Kapitel 7: Auf der Suche nach der Wahrheit
„Schön, wieder mal was zu tun zu haben, Boss. Wie in alten Zeit, stimmt's?" lachte Marjory.
„Die Detektei Delaqua hat endlich wieder Arbeit. Ich hätte diese Sache niemandem lieber anvertraut." antwortete Denngar schmunzelnd.
„Och, schön gesagt! Also, wollen wir doch mal bei den Kapitänen vorbeischauen, ob sie schon etwas herausgefunden haben. Die sind mir eh noch was schuldig für den Fall mit Theo Aschfurt."
„Ich werde ein Wort für dich einlegen, wenns sein muss. Hoffen wir, dass Shud noch dort ist."
Es war bereits kurz vor Sonnenuntergang, als die beiden in Löwenstein eintrafen. Zu ihrem Glück waren die meisten Ratsmitglieder noch im Krähennest.
Magnus begrüßte die beiden herzlich. „Da bist du ja wieder, Denngar! Kannst wohl nicht genug kriegen von Löwenstein... oder sollte ich sagen: Hummerstein!" lachte der Kapitän - mehr, als er vermutlich sollte, nach diesem miesen Witz.
„Wirklich zum Totlachen. Wir suchen nach Shud, ist sie noch hier?" fragte Denngar.
„Ja, sie ist drinnen. Hat sich wieder mit Tokk in die Haare gekriegt. Vorsicht, wenn ihr reingeht."
„Na, danke für die Warnung." murmelte Denngar.
„Ach, hast du Angst vor zwei wütenden Ausra?" sagte Marjory neckisch. Denngar rollte mit den Augen.
„Na los, gehen wir rein, bevor die beiden sich noch -" Als er die Tür öffnete, zerbrach unweit neben seinem Kopf ein Krug.
„Skritthirniger Einzeller!"
„Selbst ein Skritt hätte einen größeren IQ als Ihr! Da ist ein toter Bookah ja scharfsinniger."
„Das einzige, was gleich tot sein wird, seid Ihr, wenn Ihr mich nochmal mit der Inquestur -"
Ellen Kiel versuchte, die beiden zu beruhigen, aber sie hörten ihr kaum zu. Denngar nutzte seine physische Überlegenheit, um die beiden Asura auseinander zu halten.
„Was erlaubt Ihr Euch da, Ihr zu groß geratener Bookah? Lasst mich los! Ich bin Kapitän!" protestierte Tokk und schlug mit den kleinen Ärmchen um sich.
„Ihr seid vielleicht ein Trottel, wenn's hochkommt!" knurrte Shud, sich ebenfalls wehrend.
„Verehrte Kapitäne, bevor Ihr Euch gegenseitig umbringt, verratet uns doch bitte noch, worum es bei diesem Streit geht. Besonders das Wort 'Inquestur' hat mein Interesse geweckt." sagte Marjory.
„Frau Delaqua, verzeiht, aber das ist eine Sache zwischen den Mitgliedern des Kapitänsrates!" antwortete Kiel in einem ernsten Ton.
„Schon vergessen, wer den Mord an Eurem Vorgänger Theo Aschfurt aufgeklärt hat? Außerdem haben wir die Erlaubnis von Kapitän Magnus. Nicht wahr, Kapitän?"
„Äh, nun..." Magnus räusperte sich. Marjoy zwinkerte ihm unauffällig zu. „Ja, natürlich. Hiermeit erteile ich Fräulein Delaqua und dem Kommandeur volle Autorität im Rahmen ihrer Nachforschungen. Die Löwengarde wird sie mit allen Kräften unterstützen."
„Ich wusste nicht, dass wir schon bei Fräulein sind. Danke, Kapitän." flüsterte Marjory. Magnus errötete leicht und verabschiedete sich.
„Gut gemacht!" flüsterte Denngar und klopfte der Nekromantin auf die Schulter, dann ließ er die beiden Asura los und wies sie an, sich mit großzügigem Sicherheitsabstand zu setzen.
„Nun, ich und mein stämmiger Freund hier würden gerne alles über Euren Streit hören." begann Marjory. Ihre Stimme war wie immer ruhig und sanft.
Beide Asura begannen gleichzeitig.
„Es war so..."
„Dieser unterdurchschnittlich..."
„Bitte nacheinander. Shud, wenn Ihr bitte beginnen würdet." warf Marjory ein.
„Also, wie ich schon sagte, dieser unterdurschnittlich begabte Tölpel, der sich Kapitän nennt, beschuldigt mich, MICH, mit der Inquestur zusammen zu arbeiten!" bellte Shud.
„Ich habe Beweise!" protestierte Tokk.
„Eins nach dem anderen. Fahrt bitte fort, Kapitänin Shud."
„Als der Kommandeur uns heute von der möglichen Sabotage des Portals berichtete, habe ich meine Arbeiter befragen lassen. Tatsächlich hat jemand eine verdächtige Person bemerkt, kurz bevor dass Portal ausfiel. Leider konnte er sie nicht erkennen, aber sie war vermutlich eine Asura." erklärte Shud.
Denngar grübelte. „Wie konnte jemand das Portal sabotieren, ohne dass die Wachen es merkten?"
„Das wollte ich auch gerade fragen." fügte Marjory hinzu.
„Das ist leider nicht meine Aufgabe. Das Wolfsrudel bewacht normal das Portal. Vielleicht hat sie jemand nach Hoelbrak beordert." meinte die Asura.
„Oder Ihr habt sie entsorgt, damit Euch niemand auf die Schliche kommt, Inquestur-Sympathisant!" warf ihr Tokk an den Kopf.
„Wie kommt Ihr zu dieser Annahme, Kapitän?" fragte ihn Marjory.
„Die Art der Sabotage weist Ähnlichkeiten zur Vorgehensweise der Inquestur auf. Außerdem wurde ein Störapparat gefunden, der ebenfalls mit der Inquestur in Verbindung gebracht werden kann." erklärte Tokk.
„Und was hat das alles mit mir zu tun?" fragte Shud genervt.
„Eine Nachricht. Signiert mit '-S'. Eine genauste Übersicht aller Schichtwechsel der Portalwachen, sowie einige technische Details über die Portale. Er ist mit einem Codes verschlüsselt, den nur die Inquestur benutzt." Er holte ein kleines, kristallartiges Objekt hervor.
Denngar beobachtete den Kristall skeptisch. „Auf diesem kleinen Ding?"
Tokk starrte den Norn an, als wäre er ein Grawl, dem er gerade das Schreiben beibringen müsse.
„Das ist ein Datenkristall, Boss. Die Inquestur speichert darauf -" wollte ihn Marjory aufklären.
„Ich weiß, was das ist. Glaubst du, ich hab noch nie so ein Inquestur-Labor auseinander genommen? Aber so bringt uns das Ding nichts. Wir müssen es auslesen. Am besten sofort."
„Das könnte sich als schwierig erweisen." murmelte Marjory. „Aber wo habt Ihr das eigentlich her, Tokk?" fragte sie.
„Das wüsste ich auch gerne!" fügte Shud hinzu. „Mich beschuldigt er, dabei hat er selbst wahrscheinlich Kontakt zur Inquestur!"
Tokk schnaubte abfällig. „Ich habe meine Quellen. Dieser Kristall war Teil einer Lieferung an Shud. Die Löwengarde hat sie beschlagnahmt, weil ihnen der Lieferant und der Inhalt verdächtig vorkamen. Ich habe die Lieferung... erstanden."
„Aha! Wenn das kein Geständnis ist! Wisst Ihr, was ich glaube? Vermutlich war die Lieferung eine Bombe, von niemand anderem als Euch!" rief Shud, sprang auf ihren Stuhl und zeigte wütend mit dem Finger auf Tokk. „Ihr habt einen Fehler gemacht und wolltet ihn schleunigst vertuschen!"
„Bitte, beruhigt Euch! Das ist eine ernste Anschuldigung, aber ohne Beweise kommen wir nicht weiter. Diese Lieferung würde ich aber auch gerne sehen. Das dringendere Problem ist jedoch dieser Kristall. Da wir ihn nicht auslesen können, ist unser einziger Anhaltspunkt also die mysteriöse Asura, die das Portal sabotiert hat. Wir sollten uns dort einmal umsehen." fasste Detektivin Delaqua zusammen.
