07. Kapitel – Des Schönen Beherrschung

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Alles, was scheinbar so leicht daherkommt, ist in Wirklichkeit das Schwerste
Wolfgang J. Reus
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Die Sonne ging gerade auf und begann, den Nebel, der sich über Nacht über die Landschaft der Schottischen Highlands gelegt hatte, zu vertreiben. Es sah gespenstisch aus, und zugleich unglaublich beruhigend. Langsam verschwanden die Schatten der Nacht und die Nebelschwaden lösten sich sehr schnell auf. Die ersten Vögel nahmen ihre Lieder vom Vortag auf. Gelegentlich war ein Rascheln zu hören. Aber ansonsten war es vollkommen ruhig in der Gegend. Die Bäume und Blumen, so schien es, reckten sich der Sonne entgegen. Die ersten Tiere streckten ihre Näschen aus den Höhlen oder von den Bäumen. Ein Hase begann vorwitzig auf eine Lichtung zu springen und die Sonnenstrahlen zu jagen.

Ein Fisch lies sich derweil munter im Wasser treiben und sprang nur gelegentlich aus dem kühlen Nass. Er wollte bis kurz vor den Wasserfall schwimmen und dann wieder umdrehen. Vielleicht kam er diesmal noch näher als gestern? Seine Verwandten würden staunen, wenn er ihnen davon berichten würde.

Schon oft war Alexander, der kleine Fisch, diese Strecke geschwommen. Von dem Schlafplatz seiner Gruppe bis hin zu dem großen Wasserfall war es nicht weit. Er liebte es, sich in das salzige Wasser zu stürzen und die Wellen zu beobachten. Er wartete auf eine ganz bestimmte Welle. Er wartete auf eine, die ihn immer höher treiben würde und die ihm ein unbeschreibliches Gefühl geben würde. Er wartete auf die perfekte Welle. Diese perfekte Welle würde ihn so nah wie möglich an den Wasserfall bringen. Lange würde er auf ihr schwimmen können und pure Erfüllung finden. Das wusste er. Woher? Er wusste es einfach. Sein Traum war es schon immer gewesen, einmal in seinem Leben die perfekte Welle zu erwischen.

Kurz vor dem reißenden Wasserfall würde er die Welle verlassen und im Schutz von großen Steinen wieder zu neuen Kräften kommen, um dann die Rückkehr zu seinem Schwarm anzutreten.

Sein Schwarm hielt ihn für verrückt, weil er fest daran glaubte, seinen Traum wahr machen zu können. Nach den Ansichten seiner Verwandten war es ein gefährliches Unterfangen. Sollte er es nicht schaffen und in die Fänge des Wasserfalls geraten, dann würde er vermutlich sterben. Das war sogar ziemlich sicher. Sie verstanden nicht, dass Alexander dieses Risiko in Kauf nahm, nur um ein einziges Mal das Gefühl der Perfektion, seines Traumes, empfinden zu können.

Schon oft war der kleine Fisch auf verschiedenen Wellen in die Richtung des Wasserfalles gesurft. Doch bislang hatte er sich bis maximal einen Meter in die Nähe vorgewagt. Alles andere wäre Wahnsinn gewesen. Er wusste, mit der einen, der perfekten Welle, könnte er es schaffen. Das machte diese Welle so besonders.

Er ließ sich ein wenig im Wasser treiben und sah sich immer und immer wieder um. Schließlich, obwohl es im Wasser ‚still' war, spürte er, dass heute der Tag gekommen war. Die Welle war im Anmarsch, seine Welle. Der Augenblick, den er sich immer erträumt hatte, war zum Greifen nahe.

Alexander brachte sich in Position. Noch fünf Meter, noch vier. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen. Jetzt würde er nicht schlapp machen. Wer weiß, ob diese Chance jemals wieder kommen würde. Noch drei Meter. Er begann zu schwimmen. Noch zwei Meter. Alexander spürte die wachsende Erregung der Vorfreude durch seinen Körper fluten. Noch einen Meter. Er holte aus und sprang direkt auf die Welle. Sie war es. Sie war da. Er war glücklich. Es hatte sich gelohnt für seinen Traum zu kämpfen. Endlich würde er seiner Familie sagen können, dass es nicht vergeblich wäre auf seine Träume zu hoffen.

