Kapitel 6 – Alltag (Ron)

Schon wieder in ihrem Schlafzimmer! Das gefiel Ron überhaupt nicht.

Der Schlafzimmer war wie ein zweites Zuhause für ihn geworden, hier konnte er sich entspannen, hier fühlte er sich wohl. Hier verbrachte er Zeit allein mit Harry und mit Hermine.

Das war kein Platz, wo ER sein durfte.

Aber Ron schluckte seine Einwände unausgesprochen hinunter. Sie würden ohnehin nicht gehört. Er hatte immer wieder dagegen protestiert, einen Slytherin in die Gemächer Gryffindors einzulassen. Aber sowohl Harry als auch Hermine nahmen ihn nicht ernst, sie schafften es nicht zu sehen, was doch glasklar war: Draco Malfoy hatte sich nicht geändert. Er war weinerlicher geworden, aber das war Teil seines Plans – denn er war klug, er appellierte damit gleichermaßen an Hermines Mutterinstinkt und an Harrys Beschützerinstinkt –, doch damit konnte er nicht Ronald Weasley täuschen.

Sie gingen also nach dem Abendessen hoch in den Turm und in das Burschenschlafzimmer des „achten" Jahrgangs und rückten die beiden Schreibtische zusammen, sodass sie zu viert einen eigenen Konferenztisch hatten.

Ron hätte die Treffen der VGDK-Lehrer am liebsten im Konferenzraum der Lehrer abgehalten, aber der war immer noch zerstört. Denn nach der Schlacht von Hogwarts waren zuerst die dringendsten Arbeiten erledigt worden: die Unterkünfte, die Klassenzimmer, die Große Halle und die Büros der Lehrer. Der Konferenzraum war aber anderthalb Monate nach Schulbeginn noch nicht fertig, und so schnell würde jetzt nichts mehr geschehen, weil alle fähigen Zauberer und Hexen mit dem Unterricht beschäftigt waren.

McGonagall hatte ihnen immerhin zugesagt, dass sie spätestens zu Weihnachten ein eigenes Büro haben würden. Aber bis dahin mussten sie andere Ausweichräumlichkeiten finden, in denen vier Personen ungestört arbeiten konnten. Oft genug durften sie am Abend leerstehende Klassenzimmer benutzen, aber die waren hin und wieder anderweitig belegt. Und dann kamen sie meist hierher.

Wie gewöhnlich setzten sie sich zusammen und begannen die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, das Korrigieren der Aufsätze:

„Die zweite Klasse macht gerade Mandragoras im Unterricht für Kräuterkunde. Da könnten wir einen kleinen Exkurs zum Basilisken und zur Medusa machen, was meint Ihr?"

„Ist Euch aufgefallen, wie sehr sich die sechste Klasse für Eure Geschichte mit dem Troll vor sieben Jahren interessiert hat? Das sollten wir Prof Hagrid mitteilen. Die stehen auch auf dem Lehrplan der sechsten Klasse in Pflege magischer Kreaturen. Der soll ihnen mal einen echten zeigen, damit sie sehen, was Ihr damals wirklich vollbracht habt!"

„Ron, Du musst besser erklären, wie ein Gnom ausschaut. Nach dem Unterricht hat mich heute ein Schüler gefragt, ob Prof Flitwick einer ist."

„Einige der Erstklässler haben immer noch Probleme mit dem Vermiculus-Zauber. Haben wir den damals nicht verständlich genug erklärt?"

Und am Ende brachte Hermine wieder einen ihrer zahlreichen Lehrplanreformvorschläge zur Sprache: Heute war Fremdsprachenunterricht in Hogwarts an der Reihe:

„Ich habe heute mit Prof McGonagall gesprochen, ob man nicht vielleicht Latein oder Französisch an Wochenenden unterrichten könnte, als Freifach. Sie schien recht angetan von der Idee, und hat dann irgendwas zitiert, was wohl Latein war: ‚Auria prima setast', oder sowas, ich hab's nicht richtig verstanden."

Da räusperte sich die Viper und trug aus dem Gedächtnis vor: „Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo, sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat. Das sind die ersten beide Verse der Metamorphosen Ovids, eines großen römischen Dichters und Animagus'."

Klugscheißer.

Hermine starrte Draco mit großen Augen an – sie starrte für Rons Geschmack viel zu oft auf diesen Schönling –: „Du kannst Latein? Das ist ja toll! Wo hast Du es gelernt? Wie lernt es sich?"