Denngar bemerkte plötzlich etwas neben seinem Nacken. Erschrocken wirbelte er herum. Ein kleines Feuerelementar schwebte neben ihm und hielt einen Zettel fest. „Glut?" flüsterte Denngar. Zu seinem Glück beachteten die anderen ihn gerade nicht. Er nahm den Zettel, und schon verschwand Glut wieder so plötzlich, wie er gekommen war. Er überflog den Zettel schnell.
„Komm zum Hauptquartier des Ordens neben dem Krähennest. Sag dem Agenten beim Wandschrank, dass du nach einem Versteck suchst. Bring Marjy und die beiden Asura mit."
„Boss? Was ist los?" fragte Marjory und starrte auf den Zettel in seinen Händen. „Was ist das?"
Denngar überlegte sich hastig eine Ausrede. „Die Löwengarde hat neue Hinweise. Wir sollen zum Fort Marriner. Wir beide, und die beiden Kapitäne." log er.
„Was? Das ist ja ungeheuerlich!" brüllte Tokk.
„Das ist das erste Mal, dass ich ihm zustimme." fügte Shud entrüstet hinzu. „Kapitänin Kiel, das können die doch nicht machen! Wir sind Mitglieder des Kapitänsrats!"
„Nun, wie Ihr gehört habt haben Frau Delaqua und der Kommandeur vollste Autorität. Ein Befehl der Löwengarde gilt auch für Kapitäne. Ihr solltet besser mitgehen." antwortete Kiel. Die beiden Kapitäne waren außer sich, doch Denngar teilte ihnen mehrmals klar mit, dass sie lieber freiwillig mitgehen sollten.
Widerwillig folgten sie Denngar und Marjory, doch sie wurden schnell misstrauisch, als Denngar in die andere Richtung ging.
„He, das Fort ist in der anderen Richtung, Bookah!" rief Tokk.
„Ich weiß. Wir nehmen eine Abkürzung." antwortete Denngar.
„Boss, sagst du mir bald, was das alles soll?" drängte ihn Marjory.
„Wart's ab."
Sie kamen an einer kleinen Taverne neben dem Krähennest an. Drinnen wimmelte es von Agenten des Ordens der Gerüchte.
„Was wird hier für ein Spiel gespielt? Ich verlange Antworten!" forderte Shud. Hinter ihnen tauchten plötzlich zwei Löwengardisten auf.
„Kapitän Tokk, Kapitänin Shud, bitte folgt uns. Entschuldigt bitte die Unannehmlichkeiten, uns sind einige... Verwechslungen bei den Befehlen unterlaufen." sagte der erste, ein Charr.
„Unannehmlichkeiten? Pah, dass ich nicht lache! In dieser Stadt läuft seit dem Wiederaufbau gar nichts mehr! Ich frage mich, warum ich überhaupt noch im Kapitänsrat sitze!" schnaubte Tokk.
„Das frage ich mich auch!" warf ihm Shud spöttisch entgegen. Der zweite Gardist, eine Norn, räusperte sich. „Außerdem müssen wir diesen... Kristall von Euch beschlagnahmen. Er gilt als Beweismaterial in dieser Ermittlung." sagte sie höflich. Tokk sah sie entrüstet an, dann murmelte er etwas, vermutlich ein Asura-Schimpfwort, und gab ihr den Datenkristall. Der Charr wies die Kapitäne an, ihm zu folgen.
Die Norn händigte Denngar den Kristall „mit besten Grüßen von Magnus" aus. Denngar hatte dieses Lächeln schon einmal gesehen.
„Ifwyn? Seid Ihr jetzt etwas bei der Löwengarde?" fragte er erstaunt.
„Nun, offiziell zumindest. Schade, dass Ihr damals abgelehnt habt. Ihr hättet gut zum Orden gepasst." antwortete sie, etwas enttäuscht. Sie war die Abgesandte des Ordens in Hoelbrak gewesen, die damals Denngar rekrutieren wollte. Er musste sich zwischen ihnen, den Wachsamen oder der Abtei entscheiden. Es fiel ihm nicht leicht, doch letztendlich hielt er die Abtei für die beste Wahl im Kampf gegen die Drachen. Letztendlich spielte es nach der Gründung des Paktes keine Rolle mehr.
Er bedankte sich bei der Agentin, die sich wieder auf den Weg machte, um keine große Aufmerksamkeit zu erregen.
„Du hast ja wirklich überall Freunde, oder?" merkte Marjory an. Denngar sah sie an und zuckte mit den Schultern. Dann ging er auf die Wache zu, die vor einem großen Wandschrank an der anderen Seite des Raumes stand. „Wie lautet das Passwort?"
„Ich suche nach einem Versteck." antwortete Denngar. Die Wache musterte ihn mürrisch.
„Gibt es ein Problem?" fragte er.
„Ja. Ihr gehört leider nicht zum Orden, Kommandeur. Wer hat Euch das Passwort verraten?"
„Jemand, dem Ihr vertrauen könnt. Sie erwartet uns. Und außerdem ist der Orden Teil des Paktes."
„Na schön, geht rein." brummte die Wache. Denngar quetschte sich durch den Wandschrank, dicht gefolgt von Marjory. Auf der anderen Seite der Geheimtür wartete ein weiterer Agent auf sie, der neben einem Golem stand. „Kommandeur, Euch hätte ich hier nicht erwartet. Seid trotzdem willkommen." begrüßte er sie.
„Danke. Wir müssen zum Hauptquartier. Lichtbringerin Flammenblut erwartet uns."
„Gut, dann könnt Ihr ihr gleich ausrichten, dass sie ihr... Haustier gefälligst an der Leine halten soll! Das Ding erregt viel zu viel Aufmerksamkeit." murrte er.
„Ich... werd's ihr ausrichten." antwortete Denngar zögernd. Die beiden traten durch das Portal und fanden sich in der Heiligen Halle der Geheimnisse wieder, dem Hauptstützpunkt des Ordens der Gerüchte. „Hier war ich schon lange nicht mehr." sagte Marjory. Denngar nickte zustimmend. Nach einem langen Gang fanden sie sich in einer großen Höhle wieder, an deren Ende eine riesige Kugel aufgebaut war, die vermutlich ganz Tyria zeigte. Miranda hatte Denngar irgendwann einmal erklärt, was die seltsamen blauen Punkte und Linien darauf bedeuteten, doch er hatte es wieder vergessen. Sie erwartete die beiden jedoch bereits.
„Lange nicht gesehen, Miri!" rief Marjory und umarmte die Magierin.
„Freut mich, dich zu sehen, Marjy! Wie geht's Kas?" fragte sie.
„Gut. Du hättest uns ja ruhig mal besuchen können. Aber du hast vermutlich viel zu tun."
„Könnte man so sagen. Denngar, ich hoffe du hast den Kapitänen nicht zu sehr zugesetzt?"
Denngar schüttelte den Kopf. „Die kriegen sich sicher wieder ein. Aber jetzt einmal im Ernst, was soll dieses ganze Hin-und-Her, die Geheimniskrämerei? Und noch wichtiger: Woher weißt du überhaupt von der ganzen Sachen mit dem Kapitänsrat?" fragte er. Miranda seufzte.
„Nicht hier. Kommt mit. Ich erklär's euch noch früh genug. Habt ihr den Kristall?"
„Ja. Meinst du wirklich, das Ding bringt uns weiter?"
„Kommt darauf an, ob er echt ist. Wir werden sehen." Miranda führte sie durch die Halle, wo sie an allen möglichen komplexen Geräten vorbei kamen. Die meisten Agenten waren damit beschäftigt, Informationen zu sammeln und weiterzugeben. Sie kamen an ein Zelt mit dem Emblem des Ordens. Drinnen war es ziemlich geräumig, mit einem Bett, einem großen Tisch und einer seltsamen Apparatur an der Wand. „Hübsch hier." sagte Marjory.
„Ich bin nur selten hier. Früher war das Tybalt's Arbeitsplatz. Jetzt..." Miranda legte eine Pause ein. „Jetzt teilen ich und Demmi uns das Quartier." erklärte sie.
„Demmi? Die Tochter von Caudecus?" fragte Marjory erstaunt. Miranda nickte. „Ich wusste gar nicht, dass sie beim Orden ist. Naja, kein Wunder, bei so einem Vater..."
Denngar sah sich die Apparatur genauer an. Es sah aus wie eine große, durchsichtige Tafel. Davor war eine Halterung, in die etwas kleines, spitzes passte. Eindeutig ein Gerät der Inquestur.
