„Ich weiß nicht." Skeptisch kratzte Foreman seinen adretten und sorgfältig gepflegten Kinnbart. Die alten Röntgenaufnahmen hingen allesamt am Leuchtboard, auf das er mit schmalen Augen starrte in der Hoffnung, eine Anomalie zu entdecken, die den kalifornischen Kollegen möglicherweise entgangen war. „Wir haben uns die Scans mindestens hundertmal angesehen."

„Da." Ein Silberstreifen am Horizont zeichnete sich in einer Unregelmäßigkeit der äußeren Hirnrinde ab. Helle Flecken am primären Kortex, auf den House tippte, bemüht, seine Aufregung zu verbergen. „Am Fasciculus arcuatus. Könnte eine Schwellung sein."

„House." Die Arme offensiv vor der breiten Brust verschränkt, zog Foreman geringschätzig die Mundwinkel herunter, bis sein Kinn eine vom seinen Bart korrekt eingerahmte kaffeebraune Scheibe bildete und sich somit von dem dunkleren Teint abhob. „CT und MRI sind sauber, und das wären sie auch jetzt noch. Sie wollen nur etwas sehen. Wäre das hier ein Ödem, wäre Chase schon lange tot. Der Unfall ist über acht Wochen her. Und bevor Sie jetzt noch mit einer abenteuerlichen Theorie über Tumore antanzen: Dr. Wilson hat sich die Aufnahmen genau und ausführlich angesehen. Es gibt nichts, das operativ entfernt werden müsste, um ihn wieder zu dem werden zu lassen, der er war. Die präzise Diagnose ist so erschütternd wie simpel, auch wenn sie Ihnen nicht gefällt. Chase hat während der OP einen Sauerstoffmangel erlitten und war klinisch tot, das ist der ganze Zauber. Tragisch, aber davor sind die besten Ärzte nicht gefeit."

„Wir machen eine CT", bestimmte er. „Sorgen Sie dafür, dass die Kernspintomografie gegen halb sechs frei ist."

Der Neurologe verdrehte die Augen; er wusste es, obwohl er ihm auf dem Weg ins angrenzende Zimmer bereits den Rücken zuwandte. Anders hatte er ihn selten Kritik über seine Verordnungen äußern sehen. „Dr. Wilson sagt, eine CT wäre Stress für-…"

„Es interessiert mich nicht, was Wilson sagt", fuhr er ihn an. „Und Sie sollte das ebenfalls nichts angehen. Ich bin Ihr Boss."

Die Ruhe des Überlegenen zur Schau tragend, heftete sich Foreman gleichsam schleichend auf seine Fersen ins Büro. „Nicht bis auf weiteres. Ich glaube, Sie haben unsere Abmachung vergessen. Sie sind mein Arbeitnehmer, solange ich es für richtig halte. Jetzt tanzen Sie mal nach meiner Pfeife."

Was zum Henker sollte das? Aufsässigkeit aus Prinzip kannte er an Foreman, nicht aber Bauchpinselei von Kollegen wie Wilson, mit dem er nicht einmal in einer Abteilung arbeitete. Das Argument der emotionalen Belastung zog nicht. Notfalls würde er Chase sedieren. Ja, er war dagegen gewesen, am Anfang, aber er musste es wenigstens probieren. Für Chase. Weil er den Fall an seiner Stelle ebenso gehandhabt hätte. Wahrscheinlich wäre er sogar sehr viel früher aktiv geworden, hätte nach humanen und trotzdem mehr oder weniger medizinisch fundierten Wegen geforscht, um der Ursache, und sei sie noch so diffus, auf den Grund zu gehen.

