6. Kapitel – Auf der Jagd
Elinha streckte leicht die Beine und versuchte eine bequemere Lage zu finden, welche sich jedoch nicht einstellen wollte. Denn erstens war es zwischen Kisten, Stiegen und Stroh nicht sonderlich gemütlich und zweitens war das Pflaster der großen Südstraße unwegsam und teilweise nur grob ausgebessert, nachdem es unter der Schlacht auf dem Pelennor beträchtlich gelitten hatte. Den Geräuschen nach wurden sie soeben rechts von einigen schnellen Pferden überholt, während links dem Gemurmel nach einige Fußgänger hinter ihnen zurück blieben.„Thalor, ist hinter uns etwas Verdächtiges?" rief sie gedämpft und musste einen Moment warten, während der Bauer sich so unauffällig wie möglich umsah, indem er so tat, als würde er die Plane zurecht zupfen. „Nein, keine Wachen weit und breit!"
Die junge Frau biss sich auf die Lippen. „Und der Elb?"Ein leises Lachen antwortete ihr: „Wenn die Elben nicht seit neustem in der Kleidung von Bauern und Handwerkern durch Mittelerde streifen, so ist auch von ihm keine Spur zu sehen!"
Elinha kroch auf allen Vieren auf dem schwankenden Gefährt nach vorne und schlug etwas die Plane zurück. Helles Sonnenlicht blendete sie für einen Moment, denn unter der dicken Abdeckung war es beträchtlich dunkler gewesen. Sich noch ein paar abgebrochene, stinkende Strohhalme aus dem Zopf klaubend, befreite sie sich aus ihrem Versteck und schwang sich, nach einem letzten prüfenden Blick auf den Bock neben Thalon. „Bei Eru!" schimpfte sie und befreite sich von weiteren, noch übrig gebliebenen Strohresten. „Ich stinke wie ein Ferkel, das sich im Dreck suhlte! Und das alles nur wegen diesem… verdammten Elb!"
Thalon hob eine Braue und schmunzelte. „Was musstest du auch ausgerechnet ihn für die Verkleinerung unserer Probleme auswählen?"
„Konnt' ich es wissen, dass er einer vom Schönen Volk ist?" knurrte die junge Frau und rollte mit den verspannten Schultern.
„Du bist doch sonst nicht so unbesonnen und überstürzt deine Vorhaben", hielt Thalon dagegen und Elinha verzog das Gesicht. „Bis die anderen hochwohlgeborenen Herrschaften kommen, wären noch Tage vergangen und die Zeit drängte! Und er war die beste Wahl, die ich auf die Schnelle treffen konnte – so glaubte ich. Konnte ich ahnen, dass er nochmals zum Markt kommt? Die hohen Herren meiden doch sonst das einfache Volk, wo sie nur können!"
„Nicht mehr, seid König Elessar regiert! Er selbst, so heißt es, mischt sich öfters unters Volk, um ihm nah zu sein – oder um unverfälscht zu erfahren, was sich außerhalb der Palastmauern abspielt!"
Die junge Frau stieß ein dünnes Schnauben aus. „Bis in die Bergtäler Lossaranchs hat er es aber noch nicht geschafft! Sonst wüsste er von dem bösen Treiben der Bluthunde Ferethons dort!"
Thalon schürzte die Lippen und atmete durch. „Auch ein König kann nicht überall sein – und auch seine Ohren sind auf das angewiesen, was ihm zugetragen wird. Du wirst sehen: eines Tages geht es Avelson und seinen Handlangern an den Kragen!" Er sah sie an und begann zu lachen. „Das heißt, wenn der deine nicht vorher sich in einer Elbenfaust verfängt!"
Elinha verdrehte die Augen. „Ha-ha! Immerhin ist es mir gelungen, ihn ein zweites Mal an der Nase herum zu führen! Und so schnell sieht Minas Tirith mich nicht wieder. Nein, nein, Thalon, glaube mir: Bevor dieser Kragen" – sie zeigte auf den ihren – „in einer Elbenfaust landet, fließt noch viel Wasser den Anduin hinab!"Sie konnte nicht ahnen, wie falsch sie mit dieser Annahme lag.
Legolas hielt sich weiterhin im gebührenden Abstand hinter dem Ochsenkarren, doch seine feine Elbenohren vernahmen trotzdem das Gespräch. Erneuter Zorn stieg in ihm auf als er der Diebin Worte über Aragorn vernahm, und auch die verteidigenden Worte des Bauern beruhigten ihn nicht viel. Estel war ein von Grund auf guter und gerechter Mensch, hatte Jahrzehnte der Entbehrung und des Kampfes hinter sich, um als Waldläufer die Grenzen des Auenlandes und die Reiche Rohan und Gondor gegen die schwarzen Geschöpfe Saurons zu verteidigen, hatte auf alle Privilegien, die seine Abstammung mit sich brachte, verzichtet und hatte Mittelerde von der Knechtschaft Mordors befreit! Und dieses Weibsbild wagte es ihn zu verurteilen, weil er nicht über jeden Schritt der Menschen Gondors unterrichtet war?
