I C – Illogical consequence
Kapitel 7
Ich bin eng an Snapes Körper geschmiegt und genieße die friedfertige Stille, die uns umgibt. Er selbst liegt auf dem Rücken, hat die Augen geschlossen und den Arm um mich gelegt. Erst jetzt, nachdem wir miteinander geschlafen haben, nehme ich mir die Zeit, ihn eindringlicher zu begutachten. Das dunkle Mal an seinem Arm, jede Falte auf seinem Gesicht, jede einzelne seiner Narben. Auch dann, wenn er insgesamt einen sehr zähen Eindruck macht, kommt er mir zugleich unglaublich dürr vor, was meinen Vermutungen in Bezug auf seinen Lebenswandel neuen Zündstoff gibt.
„Wie kann jemand so etwas tun", murmle ich leise und streiche dabei mit meinen Fingern über seine nackte Brust. „Wie kann Voldemort jemanden einfach so mit einem Fluch bestrafen?"
Der Gedanke, dass er all diese Hinterlassenschaften auf seinem Oberkörper ihm zu verdanken hat, macht mich traurig. Die Wahrheit lässt sich nun nicht mehr länger leugnen. Dazu hat sich der von Schmerz zerfressene Ausdruck seiner Augen, der damals in seinem Klassenzimmer hinter seinen Strähnen aufgetaucht ist, zu sehr in mein Gedächtnis eingebrannt.
„Sie sollten sich das nicht so zu Herzen nehmen, Granger", brummt er ruhig.
Leichter gesagt als getan.
„Und Sie sollten das nicht einfach so hinnehmen, Professor."
In dem Wissen, dass er eines seiner Augen geöffnet hat, um mich mit einem seiner finsteren Blicke zu strafen, luge ich zu ihm hoch.
„Es ist wahr. Er hat kein Recht dazu, das zu tun."
Ein leises Schnauben entfährt ihm. „Das spielt für jemanden wie ihn wohl kaum eine Rolle, meinen Sie nicht? Und jetzt schlafen Sie endlich."
Ich schüttle den Kopf. „Ich kann nicht. Ich bin noch gar nicht müde. Außerdem bin ich viel zu aufgewühlt, als dass ich jetzt auch nur ein Auge zumachen könnte."
Sanft brummend nimmt er seine Hand und streicht mir eine Strähne aus dem Gesicht.
„In Anbetracht dessen, dass Sie so außerordentlich fasziniert von meiner körperlichen Beschaffenheit zu sein scheinen, muss ich Sie leider daran erinnern, dass Sie streng genommen gar nicht hier sein dürften. Wenn ich Sie also bitte, jetzt die Augen zuzumachen, sollten Sie das tun, Granger. Andernfalls kann ich nicht dafür garantieren, dass ich es mir nicht doch noch anders überlege und Sie in Ihren Turm zurückschicke."
Mit den Augen rollend mache ich es mir wieder an seiner Schulter bequem und tue so, als hätte ich den warnenden Unterton in seiner Stimme nicht gehört. Natürlich hat er Recht. Mit allem. Doch die Tatsache, dass ich hier mit ihm in seinem Bett liege, ist einfach zu unwirklich, um es begreifen zu können. Das beständige Heben und Senken seines Brustkorbs verschafft mir trotz unserer kleinen Sticheleien ein beruhigendes Gefühl. Seine ganze Haltung wirkt entspannt und friedfertig, was in Bezug auf sein übliches Auftreten bewundernswert ist. Nie hätte ich gedacht, dass Snape sich so gewöhnlich zeigen kann. Doch diese Seite an ihm gefällt mir. Ebenso wie alles andere.
Langsam lasse ich meine Finger über seinen Torso gleiten und versetze ihm damit eine Gänsehaut.
"Müssen Sie immer das Gegenteil von dem tun, was man Ihnen sagt?", fragt er plötzlich.
Fast kommt mir ein Lachen aus. "Was tue ich denn? Ich liege lediglich mit Ihnen in Ihrem Bett."
"Das genau ist das Problem", murmelt er zynisch zwischen seinen dünnen Lippen hervor.
"Wieso? Bringe ich Sie etwa in Verlegenheit, Professor?"
Er antwortet nicht.
Nachdenklich bemühe ich mich, seinen Worten keine allzu große Beachtung zu schenken, was mir äußerst schwer fällt. Immer wieder recke ich den Kopf und sehe ihn an, wie er mit geschlossenen Augen an mich gedrückt daliegt und tief atmend vor sich hin döst. Das ein oder andere Lächeln huscht mir dabei übers Gesicht und so reibe ich verstohlen meine Nase an der warmen Beuge seines Halses, spüre seine zerzausten Strähnen, die mich kitzeln.