„Gut, gib mir den Kristall, Denngar." bat ihn Miranda und streckte die Hand aus.
Denngar holte den Kristall hervor und sah die beleidigt an. „Was, nicht einmal ein bitte?"
„Och, komm schon, wirst du jetzt...ach, na gut. Bitte, bitte, bitte?" Der Norn schmunzelte und drückte ihr den Kristall in die Hand. „Schon besser!"
Die Magierin schob den Kristall in die Öffnung. Er begann plötzlich zu summen und zu pulsieren. Auf der Tafel erschienen nach und nach seltsam aussehende Buchstaben, die sich ständig veränderten. Denngar bekam schon vom Zusehen beinahe Kopfschmerzen. „Ist das normal?"
„Ja. Die Daten müssen zuerst entschlüsselt werden. Wird nicht lange dauern." erklärte sie.
„Warum können diese Asura nicht einfach Tinte und Papier verwenden..." murmelte der Norn.
„Das nennt man Komprimierung. Auf so ein kleines Ding passen mehr Wörter als auf ein Buch. Außerdem ist es viel sicherer als Briefe." erläuterte Miranda.
„Und warum schreibst du mir dann überhaupt noch Briefe?"
„Briefe sind irgendwie... persönlicher. Außerdem will ich dich ja nicht überfordern, mein Lieber."
„Schon zu spät. Also, ist das Ding jetzt endlich fertig?"
„Hab Geduld. Ja, jetzt ist es entschlüsselt. Mal sehen... verdammt!"
„Was ist los?" fragte Marjory aufgeregt.
„Der Kristall ist beschädigt. Ich kann nur einen Teil abrufen. Naja, mal sehen..." Miranda begann, die Sätze auf der Tafel zu überfliegen, dann las sie diese laut vor.
„Logeintrag Nr. 34: Nachricht: Wir können uns keine Fehler mehr erlauben. Der Orden ist uns auf den Fersen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie dich entlarven werden. Bis dahin solltest du dich trotzdem weiterhin bedeckt halten. Ich habe eine genaue Übersicht der Schichtwechsel erstellt. Es gibt nur ein Problem: Die Norn haben andere Schichtwechsel. Selbst während die anderen unbewacht sind, wird das Portal nach Hoelbrak überwacht. Es gibt nur ein kleines Zeitfenster, in dem du unbemerkt vorgehen kannst, doch du musst diese stinkenden Bookahs irgendwie loswerden. Lass dir was einfallen. -S."
„Tokk hatte also recht, was die Nachricht anging. Das heist, dass Shud wohl doch mit der Inquestur zusammenarbeitet." stellte Denngar entsetzt fest.
„Das ist gar nicht gut." fügte Marjory hinzu. „Aber können wir uns sicher sein, dass die Nachricht tatsächlich von ihr stammt?"
„Wartet, da ist noch etwas..." warf Miranda ein.
„Logeintrag Nr. 35: Slax ist doch nicht der Idiot, für den ich ihn gehalten hatte. Ich hatte genug Zeit, die beiden Idioten mit einer falschen Nachricht und einem Fass Bier von dem Portal wegzulocken. Es zu sabotieren war das reinste Kinderspiel. Ich weiß noch immer nicht, was er sich von einer Allianz mit diesen Eishirnen erhofft. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, dieses Störgerät an der Löwengarde vorbeizuschmuggeln. Hoffentlich funktioniert sein Plan, die ganze Sache Shud in die Schuhe zu schieben. Dann hat er seinen Sitz im Kapitänsrat sicher. Ich soll morgen um Mitternacht zum Treffpunkt kommen, um weitere Befehle zu erhalten. Ich hoffe nur, dieser Schwachkopf vertauscht nicht wieder die Koordinaten."
„Ich glaube, da haben wir unser -S. Shud ist damit aus dem Schneider." stellte Miranda fest.
„Sie ist was?" fragte Denngar. „Noch so ein Menschensprichwort?"
„Sie ist unschuldig." klärte ihn Marjory auf.
„Ah. Das ist gut. Dann können wir sie und Tokk schonmal ausschließen. Er ist zwar auch nicht ganz sauber, aber mit der Inquestur hat er nichts zu tun, da bin ich mir sicher." fasste Denngar zusammen.
„Aber das ist noch nicht das Beste!" merkte Miranda an. „Hier sind die erwähnten Koordinaten. Hmm... Irgendwo in Löwenstein. Moment."
Sie ging von der Apparatur weg und holte von einem der Tische eine äußerst detaillierte Karte von Löwenstein hervor, auf der mehrere Linien eingezeichnet waren. Sie überflog die Karte mit dem Finger und ließ ihn dann auf einer Stelle nahe der Sanktum-Bucht verharren. „Hier. Dort ist der Treffpunkt. Dieses Haus am Strand."
„Interessant..." murmelte Denngar. Marjory und Miranda sahen ihn fragend an. „Hier hat eine Asura namens Maeva gewohnt. Sie war ein Mitglied der Abtei und diejenige. die Zhaitans Angriff auf Löwenstein vorhergesehen hat. Außerdem war sie oft etwas... übervorsichtig. Seit sie beim Pakt ist habe ich nichts mehr von ihr gehört. Das heißt, ihr Haus hat wohl einen neuen Besitzer. Statten wir ihm einen Besuch ab."
„Du überraschst mich immer wieder, Denngar." sagte Miranda lächelnd.
„Ich weiß. Du mich auch. Du wolltest mir doch sagen, woher du von der ganzen Sache wusstest."
Denngar verschränkte die Arme und sah seine Freundin mit den dunkelroten Haaren erwartungsvoll an.
„Ach, als wüsstest du nicht längst, dass wir den Kapitänsrat abhören." antwortete sie.
„Hab ich mir's doch gedacht. Aber warum hast du so schnell reagiert?"
„Naja, ich war sowieso gerade hier, und da hab ich mir gedacht, ich greif dir mal unter die Arme."
„Aha." sagte der Norn skeptisch. „Aber danke. Wenigstens kann ich auf dich zählen, auch wenn ich so langsam unter Verfolgungswahn leide."
„Mach dir keine Sorgen. Es ist ja nicht so, als würde ich dich auf Schritt und Tritt verfolgen. Sagen wir, ich decke dir den Rücken, selbst, wenn du nicht damit rechnen würdest..."
„Hm... Na schön. Dann machs gut und danke nochmal, Miranda. Oder willst du mitkommen?"
„Nun, ich... hab leider noch was zu tun." sagte sie zögernd. Denngar hob die Braue. „Aha. Schade. Dann machs gut, Miranda. Bis bald, vermutlich."
„Siehst du etwas? Oder noch besser jemanden?" flüsterte Denngar. Marjory schüttelte den Kopf.
Das Haus am Strand schien noch immer völlig verlassen. Denngar war überrascht, dass es Scarlets Angriff völlig unbeschadet überstanden hatte. So wie er die Asura, der es gehört hatte, kannte, war es doppelt und dreifach abgesichert. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht irgendeinen Alarm auslösen. Und wenn sich die Inquestur darin eingenistet hat, wird es vermutlich auch noch von Fallen wimmeln. Vorsicht ist geboten. Also... nehmen wir den Vordereingang?"
So viel zur Vorsicht. „Ganz tolle Idee. Es gibt doch sicher mehrere Eingänge." warf Marjory ein.
„Nicht, dass ich wüsste. Außerdem haben wir vorhin schon keinen gefunden. Also, Vordertür."
„Du wärst ein ganz toller Agent. Vielleicht macht der Orden ja eine Ausnahme für dich."
„Ja ja, komm schon." Der Norn ging im Schutze der Dunkelheit auf das Haus zu. Die beiden stellten sich mit dem Rücken zur Wand neben die Tür. Sie gaben sich ein Zeichen, und Denngar machte sich bereit, die Tür zu öffnen. Da bemerkte er, dass sie bereits einen Spalt weit offen war. Er zückte die Waffen und stieß die Tür auf. Ein leerer, staubiger Raum begrüßte ihn.
„Hm... hier hat lange niemand sauber gemacht." flüsterte Marjory. Sie suchte den Raum vorsichtig ab. Plötzlich schreckte sie auf.
„Was ist?" fragte Denngar, bereit zum Angriff.
„Nichts. Nur Spinnweben." sagte sie und zog sich die Spinnweben aus den dunklen Haaren.
„Ach, einfach abschütteln."
