Disclaimer: Siehe Anfang.
Beta: Spelli. (Danke!)
A/N: Danke für den Arschtritt, Rirukja! -ggg-
8. Der Orden des Phönix
Over the hills and far away
He swears he will return one day...
-Nightwish, Over the Hills and far Away
Es hatte viel Überredungskunst von Seiten Lydias und Myriels gebraucht, doch schließlich hatten sich Luna und Neville bereit erklärt, Tom insofern zu vertrauen, dass sie glaubten, dass er im Moment keine bösen Absichten gegen sie hegte.
Harry hatte Angst.
Er wollte seine Geschichte am liebsten gar nicht erzählen, doch er wusste auch, dass er nicht länger darum herum kommen würde.
Nur... wenn er schon mit seiner Vergangenheit herausrücken musste, dann lieber nur einmal.
Also hatte er die Lovegoods auf das Ordenstreffen vertröstet, bei dem er alles erklären wollte. Luna hatte sich daraufhin verabschiedet, um Lydia zu ihrem Vater zu bringen und anschließend Dumbledore zu informieren, damit dieser noch für denselben Abend ein Treffen des Phönixordens anberaumte.
Neville derweil war bei 'Herr Effing' geblieben. Er hatte geholfen, die Sekretärin zu obliviaten und in den Urlaub zu schicken. Danach hatte er mit Verwunderung beobachtet, wie der Mann vergeblich versuchte, auch Myriel nach Hause zu schicken. Neville begann sich zu fragen, in was für einer Beziehung ... Harry ? ... zu dieser Frau stand. Myriel beharrte eisern auf ihrer Meinung, dass er jetzt ihren Beistand brauchen würde und sie ihn nicht alleine zurück zu den Zauberern gehen lassen würde - selbst wenn das bedeutete, dass man sie später wie die Sekretärin mit einem Vergessenszauber belegte. Sie wollte ihn unterstützen.
Tom sträubte sich. Er argumentierte, dass es für sie gefährlich sein könnte. Und vielleicht wäre es sogar unmöglich, dass sie als Muggel die magischen Orte betrat, sei es nun Hogwarts oder... das Haus seines Paten.
Bei dem Gedanken an Sirius erschien wieder einmal dieses charakteristische melancholische Lächeln auf dem Gesicht von 'Tom' und bestärkte Neville in seiner Ansicht, dass er es tatsächlich mit Harry Potter zu tun hatte.
Harry, oder vielmehr Tom, gab es schließlich auf, Myriel überreden zu wollen. Zusammen riefen sie die Mudos an, um ihnen zu sagen, dass Tom sich am selben Abend seiner Vergangenheit stellen würde. Neville schaute ein wenig misstrauisch drein, sagte aber nichts.
Nach etwa einer Stunde kehrte Luna mit einem 'Plopp' zurück in Toms Arbeitszimmer. "Der Orden ist jetzt bereit, dich im Hauptquartier zu empfangen, äh, Tom..."
Tom nickte. "Wie kommen wir dort hin?"
Luna wechselte einen raschen Blick mit Neville.
"Nun, da wir nicht wussten, ob du apparieren kannst... hat Dumbledore einen Portschlüssel bereitgestellt." Und, weil du, falls du nicht Harry bist, von den Schutzbannen abgewiesen würdest, schwang ungeäußert in ihren Worten mit.
"Ich verstehe", sagte Tom leise. "Ist es für eine Muggel möglich, per Portschlüssel zu reisen?"
Luna runzelte die Stirn. "Theoretisch ja. Warum willst du das wissen?"
"Weil ich auch mitkommen werde", ließ sich Myriel vernehmen.
Tom bewunderte ihren Mut. Seine Freundin wusste fast nichts von der Zaubererwelt und was er ihr bis jetzt erzählt hatte, musste die Zauberergesellschaft als sehr gefährlich und nicht unbedingt muggelfreundlich dargestellt haben. Und dennoch war sie bereit, blind darauf zu vertrauen, dass ein sonderbares magisches Transportmittel sie unbeschadet an einen ihr bisher unbekannten Ort bringen würde, wo ihr Freund nach aller Wahrscheinlichkeit als Verräter oder gar Feind behandelt werden könnte. Myriels Stimme aber blieb fast und entschlossen, als sie endgültig erklärte, dass sie ihn begleiten würde.
"Ist sie deine Frau?", fragte Luna nur.
Tom und Myriel sahen einander sprachlos an.
Dann kicherte Myriel.
Tom sah Luna schmunzelnd an. "Wenn überhaupt, dann eher meine Mutter. Sie hat sich um mich gekümmert, seit sie mich, zerbrochen und des Lebens müde, in der Gosse aufgelesen hat. Ja, ich denke, sie ist - abgesehen von Molly Weasley vielleicht - die einzige wirkliche Mutterfigur, die es in meinem Leben jemals gegeben hat. Ich meine, an mein erstes Lebensjahr erinnere ich mich ja nicht wirklich", fügte er entschuldigend hinzu.
Myriel sah ihn mit leuchtenden Augen an. Dankbarkeit verband für ein paar Sekunden ihrer beider Blicke. Dann fragte Tom leise: "Ich kann dich also nicht davon abbringen?"
"Nein", antwortete sie ebenso sanft. "Du brauchst jemanden, der auf dich aufpasst. Was du mir von dem Besuch bei deiner Tante erzählt hast, bestärkt mich nur in meiner Gewissheit, dass du noch immer nicht darüber weg bist. Du wirst Beistand brauchen."
Tom nahm ihre Hand und lächelte sie traurig an. "Danke, Myriel. Wieder einmal rettest du mir das Leben."
Myriel lächelte ebenso traurig zurück. "Ich bin froh, dass du dich inzwischen dafür bedanken kannst. Anfangs schienst du mir das eher vorzuwerfen..."
Tom zuckte leicht mit den Schultern. "Zumindest darüber bin ich weg... Ich würde wirklich gerne weiterleben, inzwischen, weißt du?"
Ein leises Räuspern lenkte die Aufmerksamkeit der Beiden wieder auf ihre Besucher. Der intensive Blickkontakt wurde unterbrochen.
"So sehr ich es auch bedauere, aber ihr werdet eure Familiengespräche wohl später fortführen müssen", äußerte sich Neville unbehaglich. "Wir werden erwartet."
