Kapitel 7: Weit weg und ganz nah
IT'S UNCONTROLLABLE AND I JUST CAN'T HELP IT
WHEN I TRY TO LEAVE AND I'M RIGHT BACK AT IT
IT'S SO UNCONTROLLABLE AND I JUST CAN'T HIDE
WHEN I TRY TO LEAVE IT KEEPS ON PUSHING ME
IT'S UNCONTROLLABLE
(Adrienne Bailon – Uncontrollable)
Nie zuvor hatte sie Weihnachten ohne ihre Eltern verbracht. Es war ungewohnt für Hermine sich nun bei Snape aufzuhalten, doch es war nicht annähernd so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Natürlich war er kein besonders festlicher Mensch, er legte nicht viel Wert auf das Drumherum, doch er gab sich redlich Mühe ihr eine angenehme Gesellschaft zu sein und mehr konnte sie sich kaum von ihm erhoffen. Sie selbst versuchte sich ihm so wenig wie möglich aufzudrängen und ihm gleichzeitig etwas zurück zu geben. Auch wenn er oft sehr schwierig war ihr gegenüber, so hatte er doch schon in mehreren Situationen wahres Einfühlungsvermögen bewiesen. Über die Nacht in seinem Bett verloren sie beide kein einziges Wort, doch immer wieder wanderten ihre Gedanken hin zu dem Gefühl, vollständig in ihn eingehüllt zu sein und seine Nähe, seinen Geruch, seine Wärme zu spüren. Sein beschleunigter Herzschlag, die zärtliche Berührung an ihrer Stirn, all das zeichnete sich so deutlich in ihrer Vorstellung ab als würde es erneut geschehen. Sie hatte keinen Anfall dieser Art mehr erlitten, erst, als sie zurück in Hogwarts war. Als der Alltag sie einhüllte, als sie sich einsam fühlte und als der Schmerz in ihrem Inneren den Höhepunkt erreichte. Doch hier wusste sie, dass sie sich nicht zu ihm kämpfen konnte, dass er ihr nicht helfen konnte, und so versuchte sie es mit Hilfe ihrer Erinnerungen durch die Nacht zu schaffen.
Im Nachhinein war die Zeit mit ihm viel zu schnell vergangen und sie sehnte sich zurück nach Spinners End, wo sie mit ihm allein gewesen war. Sie waren sich so nah gewesen, doch jetzt, wo sie wieder seine Schülerin und er ihr Lehrer war, waren sie so weit voneinander entfernt. Es war ihr vorher klar gewesen, dass er sie nun wieder behandeln würde wie zuvor, ganz so, als sei nie etwas geschehen. Ebenso wie Snape auch damals am Bahnhof plötzlich verschwunden gewesen war und Hermine sich fragen musste, ob sie sich das alles nur eingebildet hatte oder ob es wirklich passiert war. Natürlich freute sie sich wie verrückt, als sie Harry und auch Ron endlich in ihre Arme schloss. Das Goldene Trio war wieder vereint und wenn sie Ron jetzt so ansah, sah sie in ihm wie zuvor einen ihrer beiden besten Freunde. Ihre Gefühle für ihn waren wie weggewischt und sie war unsagbar froh darüber. Doch ebenso wie die Freude darüber, herrschte in ihr eine unerklärliche Traurigkeit, die sie nicht benennen konnte. Sie begleitete sie den ganzen Weg nach Hogwarts und selbst noch Tage nach ihrer Ankunft hatte sie sie völlig im Griff. Es wurde schlimmer, als Hermine zum ersten Mal nach den Ereignissen in den Ferien in Snapes Unterricht saß und er sie nicht nur behandelte wie zuvor, sondern ebenso unausstehlich zu ihr war wie zu jedem anderen auch, wenn nicht sogar schlimmer. Wieder verhöhnte er sie für ihren Wissensdurst, ignorierte es wenn sie die Antwort auf seine Fragen wusste und zog gewohnt über sie her. Sie verstummte und zog sich in ihre Gedankenwelt zurück, in der die Trauer noch umso präsenter war.
Um auf andere Gedanken zu kommen und vor dem Rest der Welt ihre Ruhe zu haben, zog sie sich auf den Astronomieturm zurück. Hier oben erhoffte Hermine sich einen gewissen Abstand zu ihren Gefühlen, doch je länger sie darüber nachdachte und versuchte eine Antwort zu finden, desto weniger wollte sie sie wahrhaben. Es ließ sich nicht länger verleugnen, doch was sollte sie damit anfangen? Sie wusste, dass es keine Zukunft hatte. Er war ihr Lehrer und ganz gleich wie einfühlsam er sich ihr gegenüber vielleicht verhalten hatte, er würde sich nie auf eine Schülerin einlassen. Hinzu kam, dass er fast doppelt so alt war wie sie selbst, was ihr nichts ausmachte, doch sie konnte sich vorstellen, dass er sie schlicht noch als Kind sah. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er sie wirklich ernst nahm, immerhin hatte er ihr das im letzten Unterricht nur allzu eindrucksvoll bewiesen. Und auch wenn sie beide Mitglieder des Ordens waren, so wandelte er doch immer noch als Doppelspion zwischen den Welten, immer in Gefahr sein Leben zu verlieren. Verzweifelt vergrub sie das Gesicht in den angezogenen Knien. Es ließ sich nicht leugnen, zwischen ihnen lagen so viele Dinge, die es unmöglich machten. Es war gegen jede Vernunft die Gefühle zuzulassen, die sie nicht mehr in Ruhe ließen, doch dabei fielen ihr ihre eigenen Worte wieder ein. Wann waren Gefühle je vernünftig?