„Sehr witzig, Boss. Sieh mal, ich hab hier was gefunden!"
Denngar trat leichtfüßig zu ihr hinüber und sah dabei stets auf den Boden, um in keine Falle zu tappen. Leider übersah er daher den Dachbalken, mit dem sein Kopf auf unsanfte Weise Bekanntschaft machte. Marjory konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. Fluchend rieb der Norn sich die Stirn und beobachtete das Ding an der Wand, das seine Freundin entdeckt hatte. „Ah, eine Konsole. Hmm... Sie scheint hier nicht hinzugehören." bemerkte Denngar.
„Meinst du? Ich dachte, in diesem Haus hätte eine paranoide Asura gewohnt."
„Sie ist nicht verstaubt. Jemand hat sie vor kurzem benutzt."
„Oh, tatsächlich." antwortete sie überrascht. Ihrem wachsamen Auge entging sonst kaum etwas. „Passworteingabe erforderlich. Na großartig."
„Mist, das hätten wir uns eigentlich denken können. Woher sollen wir das Passwort bekommen?"
„Hätten wir eine Asura dabei, wäre das kein Problem. Die könnte das Ding einfach manipulieren." Denngar grinste. Marjory sah ihn verdutzt an.
„Was? Sag jetzt bloß nicht, du kannst das auch."
„Lass mich mal ran. Und... halt lieber etwas Abstand." sagte Denngar und trat vor die Konsole.
„Was hast du..." Einen Axthieb später sprühte die Konsole Funken. Schwarzer Qualm stieg aus den Überresten auf. Dann war ein mechanischen Klicken zu hören. Die Wand neben der Konsole bewegte sich plötzlich und hinter ihr erschien eine Treppe, die nach unten führte. „Ha! Siehst du? Es hat geklappt."
„Das hätte auch schief gehen können, du Grobian. Musst du immer alles kurz und klein hauen?"
„He, die Taktik hat auch bei zwei Altdrachen funktioniert. Denk mal drüber nach."
Marjory schüttelte den Kopf. Sie sah keinen Sinn darin, darüber auch nur eine Sekunde länger zu diskutieren. Stattdessen ging sie die Treppen hinunter, nachdem sie Denngar angewiesen hatte, seine Axt wieder wegzustecken und in Zukunft etwas weniger „brachial" vorzugehen. Dieser hatte große Mühe, sich durch den engen Durchgang zu zwängen. Außerdem nahm er mit jedem Schritt mehrere Stufen auf einmal. Unten angekommen schlichen die beiden dicht an der Wand entlang, wobei „schleichen" für Denngar bedeutete, nicht bei jedem Schritt die gesamte Rüstung klappern zu lassen, was ihm schwer genug fiel. Am Ende des Gangs war eine Tür. Majory ging darauf zu. „Vorsicht!" flüsterte Denngar und packte die Nekromantin an den Schultern. Sie war noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen, denn da, wo sie gerade gestanden hatte, schossen rote Lichtstrahlen aus versteckten Öffnungen in der Wand und formten ein summendes Feld.
Majory dankte ihrem Retter wortlos und analysierte die Falle. Sie sah sich nach einer Konsole oder einem Bedienfeld in der Wand um, doch außer dem tödlichen Hindernis schien der Gang leer zu sein. Da Denngar anscheinend keine Idee hatte, versuchte Marjory es mit einer altbewährten Taktik.
Aus dem Boden vor ihnen taten sich wie aus dem nichts zwei schwarze Flecken auf, die sich von der Mitte aus ausbreiteten. Mit einem Röcheln stiegen zwei knochige, mit Fleichfetzen behangene Diener empor. Majory musste nur mit dem Finger nach vorn zeigen, und die Diener rannten los, um ihren Befehl auszuführen. Als sie das Lichtfeld berührten, verbrannten sie auf der Stelle und ließen nichts als Asche zurück, die nach und nach einfach verschwand. Majory seufzte.
Denngar fiel ebenfalls nichts ein, um die Falle zu überwinden, da er sich ziemlich sicher war, dass ihm seine Axt diesmal nichts nützen würde. Aber aufgeben war keine Option. Sie mussten herausfinden, wer das Portal sabotiert hatte und in Erfahrung bringen, was die Inquestur in Löwenstein plante.
Denngar dachte darüber nach, zurück nach oben zu rennen und dort nach einer weiteren Konsole zu suchen, in der Hoffnung, dass er irgendwo die Energie der Einrichtung abschalten könnte. Doch plötzlich bemerkte er, dass hinter ihnen weitere Öffnungen in der Wand waren. Ein weiteres Feld.
„Sieh an, der Kommandeur und sein Püppchen sitzen in der Falle!" ertönte eine Stimme.
Marjory verzog das Gesicht bei dem Wort „Püppchen".
„Das wird sie noch bereuen."
„Oh, werde ich das? Falls Ihr es nicht bemerkt habt: Ein falscher Schritt, und Ihr seid Asche."
Denngar versuchte, zu erkennen, woher die Stimme kam. Auf der anderen Seite der Barriere ragte ein kleiner Kasten aus der Wand. Das musste der Lautsprecher sein. Die Stimme klang weiblich.
„Aber keine Sorge. Euch zu töten wäre Verschwendung. Also, ein Angebot: Gebt mir Eure Waffen – und damit meine ich alles, was Ihr als Waffe benutzen könnt – und leistet keinen Widerstand. Dann können wir die Sache in Ruhe ausdiskutieren, ohne dass jemand pulverisiert werden muss."
Neben ihnen öffnete sich eine Luke in der Wand. Etwas, das wie eine Schublade an einem Metallstab aussah, kam hervorgeschossen. Widerwillig legten die beiden ihre Waffen, die gerade so Platz darin fanden, hinein. Wenigstens hab ich noch meine Handschuhe, dachte Denngar.
„Kommandeur, Eure Handschuhe mit den spitzen Zacken auch. Nicht, dass Ihr Euch weh tut."
Fluchend zog er sie aus und schleuderte sie auf den Waffenhaufen. Meine Fäuste bekommt sie nicht.
Der Behälter mit den Waffen verschwand hinter der Luke, die sich beinahe lautlos wieder schloss.
„Vielen Dank für Eure Kooperation. Nun, tretet ein. Ach ja, und behaltet Eure Hände schön da, wo ich sie sehen kann, sonst muss ich Abwehrmaßnahmen ergreifen, die zu Eurem vorzeitigen Ableben führen könnten."
Die roten Lichtstrahlen vor ihnen zogen sich mit einem summenden Geräusch zurück und die Tür dahinter öffnete sich. Zögernd gingen Denngar und Marjory vorwärts in den Raum, dessen Türen sich hinter ihnen wieder schlossen. Es war ein kleines, aber gut ausgestattetes Labor, das jedoch immernoch um einiges größer als der Rest des Hauses war. Er war nur spärlich beleuchtet, daher konnten die beiden nur Umrisse einer Asura erkennen, zu der mit hoher Wahrscheinlichkeit die Stimme, die an einem Pult mit vielen Knöpfen und Reglern stand.
„Also, genug der Förmlichkeiten. Wenn Ihr lebend hier raus wollt, werdet Ihr niemandem von der ganzen Sache hier erzählen. Außerdem werdet Ihr dem Rat erzählen, dass Kapitän Shud mit der Inquestur im Bunde steht."
„Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass Ihr uns Befehle erteilen könnt?" sagte Denngar mit donnerner Stimme. Die Asura lachte über diesen jämmerlichen Einschüchterungsversuch.
„Doch, das tue ich." sagte sie. Hinter Denngar rappelte sich ein riesiger Golem auf, der selbst ihn um drei Köpfe überragte. Er berührte den Norn und verpasste ihm einen heftigen Stromschlag. Majory half ihm auf die Beine.
„Das war Stufe 1 von 10. Wollt Ihr wissen, was die letzte Stufe mit Eurem Körper anstellt? Nein? Dann schweigt und tut brav das, was ich Euch sage. Ihr helft mir, Shud und Tokk aus dem Weg zu räumen."
„Tokk? Er hat also nichts mit der Inquestur zu tun?" fragte Marjory.
„Tokk ist ein jämmerlicher Tölpel. Er würde niemals mit uns zusammen arbeite wollen. Pech für ihn. Wir haben alles genaustens geplant. Und nun, da Ihr das für uns übernehmen könnt – und werdet - sollte es wie am Schnürchen laufen!" sagte die Asura triumphierend.