Der Wasserfall näherte sich. Den letzten Meter würde er in der Luft verbringen. Er wollte erneut springen und einmal in seinem Leben fliegen. So frei sein, wie die Vögel, die er schon so oft beobachtet hatte. Dann würde er ein paar Zentimeter vor dem Wasserfall eintauchen und sich mit einem letzten Zug vor einen Stein retten…

Gleich war es Zeit zu springen. Gleich würde er die absolute Freiheit empfinden. Alexander holte tief Luft und sprang aus dem Wasser… direkt in die Hand eines heruntergekommenen Mannes. Dieser lachte auf, als er sah, was er gefangen hatte. „Wunderbar, das reicht bis morgen Abend", knurrte er und kämpfte sich durch das Wasser zurück zum Ufer. Dort ging mit seiner Beute zurück zu der Stelle, die ihm seit drei Jahren Schutz bot.

Der Mann hatte nicht das Bedürfnis irgendwas zu ändern. Seine Haare waren lang und strubbelig, sein Bart ungepflegt und eben so lang, wie ein Bart war, wenn er drei Jahre lang nicht gepflegt wurde. Mit einem lässigen Schwenker seines Zauberstabs entfachte Severus Snape ein kleines Feuer, um den Fisch zu braten.

ooOoo

Zur gleichen Zeit erwachten die Bewohner von Hogwarts. Noch war wenig Betrieb, da die Schüler erst am folgenden Tag erwartet wurden. Dieser ‚Tag der Ruhe' sollte den Lehrern die Möglichkeit geben, letzte Vorbereitungen zu treffen und sich mental auf ein weiteres Schuljahr einzustellen.

Lucius Malfoy sah aus, als hätte er die Nacht sehr wenig Schlaf gefunden. Schatten lagen unter seinen Augen, und er sprach kein Wort als er die Große Halle betrat, um zu frühstücken. Hermine registrierte es, nickte ihm kurz zu und setzte dann die Unterhaltung mit Minerva und Poppy fort. Beide Frauen sahen reichlich verkatert aus und Hermine glaubte, sie wirke auch nicht gerade wie das blühende Leben.

Nach der zweiten Tasse Kaffee konnte sie schon klarer denken und begann, die Umgebung interessiert zu betrachten. Sie sah unauffällig zu Hogwarts' Geschichtslehrer hinüber. Sie wusste nicht was, aber irgendetwas an ihm war anders. Die Haare waren noch immer genauso lang wie vorher und auch genauso blond. Die Kleidung makellos, natürlich schwarz wie immer, die Finger perfekt manikürt. Sie grinste in sich hinein. Er war der einzige Mann, den sie kannte, der sich um seine Fingernägel kümmerte. Aber es wirkte bei ihm nicht falsch, im Gegenteil. Es gehörte zu ihm, wie Severus Snape zu Zaubertränke. Sie riss sich zusammen und zwang sich, nicht schon wieder an ihren gefürchteten Ex-Lehrer zu denken. Dennoch ertappte sie sich, wie ihre Gedanken immer und immer wieder zu ihm schweiften, und sie sich fragte, was aus ihm geworden war.

Lucius hatte ihren Blick gespürt, aber nicht drauf reagiert. Seine Gedanken wanderten unweigerlich zurück zum Spiegel. Er stöhnte innerlich auf. 'Was hab ich nur getan"' - 'Das, worüber du schon die ganze Zeit nachgedacht hast.' Der Blonde erstarrte. Er hatte die Stimme in seinem Kopf ganz deutlich gehört, und auch sofort erkannt. Seit Jahren sprach er schon mit dem Spiegel wie mit einer Art Tagebuch, aber noch nie war 'es' in seine Gedanken eingedrungen.