Luna streckte die linke Hand aus, in der sie einen alten Regenschirm hielt. Neville ergriff ihn zuerst. Tom nickte Myriel auffordernd zu und beide fassten zugleich nach dem Portschlüssel.
"Phönix", sagte Luna leise.
Ein Gefühl, als habe sich ein Angelhaken in seinem Bauch verfangen und zerre ihn nun unbarmherzig vorwärts, ergriff von Tom Besitz. Er erinnerte sich trotz der langen Jahre, die dazwischen lagen, nur allzu deutlich an dieses Gefühl. Es hatte für ihn noch nie etwas Gutes bedeutet.
Und auch jetzt konnte er sich eines mulmigen Gefühls gleich einer bösen Vorahnung nicht erwehren, als er mit einem schmerzhaften Schlag neben Myriel auf den Dielenbrettern der Küche von Grimmauld Place 12 landete.
--
Langsam richtete Harry sich auf.
Er gab Myriel, die seine Hand ergriff und fest umklammert hielt, ein aufmunterndes Lächeln, bevor er sich umsah. Augenblicklich traten Falten auf seine Stirn. Die Küche war leer.
"Luna, wieso ist hier niemand?"
Luna sah ihn scharf an. "Wieso meinst du, dass wir uns in der Küche treffen würden?"
Harry erwiderte ihren Blick verwirrt. "Weil das früher auch so war."
Neville lächelte. "Vielleicht ist er es ja wirklich, Luna." Dann, an Harry gewandt: "Es ist wahr, früher haben wir uns in der Küche versammelt. Aber irgendwann wurde der Platz zu knapp. Du-weißt-schon-wer gewann immer mehr an Macht, doch zugleich begriffen auch immer mehr Leute, wie groß die Gefahr wirklich ist. Viele zogen sich daraufhin ins Ausland oder in die Muggelwelt zurück, doch einige beschlossen auch, für ihre Welt zu kämpfen. So sind wir in den letzten Jahren trotz ständiger Verluste immer mehr geworden... Professor Dumbledore hat schließlich einen neuen Versammlungsraum eigens zu Ordenszwecken hier im Haus entworfen. Es ist gleich hier drüben..."
Er deutete auf eine dunkle Eichentüre zur linken Seite des Kamins, an die Harry sich nicht erinnerte. Harry nickte ihm zu, drückte Myriels Hand kurz zur Aufmunterung und machte sich auf den Weg.
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Der Versammlungsraum erwies sich als ein hohes, rundes Zimmer, das gleich einem alten Amphitheater über gestaffelte Ränge verfügte. Auf den Rängen drängten sich viele Hunderte von Hexen und Zauberern hinter schmalen Tischen auf gepolsterten Bänken zusammen.
Der Kreis war auf der Seite der Türe unterbrochen. Hier befand sich ein kleines Podest, auf dem ein Schreibtisch mit allerlei Papieren stand. Außerdem befand sich neben dem Schreibtisch eine Stange, auf der sich Fawkes, der Phönix, niedergelassen hatte. Und hinter dem Tisch saß Dumbledore.
Harry betrat hinter Neville den Raum. Mit einem Ohr hörte er Neville sagen: "Hier ist Tom Effing, Albus." Doch ein Großteil seiner Aufmerksamkeit richtete sich auf die Gesichter der versammelten Ordensmitglieder, welche bei seinem Eintreten die Köpfe gehoben hatten und ihn nun aufmerksam anstarrten.
Viele der Ordensmitglieder wussten nicht genau bescheid, weshalb ein Treffen ausgerufen worden war, doch Gerüchte hatten in den wenigen Minuten, seit sie angekommen waren, wie ein Lauffeuer die Runde gemacht. Es hieß, neue Informationen über Harry Potters Verbleib seien aufgekommen. Es werde ein mysteriöser Mann erwartet, der behauptete, selbst Harry Potter zu sein. Man wusste nicht, in welcher Verbindung der Mann tatsächlich zu Potter stand, ob er ihn auch nur gekannt hatte, doch man musste vermuten, dass er ein Spion der Gegenseite war, oder aber ein Verrückter. Nun betrat der seltsame Mann den Saal und war sofort das Ziel sämtlicher Blicke.
Alle Gespräche waren verstummt und ein bedrohliches Schweigen brach über den Raum herein, während Harry und der Phönixorden einander musterten.
Plötzlich durchbrach ein Schrei die Stille.
"HARRY!!"
Ruckartig fuhren alle Köpfe zu dem Mann herum, welcher den Schrei von sich gegeben hatte.
Harry beobachtete fassungslos, wie ein Einzelner aus einer Gruppe rothaariger Menschen in der ersten Reihe aufsprang, sich mit einem Satz über den Tisch schwang und auf ihn zu gelaufen kam. Er hatte keine Zeit zu reagieren, keine Zeit, auch nur überrascht auszurufen. Einzig sein Körper reagierte rechtzeitig, indem er sich in Erwartung eines Schlages oder Fluches verkrampfte.
Dann war der rothaarige Mann heran, hatte ihn gepackt und - fest in seine Arme geschlossen.
"Harry! Oh, HARRY!!", hörte er den anderen an seinem Ohr schluchzen.
"...Ron?"
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"Mister Weasley, begeben Sie sich bitte zurück an Ihren Platz", erklang eine schneidende Stimme. Harry blickte auf. Professor McGonagall, natürlich.
Seufzend machte sich sein ehemaliger bester Freund von ihm los, sah ihn mit schwammigen Augen einen Moment lang an; lächelte; und schlurfte, bedeutend langsamer, als er gekommen war, zurück in den Schoß seiner Familie.
"Woher wusstest du...?", flüsterte ihm Harry hinterher.
Ron drehte sich noch einmal um.
"Dich würde ich überall erkennen, Harry, egal, wie du dich auch verkleidest. Ich kenne dich. Viel zu gut."
Verwirrt und im Innersten aufgewühlt beobachtete Harry, wie Ron bei den übrigen Weasleys ankam, ein paar Worte mit ihnen wechselte und sich schließlich zwischen seinen Brüdern niederließ.
Die Zwillinge waren ebenfalls anwesend und warfen Harry düstere Blicke zu. Nur Bill und Percy waren nirgends zu sehen.