„Eine Frage. Wie will der Rat wissen, dass wir ihnen die Wahrheit sagen?" fragte Marjory und trat langsam, mit erhobenen Händen, einen Schritt auf die Asura zu.
Sie wollte ihre Aufmerksamkeit. „Zerbrecht Euch nicht das hübsche Köpfchen darüber. Wir haben für falsche Beweise gesorgt. Außerdem habt Ihr das ganze ja in die Wege geleitet mit Euren... Nachforschungen!"
„Ihr habt nur eine Sache nicht bedacht." sagte Denngar. Es klang fast wie eine Drohung.
„Ach, so ist das? Warum wollt Ihr nicht meinem Golem sagen, was das wäre?"
„Weil Euer Golem gleich ein Haufen Schrott sein wird!" brüllte Denngar. Er hatte sich verwandelt. In seiner Wolfsform riss er mit einem kräftigen Ruck den Arm des Golems ab und schleuderte ihn der Asura entgegen. Dann rammte er den Golem und schleuderte ihn gegen die Wand, wobei er Tische und Laborinstrumente zerstörte. Marjory hechtete zu der Asura, die dem abgerissenen Arm ausgewichen war und zu dem Pult mit den Knöpfen rennen wollte. Sie packte sie am Arm, doch mit dem anderen holte sie ein kleines Gerät hervor, aus dem Funken sprühten und schlug damit nach Marjory. Diese wich ihr aus, doch ließ die Asura dabei los. „Na warte, du kleines Biest..."
Die Asura drückte an einigen Knöpfen herum, doch plötzlich packte sie eine Hand am Fußgelenk und riss sie zu Boden. Dunkle, aus Schatten bestehende Hände hielten sie am Boden fest. Denngar hatte den Golem inzwischen in sämtliche Einzelteile zerlegt und verwandelte sich wieder zurück. „Gute Arbeit, Marjory!"
Majory fegte das kleine Gerät, dass die Asura als Waffe benutzte, mit einem Tritt zur Seite. „Das habt Ihr jetzt davon, dass Ihr mich Püppchen genannt habt."
„Lasst mich gehen! Ich warne Euch, ich werde Euch auf der Stelle..."
Denngar beugte sich über die strampelnde und zappelnde Asura. „Jetzt können wir reden."
Die Asura trug eine Kapuze, die fast ihr gesamtes Gesicht verhüllte. „Wer seid Ihr?" fragte Denngar. Die Asura lachte ihm ins Gesicht.
„Ihr wisst, wer ich bin. Oder zumindest glaubt Ihr das." sagte sie. Denngar zog ihr die Kapuze vom Gesicht.
„Unmöglich..."
Ihn starrten zwei giftgrüne Augen an mit einem Blick, der hätte töten können.
„Floxx?!"
„Gut erkannt! Was ist denn los, Kommandeur? Ihr werdet ja ganz bleich. Habt Ihr einen Geist gesehen?"
Denngar traute seinen Augen nicht. Er versuchte, alles zu einem Gesamtbild zu formen, doch er wusste einfach nicht, was das zu bedeuten hatte. War sie die wirklich die echte Floxx? Oder spielte jemand ihm hier einen ganz gewaltigen Streich? „Denngar, was... hat das zu bedeuten?" fragte Marjory. „Woher kennt ihr euch?"
„Ach, unser lieber Kommandeur dachte, er hätte mich vor einigen Tagen kennengelernt, als ich auf seiner kleinen Expedition teilnehmen wollte. Tja, wie wenig er doch weiß..." Denngar beugte sich wieder über die Asura, die sich als Floxx ausgab. Sie sah genau wie die Asura aus, die in die Fernen Zittergipfel aufgebrochen war. Er ahnte übles. „Marjory, glaubst du, das könnte ein Mesmerzauber sein?" flüsterte er. Die Asura lachte abermals. Sie sah wie ein teuflischer kleiner Kobold aus, der die spitzen Zähne bleckte. „Ich weiß, das ist schwer zu glauben für Euer primitives Nord-Hirn! Aber ich bin die echte Floxx. Und falls Eure Truppe nicht längst umgekommen ist, dann tappt er gerade blindlings in unsere Falle!"
Denngar legte seine Hand um den kleinen Hals der vermeintlich echten Floxx.
„Ich werde das nur einmal sagen, also hört gut zu. Ihr erzählt mir alles darüber, was Ihr wisst. Über die... andere Floxx, die Allianz der Inquestur mit den Svanir und was Ihr über mich und den Pakt wisst. Sonst bekommt Ihr zu spüren, was dieser primitive Norn zu tun vermag!"
Die Asura nickte. Denngar ließ sie los, worauf sie sofort nach Luft rang.
„Es hat keinen Sinn zu lügen. Also gut. Aber wenn Ihr wirklich so ehrenhaft seid, wie Ihr immer tut, dann will ich von Euch, dass Ihr mir einen fairen Prozess verspricht und mich nicht in irgendeinen Kerker werft und verrotten lasst."
„Das kann ich versprechen. Sofern der Kapitänsrat damit einverstanden ist."
„Das wird er. Die, die Ihr als Floxx kennt, ist in Wahrheit meine Schwester, Flaxx."
„Schwestern? Floxx und Flaxx? Pah, von wegen. Ich habe gesagt: Keine Lügen!"
„Es ist die Wahrheit! Wir können auch nichts für unsere Namen! Mal ehrlich, Denngar klingt auch nicht gerade besser. Ein Denker seid Ihr ja offensichtlich ni-"
„Denngar, bitte, lass sie los." bat Marjory den Norn, der der Asura den Hals zudrückte.
„Tut mir leid. Fahrt fohrt. Und bitte nur das wichtigste." sagte Denngar und ließ die Asura Luft holen.
„Bis vor zwei Jahren war ich beim Orden der Gerüchte. Ich geriet in einen Hinterhalt er Inquestur. Ich konnte ihnen jedoch ein Angebot machen: Wenn sie mich am Leben ließen, würde ich als ihr Maulwurf im Orden dienen und sie mit Informationen besorgen. Aber lasst mich Euch sagen, wie es wirklich war. Die Inquestur wusste nicht, dass ich weiterhin für den Orden spioniert habe und ihm auch Informationen über die Inquestur zukommen ließ. Ich war also eine Doppelagentin."
„Und warum habt Ihr Eure Schwester damit hineingezogen?" fragte Marjory.
„Ich wollte nicht einmal, dass es so weit kommt! Sie kam mir auf die Schliche, da auch sie beim Orden war. Sie hat es nie weit gebracht, da Ihr die nötige... Bereitschaft fehlte, auch mit unkonventionellen Mitteln zu arbeiten." erklärte die Asura.
„So wie gefallene Pakt-Soldaten für Nekromantie zu missbrauchen?" fragte Denngar.
„Missbrauchen? Wisst Ihr, wie viele Leben ich gerettet habe? Was sagt Eure Freundin dazu, hm?"
Marjory schwieg. „Es ist letztendlich ein Mittel zum Zweck" sagte sie schließlich. „Und das macht es nicht viel besser. Ich tue das nicht. Nennt mich altmodisch oder abergläubisch, aber ich lasse die Toten in Frieden ruhen und Grenth seine Arbeit machen."
„Ich frage mich, ob sich Eure Meinung ändert, wenn Euer Kommandeur einmal in Lebensgefahr schwebt. Aber genug davon. Wie ich schon sagte, hat meine Schwester mich enttarnt. Die Inquestur wollte sie beseitigen, doch sie ist noch immer meine Schwester. Also wurde sie gezwungen, mich im Orden zu ersetzen und Stillschweigen über die Sache zu bewahren. Ich schloss mich der Inquestur an und niemand im Orden bemerkte den Unterschied. Über diese Allianz mit den Söhnen von Svatur oder wie auch immer sie heißen weiß ich nichts, außer, dass es Slax' Idee war. Er arbeitet in einem unserer Labore nördlich der Feuerherzhügel, der Nördlichen Station. Sie markiert soviel ich weiß die Grenze zu den Fernen Zittergipfeln. Was sie planen weiß ich jedoch nicht."
Denngar hörte ihr gebannt zu und ließ sich jedes ihrer Worte durch den Kopf gehen. Warum sollte die Inquestur mit den Dienern von Jormag arbeiten? Und warum wollten sie den Einsatztrupp aufhalten?
„Na schön. Dann eine letzte Sache. Ihr wolltet Euch also in den Kapitänsrat einschleußen. Wozu?" fragte Denngar.