Des Lossarnachers Hinweise jedoch auf die ‚Bluthunde' Ferethons machten den Elb stutzig. Lossarnach schien in der Tat unter dem Lehnsherr, der nicht vollständig Aragorns Vertrauen genoss, zu leiden. Hier liefen Fäden zusammen, die ein Netz bildeten – und nach all seinen Jahrhunderte langen Erfahrungen mit den Riesenspinnen Düsterwalds wusste Legolas, dass die menschlichen Spinnen manchmal noch schlimmer waren und ihre ‚Netze' einer näheren Untersuchung bedurften, bevor man handelte. U
nd somit folgte er dem Ochsenkarren mit den langsamen, schlurfenden Schritten eines älteren Menschen, dessen Körper unter den Spuren von Jahrzehnte langer Arbeit litt; das Gesicht und seine helle Kleidung verborgen unter dem zerschlissenen, braunen Umhang mit Kapuze und einer Stiege voll Obst, Gemüse und Kräutern auf dem Rücken, die – aufgrund der noch herrschenden Kälte – nicht verderben konnten, obwohl die Sonne schien.
Je weiter sie sich von Minas Tirith entfernten, umso klarer und sauberer wurde die Luft, wozu der restliche Schnee sein Übriges tat. Die breite, sechsspurige Südstraße zog sich über den gesamten Pelennor und verlief dann nach Süden, um entlang des Anduin zu ziehen. Von einigen Gehöften, die vor der Schlacht am 15. März des Vorjahres noch reichlich auf dem Pelennor zu finden gewesen waren, zeugten oft nur noch die verkohlten Reste der Grundmauer, wo sie einst standen. Andere wiederum waren wieder aufgebaut worden oder befanden sich im Stadium der Wiedererrichtung. Dort, wo der Schnee sich bereits etwas zurückzog, war das Gras noch braun, doch der Elb sah mit geübtem Auge, dass die Erde darunter gesundet war; gereinigt vom Schnee und von den Tagen vor dem Winter. Wenn der Frühling über Gondor endgültig hereinbrechen und die letzten Boten des Frostes vertreiben würde, dann würde der Pelennor bald wieder im saftigen Grün erglänzen, denn keine Pflanze war so widerstandsfähig und wuchs auf Zerstörtem so rasch neu, wie Gras.Bald erreichten sie den Ammas Echor, die große Außenmauer, die das Gebiet um Minas Tirith umzog und so lange den Schergen Saurons Trutz entgegen gebracht hatte. Die Mauer war größtenteils wieder erneuert und befestigt worden – eine der ersten Handlungen Aragorns, welche dem Schutz der Weißen Stadt diente. Sie passierten das Tor und betraten das freie Gebiet außerhalb der Stadtgrenzen. Linkerhand glitzerte das Wasser des Anduin und wenn man zurück sah, erkannte man Harlond – den Hafen, der Minas Tirith mit den süd-westlichen Gebieten entlang des großen Stromes verband und wo mächtige Schiffe anlegen konnten, deren Kiel sonst nur für das Meer und den unteren Teil des Anduin gemacht waren.
Legolas schürzte die Lippen. Hier waren Gimli, Aragorn und er an Land gegangen, nachdem sie die Korsarenschiffe übernommen und den Strom hinauf geführt hatten. Noch heute fröstelte es den Elb ein wenig, wenn er an die Armee der Lebenden Toten dachte, die mit ihnen gekommen war, denn im Gegensatz zu seiner Behauptung, die Gespenster der Menschen würden für Elben keine Schrecken bergen, war ihm die Anwesenheit dieser ruhelosen Seelen doch mehr als unangenehm gewesen.
Immer weiter ging es gen Südwesten, hinweg über zwei Weggabelungen, bis der Ochsenkarren schließlich von der großen Straße abbog und auf die Berg- und Waldgegend Lossanarchs gen Norden zuhielt. Zweimal hatte der Elb bemerkt, dass das Mädchen misstrauisch zurück sah und einmal war ihm, als würde ihr Blick auf ihm ruhen, doch er schlurfte und humpelte unbeirrt weiter und lauschte dem Gespräch der jungen Diebin und ihres Komplizen, welches sich um Belange des Dorfes drehte, aus dem sie zu stammen schienen, um jemand namens Avelson und schließlich um den Winter und das bevor stehende Frühjahr.
