Titel: Never change a running System (Teil 7)
Fandom: Sherlock (BBC)
Autor: lorelei_lee1968 (Lorelei Lee)
Pairing: John/Sherlock (oder auch „Johnlock" – wie ich es schon häufig gesehen habe)
Rating: ab 18
Inhalt: Sherlock entdeckt seine Sexualität – mit weitreichende Folgen für John.
Kategorie: Fluff, Romantic, Slash, Graphic Sex, Humor und Drama. (Das Übliche… bei mir kommt immer dieser Misch-Masch bei raus, wenn ich was schreibe.)
Anmerkung: Diese Story ist zeitlich irgendwo nach der 1. Staffel angesiedelt. Aber ich nehme hier durchaus Bezug auf eine Äußerung aus der 2. Staffel, die ich bereits im Original gesehen habe. Also – leicht AU…
Disclaimer: Mir gehört gar nichts. Ich verdiene nichts daran und mache das nur zum Spaß. Sherlock Holmes gehört Sir Arthur Conan Doyle. Sherlock-BBC gehört der BBC und Moffat und Gatiss.
Never change a running System
(Teil 7)
oooOOOoooOOOoooOOOooo
Als John nach seinem Notdienst nach Hause kam, überfielen ihn – während er die Treppe empor schritt – sehr gemischte Gefühle. In der Klinik war es ihm noch gelungen, die ganze Situation für eine Weile zu vergessen... zu verdrängen.
Doch jetzt meldeten sich mit Wucht alle Emotionen der vergangenen Tage zurück und John war sich seines eigenen Standpunktes, ja seines eigenen Selbstbildes, gar nicht mehr so sicher, wie er es vor dieser ganzen Geschichte noch gewesen war und er immer für unverrückbar gehalten hatte.
Es hatte in seinem Leben nur wenige Einschnitte gegeben, die ihn nachhaltig verändert hatten. Zuerst war da natürlich die Schule gewesen... dann sein Entschluss, sich der Medizin zu widmen und dann... John schluckte.
Afghanistan.
Sicher eine der nachhaltigsten Erfahrungen, die ihn geprägt hatten. Die ihn zu dem gemacht hatten, was er heute war. Er hatte geglaubt, ein fertiger Mensch zu sein. Er hatte geglaubt, ihn könne nichts mehr bis in seinen tiefsten, innersten Kern erschüttern. Doch dann... dann war Sherlock in sein Leben getreten.
Unwillig schüttelte John den Kopf. Was für eine Formulierung!
Sherlock war nicht in sein Leben getreten. Stamford hatte sie verkuppelt.
Verkuppelt?
John stöhnte.
Stamford hatte sie einander vorgestellt und John war dumm genug gewesen,
sich tatsächlich eine Wohnung mit Sherlock zu teilen.
War er wirklich ein solcher Adrenalin-Junkie, wie Sherlock ihm gleich zu Anfang unterstellt hatte? War er wirklich so simpel gestrickt, dass einen Warnschild Achtung – Gefahr ausreichte, um John Watson genau diese Richtung einschlagen zu lassen?
Dabei war er gewarnt worden. Nahezu jeder, der ihm begegnet war, hatte ihn vor dem Freak gewarnt. Wieder schüttelte John den Kopf. Wütender dieses Mal, verständnislos.
Sherlock war kein Freak. Auch kein Soziopath – wie er sich selbst gerne bezeichnete – nicht einmal ein gut angepasster. Dazu war er nun wirklich zu mitfühlend. Jeder, der Augen hatte, um zu sehen, musste bemerken, wie sehr er von Mrs Hudson angetan war. Und sogar er selbst war in den Genuss gekommen, von Sherlock als sein Freund tituliert zu werden. Sein einziger zwar, aber immerhin.
Auch wenn ihn diese Freundschaft nicht davon abhielt, weiterhin an John herumzuexperimentieren, wann immer ihm der Sinn danach stand.
Aber... war er nicht längst schon mehr als nur ein Freund? Und falls er mehr war... was zur Hölle war er dann für Sherlock? Und falls er wirklich mehr war... wollte er das wirklich wissen? Und wollte er das wirklich sein?
