A/N: Erwähnte Straßen existieren wirklich, ich habe die Rystadt Road nur ein kleines bißchen verändert, um sie für die Geschichte ein bißchen aufzupeppen - allerdings nicht was die Häuser dort angeht, da stehen wirkich nur so wenige und es mitten im Wald. Danke, Google Earth ;)!


Nick war noch immer beschäftigt mit den forensischen Berichten zum Fall Madeleine Marsden, als plötzlich sein Handy klingelte. Er zog es aus der Jackentasche und sah stirnrunzelnd auf den Bildschirm.

„Nummer unterdrückt"

Nick stutzte und zögerte.

Jeder, den er kannte, besaß eine Nummer, die auch angezeigt wurde oder in seinem Telefonbuch gespeichert war. Zeugen, denen er seine Karte gegeben hatte, wurden meist auch mit Nummern angezeigt, zugegeben, meist, nicht immer. Dennoch …

Er tippte auf den das blinkende „Accept"-Icon und hielt sich das iPhone ans Ohr. „Detective Burkhardt hier", meldete er sich mit einem fragenden Unterton in der Stimme.

„Sind Sie der leitende Detective im Fall der kleine Marsden?" fragte eine ihm unbekannte Stimme.

Hank blickte auf, als Nick sich langsam zurücklehnte. „Ja, ich bin einer der Detectives."

Sein Partner begriff und schnappte sich sein Telefon.

„Und Sie sind ein Grimm", stellte die Stimme fest.

Nick saß plötzlich stocksteif da.

Ein Wesen! Wer auch immer ihn da anrief, es war auf jeden Fall ein Wesen. Er hatte zwar keine Ahnung wie, aber alle Wesen, denen er bisher begegnet waren, hatten ihn einmal angesehen und gewußt, was er war als sei es auf seine Stirn tätowiert."

„Und wenn?" fragte er.

„Dann sollten Sie die Wahrheit erfahren", antwortete sein unbekannter Gesprächspartner. „Die Wahrheit über Alistair Marsden."

Nick sah zu Hank hinüber, der ihm ein Zeichen gab weiterzusprechen.

„Hier geht es aber nicht um Alistair Marsden, sondern um Madeleine, seine Tochter", korrigerte der Grimm daraufhin.

„Sie und ich wissen, daß das Haarspalterei ist. Ein Schmiedeglück für das andere."

Nick fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich, als er begriff, mit wem er da telefonierte.

„Ich will keinen Ärger mit einem Grimm", fuhr sein Gesprächspartner fort. „Ich möchte meinen Kopf noch etwas behalten."

Was hatten nur alle immer mit der Vofstellung, er werde ihnen die Köpfe abschlagen?

„Ich möchte mich mit Ihnen treffen, damit Sie erfahren, worum es wirklich geht", fuhr die Stimme fort. „Aber nur mit Ihnen, haben Sie verstanden? Sehe ich irgendeinen anderen Polizisten oder gar die Miliz, dann, das schwöre ich Ihnen, rasiere ich Madeleines Kopf und mache sie wertlos."

Nick schluckte. Er erinnerte sich noch daran, was er in dem Buch gelesen hatte.

„Wenn Sie das verstanden haben, dann sagen Sie jetzt: Das ist uninteressant für uns", befahl die Stimme.

Nick zögerte. Alles in ihm schrie danach, daß er dabei war, einen Fehler zu begehen, wenn er sich auf dieses Spielchen einließ. Er war Polizist und seine Aufgabe war es, Verbrechen aufzuklären und Verbrecher dingfest zu machen, nicht, Deals mit ihnen zu schließen.

Aber … hatte er das nicht längst schon zu oft getan? Hatte er nicht Beweise manipuliert oder ganze Zeugenaussagen unter den Tisch fallen lassen, weil die Logik der Wesen-Welt nicht mit der realen Welt konform ging? Weil niemand die Wahrheit glauben würde, würde er sie aussprechen?