Als der Karren die große Südstraße verließ, wandte die junge Frau sich nochmals um und ließ ihren Blick wachsam über zurück gleiten. Ihr Augenmerk fiel auf einen humpelnden Mann in einem braunen Umhang, beladen mit einer Rückenstiege, der schon seit Minas Tirith hinter ihnen war, und nun an dem Wegzweig schwerfällig vorbei ging und den Weg weiter nach Südwesten nahm. Sie beobachtete ihn einen Moment und schürzte die Lippen.„Armer Teufel! Er humpelt gar ganz entsetzlich und dann noch die schwere Stiege, die er trägt!"
Thalon schaute ebenfalls zurück und nickte. „Ja, viele haben ein hartes Los gezogen. Aber er hat nicht schlecht eingekauft. Aus welchem Dorf auch immer er stammen mag: die Bewohner wird es freuen, was er herbei schleppt!"
Elinha seufzte leise und beugte sich zu der Plane hinab, die sie ein Stück anhob, während der Karren sich immer weiter von der Hauptstraße entfernte. „Obst, Oliven, Kartoffeln, Möhren, Kohl und… Was ist in den Schläuchen dort?" Sie zeigte auf die langen Trinkschläuche, die zusammen gerollte in einer Kiste lagen.
Ein schelmisches Grinsen erschien auf Thalons Gesicht. „Das einzige, was den Geist anregt und den fahden Geschmack von unseren Gaumen nehmen wird: Wein!"
„Wein?" entfuhr es Elinha ungläubig. „Du hast Wein mitgenommen?"
„Ja!" lachte ihr Begleiter. „Das gibt ein Festschmaus, der eines Königs würdig ist! Wir pressen morgen früh die Oliven aus, so haben wir gutes Öl! Damit bestreichen wir die Hasen, die noch abhängen, braten sie über dem Rost mit einigen Kräutern und essen dazu Kartoffeln aus dem Feuer und Obst. Und dazu mundet ein guter Wein!"
„Aber Thalon – Wein! Das war viel zu teuer! Wir brauchen andere Dinge mehr!" warf die junge Frau ein und sah ihn anklagend an.Der Mann neben ihr lächelte jedoch nur. „Mädchen, ab und zu braucht der Mensch eine kleine Freude, um einmal die Schatten seines Los' hinter sich zu lassen. Es waren nur wenige Schläuche, die ich erwarb, und sie verschmälern nicht das, was wir ansonsten mitbringen." Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Du wirst sehen: heute Abend zahlen wir Avelson und seine gierigen Ratten aus und morgen feiern wir ein kleines Fest! Danach können wir auch wieder uns dem Ernst unseres Daseins und den Fragen nach dem morgen widmen, aber ohne ein paar kleine Freuden, würde uns auch noch letzte Frohgemut abhanden kommen. Außerdem, so scheint mir, kannst du auch eine Abwechslung gebrauchen!"
Fürsorge und Wärme klang in seiner Stimme mit, welche die junge Frau berührte. Nach dem Tod ihrer Mutter, die ebenfalls ein Opfer des brutalen Überfalls der Orks geworden war, stellten Thalon und seine Frau die einzige Familie für sie dar, die sie noch hatte – sie und Kaya.„Du hast Recht, Thalon, wie immer!" seufzte sie und begann plötzlich zu lachen. „Wein, Wildbret und einen Monat Ruhe vor Avelson. Wir haben erfolgreich alles bei uns, was wir brauchen, ich bin nicht geschnappt worden und die Sonne scheint! Was wollen wir in diesem Moment mehr – außer der Kleidung, die Kaya und die anderen dringend gebraucht hätten?" Sie atmete tief durch. „Verdammter Elb!"
Thalon lachte auf. „Sei froh, dass du ihm entwischt bist! Ansonsten hättest du sicherlich den Palast von innen gesehen – wenn auch nur die untersten Stockwerke!"
Der Ochsenkarren entfernte sich mehr und mehr, und dennoch verschwand er nicht aus den Augen seines Verfolgers. Legolas sah aus den Augenwinkeln den beiden Menschen und ihrem Gefährt nach, während er den Weg die große Südstraße hinab weiter fortsetzte. Zweimal war ihm so gewesen, als hätte der Blick des Mädchens auf ihm geruht und ihre Worte, als der Ochsenkarren eine andere Richtung einschlug, bewiesen, dass es ihn tatsächlich bemerkt hatte – wenn auch als ‚armen Teufel' und nicht als den Verfolger, der er war. Um über jeden Verdacht hinweg zu täuschen, folgte er dem Straßenverlauf noch eine geringe Weile, bis er – nur eine halbe Meile entfernt – die Ausläufer des Waldes erreichte, der sich zu den Bergen hinauf zog. Vorgebend eine Rast einlegen zu wollen, verließ nun auch er die Straße, lehnte sich an einen der Bäume, dessen Nähe ihm guttat, und verschwand so plötzlich im Schatten des Hains, dass niemand, dessen Blick vielleicht zufällig in seine Richtung geglitten wäre, geglaubt hätte, er wäre einem Trugbild aufgesessen.