„Und ich sage, Sie sorgen dafür, dass der Raum um halb sechs frei ist", schloss Foreman mit einen verschwörerischen Grinsen. Respektvoll zwinkerte House ihm zu. Das war annähernd humorig.

oOo

Die Zeit verging schleppend ohne ihn; er ertappte sich dabei, alle fünf Minuten zur Uhr zu spähen. Als er gegen drei Uhr vor Langeweile in ein Wachkoma zu fallen drohte, surrte der Pager in seiner Hosentasche. Unheil verkündend. Dramatisch. Viel zu laut. Er entschuldigte sich bei der Patientin, die durch morgendliche Übelkeit beunruhigt die Klinik aufgesucht hatte (sie war im dritten Monat – wo blieb das Rätsel?), und entzifferte die Nachricht von Cuddy. Lange fühlte er gar nichts, las sie wieder und wieder, bis der kurze Satz vor seinen Augen verschwamm.

Chase in der Notaufnahme.

„Doktor ..." Schüchtern tippte die Frau an seine Schulter. „Ist es schlimm? Werde ich sterben?"

Er schrak zusammen und ließ den Pager sinken, der ihm daraufhin aus der Hand glitt. Ohne eine Antwort zu geben, wankte er aus dem Sprechzimmer. Draußen schoss ein brennender, verzehrender Schmerz durch sein Bein, den nicht einmal seine Tabletten betäubten. In stummer Qual bewegte er die Lippen, während er seinen Oberschenkel malträtierte, in den er sich jetzt ein Skalpell hätte rammen mögen.

„House?"

Wilson. An seiner Seite. Von irgendwoher aufgetaucht. Es spielte keine Rolle mehr, so wie von jetzt ab gar nichts mehr von Bedeutung war. Ein trockenes, heiseres Geräusch brach aus ihm heraus und sprengte ihm die Eingeweiden. Seine Schulter, die Wilson wie eine Eisenzange umklammert hielt, begann heftig zu zittern. Er fühlte den Drang, den Onkologen zu umarmen, an ihm zur Decke hochzugehen, ihn zu zerquetschen und laut zu brüllen.

„Chase wurde eben eingeliefert. Ich weiß noch nichts Genaues, aber er ist offenbar angefahren worden."

Oh Gott!" Er stöhnte, knickte in den Knien ein und wurde von seinem Freund daran gehindert, auf dem Boden aufzuschlagen und in tausend Teile zu zerschellen, indem er ihn beherzt an beiden Schultern packte.

„Er lebt. Ich begleite dich. Du siehst aus, als würdest du es nicht schaffen bis zur Ambulanz."

In der Notaufnahme fanden sie ihn ohnmächtig, aber House zwang sich zur Ruhe, denn so musste er ihn wenigstens nicht schreien hören. Eine Gehirnerschütterung war das mindeste bei einem Zweikampf mit heransausendem Blech und hatte nicht das Schlimmste zu bedeuten. Foreman war da und hatte die Zweituntersuchung nach den Rettungskräften durchgeführt, und Cuddy ergriff seinen Arm, als sie sich zwischen ihn und die Bahre schob, auf der er lag, wie um ihm zu verbieten, näher zu kommen.

Weiß wie das Kissen, war Chase kaum zu erkennen, doch er konnte auf Cuddys Mitgefühl verzichten und trat an ihn heran, um ihn sich anzuschauen. Er wirkte schmaler als gewöhnlich, geradezu kindhaft verloren, und die dezente Bräune hatte sich in fahles Grau verwandelt. Rasselnder Atem entwich seinem Mund; auf der gebogenen breiten Oberlippe klebte getrocknetes Blut und Schleim, doch scheinbar hatten die Schwestern ihn vom Gröbsten bereits gesäubert und die Wunden desinfiziert. Er konnte kaum den Blick von ihm loseisen, während er leicht und analysierend über die Bauchdecke tastete.