Bevor er noch zu einem Schluss kommen konnte, endeten die Treppen und er hatte die Wohnungstür erreicht. Mit gerunzelter Stirn blickte er auf den Türknauf.
Dann atmete er – ärgerlich über sich selbst und sein Zögern – tief durch und öffnete die Tür.
„Sherlock?", rief er in die Wohnung. „Ich bin wieder da. Sollen wir..."
Piep.
Eine SMS. Ahnungsvoll zog John sein Handy aus der Innentasche seiner Jacke.
Großmarkt. Abteilung Südfrüchte. Sofortiges Erscheinen notwendig. SH.
„Na toll", murmelte John. Er drehte auf dem Absatz um und rannte die Treppen wieder hinunter. Während er ein Taxi rief, tippte er seine übliche Antwort, die er mittlerweile blind schreiben konnte.
Bin unterwegs. JW.
oooOOOoooOOOoooOOOooo
Vier Tage später war auch dieses Rätsel gelöst und John war wieder wesentlich entspannter. Vor allem, weil Sherlocks Verhalten während der ganzen Zeit über so unausstehlich und freundschaftlich zugleich gewesen war wie immer. Nichts hatte darauf schließen lassen, dass irgendetwas zwischen ihnen stand.
Einige hochgezogene Augenbrauen auf Sherlocks erstes Du waren die einzige Reaktion des Yards gewesen, was immens zu Johns Erleichterung beigetragen hatte.
Der einzige Wermutstropfen war für John eine etwa außerhalb der Norm liegende Observierung einiger Verdächtiger gewesen. Daher hatte er die Veröffentlichung dieses Falls in seinem Blog schon seit einigen Tagen vor sich hergeschoben, weil er sich nicht sicher war, ob er es wirklich erwähnen sollte und wie er ansonsten die Ergreifung des Täters schildern könnte.
Es war mittlerweile wieder Sonntag geworden und John entschied sich dafür, seinen Bericht nicht länger aufzuschieben. Sherlock war in seinem Zimmer verschwunden und John hatte daher das Wohnzimmer für sich allein und somit genügend Ruhe, um den Text zu verfassen. Er hatte schon eine ganze Weile still vor sich hin getippt, als er plötzlich einen Atemzug in seinem Nacken spürte.
Fast zu Tode erschrocken zuckte er auf seinem Stuhl herum und bemerkte, dass Sherlock so nahe neben ihm in gebeugter Haltung stand, dass dessen dunkle Locken fast seine Wange berührten.
„Sherlock!" rief er wütend und immer noch erschreckt aus. „Was zur Hölle tust du da?"
„Sehen, was mein Blogger so treibt", erwiderte Sherlock. „Das Mandarinen-Abkommen?", rief er dann aus, das Gesicht zu einer abfälligen Grimasse verzogen. „John... also wirklich. Das Mandarinen-Abkommen. Etwas Dümmeres ist dir nicht eingefallen?"
„Ich weiß nicht, was du hast", gab John leicht beleidigt zurück. „Es ging um Südfrüchte, es ging um ein Handelsabkommen und um geheime Preisabsprachen. Ich finde den Titel passend."
„Du findest auch alberne Tiervideos auf youtube wären ein amüsanter Zeitvertreib", bemerkte Sherlock verächtlich.
„Du begeisterst dich für Zigarettenasche. Soll das vielleicht besser sein?"
Sherlock bedachte ihn wieder mit diesem Blick, der ganz klar Idiot sagte.
„Es ist sinnvoll und ich kann dieses Wissen für meine Arbeit verwenden. Was man von Tiervideos nicht behaupten kann", antwortete er mit einem Tonfall, der von vorneherein jede Diskussion ausschloss.
„Musst du eigentlich so durch die Wohnung schleichen? Ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen?", wechselte John abrupt das Thema und ging zum Gegenangriff über.
„Für einen Soldaten sind sowohl deine Reflexe als auch dein Gehör jämmerlich", stellte Sherlock sachlich fest und richtete sich wieder zu seiner ganzen Größe auf.
John war sich eines leichten Gefühls des Verlustes bewusst.