Der Elb atmete auf, als ihn der vertraute Geruch von Waldboden und Moos umfing. Obwohl auch hier Spuren der Verwüstung zu finden waren, so schien dieses Waldstück von der verheerenden Schlacht wie durch ein Wunder nicht behelligt worden zu sein. Seine Tarnung aufgebend eilte der Sohn Thranduils unter den noch kahlen Ästen dahin, übersprang Wurzeln und Farne und glitt so leichtfüßig über den Schnee, dass kaum ein Abdruck zurück blieb. Einzig die Stiege auf seinem Rücken behinderte ihn, aber es widerstrebte ihm sie abzusetzen und zurück zu lassen. Sie war beladen mit wertvollen Nahrungsmitteln und anderswo hungerten die Menschen. Es war ihm zuwider, Nahrung dem Verfall preiszugeben, wenn sie mit Sicherheit hungernde Mägen füllen konnte.
Er brauchte nicht lange, um seine ‚Beute' wieder zu finden. Das Quietschen der Holzräder, das Stampfen der schweren Hufe und die Stimmen der beiden Sterblichen führten ihn rasch wieder auf die richtige Fährte und nun, hier im Wald, wo er sich so zu Hause fühlte wie den in Gemächern seines Vaters Palastes, wurde er eins mit der Natur und somit unsichtbar für das Auge der Menschen.
Erneut folgte er dem Ochsenkarren, belauschte die Gespräche der beiden Komplizen, die ihm jedoch nicht viel Aufschluss gaben, da sie sich nur noch um irgendwelche Dinge drehten, die in ihrem Dorf passiert waren und dabei hauptsächlich von jemanden namens Kaya und Dalrehon, wobei es sich dem Anschein nach um Kinder handelte, die gerne Streiche spielten.
Die Sonne hatte schon längst ihren Zenit überschritten, als sie sich ihrem Ziel näherten. Legolas schätzte, dass zwischen Minas Tirith und dem Tal, welches sich vor ihnen erstreckte, ungefähr vier bis fünf Wegstunden lagen, wenn man in dem gemächlichen Schritt eines Ochsen lief. Er selbst hätte, so schätzte er, keine zwei Stunden gebraucht, um die Strecke zurück zu legen, die sie gekommen waren. Die Wälder waren dichter geworden und die ersten schroffen Felswände zeugten davon, wie nahe sie dem Weißen Gebirge gekommen waren. Hier lag der Schnee noch höher und bog die Zweige der Bäume und Tannen hinab zum Boden. Auch die Wärme der vergangenen Tage hatte sich hier noch nicht so deutlich gezeigt, was nicht verwunderte, denn schon seit geraumer Zeit zog der Ochse unermüdlich das Gefährt langsam aber stetig bergauf.
Kurz hatten die beiden Menschen eine Pause eingelegt, um dem Ochsen etwas Ruhe zu gönnen, der – so befand Legolas – recht mager war und dem es entsprechend an Ausdauer mangelte. Er selbst hatte sich in der Geborgenheit des Waldes gehalten, wo er ein wenig von dem Obst verzehrte, welches er aus der Stiege nahm. Ein paar Apfelstücke fanden den Weg in den eisigen Schnee, als ein einige trächtige Hirschkühe neugierig näher gekommen waren – wie magisch angezogen von der Präsenz des Elben. Nicht, dass das Schöne Volk nicht auch auf die Jagd ging, aber die Tiere hier in Gondor waren an Elben nicht gewöhnt und reagierten instinktiv auf die Anwesenheit Legolas'. Dieser sah sehr wohl die Rippen, die sich überdeutlich an den Flanken der Tiere abmalten, und seinem Mitleid nachgebend und warf er ihnen ein paar Obststücke zu, die er zuvor mit einem kleinen Messer grob zerteilte. Der Blick der großen braunen Augen sagte ihm mehr als alles andere und lächelnd hatte er ihnen zugenickt, bevor er sich wieder an die Verfolgung des Karrens machte, als die beiden Sterblichen ihre Rast beendeten.
