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Kapitel 7

Der Raum der Wünsche

Samuel Carver kam gerade vom Schulhof in den Korridor, der zur großen Halle führte, als er von Weitem einen vertrauten Blondschopf sah. Er stand auf einer der ersten Stufen der Treppe zu den oberen Stockwerken.

Draco hatte ihn noch nicht entdeckt, schien aber nach jemandem zu suchen, denn er schaute von seinem leicht erhöhten Platz aus immer wieder von links nach rechts und zurück über die Schüler hinweg. Sam blieb neben einer Rüstung stehen und nahm sich einen Augenblick Zeit, den anderen zu beobachten.

Es ist schon seltsam, wie der Kleine sich verändert hat, dachte er. Hübsch hatte er Draco schon immer gefunden, aber auf eine herablassende Art. Eher niedlich vielleicht. Denn eigentlich konnte er nichts auffällig Attraktives an ihm finden. Im Prinzip mochte er diese glatte, akkurate Art sich zu kleiden und frisieren, wie es Dracos Stil war, gar nicht. Das war ein Aussehen, das er normalerweise unter „tuntig" eingeordnet hätte. Und die Tunten waren für ihn meist nichts als ein guter Fick. Sagenhaft gut, aber eben nur das. Draco allerdings passte nicht ganz in diese Schublade. Jedenfalls seit knapp drei Monaten, dachte Sam und erinnerte sich an seinen ersten Eindruck von dem blassen, zarten Jungen mit zurückgelegtem Haar und makelloser, glatter Haut, der da auf dem Stuhl gesessen hatte und vom Sprechenden Hut in sein Haus geschickt wurde. „Ein Homo", hatte er als erstes spöttisch gelacht, allerdings, ohne dem besondere Bedeutung beizumessen. Für ihn war das damals nur ein Wort gewesen; ein Wort, das er oft und schnell aussprach; aus Angst, dass jemand ihm zuvorkam und ihn so nannte.

Nach dem Erlebnis im Sommercamp – und seinem unmittelbar darauf folgendem Outing – hatte er Draco dann tatsächlich für eine Tunte befunden, weil der Junge, mit dem er dieses Erlebnis gehabt hatte (welcher zu dieser Zeit das ultimative Vorbild für ihn darstellte) sehr abfällig über „diese Art" von Schwulen gesprochen hatte. Und im vergangenen Schuljahr hatte er Draco gedanklich als „kleine Nummer für später einmal" vorgemerkt. Denn hübsch war Draco Malfoy; jeder seiner Freunde, der auf diese Art der Schönheit Wert legte, war derselben Meinung. Nun, eigentlich war er jetzt bei diesem Später angekommen, und es wäre ein Leichtes, das jetzt von ihm zu bekommen. Es wäre schon an jenem Abend unter der Weide ein Leichtes gewesen.

Nur sah Draco Malfoy jetzt nach mehr als einer kleinen Nummer aus. Und er hatte sich nach mehr angefühlt. Wie viel mehr? Das konnte Sam im Moment nicht sagen. Aber mehr. Draco hatte seit den letzten Sommerferien eine seltsame Ausstrahlung von Härte bekommen. Kein Machogehabe oder besondere äußerliche Merkmale; nicht einmal der noch so flaumige Ansatz eines Bartes; vielleicht etwas breitere Schultern und kaum merklich kantigere Gesichtszüge. Aber was Sam diesen Eindruck verschaffte, war viel subtiler; etwas, das Dracos Gesicht erwachsener und seine Haltung straffer gemacht hatte, das seinem Aussehen und Verhalten einen gewissen, nicht genau definierbaren Schliff verliehen hatte. Und dieser Schliff machte eben mehr als eine bloße Nummer aus Draco. Was immer „mehr" in diesem Fall sein mochte – Sam war zugleich neugierig und abgestoßen. „Mehr" machte immer Probleme. Es machte anfällig und verletzlich. Es kratzte an alten Wunden, die jederzeit aufbrechen konnten. Doch warum war dann der Drang, weiter zu gehen, so stark? Wie ein verdammtes, dummes Schaf, das immer wieder gegen den Elektrozaun rennt, um an das gute Gras zu kommen.

Sam blinzelte und stellte fest, das Draco ihn entdeckt hatte und jetzt auf ihn zu kam. Er straffte sich, setzte sein fröhlichstes Lächeln auf und ging dem anderen entgegen.

Als sie sich gegenüber standen, breitete sich ein Grinsen auf Sams Gesicht aus, bevor er es verhindern konnte. Innerlich hätte er sich gern selbst dafür skalpiert, aber Draco schien es ähnlich zu gehen. Ja, so war das nun mal, wenn man herummachte und dann im Alltag aufeinander traf. Und unerwarteterweise war Sam es, den das am meisten traf, denn so ein einzelner Kuss und das bisschen Gefummel waren normalerweise Mittel zum Zweck für ihn; Stationen, die er auf dem Weg zum Ziel nehmen musste, wenn er sich wieder einmal auf einen Neuling in der Schwulenszene von Hogwarts eingelassen hatte. Dass er selbst plötzlich wieder so peinlich romantisch wurde, erschreckte ihn.