Die ausgeprägte halbkreisförmige Linie der unteren Rippenbögen, die er im Zwielicht so gern zu betrachten und mit den Fingern zu umrunden pflegte, wenn Chase auf dem Rücken lag, war unterbrochen. Er strich vorsichtig darüber bis unter den Bauchnabel, nahm bedächtig mit den Fingerspitzen Reste des Fluids der Ultraschalluntersuchung auf, die man nicht vollständig entfernt hatte. Es glänzte auf der glatten, bebenden Haut und erinnerte ihn auf schmerzliche Weise an gestern Nacht, als ihn der Anblick fast in den Wahnsinn getrieben hatte.

Länger als nötig nach den bereits stattgefundenen Untersuchungen verweilte seine Hand auf der vom Brustkorb sanft abfallenden Kuhle des Magens.

Es ist gut. Du lebst. Ich bin da.

„Er sieht böse aus, aber bis auf Prellungen, Schnittwunden und ein paar angeknacksten Rippen ist er okay", informierte ihn Cuddy, wobei es ihr sichtlich schwer fiel, die Fassung zu wahren. „Er muss außerordentliches Glück gehabt haben. Es wurden keine Frakturen oder inneren Verletzungen festgestellt."

Foreman bestätigte die Diagnose mit einem grimmigen und zugleich erleichterten Nicken, wobei er sich bemühte, House' Finger auf Chase zu ignorieren und stattdessen mit dem Kinn über die Schulter deutete. „Dank der Geistesgegenwart des Fahrers."

Zwei Männer, anscheinend die Insassen des Wagens, gegen den er geprallt war, hielten sich beklommen und wie unter Schock stehend ein wenig abseits. Ganz in ihrer Nähe saß vor einem Walker ein vom Alter gebeugter Mann, der einen aufgeregt winselnden Golden Retriever mit ausdrucksloser Miene und zitternden, knotigen Fingern unablässig streichelte. Five. Und sein ehemaliger Besitzer. Grundsätzlich waren Tiere im Hospital nicht erlaubt. Er konnte sich noch keinen Reim darauf machen, doch nach Cuddys Bericht über Chase' Zustand reduzierte sich der Schmerz zu einem erträglichen Maß. Er lebte, war nicht schwer verletzt.

Wilson klopfte begütigend seine Schulter. „Lass ihm Ruhe. Die Schwestern und Foreman übernehmen alles weitere, und wir beide gehen auf den Schreck jetzt erst mal einen Kaffee trinken."

„Foreman!" Schneidend und vor Aufregung ein wenig quäkend wandte er sich an seinen Neurologen, Wilson von sich wegschiebend. Gleich, zu welcher Tageszeit man hier aufkreuzte: man musste sich immer auf die Füße treten lassen in dem Gewimmel von Schwestern und Ärzten und Nerven wie Drahtseile haben. „Bringen Sie ihn zum OP-Raum."

Foreman stutzte. „Er braucht keine OP, House. Die Rippen sind nicht gebrochen, und selbst wenn, wäre es nicht erforderlich - "

„Dann machen wir es hier."

„Machen – was?"

„Eine Trepanation. Holen Sie Ihr Spielzeug und bringen Sie bei der Gelegenheit Chase' Röntgenaufnahmen mit. Wir wollen schließlich nicht die falsche Seite anbohren."

Cuddy schnappte nach Luft und ballte die Hände zu Fäusten, um wie eine Furie auf ihn loszustöckeln. „Sind Sie wahnsinnig? Er ist nicht einmal sediert."

„Er ist bewusstlos, das ist gut genug für mich."

Er würde ihn nicht narkotisieren. Die Risiken scheute er nach der schlechten Erfahrung der ersten Operation. Daher war Eile geboten, und er hoffte, dass sein dezimiertes Team das allmählich begriff; Cameron hatte Urlaub erbeten, und Foreman sagte nie nein zu ihrem lieblichen Püppchengesicht. Weil dieser jedoch tief in seinen Genen immer noch dem Sklavengehorsam seiner Vorfahren verwurzelt war, oder weil er ganz einfach mehr wusste als Wilson und Cuddy und doch etwas gesehen hatte auf der Aufnahme, stürmte er endlich davon, um das Verlangte zu holen.

