VII.

Es war am Tag, als Cosette das Magazin erhielt, in dem der erste Teil ihrer Geschichte veröffentlich worden war, an dem Marius Pontmercy erstmalig in der Rue Plumet vorsprach. Valjean war gerade von einer Unterhaltung, wenn man die Übergabe von Geld sowie das Verlangen nach mehr davon so nennen konnte, mit Piland zurückgekehrt, Javert war nach Hause gekommen, um von der Uniform in zivile Kleidung zu wechseln, da er am Abend einen Einsatz hatte, bei welchem es notwendig war, nicht erkannt zu werden. Seine Vorgesetzten zogen ihn gerne für solche Anlässe heran. Er war noch nicht lange genug in Paris, um überall erkannt zu werden, auch wenn sein Namen in kriminellen Kreisen bereits berüchtigt war.

Toussaint kam mit einer Karte in den Salon und reichte sie Valjean. „Baron Marius de Pontmercy, Advokat" stand darauf. Die pompöse Karte schien nicht ganz zu dem verschüchterten jungen Mann zu passen, der kurz darauf den Salon betrat. Er war mittelgroß, schmal und hatte einen Rock an, der zwar von exquisiten Schnitt war, aber auch schon bessere Tage gesehen hatte. Die Haare waren ordentlich zurückgekämmt, allerdings gab es eine vorwitzige Strähne, die ihm in die Stirn fiel. „Ihre Tochter teilte mir mit, daß Sie mich zu sprechen wünschten, M. Fauchelevent", begann der junge Mann hörbar nervös.

Valjean nickte. Die Vorstellung, daß dieser Junge, gerade eben dem Schulzimmer entwachsen, vorhaben könnte, ihm Cosette fortzunehmen, drehte ihm den Magen um. Es war nicht einmal, daß er eine besondere Abneigung gegen den Jungen gefaßt hatte, die Abneigung hätte jeden Mann getroffen, der sich für Cosette interessierte. „Sie werden Verständnis dafür haben, daß ich Ihr... Verhalten mit einem gewissen Argwohn betrachte. Ihre Annährung an meine Tochter ist bestenfalls ungewöhnlich."

„Ich verstehe, Monsieur, daß Ihre Tochter und ich einander nicht vorgestellt wurden... Aber ein Blick auf Ihre Tochter, und ich mußte sie kennenlernen, ich hatte gar keine andere Wahl."

„Als nachts heimlich in meinen Garten zu schleichen?" Valjean runzelte die Stirn. „Ein solches Vorgehen spricht nicht für Ihre Absichten."

„Meine Absichten sind durch und durch ehrbar." Marius Pontmercy versuchte, sich sehr gerade zu halten, scheiterte jedoch daran aufgrund seiner übergroßen Nervosität.

Javert nutzte diesen Moment, um den Salon zu betreten. Er war jetzt nicht in Uniform, er wirkte wie ein Bürger, der nicht allzu wohlhabend war, sich aber auch keine Gedanken um die nächste Mahlzeit zu machen brauchte. „So, wie dies Ihre Absichten waren, als Sie sich entschlossen, keine Schüsse abzugeben im Haus Gorbeau, als M. Fauchelevent in Gefahr war?" fragte er scharf.

Marius schluckte. „Tatsächlich waren meine Absichten ehrbar. Ich... hatte Grund, M. Jondrette dankbar zu sein. Diese Schuld verhinderte, daß ich die Schüsse abgab." Man konnte förmlich sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete, insbesondere schien er sich zu fragen, was der Polizeiinspektor im Hause seiner Angebeteten tat.

„Und damit brachten Sie beinahe einen unschuldigen Mann um." Javert war noch immer mehr als wütend. Seine Wut gründete in der Angst, was geschehen wäre, hätte Valjean nicht fliehen können. Wie hätte er ertragen können, damit zu leben? Wie hätte er eine solche Nachricht Cosette beibringen sollen?

„Ich bin zutiefst erleichtert, daß Ihnen nichts geschehen ist." Marius deutete eine Verneigung in Valjeans Richtung an.

„Was absolut nicht Ihnen zu verdanken ist", murmelte Javert.

Valjean mußte zugeben, daß ihm der junge Mann fast leid tat. Es war alles andere als ein Vergnügen, von Javert ins Kreuzverhör genommen zu werden. „Bevor M. Javert uns unterbrach, wollten Sie uns von Ihren Absichten unterrichten."

Marius war jetzt noch mehr durcheinander, als er es zuvor gewesen war. „Ich beabsichtige natürlich, um die Hand Ihrer Tochter anzuhalten, sobald mir dieses möglich ist."

„Und was hält Sie derzeit davon ab?"

„Ich, äh, ich muß meinen Großvater, M. Gillenormand, zunächst um Erlaubnis fragen." Die Antwort klang angemessen kleinlaut.

