Kapitel 6: Über Hexen

„Um Himmels Willen, nun setzt dich endlich hin, Junge!"
Bobbys Stimme klang müde und frustriert, genauso wie Dean sich fühlte.
Mit einem Seufzen setzte er sich neben den älteren Jäger und lehnte den Kopf gegen die Wand.
„Wieso dauert das so lange?" fragte er.
„Eine Operation braucht eben seine Zeit," antwortete Bobby in ruhigem Ton. Aber er konnte Dean nicht täuschen, der Jüngere wusste genau, dass er sich ebensolche Sorgen machte wie er selber.
Drei Stunden und 16 Minuten war Jensen nun schon im OP, wie Dean nach einem Blick auf die Uhr feststellte.
Knapp vier Stunden war es her, als ein Arzt, der viel zu jung aussah und an dessen Namen er sich schon nicht mehr erinnerte, zu ihnen gekommen war und erklärt hatte, dass sie äußerlich keine Verletzungen finden konnten, die Jensens Bewusstlosigkeit erklären würden. Die Blutwerte ließen jedoch darauf schließen, dass er innere Verletzungen hatte und bereits viel Blut verloren hatte. Er hatte noch einmal nachgefragt, was passiert war. Aber Dean hatte ihm nur erklärt, dass er Jensen gefunden hatte, als dieser sich vor Schmerzen wand, und er kurz darauf das Bewusstsein verloren hatte.
Der Arzt hatte schließlich entschieden, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als eine Operation. Die Ultraschallbilder waren zu ungenau, um etwas zu erkennen, und so konnten eventuelle Verletzungen sofort behandelt werden. Sie hatten nicht viel Zeit, da Jensen schnell schwächer wurde. Der Arzt hatte Dean um eine Einwilligung für den Eingriff gebeten und er hatte sie gegeben. Was blieb ihm auch anderes übrig. Er wusste, dass der Arzt Recht hatte und sein Bruder vermutlich innerlich verblutete. Und der Gedanke hatte dafür gesorgt, dass sich in seinem Magen ein dicker, schmerzender Knoten bildete.
Noch immer waren seine Gefühle ein großes Durcheinander. Aber eines war ihm klar: er hatte eine starke Verbindung zu seinem Zwillingsbruder. Und er fühlte sich ihm sogar näher als Sam – obwohl sie ihre Leben getrennt voneinander gelebt hatten. Es erschreckte ihn, auch wenn er das niemals zugeben würde.
„Alles in Ordnung mit dir?" Bobbys Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
Dean zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung," antwortete er wahrheitsgemäß. Und dann stellte er die Frage, die ihm schon seit Stunden durch den Kopf ging. „Warum habt ihr nie was gesagt? Ich kann Dads Entscheidung vielleicht verstehen, uns zu trennen… vier kleine Kinder zu schützen wäre sicher kaum möglich gewesen, aber warum hat er nichts gesagt, als wir älter waren?"
„Es war sicherer, Dean!" Bobbys Antwort kam zögerlich und ernst. „Ich weiß nicht, ob es richtig war oder falsch. Ich weiß nicht, ob es da überhaupt eine richtige Lösung gab in einer solchen Situation. Aber euer Dad… er wollte einfach, dass ihr sicher seit, und es auch bleibt. Es war nicht so einfach für ihn, wie es den Anschein hat."
„Tja weißt du, er war sich aber immer sehr sicher in seinen Entscheidungen, findest du nicht?! So lange ich denken kann hat er uns Befehle gegeben und er hat niemals auch nur nach unserer Meinung gefragt. Er hat immer behauptet, er tut das für unsere Sicherheit. Aber manchmal bin ich mir da nicht sicher. Manchmal denke ich, er hat sich das einfach so angewöhnt und kann gar nicht mehr anders."
„Ihr seit ihm wichtig, Dean! Ihr wart immer das Wichtigste für ihn und all seine Entscheidungen, hat er getroffen, weil er dachte, damit das Beste für euch zu tun!" Bobby legte ihm eine Hand auf den Arm und wartete, bis Dean ihn ansah. „Auch wenn ich oft nicht seiner Meinung war und mir gewünscht hätte, er hätte euch anders behandelt. An seinen Motiven solltest du nicht zweifeln."
Dean starrte dem älteren Mann in die Augen und wusste, dass er die Wahrheit sagte. Es änderte jedoch nichts daran, wie er es selber empfand. Und dieser ganze Tag, die Dinge, die er erfahren hatte sorgten dafür, dass er sich mehr denn je fragte, warum ihr Leben war, wie es war. Und warum John Winchester der Mann war der er war.
„Du warst immer mehr unser Vater als er," sagte er nach einer Weile und sah, wie Bobbys Mund sich zu einem traurigen Lächeln verzog.
„Ich habe getan, was ich konnte," antwortete er.