Er ahnte, dass es völlig verrückt war und er keine hundertprozentige Gewissheit hatte, dass die Auffälligkeit auf dem Scan tatsächlich eine Schwellung war und er Chase unter Umständen Schmerzen zufügen würde, die man seinem ärgsten Feind nicht wünschte. Aber der Gedanke, ihn durch diese Maßnahme zumindest teilweise wiederherzustellen, beherrschte ihn plötzlich mit einer Macht, die jede Rationalität verdrängte.

Empört hängte sich Wilson an den Plastikvorhang, mit dem House das Bett vom Nachbarn abtrennte. „Du willst seinen Schädel aufbohren? Weshalb? Um den Narrenstein rauszuschneiden?"

„Vielleicht."

„Aber meiner OP verweigerst du dich, während du hier unter primitivsten Bedingungen sein Leben aufs Spiel setzt!"

Sachte drehte er Chase' Gesicht zur Seite. An seiner Schläfe pulsierten die Adern, die er leicht umkreiste. Er schlief tief und fest, reagierte nicht einmal mit einem Seufzen oder einer unwillkürlichen Bewegung. Bis Foreman erschien, massierte er die Stelle sanft und kam sich nicht einmal sentimental vor, obwohl Cuddy ihm irritierte Blicke zuwarf. Wilson wandte ihm demonstrativ den Rücken zu.

Ein Elektrorasierer für das Haar. Der gewissenhafte Foreman hatte nichts vergessen. Die mögliche Schwellung ließ sich in der rechten Hemisphäre lokalisieren, nahe dem Ohr. Um den Druck abzuleiten, mussten sie Chase' Schläfe rasieren. Es war House nicht einmal vergönnt, sich von den schönen, dichten Strähnen zu verabschieden, ein letztes Mal ihren Verlauf von der Kopfhaut zur Spitze zu durchwühlen, da er bereits sterile Latexhandschuhe trug. Ein wenig bestürzt sah er sie fallen, schwer und in verschiedenen Blondnuancen schillernd und grübelte, ob es albern wäre, sie nachher einzusammeln. Von den ganzen Strapazen, die ein solcher Eingriff für Patient und Chirurg beinhaltete, war das die bei weitem schwerste. Aber Haare wuchsen. Chase' sogar mit rasanter Geschwindigkeit.

oOo

Es war gut gegangen. Wenigstens war er nicht aufgewacht. Allerdings machte ihm die tiefe Bewusstlosigkeit allmählich Sorgen. Sie hatten nicht einmal Äther einsetzen müssen, den Foreman als Alternative zur kompletten Narkose bereitgestellt hatte. Er strich über die Stoppeln der ausrasierten Stelle, die es ihm angetan hatten. Die wieder eingesetzte kleine Knochenplatte hob sich als rotes Mal drastisch von der übrigen, feinen Textur der Haut ab, aber in spätestens vier Wochen würde sie von neuem, phantastisch weichem Blondhaar zugewachsen sein. Er nahm seine Hand mit seinen, spielte mit den kräftigen Fingern und drückte einen hilflosen Kuss auf die Knöchel, der einem Schuljungen würdig gewesen wäre. Seine Verletzlichkeit, die dunklen Lider und sein sinnlicher, leicht geöffneter Mund lösten eine Rührseligkeit in ihm aus, derer er sich nicht schämte, als er sie zum Ausdruck brachte.

„Habe ich Ihnen je gesagt, dass ich Sie liebe? Es macht gar nichts, wer oder wo Sie sind. Ich möchte Sie immer lieben, jeden Tag und jede Stunde."