"Machen Sie die Augen zu, Granger", brummelt er auffordernd.
Ich nicke. "Ja, Sir."
Erneut muss ich mich zusammen nehmen, um nicht laut los zu kichern wie ein kleines Kind. Das Glücksgefühl in mir ist überwältigend. Es übersteigt all meine Vorstellungen.
Snape hingegen klappt eines seiner Lider auf und linst mich verhalten durch seine Strähnen hindurch an.
"Warum so ernst?", frage ich vorsichtig.
Er schluckt. Dann nimmt er seine Hand und umfasst damit meine Wange. "Ich hätte das nicht tun dürfen."
Ein Stich trifft mich in meinem Herzen. "Dann denken Sie nicht daran."
"Das kann ich nicht", gibt er unbeeindruckt zurück.
Zögerlich lasse ich meine Hand über seine Brust gleiten. "Tun Sie es für mich. Und für sich selbst. Sie sehen aus, als könnten Sie eine kleine Ablenkung vom Alltag durchaus gebrauchen."
Diesmal ist er es, der verunsichert wirkt.
"Ich erwarte nicht, dass Sie das verstehen", sagt er ruhig. "Sie unterliegen meiner Verantwortung, Granger. Nicht umgekehrt. Wenn es also etwas gibt, das ich mir allein vorwerfen muss, dann die Tatsache, dass ich das zugelassen habe."
Enttäuscht drehe ich mich von ihm weg. Für einen Moment kommt es mir so vor, als wäre für mich die Welt durch die Bedeutung seiner Worte erneut zum Stillstand gekommen. Eben war alles noch großartig, jetzt liegt meine geballte Vorstellungskraft in Trümmern. Was wir hatten, war zu schön, um wahr zu sein. Die stillen, hoffnungsvollen und zugleich naiven Gedanken eines verwirrten Mädchens, das von einer Zukunft mit jemand unerreichbarem liebäugelt, gleichen lediglich einem Traum; einer Illusion in meinem verrückten Kopf.
"Das sollten Sie nicht. Ich wollte es so, Professor."
Tief seufzend richtet er sich auf und beugt sich über mich. Dann sieht er mich an und für einige Sekunden höre ich nur das sanfte Pochen seines Herzens, das auf meiner Brust vibriert. Etliche schwarze Strähnen berühren sanft meine Wangen.
"Warum plötzlich so ernst, Granger?", höre ich seine Stimme in mein Ohr dringen. „Wenn Sie mir etwas sagen wollen, dann sagen Sie es. Das tun Sie doch sonst auch."
Ich muss schaudern. Will er mich damit aufziehen? Oder tut er das nur, um seine eigene Unsicherheit vor mir zu verbergen?
Ich greife mit meiner Hand in seine Haare und halte ihn am Schopf fest, sodass er mich ungebrochen ansieht.
"Warum fragen Sie mich das, Professor? Ich habe Ihnen nichts vorenthalten. Da wäre es nur fair, wenn Sie es genauso handhaben."
Sein Ausdruck verhärtet sich. "Ich habe Ihnen keine Versprechungen gemacht, dass das hier anhalten würde. Machen Sie mir also keine Vorwürfe."
Kaum merklich schüttle ich den Kopf, ohne von ihm abzulassen. "Das tun Sie selbst, Severus Snape. Ich fürchte, weder meine Worte, noch die jemand anders könnten etwas daran ändern."
Mit feurigen schwarzen Augen mustert er mich. "Sie reden wie jemand, der vorgibt, mehr zu wissen, als er in Wahrheit weiß. Machen Sie nicht den Fehler, zu glauben, Sie würden mich kennen, denn das könnte gefährlich werden."
"Denken Sie, das wüsste ich nicht? Aber ich habe keine Angst mehr vor Ihnen."
"Das wäre sehr unklug, Miss Granger."
Mit einem Ruck greift er nach hinten und umfasst so gezielt mit seinen Fingern mein Handgelenk, dass ich wie selbstverständlich von seinen Strähnen ablasse.
"Vielleicht", gebe ich bedröppelt zu. "Doch eigentlich ist es mir gleich. Ich möchte mich nicht weiter verstecken. Und ich möchte auch nicht, dass Sie das tun."
"Es liegt nicht an Ihnen, meine Zukunft zu beeinflussen", sagt er scharf.
"Das hängt ganz allein von Ihnen ab."
Wieder sieht er mich einfach nur an, abschätzig und berechnend. Jedes Mal, wenn er das tut, wird mir unweigerlich wieder bewusst, wer er in Wahrheit ist, obwohl ich mir inzwischen etliche Male einzureden versucht habe, dass alles nur eine Fassade ist, um seine Gefühle vor seinen Mitmenschen zu verbergen.