Sam schluckte unmerklich und zwang sich zu einem charmanten Lächeln – wie er hoffte. In seinem Gesicht fühlte es sich immer noch wie ein groteskes Clowngrinsen an.

„Hi, Draco", begann Sam unschlüssig. Toll, du Hecht, dachte er dabei. Denken, dann reden. Sprich mit ihm; einfach nur reden.

„Ich habe gehört, dass du heute aus dem Unterricht musstest." Schon besser. Es wird doch.

„Ja, ich war irgendwie abgelenkt", antwortete Draco wahrheitsgemäß. Komischerweise klang er dabei, als wäre es Sams Schuld. Jedenfalls kam es Sam so vor. Natürlich konnte er sich das auch einbilden.

Draco trat einen Schritt an ihn heran. Es machte Sam beunruhigend zappelig, so dicht vor ihm zu stehen und sein Herz so jagen zu spüren.

„Schätze, ich muss mich nur mal aussprechen", sagte er leise und gedehnt, wobei er „aussprechen" betonte, als würde er damit etwas völlig anderes als den eigentlichen Sinn des Wortes meinen. Und er belegte diesen Tonfall, indem er seinen Blick senkte und ihn erst an Sams Lippen und dann tatsächlich auf Höhe von Sams Lendengegend haften ließ. Dann sah er ihm wieder ins Gesicht und sah irgendwie anders aus.

Sam kannte den Blick. Es war der Machʼs-mit-mir-Blick. Den hatte er schon vor langer Zeit so benannt; als er ihn einzuordnen gelernt hatte. Unzählige Jungen hatten ihn seit dem letzten Schuljahr so angesehen. Dieses unverkennbare Signal, welches zur Not auch quer durch die Große Halle oder über den Schulhof funktionierte und binnen Sekunden ein völliges Einverständnis zwischen zwei fast fremden Jungen oder Männern schaffen konnte. Der Ruf, für den er eine Art Radar entwickelt hatte und dem er seit mehr als einem Jahr ohne zu zögern folgte, sooft er ihn wahrnahm. Der Machʼs-mit-mir-Blick stand nun deutlich, unumgänglich und unmissverständlich in Dracos Gesicht. Und Sam wollte ihn gern ignorieren. Aber er konnte nicht. Zu stark war bereits die Verbindung zwischen Registrieren dieses Blickes und Reaktion im Lustzentrum geworden. Wie beim beschissenen Pawlow-Reflex, dachte Sam. Nur, dass Draco das Glöckchen inform seiner Mimik läutete und ihm etwas anderes als Futter vor die Nase hielt.

Sams Körper war der Hund. Und vermehrter Speichelfluss wäre sein geringstes Problem gewesen. Er spürte, wie der Stoff seiner Hose sich unter seinem Schulumhang leicht spannte. Mit unbeweglicher Miene sah er Draco an. Draco sah jetzt unsicher aus, blieb aber stehen. Die Schüler, die auf dem Korridor um sie herumgehen mussten, warfen ihnen im Vorbeigehen seltsame Blicke zu – was Draco nicht zu stören schien und an Sam völlig vorüberging, weil es ihn schon lange nicht mehr interessierte. Tatsächlich waren etliche Gesichtsausdrücke dabei, die eher von Wiedererkennen und Genervtsein geprägt waren, weil viele der Schüler Sams Vorliebe für schnelle Entscheidungen kannten. Nicht wenige von ihnen hatten die Auswirkungen dieser Entscheidung am (beziehungsweise im) eigenen Körper gespürt und grinsten wissend, als sie die Situation erkannten. Manche begannen, aufgeregt mit ihrer Begleitung zu tuscheln, als sie Draco Malfoy erkannten.

„Komm mit", sagte Sam knapp und ging an ihm vorbei zu den Kerkertreppen. Draco stand einen Moment lang konfus im Strom der vorbeieilenden Schüler, dann drehte er sich um und folgte dem anderen.

* * *

„Potter – soll – was?" Ungläubige Fassungslosigkeit tropfte von den Worten wie Öl von alten Fritten. Severus Snape war in einem Maße angewidert, wie er es von Worten aus dem Munde von Albus Dumbledore selten zuvor gewesen war.

„Ich muss sagen, Severus, dass dein Gesichtsausdruck jedes weitere Wort der Abscheu erübrigt. Es muss in der Tat ein Greuel für dich sein." Dumbledores Stimme drückte eine amüsierte Form des Bedauerns und der Gelassenheit zugleich aus, wobei allerdings die dunklen Ringe unter seinen Augen und die unnatürlich tiefen Stirnfalten diesen Ausdruck nicht in die Mimik des alten Schulleiter durchdringen ließen.

„Doch es ist mein Ernst. Richte es Harry aus. Ich würde es selbst tun, doch ich muss unverzüglich wieder aufbrechen. Glaube mir, Severus, ich könnte mir viele andere vorstellen, die ich mit diesem Auftrag um ein Vielfaches lieber belästigen würde als dich. Aber es geht nicht anders. Ich muss darauf vertrauen können, dass es an Harry übermittelt wird, und du bist momentan die Kontaktperson." Er sprach immer noch ruhig, fast im Plauderton. Leute wie Albus Dumbledore mussten keine Dringlichkeit in ihren Tonfall legen. Allein, dass sie etwas aussprachen, reichte als Beleg für die Wichtigkeit ihrer Worte. Es war wie ein Imperius-Fluch; man konnte sich einfach nicht entziehen.