Dean nickte und schwieg. Er wusste nicht, was mit ihm los war, aber es war eigentlich überhaupt nicht seine Art, so offen über seine Gefühlswelt zu reden. Er hatte gelernt, alles was ihn bewegte sicher in seinem Inneren zu vergraben. Allerdings schien sein Schutzwall zurzeit mehr als nur ein paar kleine Löcher zu haben. Vermutlich lag es an Jensen. Ihm war klar, dass er vor seinem Zwilling nicht allzu viel würde verbergen können. Immer vorausgesetzt natürlich, dass es ihm gut ging. Und diese Warterei machte ihn wahnsinnig.
Er hasste Warten. Er war ein Bewegungsmensch, irgendwo für längere Zeit ruhig zu sitzen – wenn man mal von den Fahrten im Impala absah – war einfach nicht seine Art.
Aber er konnte nichts anderes tun.
„Sag mal, Bobby," entschied er sich daher, noch einmal ein Gespräch anzufangen. „Wie kommt es eigentlich, dass ich mich plötzlich an Jensen erinnere? Die ganze Zeit vorher hatte ich keine Ahnung und plötzlich ist alles wieder da! Ich verstehe einfach nicht, wie ich das vergessen konnte!"
Der Ältere wich seinem Blick aus. „Du solltest das vielleicht besser deinen Dad fragen," sagte er schließlich.
„Ich frage aber dich."
„Dean…"
„Ich frage dich, Bobby! Und du weißt doch über alles Bescheid, was hier vor sich geht, oder irre ich mich da etwa?"
Bobby seufzte und sah ihn an. „Du hast Recht," gab er zu, bevor er den Kopf wieder weg drehte und auf die Tür des Warteraumes sah.
„Also, wo waren meine Erinnerungen?"
„Anna Padalecki ist eine Seherin und bestimmte Kräfte…" Bobby sah ihn auch weiterhin nicht an und Dean wusste, dass ihm die Antwort nicht gefallen würde.
„Eine Seherin?"
„Sie ist eine Hexe, Dean. Und sie hat deine und Jensens Erinnerungen…" er zögerte, suchte nach den richtigen Worten. „… blockiert, könnte man wohl sagen. Es wäre sonst niemals möglich gewesen euch zu trennen. Ihr seid einander in den ersten vier Lebensjahren nicht von der Seite gewichen. Es war, als wäret ihr siamesische Zwillinge. Als wir nach einer Lösung gesucht haben, hat Anna es vorgeschlagen."
"Eine Hexe?" Dean konnte es nicht glauben. „Und sie hat unsere Erinnerungen manipuliert? Das ist ja toll!" Er beugte sich nach vorne und sah Bobby an. „Wirklich fantastisch! Und wieso erinnere ich mich jetzt wieder?"
„Ich weiß es nicht, irgendetwas muss passiert sein. Bevor wir nicht mit Anna gesprochen haben…"
„Sie soll bloß nicht in unsere Nähe kommen!"
„Dean…"
„Das meine ich ernst, Bobby! Ich will mich nicht fragen müssen, was in meinem Kopf nun echt ist oder nicht."
„Sie kann nicht einfach so deine Gedanken kontrollieren, so funktioniert das nicht," erklärte Bobby und seine Stimme klang eindringlich. „Und du musst mir glauben, es ist uns nicht leicht gefallen, aber es erschien uns als die beste Lösung. Wenn ihr euch erinnert hättet, dann hättet ihr einander gesucht. Und die Trennung wäre schlimm für euch gewesen."
Dean sagte darauf nichts. Es brodelte in ihm. Er war wütend und der Gedanke schmerzte, dass sein Vater ihm nicht nur die Kindheit genommen hatte, sondern so viel mehr. Und es machte ihn noch wütender, dass eine kleine Stimme in ihm sagte, sein Vater hatte keine Wahl gehabt und Verständnis für seine Entscheidungen aufbrachte.
Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, tauchte der Arzt in der Tür auf und Dean sprang auf. Endlich, konnte er nur denken. Die Warterei hatte endlich ein Ende.

„Anna!" John musterte die Frau, der er seine Söhne anvertraut hatte und die er seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Sie hatte sich kaum verändert, wenn man mal davon absah, dass sie eindeutig älter geworden war.
„John," kam die Antwort leise. „Was tut ihr hier? Was ist passiert?"
John sah sie für einen Moment ungläubig an. „Das fragst du mich, Anna? Ich wollte das eigentlich dich fragen!"
Sie sah ihn verwundert an und starrte dann auf ihren Adoptivsohn, der in einem sicheren Abstand von ihr stehen geblieben war.
„Warum seit ihr hier?" fragte sie dann noch einmal.