Aber hier ging es um ein hilfloses kleines Mädchen, daß er möglichst heil zu seinen Eltern zurückbringen wollte. Wenn er dafür das Risiko eingehen mußte, in eine Falle zu laufen …

„Das ist uninteressant für uns", sagte er endlich, und er fühlte sich unendlich schlecht dabei.

Hank legte auf und widmete sich wieder seiner Schreibtischarbeit.

„Gut", lobte ihn die Stimme. „Ich möchte, daß Sie die Springville Road hinausfahren bis zur Abzweigung Rystadt Road und weiter bis zur Plantage. Dort erwarte ich Sie. Und Sie werden niemandem von diesem Treffen berichten, weder vorher noch danach. Wenn Sie das verstanden haben, dann sagen Sie jetzt: diese Information besitzen wir bereits."

„Diese Information besitzen wir bereits", sagte Nick schnell, während er sich noch die Straßennamen einprägte.

„Keine Polizei, keine Miliz, keine anderen Grimms. Ich warte auf Sie." Mit einem hörbaren Klicken beendete sein Gesprächspartner den Anruf.

In Nicks Hirn arbeitete es auf Hochtouren. Er mußte da raus und hoffen, daß er die kleine Madeleine aus den Händen ihres Entführers befreien konnte. Und er mußte es allein tun. Er mußte zugeben, auch wenn er im Umgang mit seinen Grimmkräften sicherer geworden war, perfekt war er noch lange nicht und er war sich dessen nur allzu bewußt. Zudem gab es wirklich kaum etwas dümmeres als sich einem Verbrecher allein zu stellen, wenn man eigentlich ein ganzes Department hinter sich hatte.

„Alles in Ordnung?" fragte Hank.

Nick legte sein Handy auf den Schreibtisch. Eine Ausrede, schnell eine Ausrede …

Er blickte auf die Uhr und schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn in der Hoffnung, daß er nicht zu dick auftrug. „Ich Esel! Ich hatte total vergessen, für Juliette etwas abzuholen."

Hank sah ihn groß an. „Du holst etwas für Juliette ab?" echote er.

Nick nickte und erhob sich. „Bin bald wieder da. Hälst du mir den Rücken frei?"

Hank grinste. „Was denkst du denn? Wir sind Parner oder nicht?"

„Wir sind Partner", grinste Nick zurück, schlüpfte in seine Jacke, steckte das iPhone ein und eilte zu seinem Wagen hinaus, das Gefühl im Magen, als ob er einen Stein verschluckt hatte …


Sean bereitete gerade eine Presseerklärung vor, als sein Telefon klingelte. Stirnrunzelnd blickte er auf, griff sich aber den Hörer ohne weiteres Zögern.

Er wollte nur so schnell wie möglich diesen Anruf erledigen, um sich dann wieder seiner Arbeit zu widmen.

„Captain Renard, Portland PD?" meldet er sich.

„Sean, lange nichts mehr von dir gehört", sagte eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung auf deutsch.

Sean legte bewußt kontrolliert seinen Füllfederhalter zur Seite und richtete sich auf. „Was willst du?" fragte er leise.

„Dich warnen", antwortete sein Gesprächspartner. „Du hast eine Laus im Pelz."

Sean warf einen Blick hinaus auf das Treiben im Department. Sein Blick glitt hinüber zu seinem Homicide-Tean Nick Burkhardt und Hank Griffin, doch er fand nur letzteren am Schreibtisch vor. Die FBI-Truppe um Natalie hatte er vorsichtshalber ans andere Ende des Raumes einquartiert und dort schienen alle anwesend zu sein.

„Wieso sagst du mir das?" fragte er leise in den Hörer.

„Weil ich dir noch was schuldig war. Jetzt sind wir quitt", antwortete der andere. „Paß auf, wem du traust. Deine Entscheidung, deine Hand über den Grimm zu halten hat einiges in Bewegung gesetzt … und nicht alles davon dürfte dich erfreuen."