Schließlich, als die Schatten länger wurden, roch der Elb die ersten Kaminfeuer und der Ochse schritt rascher aus, als er die Nähe des heimatlichen Stalls fühlte. Und dann hörte der Sindar-Elb die ersten entfernten Menschenstimmen und das Bellen eines Hundes. Entschlossen setzte er die Stiege ab, verdeckte sie mit dem zerschlissenen Umgang, Ästen und Zweigen, entrollte seinen eigenen Umhang, warf ihn sich um die Schultern, nahm den Sack mit den Kleidungsstücken auf, den er noch immer bei sich trug, und eilte dann die letzte Strecke durch den Wald dem Dorf zu, wo man die Rückkehr der jungen Frau und des Mannes bemerkt hatte. Jubelrufe und aufgeregte Worte durchzogen die Luft, unterbrochen von lauten Rufen und Lachen.
Sich weiterhin im schützenden Schatten der Bäume haltend, schloss der Elbenprinz die Distanz zwischen sich und der Menschensiedlung, und verbarg sich an deren Rand zwischen den behütenden Ästen und Zweigen von Büschen. Dünner Schock breitete sich in ihm aus, als er das Dorf in näheren Augenschein nahm. Mehrere Hütten waren im Halbkreis aufgebaut, in deren Mitte anscheinend die Felder begannen, die sich in Richtung der Berge zogen, jetzt aber noch vom Schnee bedeckt waren. Die Häuser selbst waren als solche teilweise kaum noch zu erkennen. Einige von ihnen waren abgebrannt und standen verfallen und verlassen am Rand; halb zusammen gesunken von der Last des Schnees. Andere wiederum wirkten so, als würde der nächste Frühjahrswind sie umwehen, so windschief und altersschwach sahen sie aus. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, manche Dachböden waren eingesunken und Spuren von gelöschten Feuern überzogen so manche Wand. Wege waren zwar angelegt, denn die Menschen den Schnee dort beiseite geschaufelt hatten, um gehen zu können, doch Legolas war sich sicher, dass sie nach der Schneeschmelze nur noch eine einzige Spur aus Matsch sein würden. An einem Haus in seiner Nähe war ein halb zerfallener Stall zu erkennen, vor dem ein zugeschneiter Haufen lag – wahrscheinlich Mist. Aus einigen Kaminen stieg dünner Rauch auf und durch so manche Bretterritze fiel ein dünner Lichtschein, doch das ganze Dorf war ein Bild der Armut und der Hoffnungslosigkeit. Auch den Menschen sah man ihre Not an: verhärmte, ungesund bleiche Gesichter, müde Bewegungen und magere Hände, die aus den teilweise drei- oder vierfach übergezogenen Kleidungsstücken hervor schauten. In vielen Augen spiegelte sich Resignation wieder, aber in denen anderer auch der unbeugsame Wille, nicht aufzugeben.
Und besonders jetzt, als der Ochsenkarren ankam und die Plane zurück geworfen wurde, schienen Müdigkeit und Verzweiflung von den Bewohnern abzufallen, und machten Raum für Freude und Hoffnung. Die junge Frau sprang von dem Kutschbock und wurde gedrückt und umarmt, während ein Hund an ihr emporsprang, Kinder an ihren Sachen zogen und es scherzende Kommentare ob ihres Geruchs gab, denn der Gestank des gebrauchten Strohs, in welches sie sich in Minas Tirith hatte fallen lassen, haftete nach wie vor an ihr. Sie lachte zurück, zog hier eine Frau auf, warf da mit einem Schneeball nach ein paar Kindern und half Ihrem Begleiter, die Plane von dem Karren zu entfernen und begann das Eingekaufte zu verteilen. Selten hatte Legolas Menschen erlebt, die sich so über etwas Geringes wie einen Zweig Oliven, ein paar Obststücke oder einen Beutel mit Kartoffeln freuten. Der Lenker des Karrens hob eine Kiste hoch und der Elb hörte das Wort „Wein", was lauten Jubel auslöste, in dem Begriffe wie „Festessen" und „welch glücklicher Tag" am häufigsten vorkamen.
Ein älterer Mann ging schwerfällig auf die junge Frau zu, die ehrfürchtig den Kopf senkte und dann mit ihm ein paar Sätze wechselte, die den Alten anscheinend erfreuten. Die Augen des Elben wurden schmal als er erkannte, was die Diebin hervor holte: seinen Geldbeutel! Legolas presste die Lippen zusammen. Das gute Stück würde er sich wiedeholen, stammte es doch von seinem Vater, der es ihm vor dem Ringkrieg schenkte. Leicht erzürnt bemerkte er, wie die junge Frau den erschreckend geringen Rest des Inhaltes in einen Beutel des Alten schüttete, selbst ein paar Münzen behielt und sich dann mit anderen Männern unterhielt, die recht aufgeregt wirkten. Nun, anscheinend war der größte Teil seines Geldes, welches er noch gestern bei sich trug, in der Tat für die Einkäufe benutzt worden, die nun unter der Bevölkerung restlos aufgeteilt wurden.