Manchmal war Severus sich nicht ganz sicher, ob er nicht tatsächlich eine kleine, hämische Stimme in sich sprechen hörte, die sagte: „Du weißt, dass du musst. Du willst. Du musst wollen." Wüsste er nicht genau, dass Dumbledore niemals einen Unverzeihlichen Fluch anwenden würde, dann wäre er sich sicher. So musste er davon ausgehen, dass das kleine Stimmchen zu ihm selbst gehörte. Zu einem Teil von ihm, den er gern den „weichherzigen Narren in sich" nannte. Er schob die Schuld an dieser Erscheinung auf die viele Zeit, die er seit dem Verrat an den Potters mit dem Schulleiter verbracht hatte. Es gab Zeiten, in denen war er dankbar für diese leise Stimme; dafür, dass sie ihm gegen die Zweifel half. Zweifel, die immer dann an ihm nagten, wenn er allein in Spinnerʼs End saß und nicht sicher war, auf welcher Seite er stand und wen er verriet. Doch manchmal hasste er sich für diese Stimme, weil sie so furchtbar einnehmend war. Und weil sie Dinge von ihm verlangte, die weit über Loyalität hinausgingen. Sie verlangte Selbstaufgabe. Sie verlangte Konzentration bis zur nahen Bewusstlosigkeit. Sie verlangte selbstverständliche Aufopferung unter Lebensgefahr.

Und Severus spürte bittere Galle in sich hochsteigen, als ihm klar wurde, dass Potter ihm leid tat. Weil Dumbledore Potter benutzen wollte. Egal, was für die beiden Jungen tatsächlich dahintersteckte oder inwiefern sie selbst ohnehin auf diesem Weg waren; Albus Dumbledore schien eine Art interessantes Schachspiel darin zu sehen. Schwarz war Voldemort mit seinem grenzenlosen Hass gegen alles, was nichts mit ihm selbst zu tun hatte. Weiß war anscheinend Harry Potter und seine idiotischen … nun, wie auch immer gearteten Gefühle für Draco Malfoy. Dass ihm, Severus selbst, solche Dinge weder Interesse noch irgendeine Form von Verständnis abrangen („Bis auf eine kleine Ausnahme, nicht wahr?", spottete die hämische Stimme in ihm leise), tat hierbei nichts zur Sache. Einzig und allein, dass Dumbledore all diese Dinge mit einer so unverschämten Selbstverständlichkeit erwartete, machte alles so unwirklich und unfassbar für ihn. Wie lange, fragte er sich hinter seinem mühelos und in reiner Gewohnheit aufrecht erhaltenen Schild der Okklumentik, würde er noch zwischen Männchen machen für Voldemort und Pfötchen geben für Dumbledore unterscheiden können?

„Danke, Severus", sagte Dumbledore leise. Und dann, mit einer Stimme, die unendlich alt, sorgenvoll und müde klang: „Ich weiß, dass ich wie immer zu viel verlange. Von euch allen."

Severus hasste alles an dieser Stimme. Die Schwäche und die Weichheit darin, die Einsicht und das genaue Wissen um die Richtigkeit der Worte, welche sie verkündete. Und gleichzeitig liebte er sie für die süße, gerechte Qual darin, für den Schmerz, den er dem alten Narren wünschte für das, was er von ihm und all jenen, die ihm folgten, erwartete. Und doch gaben ihm die Worte Halt und klärten seinen Blick für den Unterschied zwischen der einen und der anderen Seite. Sie zeigte ihm den Kern, seinen eigenen Kern. Die Liebe zu dem Menschen, aus der er das alles hier tat. Das Versprechen an die tote Seele, die zu retten er alles Mögliche, alles Erdenkliche getan hätte.

„Machen sie sich jetzt auf den Weg", sagte er mit kalter Stimme und ausdrucksloser Miene. „Hier wird alles zu … ihrer vollsten Zufriedenheit geschehen." Er konnte den Sarkasmus beim Sprechen der letzten Worte nicht ganz verhindern. Dumbledore ging nicht darauf ein. Langsam stand er aus seinem Sessel hinter dem Schulleiterschreibtisch auf und richtete sein seidiges, hellblaues Gewand und die Talismane und Anhänger, die er um den Hals trug. Severus beobachtete, wie steif er seine rechte Hand dabei hielt.

„Ich könnte den Schmerz zeitweise etwas lindern", sagte er widerwillig, wenn auch mit der ehrlichen Bereitschaft, es zu tun.

„Bitte", sagte Dumbledore dankbar und hielt ihm die schwarzen Finger hin.

Severus murmelte ein paar beschwörende Worte und schloss die Augen. Weißer Rauch stieg in feinen Schlieren aus der Hand hervor und verlor sich. Das Aussehen des Körperteils veränderte sich nicht, aber Dumbledores Haltung entspannte sich fast unmerklich und zugleich unübersehbar, so dass man ahnen konnte, wie sehr er sich bereits an den Schmerz gewöhnt hatte.