Neben den Weasleys nahmen nun Luna und Neville platz.
Wieder senkte sich Schweigen über den Raum, während Harry einen nervösen Blick mit Myriel wechselte.
Endlich eröffnete Dumbledore die Sitzung. Mit einem Wink seines Zauberstabes erschuf er für Harry und Myriel zwei Stühle.
"Mister Effing, bitte setzen Sie sich; Sie ebenfalls, Miss...?"
"Danes, Myriel", ergänzte die Frau nervös und ließ sich auf dem Stuhl neben Harry nieder.
Harry bemerkte mit Widerwillen, dass ihre Stühle etwas seitlich von Dumbledores Schreibtisch, doch immer noch auf dem erhöhten Podest standen. Sie waren an exponierter Stelle den Blicken - und, wenn es dazu kommen sollte, den Flüchen - der Ordensmitglieder schutzlos ausgeliefert.
"Professor Dumbledore?", fragte er zögernd.
"Ja, Mister Effing?"
"Könnten Sie... Ich weiß, das ist viel verlangt, aber... Könnten Sie mir versprechen, dass meiner Freundin hier nichts Schlimmeres passieren wird, als dass man sie obliviated und nach Hause schickt? Sie ist eine Muggel..."
Ein Raunen ging durch den ganzen Saal.
Dumbledore verengte die Augen.
"Luna, warum habt ihr eine Muggel mitgebracht?"
"Sir", antwortete Luna, "Sie hat darauf bestanden. Sie wollte Mister Effing nicht alleine gehen lassen. Sie scheint über gewisse Informationen betreffend die Zaubererwelt zu verfügen; zudem schien sie sich um das Wohlergehen von Mister Effing zu sorgen. Da Du-weißt-schon-wer nie Muggel als seine Diener verwendet, hielten wir es für ungefährlich, sie mitzunehmen, Sir."
"Ich verstehe." Dumbledore musterte Myriel mit scharfem Blick. "Ms. Danes, können Sie uns sagen, was Sie veranlasst hat, Mister Effing zu uns zu begleiten?"
Myriel packte Harrys Hand noch ein bisschen fester (sie hatte sie bisher noch keine Sekunde losgelassen) und sah Dumbledore dann entschlossen an. "Ich betrachte Tom als so etwas wie meinen Adoptivsohn, Mister... Dumbledore?"
Auf ein Nicken des alten Zauberers hin fuhr sie fort. "Wir kennen uns seit beinahe fünfzehn Jahren. Er war sowohl mein Patient als auch meine Familie. In all dieser Zeit wusste ich, dass Tom etwas vor mir verbirgt; dass irgendein düsteres Geheimnis seine Vergangenheit umgibt. Ich habe ihn nie gedrängt, es mir zu erzählen, und ganz ehrlich, ich hatte beinahe nicht mehr damit gerechnet, dass er es jemals über sich bringt, mir alles zu erzählen. Doch dann, vor nicht ganz drei Wochen, bekam Tom eine neue Patientin. Und auf einmal war er wieder mitten in seiner Vergangenheit, wie es scheint. Da erzählte er mir endlich von... Ihrer... nein, seiner Welt, muss ich wohl sagen. Von seiner Vergangenheit. Der Prophezeiung. Dem Tag, an dem er diese Welt verlassen hat. Und allem, was er damit aufgegeben hat. Es fiel ihm nicht leicht, und so drängte ich ihn nicht. Vieles verstehe ich auch jetzt noch nicht..."
"Entschuldige."
"Mach dir nichts draus, Tom."
Ein eilig ausgetauschtes Lächeln.
"Wie auch immer. Als ich hörte, dass Tom alleine zurückkehren will, bekam ich Angst. Was, wenn seine ehemaligen Freunde ihn nicht ausreden lassen? Oder ihm nicht glauben? Was, wenn er vor lauter Nervosität... oder Schuldgefühlen... oder was auch immer, in alte Muster zurück verfiel?
Das wollte ich nicht riskieren. Also musste ich mit. Es ging nicht anders. Ich kann ihn doch jetzt nicht alleine lassen!"
Ein Räuspern erklang vom linken Ende der zweiten Reihe.
"Ja, Alastor?"
"Eine Frage an Ms. Danes, Albus."
"Nur zu."
"Sagen Sie, was meinen Sie mit 'alten Mustern'?"
"Es tut mir leid, doch ich unterliege der ärztlichen Schweigepflicht und-"
"Schon gut, Myriel", unterbrach sie Harry. "Was sie meinte", wandte er sich nun an den alten Auroren, "war, dass ich bereits mehrmals versucht habe, mich umzubringen, Mister Moody."
Er wusste nicht, ob das erneut aufbrandende Wispern und Tuscheln, das sein Kommentar ausgelöst hatte, der Tatsache, dass er den Mann beim Namen genannt hatte, oder der Enthüllung, dass er mehrfach Selbstmordversuche unternommen hatte, zuzuschreiben war. Was auch immer der Fall sein mochte, er ignorierte es und wandte sich seiner 'Mutter' zu.
"Ich werde es wirklich nicht wieder versuchen, Myriel. Ehrlich. Hab ein bisschen Vertrauen."
"Du wirst nicht mehr versuchen, davonzulaufen, wie bei deiner Tante?"
"Nein."
"Dann ist es gut."
Sie lächelte ihn an. Dann gab sie seiner Hand einen erneuten kleinen Druck und beide wandten sich wieder den versammelten Hexen und Zauberern zu.
"Ich denke, es ist Zeit, dass wir die Identität des Mannes eindeutig feststellen", ließ sich nun die Stimme von Kingsley Shacklebolt vernehmen.
Dumbledore nickte zustimmend.
"Severus...?"
Harry beobachtete misstrauisch, wie der Tränkemeister auf ihn zu trat. Der Mann war noch immer so unansehnlich wie eh und je, und Harry merkte, dass sich seine Einstellung ihm gegenüber kein bisschen geändert hatte.
Mit offensichtlicher gegenseitiger Abneigung starrten sie einander an.
Dann drückte ihm der düstere Mann eine kleine Phiole in die Hand. "Austrinken, Potter!"