Der Wagenlenker spannte den Ochsen aus und führte ihn zu dem halb zerfallenen Stall, aus dem ein dünnes Wiehern erklang. Die restlichen Bewohner kehrten nach und nach in ihre Häuser zurück, genau wie die junge Frau, die in Begleitung von einer Frau mittleren Alters und einem kleineren Kind das Haus betrat, zu dem der Stall gehörte. Doch die allgemeine freudige Aufregung und die augenscheinliche Erleichterung legten sich noch lange nicht, denn aus sämtlichen Hütten ertönten aufgeregtes Gemurmel und Gesprächsfetzen.
Der Elb wartete. Sicher, man würde sich im Palast bestimmt schon Sorgen machen, aber er würde nicht von hier fortgehen ohne heraus gefunden zu haben, was es mit all dem auf sich hatte. Ja, er und Gimli hatten bei ihrer Reise herunter gekommene Dörfer gesehen, aber um keines war es so schlimm bestellt gewesen, wie um dieses. Winzig Ortschaften, die sich in einem solchen Zustand befunden hatten, waren verlassen gewesen. Doch etwas hielt die Menschen hier – und etwas oder jemand verschlimmerte ihr Leid, anstatt ihnen beizustehen. So viel stand für Legolas bereits fest. Trotz der dicken Sachen war ihm nicht entgangen, wie abgemagert die Bewohner waren und zu sehen, wie sie sich zwar auf die Einkäufe gestürzt hatten, dies jedoch geordnet und ohne jede Raffgier, dafür aber mit Hoffnung und Freude, hatte ihn bewegt. Dennoch zog er keine voreiligen Schlüsse. Sein Verdacht, eventuell auf eine Diebesbande gestoßen zu sein, hatte sich nicht verhärtet, aber dennoch lag hier etwas im Argen – und er war entschlossen heraus zu finden, was es war.
Und so übte er sich in Geduld, während im Dorf immer wieder die Menschen sich gegenseitig besuchten, hier was miteinander tauschten, hier sich etwas erzählten. Ein Blick zum Himmel sagte ihm, dass der Abend bereits herein gebrochen war, denn um diese Jahreszeit waren die Tage noch kürzer und gerade hier, zwischen den hohen Felswänden der Berge, versank die Sonne schneller und ließ die Nacht eher herein brechen, als in den weitläufigen Auen dem Grasland des Anduin. Doch der Elb harrte geduldig auf seinem Posten aus, beobachtete ein Eichhörnchen, das seine kleine Winterhöhle in einem nahen Baum verließ, um sich mit seinen gesammelten Vorräten in einem seiner zahllosen Verstecke zu stärken und lauschte den ersten Rufen eines Kauzes. Er hatte Zeit, denn eins brauchte man auf einer Jagd: Geduld.
Das laute Klopfen an der Tür ließ Aragorn zusammen fahren und selbst Arwen hob überrascht eine fein geschwungene Braue ob der Heftigkeit, mit der um Einlass gebeten wurde. Sie hatte die raschen, schweren Schritte wesentlich eher vernommen als ihr Mann und diese sofort dem Zwerg zugeordnet, jedoch hatte sie nicht damit gerechnet, dass Gimli Glóinssohn – kaum dass er angeklopft hatte – in die privaten Räume des Königspaares stürzte, und dabei jegliche Etikette vergaß.„Er ist immer noch nicht zurück!" platzte es aus dem Naugrim heraus und er knetete sich seine starken Hände, während seine kleinen, dunklen Augen besorgt von einem zum anderen huschten.
Estel erholte sich als erster von dieser recht freien Interpretation der allgemeinen Umgangsformen – immerhin war der Zwerg sein Freund – und trat einen Schritt näher. „Wer?"
„Legolas! Der Junge ist noch immer nicht zurück, und es wird schon dunkel!" Die Stimme Gimlis verriet überdeutlich, wie nervös er war.
Arwen lächelte leicht. „Gimli, Legolas kann durchaus auf sich selbst aufpassen. Er tut es seit vielen, vielen Jahrhunderten."
„Sicher ist er auf der Jagd und…" setzte Aragorn an, doch der Zwerg unterbrach ihn: „Auf der Jagd schon, aber nicht nach Wild, sondern nach der Diebin, die ihm heute Vormittag auf dem Markt wieder begegnete! Er ist ihr nach und hat gesagt, dass wir uns im Palast wiedertreffen, aber bisher ist er noch nicht zurück!"
Der Dúnedain und die Elbin tauschten einen kurzen Blick miteinander. „Legolas könnte wirklich in Gefahr schweben", sinnierte Estel mit einem versteckten Grinsen. „Schließlich jagt er keine Orks, Uruk-hais oder Höhlentrolle, und auch schlägt er sich nicht mit Riesenspinnen oder gar einen Olifant herum, sondern er verfolgt eine Diebin!"