Der alte Zauberer nickte langsam und seufzte erleichtert. Dann ging er zum Fenster. Er konnte von überall disapparieren, aber der Blick über die Ländereien des Schlosses wie zum Abschied war ein festes Ritual des Schulleiters.

„Was passiert, wenn es nicht funktioniert?", fragte Severus langsam. Diesmal ohne Abscheu.

Es gab zwei Möglichkeiten. Dumbledore sagte sie ihm. Beides triftige Gründe, es zu versuchen, fand Severus. Nicht, dass er sie nicht selbst gekannt hatte. Doch dass sie von diesem Mann, der so unendlich älter und weiser war als er selbst, ebenfalls als die einzigen erwägt wurden, machte sie unausweichlich und endgültig. Dumbledore legte den Kopf schief und hinterließ ein Vakuum, das sich laut knallend mit Luft füllte und die strähnigen Haare des Lehrers wehen und sein langes, schwarzes Gewand flattern ließ.

* * *

Als Sam mit Draco im Schlepptau durch den Schlafsaal ging, in welchem er und seine Freunde aus dem siebenten Jahrgang untergebracht waren, ließen die beiden dort herumlümmelnden Schüler ihre Zeitschriften sinken und sahen die zwei Jungen mit großen Augen an. Draco ahnte, welchem Umstand die Ungläubigkeit darin galt, aber er hatte keine Zeit und keinen Nerv, sich darum zu kümmern. Und er stellte fest, dass es ihn auch nicht wirklich störte. Er folgte Sam in den Duschraum des Schlafraumes.

Nur einen Augenblick lang hatte er Zeit, zu registrieren, dass das schwarz und grün geflieste Gemeinschaftsbad der Siebtklässler noch einen Tick größer und eleganter eingerichtet war als das der Sechstklässler. Dann schloss sich die Tür, und Sam war direkt vor ihm und packte ihn bei den Nackenhaaren. Nicht sehr fest, aber fordernd genug, um ihm Gänsehaut zu machen und einen kleinen Stich durch seinen Magen und tiefer fahren zu lassen. Der direkte, verlangende Kuss danach war nicht so stark in der Wirkung, tat aber sein Übriges, um Draco nach wenigen Sekunden leise aufstöhnen zu lassen. Der andere Junge ließ von seinen Lippen ab.

„Was willst du von mir?", fragte Sam mit rauer Stimme.

„Was?" Draco verstand nicht ganz, was das heißen sollte. War es nicht eindeutig gewesen? Hatte er nicht gerade an Sams Kuss gemerkt, dass dieser es bereits genau verstanden haben musste?

„Was soll ich mit dir machen?", flüsterte Sam ungeduldig und bearbeitete seinen seitlichen Hals mit Zungenschlägen und leichten Bissen.

„I-Ich wei… Aahah!", machte Draco schaudernd und legte den Kopf auf die Seite. Sam knöpfte ihm sein Hemd auf. Zügig, aber Knopf für Knopf; kurz darauf landete es auf den schwarzen Fliesen und war vergessen. Sam leckte und streichelte seine steifen, rosigen Brustwarzen, während er mit der anderen Hand bereits seinen Hintern knetete. Draco zuckte zusammen, als ein weiterer glühender Speer sein Hirn durchbohrte. Das passive Warten reichte nicht, er brauchte etwas zum Festhalten. Seine fahrigen Hände fanden dichtes, welliges Haar, breite Schultern und definierte, arbeitende Schultermuskulatur und dann eine breite Brust, über der sie Stoff greifen und zerreißen konnten. Das Reißgeräusch und das leise Klimpern, mit dem die Knöpfe auf den Fliesen landeten, jagten ihm einen heißen Schauer über den Rücken, den er nicht genau begründen konnte. Sam fühlte sich durchtrainiert und gut an, so gut, wie er es sich von einem Jungen niemals hätte vorstellen können. Wie hatte er nur so lange eine Pansy Parkinson auf seinem Schoß und um seinen Hals geschlungen ertragen können, wenn es so unerhört gut war, von einem Jungen – nein, eigentlich einem Mann, dachte Draco – angefasst und geküsst zu werden?

Draco realisierte, dass der andere ihn rückwärts gehend am Hosenbund mit sich zog. Er folgte seiner Leitung. Als hinter Sam eine Dusche anging, erschrak er etwas. Der Anblick des leicht gebräunten, definierten Oberkörpers vor ihm und wie das daran Wasser hinabrann, machte den Schreck mehr als wett. Warmes Wasser durchtränkte Dracos leichte Baumwollhose und seine Unterhose und ließ die Kleidung an seinem Körper kleben. Dann öffnete Sam ihm die Hose und zog sie ihm aus, ebenfalls zügig, aber sorgfältig. Die Hand, die sich in seine Unterhose schob, war heiß gegen das lauwarme Wasser und rieb ihn langsam und fest. Es war nicht viel mehr als das, was Draco vor wenigen Stunden selbst an sich vollführt hatte, aber so, so viel geiler und spannender, wie die langen, weichen, so herrlich fremden Finger ihn packten und hart aber langsam wichsten. Seit gefühlten Ewigkeiten schon steinhart, brauchte Draco nicht lange, bevor er mit ungeahnter Heftigkeit und einem gepressten, kehligen Keuchen kam.