Wahrscheinlich nur eine Reaktion auf die plötzliche Abwesenheit zusätzlicher Körperwärme, dachte er bei sich. Es ist auch etwas kühl hier im Zimmer.
„Steht in der Zeitung eigentlich was von Schnee?", fragte John und tippte wieder weiter an seinem Bericht. „Immerhin ist in ein paar Wochen Weihnachten."
„Schnee in London?" Sherlock griff nach seiner Geige und dem Bogen. „Mach dich nicht lächerlich, John."
„Hat es schon gegeben", wandte John ein.
„Zerbrich dir nicht den Kopf über Meteorologie. Das Wetter ist kaum beeinflussbar und daher langweilig. Denk lieber über deinen neuesten Blog-Eintrag nach." Sherlock legte seine Geige an. Doch noch hing die Hand, welche den Bogen hielt, schlaff herab.
John hörte auf zu tippen und drehte sich auf seinem Stuhl um, um Sherlock besser ansehen zu können.
„Seit wann interessierst du dich für meinen Blog?", fragte er misstrauisch.
Sherlock lächelte so honigsüß wie eine Katze, die im Begriff war, den Kanarienvogel zu fressen.
„Seit ich darauf brenne, nachzulesen, wie gut du dich als Banane gemacht hast. Übrigens habe ich auf meinem Handy einige Fotos davon. Möchtest du welche, um deinen Eintrag etwas zu illustrieren?"
John schnappte nach Luft.
„Es gibt Fotos davon?", rief er wütend und entsetzt zugleich aus. „Du hast mich in diesem albernen Bananenkostüm fotografiert, wie ich diese Werbezettel verteile? DU!"
Sherlock grinste nur und strich probeweise mit seinem Bogen über die Saiten.
„Dabei war es deine Idee", schrie John aufgebracht. „Du hast gesagt, es wäre absolut notwendig, um mit letzter Gewissheit den Täter zu überführen und..." John hielt mitten im Satz inne. Seine Gedanken rasten. „Du hast das absichtlich gemacht!", brüllte er, als ihm die Wahrheit dämmerte. „Du hast von Anfang an gewusst, wer als Täter in Frage kommt und du hättest es auch ohne meinen Auftritt als Banane beweisen können!"
„Ja", gab Sherlock schlicht zu. „Das hätte ich. Aber es hätte noch einen halben Tag länger gedauert und es wäre lange nicht so amüsant gewesen."
Während John noch nach Worten rang, die seiner Wut und Empörung angemessen Ausdruck verleihen sollten, legten sich Sherlocks Finger auf die Saiten seiner Geige und er fing an, zu spielen.
Bereits nach wenigen Takten erkannte John den Schlager aus den 1920er Jahren.
Ausgerechnet Bananen...
John schwankte zwischen Empörung und Gelächter.
Als er in Sherlocks Augen sah, die vor Schalk blitzten, siegte das Gelächter.
„Du löscht diese Fotos!", forderte er zwischen zwei Lachanfällen.
Mit einer eleganten Bewegung legte Sherlock seine Geige ab.
„Dazu müsstest du mich schon zwingen. Und ich wüsste nicht, wie dir das gelingen sollte", sagte er mit seinem üblichen hochnäsigen Tonfall, den sein Lächeln allerdings Lügen strafte.
John wischte sich – vom Lachen erschöpft – über die Augen. Dann stützte er sein Kinn auf seine rechte Hand und sah Sherlock mit freundlichem Ernst an.
„Wenn irgendetwas davon an die Öffentlichkeit dringt, werde ich dich umbringen müssen. Das ist dir doch hoffentlich klar", drohte er halb im Ernst, halb im Scherz.
Sherlocks Lächeln vertiefte sich.
„Und wieder frage ich mich, wie dir das gelingen sollte. Aber du kannst beruhigt sein. Deine Geheimnisse sind bei mir gut aufgehoben." Sherlock hielt kurz inne. Sein Lächeln wurde zwar schwächer, aber dunkler, fast verführerisch. „Alle deine Geheimnisse."
Und wieder wurde tief in Johns Körper diese eine verborgene Saite angeschlagen und zum Klingen gebracht. Doch dann wandte sich Sherlock ab, um den Fernseher anzuschalten und der Moment war vorbei.
