ich weiß inzwischen über meine Gefühle Bescheid, hoffentlich weiß er auch, wie es um die seinen bestellt ist, denn die muss er mir jetzt mindestens so glaubhaft darstellen, wie das, was ich ihm zu David zu sagen habe!"

„Na gut vielleicht solltest du wirklich darauf warten, dass er sich meldet, das wollte er ja nun wirklich. Aber Lisa, tu mir den Gefallen und höre ihm zu, was er dir zu sagen hat, er liebt dich, da bin ich mir wirklich sicher."

„Sagst du das jetzt auch nicht nur so?" Lisa sah ihn mit großen hoffnungsvollen Augen an und diese Kleinmädchenausstrahlung weckte in Jürgen sofort den Beschützerinstinkt.

„Natürlich meine ich das so Lisa." Er setzte sich neben sie und legte beruhigend den Arm um sie, sodass sie ihren Kopf an seine Schulter anlehnen konnte.

„Mann Jürgen, warum muss die Liebe nur immer so weh tun?"

„Ach Lieschen, das ist doch gar nicht die Liebe, die weh tut, dass was weh tut, sind die Dummheiten, die wir Menschen fabrizieren, wenn es um dieses Thema geht. Deshalb musst du mir versprechen, trotz allem endlich alles mit David zu klären, was ihr noch nicht ausgetragen habt, denn dann kann wenigstens er dir nicht mehr weh tun. Du wirst sehen, Rokko hat bestimmt eine gute Erklärung für alles, soll ich vielleicht mal mit ihm reden?"

„Untersteh dich Jürgen! Nein, wenn er will, dass wir heiraten, dann muss er sein Versprechen, sich zu melden, schon einlösen. Er hatte sicher Recht mit dem, was mich und David angeht und ich weiß, wie sehr ihn das verletzt hat. Trotzdem, wenn er mit diesem … dieser … grrr, was auch immer, wenn er mir der etwas angefangen hat, dann kann er sich warm anziehen, das sage ich dir!"

„Sowieso, dann brech ich ihm das Genick und er wird als warnendes Beispiel mitten in meinem Kiosk aufgespießt." Jürgen stupste Lisa schmunzelnd an, die nun ebenfalls lächeln musste und dann einen Schmollmund zog.

„Genau, mindestens! So jetzt muss ich aber los, Kerima ruft und mit David habe ich dann ja auch noch ein Hühnchen zu rupfen."

David war nicht in der Firma gewesen, als Lisa ankam und so ging sie erst mal in ihr Büro, um einige Kalkulationen durchzurechnen. Zahlen konnten sie immer beruhigen und ihr wenigstens für einen kurzen Augenblick Ablenkung verschaffen. Plötzlich klopfte es an der Tür und David trat ein. Er hielt ihr eine einzelne Tulpe entgegen und lächelte sie unsicher an.

„Hallo Lisa, ich … äh ich bin gekommen, um mich bei dir zu entschuldigen. Ich weiß ich hab diesmal wirklich Mist gebaut, dich so kurz vor eurer Hochzeit so in Verlegenheit zu bringen, aber bitte du musst verstehen, warum ich das getan habe."

„So? Warum denn? Weil du nicht verlieren kannst, David? Weil dir plötzlich eingefallen ist, dass du dich jetzt nach der Entführung genug ausgetobt hast? Weil du Angst hast deinen Kummerkasten zu verlieren oder warum sonst?"

„Lisa ich habe es dir schon gesagt, ich liebe dich aufrichtig, du musst doch erkennen, dass es die Wahrheit ist! Lisa bitte, ich weiß, dass mein Verhalten nicht richtig war, aber ich liebe dich und ich will nicht irgendwann aufwachen und mir vorwerfen, dass ich nicht zu mindestens versucht habe, meine Fehler wieder gut zu machen und die Liebe meines Lebens fest zu halten. Lisa du hast damals so um mich gekämpft und ich Trottel hab's versaut, aber zumindestens müsstest du mich doch verstehen können."