Sam hielt ihn wieder am Haar fest und rieb ihn sanft weiter. Nach wenigen Momenten verschwand die Erleichterung des schnellen Orgasmus und zeigte Draco, wie viel mehr da noch in ihm wartete, wie sehr er weiter gehen wollte.

„Was soll … ich mit dir machen, Draco?", raunte Sam ihm durch das Plätschern der Dusche hindurch ins Ohr. Wieder diese sinnlose und zugleich so wirkungsvolle Frage. Draco ahnte, dass Sam es von ihm hören wollte, bevor er es tat. Aber er hatte trotz seiner Lust auch Angst, es zu sagen. Und es zu tun. Was auch immer Leute sich darüber erzählten, Draco hatte weder Gerüchte gehört noch Gedanken daran verschwendet, wie es war, penetriert zu werden. Allein das Wort machte ihn nervös. Es klang nach Schmerz, nach Auslieferung. Und zugleich machte dieser Gedanke – Auslieferung – ihn an.

Draco zog seine Unterhose aus und sah Sam an, in der Hoffnung, dass er die Frage nicht wiederholen und ihm etwas entgegenkommen würde. Er kam ihm entgegen. Er bereitete ihn vor, langsam, aber mit eindeutigem Ziel. Der ungewohnt sanfte und zärtliche Kuss dabei half etwas, Draco zu entspannen.

Als Sam das flache, rechteckiges Tütchen aus seiner Gesäßtasche holte, ihm gab und sich auszog, wurde es ernst. Anders konnte Draco die in ihm aufkommende Stimmung von Angst und Neugier nicht beschreiben.

Mit geweiteten Augen sah er Sam dabei zu, wie er das Kondom über seine beachtliche Erektion streifte. Dann sah der andere ihn wieder an. Draco wollte nicht mehr warten. Er hatte immer noch Angst, aber er wollte nun mehr denn je wissen, wie es sein würde. Sam küsste ihn, diesmal wieder hart und verlangend, dass Draco Sterne sah. Dann legten sich Sams Hände auf seine Schultern. Er löste sich wieder von ihm und ließ sich langsam umdrehen, während er hilflos schauderte. Sam drückte ihn an sich und leckte sein Ohr und seinen Hals, während er mit den Händen seine Brust und Erektion streichelte und seinen eigenen Schwanz gegen Dracos Gesäßspalte presste. Draco seufzte; es klang fast wie ein leises, flehendes Wimmern.

„Was soll ich mit dir machen, Draco?", hauchte Sam leise aber deutlich in sein rechtes Ohr und leckte langsam an der Ohrmuschel aufwärts.

Draco wusste, dass Sam es hören wollte. Nicht, weil er es wissen musste. Eher als eine letzte Einladung, eine endgültige Erlaubnis. Letztendlich lief es auf Auslieferung hinaus, was er von Draco verlangte. Und Draco wollte es sich selbst sagen hören. Er wollte sich Sam ausliefern.

Er schloss die Augen und legte den Hinterkopf an Sams Oberkörper. „Tu es. Fick mich." Es fühlte sich gut an, das zu sagen. Obszön, verrucht und gut.

Was danach kam, war erst anstrengende, schmerzhafte Arbeit. Und gerade, als Draco dachte, dass es doch nicht so toll war, wie er es sich vorgestellt hatte, wurde es harter, tiefer, das Gehirn süß und heiß versengender Sex, der seine Vorstellungen bei weitem übertraf.

Für Sam klärte sich dadurch nichts. Ganz im Gegenteil. Nicht, dass Sex jemals eine Antwort auf irgendetwas gewesen war.

* * *

Als der Kräuterkunde-Unterricht vorbei war, blieb Ron noch einen Moment lang an seinem Tisch mit Teufelsschlingen stehen. Geistesabwesend schlug er ihre tastenden und nach ihm greifenden Ranken weg und beobachtete, wie die Schüler das Gewächshaus verließen, während Hermine noch ihre vielen Bücher, die sie immer zusätzlich aus der Bibliothek besorgte, einpackte.

Sie ignorierte ihn immer noch stur; selbst, als sie längst bemerkt haben musste, dass Ron sie beobachtete. Als er sich ein Herz fasste, seine Drachenhauthandschuhe auszog und auf sie zu ging, wandte sie sich ab und hantierte umständlich mit ihrer Tasche herum. Ron blieb stehen und ließ die Schultern hängen.

Missmutig wandte er sich zum Gehen, hielt dann aber doch inne. Nach kurzen innerem Ringen drehte sich wieder um. Mut schöpfend bemerkte er, dass Hermine ihre Tasche schon längst hätte nehmen und damit verschwinden können.

„Weißt du … kann schon sein, dass ich in letzter Zeit nicht ganz korrekt zu dir war …", begann er leise und zögernd. Hermine antwortete nicht, legte aber ihre Tasche auf den Tisch und schaute schweigend auf ihre Hände.