Harry starrte ihn sprachlos an. Erst Ron, jetzt auch noch Snape? "Wie können Sie sich so sicher sein, dass...?"
Snape zog eine Augenbraue hoch und spuckte dann verächtlich: "Nur ein Potter könnte mich mit einem so überheblichen Blick anschauen, wenn er selbst sich in der schwächeren Position befindet. Mein natürlicher Hass gegenüber deiner Familie wäre schon Indiz genug, Potter, doch dein stupider Gryffindormut, den du zeigst, indem du hierher kommst, ist ein noch klareres Zeichen."
Obwohl er gerade beleidigt worden war, hatte Harry das unheimliche Gefühl, dass Snape ihm ein Kompliment gemacht hatte.
"Trink das nicht", zischte Myriel plötzlich in sein Ohr. "Der Mann hasst dich. Das ist bestimmt vergiftet!!"
Zu ihrem Erstaunen lächelte Tom sie nur verschmitzt an.
"Keine Panik, Myriel. Das ist Professor Snape, von dem ich dir erzählt habe."
"Ach so..."
"Es wäre ein Grund, misstrauisch zu werden, wenn er mich auf einmal nicht hassen würde."
"Hmm..."
Der nachdenkliche, aber auch zustimmende Ausdruck auf ihrem Gesicht löste verschiedene Reaktionen bei den Beobachtern dieses Gespräches aus. Snape war rot angelaufen, während aus den Rängen der Ordensmitglieder vereinzelte Lacher zu hören waren.
Harry lächelte seine Freundin noch einmal beruhigend an, dann öffnete er die Phiole und trank den Inhalt mit einem Schluck aus.
"Veritaserum?", fragte er erst dann neugierig.
Snape nickte nur kurz, wandte sich dann um und kehrte zu seinem Platz zurück.
Schnell klärte Harry seine Freundin über die Wirkung des Mittels auf. Myriel runzelte die Stirn, offensichtlich nicht erfreut über die Verwendung eines Mittels, welches dem Patienten den freien Willen, eine Aussage zu verweigern oder eine Notlüge zu äußern, absprach.
Dumbledore erhob sich und trat vor Harry hin.
"Das Veritaserum sollte jetzt wirksam sein. Also lasst uns beginnen. Wie ist Ihr Name?"
"Tom Effing", antwortete er ohne zu zögern.
Eine Reihe leiser Ausrufe der Enttäuschung und Seufzer war zu hören. Doch Dumbledore gebot mit einer Hand Schweigen.
"Wurden Sie mit diesem Namen geboren?"
"Nein."
"Mit welchem Namen wurden Sie geboren?"
"Harry James Potter."
Der Aufschrei, der nun die Runde machte, war ohrenbetäubend. Dumbledore hob vergeblich die Hände und bat um Ruhe. Der Saal versank im Chaos.
--
Harry beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Mrs. Weasley und Hermione vergeblich versuchten, Ron zurückzuhalten, der das Durcheinander nutzen wollte, um wieder zu Harry zu gelangen. Der Rotschopf schien aufgeregt mit den Frauen zu debattieren, während er sie immer näher auf das Podest zu schleifte.
"...wissen immer noch nicht, auf welcher Seite er steht!", hörte er Hermione zischen, während Mrs. Weasley gleichzeitig murmelte: "Warte doch erstmal ab, was er zu sagen hat. Ich bin sicher, du kannst später..."
Doch Ron wollte davon nichts wissen.
"Ihr habt schon nicht glauben wollen, dass er es wirklich ist. Bitte, alle haben es gehört: Er ist es. Könnt ihr mir jetzt nicht mal ein bisschen vertrauen? Ich sage schon seit Jahren, er wäre eher gestorben, als zu Voldemort überzulaufen. - Ja, Mutter, Voldemort. Harry hat immer gesagt, wir sollen die Dinge beim Namen nennen. Gewöhn' dich endlich daran! Und jetzt lasst mich verdammt noch mal los, ich will zu Harry!!"
Harrys Augen brannten. Er sah Myriel an und flüsterte: "Er hat die ganze Zeit über an mich geglaubt..."
Myriel schenkte ihm ein warmes Lächeln und sagte sanft: "Ich freue mich so, dass deine Sorgen zumindest zum Teil unbegründet waren."
"Ruhe. Ruhe!!", rief Dumbledore, jetzt endlich mit magisch verstärkter Stimme. Es war deutlich zu hören, dass er das Ende seines Geduldsfadens erreicht hatte. Langsam wurde es im Saal wieder ruhiger.
Rons Stimme klang allen Anwesenden laut in den Ohren, als er mit brüchiger Stimme fragte: "Wo warst du nur, all die Jahre?"
Augenblicklich wurde es mucksmäuschenstill, als jeder seine Ohren anstrengte, um nur ja Harrys Antwort nicht zu verpassen. Harry derweil hatte aufgrund des Veritaserums keine andere Wahl, als zu antworten.
"Ich habe in der Muggelwelt gelebt. Myriel hat mich bei sich aufgenommen und über mich gewacht. Ich habe die Muggel-Uni besucht und bin Psychotherapeut geworden."
"Du hast nicht dein Gedächtnis verloren? Oder deine Magie? oder...? - Warum bist du nicht früher zurückgekommen?!"
Harry wollte schweigen, doch das Veritaserum ließ ihm wieder keine andere Option, als die Wahrheit zu sprechen. So presste er leise, gegen seinen Willen heraus:
"Ich hatte Angst. Angst vor eurer Reaktion, vor eurer Ablehnung, vor eurem Mitleid, vielleicht auch vor eurer Enttäuschung. Ich weiß selbst nicht genau, wovor am meisten. Einfach... Angst."
Dumbledore runzelte die Stirn. Er stand ein wenig hinter Ron und verfolgte das Geschehen. Er ließ den jungen Weasley gewähren, denn der Mann stellte genau die Fragen, welchen auch ihn im Moment am brennendsten interessierten. Auch jetzt reagierte Ron ganz so, wie auch er selbst es getan hätte.
"Warum, Harry? War es der Erwartungsdruck, weil du der Junge-der-lebt warst? Weil die ganze Welt von dir erwartet hat, dass du allein Voldemort besiegst? Wie kann es sein, dass du vor Hermione und mir Angst hattest?! Ich verstehe das alles nicht, Harry! Sag mir nur, warum bist du damals fortgegangen?"