Insgeheim fürchtete er sich davor, seine Methode könnte Erfolg gehabt haben. Wie würde er auf ihn reagieren? In den letzten Wochen waren sie weit gekommen, und er hatte plötzlich Angst, all das, was sie aufgebaut hatten, zerstört zu haben. Sein kindliches Vertrauen, seine ergreifend mühsamen Versuche, mit ihm zu kommunizieren. Er tat es auf recht eigenwillige Art, aber sehr charmant. Plötzlich rannen Tränen über sein Gesicht.

Er hätte es nicht tun sollen. Wenn er jetzt nie wieder mit ihm sprach, ihn vergessen hatte oder wie ein Kleinkind Latz und Windeln brauchte, würde er sich das nie verzeihen.

Cuddy marschierte ins Zimmer. Er hatte sie trotz der klappernden Absätze nicht herankommen hören und konnte ein leichtes Zusammenschaudern nicht verhindern, ließ Chase' Hand jedoch nicht los. Welches Krankenhaus hatte schon Glastüren?

Obwohl sie überrascht aussah mit den hochgezogenen Augenbrauen, gab sie sich fürsorglich, legte die Hand auf seine Schulter.

„Sind Sie okay? Sie sollten nach Hause fahren und sich ausruhen."

„Ich bleibe hier."

Sie seufzte und strich züchtig ihren Rock über die Knie, als sie sich neben ihn setzte. „Sie haben nicht nach dem Hergang des Unfalls gefragt. Interessiert es Sie gar nicht?"

„Doch", sagte er mäßig gespannt und wartete, die Augen auf dem reglosen Gesicht. So schmal wirkte es, dass seine Nase spitzer und markanter hervortrat als üblich. Unwillkürlich berührte er sie, ließ den Finger über ihre unregelmäßige Breite wandern. Es war sonderbar, doch Chase' Körper kannte er mittlerweile besser als seinen eigenen. „Erzählen Sie."

Er war mit den beiden Mädchen und dem Hund spazieren gewesen. In der Stadt hatten sie einen Bonbonladen gesehen, in dem Hunde nicht geduldet waren, doch Gina und Jenny wollten hinein, bedeuteten Chase, draußen mit Five zu warten und versprachen, ihm etwas mitzubringen, wenn er artig war. Er hatte genickt und es sicher auch verstanden.

Die Auswahl des Ladens schien groß und verlockend zu sein. Jedenfalls war er unbeaufsichtigt, als auf der anderen Straßenseite der alte Mann, Mr. Flaunders, in Begleitung seines Pflegers vom Heim aufgetaucht war. Unseligerweise war die Loyalität des Hundes zu seinem früheren Besitzer größer als der Beschützerinstinkt für Chase, und er hatte sich losgemacht und war auf die Straße zugeprescht, um zu ihm zu laufen.

Chase geriet in Panik, nahm die Verfolgung auf und wurde von einem herannahenden Wagen erfasst, der Gott sei Dank rechtzeitig bremsen konnte, ehe es zu einer Katastrophe und der Junge unter die Räder gekommen wäre. Doch er hatte ihn erwischt, ihn auf den Asphalt geschleudert. Bei allem Unglück hätten mehrere Schutzengel über ihn gewacht, schloss Cuddy ein wenig pathetisch.

„Wissen Sie, was eigenartig ist? Der Pfleger und auch der alte Herr bezeugen, dass Chase den Wagen gesehen hat, bevor er auf die Straße rannte. Fast in selbstmörderischer Absicht, sozusagen."

Erschüttert schüttelte er den Kopf. „Er wollte nicht sterben. Er wollte seinen Hund retten."

Dandylion. In einem Flashback. Als Chase dreizehn gewesen war, hatte seine Mutter das Tier versehentlich angefahren. Das Trauma steckte tiefer, als er angenommen hatte. Er hatte sich daran erinnert.

Oh Chase. Mein kleiner, unglücklicher Junge.

Cuddy runzelte die Brauen und zog das Knie an.

„Seinen Hund? Er hat keinen. Dass Five nicht seiner ist, haben Sie ihm doch erklärt, oder?"

