Ein Geburtstagsstreich und zwei Schnappschüsse
Die Hitze des Hochsommers war ohne Schatten oder ein kühles Getränk mit Eiswürfeln kaum noch zu ertragen. Heiss brannte die Sonne nieder, liess die Menschen schwitzen und verbrannte jeden Zentimeter ungeschützte Haut. Es herrschten beinahe dieselben Temperaturen wie vor genau sechs Jahren. Gegen den späteren Nachmittag jedoch zogen Wolken auf und malten dem makellos blauen Himmel weisse Farbkleckse auf. Die weissen Wolken verwandelten sich in dunkle, graue Wolken, ein kühler Wind zog auf, und schlagartig wurde es düster. Schon nach kurzer Zeit sah es so aus, als würde es jeden Moment beginnen zu regnen.
Shinichi, der zusammen mit seinen Zwillingen zu Hause war und mit ihnen spielte, kümmerte das nicht. Schliesslich war er unter dem Dach, ihm war es herzlich egal, ob es draussen regnete oder nicht. Er blieb trocken, so oder so.
Ran allerdings war das nicht egal. Sie war schon den ganzen Nachmittag auf Tokyos Strassen unterwegs, um ein paar letzte Besorgungen für das Abendessen zu machen, während ihr Ehemann zu Hause blieb und auf die Kinder aufpasste. Sie hatte mit ihm alles abgesprochen, damit es keine Verzögerungen und vor allem keine bösen Überraschungen gab. Ausserdem hatte sie ihm aufgetragen, einen Geburtstagskuchen für die Zwillinge zu backen. Ran wusste ganz genau, dass Shinichi einen einfachen Zitronenkuchen zustanden bringen würde, ohne dass er dabei die Küche abfackelte oder diese danach aussah, als hätte eine Bombe eingeschlagen.
Shinichi Jr. und Reika kümmerten sich nicht um Shinichis Backkünste. Sie waren voll und ganz mit ihrem neuen Spiel beschäftigt, das ihr Vater ihnen zum sechsten Geburtstag geschenkt hatte: Ein Memory. Sie spielten es bereits zum fünften Mal, wobei es dieses Mal um den Sieg ging. Nach dem vierten Spiel stand es zwei zu zwei, beide Kinder kämpften verbissen gegeneinander, und Reika war schon sehr siegesgewiss. Tatsächlich gewann sie die Partie, aber sie wusste nicht, dass ihr Bruder sie extra gewinnen liess.
Während Reika vor Freude wie verrückt im Wohnzimmer herumsprang und sich gar nicht mehr beruhigen wollte, blieb Shinichi Jr. ganz still und wartete ab, bis sein Vater erschien und sich um seine aufgedrehte Schwester kümmerte.
Shinichi Jr. lachte sich ins Fäustchen, denn er wusste es ganz genau. Heute war sein Geburtstag, er konnte Streiche spielen, so viele er wollte, ohne dass seine Eltern ihn dafür rüffeln oder gar bestrafen würden. Und für den Streich, den er schon lange geplant hatte, bot sich heute die perfekte Gelegenheit. Seine Mutter war weg, und sein Vater kümmerte sich um seine Schwester, beide achteten nicht auf ihn. Er hatte also freie Bahn.
So schnell er konnte rannte Shinichi Jr. die Treppe hoch, stürmte in das Kinderzimmer und holte etwas Bestimmtes daraus hervor, ehe er zurück ins Erdgeschoss sputete und schliesslich die Küche betrat. Sein Ziel war der Kühlschrank. Danach begab er sich wieder ins Wohnzimmer und tat so, als wäre nichts geschehen.
Ran, die eine halbe Stunde später trockenen Fusses und nichtsahnend nach Hause kam und ihre Einkäufe verstauen wollte, legte erst alles auf dem Tisch ab und öffnete dann den Kühlschrank.
Shinichi, der sich nach wie vor zusammen mit Reika und Shinichi Jr. im Wohnzimmer aufhielt, hörte nur noch einen lauten, spitzen Schrei, der eindeutig von Ran stammte. Sofort sprang er auf und eilte in die Küche, während die Zwillinge ihm an den Fersen klebten. Wutentbrannt erwartete Ran ihn mit in die Hüfte gestemmten Fäusten.