Diesmal blieb es keinem der Ordensmitglieder verborgen, dass Harry das Veritaserum bekämpfte. Einige Sekunden lang sah es beinahe so aus, als hätte er Erfolg; doch dann sprudelten die gequälten Worte aus ihm heraus, als sei ein Damm gebrochen: "Ich konnte nicht länger bleiben. Es war alles zuviel! Er... was er gesagt und getan hat... Die Unsicherheit, wie sie darüber gedacht hätten - Hermione und Ron, meine ich..."
Harry schien nicht mehr wahrzunehmen, wer vor ihm stand, oder auch nur, wo er sich befand. Myriel legte schützend einen Arm um seine Schultern, während sie beruhigende Nonsense-Worte in sein Ohr murmelte. Harry derweil redete beinahe wie eine willenlose Puppe einfach weiter.
"... Der Orden ... Dumbledore... Sie wären so enttäuscht gewesen... Ich schämte mich so! Ich war nicht genug, würde nie genug sein, und ich wollte nicht, dass es alle sehen. Dass alle sehen, wie schwach ihr 'prophezeiter Retter' wirklich ist! Und deswegen die Hoffnung aufgeben! Das konnte ich nicht! Ich wollte nicht schon wieder schuld sein... Ich wollte nicht... Ich konnte nicht... Es war einfach alles zuviel, verstehst du?"
Verzweifelte blaue Augen bohrten sich in Myriels braune. Sie nickte still und zog ihn fest in ihre Arme, wo er zitternd Atem holte.
Myriel war zweifelsohne die Einzige, welche Harrys Gefühlsausbruch irgendeinen Sinn abgewinnen konnte. Die Ordensmitglieder aber schauten einander verständnislos an, zuckten die Achseln und blickten neugierig Dumbledore an, der sich soeben mit einem Räuspern bemerkbar machte.
"Harry, erkläre mir bitte, warum du dachtest, wir müssten von dir enttäuscht sein."
Harry holte noch einmal zitternd Atem. Dann sah er Dumbledore mit festem Blick an.
"Ich war zu schwach, mich gegen einen Muggel zu wehren. Und ich habe getötet - Ich bin ein Mörder."
Der Effekt dieser Worte war beinahe ebenso grandios wie zuvor die Enthüllung seiner Identität. Das wilde Durcheinandergerede des Ordens kam jedoch schlagartig zum Erliegen, als Myriel zornig ihre Stimme erhob.
"Ich dachte, dieses verdammte Zeug lässt nicht zu, dass er lügt?! Wie kann es dann sein, dass er etwas sagt, was offensichtlich so nicht stimmt?!"
"Es zwingt einen Menschen dazu, nur das zu sagen, was er für die Wahrheit hält. Dabei kann es freilich passieren, dass dennoch eine Unwahrheit geäußert wird, wenn der Sprecher fest von ihrer Richtigkeit überzeugt ist. Haben Sie den Verdacht, dass hier so ein Fall-"
Myriel schnitt ihn abrupt das Wort ab, als sie mit einem Satz auf die Füße kam und sich mit funkelnden Augen über Harry lehnte. "Hast du den 'Mord' geplant?"
"Nein..."
"Also kein Mord, sondern Totschlag. Hattest du in dem Moment Grund, um dein Leben zu fürchten?"
"Ja, das schon, aber-"
"Also wenn überhaupt, dann Notwehr. Hast du eine Waffe verwendet?"
"Nein, es war Wilde Magie. Das heißt aber nicht-"
"Was hättest du gemacht, wenn ich dir in dem Moment einen Dolch gegeben hätte? Ihn umgebracht?"
"Nein, mich. Aber trotzdem-"
Myriel ignorierte das vielstimmige Aufkeuchen ihrer Zuhörerschaft und fuhr unbeirrt damit fort, Harry die Leviten zu lesen.
"Hast du oder hast du nicht die höchste Punktzahl in einer Hausarbeit über die Unterschiede zwischen Mord, Totschlag, Tötung im Affekt und in Notwehr bekommen?"
"Äh, ja..."
"Und wieso verdammt noch mal kannst du dieses Wissen dann nicht auf dich selbst anwenden? Hältst du dich für was Besseres als andere Menschen?"
"Nein, natürlich nicht-"
"Oder hast du allein kein Recht dazu, mildernde Umstände für dich geltend zu machen?"
"Ja..."
"WIE BITTE??"
"Ich habe kein Recht dazu, mich rauszureden. Ich habe ihn umgebracht."
"DAS HEISST NOCH LANGE NICHT, DASS ES MORD WAR!!
"Was soll es denn sonst gewesen sein?"
"EIN GOTTVERDAMMTER UNFALL!"
"Wie könnte es ein Unfall sein?"
"DU HAST ES NICHT ABSICHTLICH GETAN. DU HATTEST NICHT EINMAL EINE WAFFE. WENN DU EINE GEHABT HÄTTEST, HÄTTEST DU SIE NICHT VERWENDET, UM IHN ZU TÖTEN, OBWOHL ER ES VERFLIXT NOCHMAL MEHR ALS VERDIENT HÄTTE. UND DU HATTEST DEINE MAGIE GANZ KLAR NICHT UNTER KONTROLLE, SODASS SIE OHNE DEIN ZUTUN GEHANDELT HAT. WIE KANNST DU AUCH NUR AUF DIE BESCHEUERTE IDEE KOMMEN, ES SEI DEIN FEHLER GEWESEN?!"
"Wenn er nicht meine Mutter beleidigt hätte, wäre ich nie so explodiert. Was er vorher getan hat, war schlimm; aber das war dann irgendwie... Ich weiß auch nicht. Ich habe es einfach nicht mehr länger ertragen. Jahrelang musste ich mir anhören, was für schlechte Menschen, was für nutzlose Verbrecher, abartige Freaks oder was auch immer meine Eltern gewesen waren. Aber als er sagte, er habe meiner Mutter das angetan, was... Da ist mir einfach die Sicherung durchgebrannt. Also, du siehst, es war meine Schuld. Ich hätte mich nicht provozieren lassen dürfen. Dann wäre auch nichts passiert."