Sobald der Schulalltag wieder einkehrte, fiel Severus wieder zurück in seine alte Rolle. Es war sogar essentiell wichtig, dass man die Veränderung in seinem Inneren nicht sah und so hatte die Vernunft über die Gefühle gesiegt. Dennoch waren sie nach wie vor da, tief verschlossen, unsichtbar vor anderen, doch er spürte sie. Sobald Hermine in seiner Nähe war, ob sie nun in der Großen Halle bei ihren Freunden saß oder aber auch in seinem Unterricht die schlaue Schülerin gab, zerrten diese Gefühle erbarmungslos an ihm. Doch er schluckte sie hinunter, drängte sie zurück, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Und so war Snape wie er immer schon war. Unausstehlich, verbittert, verachtend, gehasst.
Der Professor würde sich selbst nichts vormachen, wusste er doch, dass seine Gefühle unerwidert blieben. Es gab keine Zukunft, für ihn schon lange nicht, aber mit der jungen Schülerin gab es nicht einmal die Aussicht darauf, ihr noch einmal näher zu kommen. Er würde seinen Weg nicht aus den Augen verlieren und die Wichtigkeit dessen wurde ihm vor allem in letzter Zeit besonders deutlich vor Augen geführt. Die Todesser gewannen mehr und mehr an Macht, der dunkle Lord brachte eine Unbarmherzigkeit ans Licht, wie schon lange nicht mehr und die Versammlungen häuften sich. So würde er nicht hoffen können, auf ein besseres Leben. War es ihm doch vorherbestimmt, die Rolle des einsamen Todessers zu spielen.
So zog sich auch Severus des Öfteren auf den Astronomieturm zurück, um all seinen Sorgen und Problemen zu entfliehen. Er konnte es kaum noch ertragen, Hermine so nah zu sein und doch so fern. Mit der Gewissheit, ihre Liebe niemals zu haben. Oh Merlin, welcher Narr war er doch nur! Was hatte er sich auch eingebildet, was sie in ihm sehen könnte? Welchem Hirngespinst war er da nur nachgegangen, um mit Hilfe von Vielsafttrank wenigstens ihre Nähe zu bekommen? Doch das lag hinter ihm, er hatte sich vorgenommen sie ziehen zu lassen, sie frei zu lassen. Doch sein Herz war darüber anderer Meinung.
Er stand gerade am Gelände des Astronomieturms gelehnt, den Blick in die Ferne gerichtet, hinaus in die Dunkelheit der Nacht. Ein kalter Wind durchwehte sein schwarzes Haar, während der Mond und die Sterne die Schwärze der Nacht durchbrachen. Er streckte die Arme zur Seite aus, zog tief die Luft ein, um für den Moment diesem trügerischen Gefühl von Freiheit nachzugeben. Doch plötzlich hörte er Schritte. Jemand kam die lange Wendeltreppe des Astronomieturms hinauf auf die Plattform. Ehe Hermine erschien war Snape plötzlich verschwunden.
Im Schatten der Dunkelheit beobachtete er, wie sich Hermine auf den kalten Boden der Plattform saß und die Knie an ihren Körper zog. Sie schien tief in Gedanken, als sie ihr Gesicht schließlich in ihren angezogenen Knien vergrub. Seine Hand wanderte in die Innentasche seines Umhanges, als er schließlich inne hielt. Eine Phiole Vielsafttrank steckte immer noch darin verborgen…
Als Ginny Weasley auf leisen Sohlen die Wendeltreppe hinauf getreten war, blickte Hermine nicht auf. Die Stimme der Rothaarigen wirkte immer noch fremd, als Severus schließlich zu sprechen begann.
„Was ist los, Hermine?" Langsam trat sie an das am Boden kauernde Mädchen und legte einen Arm um sie. „Egal was es ist, du weißt doch; du kannst mit mir über alles sprechen! Ich seh' doch, irgendetwas bekümmert dich. Was ist los?"
Schritte näherten sich ihr leise, doch sie nahm sie nicht wahr. Hermine war zu sehr in Gedanken versunken, als dass sie auf ihre Umgebung geachtet hätte, auch wenn das sehr unklug war um diese Uhrzeit. Egal wer sie hier oben erwischen würde, das gäbe Ärger. Ärger, den sie jetzt am allerwenigsten gebrauchen konnte. Es war schwer genug mit dem Chaos in ihr fertig zu werden, auch ohne, dass man ihr das Leben zusätzlich schwer machte. Als jedoch plötzlich neben ihr eine Stimme ertönte, schrak sie zusammen. Mit aufgerissenen Augen starrte sie Ginny an, doch als sie realisierte, wen sie vor sich hatte, entspannte sie sich augenblicklich. Die Dunkelhaarige atmete tief durch, um ihre Nerven zu beruhigen, bevor sie sich wieder in die Position zurückgleiten ließ, in der sie zuvor verharrt hatte. Wärmend legte sich schließlich der Arm ihrer besten Freundin um sie und fast augenblicklich legte sie ihren Kopf auf deren Schulter. „Was ist los, Hermine? Egal was es ist, du weißt doch; du kannst mit mir über alles sprechen! Ich seh doch, irgendetwas bekümmert dich. Was ist los?" Oh Merlin, wie sollte sie ihr das nur jemals erzählen? Natürlich stimmte es, was Ginny sagte, sie vertraute ihr wie kaum einem anderen Menschen und konnte über alles mit ihr sprechen, selbst über Dinge, über die sie mit Harry oder Ron nicht sprechen konnte. Doch das war etwas anderes, immerhin ging es nicht einfach um irgendeinen Jungen, in den sie sich verliebt hatte. Die Probleme, die zwischen Hermine und Snape standen, waren weitaus größer. Außerdem wusste sie, dass er ihre Gefühle niemals erwidern würde, was brachte es da jemandem davon zu erzählen?