„Aha", machte Valjean. „Warum?"

„Ich verfüge derzeit noch nicht über die wirtschaftlichen Mittel, der Nachlaß meiner verstorbenen Mutter wird von meinem Großvater verwaltet. Ich benötige seine Zustimmung, um über den Nachlaß verfügen zu können."

„Sie sind also mittellos augenblicklich." Javert verschränkte seine Arme vor der Brust. Der Respekt, welcher ihn möglicherweise vor dem Titel des jungen Mannes beschlichen hatte, war verflogen; wahrscheinlich war es sowieso nur so ein napoleonischer Titel. „Kein Einkommen aus Ihrer Advokatentätigkeit." Es war mehr Feststellung als Frage.

„Nein, ich verdiene ein bißchen mit der Übersetzung von Büchern."

„Und ich nehme an, Sie möchten zukünftig mit Ihrer Familie in einem Zimmer im Haus Gorbeau wohnen?"

„Nein, nein, natürlich nicht. Ich bin nach dem Vorfall dort ausgezogen."

Valjean beugte sich nunmehr etwas interessierter vor. „Das heißt, Sie haben nun eine Wohnung?"

„N-nein, ich bin zu einem Freund gezogen."

Valjean atmete hörbar aus, der Ton ähnelte verdächtig einem Aufseufzen. „Und unter diesen Umständen erwarten Sie, daß ich Ihnen gestatte, meiner Tochter den Hof zu machen? Verstehen Sie mich richtig, Ihre finanzielle Lage allein würde mich nicht abhalten, ich bin kein armer Mann, meine Tochter ist versorgt. Aber bevor ich Ihnen die Erlaubnis gebe, müssen Sie Ihr Leben erst auf ein stabiles Fundament stellen. Regeln Sie erst Ihre persönliche Situation, dann sehen wir weiter."

„Wie üblich, viel zu nachsichtig", murmelte Javert fast unhörbar. „Ich bin nicht Mlle Fauchelevents Vater, aber ich sehe nicht, weswegen Sie von ihrem Erbe leben sollten oder ihren Einkünften. Sie sind ein gesunder junger Mann, also sehen Sie zu, daß Sie eine Einnahmequelle aus eigener Kraft schaffen." Für eine Sekunde mußte Javert daran denken, wie er seinem Bürgermeister vor einer gefühlten Ewigkeit erklärt hatte, daß er sich für keine Arbeit zu schade sei. Mein Gott, selbst Cosette hatte es geschafft, Einkünfte zu erzielen. Er hatte nie gefragt, was sie für ein Honorar erhielt, aber irgendetwas würde es schon sein. Da konnte man doch erwarten, daß ein junger Mann, studiert, und offenbar aus keinem schlechten Elternhaus, das auch hinbekam, selbst wenn er ein ausgemachter Idiot sein mochte.

Marius verneigte sich knapp. „Ich verstehe Ihre Besorgnis, ich werde selbstverständlich alles tun, was Sie verlangen, um ein akzeptabler Bewerber um die Hand von Mlle Fauchelevent werden zu können." Er verließ das Haus, so daß Cosette, die gerade diesen Augenblick wählte, um die Treppe herunterzukommen, nur noch sah, wie er die Tür hinter sich schloß.

Cosette stürmte in den Salon. „War das Marius?"

„M. Pontmercy", antwortete Valjean betont, „hat tatsächlich vorgesprochen. Wir mußten ihm erklären, daß er, bevor wir zu irgendetwas unsere Zustimmung geben werden, einiges entscheidenes ändern muß."

„Aber wieso habe ich dazu nichts zu sagen?" fragte Cosette vollkommen unerwartet. „Für mich reicht es aus, was er jetzt ist."

Die beiden Männer blickten sich für einen kurzen Moment irritiert an. Tatsächlich hatte keiner von beiden auch nur kurz darüber nachgedacht, was Cosette davon halten mochte. „Du weißt nicht, wovon du sprichst", begann Valjean sanft. „In Armut zu leben ist kein Spaß."

„Aber das würdest du doch auch niemals zulassen, Papa", erwiderte Cosette trocken.

„Nein, verhungern würdet ihr mit Sicherheit nicht." Es war manchmal tatsächlich faszinierend für Javert, mit welcher Logik das Mädchen argumentierte. „Doch ich kann mir nicht vorstellen, daß du einen Mann haben möchtest, der finanziell von dir abhängig ist und von dem lebt, was dein Vater euch gibt. Ich habe mich immer unwohl gefühlt, wenn ich kein Geld hatte, was ich selbst verdient habe."

Cosette blickte von einem zum anderen. „Heißt das, wenn er eigenes Geld verdient oder etwas ähnliches, kann er wiederkommen?"