"ALSO gut!" Sie seufzte irritiert. "Angenommen, er hätte diese Dinge an irgendeinem anderen Tag gesagt - hättest du genauso reagiert?"
Harry lachte trocken. "Nein, selbstverständlich nicht!"
"Ist deine Überreaktion also auf das zurückzuführen, was tags zuvor geschehen war?"
"Ja, natürlich. Ich war mit den Nerven fertig, alles tat mir weh, ich hatte Angst, ich hatte versagt - in solchen Situationen habe ich mich früher immer an den Gedanken an meine Eltern geklammert, und das hat mir Kraft gegeben. Jetzt hat er auch das noch beschmutzt... Das habe ich einfach nicht ertragen, Myriel. Verstehst du?"
"Und ob ich das verstehe! Sag mir, Tom, wenn einer deiner Patienten, nehmen wir zum Beispiel die kleine Shannon, ihren Vater umbrächte, würdest du sagen, sie ist eine Mörderin?"
Harry war schockiert. "Natürlich nicht!", sagte er entrüstet. "Der Mann prügelt sie regelmäßig grün und blau. Das Kind ist fünf Jahre alt!! Sie wäre kein Stück verantwortlich - und ganz ehrlich, der Typ hätte es verdient!"
"Was, wenn Jake seine Mutter vor ein Auto stoßen würde?"
"Ich würde ihn trösten und mich im Stillen darüber freuen. Die Frau ist wahnsinnig. Ich verstehe nicht, wie sie immer wieder die Gutachter überzeugen kann, dass sie für das Kind sorgen kann. Entweder, sie lässt ihn halb verhungern, oder sie sperrt ihn im Kofferraum ihres Autos ein, sie schlägt ihn ohne ersichtlichen Grund... Die Frau ist ein Monster, und der Junge ist noch immer minderjährig. Egal, was das Gesetz sagen mag, für mich wäre das kein Mord, sondern Notwehr!"
"Wenn ich dir einen Patienten präsentierte, der von seiner Sorgeberechtigten regelmäßig hungern gelassen wird; der schon im Kleinkindalter einen Großteil des Haushalts übernehmen musste; der für Fehler, die er nicht begangen hat, oder die keine sind, geschlagen wird; dessen Kinderzimmer weniger als zwei Quadratmeter groß und unbeleuchtet ist; der von seinen Sorgeberechtigten nie mit seinem Namen, sondern nur als 'Junge' angesprochen wird; der schließlich von einem seiner Sorgeberechtigten massiv misshandelt wird; wenn nun dieser Patient in einem besonders üblen Moment das Küchenmesser ergreifen und es besagtem Sorgeberechtigten in die Brust rammen würde - ist der Junge, sagen wir mal, er ist fünfzehn Jahre alt, also schon zu einem gewissen Grad schuldfähig - ist dieser Junge dann für seine Tat zur Rechenschaft zu ziehen?"
"Nein. Er wurde misshandelt. Von den Menschen, die sich um ihn hätten kümmern sollen. Wenn überhaupt, dann sind diese UnMenschen die Schuldigen, die ihn in diese Situation gebracht haben..."
"Inwiefern unterscheidet sich die Situation dieses Jungen von der deinen?"
"Ich wurde nicht hungern ge--" doch Harrys Stimme versagte den Dienst.
"Es war nicht ein Großteil des Ha--", versuchte er es erneut. Wieder erfolglos.
"Ich wurde nicht nur mit 'Junge' oder ... oder 'negativen Substantiven' angesprochen."
"Womit noch?"
"Äh... Freak. Missgeburt. Ähm... Fehlgriff der Natur... Und- "
"Ist das besser als 'Junge'?"
"Nein, aber... okay, vielleicht nicht."
Harry schien einen Moment nachzudenken, was ihn noch von dem Jungen unterschied, den Myriel beschrieben hatte. Die Falten auf seiner Stirn glätteten sich für einen Augenblick, als er wieder etwas fand.
"Ich hatte kein winziges Kinderzimmer."
"Nein, du hattest gar keines. Sag, war dein Schrank größer als zwei Meter?"
Myriel beachtete die erstaunten und entsetzten Ausrufe des Ordens nicht; Harry schien sie nicht einmal wahrzunehmen.
"Nein..."
"Na siehst du."
"Aber ich wurde nicht grundlos geschlagen."
"Ach nein? Was waren denn die Gründe?"
Lange blieb Harry still. Dann sagte er leise, zweifelnd: "Meistens waren es Dinge, für die ich nichts konnte. Etwa, dass ich nicht all meine Arbeiten erledigt hatte - auch wenn das bei der Menge an Aufgaben völlig unmöglich war. Oder auch, weil Dudley etwas getan hatte. Oder.. einfach nur, weil ich anders war... vielleicht hast du Recht; vielleicht war es wirklich unberechtigt."
Harry drehte sich irritiert um, als er ein Schluchzen hörte. Was er sah, ließ ihn beinahe aus allen Wolken fallen. Da standen Ron, Hermione und Mrs. Weasley in inniger Umarmung, alle rotäugig und mit tränennassen Gesichtern, die ihn mit offensichtlichem Mitleid anschauten. Harry ließ seinen Blick schweifen. Überall im Saal sah er Zauberer und Hexen, die ihren einstigen Helden und Retter mit Verwunderung, Mitleid oder auch Entsetzen im Blick anstarrten.
"Scheint, dass deine häusliche Situation als ein Wenig unnormal eingeschätzt wird, Tom", hörte er Myriel sarkastisch flüstern. "Und das ist nicht dein Fehler."
Dann nahm sie ihn gnadenlos weiter ins Gebet.
"Also, ich frage dich noch einmal: was unterscheidet dich von dem Jungen in meinem Beispiel?"
Harry sah sie lange nachdenklich an. Langsam zeichnete sich Erstaunen auf seinem Gesicht ab, nur um gleich darauf von Entsetzen abgelöst zu werden.
Wieder einmal sichtlich gegen seinen Willen sprach er seine neue Erkenntnis aus: "Fast nichts. Allerdings hatte ich kein Messer, und ich hätte es auch nicht verwendet." Dann schlug er sich beschämt die Hand vor den Mund.