Er schilderte ihr die tragische Geschichte seines Golden Retrievers, der Einzige, der dem kleinen Chase in einer schweren Zeit Freude und Liebe geschenkt hatte. Schweigend hörte sie zu. Als er geendet hatte, stand sie auf, ging zum Fenster und wieder zurück, um Chase mit neu aufkeimender Zärtlichkeit zu betrachten, ihm durch das nun lächerlich unregelmäßig lange Haar streichend.

„Sie sollten es angleichen. Oder den Rest grün färben." Ihr Lachen klang anders als sonst. Nicht mehr abwehrend und selbstgefällig. „Gehen Sie heim. Legen Sie sich ein bisschen hin und packen Sie ein paar Sachen von Chase zusammen. Ich würde Wilson hinschicken, aber er hat heute Nachtdienst. Sobald er wach wird, rufe ich Sie an."

oOo

Es fiel ihm schwer, die Klinik zu verlassen, doch er war wirklich am Ende. In der Wohnung ließ er alle Lichter brennen. Die Dunkelheit konnte er ohne Chase kaum ertragen. Sorgsam verstaute er einen Schlafanzug (gestreift mit winzigen, mädchenhaften Ornamenten dazwischen; er hatte ihn ihn noch nie tragen sehen und fand es irgendwie rührend, dass der Pyjama ihm offenbar peinlich gewesen war und er ihn trotzdem mitgenommen hatte), seinen eigenen Morgenrock und Wäsche und Zahnbürste in einer Sporttasche. Es stimmte ihn traurig, so als würde er Chase' Auszug vorbereiten, und er schalt sich einen alten, gefühlsduseligen Esel.

Unter dem Bett kramte er nach kurzer Überlegung den Schuhkarton mit Chase' Kinderschätzen hervor. Die Aufnahme von ihm und seiner Mutter gab es zwar nicht mehr, doch vielleicht reichten die anderen Dinge aus seiner Kindheit aus, um ihm zu einer Erinnerung zu verhelfen, falls die Trepanation doch etwas bewirkt hatte. Unvermittelt entsann er sich des Porträts von Chase als Vierzehnjährigem in seiner Brieftasche, das Amy ihm zu Weihnachten verehrt hatte, und er legte es dazu. Er hatte es längst rahmen wollen; es war an der Faltstelle brüchig und an der rechten oberen Kante fleckig. Angestrengt dachte er nach, aber er hatte kein aktuelles Foto von Chase, geschweige denn eines, auf dem sie gemeinsam abgelichtet waren. Sonderbar. In all der Zeit, die sie nun zusammen waren, hatte er ihn nie fotografiert.

Im Bett wälzte er sich trotz Übermüdung nervös hin und her. Es war viel zu groß ohne ihn, und sein milder und doch männlicher Duft, der die Laken bereicherte, machte ihn noch kribbeliger statt ihn einzuschläfern. Wie ein liebeskranker Schwachkopf drückte er sich das Kissen ins Gesicht, atmete tief und sah ihn vor sich. Den schönen, weichen Mund zu einem Lachen geöffnet, verschmitzt und atemlos vor Aufregung zugleich, in der Ecke des Bettes auf ihn wartend. Sommersprossen auf seiner unvergleichlich samtigen Haut, von denen er eine sein wollte, die runden, süßen und dennoch breiten Schultern. Wie er sich bewegte, sich seine kräftigen Muskeln anfühlten und die verborgenen ihn in seinen persönlichen Himmel hoben. Seine Nacktheit, in der er so ungezwungen durch die Räume gehopst war und seine Unbeschwertheit und die blitzenden Augen während ihres ungestümen Tanzes zum Schlafzimmer, die kleinen, verlangenden Laute, bevor sich seine rosige, bewegliche Zunge in seinen Mund wagte. Manchmal scheu, aber immer mit großer Hingabe.