Hermine schwieg eine ganze Weile, bevor sie die Entscheidung traf und den Mut fand, Ginny alles zu erzählen. Die größte Angst, die ihr blieb war, dass ihre beste Freundin sie nicht verstehen würde, dass sie sie auslachte und ihr zu verstehen gab, dass ihre Gefühle nur ein Hirngespinst waren. Doch das Vertrauen zu der Rothaarigen, das Vertrauen, dass sie sich in ihrer Freundschaft nicht irrte, wusste, dass sie nicht so darauf reagieren würde. Sie würde Verständnis zeigen, ganz gleich ob sie es verstand oder nicht. „Ich weiß nicht, ob die anderen es dir erzählt haben, aber...", begann sie schließlich, richtete sich auf und blickte in die ferne Dunkelheit, „ich habe die Ferien bei Snape verbracht, nachdem er mich gerettet hatte. Es war merkwürdig anfangs, ich konnte einfach nicht herausfinden, warum er sich mir gegenüber so verhalten hat. Auch schon vorher, in der Schule. Er ist so widersprüchlich, ich weiß nie woran ich bei ihm bin. Einerseits gibt er mir das Gefühl er verachtet mich zutiefst und dann fühle ich mich andererseits bei ihm so geborgen, dass es mir das Herz bricht." Verzweifelt fand ihre Hand den Weg zu ihrer Stirn, doch Hermine wendete Ginny nicht den Blick zu. Sie konnte nicht. „Nach den Angriffen der Todesser hatte ich... magische Nebenwirkungen..." Ihre Stimme geriet ins Stocken und man merkte ihr deutlich an, wie sehr sie mit sich kämpfte, doch die Rothaarige hörte schweigend zu. „Der Schmerz war unerträglich und ich wusste nicht was ich tun sollte, also... also bin ich zu ihm gegangen. Es war mitten in der Nacht, doch er hat sich um mich gekümmert. Er... alles was er tun musste war mich in den Arm zu nehmen und der Schmerz ließ nach. Ich lag die ganze Nacht in seinem Bett, in seiner Umarmung. Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht warum, aber die Nähe zu ihm hat alles verändert."
Langsam ließ sie die Hand wieder sinken und schlang sie erneut um ihre angezogenen Knie. Mit jedem Wort fiel es Hermine schwerer weiterzuerzählen, denn sie konnte sich Ginnys Gesicht bereits vorstellen. Sie war sicherlich entsetzt, dass Snape als ihr Lehrer es gewagt hatte, die Nacht mit einer Schülerin im selben Bett zu verbringen, doch noch immer schwieg die Rothaarige eisern. Ihr Schweigen ließ Hermine die Zeit, um sich zu sammeln und die Kraft zu finden, weiter zu erzählen. „Natürlich hat er mir befohlen nie ein Wort darüber zu verlieren. Ich habe ihn nicht darauf angesprochen, trotzdem war er wieder wie vorher, abweisend, eiskalt, verachtend. Bei dem Gedanken daran die ganzen Ferien mit ihm allein zu verbringen, obwohl er mich so ablehnte, konnte ich nicht anders als zu gehen. Er hat mich gefunden und ganz entgegen jeder Erwartung war er nicht wütend. Naja, vermutlich war er wütend, doch er hat es mir nicht gezeigt... Er hat mich sogar nach St. Mungos gebracht, damit ich meine Eltern sehen konnte. Die Zeit bei ihm war so schön, dass es weh tut darüber nachzudenken. Wir waren uns so nah und jetzt, hier, sind wir so weit voneinander entfernt." Seufzend ließ sie ihren Kopf gegen die Wand hinter sich sinken und blickte hinauf zu den funkelnden Sternen, die sich nur zu deutlich gegen den dunklen Himmel abzeichneten. „Ich bin nichts weiter als eine nervige, erbärmliche Schülerin für ihn. Es ist, als hätte ich mir das alles nur eingebildet, als wäre das alles nie passiert." Tränen glitzerten in ihren Augen, als Hermine Ginny schließlich ansah und die Verzweiflung in ihr ihren Höhepunkt erreichte. „Ginny, ich... ich habe mich verliebt. Ich habe mich in Severus Snape verliebt."
Stille breitete sich eine ganze Weile zwischen ihnen aus, ehe Hermine leise zu erzählen begann. Anders als er erwartet, sprach sie über ihn. Sie erzählte, wie sie zusammen Zeit mit Severus verbracht hatte, von seiner Rettung vor den Todessern und dem Aufenthalt in Spinners. Dann kam sie auf die Nacht zu sprechen, die sie zusammen eng umschlungen in seinem Bett verbracht hatten. Severus blieb das Herz stehen, doch Hermine fuhr unbarmherzig fort. Sie erzählte davon, wie er sie gefunden hatte und wie sie die Ferien zusammen verbracht hatten. Snapes Blick war starr geradeaus gerichtet, er blickte sie nicht an, sondern war wie fest gefroren, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen.
„Ich bin nichts weiter als eine nervige, erbärmliche Schülerin für ihn. Es ist, als hätte ich mir das alles nur eingebildet, als wäre das alles nie passiert."
Sein Verstand versuchte eine Erklärung zu finden, versuchte den einen Gedanken wegzuschieben, wie ein giftiges Insekt zu vertreiben. Doch wie Puzzleteile fand der Gedanke wieder zu ihm. Und dann sprach sie es plötzlich aus und es gab keinen Zweifel mehr daran.
„Ginny, ich... ich habe mich verliebt. Ich habe mich in Severus Snape verliebt."
Er spürte ihren Blick auf ihm, sah jedoch nicht die Tränen darin. Er schluckte schwer, während seine Gedanken und Gefühle durcheinander stoben. Sein Blick dagegen war in die Nacht hinaus gerichtet, doch er sah nichts mehr, spürte nur noch das dumpfe Hämmern seines Herzes in seiner Brust. Wie von der Tarantel gestochen sprang er augenblicklich auf, um taumelnd ein paar Schritte zurück zu gehen. Und er sah sie immer noch nicht.
„Was hast du...?" Völlig schockiert wich Severus zurück, als hätte er sich an ihr verbrannt. In seinem Gesichtsausdruck war Unverständnis geschrieben. War er verrückt geworden?