Myriel sagte, so leise, dass es nur Harry und vielleicht noch Dumbledore und die drei Gestalten neben ihm hören konnten: "Und du weißt genau, Tom, dass dir viel mehr angetan wurde als diesem Jungen. Wie kannst du da behaupten, du seiest ein Mörder? Überlege es dir noch einmal ganz genau..." Wieder etwas lauter fuhr sie mit harter Stimme fort: "Hast du einen Mord begangen, Tom?"
Harry verengte die Augen. Sah Myriel nachdenklich an; schüttelte den Kopf, wie um einen lästigen Gedanken zu vertreiben; setzte an, um zu bejahen; schloss den Mund wieder; und sagte schließlich müde: "Nein, wenn du es so ausdrückst, dann habe ich wohl tatsächlich keinen Mord begangen."
Myriel strahlte.
"Aber ein Leben genommen habe ich dennoch."
Das Strahlen erlosch.
"Tom, verdammt! Der Drecksack hatte es mehr als verdient! Nach allem, was er dir angetan hatte..."
"Das gibt mir noch lange kein Recht dazu, ihn zu töten! Ich war die Symbolfigur für die Seite des Lichts!! Wenn der Junge-der-lebt selbst ein Mörder ist, was macht ihn dann noch besser als Voldemort?!"
Absolute Stille senkte sich über den Saal.
Bis Myriel schnaubte. "Ich dachte, wir hätten gerade klargestellt, dass du kein Mörder bist?"
"Äh, ja."
"Gut. Dann vergiss das jetzt nicht sofort wieder."
"Ja, Mama." Harry schielte Myriel unter seinen Stirnfransen hervor mit einem schiefen Grinsen an.
"Nicht in diesem Ton, junger Mann", schalt sie ihn spielerisch.
Ein erneutes Räuspern Dumbledores holte die beiden augenblicklich wieder zurück in die Realität. "So leid es mir tut, Ihre private Sitzung zu unterbrechen... Wir haben noch ein paar Fragen."
"Nur zu", sagte Myriel unschuldig, als habe sie nicht soeben das Wort an sich gerissen und für eine Menge zusätzliches Chaos gesorgt.
"Harry", wandte sich das Haupt des Ordens jetzt wieder an den jungen Mann, der steif und unbehaglich auf seinem Stuhl saß, Myriels Hand nun wieder fest in der seinen. "Wen hast du umgebracht?"
"Onkel Vernon."
"Gut so!", kam es unvermutet von Ron. Harry sah verdutzt auf und nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie Fred und George ein High Five austauschten und ihm dann mit beiden Daumen ihre Gratulation zuwinkten. Total verdattert überhörte er Dumbledores nächste Frage völlig.
"Entschuldigen Sie, was haben Sie gesagt?"
"Ich fragte: Warum hast du ihn umgebracht?"
Harry sah Myriel unsicher an, als er zu seiner Antwort ansetzte. "Nun, wie eben schon gesagt wurde, es war nicht wirklich meine Absicht. Meine Wilde Magie ist mit mir durchgegangen, als er das Andenken meiner Mutter geschändet hat..."
"Deine Freundin... Ms. Danes, nicht wahr?"
"Einfach Myriel, bitte", ergänzte diese schnell.
"Myriel also. Sie sagten etwas von besonderen Umständen. Harry, was hat dich so aufgeregt, dass du auf einen Kommentar über deine Mutter derart überreagiert hast?"
Alle Blicke richteten sich auf Myriel, die mit schmerzverzerrtem Gesicht auf ihre Hand starrte, welche in Harrys Klammergriff gerade besonders zu leiden schien. Langsam lief das betreffende Körperteil bläulich an. Harry bemerkte es nicht. Er begann leise zwischen zusammengepressten Zähnen hervor zu sprechen.
"Er hatte mir dasselbe angetan. Heute ist mir klar, dass er gelogen haben muss. Meine Mutter war zu stark, um sich so etwas gefallen zu lassen. Sie hätte ihn eher ins Nirvana gehext, als sich eine solche Behandlung gefallen zu lassen. Doch nachdem er mir tags zuvor genau das angetan hatte, und jetzt wieder da war, um es gleich noch einmal zu tun - da traf mich seine Aussage, dass er auch meine Mutter... Nun, es traf mich in dem Moment besonders hart. In der Situation war ich bereit, ihm fast alles zuzutrauen. Wenn er mir gesagt hätte, er sei Voldemorts rechte Hand und helfe Macnair bei besonders hässlichen Morden, hätte ich nur genickt und es hingenommen. Das ist der Grund, warum ich den Kommentar so 'schlecht weggesteckt' habe."
Dumbledore runzelte erneut die Stirn, bevor er mit sanfter Stimme fortfuhr: "Es ist sicher nicht leicht für dich, das zu sagen, Harry. Aber wir müssen es wissen, wenn wir verstehen wollen, was dich dazu getrieben hat, einen Menschen umzubringen. Was war es, das dein Onkel dir angetan hat?"
Harry sah Dumbledore mit großen Augen an. Dann sah er Myriel an.
Dann begann er zu zucken.
"Was geschieht hier?!"
Myriel war erneut aufgesprungen, hatte Harry gepackt und schüttelte ihn. Verzweifelt schaute sie zwischen Dumbledore und den Weasleys hin und her. "Was ist mit ihm?!"
"Es scheint, als bekämpfe er das Veritaserum", stellte Snape trocken fest.
"Oh nein!" Myriel nahm Harry fest in den Arm und setzte ihn zurück auf den Stuhl, von dem er gefallen war. Schnell winkte sie Hermione und Mrs. Weasley herbei, die ihn festhalten sollten.
Sie trat hastig einen Schritt zurück, schloss einen Moment lang die Augen, als versuche sie, sich zu sammeln.
Dann holte sie aus und gab Harry eine schallende Ohrfeige.
Man konnte meinen, ein Windstoß fege durchs Zimmer, als mehrere Hundert Hexen und Zauberer wie ein Mann scharf die Luft einsogen.
"Hör endlich auf, vor dir selbst davonzulaufen, Harry Potter! Das hast du jetzt schon fünfzehn Jahre lang getan, und gebracht hat es nichts. Du bist hierher gekommen, um dich deiner Vergangenheit zu stellen. Dann tu es jetzt auch! Du hast Jahre gebraucht, um mir zu erzählen, was damals passiert ist. Aber du hast jetzt keine Jahre. Du hast mir versprochen, dich nicht noch einmal umzubringen. Aber wenn du jetzt wegen deines Schweigens von diesem Mittel gekillt wirst, zählt das genauso, hörst du?"