"Was ist denn los?", fragte Shinichi atemlos. "Was ist passiert?"
"Tu nicht so scheinheilig!", giftete Ran ihn sofort an und hielt ihm den Grund ihres Schreis hin. Es war eine lange Gummischlange, die jedoch ziemlich echt aussah. Es war ein Spielzeug, wie man es in jedem Spielzeugladen kaufen konnte.
Shinichi war verwirrt. Er hatte diese Schlange heute auch schon gesehen, aber da war sie noch im Kinderzimmer oben...
"Wo war sie denn, als du sie gefunden hast?"
"Im Kühlschrank! Ich habe mich zu Tode erschreckt, dabei wollte ich nur die Einkäufe einräumen!"
"Im Kühlschrank?", fragte Shinichi und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
"Ich finde das nicht witzig! Ausgerechnet heute musstest du mir diesen Streich spielen!", regte Ran sich auf.
"Moment mal, meine Liebe!", verteidigte Shinichi sich. "Das war ich nicht!"
"Und ob du es warst!"
"Nein!"
"Wer hätte es denn sonst sein sollen?", fragte Ran und verengte die Augen zu Schlitzen.
Shinichi suchte fieberhaft nach einer Antwort.
"Vielleicht...?"
Sein Blick fiel auf die beiden Kinder, die immer noch hinter ihm standen. Reika sah mit gemischten Gefühlen zur Gummischlange hoch, ihr war dieses Spielzeug nicht ganz geheuer. Shinichi Jr. hingegen hatte sich eine Faust in den Mund gesteckt, um nicht laut loszulachen. Durch diese krampfhafte Unterdrückung konnte er jedoch nicht verhindern, dass ihm Lachtränen über die Wangen liefen.
"Du warst das?", fragte Ran verblüfft, legte sich die Schlange um ihren Nacken und hockte sich vor ihren Sohn hin. Der nickte samt Faust im Mund und versuchte trotz seines Geständnisses unschuldig zu lächeln.
Ran seufzte. Normalerweise hätte sie ihn für diesen Streich gerüffelt, aber da er und seine Schwester heute sechs Jahre alt wurden, wollte sie ihnen diesen besonderen Tag nicht kaputtmachen. Mit den Worten "Mach das nie wieder, hast du gehört?" liess sie Shinichi Jr. und seine Schwester gehen.
Reika rannte sofort los, Shinichi Jr. ihr hinterher, der sich vor Lachen kaum noch auf den Beinen halten konnte.
Sein Plan war aufgegangen.
"Warum verdächtigst du immer mich, Ran?"
Fragend stand Shinichi in der Tür und sah zu, wie seine Frau ihre Einkäufe entweder in den nun schlangenfreien Kühlschrank oder in sonstige Schränke einsortierte. Sie antwortete mit ruhiger Stimme.
"Weil du nun mal der Scherzkeks in der Familie bist, Shinichi. Eigentlich alle Streiche gingen auf dein Konto."
"Ich und ein Scherzkeks? Ha, und wenn unser Sohn mal älter ist?"
"Dann seid ihr beide die Scherzkekse. Immerhin kommt er sehr nach dir."
"Aber du hast nie Streiche gespielt, was?"
Gerade als Ran antworten wollte, tauchte Shinichi Jr. wieder auf und mischte sich in ihr Gespräch.
"Es regnet draussen!"
"Wie bitte?", fragte Ran und wandte sich ihm zu.
"Es regnet. Und vorhin habe ich einen Blitz gesehen."
"Ach nein, wie schade", sagte Ran und seufzte. "Dabei wollten wir doch draussen zu Abend essen."
"Wir werden es wohl verschieben müssen", sagte Shinichi und machte sich dann auf den Weg ins Wohnzimmer, in das sein Sohn wieder verschwunden war. Shinichi Jr. stand am Fenster und sah hinaus, während Reika neben ihm stand und nur widerwillig das Wetter beobachtete.
Jetzt goss es aus Kübeln, und ein Blitz jagte den nächsten. Aber noch war das Gewitter in weiter Ferne. Reika zeigte jetzt schon Angst davor, während Shinichi Jr. das Ganze mit Spannung erwartete. Und er musste nicht lange warten. Das Gewitter kam schnell näher. Als es einmal lauter donnerte als bisher, wusste Shinichi, dass er bald handeln musste.