Ron fühlte Hoffnung in sich aufsteigen wie einen gasgefüllten Luftballon. E stellte sich neben Hermine an den Tisch. Verlegen zupfte er am Saum seines dunkelroten Uniformpullunders herum. Dann sah er seine Freundin von der Seite an.

„Ich … ich habmichgefragt …", stammelte er undeutlich, holte tief Luft und begann von Neuem: „Also, ich habʼ mich gefragt, ob du dieses Wochenende Zeit hättest …?" Dann sah er Hermine flehentlich an.

Endlich sah Hermine ihn auch an, allerdings mit einer ungläubigen Skepsis, die Ron beinahe all seinen Mut nahm. Er schluckte merklich und senkte verlegen den Blick. Es half ein bisschen, sich vorzustellen, er stünde vor seinem Spiegel und übte nur wieder einmal.

„Naja, ich dachte mir, ich könnte die Hinweise aus dem Buch ja mal – nachschlagen." Ron sah Hermine noch immer nicht an, die jetzt noch ungläubiger schaute. Irgendetwas in ihr hatte bei dem Wort „nachschlagen" aufzutauen begonnen.

„Vielleicht steht ja in irgendeinem Buch tatsächlich etwas über die Techniken, die der Besitzer reingeschrieben hat, und ich habʼ mich halt gefragt, ob du mit mir mal in der Bibliothek nach –"

Weiter kam er nicht, denn Hermine hatte sich mit einem schluchzenden „Ach, Ron!" auf ihn gestürzt und schlang die Arme fest um ihn. Nach einigen Augenblicken, in denen Ron verlegen und unbeholfen ihren Rücken tätschelte, löste Hermine sich von ihm und wischte sich eilig ein paar Tränen weg. Dann schniefte sie laut. Ron war schockiert, wie schnell das gegangen war. Und darüber haben wir so lange gestritten, dachte er ungläubig. Was für eine Zeitverschwendung.

„Ich bin so froh, dass das ein Ende hat … Ist doch total bescheuert … Naja, ich hätte auch nicht so auf meine Bücher bestehen sollen", gab sie leise zu.

„Soʼn Quatsch, Hermine, wirklich …", winkte Ron in seiner Freude über die Versöhnung ab, doch Hermine beharrte: „Nein, wirklich! Ich hätte dich ja wenigstens einmal fragen können, was in dem Buch steht. Ich meine, deine Tränke waren perfekt! Der Vorbesitzer dieses Buches muss ein Genie gewesen sein."

„Und könnte es immer noch sein. Die Auflage ist von vor fünfundzwanzig Jahren", ergänzte Ron.

Einen Moment lang sahen sie sich schweigend an. „Und?", fragte Ron und lächelte versöhnlich. „Hast du nun Zeit oder nicht?"

Hermine strahlte förmlich. „Du hast das ernst gemeint? Wow, Ron, ich bin begeistert!"

„Wieso klingst du nur immer so überrascht, wenn du mir Komplimente machst?", fragte Ron scherzhaft beleidigt.

„Klinge ich gar nicht! Ich dachte nur …", begann Hermine, doch als sie den Satz nicht beenden konnte, zeigte Ron grinsend mit dem Finger auf sie und rief: „Ah-HA! Du hast gedacht, ich sage das nur so, damit du wieder mit mir redest! Soso, das denkst du also von mir!"

„Ja, okay, ist ja gut! Ich dachte das wirklich. Aber", sie lächelte ihren rothaarigen Freund verschmitzt an, „ich fand es trotzdem ziemlich süß von dir."

Sie sah, wie Ron glühend rote Ohren bekam und spürte auch auf ihren eigenen Wangen eine heiße Röte emporsteigen. Dann ergriff sie den Ärmel seines Umhangs und zerrte daran, während sie sich zur Tür des Gewächshauses wandte.

„Und jetzt komm!", sagte sie laut und stapfte mit Ron im Schlepptau los. „Wir haben einen Riesenberg an Hausaufgaben zu erledigen! Wenn du Montag ohne die anderthalb Meter Pergament über Erstarr-Zauber bei Snape auftauchst, wirst du vermutlich niemals wieder Quidditch spielen, du Champion!"

Ron wollte ein zerknirschtes Gesicht machen, aber das war ziemlich schwierig, wenn man sich gerade wie verrückt freute und dabei ein wohliges Kribbeln im Bauch verspürte.

* * *

Fünf Minuten nach acht am Abend klopfte Draco an das Büro von Severus Snape, welches in diesem Jahr das Büro beim Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste im dritten Stock war.

„Eintreten", tönte die Stimme des Lehrers kalt von drinnen, wie immer mit der signifikanten Pause nach der ersten Silbe.

Draco trat langsam ein, schloss die Tür und blieb davor stehen. Professor Snape drehte sich von einem Bücherregal an der gegenüberliegenden Wand zu ihm um und setzte sich an den Schreibtisch, der zwischen ihm und dem Schüler stand.

„Setzen", befahl er langsam.

Draco kam der Aufforderung mit finsterem Blick nach. Sie starrten sich ein paar Augenblicke lang nur stumm an. Draco konnte es nicht wissen, aber seinen Hauslehrer erinnerte dieser sture Gesichtsausdruck für einen Moment stark an den von Harry Potter, wenn er diesem Strafarbeiten aufgegeben hatte. Snapes Wangenmuskeln zuckten fast unmerklich.