Ein recht un-königliches, aber dafür umso mehr elbisches Kichern entrang sich Elronds Tochter, während sie ihrem Mann zublinzelte. „Wahrlich eine gefährliche Beute!"
Gimli verdrehte die Augen. „Ja, ja, lacht nur! Aber was, wenn die Kleine nicht alleine arbeitet und unser Elblein der Bande in die Hände gefallen ist?" Er warf Arwen bei dem Wort ‚Elblein' einen entschuldigenden Blick zu; immerhin war Legolas nur unbedeutend jünger als die Königin von Gondor, doch diese lächelte nur amüsiert. Sie wusste, wie stark die Beschützerinstinkte des Zwerges aufflammten, wenn es um einen ganz bestimmten Sindar-Elb ging.
Aragorn schloss die Distanz zu dem Naugrim und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Vielleicht ist Legolas etwas oder jemanden auf die Spur gekommen. Geben wir ihm noch ein wenig Zeit, Gimli, bevor wir etwas unternehmen. Ich kenne Legolas. Wenn er sich in etwas verbissen hat, dann vergisst er gerne, dass andere vielleicht auf ihn warten." Er sah, wie der Zwerg tief einatmete und sich auf die Lippen biss; nach wie vor schimmerte es in seinen Augen beunruhigt, und er klopfte ihm sacht auf den Rücken. „Warten wir noch etwas, mein Freund!"
„Vielen Dank für deine Hilfe, Ariena!" Elinha legte der Frau Thalons eine Hand auf die Schulter und drückte sie. Wie alle Lossarnacher war auch sie von kleinerem Wuchs und dunklerer Hautfarbe, doch war dies für die beiden Frauen nicht von Belang. Ariena war für Elinha dagewesen, als diese nach dem Überfall der Orks ohne Mutter und mit einem vierjährigen Mädchen, welches sie in ihre Obhut nahm, alleine zurück geblieben war. Umgekehrt hatte Elinha der verzweifelten Mutter Trost und Mut gegeben, als diese um den Tod ihrer drei ältesten Kinder trauerte. Auch für Thalon hatte die, von eigenem Schmerz erschütterte junge Frau ein offenes Ohr gehabt und so manchen Abend mit ihm zusammen gesessen, wenn die schier unüberbrückbaren Existenzprobleme den Mann zu erdrücken schienen, er aber dies vor Weib und Kind zu verbergen suchte. Und innerhalb des letzten Jahres war aus der einst einfachen Nachbarschaft ein enger Zusammenhalt gewachsen, und mehrfach hatte Thalon ihr angeboten, doch zu ihm und seiner Frau zu ziehen, doch Elinha hatte dankend abgelehnt. Sie hatte selbst für ein Kind zu sorgen und wollte Ariena nicht zur Last fallen. Außerdem, so schien ihr, war es so besser, denn sollte sie bei einem ihrer ‚Beschaffungsgänge' verhaftet werden, so würde man keine Verbindung zu Thalon und seiner Frau herstellen können.
„Und gib Dalrehon noch einen Aufguss von dem Tee. Der Verkäufer hat gesagt, er würde helfen", lächelte sie und schloss sich Thalon an, der die bereits schlafende Kaya in eine zerschlissene Decke gehüllt und auf den Arm unter seinen Umhang genommen hatte. Elinha war dankbar dafür, dass sie zum Essen eingeladen worden war; so brauchte sie für sich und Kaya nicht noch etwas zubereiten, denn sie war – wie sie sich eingestehen musste – sehr müde nach all der Aufregung.
Die Lossarnacherin lächelte sie dankbar an. „Nochmals tausend Dank, Elinha, dass du daran gedacht hast und gute Nacht. Es scheint, als ob Avelson heute nicht mehr kommt."
Die Augen der jungen Frau wurden schmal. „Verrecken möge er und die Wölfe sich an ihm ihre Mägen verderben!" knurrte sie und Ariena lachte leise auf. „Das Temperament der Waldläufer kommt in dir durch, Kind!"