„Ich... ich... warte hier. Ich... komme gleich wieder!"
ER musste hier weg! Und so rannte er los, ohne zurück zu blicken. Er nahm einen Schluck des Gegenmittels des Vielsafttrankes und lief weiter. Sein Umhang bauschte sich hinter ihm auf, während Snape durch die unzähligen Gänge Hogwarts eilte. Es war später Abend, nur wenige Schüler hielten sich auf den Gängen auf. Doch fassungslos sahen sie dem Professor hinterher, als er an ihnen vorbei lief. Welche Laus ist dem nur über die Leber gelaufen?
Snape lief weiter, immer weiter und weiter. Er wollte fliehen, vor all seinen Gefühlen, mit denen er nicht umzugehen wusste. Bis er plötzlich in der Eingangshalle zum Stehen kam.
„Miss Weasley... auf ein Wort!" Fast brutal zog er die junge Gryffindor in eine Ecke, ehe er sich mit einem Obliviate Zugang zu ihren Gedanken verschaffte. Dann wandte er sich um und lief weiter...
Als an diesem Abend Ginny Weasley zum zweiten Mal die Plattform des Astronomieturms betrat, umspielte ein ehrliches Lächeln ihre Züge. Snape hatte dafür gesorgt, dass ihr eine Erinnerung zuteil geworden war, die nicht ihre eigene war. Und doch glaubte sie, sie hätte all das selbst erfahren. „Tut mir leid, Hermine..." Die Freundin kam näher und setzte sich zu der anderen. „Ich war erschrocken, weißt du. Aber das ist doch in Ordnung, jeder hatte das doch schon mal. Du wirst nur lernen müssen, dass das mit Snape nichts wird. Es tut weh, aber irgendwann wird es besser, ganz bestimmt."
Behutsam spielte der Wind mit ihren Haaren und eine ihrer Strähnen kitzelte ihre Wange, während sich eine ihrer Tränen brach und über ihre Wange rann. Es war Hermines von Ginny abgewandte Wange, so dass diese es noch immer nicht sehen konnte, doch die Dunkelhaarige hatte nur Augen für das Entsetzen auf dem Gesicht ihrer besten Freundin. Der Ausdruck brannte sich unbarmherzig in ihre Seele und ihr Körper fühlte sich taub an, als sie schließlich auch noch vor ihr flüchtete. Sie hatte sich geirrt. Ginny war nicht verständnisvoll, sondern sie erkannte wie schrecklich es war, was Hermine ihr gestanden hatte. Wie sinnlos und wie falsch ihre Gefühle waren, doch was sollte sie dagegen tun? Verzweifelt verbarg sie das Gesicht in ihren Händen und ihre Gedanken überschlugen sich regelrecht bei dem Gedanken, was sie nur tun sollte. Sie hatte von Anfang an gewusst, dass das was sie für ihn empfand keine Aussichten hatte, doch nun fühlte sie sich so damit allein gelassen. So verletzt, dass sie sich wünschte, sie hätte es Ginny nicht erzählt.
Als sie diesmal die Schritte vernahm, die sich ihr näherten, rührte sie sich nicht. Sie spürte wie die Rothaarige sich neben sie setzte, doch sie ertrug es nicht sie anzusehen. „Tut mir leid, Hermine... Ich war erschrocken, weißt du. Aber das ist doch in Ordnung, jeder hatte das doch schon mal. Du wirst nur lernen müssen, dass das mit Snape nichts wird. Es tut weh, aber irgendwann wird es besser, ganz bestimmt." Erschrocken? Hermine hatte eine Ahnung wie sich das anfühlte, schließlich hatte sie nicht um diese Gefühle gebeten und doch fühlte sie sich von ihrer besten Freundin im Stich gelassen. Auch ihre Worte waren ihr kein Trost, auch wenn ihr bewusst war, dass ihr nichts je helfen oder sie trösten konnte. Hermine wusste, dass Ginny Recht hatte. Doch es tat zu weh, es war zu viel, die Gefühle einfach zu ignorieren. Ohne ein Wort erhob sie sich schließlich, blickte erst eine Weile in die gähnende Dunkelheit der Ländereien, bevor sie sich umwandte. „Entschuldige mich, ich wäre jetzt gern allein."
Ohne sich noch einmal zu ihrer besten Freundin umzudrehen verließ sie den Astronomieturm und suchte sich einen Weg durch die Schule ins Freie. Es war nicht leicht unsichtbar zu sein, doch Hermine schaffte es unbehelligt nach draußen zu treten und schlug ohne zu zögern den Weg in Richtung See ein. Es war stockdunkel und sie verwendete aus Angst gesehen zu werden absichtlich nicht ihren Zauberstab, obwohl es schwierig war den Weg erkennen zu können. Sie war ihn schon so oft entlang gegangen, dass sie schließlich unbeschadet auf einem der Stege ankam und sich darauf niederließ, die Knie an den Körper gezogen, die Arme darum geschlungen und versuchte ihren Verstand zu leeren. Das leise Plätschern des schwarzen Wassers bettete sie in eine angenehme Geräuschkulisse, in der sie verharrte bis der Morgen graute.
Bevor jemand sie vermissen würde hatte Hermine sich auf den Weg zurück zum Schloss gemacht und sich ohne Umweg sofort unter eine der heißen Duschen gestellt. Das Wasser spülte die Kälte von ihrem zierlichen Körper, als sie an der Wand hinab zu Boden glitt und wie zuvor in Gedanken versunken ins Leere starrte. Sie fühlte sich wie eine Hülle, als sie die Dusche verließ, in den Schlafsaal ging und sich anzog. Als sie sich fertig machte und in die Große Halle ging. Als sie frühstückte und dann wie alle anderen in ihren Unterricht ging. Es war ihr entfallen, dass sie an diesem Tag unter anderem Verteidigung gegen die Dunklen Künste hatte und so zerbrach ihre Unaufmerksamkeit, als sie sich in Snapes Klassenzimmer wiederfand. Es war als würde sie sich kaum daran erinnern, wie sie überhaupt hier her gekommen war, so abwesend war sie den ganzen Tag über gewesen. Doch als sie ihn schließlich erblickte, fühlte es sich an als hätte sie jemand geschlagen und mit einem Mal war sie hellwach.