Ron folgte der Diskussion mit gerunzelter Stirn, und drehte sich zu Harry, in der Hoffnung auf seinem Gesicht dieselbe Skepsis zu sehen. Aber entsetzt fand er dort denselben anhimmelnden, verzückten Gesichtsausdruck, mit dem auch Hermine der Natter lauschte.

Auch wenn er es abstreitet, daran gibt's nichts zu zweifeln: Er ist verliebt ... ausgerechnet ... Von allen Leuten, in die sich Harry verlieben konnte, musste es ausgerechnet ER sein ...

„Wozu brauch ich Latein?", versuchte Ron den Gedanken aus seinem Kopf zu bekommen und das Thema zu wechseln. „Was bringt mir eine tote Sprache? Außerdem hätten die Schüler ja ohnehin nie Zeit für sowas."

Malfoy drehte sich zu Ron um: „Latein ist, gewiss, eine tote Sprache, aber es ist die Basis für viele andere Sprachen oder hat sie in einem großen Ausmaß mitgeformt, von Französisch und Spanisch bis Deutsch und Englisch! Ich gebe zu, dass sich vielleicht wenig Nutzen direkt daraus ziehen lässt, aber langfristig bringt es Dir so viel, weil es Dir in so vielen anderen, weit verstreuten Gebieten hilft! Denk nur daran, in wie vielen Zauberformel nicht lateinische Ausdrücke stecken!"

Und um seinem Argument Nachdruck zu verleihen, zückte er den Zauberstab: „Accio Tintenfass!" Während das Tintenfass ihm entgegenschwebte, sagte er: „Accio zum Beispiel heißt auf Latein ich rufe herbei."

Und Hermine ereiferte sich, ihm beizustehen: „Der Hauptnutzen von Latein ist wie bei Mathematik indirekt: Die Übung des logischen, abstrakten und genauen Denkens ist viel mehr wert als die Fähigkeit, den Umkreismittelpunkt eines Dreiecks berechnen zu können."

Wessen Freundin bist Du eigentlich? Meine? Oder seine?

Ron sah sich auf verlorenem Posten: „Dann wenigstens Französisch. Damit kann ich wenigstens mit den Schülerinnen aus Beauxbâtons reden."

Seine Freundin antwortete schmunzelnd: „Ron, ich habe Dich schon öfters mit ihnen reden sehen. Glaube mir: Je weniger sie Dich verstehen, umso besser!"

Rons Gesicht wurde weasleyrot, als Hermines Witz Harry und den Iltis zum Lachen brachte. Um ihn wieder zu versöhnen, drückte sie ihm ein Küsschen auf die Wange und sagte dann: „Ich würd aber vielleicht auch eher Französisch machen."

Und als Ron nicht wusste, wie er diese Antwort verstehen sollte, wurde sein Gesicht noch eine Spur röter.


Solcherlei waren die Probleme, mit denen sie sich zuerst beschäftigten. Dann machten sie sich an das Korrigieren der Arbeiten. Das war eine recht mühsame Angelegenheit.

Viele, besonders die Buben und besonders die in den höheren Jahrgängen, hatten eine Handschrift, die statt aus Buchstaben aus willkürlich geformten Klecksen zu bestehen schien. Ron konnte ihnen aber keinen Vorwurf machen – waren deren Handschriften doch immer noch viel schöner als die seine. Da schlimmste war: Weil er selbst die meiste Erfahrung im Entziffern von Sauklauen hatte, bekam er immer die Unleserlichsten zum Korrigieren.

Ebenfalls mühsam waren Aufsätze von Schülern, die einfach kein Interesse an der Materie hatten. Während es eine Freude war, den Essay eines engagierten, interessierten Schülers zu lesen, steckte ein halbärschig hingeschmierter Damit-ich-halt-was-abgeben-kann-Aufsatz mit schlechter Laune an.

Nach der Arbeit quatschten sie noch ein Weilchen weiter. Dann würde sich Ron Hermine packen und sie auf sein Bett ziehen, sie kitzeln und küssen, während sich Harry und der Slytherin noch ein wenig über irgendwas anderes unterhielten, über irgendwelche Details, die sie für ihr merkwürdiges Spiel voneinander wissen mussten.

Schlimm war es mittwochs und donnerstags, denn dann hatte Hermine noch Unterricht in Arithmantik und Alten Runen, und er war alleine mit dem „Paar". Und abgesehen davon bedeutete die Abwesenheit seiner Gefährtin, dass mehr Arbeit an den drei Burschen hängen blieb, weil sie eine Arbeitskraft weniger waren. Er konnte seiner besseren Hälfte natürlich keinen Vorwurf machen.