„Weil Dean Träume hatte," erklärte John schließlich, als er überzeugt war, dass sie wirklich nicht zu wissen schien, was vor sich ging. „Er hat seit Wochen Träume von Jensen. Und wir sind grade rechtzeitig gekommen, um den Dämon zu erledigen, der hier aufgetaucht ist. Die Frage ist nur, wie der Jensen überhaupt finden konnte?"
Er beobachtete, wie Annas Blick durch den Raum wanderte und sich etwas wie Panik in ihrem Gesicht zeigte.
„Ist alles in Ordnung mit ihm? Geht es ihm gut?" ignorierte sie seine Frage und ihr Blick wanderte von John zu den Zwillingen und wieder zurück.
„Ich weiß es nicht," antwortete John wahrheitsgemäß und versuchte die eigene Sorge zurückzudrängen. „Dean und Bobby haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Sie werden sich melden, sobald sie etwas wissen. Aber jetzt wüsste ich gerne, wie dieser Dämon den Schutzbann durchbrechen konnte?"
Er ging auf die Frau zu, bis er vor ihr stand und sie aufblicken musste, um ihn anzusehen. Er hatte vergessen, dass die Frau beinahe zwei Köpfe kleiner war als er selber.
„Wie konnte das passieren, Anna?"
Sie wich einen Schritt zurück und sah zu Jared und Sam, die nebeneinander standen und sie stumm beobachteten.
„Ich… ich wusste nicht, dass der Bannkreis gebrochen ist, das musst du mir glauben!" sagte sie schließlich und sah ihm in die Augen. Er konnte die Ehrlichkeit in ihnen sehen, aber trotzdem war er wütend. Er verstand nicht, wieso sie es nicht bemerkt hatte.
„Ich dachte, ich wäre noch stark genug und könnte euch noch ein wenig Zeit verschaffen – und mir."
„Was soll das bedeuten?" fragte John und langsam schwand seine Geduld.
„Ich…" wieder blickte sie zu Jared und Sam. „Ich bin krank," gab sie dann zu und ihre ganze Gestalt schien plötzlich in sich zusammen zu sacken. Ihre Wangen wirkten bleich und eingefallen.
„Ich habe Krebs und es gibt nicht viel, was sie tun können."
John starrte sie ungläubig an. Er konnte nicht glauben, was er grade gehört hatte.
„Und du hast nichts davon gesagt?" brachte er dann mit mühsam unterdrückter Wut hervor. „Ist dir denn nie der Gedanke gekommen, dass deine Kräfte davon beeinflusst werden? Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass du die Jungs damit in Gefahr bringst? Das hättest du uns sagen müssen. Dann wären wir gewarnt gewesen! Wann hattest du denn vor uns das zu sagen?"
Und wenn es überhaupt möglich war, dann schien sie noch ein wenig kleiner zu werden. Sie wich einen weiteren Schritt zurück.
„Ich… ich dachte, ich merke es, wenn meine Kräfte nachlassen und dann hätte ich euch Bescheid gesagt," kam die Antwort zögernd und sehr leise. „Ich war einfach noch nicht bereit… ich wollte Jared nicht verlieren. Verstehst du das? Ich… er ist mein Sohn! Und ich wollte ihn nicht verlieren…" Ihre Stimme erstarb und John hatte Lust die Frau zu erwürgen.
„Er ist MEIN Sohn!" sagte er. „Und du hast ihn und Jensen in Gefahr gebracht."
„Du verstehst das nicht…"
Und das brachte das Fass zum überlaufen. John hätte die Frau am liebsten geschüttelt, aber so weit konnte er sich grade noch zurück halten. Doch er brüllte. Er verlor nicht oft die Fassung, doch diesmal war es einfach zuviel.
„Ich verstehe das nicht? Das kann nicht dein ernst sein!" schrie er sie an. „Das sind meine Söhne, von denen wir hier sprechen! Und ich habe sie dir und Donna nicht einfach so überlassen, wie du weißt. Das war nicht einfach, weil ich sie nicht wollte. Das war das schwerste, was ich in meinem Leben getan habe und es hat mich zerrissen, sie hier bei euch zu lassen."
Er wandte sich ab, von ihr und seinen Söhnen. Er ballte die Hände zu Fäusten und versuchte die Kontrolle über seine Emotionen zurück zu gewinnen. Es erforderte all seine Willenskraft und er war sich sicher, dass es ihm nur gelang, weil er seit Ewigkeiten nichts anders tat, als all seine Gefühle zu verdrängen und in einem winzigen Winkel seiner Selbst zu verschließen.
„Es tut mir leid…" erklang eine leise Stimme hinter ihm.
„Es ist deine Schuld, wenn Jensen stirbt!" sagte er mit kalter Stimme und drehte sich wieder um. Doch es befriedigte ihn nicht, als er sah, dass sie schuldbewusst zusammenzuckte.