Ariena war wohl der einzige Mensch dem Elinha es noch erlaubte, sie ‚Kind' zu nennen, denn die Lossarnacherin hatte für sie, hin und wieder, ein wenig die Mutterrolle übernommen. Sich Thalon anschließend, winkte sie ihrer Gastgeberin zu, zog ihr Schultertuch fester um sich und eilte hinaus in die schneidende Kälte. Ein Blick zum Himmel bewies, dass Wolken ihren Weg über die Bergkämme gefunden hatten, denn kein Stern war mehr zu sehen. Die Luft roch nach Schnee und seufzend wurde Elinha klar, dass die kommende Nacht eine weitere Schicht der kalten, weißen Pracht bringen würde. Und nicht nur das. Der Wind, der hin und wieder aufkam, wurde zunehmend heftiger und sie vermutete, dass er sich im Laufe der Nacht in einen Sturm verwandeln würde. Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum dieser Bluthund von Lehnseintreiber nicht erschienen war. Mit Sicherheit saß er in irgendeiner Schenke, gab sich dem Wein hin und schlug sich den Bauch mit gutem Essen voll, während seine Untergebenen ihm huldigten. Elinha biss sich auf die Lippen. Zur Hölle mit diesem Aasgeier!
Thalon begleitete sie zu ihrem Haus, wartete dort, bis sie eine Kerze und den Kamin angezündet hatte und brachte dann das schlafende kleine Mädchen in die winzige Schlafkammer, wo das Bett stand, welches Elinha und ihre Ziehtochter sich teilten. Dann wünschte auch er eine gute Nacht und verschwand.
Die junge Frau seufzte, goss sich aus dem Kessel über dem Kaminfeuer, in dem sie Schnee geschmolzen hatte, etwas Wasser in eine Schüssel, entledigte sich der schmutzigen Männerkleidung, warf diese in eine Ecke und wusch sich von Kopf bis Fuß. Sie hatte sich den kleinen Luxus gegönnt, auf dem Markt zwei Stück Seife zu erstehen, denn eines hatte ihr Vater sie gelehrt: Sauberkeit beugte Krankheiten vor, und da Kaya noch klein und für ihr Alter sehr dünn war – obwohl sie mehr zu essen bekam, als Elinha sich selbst nahm – fürchtete sie um die Gesundheit ihrer Ziehtochter. Es war eine Wohltat, sich den Schmutz und den Gestank endlich abzuwaschen, und den frischen Geruch von Seife genießen zu können. Obwohl das kleine Feuer in dem Kamin nur geringfügige Wärme spendete, säuberte sie sich länger und ausgiebiger, als es vielleicht nötig gewesen wäre, aber der Drang, nicht nur den Dreck der Straße und des alten Strohs, sondern auch den imaginären Schmutz ihres Handelns zu beseitigen trieb sie dazu. Sie warf den Lappen in die Schüssel und trocknete sich mit einem größeren sauberen ab. Nach und nach wurde ihr bewusst, wie kühl es im Raum war und sie freute sich bereits auf ihr Bett, doch zuerst reinige sie noch ihr langes Haar, drückte auch dieses in einem andere Lappen aus und schlüpfte dann rasch in ein einfaches Unterkleid, welches ihr als Nachtgewand diente. Danach zog sich dicke Socken über und ergriff ihren Kamm in der Hoffnung, die vielen Knoten im Haar lösen zu können. Es knackte im Kamin und ihr wurde klar, dass sie noch etwas von dem wertvollen Brennholz, dessen Stapel an der Wand bereits bedenklich geschrumpft war, opfern musste, wollte sie es morgen früh für Kaya warm haben. Den Kamm nochmals beiseite legend, ergriff sie einige Holzscheite, die sie eigenhändig mit einer Axt zerkleinert hatte, hockte sich vor den Kamin und verteilte das Brennmaterial in den kleinen Flammen, die sofort gierig danach leckten. Einige Momente lang sah Elinha dem Funkenflug zu, als die winzigen Feuerteilchen im Rauchabzug verschwanden. Sie hatte offene Feuer immer geliebt – schon früher, als ihr Vater sie hin und wieder mit den Wald genommen und sie dort vieles gelehrt hatte. Feuer bedeutete Wärme und Leben – solange es nicht entfesselt als Waffe benutzt wurde.Nein, heute Abend wollte sie nicht an jene Schreckensnacht zurück denken, die vor einem Jahr ihr Leben und das der restlichen Dorfbewohner von Grund auf änderte. Sie war gesättigt, es war warm und sie war frei! Mehr brauchte sie im Moment nicht.
Ein Geräusch hinter ihr ließ sie erschrocken aufspringen und herum fahren. Im Schatten schien sich für einen Moment etwas zu bewegen und ein Schrei bahnte sich den Weg aus ihrem Hals zu ihrem Lippen, den sie jedoch im letzten Moment zu unterdrücken vermochte, als eine hoch gewachsene Gestalt in den dünnen Schein des Feuers trat. Hellblonde Haarsträhnen schimmerten im Zwielicht wie geschmolzenes Gold und blaue Augen blitzten durchdringend in einem flüchtig vertrauten Gesicht, während eine ihr inzwischen bekannte Stimme kühl fragte: „Dachtest du wirklich, mir ein zweites Mal entkommen zu können?"
TBC…