Ihre Gefühle zurückdrängend versuchte Hermine mit aller Macht sich nur auf den Unterricht zu konzentrieren, doch die Kontrolle entzog sich ihr mit unbarmherziger Gewalt und jedes Mal, wenn sie Snape ansah, lachte ihr die Ablehnung ins Gesicht. Es war wie eine Mauer, die sich vor ihr aufbaute und sie sah nicht ihn vor sich, sondern das was sie glaubte, was er ihr entgegnen würde, wenn er von ihren Gefühlen wüsste. Stattdessen jedoch war es ihr Lehrer, der ihr jedes Mal unwirsche Bemerkungen an den Kopf warf, die die junge Schülerin anfangs überhaupt nicht wahrnahm. Erst als Snape sich direkt vor Hermines Pult aufbaute, blinzelte sie und sah ihn selbst vor sich, der sie wütend anstarrte. „Sind Sie sich heute zu gut, um auf meine Fragen zu antworten, Miss Granger?" Seine Stimme troff vor Zynismus, doch in seinen Augen loderte die gefährliche Herausforderung, die sie schon unzählige Male gesehen hatte. Er wollte sie provozieren. Und es wirkte. Sie war viel zu aufgewühlt, als dass sie seine Spiele nun ertragen konnte.
„Sind es nicht für gewöhnlich Sie, der meine Antworten ignoriert?", erwiderte sie wie aus dem Zauberstab geschossen und funkelte ihn an. Hermine spürte wie Harry und Ron neben ihr den Atem anhielten, doch sie hatte nur Augen für Snape. „Fünf Punkte Abzug von Gryffindor." Seine Stimme eiskalt, sein Blick undurchdringlich, doch sie ließ sich von seiner Fassade nicht ablenken. Mit welchem Recht zog er ihr nun Hauspunkte ab? „Können Sie Ehrlichkeit nicht ertragen, Sir?" Nun war es die gesamte Klasse, die den Atem anhielt und auch Snape sah aus, als würde er nach Luft schnappen. „Zehn Punkte Abzug von Gryffindor." Am liebsten hätte sie ihm sein arrogantes Grinsen aus dem Gesicht geschlagen, doch sie hielt sich zurück. Ihre Worte jedoch ließen sich nicht mehr aufhalten. Wie eine Furie fuhr Hermine hoch, in ihrem Ausdruck nichts als verletzte Wut. „Ist das alles, was Ihnen einfällt? Mir Punkte abzuziehen weil ich Ihnen widerspreche? Fahren Sie zur Hölle, Snape." Ein Raunen ging durch das Klassenzimmer und Hermine konnte sehen, wie Snape noch blasser wurde als er es ohnehin schon war, doch es kümmerte sie nicht. Sie ergriff ihr Buch und ihre Tasche, wandte sich um und schritt ohne sich noch einmal umzudrehen nach draußen.
Taumelnd hatte er auf dem Sofa vor dem Kamin Platz genommen und hatte zur Flasche Feuerwhiskey gegriffen. In Snape hämmerte es wie wild, es ließ sich einfach nicht beruhigen. Seine Gefühle wussten nicht wohin und er war heillos mit dieser Situation überfordert. Er konnte nicht mehr leugnen, er konnte es nicht. Doch richtig glauben konnte er es auch nicht. Warum wäre Granger nur so dumm anzunehmen, er wäre ein geeigneter Mann für eine Beziehung? Er wusste nichts von Liebe, wusste nicht damit umzugehen. Die, die er jemals geliebt hatte, hatte er von sich gestoßen und so hatte er Angst, Angst vor der Liebe und diesem Gefühl, dass er nicht einzuordnen wusste. Noch nie hatte er sich so außerstande gefühlt, etwas zu tun. Es war Nervosität und Panik, die ihn schließlich zum Trinken animierte. Die goldene Flüssigkeit des Whiskeys brannte seine Kehle hinunter, während er immer wieder anhob und nach und nach die Flasche Feuerwhiskey leerte. Starr, den Blick in die Flammen gerichtet, konnte er trotzdem nicht vergessen, was gerade eben vorgefallen war. Doch irgendwann übermannte ihn schließlich die Müdigkeit.
Obwohl Severus ein Frühaufsteher war, verpasste er an diesem Morgen das Frühstück. Er, der immer alles unter Kontrolle hielt, hatte tatsächlich verschlafen. Ihm schmerzten die Glieder, als er sich aus dem Sofa schälte und sich benommen aufrappelte. Schließlich fand er den Weg ins Bad, um sich für den bevorstehenden Schulalltag vorzubereiten.
Irgendwie schaffte er es durch den Tag, ohne durch das Chaos in seinem Kopf zu Grunde zu gehen. Doch seine Laune war schließlich am Tiefpunkt angekommen, als der Unterricht mit den Sechstklässlern bevorstand. Er würde sie wiedersehen und Panik breitete sich in ihm aus. Was wenn er nicht im Stande war, sich ihr normal gegenüber zu verhalten? Er durfte sich nichts anmerken lassen, dem Doppelspion war es noch nie so schwer gefallen wie jetzt, das Schauspiel aufrecht zu erhalten.
Mit flauem Gefühl im Magen ließ er die Klassenzimmertür aufschwenken und trat mit weiten Schritten ein. Er wirkte kalt, unnahbar und unberechenbar wie eh und je. Doch in seinem Kopf regierte die pure Angst vor ihrer Begegnung. Und dann saß sie da, völlig teilnahmslos. Sie reagierte nicht auf seinen Lehrvortrag, sie scherte sich einen feuchten Dreck darum, wie er sie durchdringend ansah. Und nicht einmal seine bösartigen, verbalen Angriffe auf sie konnten sie beeindrucken. Es war, als wäre er plötzlich für sie gestorben.