"Ich habe Sie nicht umsonst um eine Chance gebeten", versuche ich zu erklären, als er noch immer nicht geantwortet hat. "Ich möchte, dass Sie mir vertrauen."
"Das halte ich für ausgeschlossen, Granger."
Ich blinzle ihn an. "Tatsächlich? Warum haben Sie es dann bereits getan?"
Ja. Warum hat er es getan? Warum hat er all das hier zugelassen? Warum hat er mich geküsst und mit mir geschlafen, wenn es ihm solche Schwierigkeiten bereitet, damit umzugehen?
Ich öffne den Mund, um ihn damit zu konfrontieren. Ich will es schließlich wissen. Nichts ist erdrückender als der Gedanke, dass es ihm nichts bedeutet hat - hat er mich und meine Unerfahrenheit am Ende nur benutzt?
Als hätte er meine aufkommende Panik gespürt, legt er seinen Zeigefinger auf meine Lippen und bringt mich damit zum Schweigen.
"Ihre Augen sprechen Bände, Granger", sagt er in eindringlichem Ton.
"Ach ja? Wundert Sie das?"
Er schüttelt sanft den Kopf. "Nicht wirklich."
"Hmm. Und jetzt? Wie geht es jetzt weiter? Wie stehen Sie dazu?"
"Ebenso wie zuvor", antwortet er schlicht. "Ich hätte das nicht tun dürfen."
Super.
"Sie machen es einem nicht gerade leicht, wissen Sie das?"
Ein kaum merkliches Lächeln umspielt seine dünnen Lippen, das mich aufgrund meiner gespaltenen Gefühle für ihn frösteln lässt.
"Ihr Frauen erwartet immer, dass man euch die Welt zu Füßen legt", murmelt er abwesend vor sich hin. "Doch kaum hat man es getan, wollt ihr mehr."
Überrascht blinzle ich ihn an. "So würde ich das nicht bezeichnen, Professor. Aber ich gebe zu, dass ich mich deutlich wohler fühle, wenn ich denke, dass alles um mich herum in Ordnung ist. Vermutlich hat jeder Mensch irgendwo in seinem Inneren das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Außerdem, verzeihen Sie mir das, was ich jetzt sagen werde, aber ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass Sie sonderlich viel mit Menschen zu tun haben. Sie wirken einsam auf mich. Daher erscheint mir der Gedanke an eine Frau in Ihrem Leben absurd."
Snape nickt schlicht, während ich fieberhaft hoffe, dass er mir das nicht allzu übel nehmen wird.
"Ah. Ich kann Ihre Vorbehalte verstehen, glauben Sie mir. Sie sind damit nicht allein. Aber woher wollen Sie das wissen?"
„Ist es denn anders?"
„Ich weiß, dass das kaum in Ihre Vorstellung über mich passt, Granger. Aber woher wollen Sie wissen, wie mein Leben aussieht? Woher wollen Sie wissen, was ich getan habe und was nicht?"
Ich beiße mir auf die Lippe. Dass ich ihn getroffen habe, ist offensichtlich. Die tiefe Falte zwischen seinen Augen zittert angespannt.
"Sie haben Recht. Das kann ich nicht wissen. Genau deshalb hatte ich gehofft, dass Sie es mir sagen würden."
Er hebt kritisch eine seiner Brauen an. „Und wozu sollte das führen?"
„Es könnte mir helfen, Sie besser zu verstehen."
Ein leises Schnauben entfährt ihm. „Und was dann?"
Wortlos betrachte ich sein Gesicht. „Sie sind ein interessanter Mensch, Professor. Ob Sie das nun zugeben wollen oder nicht."
„Natürlich", sagt er mit deutlichem Sarkasmus in der Stimme.
Ohne auf ihn einzugehen lege ich meinen Zeigefinger auf seine Lippen, ähnlich wie er es zuvor bei mir getan hat.
„Aber Sie sind zu hart mit sich selbst", sage ich dann. „Vielleicht würde es Ihnen guttun, sich hin und wieder jemandem anzuvertrauen."
„Vielleicht ist das aber genau das, was ich vermeiden möchte, Granger."
Ich zucke mit den Schultern. „Möglich. Und dennoch haben Sie mich auf eine verklärte Art an sich herangelassen."
Er zieht die Brauen zusammen. „Nur weil wir miteinander geschlafen haben, heißt das noch lange nicht, dass wir alles miteinander teilen müssen."
Zutiefst getroffen von seiner Wortwahl senke ich den Blick auf seine über mir aufragende Brust.
„Es wäre ein Anfang, Professor."