Er konnte aber Malfoy diesen Vorwurf machen.

Ron konnte sich es selbst nichts so genau erklären, wie, aber er konnte Hermines anderweitige Verpflichtungen dem Marder anlasten. Innerlich, zumindest. Denn Harry und Hermine hatten sich blenden lassen von seinem „Sinneswandel" und sobald Ron auch nur ein schärferes Wort an ihn richtete, drohte Hermine mit Liebesentzug und Harry warf sich wieder schützend vor seinen Geliebten. Harry stritt zwar ab, in ihn verliebt zu sein, und sagte, dass er es nur eine Rolle spiele, aber Ron kannte seinen besten Freund zu gut.

Ich seh es ja rund um die Uhr. Wie Harry ihn ansieht. Wie er behauptet, Malfoy hätte etwas im Haar oder an der Wange, um ihn zu berühren. Wie er traurig zur Tür starrt, wenn der Marder gegangen ist. Er hat sich in die schlimmstmögliche Person verliebt, der arme, arme Dummkopf ...

Die ganze Geschichte war überhaupt zu einer Belastungsprobe für ihre Freundschaft geworden. Montag bis Freitag musste er fast den ganzen Tag mit Malfoy verbringen, die ganze Zeit musste er das Gift dieser Schlange ertragen. Und deswegen ware er oft gereizt und ging mit seinen Freunden harscher um als nötig.

Selbst am Wochenende musste er sich oft mit der Kobra abgeben, denn wenn er mit seinen beiden besten Freunden irgendwohin wollte, dann musste Harry immer auch noch „seinen Freund" fragen, ob er nicht mitkomme. Zum Glück blieb der gerne allein.

Denn alleine kann er besser planen, was auch immer er plant. Das ist schon ein halbes Schuldeingeständnis. Irgendwann finde ich raus, was diese Viper wirklich plant. Streit mit seinem alten Herrn, wer's glaubt! Die beiden stecken doch unter einer Decke, und wollen sich an Harry rächen, weil er ein anständiger, ehrlicher Kerl ist.

Ron hatte bisher keinen Beweis für seine Theorie finden können: Das Tintenfass blieb unschuldig, Malfoy verschwand nicht unerklärlicherweise, um wenige Stunden später genauso unerklärlich wieder aufzutauchen, es geschahen keine mysteriösen Unfälle. Das störte Ron aber nicht sonderlich. Er wusste, es war nur eine Frage der Zeit. Und er wusste, dass es nicht leicht sein würde, da sein Gegenspieler ein vorsichtiges, durchtriebenes Schlitzohr war.

Es war echt überzeugend. Wenn er Malfoy nicht schon so lange gekannt hätte, hätte er sich vielleicht selbst auch täuschen lassen. Die Slytherins schienen alle mitzuspielen. Mit Ausnahme der ersten Jahrgänge taten fast alle so, als könnten sie ihn wirklich nicht mehr leiden. (Das ganze Haus Slytherin ist bis ins Mark verdorben!) Sie buhten ihn immer noch aus, pfiffen ihn aus, manche warfen mit Dreck nach ihm, und hin und wieder fanden sich „persönliche Geschenke" der Slytherin vor seiner Zimmertür – Ron hatte sie einige Male selbst gesehen (und gerochen).

Und an Tagen, an denen so etwas geschehen war, verbrachte die Viper viel mehr Zeit bei Harry. Dann schlängelte er samstags und sonntags in Räumlichkeiten der Gryffindors herum. Und dann sah Ron ihn immer wieder lachen.

Und Ron wusste natürlich, worüber die Schlange lachte: „Diese Dummköpfe! Sie haben keine Ahnung, dass ich in Wirklichkeit nicht ihr Freund bin! Bald werden sie erfahren, dass ich ihr schlimmster Alptraum bin! Und dass sie auf den klugen Ron hätten hören sollen!"

Aber Malfoy hatte keine Ahnung, dass Ron ihn durchschaut hatte: Wenn eine Schlange plötzlich neu aussieht, dann ist sie nicht wiedergeboren und geläutert! Dann hat sie sich nur gehäutet, das liegt in ihrer Natur; sie ist so heimtückisch wie zuvor. Warum konnten das Hermine und Harry nicht einsehen?


Malfoy war ein geschickter Lügner. Daran gab es nichts zu bezweifeln. Denn gemeinsam mit Harry vermochte er die ganze Schule zu täuschen, glaubten doch inzwischen alle Hogwartsianer, Harry Potter und Draco Malfoy seien ein Liebespaar; manche hatten sogar einen Spitznamen für diese unheilige Allianz: Drarry.