„Ich sagte bereits, ich beschütze ihn nicht", entgegnete Sean. Doch er wußte, daß er genau das tat, wenn auch aus anderem Grund als man offensichtlich vermutete.

„Hat er den Schlüssel?" fragte die Stimme.

Das wußte Sean nicht, doch er vermutete es stark. „Ich weiß es nicht", gab er zu.

„Dann finde es heraus, und zwar schnell!" Ein hörbarer Atemzug am anderen Ende der Leitung. „Ich muß los. Wir sind jetzt quitt, nur daß du das weißt."

Es klickte, dann ertönte das Freizeichen.

Sean legte nachdenklich den Hörer wieder auf die Gabel zurück und sah nach draußen zu Natalie und ihrer Eingreiftruppe hinüber.

Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, ihr zu vertrauen …


Nick fühlte sich nicht wohl, allein hier draußen. Es gab zwar noch Zeichen der Zivilisation, einige wenige Wohnhäuser, einige wenige Felder, doch die Wälder des Nordwestens hatten die Umgebung Portlands fest im Griff.

Nicht daß er etwas gegen einen schönen Tag im Wald einzuwenden hätte. Nach Möglichkeit mit Juliette an seiner Seite und einem Picknickkorb mit Leckereien im Gepäck an einem sonnigen Tag im Sommer, nicht bei leichtem Nieselregen und Temperaturen unter 50 Grad Fahrenheit im frühen Frühling (oder sehr spätem Winter, wie manche behaupteten), noch dazu allein auf weiter Flur.

Doch so ganz hielt Nick sich nicht an sein Wort, mußte er zugeben. Keine Cops, hatte der Anrufer verlangt, keine Miliz (wo auch immer er die hernehmen sollte), aber er hatte nichts von einem geläuterten Blutbad gesagt, der nun einmal Nicks, nicht ganz kompakter Wesen-Mensch-Übersetzer war.

Monroe war irgendwo hinter Nicks Truck mit seinem VW-Käfer, da der Grimm ihn nicht zu Hause angetroffen hatte, als er diesen kleinen Abstecher machte, ehe er der geforderten Route folgte. Also hatte Nick seinen Freund angerufen und ihn überredet, mit seinem Wagen hinterherzukommen, aber nach Möglichkeit außer Sicht zu bleiben, solange dem Grimm keine Gefahr drohte. Nick mochte das hier ohne seinen Polizei-Partner durchziehen und auch ohne Unterstützung des Departments, aber er war nicht lebensmüde.

Fast hätte er die Abzweigung Rystadt Road verpaßt. Überraschenderweise entpuppte diese sich als geteert. Nick hatte hier draußen fast erwartet, eine Schotterpiste vorzufinden wie so oft.

Die Straße war kurvenreich, doch nur zweimal tauchten Häuser an ihrem Rande auf, beide Male Scheunen.

Nick wurde es immer ungemütlicher. Er fühlte, wie sein Adrenalinspiegel langsam ein wenig stieg und wurde unruhig.

Hinter der nächsten Kurve erwartete ihn dann … eine Tannenschonung und das Ende der Straße. Nick blieb tatsächlich kurz der Mund offen stehen.

Zwei leerstehende Gebäude an einer Seite, davor ein kleiner Parkplatz.

Ein Weihnachtsbaumverkauf?

Nick parkte seinen Truck und schaltete den Motor aus. Dann blickte er sich um, während winzige Nieseltropfen sich auf den Scheiben sammelten.

Kein zweiter Wagen, alles hier verlassen. Kein Wunder, die Saison begann erst sehr viel später. Die Schonung selbst …

Nick bemerkte eine Bewegung zwischen den Bäumen und öffnete die Fahrertür. Er sah sich aufmerksam um, doch wer sich auch immer da zwischen den ehemaligen bis zukünftigen Weihnachtsbäumen aufhielt schien allein zu sein. Trotzdem öffnete er mit dem Daumen sein Halfter und hielt den Griff seiner Waffe fest mit den Fingern umschlossen.