Draco wurde ungeduldig. „Also – was soll ich tun, Snape?", fragte er in respektlosem Tonfall. Professor Snape antwortete nicht, sondern schaute ihn nur an. Draco öffnete gerade den Mund und holte Luft, als der Lehrer sich vorbeugte und ein Stück Pergament über den Tisch schob. Der Schüler sah sein Gegenüber fragend an und dann auf das Pergament. Es war ein paarmal gefaltet und wirkte recht unscheinbar. Den Blick wieder grimmig auf Snape gerichtet, legte er die Hand darauf, zog es über den Tisch zu sich herüber und entfaltete es.

In einer feinen, schrägen Handschrift standen wenige Worte darauf. Draco las sie und zog die Augenbrauen zusammen. Ihm war klar, wem die Handschrift gehörte. Ungläubig schaute er Snape an, obwohl er dachte, dass dieser ihm vermutlich nichts darüber sagen konnte. Der Lehrer war ohnehin nicht der Typ Mensch, der sich als Boten umherschicken ließ; und noch weniger würde er sich für die Inhalte der Botschaften interessieren.

Snape schaute das Pergament mit einem Blick an, den Draco als Abscheu interpretierte. Also musste der alte Schulleiter zumindest mit ihm über das gesprochen haben, was darauf stand.

In Draco keimte plötzlich ein unglaublicher Zorn auf sich selbst auf. Da saß er wieder, von der Person, an der er einen Auftrag auszuführen hatte, nichts als eine Nachricht in der Hand. Warum hatte Dumbledore keine Botschaft von ihm in der Hand, über die er sich seinen Schädel zerbrechen konnte? Wo trieb der alte Mann sich ständig herum? Und warum schienen die Leute, die er, Draco, ausspielen sollte, ihm immer einen Schritt voraus zu sein?

Unbeherrschtheit und Wut stiegen in ihm auf, verschleierten seinen Verstand. Und er hatte das beschissene Medaillon nicht dabei. Es lag nutzlos und unerreichbar im Schlafsaal der Slytherins in seinem Nachtschrank. Hätte er sich nicht wie ein Feigling benommen und es weiterhin bei sich getragen, dann könnte er jetzt …

Ja, was eigentlich? Er wusste es ja noch nicht einmal. Und siedend heiß durchfuhr ihn das Gefühl, dass ihm die Zeit davonlief.

Snape beobachtete schweigend das nur leidlich verborgene Mienenspiel des Jungen. Innerhalb weniger Augenblicke sah er es vor unterdrücktem Zorn beben und dann, wie in angestrengt kühler Berechnung die Augen sich verengten; und schließlich verdunkelte sich Dracos Ausdruck in einem Anflug von Verzweiflung. Dann strafften sich seine Züge, wurden hart und verschlossen sich.

Draco las die Worte auf dem Pergament wieder biss zornig die Zähne aufeinander. Er konnte nicht glauben, wie heuchlerisch Dumbledore sich benahm; er musste doch wissen, wie er über ihn dachte – immerhin war der Greis daran Schuld, dass sein Vater nun in Askaban saß, dass sein Name geschändet war; dass er bei den Todessern nichts weiter als ein Witz war.

Du wirst immer Hilfe bei mir finden, wie ausweglos Deine Lage Dir auch erscheinen mag."

Es klang wie Hohn in Dracos innerem Ohr. Hohn und Spott, wie er ihn von den Todessern bekommen hatte, wie das, was er ständig im Gesicht von Bellatrix Lestrange las. Eine schwarze, harte Klaue des Hasses schlang sich um sein Herz, als er den Zusammenhang herstellte. Er blinzelte und starrte auf den zweiten Satz.

Lass es frei, Draco. Rette Deine Seele."

Was meinte der alte Narr damit? Wusste er etwas, das Draco nicht wusste? Genaugenommen konnte Draco sich nicht vorstellen, welches Wissen ihn dazu bringen sollte, solch unhaltbaren, zusammenhangslosen Unsinn zu schreiben. Was sollte er freilassen? Etwas aus dem Medaillon? Und wie sollte das, zumindest aus Dumbledores Sicht, seine Seele retten?

Snape stand von seinem Stuhl auf.

„Ich kann dir helfen, aber nur, wenn du mir sagst, was du vorhast. Wenn du aber weiter Zeit verschwenden und dich mit kryptischen Botschaften eines alten Mannes herumschlagen willst, haben wir heute Abend nichts weiter zu besprechen."

Draco konnte es schon nach den ersten drei Worten nicht mehr hören. Er schüttelte den Kopf, während der Lehrer redete. Er stand ebenfalls auf.

„Gute Nacht, Professor." Das letzte Wort wollte wie immer nicht so respektvoll wie die vorgesehene Bedeutung bei dessen Nennung klingen.