Wieder einmal konnte der ganze Phönixorden nichts Anderes tun, als sprachlos zuzusehen, wie Myriel ihrem ehemaligen Helden den Kopf zurechtrückte.
"Du musst endlich wieder anfangen, wirklich zu leben, Tom! Du musst mit deiner Vergangenheit abschließen und nach vorne sehen. Aber dazu gehört eben auch, dass du deine Vergangenheit so akzeptierst, wie sie nun mal ist. Jetzt rede endlich darüber und bring es hinter dich!!"
Harry hörte auf zu zucken. Sein Körper wurde ganz still. Dann setzte er sich langsam auf.
Ein erneutes Keuchen ging durch die Reihen der versammelten Hexen und Zauberer, als Harry den Blick hob. Die blauen Augen blickten tot und glücklos.
"Was mein Onkel mir angetan hat, wollt ihr wissen?"
Keine Regung in den stillen Gesichtszügen.
"Er hat mich vergewaltigt." Noch immer keine Regung, trotz der lautstarken Reaktion des versammelten Ordens.
"So, jetzt ist es heraus. Der Junge-der-lebt war zu schwach, um sich gegen einen einfachen Muggel zu verteidigen. Ich bin sicher, ihr hättet das lieber nicht gewusst..." Weiter kam Harry nicht, denn auf einmal flog ein warmes, zitterndes Etwas an seine Brust und zog ihn in eine wahre Bärenumarmung.
"Oh Harry...!!", meinte er unter dem Schluchzen und Schniefen zu vernehmen, das Ron - denn kein Anderer war es, der sich soeben wie ein Klammeraffe an ihn gehängt hatte - mit bebenden Schultern an seiner Brust von sich gab.
Harry saß bewegungslos da und starrte hilflos und verwirrt auf die Masse roten Haares, die da an seiner Brust im Takt zu Rons Schluchzern wackelte.
"Ron? ...Ron! Ron, warum bist du hier? Hasst du mich denn jetzt nicht?"
Ron hob sein rotes, feuchtes Gesicht und schenkte Harry einen unendlich traurigen, aber auch sehr sanften Blick. "Harry, dich zu hassen liegt mir so fern wie nichts sonst. Wofür denn auch?"
Harry musterte ihn misstrauisch. Warum sollte er das Offensichtliche aussprechen? Doch das Veritaserum war noch immer wirksam, und ehe er sich auf einen erneuten höchst schmerzhaften und letztendlich aussichtslosen Kampf gegen den Trank einließ, entschied er sich, zu antworten.
"Ich habe alle Erwartungen enttäuscht. Ich habe mich von einem Muggel unterwerfen lassen! Ich habe zugelassen, dass er mir... das ... antut. Ich bin ein Schwächling. Ich bin mir sicher, dass du mich jetzt verachtest!!"
"Nein, das tue ich nicht."
"Tom", fuhr Myriel dazwischen. "Was sagst du den Kindern immer, wenn sie dir erzählen, was sie ihre Väter alles haben tun 'lassen'?"
"Dass sie sie nicht 'gelassen' haben. Dass es nicht ihre Schuld war", antwortete er automatisch.
"Und wieder einmal muss ich fragen: Warum sollte für dich nicht zutreffen, was für alle anderen gilt?"
"Weil ich anders bin. Falls es dir nicht aufgefallen ist, ich bin ein Zauberer..."
"Und? Hattest du etwa deinen Zauberstab?"
"Nein, natürlich nicht. Den hat Onkel Vernon immer gleich zu Anfang der Ferien weggeschlossen." Wieder ignorierten beide das empörte Raunen, das den ganzen Raum erfüllte.
"Na also. Es gibt also keinen Grund, warum du stärker als irgendein anderer Fünfzehnjähriger hättest sein müssen."
"Ganz genau!", meldete sich Ron wieder zu Wort. "Deine Muggel sind die schlimmsten Muggel, die es gibt; das habe ich immer gewusst. Ich wusste nur nicht, wie schlimm sie tatsächlich waren. Aber ich muss sagen, wirklich überrascht bin ich nicht. Gitter vor dem Fenster? Essen durch die Katzenklappe? Was könnte man diesen Menschen nicht zutrauen?!"
Er löste sich ein wenig von Harry, um ihm in die Augen zu schauen.
"Ich mag dich nicht weniger, nur weil ich das jetzt weiß, Harry. Du warst immer mein bester Freund und ich freue mich einfach nur, dass du endlich wieder da bist. Ich habe dich vermisst... Es tut mir schrecklich leid, was passiert ist, aber ich kann deiner Freundin nur in allem zustimmen: Es war nicht deine Schuld, und ich wünsche mir, dass du bald darüber hinweg kommst und wieder richtig zu leben anfängst."
Ein winziger Funke Hoffnung glomm in Harrys Augen auf. "Du willst also trotzdem noch, dass ich zurückkomme?"
"Ich werde nicht zulassen, dass du wieder gehst - jetzt, wo ich dich endlich zurück habe!"
A/N: Ich geb's auf... regelmäßige updates sind einfach nicht mein Ding. ; ) DANKE an alle reviewer: Olaf, Sin Angel, TC -zurückflausch-, Still-Maybe, Tanja, Dragonix, Bane und Rirukja. Ihr seid die besten!! Danke für eure Geburtstagsglückwünsche... und für eure Geduld. ;D Ich werde versuchen, mit dem nächsten Update weniger lange zu brauchen. maybe: Cosplay? Geil!! Und danke, dass du die fic weitergegeben hast -freu- tanja: Voldemort spricht mit Schlangen. Das ist Grund genug, dass Harry sich zumindest im Canon nie wirklich mit den Tieren anfreunden kann. rirukja: Meine Güte, schon wieder zwei Wochen rum?! Hast Recht, das verlangt nach einem update... ;D Danke nochmal für den ...äh, sanften Hinweis. -ggg-
Bis zum nächsten Kapitel! Lasst's euch gut gehen!! - Dime