Für einen kurzen Augenblick hallte das Gefühl noch in John nach, dann war auch das vorbei, sein Pulsschlag hatte wieder seinen altvertrauten Rhythmus aufgenommen und John beendete seinen Bericht über das „Mandarinen-Abkommen" wobei er zwar die Observierung beschrieb, dabei jedoch seine Verkleidung als Bananen-Maskottchen geflissentlich verschwieg.
Die Welt war für gewisse Dinge einfach noch nicht reif.
OooOOOoooOOOoooOOOooo
In den folgenden Tagen nahm das Leben in der Baker Street 221 B seinen gewohnten Lauf. John arbeitete tageweise in der Klinik, Sherlock widmete sich mehr oder weniger seiner Website, seinen Klienten und den Anfragen von Scotland Yard.
Lediglich eine Veränderung war eingetreten, die so subtil war und dennoch so gewaltig, dass sich John fragte, wie ihm dieser Sachverhalt so lange hatte entgehen können.
Sherlock langweilte sich nicht mehr. Zumindest beklagte er sich nicht mehr lautstark darüber und auch der Smiley an der Wand war von weiteren Attacken verschont geblieben.
Als John diesen Mangel an Langeweile mit der Beobachtung verband, dass Sherlock in diesen Tagen mehr Zeit in seinem Zimmer verbrachte, als das früher der Fall gewesen war, schoss ihm kurz eine flammende Röte ins Gesicht. Das wäre weiter nicht schlimm gewesen, wenn ihm dieser Gedanke nicht ausgerechnet dann gekommen wäre, als er gerade bei der Arbeit war und den Bauch einer halbnackten Frau abtastete, was diese zu der Bemerkung veranlasste: „Hey, Doc – is' Ihnen nich' gut?" Und die sich dann später mit der Ankündigung verabschiedete: „Wenn ich mich von 'nem Lustmolch betatschen lassen will, kann ich auch U-Bahn fahr'n."
Ausgerechnet an diesem Abend lag Sherlock – als John endlich nach Hause kam – wie tot auf dem Sofa.
„Was ist denn jetzt schon wieder?", fragte John – zwischen genervt und besorgt schwankend. „Bist du krank? Oder warum liegst du im Bademantel auf dem Sofa rum?"
„Es geht mir blendend", schnappte Sherlock zurück.
„Hast du dir wieder drei Nikotinpflaster aufgeklebt oder warum schleift dein rechter Arm wie abgestorben auf dem Boden?"
Da Sherlock nur leicht die Nase hochzog und John ansonsten weder eines Blickes, noch einer Antwort würdigte, zuckte John mit den Schultern und ging in die Küche.
Sein erster Blick fiel auf die Anrichte, auf der sich vier leere Ananas-Dosen befanden.
„Was zum...", murmelte John verwundert vor sich hin und öffnete den Kühlschrank.
„Hast du noch irgendwas Essbares übrig gelassen?", rief er ins Wohnzimmer. „Ich habe nämlich Hunger." Als keine Antwort kam, richtete er seinen Blick auf den Inhalt des Kühlschranks.
„Das darf doch nicht...", stieß er aus, als er die fünf verkorkten Reagenzgläser in ihrer Halterung sah.
Schnurstracks ging er zurück ins Wohnzimmer.
„Wieso stehen plötzlich fünf Reagenzgläser im Kühlschrank?", stellte er Sherlock zur Rede, der ihn nur matt anblinzelte. „Die waren doch gestern noch nicht... Okay – gehört das wieder zu den Dingen, die ich gar nicht wissen will?"
Sherlock schloss seine Augen wieder.
„Definitiv", murmelte er erschöpft.
John fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht.
„Hängen die fünf Reagenzgläser irgendwie damit zusammen, dass du im Bademantel auf dem Sofa liegst, deine Haut verschwitzt aussieht, dein Gesicht fiebrig wirkt und du ganz allgemein aussiehst, als ob du jeden Moment ohnmächtig werden könntest?", fragte er streng.
Sherlock rang sich dazu durch, seine Augen erneut zu öffnen.