Als er das Büro verließ, hielt Snape ihn nicht auf. Draco ging zurück auf die Schlafsäle. Er blieb an der zweiten Tür stehen und überlegte, ob er zu Sam gehen sollte. Er wollte nicht nachdenken, und er hatte vor wenigen Stunden eine sehr wirksame Medizin gegen Gedanken von Sam bekommen. Die Erinnerung ließ ihn leise schaudern. Aber es war eine rein körperliche Reaktion. Er wusste, dass er keine Zeit dafür hatte. Im Prinzip konnte er es sich nicht einmal leisten, hier zu stehen und daran zu denken. Er musste sich auf das Medaillon konzentrieren, es kennenlernen, sich damit anfreunden. Mit steifen Schritten ging er an der Tür vorbei und in den Schlafsaal ein paar Türen weiter.

Dort angekommen, griff er sofort in die Schublade seines Nachtschränkchens, holte das Medaillon mit der Schlange darauf heraus und legte es sich um. Nach zwei tiefen Atemzügen nahm er es und steckte es unter seine Kleidung, so dass es direkt auf seiner Haut lag. Es war eiskalt, und Draco schrak bei der ersten Berührung zusammen. Er versuchte, sich daran zu gewöhnen, doch das Schmuckstück schien seine Körperwärme nicht anzunehmen; im Gegenteil. Es lag kalt an seiner Brust und die Kälte schien sich in ihm auszubreiten. Draco biss die Zähne zusammen. Er dachte an den Zettel in seiner Gesäßtasche und ertrug es. Und unmittelbar fühlte er, wie kalte Überlegenheit und das beruhigende Gefühl von Sicherheit ihn durchströmten und die störenden Zweifel davontrugen. Langsam zog er sich aus und legte sich ins Bett. Müdigkeit wusch in einer einzigen, rauschenden Welle über ihn hinweg und spülte ihn fort.

Am nächsten Morgen erwachte er aus einem tiefen, fast komaähnlichen Schlaf, der seine Augenlider furchtbar schwer machte und seine Glieder steif und taub. Er fühlte sich unausgeruht und durchgefroren und hatte das Gefühl, einen sehr realistischen, intensiven Traum gehabt zu haben. Aber alles, was ihm davon blieb, war das verschwommene Bild einer glatten, glänzenden Oberfläche unter ihm und einem blassen, verzerrten Gesicht darauf. Doch auch dieses letzte Bild verschwand umso schneller, je mehr er versuchte, es sich vor Augen zu halten.

Auch eine heiße Dusche brachte nur kurze, unbefriedigende Wärme. Das Medaillon schien ihn von innen heraus auszukühlen. Draco nahm es hin; er wollte es nicht mehr ablegen. Zu stark war das Gefühl, dass es so richtig war, dass es die einzige Möglichkeit war, es endlich zu verstehen. Er zog sich an und ging hinunter in den Gemeinschaftsraum.

Der erste, den er sah, war Sam, der, mit einem Arm auf einem Sessel abgestützt, mit einem dunkelhaarigen Jungen sprach, welcher in dem Sessel saß. Er lächelte den Jungen an und Draco sah, wie er langsam dessen Unterarm streichelte. Draco beobachtete die Szene und stellte fest, dass es ihn nicht interessierte. Als er sich gerade abwandte und den Gemeinschaftsraum verließ, sah Sam ihn. Sein Lächeln verblasste kurz, aber als der Junge im Sessel seinen Arm berührte, wandte er sich diesem wieder zu, streichelte weiter seinen Unterarm und küsste ihn.

Draco machte sich auf den Weg in die Große Halle. Er wollte eigentlich frühstücken gehen, doch dann sah er von Weitem Cho Chang und ihre blöden, kichernden Freundinnen auf den Innenhof hinaustreten. Er erstarrte mitten im Gehen. Eine Erstklässlerin prallte quiekend gegen seinen Rücken, wich zurück und zog ihren Umhang zu, als hätte ein kalter Luftzug vom Eingangstor her sie gestreift, dann ging sie schaudernd weiter. Draco beachtete sie nicht. Er dachte daran, wie er und die anderen im vergangenen Schuljahr unter Umbridges Leitung eines von den Mädchen (er glaubte, sich an den Namen Marina, nein, Marietta Edgecombe zu erinnern) mit Veritaserum zum Reden gebracht hatten. Wie sie ihnen von einem geheimen Raum in Hogwarts erzählt hatte, einem Raum, der sich den Bedürfnissen eines Hilfe suchenden anpasste.

Draco machte auf dem Absatz kehrt und rannte hinauf in den siebten Stock, in den Korridor, wo der Wandteppich von Barnabas dem Bekloppten hing. Er bemerkte kaum, dass er trotz der vielen Stufen nicht einmal richtig außer Atem war. Zögernd blieb er vor der dem Teppich gegenüberliegenden Wand stehen. Was brauchte er jetzt am dringendsten?

Einen Moment später schloss er die Augen und schritt an der Wand vorüber, während er angestrengt dachte: „Ich brauche einen Ort, wo ich das Medaillon erforschen kann. Ich brauche einen Ort …"

Nach drei Mal Denken und Vorbeischreiten erschien in der Wand plötzlich eine eiserne Tür. Draco lächelte kaum merklich. Er sah sich um und drückte dann die schwere Türklinke hinunter und trat ein.

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