„Um die ganze Sache zu vertuschen, ganz einfach. Außerdem sind uns Shud und Tokk schon lange ein Dorn im Auge. Das eigentliche Ziel seid jedoch schon seit langem Ihr, Kommandeur." sagte sie gehässig.
„Ich? Die Inquestur will also meinen Tod?"
„In der Tat. Der Pakt steht uns auf ständig im Weg. Mit Eurem Tod würde sich das ändern."
„Warum ich? Marschall Trahearne steht über mir im Rang."
„Und? Ihr seid für viele ein Idol, etwas, dass sie inspiriert. Und außerdem seid Ihr auch unter den Dienern von Jormag verhasst. An Eurem Tod in Hoelbrak waren also sowohl sie als auch die Inquestur interessiert."
Denngar machte keinen Anschein, verängstigt oder gar überrascht zu sein. „Das ergibt durchaus Sinn. Ich fühle mich ja schon fast geschmeichelt. Aber wobei steht der Pakt Euch im Weg?"
„Mit unserer Forschung über die Drachen, natürlich! Wir versuchen alles, um sie zu erforschen. Stellt Euch nur vor, wir finden einen Weg, sie wieder in ihren Schlaf zu versetzen. Oder noch besser, sie zu kontrollieren!"
„Ihr wollt einen Altdrachen kontrollieren? Ihr seid ja verrückter, als ich dachte." meinte Marjory.
„Snaff hatte es geschafft. Aber er war zu schwach und sanftmütig. Außerdem hat er sich auf die Hilfe anderer verlassen, vor allem Nicht-Asura. Wir führen seine Drachenforschung fort, mit allen verfügbaren Ressourcen. Stellt Euch vor, was wir mit der gesamten Energie, die die Drachen beherbergen, erreichen könnten! Aber Ihr würdet es nicht verstehen. Also, ich habe Euch all Eure Fragen beantwortet. Jetzt lasst mich wieder los, dann werde ich mich widerstandslos ergeben."
Marjory zögerte. „Was meinst du, Boss?"
„Zuerst will ich unsere Waffen zurück. Dann werden wir Euch der Löwengarde übergeben."
„Na schön. Aber dazu muss ich mich bewegen können."
„Sagt uns einfach, welchen der Knöpfe wir drücken müssen. Den Rest übernehme ich." forderte Marjory.
„Das geht nicht. Die Befehle funktionieren nur per Spracherkennung. Und so laut kann ich nicht schreien. Also, wenn Ihr so freundlich wärt?"
„Gut. Tu, was sie verlangt, Marjy." sagte Denngar. Widerwillig ließ die Nekromantin Floxx gehen. Sie klopfte sich den Staub von ihrer Inquestur-Kleidung und ging zu dem Pult hinüber, unter strengster Beobachtung von Denngar und Marjory. Sie drückte auf einen Knopf und beugte sich über das Pult. „Schutzschilde hochfahren!"
Eine helle, fast durchsichtige Kuppel formte sich um die Asura herum, bevor die beiden reagieren konnten. Sie kicherte triumphierend.
„Ihr seid wirklich dümmer, als Ihr ausseht! So viel zu Eurem vermeintlichen Sieg."
„Diese dreckige, kleine..." knurrte Denngar.
„Na na, Kommandeur. Ich wollte Euch ja eigentlich verschonen, aber, tja... Pech gehabt."
„Damit kommt Ihr nicht durch!" rief Majory, sehr zur Belustigung der Asura.
„Ach ja? Ich glaube schon. Aber bevor ich Euch verlasse, will ich Euch jemanden vorstellen. Kommandeur, ich habe nicht die ganze Wahrheit gesagt. Wir wollten Euch nicht 'nur' umbringen. Aber lasst mich es Euch einfach zeigen. Ihr wart ja schon vorhin bereits überrascht, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Nun, ich glaube dieses Mal werdet Ihr Euren Augen kaum trauen können. Subjekt 'Delta' freilassen! Codewort: 'Kommandeur'."
Am anderen Ende des Raumes öffnete sich mit einem lauten Zischen ein rießiger, undurchsichtiger Glasbehälter an der Wand, aus dem weißer Dampf quoll. Aus dem Dampf ragten zwei unförmige Beine hervor, die sich wackelig fortbewegten. Schließlich war auch der Rest des Körpers zu sehen, der wie eine wabernde Masse aussah, die langsam Haut und Muskeln bildete. Der Körper nahm Form an und wurde zu dem eines breiten, muskulösen Norn mit blauer Bemalung. Dann trat aus dem unförmigen Kopf langes, hellblondes Haar hervor, das über die Schultern fiel und zwei kleine Zöpfe an der Seite bildete, gefolgt von einem geflochtenen Kinnbart. Die farblosen Augen wurden eisblau. Denngar starrte voller Entsetzen in das Gesicht. Sein Gesicht.
„Kommandeur." sagte die Gestalt in Denngars Stimme.
„Verblüffende Änhlichkeit, nicht wahr? Nur... er ist ja ganz nackt. Hoppla. Ein kleiner Fehler."
Als hätte der „Norn" es gehört, schwoll seine Haut an und formte sich zu einer eisblauen Plattenrüstung. Aus seinen Händen wuchsen zwei Äxte in der Form eines Drachenkopfes.
„Schon besser. Nun, ich will Euch nicht länger stören. Lebt wohl, Kommandeur! Hahaha!"
Floxx drückte an einigen Knöpfen und verschwand schließlich in einem Wirrwarr aus Lichtblitzen. Sie hatte sich teleportiert und war somit entkommen.
„So begegnen wir uns also endlich. Zu schade, dass es nur einen Kommandeur geben kann."
Marjory erschauderte. Sie wusste, dass Denngar trotz seines sanften Gemüts auch furchteinflößend sein konnte. Aber das war kein Vergleich zu dem teuflischen Grinsen seines Doppelgängers. Der echte Denngar versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren, aber er konnte einfach nicht glauben, was seine Augen gerade sahen. „Du hast recht, es kann nur einen geben. Den echten."
„Ich bin der echte. Sieh doch, ich bin keine Täuschung. Keine Illusion, sondern aus Fleisch und Blut. Ich atme, ich denke, genau wie du. Ich weiß alles über dich, denn ich bin du. Bis auf einen kleinen, aber feinen Unterschied." erklärte der Doppelgänger.
„Ja, du bist eine Abscheulichkeit, die von einer verrückten Asura erschaffen wurde." warf Majory ein. Sie fühlte Abscheu im Gegenüber, aber trotzdem sah sie ihren Freund in ihm.
„Spielt das eine Rolle? Diese verrückte Asura hat mich besser gemacht als der echte Kommandeur es je werden könnte. Denn weißt du was, Denngar? Ich habe kein Gewissen, dass mich bei meinen Entscheidungen behindert. Ich tue, was nötig ist. Zum Wohle von Tyria!" Denngar wusste nicht, ob er lachen, oder weinen sollte.
„Das glaubst du wirklich? Du bist ein Sklave! Ob du der Inquestur oder den Altdrachen dienst, spielt keine Rolle. Aber Tyria dienst du nicht."
„Wenn das so ist, dann zeige ich dir, was dieser Sklave alles kann. Aber es wäre ja langweilig, wenn du dich nicht einmal richtig wehren könntest." Der falsche Norn warf seine Äxte zur Seite und ließ die Knöchel knacken. „Lass uns doch wenigstens wie echte Norn kämpfen, bevor wir die Sache zu Ende bringen!"
„Das sieht mir schon eher änhlich. Marjory, schau nach, ob du rausfinden kannst, wohin Floxx abgehauen ist. Überlass diesen Hochstapler mir."
„Du machst wohl Witze! Ich werde doch nicht..." protestierte Marjory.
„Nun mach schon!" befahl ihr Denngar. Einen Moment lang dachte sie, er wäre der Doppelgänger. Dieser lachte und kam näher auf Denngar zu.
„Gib es ruhig zu, du wolltest schon immer mal gegen dich selbst kämpfen!"
„Unter einem ebenbürtigem Gegner hatte ich mir aber etwas anderes vorgestellt."
Denngar täuschte einen Angriff an, machte dann aber einen Ausfallschritt nach hinten und ließ seine rechte Faust auf den falschen Kommandeur niederfahren. Dieser blockte den Schlag ab, ohne mit der Wimper zu zucken und verbrug seine Faust in Denngars Magengrube. Dieser keuchte und taumelte nach hinten.