„Weißt du David, selbst wenn ich dir nach all dem glaube, dass du mich liebst, so bist du doch einfach zu weit gegangen, denn im Gegensatz zu dir, habe ich nie dafür gesorgt, dass du dich mit deiner Liebsten überwirfst."

„Naja, wenn ich daran denke, dass du Verena damals einen ganzen Becher Kaffee über die Bluse gekippt hast, nur aus Eifersucht, dann würd ich mal sagen, das stimmt nicht so ganz, oder?" David lächelte sie verschmitzt an, denn die Erinnerung wie Lisa damals vor Eifersucht fast geplatzt wäre, erheiterte ihn schon sehr.

Lisas Gesichtsausdruck hingegen verriet nun ihre ganze Trauer und Enttäuschung.

„Siehst du, hier genau liegt der Unterschied zwischen uns beiden. Ich habe Mariella gemeint, David. Sie hast du wirklich geliebt und ich hätte mir eher selbst das Herz raus gerissen als aktiv an eurer Beziehung zu sägen, im Gegenteil, mir war es immer wichtig, dass ihr euch wieder versöhnt, wenn ihr euch mal wieder gestritten habt. Klar habe ich schon immer wieder gehofft dich trotzdem zu bekommen, aber ich hab dann eben geträumt, dass Mariella und du euch gemeinsam trennt, weil eure Liebe eben verloschen ist, irgendwie habe ich gespürt, dass es so kommen wird, aber ich hätte nicht versucht euch irgendwie auseinanderzureißen. Verena hat mich so aufgeregt, weil sie nur dein Spielzeug war und weil es dir egal war, wen du damit verletzt. Das habe ich einfach nie verstehen können und du weißt gar nicht, wie sehr du mir damit weh getan hast. Aber jetzt liebe ich Rokko und das meine ich auch so. Sieh mir in die Augen, wenn du es nicht glauben kannst! Ja dein Antrag hat Gefühle in mir ausgelöst David, weil wir soviel miteinander erlebt haben und weil ich soviel für dich empfunden habe, aber das ist jetzt Vergangenheit. Mir fällt es nur eben schwer, dich so ganz loszulassen, du warst meine erste, wenn auch unerfüllte Liebe und die ganzen Ereignisse haben sich so überschlagen, dass ich mich manchmal selbst aus den Augen verloren habe. Nur David, ich spüre mittlerweile mit jeder Faser das ich Rokko wirklich über alles liebe und es ist soviel realer, als das was ich für dich empfunden habe. Dann kommst du auf so ´nem Schimmel angeritten, verwirrst mich total und Rokko ist so verletzt, dass er sich erstmal eine Auszeit nehmen muss. Hast du eine Ahnung, wie schlimm das für mich ist? Das ist nicht fair David! Wenn du willst, dass wir irgendwann wieder Freunde sein können, dann halte dich ab jetzt bitte aus meinem Liebesleben raus und handele auch wie ein Freund, hörst du?"

David war bei Lisas Monolog leichenblass geworden. Er sah in ihren Augen, wie sehr er sie verletzt hatte und er merkte, wie dieser Schmerz auf ihn zurückfiel. Es erschreckte ihn und er begriff, dass sein Verhalten nicht wirklich richtig gewesen war und trotzdem wollte sein Herz es nicht zu lassen ihr zu glauben, dass er alle Chancen verspielt haben sollte und dass Lisas Herz nun tatsächlich Rokko gehören sollte.

„Lisa es tut mir unbeschreiblich leid, dass ich dich und auch Rokko so verletzt habe und ich werde versuchen, es besser zu machen. Ich hoffe du kannst mir irgendwann verzeihen und mir glauben, dass alles was ich in den letzen Tagen gemacht habe, passiert ist, weil ich dich liebe."

„Ich werde es versuchen David, aber bitte lass mir einfach ein bisschen Zeit und vor allem halte einfach Abstand zu mir, bis ich mit Rokko alles klären kann. Wirst du das tun?" Sie schaute ihn so eindringlich an, dass er nicht anders konnte, als ihr zuzustimmen.

„Ja Lisa, wenn du es so willst, dann werde ich dir solange aus dem Weg gehen, aber bitte höre nochmal in dich rein, ob das alles so richtig ist, ja?"