In der Woche nach dem Zwischenfall mit dem Slytherin, der die Kobra als „Prof Mörder" bezeichnet hatte – selbst Ron gab zu, dass das zu weit gegangen war –, war Harry in VGDK gleich zu Beginn jeder Stunde vor die Klasse getreten und hatte verkündet:

„Schüler, ich will ehrlich zu sein. Ihr habt vielleicht schon von Gerüchten gehört, denen zufolge Prof Malfoy und ich ein Liebespaar seien. Nun, zu diesen Gerüchten lässt sich nur eines sagen: Sie sind wahr. Wir lieben einander."

Und im Allgemeinen glaubten ihnen die Schüler! Einige freuten sich sichtlich über diese Lüge (vor allem die Jüngeren und die Mädchen), einige begegneten der Ankündigung mit mehr oder weniger blanker Ablehnung (vor allem die aus dem Hause Slytherin), vielen war es schlicht und ergreifend wurscht, aber sie glaubten es alle.

Und wenn sie jemand nach Details fragte, wie sie denn zusammengefunden hätten, dann hatte Harry eine kitschige Rede vorbereitet:

„Draco litt fürchterlich unter seinem Umfeld: Seine Eltern hatten ihn auf den Pfad Lord Voldemorts gezwungen. Deswegen, als Voldemort starb, sagte er sich los von Eltern, die ihn nicht liebten; von einer Freundin, die nur sein Erbe mochte; von Freunden, die Voldemort die Treue hielten. Er sagte sich los in der Hoffnung, glücklich zu werden. Und dann kehrte er an den einzigen Ort zurück, der ihm noch geblieben war: Hogwarts. Ganz ohne Freunde, aber mit vielen Feinden kam er hier an – Ihr habt gesehen, wie er unter den Mitschülern litt. Und eines Tages war er wieder gekränkt worden, und er floh an einen Ort, wo er in Ruhe weinen konnte. Und dort fand ich ihn. Und ich legte ihm einen Arm auf die Schulter und spendete ihm so Trost. Und dann sah er mir in die Augen, und ich sah in seine, und dann – es war ein magischer Moment – wussten wir, dass wir füreinander bestimmt waren. Er küsste mich – oder küsste ich ihn? Wer weiß. Es bedurfte keiner Worte mehr. Wir beide wussten von da an: Wir sind füreinander bestimmt."

Eine entsetzliche Geschichte, aber die Leute glaubten danach an Dracos Sinneswandel! Alle! Schüler, Lehrer, Mom, Dad, Ginny...

Hagrid war die größte Enttäuschung. Bei Hagrid, der unter den Launen des verwöhnten Balgs so sehr zu leiden hatte, der seinetwegen fast seine Arbeit und Seidenschnabel verloren hatte, war sich Ron am sichersten, dass er es nicht hinnehmen würde, dass sich die Klapperschlange gewandelt hätte. Aber es war anders gekommen, als Ron gehofft hatte ...


Als sie eines Samstags Hagrid besuchten, hatte Harry darauf bestanden die Natter mitzunehmen und sie dem Halbriesen als seinen Freund vorzustellen – denn in den Plan wollten sie ihn nicht einweihen, er plauderte allzu gerne Geheimnisse aus. Also hatte Harry von seiner „Liebe" zu Malfoy und von dessen „Wandel" erzählt.

Hermine hat es am Anfang des Semesters perfekt gesagt: Egal wie sehr die Leute Malfoy verachten und misstrauen, sie lieben und vertrauen Harry mehr. Damit war der unschuldige, naive Harry zur mächtigsten Waffe der Kreuzotter geworden.

Alle Skepsis Hagrids war durch Harrys unschuldige Lüge wie weggewaschen. Draco war geläutert – daran gab es keinen Zweifel für ihn. Er umarmte Harry und den Iltis – Ron kannte diese Umarmungen und hatte daher gehofft, der Halbriese würde die Schlange versehentlich zerquetschen –, wünschte ihnen viel Glück, strahlte über das ganze Gesicht und erzählte einen zotigen Witz über einen Schwarzen, einen Chinesen und einen schwulen Riesen, über den alle lachen müssten, der aber den vier Junglehrern auch die Schamesröte ins Gesicht trieb.

Dann schenkte er ihnen allen Tee ein und plauderte mit ihnen, als wäre nichts gewesen.


Mom, Dad, Ginny, Hagrid, Hermine, Harry; ist denn die ganze Welt verrückt geworden?