Würde er noch so sein? Oder doch Gemüse, als das Wilson ihn bei ihrem ersten Wiedersehen nach dem Unfall bezeichnet hatte? Damals hatte er intuitiv gewusst, dass es nicht stimmte.

Das Telefon erlöste ihn.

„Chase kommt zu sich." Cuddys Stimme hatte noch nie einen so schmelzenden Unterton gehabt.

Nachts herrschte nicht viel Verkehr in einer Provinzstadt wie Princeton, was sein Glück war. Er raste wie ein Besessener, übersah absichtlich rote Ampeln und hoffte, keinen übereifrigen Streifenpolizisten zu pikieren.

Vor der Tür zum Krankenzimmer, in dem Wilson und Cuddy am Bett standen, fing ihn Foreman ab; er fasste sogar verwegen nach seinem Arm. „Keine großen Erwartungen, House. Er ist zwar wach, seine Reflexe reagieren, aber es sieht so aus, als hätte ihn Ihre Maßnahme nicht unbedingt zum Positiven verändert. - Vorher hat er ja immerhin mit Ihnen etwas Menschliches an sich entdeckt", fügte er mit unangemessener Anzüglichkeit hinzu. Taub für seine wenig tröstliche Prognose schob er sich an ihm vorbei. Aus tieftraurigen Augen traf ihn Wilsons Blick, während er sein Lämpchen in die Kitteltasche gleiten ließ.

„Es war nicht die richtige Entscheidung, House. Von meiner Seite aus hast du immerhin nichts verloren." Dann nahm er Cuddys Arm, um sie nach draußen zu lotsen. Beim Hinausgehen streifte sie Anteil nehmend seine Jacke.

Seelenlos starrte er vor sich hin, wendete weder den Kopf noch gab er durch ein Grunzen zu erkennen, dass er seine Anwesenheit bemerkte. Er zog einen Stuhl heran und setzte sich zu ihm, innerlich völlig leer wie der Blick des Jungen, dem er nur mit Mühe standhielt. Verloren. Die falsche Entscheidung. Er hatte wieder gepokert und kein Glück gehabt.

Verbitterung empfand er erstaunlicherweise keine. Er hatte es versucht. Was machte es für einen Unterschied, ob er ihn künftig zur Toilette begleiten musste, seinen Hintern abwischen, ihm Brei einflößen wie einem Säugling? Überhaupt keinen. Chase war Chase. Enttäuschen würde er ihn nur, wenn er eines Tages nicht mehr bei ihm wäre.

Mit größter Aufmerksamkeit platzierte er die Schuhschachtel auf Chase' Schoß und erstarrte vor Schreck, als seine Finger sorgfältig die Kordel darum aufknoteten und er den Kopf neigte. Schauer zogen sich über seine Arme hinauf zu den Schultern. Er hatte ihn lange nicht mehr so bedacht mit Dingen umgehen sehen. Eines nach dem anderen legte er auf der Decke ab, nachdem er die einzelnen Gegenstände versonnen einer Musterung unterzogen hatte. Über die kleine runde Holzbox, in der seine Milchzähne aufbewahrt waren, kicherte er ein bisschen, was House beinahe umwarf.

Der Schmuck seiner Mutter verwirrte ihn, besonders der Ring, den sie getragen hatte, und er legte ihn rasch wieder in den Karton zurück, um durch die weiteren Kleinigkeiten zu stöbern, was ihm sichtlich Spaß machte.

Als die Aufnahme an der Reihe war, die ihn ernst in einem langärmligen Poloshirt zeigte, sah er auf und lächelte. „Das bin ich."

Ungläubig lehnte er sich vor und glaubte, eine Vision oder zuviel getrunken zu haben. Doch er war vollkommen nüchtern. Der Akzent schien ihm ausgeprägter, breiter, doch er artikulierte sich ohne Schwierigkeiten und verständlich.

„Und wer bin ich?"

Seine Augen strahlten. „Greg", sagte er.