„Das habe ich schon David glaub mir, lass uns versuchen Freunde zu werden."

David nickte nur und verließ dann mit hängenden Schultern ihr Büro.

Seufzend ließ er sich kurz danach in seinen eigenen Bürostuhl fallen. Er überlegte verkrampft, was er nun tun sollte.

Mann, ich bin wirklich zu weit gegangen! Lisa leidet mal wieder wie ein Hund und wieder bin ich daran Schuld, das wollte ich doch nicht!'

Er schlug die Hände vors Gesicht und schüttelte verzweifelt den Kopf.

Es ist auch klar, das sie glaubt Rokko zu lieben, er war ja auch immer für sie da. Kein Wunder, dass sie das Vertrauen spätestens nach dem was ich ihr nach der Entführung angetan habe in mich verloren hat. Mensch David du bist aber auch ein Idiot! Wenn sie dieses Vertrauen noch hätte, dann würde sie auch merken, dass sie mich eigentlich immer noch liebt und das Rokko nur eine Vernunftentscheidung ist. Aber wie soll ich ihr das nur zurückgeben? Gut ich werde mich daran halten sie erst mal in Ruhe zu lassen, denn Rokko wird ja erstmal nicht hier auftauchen, es sei denn … ja, wenn ich ihr den Brief gebe … aber verdammt, da stecke ich schon so tief drin, da wird sie mir doch erst recht nie wieder auch nur ein Wort glauben. Es geht nicht, verflucht! Wieso konnte ich nicht auch einfach meine Finger davon lassen? Dann hätte sie vielleicht doch noch gemerkt, wie sehr ich sie liebe. Mist! Mensch Lisa ich will doch nicht lügen, aber da komm ich so nicht mehr raus. Ok, noch diese eine Notlüge und wenn du dann merkst, dass ich doch der Richtige bin, dann verspreche ich dir, nie wieder so etwas zu tun und ich werde dir den Himmel auf Erden zaubern, versprochen …'

„Ich liebe dich doch", flüsterte er, bevor er ebenfalls versuchte sich mit seiner Arbeit abzulenken.

Lisa wurde durch eine weiteres Klopfen an der Tür aus ihren Gedanken gerissen. Ihr Herz begann wild zu klopfen. Ob das wohl Rokko war? Sie sah auf und stellte enttäuscht fest, dass Max eingetreten war.

„Lisa, ich weiß du und Rokko heiraten, aber deswegen kann er sich doch nicht alles leisten und vor allem hätten wir das doch gemeinsam besprechen können, um eine Lösung zu finden. Wo soll ich denn jetzt so schnell eine neue PR-Kraft herbekommen?"

Lissa sah ihn verständnislos an. „Max, wovon redest du?"

„Wie wo von rede ich? Na von seiner Kündigung natürlich, warum habt ihr denn nichts gesagt? Wollt ihr den Laden untergehen lassen? Verschwindest du jetzt vielleicht auch, oder was?"

Lisa blickte ihn an, als ob er ein Gespenst sei. „Er hat gekündigt?", fragte sie tonlos.

Nun wurde auch Max stutzig und ihm wurde ganz flau im Magen. „Wie du weißt es nicht? Er hat mir das Schreiben auf den Tisch gelegt. Er kündigt, weil er in einer anderen Stadt einen Auftrag angenommen hat. Er hat aber weder geschrieben, wo das sein soll, noch wo hin ich die Unterlagen senden soll … aber ich hab ja auch nicht gedacht, dass es nötig sein würde, wo ihr doch, … also ihr heiratet doch am Samstag …und da…." Max schluckte, als er in Lisas entsetztes Gesicht sah.

„Und er hat nicht geschrieben, wo man ihn erreichen kann?" Die Frage war mehr gehaucht als gesprochen und Lisa glaubte, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

„Nein … Kann ich irgendwas für dich tun, Lisa?"

„Nein, lass mich einfach alleine."

Max schlich so leise er konnte aus dem Büro und hörte nur noch, wie Lisa zu schluchzen anfing.