'Bis gestern konnte ich auch nicht in deinen Gedanken mit dir sprechen, doch du bist einen Pakt mit mir eingegangen, mein Junge.' - ‚Nein, das bin ich nicht', antwortete Lucius in Gedanken. 'Oh doch, das bist du, ansonsten könntest du mich jetzt nicht hören.' Die Stimme klang regelrecht vergnügt. 'Aber sei unbesorgt, ich könnte dir helfen.'

Lucius ergriff sich eine Scheibe Toast und trank vom Kürbissaft. Nach außen war er beherrscht und ließ sich nichts von dem inneren Dialog anmerken. Jedem Neuankömmling lächelte er freundlich zu. Er schien nicht zu registrieren, dass die anderen Lehrer ihm mit Misstrauen begegneten und ihn somit zum Außenseiter machten.

'Hör zu, warum verschwindest du nicht einfach aus meinem Kopf und ich sehe davon ab, dich den Wassermenschen zum Fraß vorzuwerfen?' Lucius fand diesen Handel wahrlich gut. 'Ich bitte dich.' Sein Alter Ego klang entnervt. 'Du kennst die Spielregeln. Du hast einen Pakt mit mir geschlossen. Wir beide sind magisch miteinander verbunden. Also, sei ein braver Junge.' Der Mann schnaubte. 'Sei ein braver Junge und geh rüber zu Mrs. Weasley. Die junge Frau hatte wahrlich keine angenehme Nacht.' - 'Woher weißt du das?'

Glaubst du ich habe die Lust den ganzen Tag in deinem Spiegel herumzuhängen und zu warten, dass du wieder mit mir redest? Ich verlasse den Spiegel und schlendere durch die Portraits. Du glaubst nicht, was ich da alles mitbekomme. Miss Weasley hat ein Bild einer sehr netten Dame im Zimmer. Diese Dame scheint auf unseren Charme wie ein Magnet zu reagieren.' - 'Seit wann können Spiegel ihren Rahmen verlassen?' - 'Lucius, es mag dir vielleicht nicht aufgefallen sein, dass die Menschen um dich herum ihre langen Holzstäbe nicht zum Rückenkratzen benutzen. Hast du schon einmal was von Magie gehört?'Das Messer, das sich eben noch neben dem Teller befand, steckte nun im Holztisch. Irritiert guckten die anderen Lehrer zu ihm rüber, doch er lächelte nur freundlich und begann, sich ein neues Toast zu schmieren.

'Und was glaubst du passiert, wenn Hermine dich ganz überraschend in einem Bild in ihrem Zimmer wieder sieht?' - 'Davon abgesehen, dass Her-mi-ne', sein Alter Ego zog den Namen ganz ekelhaft in die Länge, 'daran gewöhnt ist, dass die Portraits gelegentlich ihre Standorte wechseln, würde sie mich nicht erkennen. Ich ändere natürlich vorher das Aussehen.' - 'Na, Merlin sei Dank.' - 'Merlin?' Sein Es kicherte übermütig.

'Zurück zum Geschäft. Durch deinen unüberlegten Zauberspruch gestern sind wir beide nun mehr miteinander verbunden, als Meister Bazil das ursprünglich vor gehabt hatte.' - 'Was weißt du schon von Meister Bazil?' Ein Schmerz durchzog Lucius als er an seinen verstorbenen Paten dachte. 'Er ist mein Schöpfer… Nun, ich sagte, ich kann dir bei Her-mi-ne helfen. Durch den Zauber besitze ich nun etwas, das unglaublich wertvoll ist, und was es mir ermöglicht, eigenständig zu denken.' Die Stimme verstummte. Lucius wollte nicht über das Gesagte nachdenken, er versuchte sich mit aller Macht auf sein Toast zu konzentrieren, doch immer wieder schweiften seine Gedanken zu dem, was ihm die Stimme offenbart hat.

'Komm schon, mein gefallener Engel, denk nach.' Das Toastbrot fiel auf den Teller, als Lucius das Ausmaß begriff. 'Ich sehe, der Dunkle Lord hat dir deinen Verstand nicht rausgeflucht.' Die Stimme klang äußerst zufrieden. 'Und nun ist es an der Zeit zu Her-mi-ne zu gehen. Komm, mein schöner Engel.'