„Portland PD", rief er und wartete.

Es raschelte hörbar zwischen den Tannen, dann erschien eine Gestalt in einem alten Armeeparka mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze. „Wir haben telefoniert, Detective Burkhardt", sagte der Fremde mit tiefer, keuchender Stimme, die Nick als die identifizieren konnte, die er bereits auf seinem Handy gehört hatte.

Zögernd trat er näher. Seine Stiefel sanken tief in dem Morast ein. „Sie sind im Vorteil, Sie kennen meinen Namen", sagte er, während er, immer noch angespannt, nähertrat. „Mit wem habe ich das Vergnügen?"

Der Fremde hob den Kopf. „Justin Kaufman, Claudine Marsdens Bruder", antwortete er und schlug die Kapuze zurück.

Nicks Augen weiteten sich vor Überraschung …


Eddies VW Käfer, Baujahr 1971, ruckelte die Straße hinauf, der große Blutbad darin wurde reichlich durchgeschüttelt. Er wußte, Nick hatte für seinen Wagen eigentlich nur ein gutmütiges Lächeln übrig, aber es war seiner und er verband einige sehr schöne Erinnerungen mit ihm. Und nebenbei, der Wagen lief trotz seines Alters noch immer einwandfrei!

Allerdings mußte Eddie zugeben, daß er sich wohl bald einmal um die Stoßdämpfer würde kümmern müßte, während der kleine Wagen sich tapfer weiter die Straße bergan kämpfte.

Warum war es Nick nur immer so wichtig, ihn von seinen wichtigen Dingen abzuhalten oder zu stören? Seit der Grimm ihm über den Weg gelaufen war war sein so ruhiges und besinnliches Leben komplett auf den Kopf gestellt worden.

Er wiederholte sich, gestand er sich selbst ein. Aber es blieb dabei, warum war er selbst so … irre, sich immer wieder auf Nick einzulassen? Der war schließlich ein Grimm, er sollte zumindest eine Ahnung haben, was er da eigentlich tat!

Gut, sollte, hätte, wäre, wenn. Mit anderen Worten, Nick war nicht schuld daran, daß er Hilfe brauchte bei seiner Bestimmung. Und Eddie war mehr als stolz darauf, daß er einem Grimm den richtigen Weg gewiesen hatte, den nämlich, sich auf die verbrecherischen Wesen zu beschränken und nicht sinn- und planlos so ziemlich jedes Wesen, das ihm über den Weg lief, umzubringen. Es tat gut, zur Abwechslung mal einen Grimm auf der Seite der sonstig ständigen Verlierer zu wissen. Und wenn er, Edward Monroe, nicht gewesen wäre, wer weiß was dann aus dem frischgebackenen Grimm Nick Burkhardt geworden wäre vor vier Monaten?

Der Käfer tuckerte tapfer weiter die Steigung der Rystadt Road hinauf, da bemerkte Eddie etwas im Rückspiegel. Ein schwarzer SUV kam mit hoher Geschwindigkeit hinter ihm die schmale Straße hinauf.

„Das gibt Ärger", kommentierte er mit einem besorgten Blick in den Rückspiegel.

Dieser dumme kleine Grimm zog Ärger aber auch wirklich magisch an! Und er war, ebenso natürlich, wieder mittendrin, wie immer!


Nick verbarg seine Hände tief in den Taschen seiner Winterjacke und zog unwillkürlich die Nase hoch, als die Kälte ihn in selbige biß. „Justin Kaufman?" wiederholte er den Namen.

Der Angesprochene nickte wieder.

Nick biß sich auf die Lippen. Einmal mehr würgte Trauer ihn. Trauer um seine Tante, die doch wie seine Mutter gewesen war

Justin Kaufman sah aus, als stünde er mit mehr als einem Bein bereits im Grab, ebenso wie Marie Kessler es getan hatte. Der Kopf war kahl, die Haut fahl und pergementen mit einem deutlichen Gelbstich, der sich bis in seine Augenbälle fortsetzte. Also irgendeine Leberkrankheit, vermutlich Krebs.