„Neue Versuchsreihe...", erwiderte er matt. „Ich will herausfinden, wie lange es dauert, bis sich der Geschmack signifikant ändert. Gemessen in Zeiteinheiten ab der Nahrungsmittelaufnahme... dazu ist es erforderlich, dass ich alle zwei Stunden..."
Zum zweiten Mal an diesem Tag spürte John dieses verräterische Hitze in seinen Wangen.
„Zuviele Details", wehrte er ab. Aber eine Sache wollte er dennoch wissen. „Deshalb die leeren Ananas-Dosen?"
„Dabei mag ich Ananas nicht einmal besonders", antwortete Sherlock mit einem Mitleid heischenden Blick. „Aber die Wissenschaft verlangt ihre Opfer."
John rang um Fassung.
„Wissenschaft!" In Gedanken setzte er noch ein „Von wegen!" hinzu. „Soll das heißen, du hast den ganzen Tag nur auf dem Sofa gelegen, Ananas gegessen und dir alle zwei Stunden einen runtergeholt?" John holte tief Luft um sich zu beruhigen. „Ich weiß wirklich nicht, ob ich angewidert sein oder ob ich dich um deine Potenz beneiden soll."
Sherlocks Augenbrauen zogen sich zusammen und John wusste, dass sein Blick verächtlich hätte wirken sollen, doch dieses Mal scheiterte sein Freund damit kläglich.
„Ich habe mir keinen runtergeholt", stellte er fest. „Ich habe eine Versuchsreihe abgearbeitet. Und die sieht vor, dass ich heute noch zwei Mal..."
John unterbrach ihn mit einer energischen Handbewegung.
„Vergiß es! Du bist schon abgearbeitet genug", entschied er kategorisch. „Du bleibst wo du bist. Ich mache etwas zu essen und nach dem Essen wirst du duschen und dir was Vernünftiges anziehen. Ist das klar?"
Sherlock salutierte ansatzweise mit seiner linken Hand.
„Ja, Sir", imitierte er ironisch die Entgegennahme eines Befehls. „Aber bring mir vorher die Wundsalbe aus dem Badezimmer."
„Ich hasse dich", stöhnte John.
„Nein, tust du nicht", erwiderte Sherlock. „Was ist jetzt mit dem Essen und er Salbe?"
oooOOOoooOOOoooOOOooo
Drei Tage und das Wiederauffinden eines gestohlenen Ringes später klingelte es an der Tür.
Sherlock und John saßen ungewohnt einträchtig vor den Fernseher und sahen den Film Orient-Express. Sherlock gähnte und langweilte sich ganz offensichtlich, doch genauso offensichtlich war er zu faul um sich von seinem Sessel wegzubewegen und John hatte in weiser Voraussicht die Fernbedienung an sich genommen.
Gerade tat Sherlock zum gefühlten eintausendsten Mal die Beobachtungen Poirots als geradezu schwachsinnig ab, als es – wie gesagt – an der Tür klingelte.
„Erwartest du einen Klienten?", fragte John.
„Kein Klient. Paketdienst", korrigierte Sherlock überdrüssig. „Wirklich, John – kannst du das immer noch nicht unterscheiden? Das Klingen ist ganz verschieden!"
„Schon gut", wiegelte John ab. „Erwartest du ein Paket?"
„Nein", sagte Sherlock einsilbig, verschränkte die Arme vor der Brust und zog die Beine hoch auf den Sessel.
„Ich auch nicht", hatte John gerade sagen wollen, doch die Körperhaltung seines Freundes war eindeutig. Er würde nicht geruhen, sich zu erheben. Also blieb es John überlassen, auf das Klingen zu reagieren.
Es war tatsächlich ein Paketbote.
„Ja, bitte?", fragte John.
Der Bote hielt ein Paket in der Hand, welches etwas größer war als ein Schuhkarton. Ein Firmenaufkleber oder Absender war auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Die Farbe war in neutralem Grau gehalten.
„Paket für Mr Sherlock Holmes", sagte der Bote.
„Also doch", murmelte John gereizt. Er drehte sich halb um und rief: „Sherlock! Es ist für dich!" Zu dem Boten gewandt sagte er: „Einen Moment. Er kommt gleich."