„Komm schon. Das kannst du doch besser."
Denngar rannte auf ihn zu und versuchte erneut, einen Treffer zu landen. Seine Hiebe prasselten auf ihn nieder, aber der Doppelgänger wich jedem einzelnen der Hiebe einfach aus. Denngars Augen konnten ihm kaum folgen und erkannten so die Faust nicht rechtzeitig, die ihm entgegen kam.
„Hatte ich vergessen, zu erwähnen, dass die Inquestur mich mit einigen Verbesserung versehen hat? Deine Reflexe sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, alter Mann!"
„So alt siehst du... sehe ich noch gar nicht aus. Aber ich bin wenigstens echt, im Gegensatz zu dir!"
Marjory versuchte, unter den vielen Geräten etwas zu erkennen, dass ihr weiterhelfen konnte. Sie fand ein Zahlenfeld, das mit einem Bildschirm verbunden war. Darauf waren einige Zahlen, die wie Koordinaten aussahen. Sie versuchte, sich die Zahlen irgendwie einzuprägen.
Denngar rang weiter mit seinem Ebenbild und hatte sogar ein, zwei Schläge landen können, doch sein Kontrahent war viel zu gut. Er kopierte jeden seiner Bewegungen, jeden Schritt, jede Zuckung, die einen Angriff andeuten könnte. Seine Beinarbeit war tadellos, und jeder Schlag des Originals ging daneben. Er schien auch im Gegensatz zu seinem Vorbild nicht so schnell außer Atem zu kommen.
„Gib einfach auf. Gib zu, dass ich der bessere Denngar bin. Ich habe es verdient, dich zu ersetzen!" verhöhnte er ihn. Er holte aus und griff mit einer fast schon unglaublichen Geschwindigkeit und Präzision an. Es kostete Denngar viel Kraft, sich zu verteidigen. Das war kein einfacher Faustkampf. Aber er hatte plötzlich eine Idee. Er versuchte, seinen Gegner zu umkreisen, der immer einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung machte, um dies zu verhindern. Schließlich hatte Denngar ihn da, wo er ihn haben wollte. Er brüllte und stürmte auf ihn zu, die Fäuste geballt. Zu seinem Glück wich der Doppelgänger nicht zur Seite, sondern nach hinten aus, dort, wo einige Trümmer am Boden lagen. Er stolperte und geriet aus dem Gleichgewicht. Dies war Denngar Chance. Er trieb ihm die Faust mit so einer Wucht gegen das Kinn, das es knackte. Der falsche Norn ging zu Boden, doch er war noch lange nicht geschlagen. Als Denngar näher kam, trat der Doppelgänger ihm gegen das Schienbein und riss ihn mit sich auf den Boden. Dort rangen sie miteinander und drückten sich gegenseitig zu Boden, bis der andere wieder die Oberhand gewann. „Marjory! Marjory, ich... brauche... Hilfe!" krächzte Denngar.
Marjory sah, wie der Norn ihm am Hals packte und ihn würgte. Sie hatte inzwischen herausgefunden, wo ihre Waffen waren, und diese zurückgeholt. Sie nutzte ihre Magie, um den Norn in einen Schwarm Insekten zu hüllen.
„Au! He, Marjory, hör nicht auf ihn! Ich bin der echte!" rief er, doch dann stürzte sich der andere Denngar auf ihn und donnerte ihm die Fäuste ins Gesicht. Marjory starrte entsetzt auf die beiden. Sie wusste nicht mehr, wer der richtige war. Doch dann sah sie, dass der, der gerade am Boden war, keine Handschuhe hatte, im Gegensatz zu dem anderen. Sie nahm ihr Großschwert und rannte ihrem echten Boss zu Hilfe. Der Doppelgänger sprang auf und wich der dünnen Klinge aus.
„So viel zu einem ehrenhaften Zweikampf."
Als Marjory ausholte, riss der Doppelgänger sie mit einem Tritt in den Bauch von den Füßen. So hätte der echte Denngar wohl kaum gekämpft. Der Doppelgänger ließ einen langen Eisblock aus seinen Händen entstehen, der die Gestalt eines breiten Zweihänders annahm. Mit dieser Waffe kämpfte er nun gegen Marjory, die mittlerweile auch selbst im Kampf mit dem Großschwert erprobt war. Dem echten Denngar strömte noch immer das Blut über das ganze Gesicht, doch er stand auf und sah sich nach seinen Waffen um. Marjory parierte den nächsten Schlag, doch die schiere Kraft dahinter brachte sie aus dem Gleichgewicht. Der Doppelgänger erwischte sie mit der breiten Seite des Schwertes, vermutlich absichtlich, und schleuderte sie durch die Luft. Der Aufprall war hart und ließ sie schutzlos am Boden zurück, während der Norn auf sie zu ging. Denngar rannte mit seinen Äxten bewaffnet dem Doppelgänger entgegen, doch dieser blockte seine Hiebe mit der Klinge, stieß ihn weg und rammte ihn anschließend mit der Schulter gegen die Wand. Einige Fausthiebe später ging Denngar zu Boden. Marjory wollte aufstehen, doch ihre Seite schmerzte unerträglich. Der Doppelgänger hatte sie beide besiegt. Er kam auf Marjory zu, packte sie am Hals und hob sie in die Luft.
„Siehst du es jetzt? Ich bin der bessere von uns beiden. Der Pakt braucht mich, nicht diesen jämmerlichen Schwächling!"
Marjory stämmte sich gegen den Griff des Norn, aber er hatte eindeutig die Oberhand. Er wollte sie mit seinen Worten kränken, aber diese Genugtuung würde sie ihm nicht gönnen. „Ich sehe eine Maschine, die Befehle ausführt! Du bist nicht besser als ein Golem!" sagte sie hasserfüllt.
„Ach ja? Da irrst du dich, Marjory Delaqua. Auch ich habe Gefühle, Erinnerungen. Doch anders als er haben sie keine Kontrolle über mich. Ich hätte dich damals auf der Bruchbringer sterben lassen, Marjory! Aber du warst schon immer schwach. Du hattest schon diesem kleinen Jungen damals nicht helfen können, und auch nicht deiner Schwester! Wie lange dauert es, bis Kasmeer deinentwegen stirbt, weil du zu schwach bist, um sie zu beschützen?"
In Marjory erwachte etwas, das sie zum letzten Mal gespürt hatte, als sie der korrupten Ministeriumswache in die Augen sah, die einen unschuldigen Jungen ermordet hatte. Diesmal war es ein Norn in der Gestalt von Denngar, aber sie sah in ihm nur noch eine Abscheulichkeit.
Sie sah ihm direkt in die Augen, mit einem Blick, der selbst diesen Norn mit Angst erfüllte.
„Ich bin also schwach?" sagte sie mit eisiger Stimme. Eine Stimme, die nicht mehr wie die ihre klang.
„Du bist weniger als schwach. Du bist nichts! Eine Kopie, der Schatten eines große Mannes, dessen Erinnerungen du vielleicht teilst, die aber keine Bedeutung für dich haben. Du wirst ihn nie ersetzen können. Du wirst nie eine echte Person sein!"
Der Doppelgänger stand da und starrte sie zornig an. Marjory sah, dass es nicht nur Zorn in seinen Augen war, sondern auch Angst. Angst vor der Wahrheit. Sie spürte, wie sein Griff sich lockerte. „Ich wurde geschaffen, um den echten Kommandeur in den Schatten zu stellen! Ich sollte ohne Gnade, ohne Reue handeln! Der Pakt braucht jemanden wie mich!" rief er verzweifelt. „Nein, nein! Du versuchst mich einzuschüchtern, Marjory. Willst mich mit meinen eigenen Waffen schlagen, aber das gelingt dir nicht! Ich beende es!" brüllte er und wollte mit seinem Zweihänder ausholen, doch eine klingenförmige Klaue fuhr ihm über den Rücken. Ein Fleischgolem. Vor Schmerz brüllend ließ er Marjory los und trieb seine Klinge in den fleischigen Körper des Dieners, der ihn jedoch weiterhin mit seinem scharfen Klauen angriff. Marjory hatte Zeit, um durchzuatmen und nach Denngar zu sehen. Er hustete und spuckte Blut, doch seine Verletzungen waren nicht besonders schlimm. Das Problem war, dass seine Wunden von der Schlacht noch nicht verheilt waren.