Doch irgendwann schaffte es der Professor doch, sie reagierte. Aber wie.
„Sind es nicht für gewöhnlich Sie, der meine Antworten ignoriert? Können Sie Ehrlichkeit nicht ertragen, Sir?"
Er kochte. Noch nie war ihm jemand so offensichtlich entgegengetreten. Noch nie hatte es ein Schüler gewagt mit ihm so umzuspringen! Glaubte sie etwa nur weil er sie liebte könnte sie sich alles erlauben? Dass sie dies gar nicht wissen konnte, bedachte Severus in diesem Moment gar nicht mehr. Stattdessen kochte er nur vor blanker Wut. Die Angst und Panik vor ihr und ihrer Reaktion hatte sich schlagartig in Zorn gewandelt. Doch all das kindische Punkteabziehen half schon lange nichts mehr.
„Ist das alles, was Ihnen einfällt? Mir Punkte abzuziehen weil ich Ihnen widerspreche? Fahren Sie zur Hölle, Snape."
Snape würde lügen, wenn er behaupten würde, es würde ihn nicht tief in der Seele verletzen. Hatte er doch tatsächlich geglaubt, sie würde ihn mögen. Er hatte ihren Worten geglaubt, den Worten, die sie an ihre beste Freundin gerichtet hatte. Doch sie musste ihn hassen…
Alle Augenpaare der anwesenden Schüler waren wie gebannt auf ihn gerichtet. Spannung lag in der Luft, niemand traute sich nur einen Laut von sich zu geben. Stille, so als hätten alle den Atem angehalten.
„Der Unterricht ist hiermit beendet!" Snapes harsche Worten durchbrachen die Stille gewaltsam hart, ehe er nach seinem Zauberstab griff und in Windeseile, mit wehendem Umhang das Klassenzimmer verließ, um ihr hinterher zu jagen.
Es scherte sich nicht darum, dass Schüler das Szenario mitbekommen würde und welche Konsequenzen das für ihn oder für Hermine nach sich ziehen würde. Stattdessen eilte er mit weiten Schritten und nach vorne gerichtetem Zauberstab den Gang entlang.
„BLEIBEN SIE STEHEN, GRANGER!" Seine dunkle Stimme durchhallte den langen Gang, während sich seine Schritte sich beschleunigten. Er bog um eine Ecke, als er zu ihr stieß und bedrohlich seinen Zauberstab auf sie richtete. „Sie folgen mir jetzt auf der Stelle in das nächstbeste, leerstehende Klassenzimmer. Sie entziehen sich nicht meinem Befehl, sonst bin ich gezwungen…" Anstatt mit Worten auf sie weiter einzureden, zog er sie gewaltvoll in den nächsten Raum und drückte sie brutal hinein. Die Tür fiel scheppernd ins Schloss, ehe er sich vor ihr in ganzer Größe aufbaute. „WAS VERDAMMT IST IN SIE GEFAHREN!", schrie er ungehalten, während er sie mit seinen Blicken taxierte. „Sie haben verdammt nochmal nicht das Recht... was glauben Sie wer Sie sind! Glauben Sie tatsächlich, nur weil ich... ich... Sie... Glauben Sie ja nicht, ich würde Sie anders behandeln nur weil ich..." Er spürte, wie ihm dieses neue Gefühl die Kehle zuschnürte und es ihn unfähig machte, es auszusprechen.
„Halten Sie sich gefälligst aus meinem Leben raus, Sie verdammte Göre!"
Wut wallte durch ihren Körper, als sie den Gang entlang schritt. Hermine verlor selten so die Beherrschung, doch Snape hatte es nicht anders gewollt. Er hatte sie provoziert, in einem Moment, in dem sie ohnehin vollkommen überfordert gewesen war. Ihre Gefühle spielten in seiner Gegenwart verrückt und ließen sich nicht mehr kontrollieren, egal wie sehr sie sich dagegen zu wehren versuchte. In Gedanken war sie längst in ihrer eigenen Welt, als ein Schrei sie zurückhielt. „BLEIBEN SIE STEHEN, GRANGER!" Er machte ihr keine Angst mehr, nicht mehr. Hermine drehte sich um und blickte Snape entgegen, der mit erhobenem Zauberstab auf sie zu kam. War das also seine Lösung? Sie widersetzte sich ihm und sobald er mit Punktabzug nicht mehr weiterkam, war alles was ihm einfiel Gewalt einzusetzen?
Die Dunkelhaarige rührte sich nicht und hob schlicht das Kinn, doch sie griff nicht nach ihrem eigenen Zauberstab. Wenn er sie angriff würde sie ihm nicht die Genugtuung zugestehen, dass sie sich wehrte. „Sie folgen mir jetzt auf der Stelle in das nächstbeste, leerstehende Klassenzimmer. Sie entziehen sich nicht meinem Befehl, sonst bin ich gezwungen…" Bei seinen Worten wandelte der Ausdruck in ihrem Gesicht sich plötzlich zu eisiger, gefährlicher Wut, und es war nun an ihr ihn zu provozieren. „Sonst was?", herrschte sie furchtlos zurück. „Wollen Sie mir einen Fluch auf den Hals hetzen, weil Ihr kindischer Punktabzug nicht funktioniert hat? Nur zu." Hermine breitete einladend die Arme aus, doch statt ihrer Aufforderung nach zu kommen, packte Snape sie grob und zerrte sie in ein nahegelegenes Klassenzimmer. Stolpernd kam sie zum Stehen und als die Tür lautstark ins Schloss fiel, richtete sie sich auf und wendete sich ihm zu. Er hatte sich bedrohlich vor ihr aufgebaut, doch auch diesmal war keine Angst in ihr.