Der Bote – ein Mann Anfang 30 mit rötlichen Haaren und leichtem Bauchansatz – lächelte unverbindlich.
Gähnend kam Scherlock endlich an die Tür.
„Aber ich warte auf kein..." Sein plötzlich wacher Blick analysierte die Verpackung. „Oh! Fantastisch!", rief er freudig aus. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell da ist." Er riss dem Boten das Paket förmlich aus der Hand.
„Was ist es denn?", fragte John mit milder Neugier.
„Das Dildo- und Vibratoren-Set, das ich im Internet bestellt habe", erwiderte Sherlock ungerührt und verschwand mit seinem Paket wieder in der Wohnung.
John blieb wie angewurzelt in der Tür stehen.
Die Zeit schien stillzustehen.
Noch nie in seinem Leben hatte sich John sehnlicher gewünscht, die Erde möge sich unter ihm auftun und ihn verschlingen.
Als das nicht geschah, schickte er ein Stoßgebet zum Himmel, dass ihn auf der Stelle ein Blitz treffen möge um ihn dieser hochnotpeinlichen Situation durch einen frühen und grausamen Tod zu entheben.
Doch wie üblich wurden seine Gebete nicht erhört.
Wie üblich war er auf sich alleine gestellt.
„Äh... Sherlock?", rief John seinem Mitbewohner noch halblaut hinterher als er seiner Stimme wieder trauen konnte.
Der Bote räusperte sich.
„Es genügt auch, wenn Sie unterschreiben, Sir", sagte er und hielt John seine Kladde mit der Empfangsbestätigung und einen Kugelschreiber hin.
„Wie?", gab John verständnislos zurück. „Ah... ja", sagte er dann, als sein Gehirn wieder halbwegs funktionierte.
„Vibratoren-Set, hm?", bemerkte der Bote. „Da sind Sie dann ja wohl abgemeldet. Ich kenne das zur Genüge."
John griff reflexartig nach dem Kugelschreiber.
„Ach ja?", fragte er zerstreut. „Äh, ich meine... wir sind nicht..." John seufzte. Diese ganze Richtigstellerei hatte doch sowieso keinen Sinn. „Ist ja auch schon egal", erwiderte er ergeben. „Wo soll ich unterschreiben?"
„Hier, Sir." Der Bote zeigte ihm die Stelle. „Wie gesagt, ich kenne das. Sie haben mein tiefstes Mitgefühl. Seit meine Frau sich so ein batteriebetriebenes Dings gekauft hat, interessiert sie sich auch nicht mehr für mich."
„Ähm ja... das ist allerdings bedauerlich. War das alles?", fragte John.
„Ja, Sir. Ich..."
„Gut. Auf Wiedersehen", sagte John kurz angebunden und schlug dem Boten die Tür vor der Nase zu.
„SHERLOCK!", brüllte er dann. „Wo steckst du? Wir müssen uns DRINGEND unterhalten!" John blieb wutschnaubend im Flur stehen und wartete auf eine Antwort.
„Nicht jetzt... ich bin beschäftigt", kam es gedämpft aus Sherlocks Zimmer.
„Kann das nicht... DAS KANN NOCH FÜNF MINUTEN WARTEN!" schrie John und stapfte zu Sherlocks Zimmertür.
„Es wird dir aber in diesen fünf Minuten garantiert gelingen, mir die Stimmung zu verderben", drang es etwas deutlicher durch die Tür, welche kurz darauf von einem schmollenden Sherlock einen Spalt geöffnet wurde.
„Das ist mir scheißegal", tobte John. „Hast du eigentlich den Verstand verloren? Was ist dir eingefallen, dem Paketboten – DEM PAKETBOTEN – auf die Nase zu binden, was in diesem Paket drin ist?"
Sherlock musterte ihn mit leicht gerunzelter Stirn und wirkte dabei äußerst verständnislos.
„Du hast gefragt", sagte er dann mit einem Schulterzucken. „Und wenn du weiter so brüllst, wird es nicht nur der Paketbote wissen – der uns sowieso nicht kennt – sondern auch das ganze Haus." Er dachte kurz nach. „Inklusive Mrs Hudson", fügte er dann noch hinzu.