„Sicher", antwortete Valjean, während Javert nur etwas unverständliches murmelte. Es würde noch einiges geschehen müssen, damit er seine Vorbehalte gegenüber einem Mann aufgab, der fast Valjeans Tod verursacht hätte.

XXX

Hätte man Valjean und Javert gefragt, was Marius Pontmercy am besten tun könne, um ein erwünschter Bewerber um Cosettes Hand zu sein, so wären sie sicherlich weder auf die Idee verfallen, daß der Junge ein ebenso unangenehmes wie fruchtloses Gespräch mit seinem Großvater führen sollte über dessen Erlaubnis ein Mädchen, von dem man in der Gesellschaft noch niemals gehört hatte, heiraten zu dürfen – erwartungsgemäß wurde diese Erlaubnis verweigert. Noch wären sie der Ansicht gewesen, daß eine stärkere Involvierung in revolutionäre Umtriebe einer studentischen Gruppe, deren Mitglied der Freund war, bei dem er nun wohnte, ihm in dieser Hinsicht weiter helfen würde. Doch Marius schien der Meinung zu sein, daß ihn letzteres zum einen ablenkte, zum anderen konnte doch eine neue Gesellschaftsordnung, an deren Errichtung er maßgeblich beteiligt sein würde, dazu führen, daß er schließlich in einer Position wäre, welche ihm erlaubte, sich Cosette wieder zu nähern mit dem Segen ihres Vaters und dieses Polizisten, der in welcher Weise auch immer ein Mitspracherecht zu haben schien. Marius vermutete, daß der Polizist nach dem Vorfall im Haus Gorbeau abgestellt worden war, das Opfer des Verbrechens vor weiteren Anschlägen zu schützen, womit er bewies, daß Javerts Einschätzung seiner geistigen Fähigkeiten nicht vollständig verkehrt sein mochte.

Cosette hingegen war in den nächsten Tagen fast zu beschäftigt, um pausenlos an den jungen Mann zu denken. Drei Tage nach Marius' Vorsprache wurde in der Rue Plumet ein Bündel mit Briefen abgegeben, adressiert an „M. Gardiner". Am folgenden Tag wurde ein kleiner Sack mit Briefen für den gleichen Empfänger von dem Magazin geschickt, denTag darauf ein größerer.

Valjean befürchtete zunächst, es handele sich um zahllose Liebesbriefe des jungen Pontmercy, bis er den Empfänger sah und Cosette ihn die Briefe bereitwillig lesen ließ. Die Briefschreiber hatten sich an M. Gardiner gewandt, um ihm mitzuteilen, wie aufregend sie seine Geschichte fanden, wie spannend die Handlung, und wie interessant die beiden Hauptfiguren. Sie bettelten geradezu um neue Fortsetzungen und darum, daß der Polizist den Dieb nicht verhaften dürfte.

Im Gegensatz zu Byron konnte Cosette allerdings nicht behaupten, sie sei aufgewacht und war berühmt, denn niemand in ganz Paris vermutete, daß es sich bei dem Autoren um ein sechzehnjähriges Mädchen handelte.

Der Herausgeber sah sich, da er mit Einladungen für seinen neuesten Stern am Autorenhimmel überschüttet wurde, nach einigen Tagen gezwungen, allgemein bekannt zu geben, daß M. Gardiner sehr zurückgezogen lebte und keinerlei öffentliche Auftritte wünschte.

Diese Entwicklung brachte Cosette davon ab, ihrem Vater und Javert dauerhaft böse zu sein. Sie war viel zu beschäftigt, all die vielen Briefe zu beantworten.

Javert beobachtete die Sache distanzierter. Tatsächlich war sein Kopf noch immer damit beschäftigt, sich zu fragen, was in Valjean vorgehen mochte, als er eines Abends zufällig mit dem mutmaßlich gefährlichsten, auf freiem Fuß befindlichen Kriminellen von Paris zusammenstieß.

Javert befand sich auf dem Weg nach Hause, es war spät, sogar so spät, daß es selbst um diese Jahreszeit schon schummrig wurde. Die Rue de Babylonne, von der ein verborgener Eingang in den Garten ihres Hauses führte, war eine schmale Straße, die auf beiden Seiten von Mauern begrenzt war.

Als der junge, sehr elegant gekleidete Mann erkannte, wem er da entgegen ging, schien er versucht zu sein, zunächst auszuweichen, stellte dann aber fest, daß er dies nicht konnte, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, und ging weiter. „Guten Abend, M. l'inspecteur", sagte der junge Mann und neigte den Kopf etwas.

„Dir gebe ich gleich ‚Guten Abend'", erwiderte Javert scharf. „Was treibst du dich in dieser Gegend herum, Montparnasse?"

„Ich bewundere die Umgebung."