"Warum holt ihr beide euch nicht etwas zu trinken aus der Küche?", fragte er, um vom Unwetter draussen abzulenken.
"Okay!"
Shinichi Jr. rannte aus dem Wohnzimmer, während Reika dort blieb, wo sie war.
"Willst du nichts?", fragte ihr Vater sanft.
"Ich hab Angst", flüsterte das Mädchen nur.
"Meine kleine Reika", seufzte Shinichi, ging auf sie zu und hob sie hoch. Sofort klammerte sie sich an ihren Vater. "Du musst doch keine Angst haben, das Gewitter tut dir doch nichts."
Genau in diesem Augenblick zuckte ein Blitz auf, und nur eine Sekunde später knallte es gewaltig. Reika schrak heftig zusammen und begann zu wimmern.
In diesem Augenblick erschien Shinichi Jr. wieder, zusammen mit Ran. Während der Junge wieder seinen Platz beim Fenster einnahm, suchte Ran Augenkontakt mit Shinichi. Er wusste schon ganz genau, was dieser Blick ausdrückte: Ihre Angst vor heftigen Gewittern. Sie war aber nicht mehr die Einzige in der Familie, obwohl sie längst nicht mehr so ängstlich war wie früher noch.
Bei einem normalen Gewitter blieb sie inzwischen ganz ruhig, wenn es jedoch so laut donnerte wie jetzt, war es ihr immer noch nicht wirklich geheuer. Shinichi musste sie dann immer wieder daran erinnern, dass ihnen nichts geschehen konnte, so lange sie einfach ruhig dasass und abwartete. Um sie vom Geschehen draussen abzulenken, hatte Shinichi oft irgendwelche Spiele erfunden oder belanglose Gespräche mit ihr angefangen, und als Ran jeweils zurück auf das Gewitter zu sprechen kam, war es schon längst wieder vorbei.
Obwohl ihre beiden Kinder Zwillinge waren, zeigten sie diesbezüglich völlig verschiedene Eigenschaften und Sichtweisen. Shinichi Jr. schien Shinichis Gelassenheit geerbt zu haben, denn genau wie sein Vater kümmerte er sich nicht um das Gewitter. Früher jedoch war auch er zusammengezuckt, aber mit jedem weiteren Gewittersommer nahm seine Ruhe zu. Und seit sein Vater ihm Bilder von Blitzen gezeigt und er mal das Glück hatte, einen Blitz live zu sehen, hatte er absolut keine Angst mehr davor. Er fand es sogar ziemlich schön.
Reika hingegen kam ganz nach ihrer Mutter. Bei jedem noch so kleinsten und leisesten Donnern zuckte sie zusammen und verkroch sich am liebsten unter dem Bett. Etwas, was sie schon sehr oft gemacht hatte. Und es schien, als würde sie noch lange Angst davor haben, egal was ihre Eltern ihr sagten.
Dass es ausgerechnet heute, an ihrem sechsten Geburtstag, so heftig gewittern musste, passte aber weder ihr noch ihrer Mutter.
Shinichi Jr. machte einen auf starken Mann.
"Wenn ich klein wäre, würde ich mich jetzt fürchten", sagte er und lachte.
Shinichi schmunzelte und schüttelte kurz den Kopf. Eine interessante Aussage hatte sein Sohn da gemacht...
Shinichi Jr. kam zu seinem Vater und packte seine Schwester am Bein, die immer noch auf Shinichis Arm sass.
"Komm mit und schau es dir an! Sie sind so schön!"
Es war klar, was der Junge wollte. Er wollte seiner Schwester zeigen, dass Blitze nicht Angst einflössend, sondern wunderschön waren. Erfolg hatte er mit seinem Vorhaben jedoch nicht. Das einzige, was er erreichte, war, dass Reika nicht mehr auf Shinichis Armen sitzen wollte, sondern nun die Nähe ihrer Mutter suchte. Ängstlich setzte sich Reika neben Ran auf das Sofa und drückte sich fest an sie. Ran legte einen Arm um das kleine Mädchen, um sie etwas zu beruhigen, was auch gelang.
"Wow!"
Shinichi Jr. presste seine Nase dicht an das Fensterglas und starrte hinaus. Gerade wieder hatte er einen Blitz gesehen, und er wusste, dass das Donnern gleich kommen musste. Und so war es auch. Ihm gefiel es, wenn es so laut knallte, ganz im Gegensatz zu seiner Schwester.