„Ich habe gefragt", echote John tonlos. „Ja, du hast Recht. Ich habe gefragt." Er presste Daumen und Zeigefinger an seine Nasenwurzel und spürte zum ersten Mal in seinem Leben die ersten Anzeichen einer Migräne.
„IN SOLCHEN FÄLLEN LÜGT MAN!", brüllte er dann so laut, dass Sherlock etwas zurückwich, was John mit grimmiger Genugtuung registrierte.
Dann legte Sherlock seine Handflächen aneinander und hielt sie sich in seiner üblichen Denk-Haltung vors Gesicht.
„Dieser Vorfall hat dich wirklich sehr aus der Ruhe gebracht", stellte er dann fest. „Es muss dir also wichtig sein. Gut." Er nahm die Hände vom Gesicht. „Was soll ich deiner Meinung nach also tun? Und schlage mir nicht vor, ich solle in einen dieser anrüchigen Sex-Shops gehen um dort einzukaufen, denn das werde ich garantiert NICHT tun. Vielleicht hätte ich das noch vor einigen Monaten tun können, aber dank deines Blogs...", hier visualisierte er die Anführungsstriche tatsächlich mit den entsprechenden Handbewegungen, „bin ich mittlerweile stadtbekannt wie ein bunter Hund und kann mich kaum noch unerkannt aus dem Haus wagen."
„Du übertreibst", wandte John ein, doch Sherlock achtete überhaupt nicht auf ihn, sondern fuhr damit fort in seinem Stakkato-Tempo die Worte auf John niederprasseln zu lassen.
„Ich könnte mich irren... aber ich irre mich nie – daher ist es unmöglich, dass du wünschen solltest, dass ich beim Betreten oder Verlassen eines Sex-Shops gesehen werde. Was wiederum bedingt, dass ich meine Einkäufe halbwegs anonym im Internet erledige. Was wiederum bedingt, dass meine Einkäufe mit der Post zugestellt werden oder – wie in diesem Fall - von einem Paketdienst. Also. Was soll ich deiner Meinung nach zukünftig tun?"
Unter Sherlocks kühlem, sezierenden Blick fühlte sich John zunehmend unwohl und seine Wut fiel in sich zusammen wie ein Soufflé, welches zu früh aus dem Ofen genommen worden war.
„Kauf von mir aus soviel Sex-Spielzeug im Internet, wie du willst", lenkte er schließlich ein. „Das ist ganz allein deine Sache und es geht mich nichts an." Er atmete einmal tief durch. „Aber es ist sehr wohl meine Sache, wenn wildfremde Paketboten anfangen mich zu bedauern, weil sie glauben, mein Freund würde mich durch einen Vibrator ersetzen."
Sherlock gab ein Geräusch von sich, das halb Lachen und halb verächtliches Schnauben war.
„Als ob ich so etwas tun würde!", rief er aus. „John, wann begreifst du es endlich? Du bist für mich unersetzlich."
John schüttelte verwirrt den Kopf. Sherlock sprach ihm so selten ein Kompliment aus, dass er es im ersten Moment nicht als solches erkannte und auch im zweiten Moment immer noch nach der versteckten Ironie suchte.
„Trotzdem, Sherlock...", versuchte er es mit schwacher Stimme, denn er begriff, das Sherlock auf dem besten Wege war, ihn von seiner Spur abzubringen und den Streit auf einen relativ unwichtigen Nebenschauplatz zu verlegen. „Das ist nicht ganz der Punkt..."
„Gut erkannt!", stimmte ihm Sherlock zu. „Der Punkt ist vielmehr: haben wir noch Batterien im Haus? Ich begreife nicht, wie so etwas Elementares nicht im Lieferumfang enthalten sein kann."
In diesem Moment beschloss John, sich nie wieder über irgendetwas aufzuregen, was Sherlock tun oder sagen würde.
Entweder das – oder ihn würde ein früher Herzinfarkt dahinraffen. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Um diese simple Tatsache zu erkennen, brauchte man kein Genie wie Sherlock Holmes zu sein.
oooOOOoooOOOoooOOOooo
Fortsetzung folgt...