Nick mußte einige Male tief Atem holen, ehe er wieder zu sprechen begann. „Warum diese Geheimniskrämerei? Wenn Sie etwas zu sagen haben, dann hätten Sie auch aufs Revier kommen können."

„Da war ich", antwortete Kaufman, der nun ebenfalls seine Hände tief in die Taschen seines Parkas rammte. „Aber dann sah ich die Miliz. Mit denen will ich nichts zu tun haben."

„Miliz?" echote Nick und runzelte die Stirn. „Ich weiß nichts von einer Miliz."

„Natürlich nicht. Die sind gut, die können sich selbst vor einem Grimm verbergen. Hab ich schon öfter gesehen", lachte Kaufman bitter.

Nick konnte sich denken, wen sein Gegenüber meinte: die FBIler. Er hatte von Anfang an ein eigenartiges Gefühl ihnen gegenüber gehabt.

„Vermutlich Hundsjäger oder etwas ähnliches. Harte Hunde, verstehen Sie?"

Nick verstand nicht, aber er würde in den Folianten nachsehen, was Kaufman gemeint hatte. Oder, im besten Fall, Monroe fragen.

„Und wozu dieses ganze Versteckspielchen?" fragte Nick. „Sie hätten selbst am Telefon mit mir reden können."

„Ich wollte Sie treffen, damit Sie die Wahrheit erfahren", erklärte Kaufman. „Hätte ich das auf dem Revier gemacht, hätten Sie mich doch sofort in eine Zelle gesteckt!"

Nick zuckte mit den Schultern. „Warum sollte ich das tun? Solange Sie sich nichts zu ..." Er schloß den Mund als er begriff. „Sie haben Madeleine!"

Kaufman nickte. „Ich habe sie nicht selbst entführt, zugegeben. Aber ja, sie ist bei mir. Und wenn irgendeine Möglichkeit besteht, werde ich auch meine Schwester da herausholen."

Nick seufzte. „Diese ganze Sache also wegen eines Familienstreits? Mister Kaufman ..."

„Es ist kein einfacher Familienstreit, verstehen Sie doch!" Kaufman hob die Hände wieder aus den Taschen. „Sie verstehen nicht, Grimm. Ich … ich war ein Schmiedeglück wie meine Schwester und meine Nichte."

Nicks Augen weiteten sich wieder. Noch einmal sah er die klapprige, von Tod gezeichnete Gestalt vor sich an, die so gar nichts gemein hatte mit der engelhaften Claudine Marsden oder ihrem Mann.

„Alistair hat uns betrogen, uns alle", fuhr Kaufman fort. „Sie wissen, woher wir unsere Macht beziehen?"

Nick nickte. „Aus Ihrem Haar", antwortete er rein mechanisch.

„Alistair ließ jedes einzelne meines Haares entfernen, um seine Geschäfte zu garantieren. Wenn nichts mehr übrig ist, fallen wir der einfachsten Krankheit zum Opfer."

Das war hart. Aber so ganz verstand Nick diese Anschuldigung nicht.

„Sie sind doch Herr über Ihren Körper gewesen, oder nicht?" fragte er. „Wie konnte Alistair Marsden dann am Verlust Ihres Haares schuld sein."

„Er ließ mich unter Drogen setzen und einsperren", antwortete Kaufman. „Man ließ mich frei, nachdem eine Leberzerose im fortgeschrittenen Stadium festgestellt wurde. Ich habe nicht mehr lange zu leben."

Nick nickte leicht und wandte sich halb ab, damit Kaufman nicht die Trauer in seinen eigenen Augen sehen konnte.

„Ich wußte mir nicht anders zu helfen, nachdem Claudine nicht auf mich hören wollte. Ich habs versucht, bei Gott, ich habe wirklich versucht, sie und Madeleine da herauszuholen. Aber sie ließ nicht mit sich reden. Also heuerte ich einen Jagerbär an, der Madeleine zu mir bringen sollte."