Das laute Donnern erschreckte Reika so sehr, dass sie auf der Stelle aufsprang, das Wohnzimmer verliess und in ihr Zimmer hochspurtete.
"Reika, so warte doch!", rief Ran, doch es war schon zu spät.
Als Shinichi, der seiner Tochter gefolgt war, den Raum betrat, erblickte er sie erst nicht. Er fand sie dann unter dem Bett, wo sie sich mit dem Plüschdelphin ihres Bruders verschanzt hatte.
"Komm schon, Reika. Das Gewitter macht dir nichts, komm zu mir. Komm zu Daddy."
"Ich will nicht, ich habe Angst!"
Reika begann laut zu weinen.
Nur mit Mühe und einer Menge Geduld schaffte Shinichi es, das kleine Mädchen zu beruhigen. Zehn Minuten später sass sie endlich wieder auf seinem Arm.
"Komm, gehen wir zu Mama, okay?"
Reika schniefte und nickte.
Als Shinichi zusammen mit seiner Tochter das Wohnzimmer wieder betrat, stand Shinichi Jr. wie vorhin schon am Fenster.
"Woah! Das ist der nasseste Regen, den ich je gesehen habe!", rief er und deutete hinaus. Dann erhellte wieder ein Blitz den Himmel. "Guckt mal! Ein schöner Blitz!"
Reika klammerte sich fester an ihren Vater.
"Schon gut, meine Süsse", sagte Ran und nahm sie Shinichi ab. "Es ist doch alles in Ordnung."
Jetzt konnte Shinichi seinem Sohn mehr Aufmerksamkeit schenken.
"Shinichi, geh weg vom Fenster! Du weisst, dass du das nicht tun sollst."
"Ich will aber noch mal einen Blitz sehen."
"Nein, du kommst jetzt-"
Rans Worte gingen in einem Donnergrollen unter, doch selbst wenn Shinichi Jr. sie verstanden hätte, hätte er nicht auf sie gehört. Doch mit dem, was der kleine Junge dann machte, hatte keiner der beiden Erwachsenen gerechnet. Fast so, als hätte Shinichi Jr. es schon lange geplant, holte er die Digitalkamera seines Vaters, stellte sich wieder ans Fenster und knipste einfach wild drauflos. Nach kurzer Zeit jedoch konnte er keine Fotos mehr machen, da der Speicher voll war. Das lag jedoch nicht an den Fotos, die Shinichi Jr. gemacht hatte, sondern an den Fotos, die noch darauf gespeichert waren.
Enttäuscht senkte sein Sohn das kleine Gerät, und Shinichi konnte die Fotos seines Filius überprüfen.
Es stellte sich heraus, dass das allererste und allerletzte Foto echte Schnappschüsse waren. Die beiden Blitze waren klar und deutlich zu sehen, es waren zwei extrem schöne Bilder. Bilder, die es nicht wert waren, nur als einfache Datei auf dem Computer zu versauern, fanden Ran und Shinichi.
Sehr zur Freude von Shinichi Jr. liessen seine Eltern das beiden Fotos auf richtiges Fotopapier entwickeln und bestellten gleichzeitig auch noch je ein grosses Poster davon, das an einem Stück Wohnzimmerwand ihre Plätze fanden. Es war ein zusätzliches, aber verspätetes Geburtstagsgeschenk für ihn.
Als seine Schwester Reika ein paar Tage später die beiden Bilder endlich näher und in Grossformat betrachten konnte, schloss sie sie gleich ins Herz. Jetzt wollte sie auch mal einen Blitz live sehen, und sie fieberte trotz noch immer vorhandener Angst dem nächsten sommerlichen Gewitter entgegen. Das war etwas, was Ran sehr erstaunte, Shinichi mit Stolz erfüllte und Shinichi Jr. einfach nur mit Freude quittierte.
Den ersten Schritt zur Bewältigung der Angst vor Gewittern hatte Reika getan. Weitere sollten noch folgen. Und eines Tages sollte auch ein Bild von ihr an der Wohnzimmerwand hängen. Das hatte sie sich ganz fest vorgenommen.
Owari
31.07.09 17:45 5