„Sicher, um festzustellen, welches Haus sich lohnt auszurauben?"

„Aber was denken Sie denn von mir?"

„Nur das Schlechteste, und das ist noch viel zu gut."

„Jetzt bin ich getroffen."

„Und laß dir gesagt sein, du läßt die Finger von den Häusern hintern den Mauern, zufällig wohne ich nämlich auch da."

„Nettes Anwesen, in dem Sie das wohnen." Montparnasse betrachtete seine Finger. „Die junge Dame ist ganz nett, aber nicht so nach meinem Geschmack."

„Das will dich dir auch geraten haben..."

„Der dumme Thenardier hätte natürlich ahnen müssen, daß Sie auftauchen, wenn er versucht, jemanden als Geisel zu nehmen, mit dem Sie unter einem Dach leben", fuhr Montparnasse fort. „Der alte Wohltäter soll da ja eine tolle Nummer abgezogen haben mit einem Schürhaken und einem Sprung aus dem Fenster."

Javert verschränkte die Arme vor der Brust. „Woher weißt du kleine Ratte das eigentlich?"

„Man redet, vor allem, wenn man so eine kleine Schwäche hat wie ich für Thenardiers Töchterchen."

„Warum erzählst du mir das alles? Was versprichst du dir davon?"

„Abgesehen, daß Sie davon Abstand nehmen, mich zu verhaften..."

„Oh, gib mir nur einen einzigen kleinen Grund..."

„...Finde ich, Sie sollten den Wohltäter im Auge behalten. Der hat so einen Umgang, der kann nicht gut für ihn sein kann. Der Kerl, den er da aufsucht, der riecht nach gewaltigem Ärger. Mit dem würde ich mich nicht abgeben."

„Was für ein Kerl?" Irgendwie schaffte Javert es, weder Montparnasse am Kragen zu packen, noch Stütze an der nächstgelegenen Mauer zu suchen, obwohl ihm der Boden unter den Füßen zu schwanken schien.

„Der stinkt nach Bagno. Das ist kein Umgang für so einen netten älteren Herren, mit bewundernswerten Fähigkeiten und einem Polizeiinspektor als Mitbewohner." Montparnasse grinste. „Sollten Sie Bedarf an jemanden haben, der diesen Karl aus dem Weg schafft, wenden Sie sich nur vertrauensvoll an mich. Nachdem Sie ja meine kleine Organisation so dezimiert haben, bin ich immer auf der Suche nach Verdienstquellen."

„Du machst jetzt ganz schnell, daß du verschwindest, sonst nehme ich dein sinnlosen Gebrabbel für bare Münze und verhafte dich gleich hier und jetzt, verstanden?"

„Ich wollte nur helfen", verteidigte sich Montparnasse und setzte seinen Weg, wohin auch immer, fort.

Javert tastete jetzt endlich nach der Mauer, um Halt zu finden. Einer der meistgefürchteten Verbrecher der Stadt hatte ihm gerade seine Dienste angeboten, damit er jemanden, nein, nicht irgendjemanden, aber einen Mann, den Montparnasse für Javerts Rivalen zu halten schien, beseitigte? Wie kam der junge Kriminelle auf diesen Gedanken? War es in der Unterwelt bekannt, daß er und Valjean zusammen lebten? Und von wem hatte Montparnasse gesprochen? Ein alter Bekannte aus dem Bagno? Der Mann, von dem Valjean erzählt hatte, daß er sich im ersten Jahr in Toulon dessen Schutz anvertraut hatte?

Javert biß sich auf die Lippe. Es hieß doch, da man den ersten Mann im Leben nicht vergaß. Er würde Valjean sicherlich niemals vergessen können, aber wie war es umgekehrt? Es hatte vor ihm jemanden in Valjeans Leben gegeben, in Toulon. Wenn dieser Mann nun aufgetaucht war? Konnte er mit diesem Mann, Valjeans erstem, konkurrieren?

Natürlich mußte sich Valjean diesem Mann zugehörig fühlen. Javert hatte nie genauer nachgefragt, Toulon war noch immer ein heikles Thema zwischen ihnen, aber es erklärte alles. Die geistige Abwesenheit, die Zeiten, in denen Valjean nicht zuhause war und keine Erklärungen dafür gab...

Damals, in London, war Javerts Welt zusammengebrochen, als er glaubte, Valjean wolle ihn nicht wirklich. Jetzt jedoch, nach fast acht gemeinsamen Jahren, konnte man das nicht einfach ignorieren und schicksalsergeben darauf warten, daß der Schlag kam, diesmal würde Javert kämpfen.

AN: Montparnasse macht hier doch tatsächlich einen Sparafucile (Saltabadil bei Hugo), der Mann entwickelt jedes Mal, wenn ich ihn schreibe, ein beängstigendes Eigenleben...