„Sie wissen, daß Sie sich damit strafbar gemacht haben", wandte Nick ein.

„Was hätten Sie getan, Grimm?"

„Detective Burkhardt", korrigierte Nick beinahe automatisch.

„Als würde das eine Rolle spielen. Ein Falschgesicht wie Alistair wird sich nicht allein mit meinem Haar zufrieden geben."

Nick runzelte wieder die Stirn. „Sagten Sie Falschgesicht?"

Was zum Kuckuck war das denn nun wieder?

Kaufman nickte. „Ich kanns nicht beweisen, aber Falschgesichter können sich von allen von uns verstecken, in der Öffentlichkeit. Indem sie die Identität eines anderen Wesens annehmen."

Nick seufzte.

Manchmal wurde es ihm ein bißchen viel mit dieser anderen Welt, in der er da geraten war durch sein Erbe. Sollte noch irgendeiner durchblicken, irgendwann reichte es ihm persönlich.

„Grimm … Detective Burkhardt, holen Sie meine Schwester da heraus. Ich nehme meine Strafe an und gehe ins Gefängnis. Ich tue alles, um meine Familie zu retten. Ich habe mich über Sie umgehört. Es heißt, Sie sind kein normaler Grimm."

Noch etwas, was wirklich begann, ihn zu nerven. Tante Marie hatte ihm ausdrücklich gesagt, er solle andere Grimms meiden, also kannte er nicht einen einzigen lebendigen. Dementsprechend konnte er auch nicht widersprechen. Allerdings konnte er sich auch beim besten Willen nicht vorstellen, warum jeder einzelne Grimm auf der Welt es als seine persönliche Aufgabe ansehen sollte, jedes Wesen auf Sicht zu töten.

„Weiß Ihre Schwester, daß Sie ihre Tochter … daß Ihre Nichte bei Ihnen zu Besuch ist, wenn auch nicht ganz freiwillig", fragte Nick.

Kaufman nickte. „Ich habe gestern mit ihr gesprochen und sie nochmals eindringlich gewarnt vor Alistair."

Nick biß sich auf die Lippen und rieb sich noch einmal die Nase, während er nachdachte.

Warum hatte Claudine Marsden diese ganze Sache nicht einfach platzen lassen? So oder so, sie wußte offensichtlich, wo sich ihre Tochter befand. Warum dann noch dieses ganze Spielchen?

Irgendetwas stimmt an dem Bild noch immer nicht, mußte er zugeben, als er sich wieder Kaufman zuwandte:

„Die Nachricht, dieses 'ein Schmiedegold für ein anderes', stammt das von Ihnen?"

Kaufman nickte. „Ich habe einen langen Erklärungsbrief geschrieben, mehrere Seiten lang. Auf der letzten stand dieser Satz."

Furlong!

Nick spannte die Kiefer an und holte tief Atem.

Keiner von ihnen, einmal abgesehen von den angeblichen FBI-Agenten, hatte den Brief je zu Gesicht bekommen,auch die Forensik nicht. Angeblich war der Brief zur näheren Analyse sofort nach Quantico gesandt worden.

Allmählich glaubte er nichts mehr, was diese Frau erzählt hatte. Dafür hing sie auffallend oft bei Captain Renard herum.

„Stimmt etwas nicht?" erkundigte Kaufman sich.

„Sieht aus, als habe jemand den Rest Ihrer Erklärung unter den Tisch fallen lassen", antwortete Nick, „alles, womit wir arbeiten, ist diese letzte Seite."

„Alistair!" knurrte Kaufman.

„Oder Ihre Miliz", wandte Nick ein. „Egal wer, einer spielt falsch. Und ..."

In diesem Moment hörte er Motorenlärm vom Haus kommen. Allerdings nicht der erwartete knatternde Motor des VW Käfers sondern …

„Oh mein Gott, Reaper!" entfuhr es Kaufman, der daraufhin davonrannte und hinter der Schonung im Wald verschwand.