„WAS VERDAMMT IST IN SIE GEFAHREN! Sie haben verdammt nochmal nicht das Recht... was glauben Sie wer Sie sind! Glauben Sie tatsächlich nur weil ich... ich... Sie... Glauben Sie ja nicht, ich würde Sie anders behandeln nur weil ich... Halten Sie sich gefälligst aus meinem Leben raus, Sie verdammte Göre!" Eiskalte Berechnung wallte in Hermine hoch, als sie Snape dabei zusah wie er vor ihr wütete. Hatte er etwa Bedenken sie zu bestrafen, weil er sie gerettet hatte? Weil sie die Ferien bei ihm verbracht hatte? Das Gefühl von Geborgenheit mischte sich ohne Vorwarnung plötzlich in ihr Bewusstsein und augenblicklich hielt sie inne. Bilder tauchten vor ihrem inneren Auge auf, Bilder von einer Nacht, die in den Schatten der Dunkelheit verborgen lagen. Er hatte sich über sie gebeugt und ihre Hände suchten an seiner Brust nach Halt. Ihr Atem brach sich auf seiner baren Haut, als er sie ohne zu zögern hochhob und zu seinem Bett trug wo er sie ablegte, doch bevor er sich ihr entziehen konnte, klammerte sie sich an ihn. Er umhüllte sie und der Schmerz in ihrem Inneren ebbte ab, während sie in seinen Armen lag.
Die Bilder dieser Nacht mischten sich mit den Bildern aus dem Haus am Grimmauldplatz, wo sie gemeinsam am Klavier gesessen und gespielt hatten. "Ich weiß es nicht, Granger." Seine Worte hallten durch ihr Bewusstsein, als sie zusammen auf die Straße traten und Schnee auf sie herabfiel. Die Berührung an ihrer Hand schickte einen Schauer durch ihren ganzen Körper, als er sie ergriff und mit ihr verschwand, um sie zu ihren Eltern zu bringen. Alle Erinnerungen schlugen auf sie ein und der Schmerz durchzog sie, als würde sie alles erneut durchleben. Die Gefühle für ihn zerrissen ihr das Herz, als sie so nah vor ihm stand und sie doch so weit voneinander entfernt waren, doch in diesem Augenblick begriff sie es. Seine Worte, sein Verhalten, all das griff endlich ineinander und enthüllte ein Bild, das sie nicht glauben konnte.
Mit großen Augen starrte sie ihn an, wie er mit noch immer erhobenem Zauberstab vor ihr stand, blanke Wut in seinem Ausdruck, doch da war noch etwas anderes. Etwas, das sie bisher nicht wahrgenommen hatte, ganz als sei sie die ganze Zeit über blind gewesen und könnte nun endlich sehen, was direkt vor ihr war. Doch es war sinnlos, es war als wäre es nur eine Illusion, so lange er es nicht aussprach. Zögernd, vorsichtig, kam sie näher und umgriff seinen Zauberstab mit ihrer Hand. Es war nicht die Angst vor ihm, davor, dass er sie angriff, sondern vielmehr vor dem, was in seinen Gefühlen verborgen lag. „Nur weil Sie mich was...?"
Oh, wie hasste er es die Kontrolle zu verlieren! Die Wut auf dieses Mädchen und seine Gefühle, die er einfach nicht zurückdrängen konnte war unerträglich. Sie hatte ihn provoziert, sich ihm widersetzt und ihn als ihren Lehrer beleidigt! Nichts rechtfertigte ihr Verhalten und doch, was ihm am meisten Angst machte war, dass er sie nicht mehr verletzen konnte. Der Ausdruck in ihren Augen hatte etwas Gefestigtes, Unerschütterliches angenommen. Sie würde nicht mehr klein beigeben, sie würde nicht vor Schreck zusammenzucken. Sie blieb ihm gegenüber standhaft und selbst sein bedrohlich auf sie gerichteter Zauberstab konnte Hermine nichts mehr anhaben. Unerschrocken sah sie ihn nur an und wäre er nicht so wütend gewesen, hätte er die Erkenntnis darin gelesen. Plötzlich kam sie langsam auf ihn zu. Doch nicht wie ein scheues Reh, sondern aufrecht erhaben, wie eine Königin, die ihm die Stirn bot. Vorsichtig umgriff sie seinen Zauberstab und drückte ihn hinunter. Ihr Blick durchdringend auf ihn gerichtet, versuchte sie zu lesen, was in ihm vorging.
„Nur weil Sie mich was...?"
Ihre leisen Worte nur ein Flüstern. Sie erwartete eine Antwort, doch er konnte nicht. Er erstarrte entsetzt, über seine eigenen Worte und dass er sich verraten hatte. Panisch riss er die Augen auf und starrte sie nur voller Entsetzen an. Das durfte nicht sein, sie durfte es nicht wissen... es wäre ohnehin nicht möglich, selbst wenn sie... er würde sie letztendlich nur verletzen.
Für einen Moment schien die Zeit stehen geblieben zu sein, während er sie nur stumm ansah, unfähig eine Antwort zu formulieren. Noch immer hielt er den Zauberstab umgriffen, während ihre Hand ebenso um das dunkle Holz lag. Plötzlich begann der Zauberstab zu glühen und als Snape seine Aufmerksamkeit auf seine Hand lenkte, bemerkte er wie dieser Funken sprühte. Irgendeine uralte Magie war entfacht, die niemand zu erklären wusste. Severus runzelte die Stirn. Er hatte schon einmal davon gehört, dass Zauberstäbe auf starke Gefühle ihrer Träger reagieren konnten, doch was hatte es zu bedeuten? Vielleicht wollte der Zauberstab ihm ein Zeichen geben. Es waren schließlich Gefühle, die niemand bekämpfen konnte, welche Zauberei auch dagegen ankämpfte. Liebe besiegte alle Grenzen und Mauern, sagt man. Vielleicht sollte er einfach darauf vertrauen und seinem Herzen folgen. Dumpf fiel der Zauberstab zu Boden und als er wieder aufsah und Hermines Blick fand, sah er es plötzlich vor seinem inneren Auge. Wie oft war er schon weggelaufen, wie oft hatte er Menschen von sich gestoßen, nur weil er so feige war. Was war das nur für ein Leben. Aus Angst zu viel Nähe zuzulassen, hatte er sie nur immer von sich gestoßen. Doch er konnte nicht, er konnte es ihr nicht sagen.