„Gut gemacht, Marjory. Ich glaube, deine Worte haben Wirkung gezeigt!" lobte er sie. Der Doppelgänger hatte den Fleischgolem unschädlich gemacht, doch da standen bereits Majory und Denngar mit gezückten Waffen vor ihn. Er umklammerte seinen Zweihänder, sich auf das entscheidende Gefecht vorbereitend.
Da steckte Denngar seine Äxte plötzlich weg. „Wir müssen nicht kämpfen... Denngar." sagte er ruhig.
Der Doppelgänger lachte spöttisch. „Ziehst du etwa den Schwanz ein? Dachte ich mir fast, dass du es mit Diplomatie versuchst."
„Wir wissen beide, dass das nicht immer unsere Stärke ist. Aber wenn du wirklich vorgibst, ich zu sein kannst du dann das hier?" fragte Denngar und begann, sich in einen Norn-Wolf zu verwandeln. Der Doppelgänger sah ihn verdutzt an. „Ein Test? Das willst du also? Das ich dir zeige, dass ich du bin? Na schön, nichts leichter als das!" Der andere Denngar baute sich auf und konzentrierte sich. So sehr er es auch versuchte, im wuchs kein Fell, keine Klauen, nichts. Er wurde nicht zum Tier.
„Ich wusste es. Siehst du? Du kannst mich nicht ersetzen, weil du nicht ich bist." redete ihm Denngar ein.
„Nein! Ich wurde geschaffen, um dich zu ersetzen! Mein einziger Zweck..."
„Ich habe es dir gesagt, du bist ein Sklave, ein willenloser Diener."
Der Doppelgänger starrte ihn fassungslos an, den Kopf schüttelnd. Er wollte es nicht glauben. Er starrte seine Hände an, dann die von Denngar. „Aber, ich habe selbst deine Erinnerungen! Ich erinnere mich an alles, an die Große Jagd, die Klaueninsel, den Tod von Scarlet..."
„Das mag vielleicht sein, aber du denkst nicht wie ich. Du berechnest, ohne Gewissen. Du tust, was du für notwendig hälst, auch wenn es hunderte Leben kostet. Aber so hat dich die Inquestur geschaffen. Vielleicht gibt es noch Hoffnung. Ein letzter Versuch. Was ist deine schönste Erinnerung?" fragte Denngar. Er kannte die Antwort ganz genau. Der Doppelgänger dachte nach. „Ich... die schönste... der Sieg über Zhaitan. Der erste Altdrache, von dem Tyria befreit ist."
Der echte Denngar verschränkte die Arme und schüttelte den Kopf. „Nein. Meine schönste Erinnerung. Denk nach."
Der Doppelgänger ging die Erinnerungen durch, noch weiter zurück, vor der Schlacht gegen Zhaitan, vor der Klaueninsel.
Plötzlich tat sich etwas in seinem Inneren. Es war, als wären ihm die Augen geöffnet worden. Als hätte jemand ein Tor geöffnet, das lange verschlossen gewesen war.
Die Erinnerung, als er das erste Mal seine Tochter Aela sah. Seine wunderschöne, erwachsene Tochter, bei der Großen Jagd, als die Norn seinen Triumph über den Eiswurm Issormir feierten. Er erkannte sie zuerst nicht, doch sie kam ihm vertraut vor. Sie stand auf, mit dem Krug in der Hand und sagte „Auf dich, Vater!".
Marjory konnte sehen, wie die Augen des Norn feucht wurden. Auch der echte Denngar schien in Erinnerung zu schwelgen. Sie legte ihre Hand auf seinen Rücken.
„Gut gemacht, Boss!"
Denngar ging zum Doppelgänger und hielt ihm die Hand hin. Dieser griff danach und ließ sich von seinem Vorbild aufhelfen.
„Danke... Aber ich habe die Wahrheit erkannt. Es kann tatsächlich nur einen geben. Ich stelle sicher, dass es so bleibt, Denngar. Geht, ich mache euch den Weg frei. Dann leite ich die Selbstzerstörung ein. Was hier geschehen ist, soll außer euch niemand erfahren."
Denngar sah sein Ebenbild fassungslos an. „Bist du dir sicher, dass du das tun willst? Jetzt, da du... frei bist?" fragte er ihn. Dieser nickte.
„Es muss sein. Die Inquestur kann mich vermutlich noch immer aufspüren. Ich will nicht, dass sie mich wieder benutzen. Das ist kein Leben, dass es sich zu leben lohnt. Lieber sterbe ich als freies Wesen."
Denngar nickte und klopfte ihm auf die Schulter. „Du bist doch ein besserer Denngar, als ich angenommen hatte. Leb wohl."
Marjory und Denngar verließen schleunigst das Labor. Der Doppelgänger ging zum Pult hinüber und tat, was er für nötig hielt.
"Warnung: Selbstzerstörung eingeleitet. Selbstzerstörung in 60 Sekunden."
Er ging noch einmal seine Erinnerungen durch. Vielleicht waren sie nur eine Kopie, so wie er selbst, doch trotzdem waren es die seinen. Er hatte dieses Leben nie gelebt, doch er blickte mit Stolz darauf zurück.
"Selbstzerstörung in 20 Sekunden."
Ein letztes Mal dachte er an den echten Denngar. Nur dank ihm lebte er. Er lebte.
"Selbstzerstörung in 10 Sekunden."
Das Labor unter dem Haus ging in Flammen auf. Die Erde bebte leicht, aber sonst merkte in Löwenstein niemand etwas davon.
Nur Denngar und Marjory kannten die Wahrheit.
„Da seid ihr ja endlich!" rief Kapitän Magnus erleichtert und ging auf Denngar und Marjory zu. „Habt ihr die Saboteure erwischt?"
„Nein. Sie ist leider entkommen." teilte ihm Denngar mit. Magnus seufzte.
„Aber wir haben herausgefunden, dass sie zur Inquestur gehörte. Sie wollten den Verdacht auf Shud und Tokk lenken, in der Hoffnung, sich in den Kapitänsrat einzuschleußen und die Sache zu vertuschen." erklärte Marjory. Magnus' Augen weiteten sich. „Die Inquestur, hier in meiner Stadt?"
„Nicht mehr. Das Labor ist zerstört, ihre Experimente aufgehalten. Sie hatten es auf mich abgesehen." antwortete Denngar.
Magnus atmete beruhigt auf. „Dann stehen wir mal wieder in deiner Schuld, Denngar. Und in Eurer, Marjory. Wie können wir euch das danken?"
Marjory und Denngar sahen sich in die Augen und dachten nach. „Ich glaube nicht, dass ihr etwas gegen diesen Hummer tun könnt?" fragte Denngar.
„Ha! Zu gerne! Aber ich fürchte, Kiel würde mir den Kopf abreißen. Ich kann Euch über die Geschehnisse in Löwenstein auf dem Laufenden halten. Und hier, das Gold hier habt ihr beide euch auch verdient."
Er überreichte Marjory ein kleines Säckchen voller Münzen. Sie bedankten und verabschiedeten sich von Magnus, der wieder seinen Pflichten nachging.
Marjory gab Denngar das Gold. „Hier, das hast du dir verdient. Was wird du jetzt machen?" fragte sie ihn.
Er zupfte sich nachdenklich am Kinnbart. „Ich weiß noch nicht. Es gibt immer etwas zu tun. Vielleicht bleibe ich noch eine Weile hier."
„Nach der ganzen Sache im Labor? Na, wenn du meinst. Aber die Stadt könnte vermutlich wirklich jemanden wie dich gebrauchen."
„Jemanden wie mich? Noch ein Doppelgänger?" lachte der Norn. Marjory schloss sich ihm an.
„Tyria kann nie genug Kommandeure haben. Ich freue mich, dass alles noch ein gutes Ende genommen hat. Nun, dann trennen wir uns wohl vorerst wieder. Leb wohl, Denngar."
Er sah ihr noch nach, wie sie durch das Portal nach Götterfels verschwand. Es war schön, Freunde zu haben, auf die man zählen konnte. Löwenstein würde nach diesem ereignisreichen Tag bald viel friedlicher werden, da die Löwengarde häufig von einem mysteriösen Helfer unterstützt wurde. Außerdem traf man häufig den Kommandeur des Paktes auf den Straßen an, der sich unters Volk mischte und vielen Leuten bei den Problemen des Alltags half. Und Denngar mochte dieses Leben.