Und plötzlich zog Severus sie fordernd an sich. Wie ein Süchtiger drückte er gewaltvoll seine Lippen auf die ihren, um sie zu schmecken, um sie zu riechen und alles um sich herum zu vergessen. Für diesen einen Augenblick würde er leben und die Angst, die Panik die ihm immer wieder die Kehle zuschnürte hinter sich lassen. Es war nicht mehr entscheidend, dass sie eine seiner Schülerinnen war, es war unwichtig geworden, dass er ihr nicht gut tat und sie etwas Besseres als ihn verdient hatte. Denn für diesen Moment würde er sich einfach nehmen, was sein Herz begehrte. Er zog sie fest in seine Umarmung und schlang gierig seine Arme um sie. Für diesen Moment würden all die Zweifel weichen müssen. Er würde sich nicht mehr verstecken. Und so würde sie ihn sehen, in seiner ganzen Aufrichtigkeit und Verletzlichkeit. Und sie sah ihn…
Entsetzen lag in seinem Blick. Kein Entsetzen vor ihr, sondern vor der Erkenntnis, dass sie es wusste und er sich nicht länger verstecken konnte. Nicht hinter seiner eiskalten Fassade, nicht hinter seinen verletzenden Worten. Hermine verharrte still, blickte Snape nur schweigend an und wartete auf seine Reaktion, als plötzlich sein Zauberstab unter ihren Händen zu glühen begann. Der innige Blickkontakt riss ab und beide blickten nach unten, irritiert, was sich vor ihren Augen abspielte. Die junge Schülerin wusste nicht viel über Zauberstäbe, zwar hatte sie einmal ein Buch darüber gelesen, doch es war nicht sonderlich aufschlussreich gewesen, immerhin war die Zauberstablehre etwas sehr komplexes. Es begann damit, dass der Zauberstab den Zauberer aussuchte und es schien ganz so, als reagierte er dabei auf Gefühle.
Auch jetzt, hier, war die einzige Erklärung, dass es Snape war, der diese Reaktion ausgelöst hatte und als er Hermines Blick fand, konnte sie es in seinen Augen sehen. Die Erkenntnis, dass Gefühle zwar nicht vernünftig waren, doch ebenso wenig waren sie falsch. Ihr Herz raste gegen ihre Brust als sie ihn auf sich zukommen sah und augenblicklich fand sie sich in seinen Armen wieder, während seine Lippen auf die ihren trafen. Panik brach erbarmungslos in ihr aus und ihre Augen weiteten sich in stiller Fassungslosigkeit, als er sie so fordernd vereinnahmte. Das Bewusstsein, dass er tatsächlich Gefühle für sie hegte, drängte nur langsam in ihren Verstand. Nur langsam schloss sie die Augen und ihre Hände suchten sich ihren Weg in seinen Nacken, während er sie fast schon brutal an sich drückte, ihrer beider Kuss voll verzweifelter Leidenschaft, die zwischen ihnen explodierte. Hermines Verstand versagte und auch Snape schien zum ersten Mal in seinem Leben nicht mehr nachzudenken. Alles was zählte, waren sie beide, hier und jetzt, und der Kuss zwischen ihnen.
Seine Haare waren weich unter ihren Fingern, als sie mit ihrer Hand hindurch fuhr und dort verharrte. Niemals hätte Hermine geglaubt, dass Snape sich ihr je so öffnen würde, so aufrichtig und verletzlich, doch sie nahm alles was er ihr gab, saugte es auf wie ein Schwamm, während die Gefühle in ihr sich kaum mehr beruhigen konnten. Er umschlang sie fester, drückte ihren Körper an den seinen und sie konnte jede Faser, jeden Muskel in ihm spüren, wie er sich gegen sie schmiegte. Ein Schauer fuhr über ihren Rücken und alle Empfindsamkeit in ihr reagierte auf seine Berührungen, seine Nähe, seinen Geruch. Er war wie eine Droge, seine berauschende Wirkung hielt ihr ganzes Sein umfangen und alles was sie wollte, war nur noch mehr von ihm. Als sie sich schließlich schwer atmend voneinander lösten, lagen ihre Blicke innig ineinander verschlungen und Verlangen lag darin.
Ihr Verstand war wie vernebelt, sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, so sehr nahm er sie ein. Doch plötzlich traf es Hermine wie ein Blitzschlag, sie hatte zwar Snapes Unterricht verlassen, doch das hieß nicht, dass sie nicht noch weitere Stunden abzuleisten hatte. Professor McGonagall war nicht begeistert, wenn man zu spät kam, selbst wenn es sich dabei um ihre Lieblings- und Gryffindors Vertrauensschülerin handelte. Seiner Anziehungskraft zu widerstehen fiel ihr allerdings weitaus schwerer, als sie angenommen hatte. Sie hatte von der verbotenen Frucht gekostet und war nun hoffnungslos der Sucht verfallen. Doch als ihr plötzlich eine Idee kam, lächelte sie ihn an und strich mit der Hand zärtlich über seine Wange. „Ich werde heute Nacht in der Bibliothek sein." Mit diesen Worten ging sie an ihm vorbei und verließ das Klassenzimmer in dem Bewusstsein, nie wieder genug von ihm bekommen zu können.
Anmerkung: Na endlich! :D Was sagt ihr dazu? Hat es euch gefallen?
